Karl Barths Rede zum Volkstrauertag 1954: „Wir sind die Entronnenen, ‚wir sind noch einmal davongekommen'“.

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Kranzniederlegung am Volkstrauertag 1964 in Bonn (Bundesarchiv, B 145 Bild-F019313-0033 / Steiner, Egon / CC-BY-SA 3.0)

Als Karl Barth 1954 von der hessischen Landesregierung  eingeladen worden war, im Rahmen eines Staatsaktes eine Rede zum Volkstrauertag zu halten, war dies eine politische Ansage. Da zeigt sich Barth durchaus sensibel für das Kriegsleiden der deutschen Bevölkerung, benennt scharfsinnig den Nationalsozialismus und dessen Rückhalt in der Bevölkerung als Urheber des Krieges und der millionenfachen Vernichtung von Juden, um dann sich gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands zu wenden. Die Rede erwies sich als politischer Skandal, so dass die hessische Landesregierung sich nachträglich von ihr distanzierte:

Rede zum Volkstrauertag (1954)

Von Karl Barth

Zu Gedenken an die Opfer des Krieges und des Nationalsozialismus soll ich zu Ihnen reden. Wir Schweizer haben an diesen Ereignissen in etwas anderer Weise und Verantwortlichkeit teilgenommen als Sie. Es war aber doch kein Einsichtiger unter uns, der damals nicht wußte, daß es in dem ungeheuren Geschehen der Zeit, in ihren Verirrungen und Verwirrungen, in ihren Nöten und Bitternissen, in ihrem Schuldigwerden und Sühnen auch um die Schweiz und um ihn selbst ging. Wir kommen mit Ihnen von jenem Geschehen her und gehen mit Ihnen hinein in eine auf alle Fälle aufs Tiefste durch jene Geschichte bestimmte Zukunft. So kann es uns auch nicht fremd sein, jener Ereignisse und ihrer Opfer mit Ihnen zu gedenken. Und so konnte und wollte ich mich der mir übertragenen Aufgabe, hier ein Wort dazu zu sagen, nicht entziehen. Was sich dabei an eigentümlicher Sicht, Beurteilung und Schlußfolgerung bemerk­bar machen könnte, werden Sie freundlich in Kauf nehmen. Die Stimme der in der Schweiz herrschenden öffentlichen Meinung wird übrigens besonders das, auf was ich in dieser Rede hinaus möchte, nicht sein: Ich bitte also, gegebenenfalls nur mich persönlich damit zu bela­sten.

Es ging damals um den Krieg, den sogenannten Zweiten Weltkrieg. Wir wissen heute, daß jedenfalls seine Entfesselung das Werk des rätselhaften Mutwillens eines einzigen verhäng­nisvollen Menschen war. Er hätte ihn aber nicht entfesseln können ohne die unglücklichen Nachwirkungen eines 20 Jahre zuvor geschlossenen Friedens, der kein Friede war — nicht ohne die wohl überlegte und nur zu wirksame Ermutigung und Deckung, die er im Osten fand — nicht ohne den erstaunlichen Mangel an Durchblick und Voraussicht, Entschlossenheit und vorbeugender Tat, der ihm im Westen begegnete — und, vor allem, nicht ohne die Millionen von Hoch- und Niedrigstehenden, Klugen und Törichten im eigenen Lande, die ihm die Ver­fügung über Krieg und Frieden gegeben oder willig-unwillig überlassen hatten. Wer war damals — hier in Deutschland und in der übrigen Welt — in dem Sinn unschuldig, daß er ein echter und kräftiger Gegenspieler jenes Menschen gewesen wäre? Und so mußte denn dieser Krieg in Gang kommen und in [166] jener dramatischen Folge von Stille vor dem Sturm, gewaltigem Schlag und noch gewaltigerem Gegenschlag seinen Lauf und Auslauf nehmen. Er war in den Ausmaßen seiner räumlichen Ausdehnung, in der Größe der technischen Leistun­gen, an Wundern militärischer Kunst und Narrheit, an Offenbarungen menschlicher Moral und Unmoral, zu denen es in ihm kam, in der Erbarmungslosigkeit der gegenseitig geübten Härte, in der er geführt wurde, in der Summe menschlicher Leiden und materieller Zerstörun­gen, die er hinter sich gelassen hat — er war in dem allem und er war schließlich in der gänz­lichen Unfruchtbarkeit seines Ergebnisses keinem früheren Krieg vergleichbar.

Und es waren die Opfer dieses Krieges die Millionen von Streitern aller Völker — wieviel Unbekannte, von allen längst Vergessene, mögen unter ihnen sein! —, die damals in irgend­einer Ferne oder Nähe gern oder ungern, begeistert oder skeptisch, als gute, mittelmäßige oder schlechte Soldaten, wissend oder nicht wissend, was sie taten und litten — im Tode gibt es keine Elite! —, ihr einziges Leben für diesen Krieg einsetzten und verloren oder als Vermißte und Gefangene nicht wiederkehrten — oder aber als Krüppel, als Kranke oder anderswie ver­wüstete Menschen. Und zu denen, die in ihm geopfert wurden, gehören ja auch die Frauen, die Jungen und Jüngsten, die Alten, die von Tod und Verderben in diesem Krieg, anders als in früheren, weit hinter den Fronten in nicht geringerem Grauen ereilt worden sind. Wir sollten aber auch den furchtbaren letzten Abschluß dieses Krieges nicht vergessen: Ich denke an die Toten oder zu lebenslänglichem Siechtum Verurteilten von Hiroshima und Nagasaki. Opfer des Krieges waren und sind aber wahrscheinlich auch die, die unter allen diesen ihre Liebsten hergeben und dahingehen sehen mußten, betrauert haben und noch heute betrauern. Opfer die­ses Krieges wurden und sind auch die, die durch ihn heimatlos, besitzlos, geschichtslos, wur­zellos geworden sind. Und ist schließlich nicht auch an die Fülle bester Lebenszeit und Lebenskraft zu denken, die — anderer Zwecke würdig! — in diesem Krieg auch von denen vertan, geopfert werden mußte, auch für die nun unwiderbringlich dahin ist, die heil aus ihm hervorgingen?

Es ging aber auch um den Nationalsozialismus, von dem ja nicht nur das zu sagen ist, daß er nach dem Krieg gerufen, ihn in Bewegung gesetzt und bis zum bitteren Ende in Bewegung erhalten hat. Als Revolution hat er sich selbst von Anfang an bekannt und handgreiflich genug eingeführt. Nein, er war als solche nicht legitimiert: auch nicht durch das Schlimmste, was man als Erinnerung an die fatalen Folgen jenes früheren Friedens nennen könnte. Und er unterschied sich, wieder schon von seinem Anfang her, dadurch von allen anderen Revolutio­nen der neueren Weltgeschichte, daß er an der Stelle alles vorher geltenden Rechtes, aller [167] vorher hochgehaltenen Werte nicht ein neues Recht und neue Werte, sondern ein Vaku­um schuf, in welchem sich die Dynamik der Willkür jenes Einzigen und seiner Gesellen aus­leben wollte und ausgelebt hat. Er war die Revolution des Ungeistes, der Menschenverach­tung, des Nihilismus. Er mußte zum Kriege führen. Er hätte aber Deutschland und Europa in einen unvorstellbaren Abgrund gestürzt, auch wenn er sich ohne Krieg durchgesetzt hätte. Es geschah — ich kann nur die Tatsachen aneinanderreihen —, daß jene Dynamik der Willkür sofort zur Epidemie wurde, daß dem Einen und seinen Wenigen alsbald Tausende von kleinen Nihilisten als schlagfertige Kampftruppe zur Seite traten. Es geschah, daß nicht nur die soge­nannten Massen weich wurden, daß vielmehr auch das Gefüge des Staates, der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Armee, die Mächte der Kultur und leider weithin auch die des Glaubens dem Ausbruch des Chaos gegenüber nicht nur keine wirksame Widerstandskraft, sondern, aufs Ganze gesehen, eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an den Tag legten. Es geschah, daß so viele, nicht nur böswillige oder schlechte Menschen, und auch nicht nur solche, die um ihre Existenz und die ihrer Familien zitterten, sondern (das war es ja!) gerade so viele anstän­dige und wohlmeinende, auch intellektuell hochbegabte und hochgebildete Zeitgenossen den Ausbruch des Chaos nicht als solchen erkannten, ihm vielmehr mit allen möglichen plausiblen Gründen gute Seiten abzugewinnen, in ihm den Anbruch einer neuen besseren Welt zu ent­decken wußten. Es geschah (das war es ja!), daß da ein ganzes, fast unerschöpfliches Kapital von herzlichstem Hoffen und Vertrauen, von echter Begeisterung, von aufrichtig gutem Wil­len, von treuer, selbstloser Hingabe investiert wurde, ohne das der Nationalsozialismus auch mit den Mitteln seines Terrors niemals so groß und mächtig hätte werden können, wie er es geworden ist.

Ich rede nicht nur von Deutschland. Es geschah ja auch in der ganzen Umwelt, die Schweiz nicht ausgeschlossen, daß der Nationalsozialismus bei vielen durchaus nicht nur Furcht und Abscheu erweckte, sondern, je mehr seine Erfolge nach innen und außen ins Kolossale wuch­sen, positiv Eindruck machte und ernst genommen wurde. Man hat draußen auf die Alarmrufe der deutschen Emigranten nur mit halbem, mißtrauischem Ohr gehört. Man hat auch von der Existenz einer innerdeutschen Opposition und von der einer bekennenden Kirche in Deutsch­land nur beiläufig und zerstreut Kenntnis genommen. Man hat den Wölfen, wenn man nicht gerade mit ihnen heulte, mindestens höflich und interessiert zugelächelt. Wie hat sich die Welt an der Olympiade von 1936 Sand in die Augen streuen lassen! Gab es übrigens nicht eine Zeit, in der sich sogar Churchill in Worten milder Anerkennung über den deutschen Führer vernehmen ließ. Hat damals nicht auch der Vatikan sein Konkordat mit dem Hitlerstaat geschlossen? Und es geschah, daß es, [168] als dann hier wie draußen manche, viele zu erwa­chen, zu bereuen, sich zurückzunehmen begannen, auf das Resultat gesehen, zu spät war, weil alle die zuvor aktiv oder passiv geleisteten großen oder kleinen Beiträge zur Ermächtigung des Nationalsozialismus schon geleistet waren und ihre Wirkung schon getan hatten. Ich sage das alles, um festzustellen, daß die Schuld an seinem Aufstieg und Triumph eine sehr vielsei­tige, differenzierte und komplizierte war. Es haben nämlich später hier wie draußen viele, die durchaus nicht ohne Sünde waren, den ersten Stein nach irgendwelchen anderen werfen wol­len. Damit konnte und kann man aber dem Problem des Nationalsozialismus auf keinem Fall gerecht werden.

Und nun auch hier die Opfer. Suchen Sie es zu verstehen, wenn ich als Christ und Theologe die sechs Millionen europäischer Juden, denen der Nationalsozialismus das Leben gekostet hat, an erster Stelle nenne. Die Zahl ist gerade dreimal so groß wie die der im Krieg gefalle­nen Soldaten. Ich nenne aber diese getöteten Juden darum zuerst, weil die eigentliche Finster­nis der Sache, ihr Charakter als Auflehnung gegen die göttliche Ordnung, die die Vorausset­zung aller menschlichen Beziehungen, alles Friedens auf Erden ist, nirgends so deutlich wur­de wie in der nationalsozialistischen Todfeindschaft gegen das Volk der Offenbarung und des Bundes, das Volk des Alten Testamentes, das Volk, dessen Sohn und Herr Jesus Christus heißt. Unwissend wußten die Nationalsozialisten sehr wohl, was sie wollten, wenn sie gerade diese ausrotten wollten! Allen ihren anderen Unmenschlichkeiten war von hier aus freie Bahn gegeben. Es folgte der Opferung dieser Menschen das Quälen und Töten all der anderen: in den Gestapokellern und Konzentrationslagern, am 30. Juni 1934 und nach dem 20. Juli 1944 hier in Deutschland, im Kriege draußen in den besetzten Ländern, das ganze blutige Walten jener legalen und illegalen Justiz, die so oder so keine Justiz war noch sein konnte. Wie viele sind fast zufällig, kaum oder gar nicht wissend, wie ihnen geschah, unter diese Räder gekom­men! Zu den Opfern des Nationalsozialismus gehören ja, um nur ein großes Beispiel zu nen­nen, auch die Zehntausende von Schwachen und Kranken, die damals im Namen eines barba­rischen Begriffs von Volksgesundheit offen oder heimlich gemordet worden sind.

Aber da waren ja nun auch die anderen: die Männer und Frauen, die sich als aufrechte Patrio­ten oder aus Treue gegen irgendeine Überlieferung oder Überzeugung oder auch einfach der Stimme ihres wach gebliebenen oder wieder erwachten Gewissens folgend oder als Zeugen des christlichen Glaubens früher oder später zum Widerstand in Wort und Tat aufgerufen fan­den, die dementsprechend nicht nur gefühlt und gedacht, sondern eines Tages in irgendeinem Grad von Konsequenz, [169] Umsicht und Standfestigkeit, in irgendeinem Maß von Kraft und Schwachheit geredet und gehandelt haben und dafür leiden und sterben mußten. Man sollte auch, wenn man von ihnen redet, nicht nur an eine bestimmte Elite denken, sondern auch an die vielen Namenlosen, die auch widerstanden haben und fallen mußten. Und man sollte, ob es uns heute paßt oder nicht, nicht verschweigen, daß es da immerhin auch eine „Rote Kapel­le” gegeben hat: Kommunisten, die faktisch auch in diesem Kampf standen und auch als Op­fer des Nationalsozialismus gefallen sind. Welches Geistes Kinder diese alle auch waren und wie man auch von ihren besonderen Absichten und deren Ausführungen heute denken mag: Sie wollten damals nicht dabei sein bei dem, was die Nationalsozialisten wollten, sie wollten ihrem verderbten und verderblichen Regiment eine Grenze setzen, ein Ende machen. Sie wollten „die Stadt vom Tyrannen befreien”. Hätten sie Erfolg gehabt, so hätte das bedeuten können, daß ein ganz großes Maß weiterer menschlicher und auch materieller Opfer nicht mehr hätte gebracht werden müssen. Sie hatten keinen Erfolg. Und das lag nicht nur an ihnen, sondern doch auch daran, daß in Deutschland so wenige, bevor es etwa ungefährlich wurde, entschlossen und hilfreich neben sie treten wollten, und daß ihnen von außen so gar kein Ver­ständnis und keine sinnvolle Unterstützung zuteil wurde. Aber wie dem auch sei: sie sind tat­sächlich — und das muß uns genügen, um ihr Gedächtnis in besonderer Ehre zu halten — als Streiter an dieser Front gefallen.

Wir halten inne. Das waren jene Ereignisse und ihre Opfer. Was aber heißt das: ihrer geden­ken, wie es der Sinn dieser Feier ist, bei der doch offenbar gemeint sein muß, daß dieses Gedenken nicht nur Sache einer Feier sein, sondern uns auch sonst begleiten und bestimmen sollte?

Muß Gedenken nicht vor allem schlicht und einfach heißen: jene Ereignisse und ihre Opfer im Gedanken und vor Augen haben, sie nicht vergessen — nicht etwa vergessen wollen! — son­dern, koste es, was es wolle, mit ihnen leben?

Jene Ereignisse zuerst. Es dürfte doch wohl nicht angehen, mit einem „Strich drunter!” oder „Schwamm drüber!” damit fertig werden, darüber zu den Traktanden übergehen zu wollen, daß sich das alles unter uns zugetragen hat: in unserer Zeit, für deren Geschichte wir verant­wortlich sind, für deren Hinterlassenschaft die Nachfahren uns haftbar machen werden — vor unseren Augen und Ohren nicht nur, sondern nicht ohne aktive oder passive Mitwirkung eines jeden von uns, die in ihrer schlimmsten Form vielleicht gerade darin bestand, daß man sich an einem vorsichtigen Zuschauen und geistreichen Betrachten genügen ließ. Wir waren dabei, als die Völker des Abendlandes zu diesem unsinnigsten und schrecklichsten aller Kriege aufbra­chen. Wir waren auch unter denen, die ihn jedenfalls nicht verhindern [170] konnten. Und wir haben in ihm nicht nur mitgelitten, sondern — wir mochten beste Gründe dazu haben — in der einen oder anderen Weise auch mitgetan. Wir waren aber auch dabei, als es vorher zu jenem erschütternden Abstieg in den Nationalsozialismus kam: aus einer immerhin entwick­lungsfähigen Demokratie hinab in das Reich einer unkontrollierten Gewaltherrschaft, die in der deutschen Geschichte, so weit ich sehe, nur in dem vier Jahrhunderte zuvor in Münster aufgerichteten Königreich des Jan Bockelson aus Leiden eine Parallele hatte — aus der Welt einer immerhin leidlich bürgerlichen oder sozialistischen oder auch christlichen Moral hinab in die Auflösung aller Normen und Werte — aus einer vielleicht reichlich epigonenhaften, aber immerhin ernst gemeinten Nachfolge und Verehrung Luthers und Goethes hinab zum „Heil Hitler!”. Wir haben dieses ganze Absteigen vielleicht nicht gerne gesehen und in unse­rem Herzen auch nicht mitgemacht, im vertrauten Kreis wohl auch beklagt und verurteilt. Wir waren aber auch da dabei, haben uns daran gewöhnt und darauf eingerichtet, daß es stattfand. Wir haben faktisch auch das nicht verhindert. Wer aber bei solchem Geschehen wie dem des Krieges und des Nationalsozialismus dabei war, der konnte und kann heute nicht so tun, als ob er nicht dabei gewesen wäre. Wir können uns selbst nicht vergessen. Wir waren auch ge­stern, als wir bei jenen Ereignissen dabei waren, wir selbst; sollte es uns geboten sein, heute anders wir selbst zu sein als gestern, dann sollten wir nicht vergessen, was wir selbst gestern waren. Wer nämlich seine Vergangenheit nicht wahrhaben will, der sehe zu, daß sie nicht so, wie sie war und vielleicht schlimmer als so, in anderer Gestalt, aber wieder in Form eines Dabeiseins, seine neue Gegenwart werde!

Und es geht fast noch weniger an, die Opfer des Krieges und des Nationalsozialismus verges­sen zu wollen. Es ist wahr: Wir sind die Entronnenen, „wir sind noch einmal davongekom­men”. Das heißt aber nicht, daß wir auf den Gräbern jener Geopferten essen und trinken, philosophieren und politisieren und tanzen könnten, „als wäre nichts geschehen”. Sie waren, ob wir sie kannten und schätzten oder nicht, unsere Nächsten, unsere menschlichen Brüder und Schwestern. Sie waren ein Stück von uns und sind es noch. Sie sind in der damals auch von uns zu verantwortenden Sache gefallen. Und so haben sie uns allerlei zu fragen — die Opfer des Krieges: Für was sie nun eigentlich gefallen, umgekommen seien und irgendwo da draußen oder im tiefen Meer versenkt wurden oder verkrüppelt oder krank noch in unserer Mitte leiden? — die Opfer des Nationalsozialismus alle: Wo wir waren, als sie gemordet wur­den? Was wir dazu getan haben, daß es so weit nicht hätte kommen müssen? — und unter ihnen im besonderen die Opfer der Widerstandsbewegung: Ob es mit rechten Dingen zuging, als wir entrannen? [171] Warum wir nicht auch ihren Weg haben gehen müssen? Warum wir eigentlich nicht auch widerstanden haben? Sie selber sind in Gottes Hand, der nicht nur die Großen, sondern auch die Geringsten unter ihnen, ihre Meinung, ihr Wollen und Leiden ge­kannt hat und noch kennt, nicht vergessen hat noch vergessen wird. Aber eben darum wäre es schlechterdings unwürdig, wenn wir sie vergessen, ihren Fragen nicht standhalten wollten. Es wäre das auch unmöglich: Wir können ihnen nicht ausweichen.

Nun wird sich aber ein würdiges und fruchtbares Gedenken an jene Ereignisse und ihre Opfer auf eine nüchterne und ehrliche Kenntnis der Tatsachen begründen müssen. Sie sind beredt genug, wenn man sie als solche reden läßt. Man muß sie aber sehen wollen, damit sie reden können. Historische Wissenschaft kann uns, sofern sie ihrerseits unbefangen und unpathetisch zu Werke geht, bei solchem Sehen helfen. Es dürfte aber im Rahmen seiner Möglichkeiten und seines Gesichtskreises jeder, auch wenn er nicht Historiker ist, zu solchem Sehen fähig — und jedenfalls dazu verpflichtet sein, sehen zu wollen. Zu sehen: Nicht, wie er es sich träumt, daß es gewesen sein könnte! Nicht, wie er es sich wünscht, daß es gewesen wäre! Nicht, wie er an Hand von ein paar zufällig gewonnenen und willkürlich ausgewählten Beispielen nach­träglich diktieren möchte: so und so war es, weil es so und so gewesen sein muß! Nein, sehen, wie es damals in der großen durchgehenden Linie gewesen ist! Was wir im Rückblick auf jene Zeit, soll er sinnvoll sein, brauchen, ist Wahrheit, nicht die Schwarz-Weiß-Malerei der Visio­nen, Deutungen, Legenden, Doktrinen, Konstruktionen also, von denen ihr Geschehen heute schon wieder weithin vernebelt erscheint! Nicht die nachträglichen Verklärungen oder Ankla­gen, Rechtfertigungen oder Scherbengerichte, auf die es dabei — manchmal in guter, manch­mal in weniger guter Absicht — abgesehen ist! Nein: die Wahrheit! Kann insbesondere eine wirkliche Ehrung der Opfer des Krieges und des Nationalsozialismus anderswie anheben als damit, daß man die Konturen d. h. aber auch die Grenzen respektiert, in denen jene Menschen als Persönlichkeiten und als Kinder ihrer und unserer Zeit lebten, handelten, litten und star­ben, statt sie sofort als Exponenten irgendeiner Weltanschauung, Geschichtsphilosophie oder ethischer Metaphysik zu behandeln? Sie wollen überhaupt nicht, von uns behandelt sein: sie wollen mit uns reden. Monumente, auch die schönsten, haben noch nie geredet. Von Monu­menten haben wir auch keine Vermächtnisse zu erwarten.

Warum muß gerade das gesagt sein? Weil die Voraussetzung eines sinnvollen Gedenkens an jene Ereignisse und ihre Opfer heute, in unserer geschichtlichen Stunde heißt: Heraus aus allen schönen und weniger schönen Träumen! Heraus aus den [172] stagnierenden Wassern der Ideen, der Prinzipien, der allgemeinen Erwägungen, Behauptungen und Postulate über Gott, die Welt und den Menschen! Heraus aus den Weltanschauungen! Vergessen wir doch nicht: In der Welt eindrucksvoller Weltanschauungen lebten, vergnügten und ereiferten wir uns schon vor dem Anbruch des Nationalsozialismus und vor dem Ausbruch des Krieges, schon als alle ihre Opfer noch lebten. Geträumt wurde schon damals. An allerlei Tiefsinn und Höhenflug, an wohldurchdachten und gefühlsbetonten Grundsätzlichkeiten, an alten und neu­en Standpunkten und Systemen jeder Art hat es schon damals nicht gefehlt. Sie haben das auf­steigende Gewitter nicht aufgehalten: das Chaos des Nationalsozialismus nicht und den unsin­nigen Krieg auch nicht. Man kann sehr wohl der Meinung sein, daß sie ihn, indem sie die Menschen berauschten und lähmten, geradezu gerufen haben. Und das ist sicher: daß sie sie praktisch genährt haben. Wir denken nochmals an die vielen Menschen, die im Zug jener Zeit — nicht in schlechter, sondern in bester Absicht, in irgendeiner hohen oder höchsten An­schauung und Betrachtung dabei waren, ihm folgten und ihn verstärken zu sollen meinten. Was damals fehlte, das waren nicht irgendwelche noch höhere Anschauungen und Betrach­tungen, nicht eine noch umfangreichere Büchse der Pandora, auch nicht noch edlere Men­schen, sondern: Entschlüsse, Entscheidungen, Taten. Eben in solchen müßte aber die wahre Gedenkfeier an jene Zeit und ihre Opfer heute bestehen: die rechte Aufnahme ihrer Vermächt­nisse. Haben Sie von mir als einem Theologen erwartet, daß ich Sie in dieser Stunde zu ir­gendeiner „inneren Erneuerung” aufrufen werde? Ich halte es vielmehr für nötig, Sie gerade als Theologe vor dieser Parole auf die Hut zu setzen. Sie krankt an tiefer Unverantwortlichkeit und Unverbindlichkeit. Was alles sich unter ihr verbergen kann, sollten wir heute im Rück­blick gerade auf jene Zeit wissen. Aus demselben Grund möchte ich jetzt auch nicht einstim­men in den bekannten Ruf nach einem neuen europäischen „Geist” oder in den Schrei nach der verlorengegangenen und wiederzugewinnenden „Mitte”. Wie sollte damit nicht Gutes, Bestes gemeint sein können? Mir graut aber vor der Möglichkeit, daß es sich in dem allen um neue Fluchtbewegungen handeln könnte! Was uns heut not tut, sind nicht weitere Verinner­lichungen und Vergeistigungen, sondern kaltblütige Willensbildung und Aktion, nicht Ethik, sondern Ethos, nicht weiteres Gucken und Starren in irgendwelche Höhen und Tiefen, son­dern das Wagnis eines entschlossenen, entschiedenen, tätigen Vorwärtsschreitens: als solche, die jener Ereignisse und ihrer Opfer gedenken, und zwar nüchtern gedenken. Das „bessere Deutschland” von damals in Ehren! Wie soll es aber anders in Ehren stehen, als in einem besseren Deutschland heute, heute! [173]

Um was kann und soll es da gehen? Ich weiß keine andere Antwort als die: Was damals geschah, darf, so weit es an uns liegt, nicht mehr geschehen. Und Opfer, wie sie damals gefal­len sind, sollen nicht mehr fallen müssen! Keine leeren Seufzer, Wünsche und Hoffnungen jetzt, sondern solche Handlungen, die eben das verhindern! Wer jetzt ein Herz hat, der lasse es seinen Kopf, seine Füße und Hände in Bewegung setzen! Wer jetzt Vernunft hat, der lasse sie walten in sauberer Stellungnahme! Wer jetzt im Glauben der christlichen Kirche lebt, der zei­ge ihn in eindeutigen Werken! Wer jetzt Seelsorge treiben will, der sage den Leuten, daß sie das Rechte tun und das Böse lassen sollen! Und auch wer jetzt immer noch über eine hinter­gründige Metaphysik zu verfügen meint, der komme mit ihr heraus aus seiner Höhle, damit sie in der freien Luft Physik werde! Alles zur Feier des Gedenkens an den Nationalsozia­lis­mus, an den Krieg und ihre Opfer — und alles in der einen Richtung: das nicht wieder! Solche Lügen und solche Irrtümer, solche Hypnosen und Hysterien, solche Überrumpelungen durch vollendete Tatsachen, solch halbherziges Dagegensein und doch Mittun, solches Gehemmt­sein alles rechtzeitigen Sichaufraffens und Eingreifens, solches Zuspätkommen nicht wieder! Und dann in der Folge auch nicht wieder: solche Schande, solche Greuel, ein solches Blut­meer, solche Zerstörungen, solches Elend! Keinen dritten Weltkrieg also — und um ihn zu verhüten: keine solchen Unternehmungen, die früher oder später ebenso sicher zu ihm führen müssen, wie das Unternehmen Hitlers zum zweiten geführt hat. Gegen solche Unternehmun­gen muß heute, koste es, was es wolle, Stellung genommen werden: mit Gesinnungen und Worten nicht nur — es wären denn die Worte, die selber Taten sind! —, sondern mit den ent­sprechenden Handlungen. Sie zu tun, ist jeder, der das Gedenken an 1933-45 und an die da­mals gefallenen Opfer ehrlich feiern will, aufgerufen.

Es geht nicht anders, als daß ich zum Schluß noch einmal konkret werde und die Dinge beim Namen nenne. Ich rede jetzt in vollem Bewußtsein „ungeschützt” und „vereinfachend”, weil ich um jeden Preis deutlich reden möchte.

Unternehmungen, die zu einem dritten Weltkrieg führen müssen, sind heute:

  1. Die Wiederaufrichtung eines deutschen Obrigkeitsstaates, in welchem den Bürgern aufs neue nur beschieden sein soll, zuzustimmen, zu gehorchen und zu marschieren, nachdem höheren Ortes, nicht ohne Fern- und Nahwirkungen wirtschaftlicher Mächte, über sie beschlossen ist.
  2. Die Wiederbewaffnung Westdeutschlands im Rahmen einer antiöstlichen Militäral­lianz unter amerikanischer Führung, die darum als solche eine Kriegsdrohung ist, weil es unmöglich ist, daß sich die Gegenseite durch sie nicht offensiv bedroht fühlen muß. [174]
  3. Im Zusammenhang damit: die Aufspaltung Deutschlands und also der europäischen Mitte, zu deren Beseitigung unter jenen Voraussetzungen nur eben ein neuer Krieg dienen könnte.

Illusion, Europa damit vereinigen, ordnen und verteidigen zu wollen, daß man es zunächst in zwei Fetzen reißt!

Illusion, es könne der Kommunismus, unter dessen Herrschaft wir alle nicht geraten wollen, statt mit sozialer Erneuerung und Reform, mit Panzerdivisionen und Atomgeschützen ange­griffen oder auch nur abgewehrt, geschweige denn überwunden werden!

Illusion, man könne Deutschland damit zu neuen Ehren bringen, daß man auf eine von den Linien nationalen Denkens und Wollens zurückkehrt, die zwischen den beiden Kriegen zunächst neben der nationalsozialistischen herliefen, um sich dann mit der größten Selbst­verständlichkeit mit dieser zu vereinigen!

Ich stelle die genannten Unternehmungen eben darum in Parallele mit dem Nationalsozialis­mus, weil sie — auch ohne einen Hitler und in ihrer ganzen Aufmachung als Maßnahmen zum Schutz der bedrohten westlichen Freiheit — auf gefährlichen Illusionen beruhen. Sie sind (nur diesmal in weltweitem Maßstab) Produkte derselben Panik und Massensuggestion, der­selben aufgeregten Phantasie, desselben Mangels an Geduld, derselben Unwilligkeit, den anderen auch nur zu hören, geschweige denn zu verstehen, derselben Entwicklung unguter Instinkte, derselben eiligen Flucht in die Gewaltdrohung, in denen jene böse Sache damals groß geworden ist und zum Kriege geführt hat. Die schwarze Magie hat auch andere Gestalten als die, in der sie uns damals begegnet ist. Das Chaos könnte uns auch überschleichen, wie es uns damals überfallen hat. Und ich brauche mich nicht darüber zu verbreiten, daß der Krieg, in den es uns diesmal hineinführen könnte, ein noch zehnmal finstereres Gesicht haben würde als der letzte. Schicksal? Das Schicksal ist dazu da, daß der Mensch ihm rüstig die Stirn biete! Es ist jetzt noch nicht zu spät. Aber sehen wir zu, daß es nicht plötzlich doch wieder zu spät sei! Den drohenden Anfängen widersteht — und das nicht nur theoretisch, sondern praktisch —, wer nicht will, daß die Opfer des letzten Krieges und die des Nationalsozialismus nun wirklich umsonst gefallen seien.

Deutsche Männer wie Martin Niemöller, Ulrich Noack, Gustav Heinemann, Heinrich Grüber und manche andere haben das Nötige dazu längst gesagt. Sollen sie wirklich vergeblich gere­det und gerufen haben?

Es gibt auch einige weitere kleine Zeichen, die hoffen lassen. Ich nenne drei aus diesem Jahr, dem Jahr des so bedenklichen Londoner Vertrages: das klare Ergebnis [175] des Evangeli­schen Studententages in Heidelberg, die in Frankfurt am Main gefaßten Resolutionen des Deutschen Gewerkschaftsbundes, insbesondere der an seinem Kongreß zu Wort gekommenen Gewerkschaftsjugend, die anfangs dieses Monats in Leverkusen beschlossene Erklärung von 200 evangelischen Pfarrern des Rheinlandes. Möchten die da gesprochenen entschiedenen Worte der Auftakt zu den entsprechenden entscheidenden Taten sein!

Dazu nun noch drei andere Zeugnisse ganz anderen Ursprungs aus etwas früherer Zeit!

Das eine lautet: „Zum Unterschied von allen anderen europäischen Staaten ist Deutschland nicht ein völlig im Westen liegendes und nicht mit ihm allein verbundenes Volk. Wir wissen, daß die Teilung Deutschlands und die damit ständig wachsende Gefahr, daß Deutsche auf Deutsche schießen, die größte Friedensbedrohung ist. Wir müssen daher erwarten, daß auslän­dische und deutsche Politiker so handeln, daß diese Teilung irgendwann und irgendwie über­wunden, aber nicht verewigt und zu einem Mittel der Machtpolitik der großen Weltmächte gemacht wird. Wir wissen auch nicht, wie die Dinge im einzelnen laufen, aber wir trauen Gott zu, daß er auch unserem gar nicht gerüsteten Volk Wege zeigen kann, die seine Freiheit und sein Leben bewahren. Täten wir es nicht, würden wir nicht Gott, sondern der Macht der Men­schen vertrauen.” So noch am 24. September 1950 der jüngst verstorbene Dr. Hermann Eh­lers.

Das andere lautet: „In einem sollen wir kategorisch sein, wir wollen in Deutschland keinen Krieg mehr führen, und wir wollen darum auch keine Vorbereitungen treffen, die das Krieg­führen ermöglichen können, weder im politischen noch im wirtschaftlichen Sinne … Wir wollen nicht umsonst Lehrgeld bezahlt haben … Wir wollen unsere Söhne niemals mehr in die Kasernen schicken, und wenn noch einmal irgendwo der Wahnsinn des Krieges ausbre­chen sollte, dann wollen wir eher untergehen und dabei das Bewußtsein haben, daß nicht wir das Verbrechen begangen und gefördert haben. Das scheint uns ehrenhafter als das Leben in der bewaffneten Anarchie dieser letzten Jahrzehnte, der man die Tugenden des Friedens zum Opfer gebracht hat.” So am 10. Februar 1946 Professor Carlo Schmid.

Und nun das dritte: „Wir sind einverstanden damit, daß wir völlig abgerüstet werden, daß unsere reine Kriegsindustrie zerstört wird und daß wir nach beiden Richtungen hin einer langen Kontrolle unterworfen werden. Ja, ich will noch weiter gehen: Ich glaube, daß die Mehrheit des deutschen Volkes einverstanden wäre, wenn wir wie die Schweiz völker­rechtlich neutralisiert würden.” So am 1. Januar 1947 Dr. Konrad Adenauer. [176]

Ich habe diesen Worten nichts hinzuzufügen. Sie sagen vortrefflich, was heute zu wollen und nicht zu wollen, zu tun und nicht zu tun ist. Ein jeder halte sich daran, richte sich danach und leiste damit seinen Beitrag dazu, daß es in Zukunft der Einführung weiterer Volkstrauertage nicht bedürfen wird!

Die Rede wurde auf Einladung der hessischen Landesregierung zum Staatsakt am Volks­trauertag, 14. November 1954, in Wiesbaden gehalten.

Quelle: Karl Barth, Der Götze wackelt, hrsg. v. Karl Kupisch, Berlin: Käthe Vogt Verlag 1961, S. 165-176.

Hier die Rede als pdf.

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