„Warum sollt ich nicht auch für ihn, selbst wenn er strauchelte, auf die gnädige Bewahrung Gottes hoffen?“ – Friedrich Schleiermachers Predigt am Grab seines Sohnes Nathanael 1829

Schleiermacher Porträt
Friedrich Schleiermacher (1768-1834)

Am 21. November gedenken wir des 250. Geburtstags Friedrich Schleiermachers und am 10. Dezember des 50. Todestages Karl Barths. Beide haben einen ihrer Söhne zu Grabe getragen und dabei die Predigt gehalten. Schleiermachers Sohn Hermann Nathanael verstarb im Alter von neun Jahren am 29 Oktober 1829 an Scharlach, Barths Sohn Matthias im Alter von 20 Jahren am 22. Juni 1941 nach einem Absturz in den Bergen. Wie Karl Barth beim Begräbnis seines Sohnes Matthias hält auch Schleiermacher eine anrührende Predigt. Aber wenn es um den Duktus geht, tun sich zwischen Schleiermacher und Barth himmelweite theologische Unterschiede auf:

Diese mir über alles wichtige Aufgabe für mein ganzes übriges Leben, an der mein Herz mit voller Liebe hing, ist nun unausgelöst durchstrichen, das freundlich erquickende Lebensbild ist plötzlich zerstört, und alle Hoffnungen die auf ihm ruhten liegen hier und sollen eingesenkt werden mit diesem Sarge! Was soll ich sagen? Es gibt einen Trost, durch den sich viele fromme Christen beschwichtigen in solchem Falle, den auch mir schon mancher liebe freund­liche Mund in diesen Tagen zugerufen hat, und der um so weniger zu übersehen ist, als er von einer richtigen Schätzung der menschlichen Schwachheit ausgeht; es ist nämlich der, daß Kin­der, die jung hinweggenommen werden, doch allen Gefahren und Versuchungen dieses Le­bens entrückt und zeitig in den sichern Hafen gerettet sind. Diese Gefahren waren auch gewiß dem Knaben nicht ganz erspart; aber doch will dieser Trost nicht recht bei mir haften, wie ich bin. Wie ich diese Welt immer an« sehe als die, welche durch das Leben des Erlösers verherr­licht und durch die Wirksamkeit seines Geistes zu immer unaufhaltsam weiterer Entwicklung alles guten und göttlichen geheiligt ist; wie ich immer nur habe sein wollen ein Diener des göttlichen Wortes in freudigem Geist und Sinne: warum denn hätte ich nicht glauben sollen, daß der Segen der christlichen Gemeinschaft sich auch an ihm bewähren würde, und daß durch christliche Erziehung ein unvergänglicher Same in ihm wäre niedergelegt worden? warum sollt ich nicht auch für ihn, selbst wenn er strauchelte, auf die gnädige Bewahrung Gottes hoffen? warum nicht fest vertrauen, daß nichts ihn werde aus der Hand des Herrn und Heilandes reißen können, dem er ja geweiht war, und den er auch aus kindlichem Herzen schon angefangen hatte zu lieben, wie denn noch eine seiner letzten besonnenen Äußerungen in den Tagen der Krankheit eine freundliche Bejahung war auf die Frage der Mutter, ob er auch seinen Heiland recht liebe.

Und diese Liebe, wäre sie auch nicht gleichmäßig fortge­schritten, hätte sie auch bei ihm ihre Störungen erfahren: warum sollte ich nicht doch glauben, daß sie ihm nie würde verloschen sein, daß sie ihn doch dereinst würde ganz beherrscht ha­ben? Und wie ich Muth gehabt hätte das alles mit ihm durchzuleben, ihn dabei zu ermahnen, zu trösten, zu leiten: so ist mir jene Betrachtung nicht so tröstlich wie vielen andern. Auf andre Weise schöpfen viele trauernde ihren Trost aus einer Fülle reizender Bilder, in denen sie sich die fortbestehende Gemeinschaft der vorangegangenen und der zurückgebliebenen dar­stellen, und je mehr diese die Seele erfüllen, um desto mehr müssen alle Schmerzen über den Tod gestillt werden. Aber dem Manne, der zu sehr an die Strenge und Schärfe des Gedankens gewöhnt ist, lassen diese Bilder tausend unbeantwortete Fragen zurück und ver­lieren dadurch gar viel von ihrer tröstenden Kraft. So siehe ich denn hier mit meinem Troste und meiner Hoffnung allein auf dem bescheidenen aber doch so reichen Worte der Schrift, Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden; wenn es aber erscheinen wird, werden wir ihn sehen, wie er ist! und auf dem kräftigen Gebete des Herrn, Vater, ich will, daß wo ich bin auch die seien, die du mir gegeben hast. Auf diesen starken Glauben gestützt und von kindli­cher Ergebung getragen spreche ich denn von Herzen, Der Herr hatte ihn gegeben, der Name des Herrn sei gelobt dafür, daß er ihn mir gegeben, daß er diesem Kinde ein wenn auch kurzes doch helles und heiteres und von dem Liebeshauche seiner Gnade erwärmtes Leben verlie­hen, daß er es so treu bewacht und geleitet hat, daß sich nun dem theuern Andenken nichts bitteres beimischt, vielmehr wir bekennen müssen, daß wir reichlich gesegnet worden sind durch das liebe Kind. Der Herr hat es genommen; sein Name sei gelobt, daß er es wiewohl genommen uns doch auch gelassen hat; daß es uns bleibt auch hier in unauslöschlichen Erinnerungen ein theures und unvergängliches Eigenthum.

Hier der vollständige Text der Predigt Schleiermachers als pdf.

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