„Wer lebt, muß den Tod annehmen. Wir sind Grenzgänger zwischen Diesseits und Jenseits“ – Hans-Georg Gadamer über die Erfahrung des Todes

Gadamer
Grabmal von Hans-Georg Gadamer und seiner und seiner Ehefrau Käte Gadamer-Lekebusch auf dem Heidelberger Friedhof Ziegelhausen-Köpfel

Da war der eigene Tod noch mehr als 18 Jahre entfernt, als der 83jährige Hans-Georg Gadamer im Oktober 1983 in einem Vortrag für den Süddeutschen Rundfunk über „Die Erfahrung des Todes“ sprach:

Nun darf man gewiß sagen, daß die moderne Zivilisationswelt die Verdrängungstendenz, die im Leben selber wurzelt, voll Eifer und Übereifer gleichsam zu institutioneller Perfektion zu bringen sucht und deshalb die Erfahrung des Todes völlig an den Rand des öffentlichen Le­bens schiebt. Es ist ein erstaunliches Phänomen, daß sich gleichwohl gegen diese Tendenz der Zivilisation ein beharrlicher Widerstand bildet. Nicht nur, daß die religiösen Bindungen, die in den Formen des Begräbnisses und des Totenkults fortleben, ja bei einem Todesfalle oft wieder aufleben. In anderen Kulturen, in denen die Gewalt der modernen Aufklärung sich erst langsam durchsetzt, gilt das noch viel mehr, zumal das religiöse Herkommen hier viel reichere Formen ausgebildet hatte. Aber selbst in einem Zeitalter des sich ausbreitenden Massenatheis­mus werden auch von den Ungläubigen und in Wahrheit, ganz Säkularisierten solche Kultfor­men aufrecht erhalten. So, wenn es um die Feste des Lebens geht, um die christliche Taufe und die christliche Eheschließung, und vollends, wenn es um die Feste des Sterbens geht, um das christliche Begräbnis und die Gedenkfeier. – Selbst in atheistischen Ländern ist das christ­liche oder anderes religiöses Brauchtum neben der mitunter politisch und weltlich aufgebau­ten Totenehrung zugelassen. Auch wenn das nur als eine Konzession auf Zeit gedacht sein sollte, spricht sich auch dann viel darin aus. – Erst recht gilt das von den säkularisierten Ge­sellschaften der sogenannten freien Welt. überall bleibt gleichsam als die andere Seite der Wegdrängung des Todes die Scheu vor dem Mysterium des Todes im Lebensbewußtsein des Lebenden, der Schauder vor seiner Heiligkeit, das Unheimliche, das um das Verstummen waltet, das endgültige Scheiden eines, der eben noch am Leben war. Hier scheint insbeson­dere die genealogische Einheit der Familie eine tiefeingewurzelte religiöse Lebenskraft zu verteidigen. In manchen Kulturen, etwa in Japan oder im alten Rom, hat der Ahnenkult eine geradezu bestimmende religiöse Funktion besessen. Aber auch im Raum der abendländischen Christenheit behält die Totenverehrung ihren festen Platz. Sie umfaßt am Ende eine ganze Generationenfolge der Toten, die im Gedächtnis und in der Verehrung gehalten werden und bildet in ihrer christlichen oder anderer religiösen Gestaltung eine Art Gegenstück zu der eige­nen Ordnung des Lebens. Das mag in unserer westlichen Welt heute bis zu rationalen Diessei­tigkeitsformen der Organisation transformiert werden – etwa in der Kontrasterfahrung von ›Auflassung‹ der Gräber auf unsern Friedhöfen – noch in solchen bürokratischen Transaktio­nen spricht sich etwas von Wissen um die Besonderheit des Totenkults aus. Das mag an einem Beispiel gezeigt werden. Es ist eine uralte Erfahrung, die jenseits aller religiösen Trans­zendenzgedenken bis heute ihre Lebenskraft beweist, daß der endgültige Abschied, den der Tod von den Hinterbliebenen verlangt, zugleich eine Verwandlung des Bildes des Toten im Bewußtsein und Gedächtnis der Überlebenden stiftet. Daß man über Tote nichts als Gutes sagen soll, ist eine Vorschrift, die man kaum so nennen kann. Es ist ein geradezu unstillbares Bedürfnis des menschlichen Gemüts, die in die Dauer der Abgeschiedenheit verwandelte Ge­stalt des Verstorbenen nicht nur im Gedächtnis festzuhalten, sondern in ihrer produktiven, positiven, gleichsam ins Ideale veränderten und als Ideal unveränderlich gewordene Gestalt in sich aufzubauen. Es ist kaum zu sagen, was das eigentlich ist, daß mit dem endgültigen Ab­schied eine Art veränderter Gegenwart des Abgeschiedenen zur Erfahrung kommt.

Man versteht noch von solchen säkularisierten Gedächtnisformen her die tiefen Antriebe, die hinter den religiösen Jenseitsvorstellungen liegen, und nicht zuletzt das Bedürfnis, an die Un­sterblichkeit der Seele zu glauben und an ein Wiedersehen im Jenseits. Diese christliche Vor­stellung, die in vielen heidnischen Kulten ähnliche Entsprechungen hat, bringt beredt zum Ausdruck, wie das Wesen des Menschen die Überwindung des Todes gleichsam fordert. Was in gläubigen Gemütern als eine unerschütterliche Gewißheit, in anderen vielleicht mehr wie ein melancholisches Heimweh lebt – nirgends wird es doch als eine mit leichter Hand beisei­te­geschobene Nichtigkeit behandelt. Es sieht so aus, als ob die Verdrängung des Todes, wie sie zum Leben selbst gehört, von den Überlebenden auf eine ihnen selbstverständliche Weise wieder gutgemacht werden muß. Religiöser Glaube und reine Weltlichkeit kommen darin überein, die Majestät des Todes zu ehren. Die Angebote wissenschaftlicher Aufklärung finden an dem Mysterium des Lebens und des Sterbens eine unübersteigbare Grenze. Mehr noch, an dieser Grenze kommt eine wahre Solidarität aller Menschen miteinander zum Aus­druck, indem sie alle das Geheimnis als solches verteidigen. Wer lebt, kann den Tod nicht annehmen. Wer lebt, muß den Tod annehmen. Wir sind Grenzgänger zwischen Diesseits und Jenseits.

Hier der vollständige Vortrag „Die Erfahrung des Todes“ als pdf.

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