Als religiöses Selbstbewusstsein ist der christliche Glaube im Tod hoffnungslos verloren. Warum der Religionsbegriff für Christen unpassend ist

Münchhausen zieht sich aus dem Sumpf, Zeichnung von Theodor Hosemann
Als könne man sich mit der eigenen christlichen Religion wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Verderben ziehen (Zeichnung Theodor Hosemann)

Wenn vom Christentum als (Welt-)Religion mit Jesus als Religionsstifter – analog zu Mose, Mohammed und Buddha – die Rede ist, ist davon die Hoffnung der Christen betroffen, wie sie eingangs des ersten Brief des Petrus zur Sprache kommt:

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu gezeugt zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unzerstörbaren, makellosen und unvergänglichen Erbe, das im Himmel für euch aufbewahrt ist.“ (1Petrus 1,3-4)

Religionsstiftung besagt, dass nicht etwa ein tatsächliches Geschehen zur Geltung gebracht wird. Vielmehr sind es religiöse Lehrsätze, Glaubensinhalte und Praktiken, die auf eine Person als deren Urheber zurückgeführt werden. Egal, ob solche Religion individuell oder kollektiv verstanden wird, die Glaubensinhalte werden jeweils in einem selbstbezüglichen System verortet. Sie gehören nicht einfach zur Welt oder zu Gott, sondern stehen in den Zusammenhang weiterer Glaubensinhalte, die entweder eine eigene religiöse Überzeugung oder aber eine gemeinsame Religion ausmachen.

Wenn man von der eigenen christlichen Religion spricht, ist diese unvermeidlich dem Tod ausgesetzt. Glaubensinhalte sind nicht „unsterblich“. So sterben Religionen mit der Zeit aus, wenn sie keine Anhänger mehr haben. Und Aussagen über eine postmortale Auferstehung der Toten gelten religiös nur solange wie man selbst am Leben ist. Stirbt der Mensch als „reli­giöses“ Subjekt, ist damit für ihn die persönliche Glaubensüberzeugung „Leben nach dem Tod“ erledigt. Sie mag ihm zu Lebzeiten Trost (im Falle des Todes eines Angehörigen) oder eigene Hoffnung (angesichts des eigenen bevorstehenden Todes) gegeben haben, aber letzt­endlich vernichtet der Tod Glaubensinhalte. Sie haben keine eigene Wirklichkeit, die den Tod überwindet. Was auch immer religiös gedacht, gelehrt oder praktiziert wird, findet im Tod ihr Ende. Im Tod ist es aus mit der Religion. Sie erweist sich letztendlich als unwirklich (anergetisch).

Wer Glauben in einer menschlichen Religion verortet und damit an Religion glaubt, weist ihn todesletztlich als Illusion, wenn nicht gar als Selbstbetrug aus. Zu Recht schreibt da der Apostel Paulus „Wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.“ (1Korinther 15,19). Als religiöses Selbstbewusst­sein ist der christliche Glaube im Tod hoffnungslos verloren.

Im 15. Kapitel seines ers­ten Briefes an die Korinther entfaltet Paulus, auf welches göttliche Geschehen sich Chris­ten sich in ihrem Glauben an das Evangelium einlassen: Es ist die göttliche Auferweckung Jesu Christi von den Toten, die uns Menschen die endzeitliche Auferstehung von den Toten mit einer leiblichen Verwandlung auf eine Lebensgemeinschaft mit dem dreieinen Gott hin zusagt. Nur wenn Glaube außerhalb der eigenen Religion dem Gott selbst und dessen Handeln gilt, überdauert er den eigenen Tod. So stellt der Apostel Paulus uns Abraham als Vater des Glaubens vor:

Er ist unser aller Vater, wie geschrieben steht: Ich habe dich zum Vater vieler Völker bestimmt – im Angesicht des Gottes, dem er geglaubt hat, des Gottes, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft. Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde, nach dem Wort: So zahl­reich werden deine Nachkommen sein. Ohne im Glauben schwach zu werden, bedach­te er, der fast Hundertjährige, dass sein Leib und auch Saras Mutterschoß schon erstorben waren. Er zweifelte aber nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes, sondern wurde stark im Glauben, indem er Gott die Ehre erwies, fest davon überzeugt, dass Gott die Macht besitzt, auch zu tun, was er verheißen hat. Darum wurde es ihm auch als Gerechtigkeit angerechnet.“ (Römer 4,16-22)

Wer wie Abraham glaubt, der vertraut darauf, dass ihm in Jesus Christus ein göttliches Handeln gerechterweise über Sünde und Tod hinaus an Leib und Seele zugutekommt, das eben nicht auf eigene, unwirkliche Vorstellungen oder auf religiöse Lehre zurückgeführt wird.

Da mag man solchen gottgerichteten Glauben auf menschliche Religion hin reflektieren und von subjektiven oder kollektiven Glaubens- bzw. Gottesvorstellungen sprechen. Und doch ist der gottgerichtete Glaube nicht dem eigenen Tod geweiht. Es geht für ihn um ein zukünftiges, apokalyptisches „Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht“ (Hebräer 11,1). So hält sich der Glaube an der Gegenwart der göttlichen Verheißung in Jesus Christus auf dessen Advent hin fest. Dem entsprechend wird das Pascha-Mysterium Christi im christlichen Gottesdienst akklamiert: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Nicht eine religiöse Selbstvergewisserung, sondern der der apokalyptische Wahrheitsanspruch Jesu „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6) lässt Christen über den eigenen Tod hinaus hoffen. Das Christusgeschehen ist nicht in die Vergangenheit entschwunden, sondern wird sich uns in der noch ausstehenden Auferstehung von den Toten über alle religiösen Vorstellungen hinaus als wahr erweisen. Bis dahin heißt es für Christen: „Jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1Johannes 3,2)

Hier der Text als pdf.

1 Kommentar

  1. Lieber Herr Teuffel,
    vielen Dank für den Text. Ich denke, dass Sie die christliche Lehre damit korrekt zusammengefasst haben.
    Aber kommen wir da nicht in einen Zirkelschluss? Der Satz: „Nicht eine religiöse Selbstvergewisserung, sondern der der apokalyptische Wahrheitsanspruch Jesu „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6) lässt Christen über den eigenen Tod hinaus hoffen“ bleibt eine bloße Behauptung, auch wenn er im Jenseits aufgehängt wird. Denn das würde voraussetzen, dass es dieses Jenseits überhaupt gibt und damit alle Theorien, die damit verbunden sind. Ich müsse schon glauben, ist dann die mir bekannte Antwort, und dann würde ich schon sehen. Und wenn ich nicht sehe? Glaube ich dann nicht richtig?
    Mit kollegialen Grüßen aus dem Norden
    Erik Thiesen

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