„Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn“ – Liturgie als Wortspiel

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[…]

Der Gottesdienst selbst hat keinen Werkcharakter. Seine Wirklichkeit will nichts außer sich selbst bewirken und ist daher für uns Menschen nur spielerisch zu erlangen. Nichts wird be­zweckt, was aus dem gottesdienstlichen Geschehen herausgenommen und damit „ver­äußert“ werden könnte. Heißt es für Christen Rechtfertigung allein aus Glauben an das, was in Jesus Christus für uns zum Heil geschehen ist, darf kein eigenes Werk in das Gottvertrauen eindrin­gen. Menschliche „Werk­lichkeit“ vermag nicht mit göttlicher Wirklichkeit zusammen­zuwir­ken. Wer es dennoch versucht, verspielt sich sein Heil.

Wie anders ist doch die Ausrichtung der Liturgie als heiliges Spiel, wo man mit Leib und Seele in die Gegenwart des dreieinigen Gottes hineingenommen wird und daher weder für sich noch für andere etwas herausnehmen kann. Das Evangelium Jesu Christi birgt einen eigensinnigen Wort­schatz, der in der gottesdienstlichen Praxis und insbesondere in der Feier des heiligen Abendmahls immer wieder neu zur Geltung kommt. Sind Menschen als erlöste Sünder von Christus eingenom­men, erschließt sich ihnen das Reich Gottes als verheißungs­volle Wirklichkeit. Den „Tätern des Worts“ (Jakobus 1,22) ist die Hoffnung nicht zu verden­ken. So eröffnen sich im Gottesdienst himmlische Lebensaussichten, die irdisch undenkbar sind. Im Buch der Offenbarung stellt sie der Seher Johannes als gottesgegenwärtiger Gottes­dienst vor:

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen,  und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Ange­sicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ (Offb 7,9-12)

So geht es im Gottesdienst – trotz Kirchenbänken – nicht theatralisch, sondern dramatisch zu. Un­bedingte Mitwirkung ist von Christen gefordert: „Bringt euren Leib dar als lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer – dies sei euer vernünftiger Gottesdienst! Fügt euch nicht ins Schema dieser Welt, sondern verwandelt euch durch die Erneuerung eures Sin­nes, dass ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkomme­ne.“ (Römer 12,1f Zürcher) Die eigene liturgische Hingabe entzieht uns dem „Schema dieser Welt“, wo alles ganz natürlich zuzugehen hat, technisch beherrschbar sein will oder aber schicksalhaft hingenommen werden muss. In der trinitarischen Signatur des Gottesdiens­tes „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ nehmen wir uns mit unserer Lebenswelt als göttliche Schöpfung wahr und lassen uns das ehrenwerte Stau­nen nicht nehmen:

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,
den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,
und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk,
alles hast du unter seine Füße getan.
(Psalm 8,4-7)

Sich selbst ein neuer Mensch werden ist beim besten Bewusstsein unmöglich. Wer jedoch mit den Engeln und Heiligen im Himmel in das Sanctus einstimmt, hat „den alten Menschen mit all seinem Tun abgelegt und den neuen Menschen angezogen, der zur Erkenntnis erneuert wird nach dem Bild seines Schöpfers.“ (Kol 3,9f Zürcher; vgl. Eph 4,22-24) So wird in der Liturgie eben nicht die Welt verklärt, sondern diejenigen, die in die Doxologie einzustim­men wissen: „Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir wer­den verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.“ (2Kor 3,18)

Im Gottesdienst geschieht letztendlich kein Rollenspiel, sondern nimmt die „neue Schöpfung“ in Christus ihren performativen Anfang (2Kor 5,17; Gal 6,15). Und doch findet sich auch für Außen­stehende ein spielerischer Zugang zur Liturgie unter der Prämisse „als ob es war wäre, was da ge­hört, gesprochen und getan wird“.

Kirche als liturgische Spielgemeinschaft enthält eine Absage sowohl an subjektive Sinnentwürfe als auch an einen weltanschaulichen Universalanspruch des Christentums. In der Theo­rie geschieht nichts. Stattdessen wird die Partikularität eines eigensinnigen Spiels mit all den damit verbundenen Begrenzungen betont. Regeltreue und Können sind unabdingbar, andern­falls steht das heilige Spiel vor dem Aus. Deshalb müssen Christen als Mitspielende den besonderen Wort-Schatz dieses Spiels erlernt haben und in dessen Sprachregeln eingeführt worden sein, was in der Alten Kirche als „mys­tagogische Katechese“ (Cyrill von Jerusalem) praktiziert worden ist. Weiterhin ist eine besondere christliche Lebensform geboten, die Men­schen gemeinschaftsfähig mit dem Heiligen hält. Christ­liche Mission schließlich ist nichts anderes als Außenstehende mit den Worten Jesu zum Zuschauen und Mitspielen einladen: „Kommt und seht! […] Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“ (Joh 1,39.51)

Für Christen, die das heilige Spiel unter einem „eschatologischen Vorbehalt“ (Erik Peterson) zu spielen wissen, ist es beileibe keine Traditionspflege, sondern das Wortspiel des Lebens, das sie selbst mitnimmt. Es muss nichts bewirken, beruht es doch auf der Wirklichkeit dessen, der sich als „das Alpha und das Omega“ (Offb 1,8) ausgesprochen hat. Und so spielen sie mit in der Erwartung, dass der dreieinige Gott selbst dieses Spiel entgrenzt und seine Schöpfung in die Paschageschehen einverleibt, entsprechend seiner Zusage: „Siehe, ich mache alles neu.“ (Offb 21,5)

Hier der vollständige Text als pdf.

 

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