„Befreiung und Verteufelung – die zwei Gesichter der Reformation“ (Berndt Hamm)

Berndt Hamm

Berndt Hamm, emeritierter Professor für Neuere Kirchengeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg und international bekannter Reformationshistoriker hat einen anschaulichen Vortrag zum Reformationsjubiläum vor Schülerinnen und Schülern gehalten, der es in sich hat. Unter dem Titel „Befreiung und Verteufelung – die zwei Gesichter der Reformation“ bringt er die geschichtliche Ambivalenz der Reformation zur Sprache:

Wenn wir abschließend fragen, was denn an der reformatorischen Botschaft vor allem das Faszinierende und Packende für die Menschen des frühen 16. Jahrhunderts war, dann komme ich noch einmal auf die zentralen Begriffe meines Vortrags zurück: ‚Befreiung‘ und ‚Verteu­felung‘. Die Anhänger der Reformation erlebten sie als große Befreiung von der Herrschaft der alten Kirche und als Entlastung, befreiend auch darin, dass sie ihnen eine neue biblische Orientierungs- und Ordnungskraft in die Hände gab, neue, bibelorientierte Gottesdienstfor­men, Gemeindelieder, Katechismen und Bekenntnisse. Das Faszinierende lag aber für viele auch in der Aggressions- und Zerstörungskraft der Reformation: wie sie ihre Gegner mit der Waffe der Heiligen Schrift ins Unrecht setzte, verteufelte, verspottete, der Verachtung preis­gab, entmachtete und ihre Heiligtümer auch handgreiflich zerstörte. So brandmarkte man die Kultbilder in den Kirchen mit dem Hinweis auf das Bilderverbot des Alten Testaments als teuflische Götzenbilder, die man zerstören oder jedenfalls entfernen müsse, um ihre verfüh­rerische Macht auf die Gläubigen zu brechen. Der zeitgenössische Holzschnitt zeigt exemplarisch, wie man verfuhr:

Ein Ratsherr links im Bild sorgt dafür, dass die Handwerker gründliche Arbeit leisten und auch wirklich alle Heiligenfiguren mit ihren Äxten zerschmettern. Einer trägt ein Messge­wand davon, und ganz im Hintergrund sieht man heilige Gefäße, die auch für den Abtransport bestimmt sind.

Martin Luther stand zwar den reformatorischen Bildzerstörungen eher zurückhaltend gegen­über, war aber fanatischer Vorreiter, wenn es darum ging, die religiösen Gegner, angefangen beim Papst, verbal zu verteufeln. Die anderen Reformationstheologen taten es ihm gleich, wenn auch bisweilen im Ton zurückhaltender. Die Verteufelung richtete sich selbstverständ­lich nicht nur gegen die Katholiken, sondern auch gegen Juden und Muslime. Besonders bemerkenswert aber ist, dass die Reformatoren auch solche Menschen und Richtungen zu Agenten Satans erklärten, die zu ihrer eigenen biblisch-reformatorischen Bewegung gehörten, aber in die Rolle von verfemten Außenseitern gerieten: Täufer, Spiritualisten und aufständi­sche Bauern. Die Bauern hatten zwar keine Universität besucht, waren aber nicht auf den Kopf gefallen. Sie verstanden sofort, dass etwas theologisch faul ist, wenn man die biblische Freiheit eines Christenmenschen nur innerlich und seelisch, nicht aber auch äußerlich, leib­lich, politisch und ökonomisch versteht. Die Botschaft von Luthers Freiheitsschrift vernahmen sie mit Begeisterung, wandten sie aber sofort auf ihre eigene Situation wirtschaftlicher Not, Entrechtung und Leibeigenschaft an: ‚Wie ist eine solche Unterdrückung‘, fragten sie, ‚mit der christlichen Nächstenliebe und dem biblischen Freiheitsrecht aller Christenmenschen ver­einbar?‘ Sofort entgegneten die gelehrten Reformatoren (mit ganz wenigen Ausnahmen): ‚Wenn ihr so fragt, habt ihr alles falsch ver­standen. Gegenüber euren von Gott eingesetzten Obrigkeiten kann es für euch keine Freiheit, sondern nur Gehorsam geben. Und wenn ihr nicht gehorsam eure Lasten tragt, seid ihr des Teufels!‘ Die Bauern, die so argumentierten, haben aber die Reformation nicht falsch verstan­den, sondern nur anders – bezogen auf ihre konkrete Lebenssituation.

Indem der Mainstream der Reformation, die Fürsten, die Stadträte und die Prediger, die Abweichler verteufelten und die Untertanen disziplinierten, um eine möglichst einheitliche Glaubensweise durchzusetzen, blieb vom urreformatorischen Ideal der Glaubens- und Gewis­sensfreiheit im Laufe des 16. Jahrhunderts nur noch wenig übrig. Eine tolerante Reformation ohne Glaubenszwang war die unerfüllte Sehnsucht verfolgter Minderheiten. Und auf der katholischen Seite sehen wir im 16. Jahrhundert spiegelbildlich ebenfalls eine hasserfüllte Verteufelungsenergie und Gewaltbereitschaft in Glaubensfragen.

So blicke ich am Ende meines Vortrags und am Ende dieses Reformationsgedenkjahrs mit gemischten Gefühlen auf die Reformation zurück. Vieles fasziniert mich an ihr, vor allem der Wille zur Enthierarchisierung der Kirche, zu einer Kirche ohne Machtgefälle und Gewalt, die Antriebskraft einer neuen Glaubens- und Gewissensfreiheit, die theologische Aktivierung der Laien und Laienfrauen und das Vertrauen auf den bedingungslos liebenden Gott. Daran kön­nen wir heute anknüpfen, Evangelische, Katholiken und Kirchenferne. Zugleich aber haben wir die Chance, über die Reformation hinauszugehen, indem wir alle Verteufelungen und jede Form des religiösen Hasses hinter uns lassen. Für die Menschen des Reformationszeitalters war es unmöglich, religiöse und konfessionelle Vielfalt als Reichtum wahrzunehmen. Heute haben wir die große Chance, in einer offenen Gesellschaft diesen Reichtum der Vielstimmig­keit zu erkennen, mit den belastenden Gegensätzen im Geist der Toleranz, der Versöh­nung und klärender Gespräche umzugehen – als Christinnen und Christen immer im Bewusst­sein der grenzüberschreitenden Universalität des Christusgeistes der Liebe.

Hier der vollständige Vortrag mit Bildern als pdf.

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