„Das ist die Nacht, in die der Blitz von oben fährt …“ Hans Joachim Iwands Predigtmeditation über Matthäus 28,1-10 (Osternacht)

Hans Joachim Iwands Predigtmeditation über Matthäus 28,1-10 aus dem Jahr 1947 zeigt eine Expressivität, die sich über jegliche Textbesinnlichkeit hinwegsetzt:

Nicht zu irgendwem sagt der Engel: „Er ist auferstanden“, son­dern zu denen, die kommen, um „Jesus den Gekreuzigten zu suchen“. Es sind Frauen, die Jesus kennen. Es ist Maria von Magdala, die Jesus von ihren sieben Teufeln frei gemacht hat­te (Mark. 16, 9), Menschen, die ratlos, hoffnungslos, aus allen Himmeln gestürzt, in alle Abgründe gestoßen sind.

Gott hat verloren, und die Welt, die Welt der Priester und der Masse, die Welt der Legionäre und der rohen Gewalt hat gewonnen, was eben noch wahr zu sein schien, daß Himmel und Erde sich doch berühren, daß es doch mitten unter uns die Gottes­herrschaft, daß es Licht und Wahrheit gibt, daß der Angriff Gottes begonnen hat auf die Macht der Finsternis und daß die Fesseln fallen, die Schuld und Sünde, Krankheit und Tod um den Menschen legen, ist mit einem Mal zur Illusion geworden, was ist aller Atheis­mus der Heiden gegenüber diesem Gang zum Grabe des Jesus von Nazareth?

Wer Gott nie geglaubt hat, dem kann man auch Gott nicht totschlagen, wenn die Heiden sagen: es gibt keinen Gott, dann sagen sie im Grunde gar nichts, ihre Weisheit ist ein leerer Satz (eine Iden­tität), der nur die Hohlheit ihres Kopfes offenbart. Sie offenbaren damit nur, in welcher Welt sie leben. So lebt der Wurm, der jenseits der Lichtwelt vegetiert.

Aber Maria von Magdala hat einmal gesehen, wie der Himmel aufging, und die Jünger haben einmal gehört, was nicht von unten war, sie haben alle vor dem Geheimnis gestanden und das Wort Gott hat aufgehört, ein leeres, kraftloses, fernes Wort zu sein. Hier hinein trifft der Schlag, den die Welt mit dem Tode dieses Jesus von Nazareth beabsichtigte. Hier hat es einen anderen Sinn, wenn es heißt: Sie gingen, das Grab zu sehen! Das ist alles, was übrig geblieben ist, ein paar verstörte Jünger, verängstigte und verleugnende Christen, und zwei, drei Frauen, die die Liebe treibt, am Grabe ihres Meisters ihren Schmerz auszuweinen. Und über dem allen der Triumph der Welt, des Bösen, der rohen Gewalt und der frommen Diplomatie, über dem allen der Sieg der Mächte, die dekretiert haben, daß Gott hier unten nichts mehr zu suchen hat.

Das ist die Situation des Ostermorgens. Die Wahrheit ist als Schwärmerei erwiesen, die Mauer zwischen Gott und uns, zwischen seinem Reich und unserem Regieren ist neu gedichtet (beinahe wäre sie eingestürzt, aber es ist noch einmal gelungen, dieses Unheil zu verhüten!), der Tempel ist gesichert, der Tempelreiniger ist erledigt, Gott ist isoliert, das Evangelium ist in Acht und Bann getan, wo­ran Kaiphas und Pilatus ein gemeinsames Interesse hatten.

Das ist die Nacht, in der die Frauen zum Grabe gehen, der so verheißungsvoll leuchtende Morgen, der zum Weltenmorgen werden sollte. Sie wissen noch nicht, was das für ein Licht ist, das seinen Schein übers Gewölk wirft. Aber sie werden bald vor ihm stehen. Das ist die Nacht, in die der Blitz von oben fährt, das ist das Bündnis, das widernatürliche Bündnis zwischen Kirche und Welt, das sie über dem verur­teilten Jesus von Nazareth geschlossen haben, die Hohenpriester und die Herodianer, in das die Botschaft von dem anderen Bündnis einschlagen wird, von dem Bündnis zwischen Gott und diesem Erschlagenen.

Und das ist die Osterfreude, an die der Heilige Geist diese beiden Frauen als die ersten aus der Gemeinde der Verzweifelten heranrückt, als die vorge­schobenste Patrouille, auch hier die Schwachheit auszeichnend vor dem zerbrochenen Stolz der Männer, auch hier sein Werkzeug aus der Tiefe holend, um die zufriedene Welt nun doch aufs neue mit dem Gekreuzigten zu konfrontieren.

Nein, der Stein, den sie versiegelten, ist nicht der Schlussstein dieser Geschichte geworden. Und wenn sie es bis zum Äußersten trie­ben, dann wird auch vom Äußersten her, vom Tode her, der Gegenangriff Gottes einsetzen gegen das Märchen, dass man ihn totschlagen könnte, „wie es denn unmöglich war“, wird – sich selbst zum Zeugnis – bald Petrus predigen (Acta 2, 24), „wie er selbst gesagt hat“, hören hier die Frauen. Er musste sterben und so auferstehen – begreifen die Jünger schließlich durch den seltsamen Lehrer, der sich ihnen auf ihrem Schmerzensgang nach Emmaus zugesellte.

Und dies alles stellt hier in einem Licht, in einem sich selbst erweisenden Glanz, dass alle Zweifel schwinden; die Evidenz der Wahrheit selbst sitzt da auf diesem umgekehrten Stein, und das Grab wird nun selbst zum Zeugen, dass mit all dieser kühnen und bösen Kunst der Welt nichts, aber auch gar nichts gewonnen ist. Der Tote lebt, und im Grabe liegt nun der Tod selber. Hier ist er zu weit gegangen, es „war ein wunderlicher Krieg, da Tod und Leben run­gen, das Leben behielt den Sieg, es hat den Tod verschlungen“. Mors et vita duello con­flixere mirando, Dux vitae mortuus regna vivis. „Aber der tod traff nicht recht an, denn das leben war ewig“ (WA. 52, 248, 34).

Und während die Grabeshüter noch stumpfer und empfindungsloser daliegen, als sie vorher stumpfsinnig ihre Wache hielten – eine Warnung übrigens für alle die, die sich dingen lasten sollten, solch ein Geschäft an einem so gefährlichen Ort fernerhin je auszuüben –, setzt eine Zwiesprache zwischen dem Engel und den beiden Frauen ein, wie sie wohl so noch nie auf Erden geführt worden ist. Und wir hören davon nur einige Bruchstücke heraus, die uns aber zeigen, wohin dieser Engel sie weist: Sie sollen sich nicht fürchten, sie sollen ihr Herz anfüllen lasten von der „großen Freude“.

Hoffentlich ist der Botschaft, die vom offenen Grabe ausgeht, bis heute das anzumerken, dieses Begleitetsein von „Furcht“ (nun offenbar wieder der echten, der Gott geschuldeten Furcht) und der „großen Freude“. Diese Frauen haben etwas am Grabe gelernt, was man in keiner Schule lernen kann: sie haben den Zweifel gelernt, den Osterzweifel, der an allem zweifelt, an dem Tod und an dem Triumph der Mächte, die ihren Herrn ins Grab gelegt haben, an der ganzen Welt und ihrer Nacht und ihrer Sunde und ihrer scheinbaren Endlichkeit und Todesdichte, nur an einem nicht mehr: an Jesus. Im Angesicht des offenen Grabes fallen sie ihm zu Fußen und beten ihn an.

In dieser tiefen Nacht, da hinter dem Kreuz die dunkle, böse, regungslose Tarantel aufleuchtet in allen ihren giftigen Farben, sitzt der Engel in seinem reinen Kleid, sitzt wie nach getanem Werke, und spricht zu denen, die ins Angesicht der Tarantel schauen mußten: Fürchtet euch nicht! Freuet euch! Es ist alles nicht wahr. Wahr ist, was allein wahr sein kann. Daß Jesus nicht hier unten ist. Wahr ist, daß sich die Welt mit dieser Tat übernommen hat. Wahr ist, daß die Geschichte mit Jesus Christus weitergeht, so wie sie begonnen hat, in Galiläa und von Galiäa aus. Wahr ist, daß es heißen wird: tamen vicisti, Galilaee!

Hier der vollständige Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s