Julius Schniewind ( Was verstand Jesus unter Umkehr) über die Freude der Buße, die in Wirklichkeit Umkehr zu Gott ist: „Es ist die Freude der Gegenwart des Gottes, der die Sünder annimmt, die Verlorenen sucht; die Freude, da das Todesurteil im Zuspruch ewigen Lebens verschlungen ist, in der Gegenwart des Gekreuzigten, Auferstandenen, der selbst herrscht, wirkt und ruft, wo sein Wort vernommen wird.“

Julius Schniewind (1883-1948)
Julius Schniewind (1883-1948)

Auf Worte kommt es an. Zwischen „tut Buße“ und „kehrt um“ (Mt 4,17) liegt ein himmelweiter Unterschied. Dass in den neueren deutschen Bibelübersetzungen das griechische Verb metanoeo mit „umkehren“ bzw. das Substantiv metanoia mit „Umkehr“ (mit Ausnahme von Luther 1984/2017) einhellig übersetzt werden, verdankt sich unter anderem Julius Schniewind. Bekannt ist sein 1956 postum erschienener Aufsatzband „Die Freude der Buße. Zur Grundfrage der Bibel“. Darin findet sich unter anderem der schöne Aufsatz „Was verstand Jesus unter Umkehr?“, der ursprünglich im zweiten Teilband von Hans Asmussen (Hrsg.), Rechtgläubigkeit und Frömmigkeit. Das Gespräch der Kirche um die rechte Nachfolge Christi  (Berlin: Furche 1938, 70-84) erschienen ist. Zur Umkehrbuße schreibt Schniewind unter anderem:

„Buße ist Umkehr zu Gott. Das griechische Wort Metanoia ist die Übersetzung eines hebräischen Wortes, für das Luther im Alten Testament das Wort »Bekehrung« einsetzt. Das entsprechende Zeitwort gibt Luther wieder durch »sich bekehren«. Wir wählen statt dessen den Ausdruck »Umkehr«, weil das Wort »Bekehrung «, ähnlich wie das Wort »Buße«, bei uns nicht mehr den biblischen Vollklang hat. Bei Bekehrung denken wir zunächst an eine Änderung der äußeren Lebensform, denken daran, daß bestimmte offenkundige Sünden überwunden, bestimmte Lebensgewöhnungen geändert werden. Das biblische Wort aber bezeichnet zunächst unser Verhältnis zu Gott. Menschen, die von Gott weggekehrt sind, kehren um zu Gott. Menschen, die von Gott weggewandt waren, wenden sich zu Gott. Diese Wendung ergreift das gesamte Wollen, Fühlen, Denken und Tun der Menschen; aber die Wendung selbst ist eine völlige Umkehr der menschlichen Existenz, ein ganz neues Sein und Leben. […] Man mag fragen, ob die Freude, von der die Evangelien seit der Geburtsgeschichte (Lk 2,10) sprechen, über unserem Leben steht. Es ist die Freude der Gegenwart des Gottes, der die Sünder annimmt, die Verlorenen sucht; die Freude, da das Todesurteil im Zuspruch ewigen Lebens verschlungen ist, in der Gegenwart des Gekreuzigten, Auferstandenen, der selbst herrscht, wirkt und ruft, wo sein Wort vernommen wird. Nur wo diese Freude ist, wird Jesu Ruf zur Umkehr gehört, vernommen, verstanden.“

Was verstand Jesus unter Umkehr?

Von Julius Schniewind

1.

Unter »Umkehr« verstehen wir das Wort, das gewöhnlich mit »Buße« übersetzt wird. Dies Wort heißt auf Griechisch Metanoia; und das entsprechende Zeitwort wird ebenfalls zu­meist mit »Buße tun« übersetzt. Aber Luther kann es auch wiedergeben durch »sich bessern«: Lk 13,3.5; Mt 11,20; an der zweiten Stelle übersetzt er unmittelbar darauf das gleiche Wort mit »Buße tun« (Mt 11,21), »im Sack und in der Asche Buße tun.«

Luther zeigt mit dieser verschiedenen Form seiner Übersetzung, daß er den Klang der neute­stamentlichen Worte richtig gehört hat. Es geht um die Besserung des ganzen Lebens, in allen Taten und Werken; zugleich ergreift die Buße das tiefste Emp­findungsleben, sie bedeutet Reue und Leid unter allen Zeichen der Trauer.

Buße ist Umkehr zu Gott. Das griechische Wort Metanoia ist die Übersetzung eines hebräi­schen Wortes, für das Luther im Alten Testament das Wort »Bekehrung« einsetzt. Das ent­sprechende Zeitwort gibt Luther wieder durch »sich bekehren«. Wir wählen statt dessen den Ausdruck »Umkehr«, weil das Wort »Be­kehrung«, ähnlich wie das Wort »Buße«, bei uns nicht mehr den biblischen Vollklang hat. Bei Bekehrung denken wir zunächst an eine Ände­rung der äußeren Lebensform, denken daran, daß be­stimmte offenkundige Sünden überwun­den, bestimmte Lebens­gewöhnungen geändert werden. Das biblische Wort aber be­zeichnet zunächst unser Verhältnis zu Gott. Menschen, die von Gott weggekehrt sind, kehren um zu Gott. Menschen, die von Gott weggewandt waren, wenden sich zu Gott. Diese Wendung ergreift das gesamte Wollen, Fühlen, Denken und Tun der Men­schen; aber die Wendung selbst ist eine völlige Umkehr der menschlichen Existenz, ein ganz neues Sein und Leben.

In dem Gesagten ist gegeben, daß die beliebte Übersetzung »Sinnesänderung« für das neu­testamentliche Wort nicht genügt. Diese Übersetzung meint, den Ton des griechischen Wortes genau zu treffen. Allein die Urbedeutung des Wortes Metanoia, die gewiß mit »Sinnesände­rung« wiedergegeben werden kann, war zu der Zeit, als das Neue Testament geschrieben wur­de, längst vergessen. Wir können es uns am Sprachgebrauch deut­scher Wörter klarmachen. Niemand denkt zum Beispiel daran, daß unser Wort »Erfahrung« ursprünglich bedeutet: Je­mand erweitert durch »Fahren«, durch Reisen in der Welt, seinen Ge­sichtskreis und macht dadurch »Erfahrungen«. Für das, was in unserer gegenwärtigen Sprache unter »Erfahrung« zu verstehen ist, hat solches Forschen nach dem ursprünglichen Wortsinn nur sehr nebensäch­liche Bedeutung. — Zudem hat Jesus nicht das griechische Wort Metanoia gebraucht. Er hat aramäisch ge­sprochen und hat, wie es alle seine Worte beweisen, in den Schriften der Pro­pheten gelebt. Wenn Jesus spricht »Tut Buße!«, so nimmt er damit die Verkündigung der Pro­pheten wieder auf: »Bekehret euch! Kehret um zu Gott!« Diese Umkehr bezieht sich nicht auf den »Sinn« des Menschen als solchen, sondern sie ist Wendung zu Gott. Sie ist gewiß auch Änderung des Sinnes; ihr geschieht nicht Genüge in Stimmungen oder äußeren Taten; Gott verlangt das Herz, und seinem Gesetz (sagt Luther) »tut niemand gnug, es gehe denn von Her­zens Grund alles, was du tust«. Aber wo des Herzens Grund neu wird, wird auch das Tun und Wirken neu. Der Baum wird neu samt den Früchten. Um­kehr ist Wendung zu Gott, ist Buße und Besserung, Änderung des Sinnes und Änderung der Tat.

Wenn die Propheten von der Bekehrung reden, so stehen sie in einer doppelten Front. Bekeh­rung ist Umkehr von den fremden Göttern zu dem einen wahren Gott; und Bekehrung ist Um­kehr vom Stolz der eigenen Gerechtigkeit zur Gerechtigkeit Gottes. Die fremden Götter, die Baale, sprechen die Welt heilig und alles, was in ihr ist. Diesen fremden Göttern folgen, heißt Über­tretung aller Gebote Gottes, ein freches Sichausleben, unter dem Gottes Volk zugrunde gehen muß und zugrunde geht. Aber: Kehret zu Gott um! Wo dieser Ruf vernommen wurde, be­sonders deutlich angesichts nationaler Katastrophen, da verstand man ihn als den Aufruf zur Besserung des Lebens und der Lebenshaltung. Aber dabei bleibt das Herz unverändert. Der eigene Stolz bleibt ungebrochen; man glaubt, »Gottes Ge­rechtigkeit schon getan« zu haben. Gott kann doch gegen sein heiliges Volk keine Einwendungen erheben! Aber die Pro­pheten wenden sich gegen beide Gegner zugleich, gegen den Götzendienst und gegen die selbstsi­chere Gerechtigkeit. Doch sie wissen, daß es ein Wunder von Gott her ist, wenn Menschen aus ihrem eigenen, an die Welt und an das eigene Ich gebundenen Wesen herausgelöst wer­den, umgewendet zu Gott hin. »Kann auch ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken? So könntet auch ihr Gutes tun, die ihr des Bösen ge­wohnt seid« (Jer 13,23). »Bekehre du mich, Herr, so werde ich bekehrt, denn du, Herr, bist mein Gott« (Jer 31,18). Aber die Propheten wissen davon, daß Gott selbst sich zu den Ab­trünnigen wenden wird. Gott selbst wird sich zu denen kehren, die sich von ihm abgekehrt haben. Er wird die Sünden ver­geben; das bedeutet: Er wird alle die Trennung wegnehmen, die zwischen ihm und uns steht. Die Abtrünnigen, die fern von ihm sind und ihm fern bleiben müssen, werden einen beständi­gen, offenen, freien Zugang zu Gott haben. Das wird dann eine ganz neue Gestalt menschli­chen Lebens sein. Da wird jeder Gott keimen, da wird Gottes Gebot und Gesetz in die Herzen ge­schrieben sein (Jer 31,31-34). Alles, was Gottes Namen ent­heiligt hat, wird getilgt sein, abgewaschen, gesühnt; neue Herzen, neue Menschen werden sein, Menschen, in denen Gottes Geist wohnt, der Geist der heiligen Gegenwart Gottes (Hes 36,22-28).

2.

Der Ruf zur Umkehr, wie er von den Propheten her aus der Heiligen Schrift herüberklang, ist bis in die Zeit Jesu nicht ver­gessen worden. Man hat im damaligen Israel viel von Be­kehrung, Umkehr, Buße geredet. Man könnte geradezu sagen, daß der Pharisäismus eine Bußbewegung gewesen sei. Es geht den Pharisäern um ein Leben, das eine beständige Wendung zu Gott ist und das sich in allen Einzelheiten vom Gedanken bis zur Tat als Buße und Umkehr erweist. Es gibt Sprüche, die mit dem Satz anheben: »Groß ist die Buße.« »Groß ist die Buße, denn sie reicht bis an den Thron der Herrlichkeit.« »Buße er­rettet in der Stunde des Todes; darum soll der Mensch sein Lebelang im Stand der Buße erfunden werden.« Klingt das nicht ähnlich wie Luthers Satz, daß das Leben der Gläubigen eine unaufhörliche Buße sein soll? Aber das für Luther Entscheidende fehlt dem Pharisäismus ganz. Für Luther heißt »Buße tun« soviel wie »unter die Tauf kriechen«. Dies bedeutet, daß wir Gottes Todesurteil auf uns nehmen, wie es in der Taufe über uns ausgesprochen ist: Ihr seid gestorben, »ihr seid begraben«; »haltet euch dafür, daß ihr der Sünde gestorben seid«. Aber gerade dies unbedingte Todesurteil will der Pharisäer nicht gelten lassen. Er bringt seine Umkehr Gott als eine Leistung dar, und Gott nimmt es dann mit den Sünden der Seinen nicht so schlimm. So kommt es beim Pharisäer zu keiner »rechtschaf­fenen Frucht der Buße« (Mt 3,8), zu keiner »Frucht, die der Umkehr ent­spricht«.

Es ist Johannes der Täufer, der dies den Pharisäern auf den Kopf zusagt. »Wähnt nur nicht, daß ihr denken könnt: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken« (Mt 3,9). Bei der Buße der Pharisäer bleibt ein Rest tiefster Ungewißheit. Wird die Buße genügen? Welcher Mensch kann vorher ent­scheiden, wie Gott beim Jüngsten Gericht urteilen wird? Hier muß das Verdienst der Väter eintreten, Abrahams und aller Väter Verdienst. Aber Johannes der Täufer reißt diese Siche­rung ein. Es kommt bei der pharisäischen Buße nicht zu der Frucht, die von Gott gesucht wird; es kommt nicht zu einer neuen Existenz. Nur hierum aber geht es.

Die ganze Verkündigung des Täufers meint nur dies eine: Neue Existenz. Er »verkündet eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden« (Mk 1,4). Die Taufe des Johannes vollzieht Gottes Todesurteil. Jesus setzt in seinen Worten diese Bedeutung der Taufe voraus. Wenn er seinen Tod und den seiner Jünger eine »Taufe« nennt (Lk 12,50; Mk 10,38), so setzt er vor­aus, daß des Johannes Taufe ein Bild des Todes war. Die Taufe war ein Untertauchen, der Getaufte wird in der Wasserflut versenkt, »begraben durch die Todestaufe« (Röm 6,4). Die alte Existenz ist untergegangen, begraben, versenkt wie in einer Flut. Gott aber schafft, was er verheißen hat, neue Menschen. Die vorhin erwähnten Prophetenworte klingen an in Johannes’ Verkünden und Taufen. Seine Taufe verkündet die kommende neue Welt Gottes, Gottes Reich und Herrschaft, die kommende Vergebung der Sünden, den kommenden Weltrichter, der doch zugleich der Tilger der Sünden, der Geisttäufer ist.

Der eine wird kommen, von dem alle Propheten sprachen. Die Worte des Alten Testaments bestimmen weit über die vorhin angeführten Prophetenstellen hinaus Verkündigung und Tat des Täufers. Er weiß von dem einen, der als Weltrichter kommt, mit den Wolken des Him­mels kommt (Dan 7), und der doch zugleich der Gottesknecht sein wird, auf dem Gottes Geist ruht und der die Sünde tilgt. In dem einen, der kommen soll, erfüllen sich alle Worte des Al­ten Testaments von der Vergebung und dem Geist, alle Worte des Gerichtes und der Verhei­ßung.

Gegen diesen Ruf der Umkehr haben sich die Frommen ver­schlossen. Daß es so schlimm um sie bestellt sein sollte, konnten sie nicht glauben (Mt 21,32). Dem Todesurteil Gottes recht zu geben (Lk 7,29.30), war ihnen nicht möglich. Johannes nennt sie »Schlangenbrut« (Mt 3,7). Gottes Gericht kümmert sich nicht um das, was die Frommen unter Umkehr verstehen, es fragt nach der Frucht (Mt 3,8). Gottes Gericht geht über das ganze Abrahamsvolk ohne Aus­nahme, Gott kann sich ein neues Volk aus den Heiden schaffen (Mt 3,9). Ganz Israel gilt vor Gott, wie die Heiden draußen, dem Gericht verfallen.

Was das sein würde, Frucht, das wird gerade an den Heiden gezeigt, die zu Johannes kommen (Lk 3,12-14). Die Zöllner und die Soldaten kommen zu ihm, und er sagt ihnen, was für sie »Umkehr« heißt: nichts anderes als die schlichte Erfüllung der zehn Gebote bis ins letzte hinein.

3.

Der eine, von dem Johannes gesprochen hat, ist gekommen. Da Jesus auftritt, nimmt er den Ruf des Täufers wörtlich auf (Mt 3,2 = 4,17): »Kehret um, denn Gottes Herrschaft hat sich genaht.«

Nur Matthäus berichtet Jesu Predigt genau mit den gleichen Worten wie die Predigt des Täu­fers. Aber er hat gewiß recht mit dieser Überlieferung. Was wir vom Täufer gehört haben, zeigt, daß in seiner Predigt beides in einem lag, der Ruf zur Umkehr und das Wissen um Got­tes kommende Herrschaft, da er mit den Worten der Propheten das bevorstehende Gericht und den nahenden Geistestäufer beschrieb. Auf der anderen Seite ist es gewiß, daß Jesu gesamte Predigt ein Ruf zur Umkehr ist, ein Bußruf.

Man hat von den ältesten Zeiten an versucht, hier irgend etwas zu mildern. Man hat entweder den Täufer nur als den düsteren Bußprediger verstanden und die verheißenden Worte der Sün­denvergebung bei ihm überhört. Oder aber man läßt in Jesu Worten den Ruf der Umkehr ver­hallen. Es gibt alte Hand­schriften zu Mt 4,17, in denen Jesu Wort zu dem Sätzchen ver­kürzt ist: »Gottes Herrschaft hat sich genaht.« Das ist gewiß keine ursprüngliche Überlieferung, sondern ein Versuch, die Tat­sache zu umgehen, daß Jesus genau dasselbe sagt wie der Täufer.

Aber es ist nicht zu leugnen: Jesu ganze Predigt ist Bußruf, Ruf zur Umkehr. Das Wort »Um­kehr« haftet sehr fest in der Über­lieferung von Jesu Worten. Das zeigt sich nicht nur in den Stellen, von denen wir ausgingen (siehe oben S. 19) Lk 13,3.5 und Mt 11,21 (=Lk 10,13), sondern ebenso im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,7.10), im Spruch von der Begeg­nung der Heiden mit Israel beim Jüngsten Gericht (Mt 12,41 = Lk 11,32), im Wort von der Berufung der Sünder, nicht der Ge­rechten (Lk 5,32). — Mehr als das: Jesu Reden und Wirken ist in dem einen Wort zusammengefaßt, das seine Feinde spöttisch von ihm sagen: »der Zöll­ner und der Sünder Freund« (Mt 11,19 = Lk 7,34; Mk 2,16; Lk 15,2[1]), Das bedeutet nimmer­mehr, daß hier schwarz weiß genannt wird, daß das Böse nicht mehr Sünde heißt, da doch Jesus die Sünder annimmt. Jesus ruft die Sünder zur Umkehr (Lk 15,7.10), er ruft Menschen, die sich von Gott und seinen Geboten weggekehrt haben, zu Gott zurück. So sagen es alle Gleichnisse von Lk 15, so alle Geschichten von Jesu Sünderfreundschaft (Mk 2,1ff.14ff.; Lk 5,8ff; 7,36ff.; 19,1ff.), so das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner (Lk 18,9ff.); so — davon wird besonders zu sprechen sein — der ganze Kampf Jesu gegen die Pharisäer. — Aber mehr als das: Jesu gesamte Verkündigung ist Bußruf. Vor anderen Theologen war es Adolf Schlat­ter, der dies verstanden hat. Er hat es uns eingeprägt, daß alles, was von Jesu Würde zu sagen ist, nur von seinem Bußruf her verstanden werden kann. Im Bußruf liegt die ganze Würde Jesu als des Sohnes Gottes. Der die Sünder ruft, ist der, welcher Sünde vergibt wie Gott selbst (Mk 2,5 ff.; Lk 7,48ff.; dasselbe wird auch in den Gleichnissen Lk 15 gesagt, s.u. S. 32); die unbußfertigen Frommen weisen ihn ab, weil sie es merken, daß hier der eine Sohn Gottes vor ihnen steht (Mk 12,7; 14,61); die ganze Bergpredigt ist nicht das Programm der »sittlichen Forde­rungen Jesu«, sondern sie ist der Bußruf Jesu, in entscheidenden Worten zusammenge­faßt, die jeden Hörer ausnahmslos zum Tode verurteilen, aber das Todeswort hineinschließen in das Wort der Zusage, der Vergebung, der Verheißung, und diese Verheißung ist Jesus selbst als der eine Sohn Gottes.

Dies alles ist im einzelnen zu entfalten.

4.

Jesu Ruf zur Umkehr setzt den Ruf des Täufers voraus. Immer wieder schließt sich Jesus mit dem Täufer zusammen. Er schließt sich mit ihm zusammen, da sie beide Boten der Weisheit Gottes sind (Mt 11,19 = Lk 7,35); Israel weist sie beide ab. Nach seiner Vollmacht befragt, stellt er die Gegenfrage nach der Vollmacht des Täufers (Mk 11,30ff.). Das ist kein Spiel des Scharfsinns, den Gegner zu widerlegen; sondern die Stellung der Hörer Jesu zu ihm entschei­det sich in der Tat daran, ob sie das Wort ver­nehmen und anerkennen, das in der Taufe des Johannes über sie gesprochen ist.

Dies Wort heißt Todesurteil — wir haben es gehört. Jede Dar­stellung der Predigt Jesu, in der dies Urteil erweicht wird, läßt ihn Geringeres sagen, als schon der Täufer verkündete. Es gibt kein Zurück hinter das Wort des Täufers. Jede Darstellung der Lehre Jesu, nach der sein Urteil unsere Feindschaft gegen Gott als harmlos angesehen hätte, verkennt den Ausgangspunkt, an dem Jesus anhebt, verkennt, was Jesus bei seinen Hörern vor­aussetzt.

Jesus setzt das Todesurteil unausweichlich fest, das in des Jo­hannes Taufe ausgesprochen war. Aber er nimmt auch die Ver­heißung, die über den Getauften stand, in sein Wort, Tun und Leiden hinein. Was über der Johannestaufe nur als Verheißung stand, wird in Jesu Worten denen zugesprochen, die »Ohren haben zu hören«: die neue Existenz des ewigen Lebens, die Wiedergeburt, die Vergebung.

Jesu Worte sind durchzogen von der Verkündigung des unaus­weichlichen Gerichts (Mt 7,21ff.; 25,31ff.; 5,21ff.29f.; 7,2; 11,24; 12,41f.; 13,41-44 u.v.a.), von der Warnung vor un­vergebbarer Sünde (Mk 3,28ff.; 9,50), von der Drohung ewigen Todes (Mt 25,46; 7,19); und noch stärker als irgendwo sonst im Neuen Testament wird in Jesu Worten von der Hölle gere­det, von der ewigen Gottesferne (Mt 5,22.29; 10,28; 23,33; Mk 9,43ff.). So sind es nicht Aus­drücke einer bildlichen Sprache, sondern Wirklichkeiten, wenn Jesus von den Toten redet, die ihre Toten begraben (Mt 8,22 = Lk 9,60), oder wenn im Gleichnis vom verlorenen Sohn ge­sagt wird: »Dieser mein Sohn war tot und ist lebendig geworden« (Lk 15,24.32). Die »Toten« sind Menschen, die von Gott geschieden sind und deren Leben darum unter dem Urteil ewiger Todesverfallenheit steht.

Dies Urteil wird in Jesu Worten über seine Hörer verhängt. Dies ist der Sinn der Bergpredigt, besonders des Abschnittes Mt 5,21-48. Jesus verkündet hier keine neue Moral, entfaltet keine neuen ethischen Erkenntnisse. Daß der Haß soviel ist wie der Totschlag (Mt 5,22), das wußten die Pharisäer auch schon. Ebenso wußten sie schon, daß der böse Blick soviel ist wie böse Tat (Mt 5,28), und sie suchten durch größte Sorgfalt sich vor jeder Versündigung zu hüten. Sie wußten auch (Mt 5,33ff.), daß Gott über jedes Wort wacht, daß er jede Entehrung seines Na­mens ahndet, und sie umgingen mit immer genauerer Sorg­falt alle Entweihung des Gottes­namens. Aber Jesus nimmt dies alles nicht als bedeutsame ethische Erkenntnis auf oder als Rat, die Lebensgewöhnungen zu verbessern, sondern er fällt in seinen Worten das unaus­weichliche Gericht, das Gericht der Hölle (Mt 5,22.25.26.29), das Gericht des Jüngsten Tages (12,36.37). Dasselbe sagt das Wort vom Richten (Mt 7,1.2; ebenso ist gemeint Mt 5,22; 6,14f.). Da wir alle vor Gott als die Schul­digen stehen (Mt 6,12; 18,23ff.; 7,11), wie kann einer gegen­über dem anderen sich die Stellung des Weltrichters anmaßen? Gott wird den richten, der das tut. Wer aber wäre hier un­schuldig?

Doch über diesem Todesurteil steht das Urteil des Lebens. Auch die Seligpreisungen am An­fang der Bergrede sprechen von Gottes zukünftigem Gericht. Da werden die Trauernden ge­tröstet, die nach Gerechtigkeit Hungernden gesättigt, da werden die Friedensstifter Gottes Söhne genannt werden. Jesus spricht diese Freudenbotschaft denen zu, die vor Gott arm sind, vor ihm keinen Anspruch haben, ihm nichts zu bringen haben — »wir sind Bettler, das ist wahr«, ist Luthers letztes Wort, das man am Morgen nach seinem Tode von ihm geschrieben fand. Die vor Gott wie die Kinder sind, hilflos wie die Kinder, denen gehört Gottes Reich und Herrschaft (Mk 10,15; Mt 18,3). Das sind die, die sich selbst nicht kennen; dies bedeutet: »sich selbst ver­leugnen« (Mk 8,34 u.ö.). Es sind die, »die ihr Kreuz auf sich nehmen« (Mk 8,34 u.ö), die es von sich wissen, daß ihr Leben zum Tode verurteilt ist. Sie wissen nicht um ihre eigenen »guten Werke« (Mt 25,34ff.); die Rechte weiß nicht, was die Linke tut (Mt 6,3); die Werke, die hier geschehen, sind ja nicht des Men­schen eigene Werke, sie preisen nicht den Täter, sondern den Vater im Himmel (Mt 5,16).

Jesus spricht dies alles seinen Jüngern zu. Er spricht es denen zu, die ihm nachfolgen, und Nachfolge heißt nicht »Nachahmung«, sondern ein Leben »mit Jesus«, unter seinem Wort und in seinem Gefolge. Er spricht die Seinen von sich selber los, da er selbst sein Leben gegeben hat, das Leben der vielen, das dem Tod verfallen ist, zu lösen (Mk 10,45; vgl. Mk 8,36; Lk 17,33). Er ist nicht gekommen, das Verderben zu bringen, das Gericht zu voll­strecken, son­dern er kommt, Gottes ewiges Heil zu schenken (Lk 19,10; vgl. 1Tim 1,15). Er, der eine Sohn Gottes, spricht denen die Sohnschaft Gottes zu, die sein Freudenwort, sein Evangelium ver­nehmen (Mt 5,9.16.45.48).

Deshalb ist Jesu Bußruf Freudenbotschaft. Markus stellt beides nebeneinander, Buße und Evangelium (Mk 1,15): »Kehrt um und trauet auf die Freudenbotschaft.« Aber beides ist eins. Jesu Ruf gilt den Sündern und nur den Sündern (Mk 2,17), den vor Gott Armen und Hilflosen. Aber dieser Ruf ist Freudenwort! Jesus nimmt die Sünder in seine Gemeinschaft; er hält mit ihnen das Mahl (Mk 2,16; Mt 11,19; Lk 15,2); und man hat mit Recht gesagt, daß alle Tisch­gemeinschaft Jesu die Art des zukünftigen Freudenmahles getragen hat, des großen Abend­mahles im Reich Gottes; unter dem Bild der Tischgemeinschaft wird Gottes zu­künftige Welt immer wieder beschrieben (Mt 8,11; Lk 14,15ff.), noch beim Abendmahl des Herrn (Mk 14,25) und bei den Er­scheinungen des Auferstandenen (Lk 24,30; Joh 21,13; Apg 10,41). Ja es ist Freude, zu Gott umzukehren. So steht es über den Gleichnissen vom verlorenen Schaf, Groschen und Sohn (Lk 15,6f.9f.23f.32), so über der Erzählung von Zachäus (Lk 19,6). So ist noch das Fasten, sonst ein Zeichen der Trauer und der Entsagung, bei Jesus Freude (Mt 6,17f.); ja, in seiner Ge­meinde ist nicht mehr Trauern und Fasten und Bußübung, denn hier ist der Bräutigam, hier ist Gottes ewige Freudenzeit an­gebrochen (Mk 2,19).

Aber hierin hebt sich nun Jesus vom Täufer ab. Das wird mehr­fach ausdrücklich gesagt (Lk 5,33; Mt 11,16ff.). Der Täufer er­wartet den kommenden Weltrichter, der die Tenne fegt und die Spreu mit ewigem Feuer verbrennt (Mt 3,12); wenn er das Gericht vollzieht, wird er die Seinen retten, ihnen alle Sünden vergeben, sie mit. dem Geist taufen, ihnen die neue Existenz ewigen Lebens schenken. Aber Jesus kommt nicht mit dem ewigen Gericht, sondern als der Freund der Sünder, als der ge­duldige Gottesknecht, der das Verstoßene nicht verwirft (Mt 12, 20) und das Gericht auf sich selbst nimmt (Mk 15,34; Lk 23,31), da er in den Tod geht für die vielen. Ja, er ist der Weltrichter! So wird es in den großen Gemälden der Gleichnisse und Sprüche geschildert (Mt 7,21ff.; 13,24ff.; 25,31ff.); so sagt es das eine Wort »Menschen­sohn«, denn der Menschensohn ist der Welt­richter, von dem Dan 7 sprach. Dieser Menschen­sohn ist Jesus selbst. Aber er kommt nicht zunächst mit den Wolken des Himmels, sondern als ein Armer, verachtet und verspottet (Mt 8,20; Mk 2,10), hier auf Erden, und nicht der Men­schen Seelen zu verderben, sondern Sünde zu vergeben (Lk 19,10; Mk 2,5.10), auf dem Wege zum Kreuz (Mk 8,31 u. v. a.). Er vergibt Sünde wie nur Gott allein (Mk 2,7; Lk 7,49); wer ist der, der Sünde vergibt? — Es scheint, daß der Täufer selbst an Jesu irre werden will, da dieser in so niedriger Gestalt, in solcher Ver­borgenheit erscheint. Der Täufer liegt im Gefängnis, und kein Weltrichter zerschmettert die Feinde Gottes, und er fragt, ob Jesus wirklich der »Kom­mende« sei (Mt 11,2ff.; vgl. Mt 3,11). Jesus aber kündet ihm die Freudenbotschaft der Armen, — »und wohl dem, der nicht an mir zu Fall kommt« (Mt 11,5.6).

5.

Wo Jesu Ruf zur Umkehr vernommen wird, läßt er die Men­schen nicht, wie sie waren. »Sün­dige hinfort nicht mehr«: das wird ausdrücklich (Joh 5,14; 8,11) oder auch ohne ausdrückli­ches Wort (Joh 3,5 ff., vgl. 7,50 u. 19,30; 4,17f.; Mt 12,43ff = Lk 11,24ff.) immer neu gesagt. Das Johannesevangelium hat hier eine besonders reiche Überlieferung, wie es auch ausdrück­lich das Wort »Wiedergeburt« bringt (Joh 3,3.5), das unausgesprochen hinter all den Sprü­chen der drei ersten Evangelien stand (Mk 8,34; 9,43ff; Lk 17,33 u.a.).

Alle Sprüche der Bergrede gehören hierher. Sie sagen es Jesu Jüngern zu, daß bei ihnen ein neues Leben sein wird: die Er­füllung aller Seligpreisungen; die Erfüllung des Gesetzes Gottes (Mt 5,3-10.17.20); die Überwindung des Hasses, die neue Ehe, das neue Wort, die neue Stel­lung zum Geld (Mt 5,23-26.38ff.31f.; 37; 6,19ff.); ein neues Herz, ein neuer Dienst des Näch­sten, ein neuer Gottesdienst, ein neues Wohltun (Mt 6,21; 12,34; 5,13 ff.; 7,12; 6,1ff.). Dies alles aber ist ein Wunder: den Menschen unmöglich, aber nicht unmöglich bei Gott (Mk 10,23ff.). Unter dem Zuspruch Jesu wird solch ein Leben verheißen, aus den Kräften der zu­künftigen Welt Gottes (Hebr 6,5), in der Gegenwart Gottes, in Gottes Kindschaft (Mt 5,23f.31f.; vgl. Mk 10,6-9; Mt 5,34-36.39.42.44ff.); unter Jesu Zuspruch, der Todesurteil und Lebensverheißung in einem ist. Umkehr zu Gott, das heißt unter dem Zuspruch Jesu stehn und bleiben.

Alle Erzählungen von der Nachfolge gehören hierher. Es sind zumeist Erzählungen eines dro­henden Ernstes; wir reden gern von »Erziehung« der Jünger, aber das betreffende biblische Wort bedeutet vielmehr »Züchtigung« (Luther hat das ganz richtig übersetzt), ein immer er­neuter Ruf in die Nachfolge des Kreuzes, ein immer erneutes Todesurteil, das im Zuspruch ewigen Lebens verschlungen ist. Wir überhören vielleicht, da uns die Worte allzu vertraut sind, was Jesus seinen Jüngern sagt. Er nennt Petrus einen Satan, einen Anstoß, an dem er, Jesus, zu Fall kommen könnte, ein »Ärgernis«, das ihn zum Argen treiben will (Mt 16,23). Er spricht gerade von seinen Jüngern als von einer »ungläubigen und verkehrten Art«, unter der er leidet (Lk 9,41), leidet bis in den Tod, da nicht einer mit ihm wachen kann, da sie ihn alle verlassen, Petrus ihn verleugnet, Judas ihn verrät. Es wird geflissentlich immer neu erzählt, wie Jesu Jünger ihn mißverstehen, von Anfang an bis zuletzt (Mk 6,52; 8,21; 10,13.35ff.; Lk 9,41 u.ö.; Joh 6,60ff.; 11,8; 14,5.8; 16,6f.). Unser Thema «Was verstand Jesus unter Um­kehr?« würde in biblischer Fassung vielleicht heißen: »Wer versteht Jesu Ruf zur Umkehr?«

Luthers erste These hat die Evangelien recht verstanden: »Da unser Herr und Meister Jesus Christus sagt: Tut Buße, so will er, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.« Man darf nicht einwenden, die Evangelien redeten von der Zeit vor der Auf­erstehung, und nach Ostern und Pfingsten seien die Jünger um­gewandelte Leute. Es braucht nur daran erinnert zu werden, wie uns in der Apostelgeschichte und im Galaterbrief Petrus und Paulus beschrieben werden, keineswegs im Goldglanz der Heiligenlegende; und alles, was uns die Briefe des Neuen Te­sta­ments vom neuen Wandel der Christen sagen, ist in Worten zu­sammengefaßt, die immer neu daran erinnern, daß wir mit Christus gestorben sind und mit ihm als dem Auferstandenen leben, und daß dies als Gottes Urteil in der Taufe über uns steht; und es gilt nur, dies einmal vollzogene Urteil immer neu zu hören und in alle Einzelheiten des Lebens hinein anzuwenden (Röm 6; Kol 2,6-3,17; Eph 4,17ff.). Es besteht auch kein grund­sätzlicher Unterschied zwi­schen der Verkündigung der Evan­gelien und der Briefe. Die Evangelien sind von der Aufer­stehung her und auf die Auferstehung hin geschrieben. Sie verkünden denselben Jesus, den die Gemeinde als ihren auf erstandenen Herrn anruft. Und alle die Geschichten vom Ungehor­sam und Unverstand der Jünger sind der Gemeinde des erhöhten Christus zur Lehre geschrie­ben. Alle Worte des Herrn aber, die er auf Erden spricht, redet er als der Menschensohn, der einst der Welt­richter sein wird; in die Herrschaft des Weltenrichters ist er erhöht durch die Auferstehung.

Den Jüngern Jesu gilt auch, was vom Kampf Jesu gegen die Pharisäer erzählt wird. Es ist wieder Adolf Schlatter gewesen, der uns gelehrt hat: Die erste Gemeinde Jesu, die uns die Über­lieferung der Evangelien schenkt, steht unter der heiligen Furcht Gottes, es könne ihr ebenso ergehen, wie es Israel ergangen ist. Die Gleichnisse Jesu schildern uns den unversöhn­lichen Jünger, den auf die eigene Leistung vertrauenden, den zum Festmahl nicht bereiteten, den im Gebet trägen, den frechen und stolzen, der sich über andere überhebt. Die Gerichts­worte Jesu reden von denen, »die Gesetzloses tun« (Mt 7,23; 13,41; 24,12), die sich gegen Gottes Gebot auflehnen. Und es ist oft nicht klar zu ent­scheiden, ob Jesu Worte das ganze Volk Israel oder die Frommen (die Pharisäer) oder Jesu Jünger meinen. Die eigentliche Sünde des Pharisäers ist die Unbußfertigkeit, und die Evangelien geben der Gemeinde den Ruf Jesu weiter, wie er an die Pharisäer er­gangen ist.

Was fehlt den Pharisäern? Jesus redet auch von groben Dingen, von Ehebruch und Geldgier, und man soll diese Worte nur ja nicht abschwächen (Mk 8,38; Mt 12,39; Lk 16,14; Mk 12,40). Aber man darf sie auch nicht verallgemeinern; nicht bei allen kommt es zu jeder bösen Tat. So ist es auch nicht ironisch ge­meint, wenn Jesus von den Pharisäern wiederholt als von den »Gerechten« redet (Mk 2,17; Lk 11,7; vgl. 31f.). Der ältere Sohn ist wirklich beim Vater geblieben (Lk 15,25ff.), die Ar­beiter im Weinberg haben des Tages Last und Hitze getragen (Mt 20,9ff.), Simon der Pharisäer hat wirklich geringere Schuld als die große Sünderin (Lk 7,41ff.), der Pharisäer im Gleichnis hat wirklich Opfer gebracht, Gott zu dienen (Lk 18,9ff.). Aber aus dem allen machen sie einen Ruhm des Menschen, den eigenen Ruhm vor Menschen und Gott (Lk 16,15; 18,9ff.; Mt 6,1ff.); als wäre es nicht Gottes Erbarmen, das den Sohn an allem Gut des Vaters teilhaben ließ (Lk 15,31), das dem Sklaven, der ihm dient, die ewige Gabe schenkte (Mt 20,14f.); als ginge es bei allen »guten Werken« des Erbarmens, beim Be­ten und Fasten nicht lediglich um den Vater im Himmel, der sich zu uns neigt (Mt 6,1-18). — So aber bricht dann der Stolz des Pharisäers heraus in seiner Erbarmungslosigkeit (Mt 9,13; 12,7), die den er­barmenden Jesus lästert, verstößt und tötet, die den Verlorenen verachtet, der sich zu Gott heimfindet (Lk 15,1f.25ff.; 7,39ff.) und den von Gott in letzter Stunde Angenom­menen beneidet (Mt 20,13ff.).

Von da aus kommt es denn allerdings zu jeder bösen Tat, eben bis dahin, daß Gottes Sohn von Gottes eigenem Volk getötet wird, bis hin zur unvergebbaren Sünde, da Gottes Geist gelästert wird (Mt 12,32). Gerade weil der Pharisäer in seiner Schulung und Zucht weiß, wie tief die Schuld reicht, bis in das Wollen des Herzens (siehe oben S.26 zu Mt 5,22.28.33ff.), gerade darum weicht er dem Todesurteil aus, wie es in des Johannes Taufe und in Jesu Wort und Tat über ihn gefällt wird. Da hilft denn kein gutes Werk. Man muß Abschnitte wie Mt 15,1-20 und Mt 23,1-36 nur recht verstehen. Hier wird nicht vor Heuchelei in dem uns vertrauten Sinn gewarnt, als ginge es um Menschen, die sich bewußt verstellen. Die Heuchelei besteht vielmehr darin, daß die innerste Bosheit des Herzens versteckt wird unter vielerlei Tun, das sich, soweit es geht, nach Gottes Geboten richtet, aber sie in ihrer eigentlichen und letzten Forderung übertritt.

Und doch ist es nur das Evangelium Jesu, was die Pharisäer ablehnen. Das Freudenwort, das nur den Armen gilt (Mt 11,5; 5,3ff.; Lk4,18), der Ruf der Umkehr zu Gott, der nur den Sün­dern gilt und nicht den Gerechten (Mk2,17). Aber nun ge­winnt dies Wort, das zunächst ganz ohne Ironie ernst zu nehmen war, den Klang des letzten Gerichts. Euch fehlt ja nichts, ihr Gerech­ten! Du brauchst mich ja nicht, Simon (Lk 7,44 ff.); deine Schuld ist ja so klein; wie hättest du Anlaß, mir Liebe zu erweisen?

Die Frage: »Wer versteht Jesu Ruf zur Umkehr?« steht über seinem Kampf gegen die Phari­säer, steht über den ganzen Evan­gelien. Und doch hieße es nur, den zu verstehen, dessen Ruf Freude ist. Er selbst ist die Wendung Gottes zu den Menschen. Er ist die Vergebung Gottes in Person, die Zuwendung Gottes zu den Todverfallenen (siehe o. S. 22 f.). Er ist die Gegenwart der ewigen Herrschaft Gottes unter den Menschen (Mt 12,28; Lk 17,20f.). Alle Geschichte und Worte der Evangelien sind so gemeint, daß hier Gott zu uns Menschen kommt. Gerade auch die Gleichnisse von Lk 15 sind so gemeint. Denn hier beschreibt Jesus sein eigenes Han­deln, das ihn zu den Sündern treibt, in Gleichnissen, mit denen Gottes Handeln und Tun be­schrieben wird.

6.

Die Frage, ob wir Jesu Ruf zur Umkehr verstehen, soll uns nicht loslassen. Jesu Ruf ist nicht verstanden, wo man meint, man könne in irgendeiner Weise Christus »zum Sündendiener ma­chen«, wo man »Gottes Gnade auf Mutwillen zieht«. Sein Ruf ist nicht verstanden, wo Jesu Freudenwort dazu mißbraucht wird, über Gottes Gericht zu spotten und das Böse gut zu nen­nen.

Jesu Wort wird auch nicht verstanden, wo man meint, ihm durch irgendwelche Neuformungen unseres Lebens schon genug getan zu haben. Gewiß formt sein Wort ewigen Lebens auch un­ser irdisches Leben bis in die letzten Einzelheiten, angefangen von der Stille des Gebets bis hinein in die Gestaltung des Alltags. Aber man mag bei manchen Ansätzen ernster Umkehr fragen, wie etwa in pietistischen Erweckungszeiten gefragt wurde: ob die Buße tief genug ge­gangen sei oder tief genug gehe. Man mag mit Luther fragen, ob die Buße bis auf unsere Ur­sünde gehe, auf unsere Übertretung des Ersten Gebotes. Darin, kann Luther sagen, hebe die rechte Buße an und bestehe sie immer neu, daß man das Wort begreift: »An dir allein habe ich gesündigt« (Ps 51,6).

Und man mag fragen, ob die Freude, von der die Evangelien seit der Geburtsgeschichte (Lk 2,10) sprechen, über unserem Leben steht. Es ist die Freude der Gegenwart des Gottes, der die Sünder annimmt, die Verlorenen sucht; die Freude, da das Todesurteil im Zuspruch ewigen Lebens verschlungen ist, in der Gegenwart des Gekreuzigten, Auferstandenen, der selbst herrscht, wirkt und ruft, wo sein Wort vernommen wird. Nur wo diese Freude ist, wird Jesu Ruf zur Umkehr gehört, ver­nommen, verstanden.

Quelle: Julius Schniewind, Geistliche Erneuerung, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1981, S. 23-38.


[1] Die Worte der Evangelien wurden nicht immer mit allen Stellen ihres Vorkommens angeführt. Zu sämtlichen ange­führten Stellen aus Markus gibt es Parallelen bei Matthäus und Lukas.

Schniewinds Aufsatz „Was verstand Jesus unter Umkehr“ findet sich hier als pdf.

Außerdem ein zweiter Text Schniewinds „Das biblische Wort von der Bekehrung“ als pdf.

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