Günther Anders, Die Antiquiertheit des Hassens (1985): „Was ich nun auszusprechen im Begriff stehe, wird in den Ohren Friedliebender (auch in meinen) furchtbar klingen, aber es ist unverschweigbar: Gerade die Hasslosigkeit, die Hassunfähigkeit der In­strumente, gerade dieser Defekt ist es, an dem wir zugrunde gehen werden. Gute Zeiten waren das, als Krieger einander noch bedrohten und abschlachteten und als Kriege noch von Hassfähigen geführt wur­den. Die waren noch immerhin Menschen gewesen. Und die einander Hassenden konnten unter Umständen auch einmal aufhören, zu has­sen; und damit auch aufhören, zu kämpfen; und damit auch aufhören, zu vernichten; oder vielleicht sogar anfangen, einander zu lieben.“

Die Antiquiertheit des Hassens Von Günther Anders Erstes Stück: Vorgedanken I «Sie hassen nichts?» «Doch», antwortete Zeno. «Etwas schon.» «Und … Mehr

Thomas Mann, Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft (1930): „Gespeist also von solchen geistigen und pseudogeistigen Zuströmen, vermischt sich die Bewegung, die man aktuell unter dem Namen des Nationalsozialismus zusammenfaßt und die eine so gewaltige Werbekraft bewiesen hat, vermischt sich, sage ich, diese Bewegung mit der Riesenwelle exzentrischer Barbarei und primitiv-massendemokratischer Jahrmarktsroheit, die über die Welt geht, als ein Produkt wilder, verwirrender und zugleich nervös stimulierender, berauschender Eindrücke, die auf die Menschheit einstürmen.“

Deutsche Ansprache. Ein Appell an die Vernunft (1930) Von Thomas Mann Meine geehrten Zuhörer, — ich weiß nicht, ob ich … Mehr

Klaus Scholder, 1945. Das Jahr ohne Vergleich: „Es stellte sich heraus, dass die Generation, die die Katastrophe überlebt hatte, nicht nur entschlossen, sondern auch fähig war, einen demokratischen Staat zu gründen und zu erhalten. Diese Entschlossenheit und Fähigkeit zu demokratischen Formen aber bedeutete tatsächlich zugleich eine überzeugende und wirkungs­volle Absage an das Dritte Reich. Es war eine Absage, die Bestand hatte – auch wenn sie viele Fragen offenließ. So hat eine ausdrückliche Auseinandersetzung über Schuld und Verantwortung der Deutschen bisher kaum stattgefunden. Vielleicht war das von der Generation der Betroffenen auch nicht zu erwarten. Aber wir sind aus dieser Frage nicht entlassen.“

1945. Das Jahr ohne Vergleich Von Klaus Scholder Das Jahr 1945 war ein Jahr ohne Vergleich. Kein Deutscher, der es … Mehr

Paul Ricœur, Das Recht zu strafen (Le droit de punir, 1958): „Wenn das Leiden Christi einen Sinn hat, dann doch den, alle Sühne zu erfüllen und abzuschaffen. Das Leiden Jesu Christi ist die einzige und die letzte Sühne, und wie immer man es versteht, ob man sagt, es sei, weil die Sühne wahr ist und dann ist sie erfüllt, oder ob man sagt, sie sei falsch und dass es gerade keine Sühne gibt, weil Christus nicht gesühnt hat, sondern sich selbst umsonst hingegeben hat, wie man die Frage auch entscheiden mag, indem man sagt, dass die Sühne tot ist, weil sie erfüllt ist oder weil sie überwunden ist – wenn das Leiden Jesu Christi einen Sinn hat, kann nichts und niemand etwas zur Sühne Christi hinzufügen. Der Tod Christi ist der Tod der Sühne.

Das Recht zu strafen (Le droit de punir, 1958) Von Paul Ricœur Der Ausgangspunkt meiner Überlegung ist der Versuch, das … Mehr

Kornelis H. Miskotte über den Gemeinsinn (1958): „Echter Gemeinsinn lebt nur da, wo der Mensch die Gemeinschaft als einen hohen Wert an sich erkannt hat und sein Leben danach richtet. Die heutige akute Vertrauenskrisis, der fortwährend genährte Arg­wohn aller gegen fast alle Mitmenschen, ist ein Symptom der Verwilderung des Gemeinsinns, das in einer krankhaften Einsamkeit wurzelt.“

Gemeinsinn Von Kornelis H. Miskotte Der Ursprung des heute schillernden Begriffes Gemeinsinn liegt im Begriff des sensus communis. Aus­gehend von … Mehr

Cesare Beccaria wider die Todesstrafe (1764): „Was sollen die Menschen denken, wenn sie die gelehrten Richter, die ernsten Priester der Gerechtigkeit sehen, wie sie mit gleichgültiger Ruhe im langsamen Aufzug einen Verbrecher zum Tode schleppen lassen, wenn sie sehen, wie der Richter, an dem Platz, wo eben der Unglückliche, von Todesangst ergriffen, dem verhängnisvollen Augenblick entgegenstarrt, in gleichgültiger Kälte, vielleicht sogar selbstgefällig seiner Macht gedenkend, vorübergeht, um die Bequemlichkeiten und die Freuden des Lebens weiter zu genießen?“

Von der Todesstrafe Von Cesare Beccaria Es war der italienische Rechtsphilosoph Cesare Beccaria (1738-1794), der sich mit seinem Werk Dei … Mehr

Adolf von Harnack, Weihnachten (1928): „Der Friede — für den inneren und äußeren Menschen, für Haus und Familie, für Handel und Wandel, für die Staaten und den ganzen Weltkreis, für Leben und Sterben gibt es nichts Köstlicheres als den Frieden, und wenn wir auf die Stimmen der Völker, ihrer Lehrer, Propheten und Dichter lauschen, so ist es der Friede, den sie alle preisen und heiß begehren. Aber diesem heißen Begehren ent­spricht nicht, wenn wir näher zusehen, die klare Einsicht, wie ein vollkommener Friede beschaffen sein muß, und noch weniger die Einsicht, wie man zu ihm gelangt. Wirre Stimmen hören wir vielmehr und halbwahre Urteile: ‚Der Krieg ist der Vater aller Dinge und jeglichen Fort­schritts‘, ‚Wenn du Frieden willst, so rüste den Krieg‘, ‚Dauernder Friede erschlafft die Menschen‘, ‚der frische, fröhliche Krieg‘ und ähnliches. Aber von solchen Unklar­heiten ist die Menschheit nun endlich befreit worden, befreit durch das furchtbare Erlebnis des Weltkrieges, ja, diese Befreiung ist sein einziger positiver und segensreicher Erfolg — wenn die Menschheit bereit ist, ihn zu erkennen und anzunehmen. Der Weltkrieg hat uns gelehrt, was der Krieg ist und in noch fürchterlicherer Weise sein wird — vorher haben wir das nicht gewusst — aber eben dadurch hat er uns auch gelehrt, was der Friede ist.“

Weihnachten (1928) Von Adolf von Harnack Preisen muß man es, daß jedes Jahr ein Tag wiederkehrt, an dem Freude und … Mehr

Hanns Liljes schwülstige Kriegstheologie „Der Weg der Kirche Jesu Christi im Kriege“ (1939): „Wenn je, dann ist heute eine Stunde großer Verantwortung für unsere Kirche da. Lasst uns in aller Treue darum ringen, diese Aufgabe, die uns bis zum letzten Blutstropfen heute erfüllen kann, um unseres Volkes, um des Führers und seiner Räte, um des Heeres zu Wasser, zu Lande und in der Luft willen mit Vollmacht und Kraft zu tun. ‚Sei getrost, spricht der Herr, und lass uns stark sein für unser Volk und für die Städte unseres Gottes. Der Herr aber tue, was ihm gefällt!'“

Nicht erst mit der 1941 veröffentlichten Schrift „Der Krieg als geistige Leistung“ hatte Hanns Lilje (1899-1977), der spätere Landesbischof der … Mehr

Edmund Schlink, Die Verkündigung der Kirche im Kriege (1940): „Im Kriege droht der Verkündigung die Versuchung, dass sie die grundsätzliche Infragestellung des politischen Handelns durch das göttliche Recht verschweigt und durch ihr Schweigen den Krieg als Ausnahmezustand, in dem allem der Anspruch, die Machtmittel und der Erfolg entscheiden, sanktioniert. Dieses Schweigen ist zwar aus der territorialgeschichtlichen Vergangenheit der Kirchen lutherischen Bekenntnisses in Deutschland verständlich, aber von daher wahrlich nicht entschuldbar. Die Kirche, die dem lutherischen Bekenntnis treu bleibt und Luther, der die Frage der Gehorsamspflicht im Kriege in kritischer Offenheit erörtert hat, als ihren Lehrer emst nimmt, muss unüberhörbar die Frage der Rechtmäßigkeit an den Grund des Krieges und an die Methoden der Kriegsführung richten. Aller politische Rechtsanspruch ist zu stellen unter Gottes Wort und keineswegs von vornherein mit dem göttlichen Recht zu identifizieren.“

Bemerkenswert ist, wie Edmund Schlink im Frühjahr 1940 in seinem Vortrag „Die Verkündigung der Kirche im Kriege“ jegliche Kriegstheologie vermieden … Mehr