Helmut Gollwitzer, Freiwerden von der Vergangenheit. Predigt über Psalm 25,1–11 (1963): „Da werden evangelischen Bischöfen antisemitische und nationalistische Äußerungen aus früherer Zeit vorgehalten. Sie beschönigen, erklären, schwächen ab. Nur das eine kleine Wort bekommen weder Gott noch die Menschen zu hören: Es ist mir leid, verzeihe meine Schuld, die so groß ist. In der Kunst der Selbstrechtfertigung sind die beiden Konfessionen heute schon wieder vereinigt. Wie aber soll ein schuldbeladenes Volk seine Vergangenheit auf rechte, gottgemäße Weise bewältigen können, wenn in seiner Mitte eine unbußfertige Kirche lebt, die über ihre eigene Vergangenheit eine schönfärbende Legende bildet, die anderen Buße predigt und die eigene Buße dabei vergisst und die den Menschen die böse Kunst vormacht, wie man die Sünden sich selber vergeben kann? Diese Kunst ist böse, weil sie bewirkt, dass wir dann das nächste Mal uns nicht anders verhalten als das letzte Mal.“

Freiwerden von der Vergangenheit. Predigt über Psalm 25,1–11 (1963)

Von Helmut Gollwitzer

Wir denken nach über Psalm 25, Vers 1 bis 11. Wenn ein Mensch betet, dann ist das jedes Mal ein Wunder. Er tritt heraus aus dem, was sonst von allen Seiten auf uns einredet. Er richtet seine Blicke, seinen Geist allein nach oben ins Nichts hinein – also sagen die Toren, die nur nach dem Augenschein gehen. Er aber weiß es besser. Er war noch nie so geschützt vor dem Abgrund des Nichts wie jetzt, da er betet. Nie war er so wenig allein wie jetzt, wo er in die Einsamkeit getreten ist.

Denn Beten ist Antworten. Rechtes Beten fängt nicht mit unserem Reden an, sondern mit unserem Hören und geht erst allmählich, demütig und dankbar, ins Reden über. Das ist das Besondere, womit wir es zu tun bekommen, wenn unter uns Menschen nach biblischer Weise gebetet wird. Wenn sie nach oben hören, wenn sie in die Höhe und in die Tiefe schauen, dann bleibt es nicht stumm über ihnen und um sie herum. Dann endet ihr Blick nicht im Dunkel, nicht im Unbekannten, in einem letzten Rätsel, wie es bei allen Religionen und Philosophien das letzte Wort ist. Dort vielmehr, wo für alle anderen das letzte X steht, dort hören sie das Ausrufen eines Namens.

Das letzte Geheimnis, das letzte Rätsel, die endgültige Wahrheit alles Daseins gibt sich einen Namen für uns und lässt uns durch diesen Namen wissen, was der letzte Sinn und die letzte Hoffnung unseres Lebens und allen Lebens ist. Wir hören hier Menschen sprechen, für die Gott einen Namen hat, die deshalb Gott hören und zu ihm sprechen können. Menschen, die damit aus dem Dunkel ins Licht getreten sind.

„Um deines Namens willen, Herr, vergib meine Schuld, die groß ist.“ Das sind die letzten Worte des Abschnittes aus diesem Psalm. Was ist das für ein Name? Was besagt er? Jede Zeile dieses Gebetes spricht es aus. Das Letzte über und um uns ist einer, der den Namen trägt: Gnade und Treue. Der heißt der, auf den man trauen kann, der auf den rechten Weg führt, der vergeben kann.

Wir sind hier als Menschen, die der letzten Wirklichkeit immer wieder ganz andere Namen geben. Das Blinde, das alle unsere Hoffnungen durchkreuzt, das Namenlose, auf das niemand sich verlassen kann. Das Ungnädige, das Untreue, das Dunkle, das uns verschlingt, das Nichts, der Tod. Diese Namen haben ihren Grund in den bösen Erfahrungen, durch die jeder von uns geht. Diese Namen werden jetzt durchgestrichen, und mit ihnen wird durchgestrichen, was ihnen in unserem Herzen entspricht und antwortet: die Angst, das Misstrauen, das gottlose Sorgen für uns selbst und nur für uns selbst in der Meinung, dass sonst niemand für uns sorgt.

Das alles wird jetzt durchgestrichen, verboten, unnötig gemacht durch diesen Namen, der besagt: So steht es mit euch, dass keineswegs ein stummes, ein böses Schicksal das letzte Wort über euer Leben hat, sondern der, der in seinem Wort zu euch spricht und der Ohren hat, euch zu hören. So steht es mit euch, dass einer bereit ist, gute Wege euch im Dickicht des Lebens zu zeigen. So steht es mit euch, dass ihr von der Schuld nicht erdrückt werden sollt, sondern Vergebung und neue Freiheit haben dürft. So steht es mit euch.

Wie antwortet ein Mensch, der das gehört und erfasst hat? „Gedenke“, so bittet dieser hier. Wir kennen diese Bitte von jedem Abschied. Denk an mich. Wenn einer in eine schwere Stunde hineingeht, in ein Examen, eine Gerichtsverhandlung, eine Operation, dann sagen wir: Ich werde an dich denken. Wir meinen, ihm damit etwas Gutes zu sagen. Es scheint uns, das Leben und das Leiden hätten noch einen Sinn, wo einer unserer gedenkt.

Darum errichten wir Denkmäler, halten Gedenktage, haben früher dem Sonntag Reminiszere wegen seines Namens „Gedenke“ zum Heldengedenktag gemacht, bis wir nach dem schrecklichsten aller bisherigen Kriege erkennen mussten, dass mit dem Wort „Held“ ein fürchterlicher Missbrauch getrieben worden ist und dass wir aller Schlachtopfer des massenmörderischen Wahnsinns gedenken müssen, der in den Konzentrationslagern und Bombenkellern ebenso wie derer an der Front. Aber wir wissen auch, wie kraftlos unser Gedenken ist. Der andere muss doch allein in die schwere Stunde hinein.

Hier bei dieser Bitte nach oben gerichtet geht es nicht um ohnmächtiges Gedenken von Mensch zu Mensch. Hier wird erbittet das mächtige Gedenken dessen, der alle Dinge regiert, der das letzte Wort über alles spricht. Wessen er gedenkt, der ist unverloren, wo wir in finsterste Tage hineingehen müssen, wo kein Mensch uns helfen kann, wo kein Sinn sichtbar ist, wo im kalten Hauch des Todes alles verstummt. Da hat dieser Bittruf: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit“ immer noch und erst recht seinen Platz. Damit sind Juden und Christen in den Tod gegangen, wo sonst ihrer niemand mehr gedachte. Sie wussten sich gerettet und aufbewahrt im Gedenken Gottes.

Eine uns hinterlassene Aufzeichnung aus Auschwitz berichtet, wie im Sommer 1943 ein Zug mit polnischen Juden aus Tarnov dort ankam. Ihnen wurde offen gesagt, dass sie in den Tod in die Gaskammer gehen. In der Aufzeichnung heißt es: „Sie waren bereits ausgezogen. Der Ernst des Augenblicks flößte allen große seelische Kraft ein. Alle Gefühle verstummten. Nur ein Gedanke fesselte alle mit magnetischer Kraft: die Gewissenserforschung vor dem Tode.“

Diese Juden des grausamen 20. Jahrhunderts haben also genauso gebetet wie der Jude hier vor zweieinhalb Jahrtausenden. Um Gottes Gedenken bittet er als um das Allerwichtigste, und im gleichen Augenblick vollzieht er Gewissenserforschung. „Gedenke nicht, gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen.“ Man meine nicht, hier spreche ein besonders skrupulöser Mensch, der sich grämt über allerlei kleine Untugenden seiner Jugendjahre. Setzt statt „Jugend“ „Vergangenheit“, dann habt ihr die Bedeutung dieses Gebetes.

Unter dem Lichte des Namens Gottes sieht dieser Mensch schonungslos seine Vergangenheit. Eine Tat nach der anderen, ein Versäumnis nach dem anderen sieht er aufsteigen und ihn anklagen. Er muss an alles denken, woran er lange nicht gedacht hat. Was er vergessen und verdrängt hat, ist jetzt lauter Gegenwart. Eben darum bittet er nun: „Du, Herr, gedenke nicht, sondern vergiss es und vergib.“ Hier geht es um nichts anderes als um die viel erörterte Bewältigung der Vergangenheit.

Sie kann auf zwei ganz verschiedene Weisen geschehen. Unter dem Lichte des Namens Gottes verlernt dieser Mensch hier die uns sonst so geläufige Weise, die Vergangenheit zu bewältigen, dadurch nämlich, dass wir sie uns selber vergeben. Dieser Mensch hier kann sich nicht mehr selber vergeben. Deshalb hat er seine Vergangenheit so klar vor Augen, kann sich nicht mehr entschuldigen, nicht mehr verteidigen. Muss stattdessen den ewigen Herrn bitten: „Gedenke du nicht meiner Vergangenheit“, das heißt: „Tue du weg meine Schuld, die ich nicht mehr wegtun kann.“

Sich selbst vergeben, das ist die eine, die gottlose Weise der Bewältigung der Vergangenheit. Sich Gottes Gericht ausliefern und ihn um Vergebung bitten, das ist die gottgemäße Bewältigung der Vergangenheit. Es ist ein Jammer, dass auch die Christen, obwohl sie im Gottesdienst diese Psalmen hören und beten, sich heute oft auf die erste Methode besser verstehen.

Da klagt ein junger Dramatiker in einem Schauspiel die Spitze der katholischen Kirche an. Sie habe sich im entscheidenden Augenblick nicht solidarisch neben die gehetzten und in den Tod getriebenen Juden gestellt, und er hört als Antwort nicht das Eingeständnis der Schuld, wie es der katholische Dichter Reinhold Schneider einmal niedergeschrieben hat mit dem Satze: „Am Tage des Synagogensturmes hätte die Kirche schwesterlich neben der Synagoge erscheinen müssen. Es ist entscheidend, dass das nicht geschah.“ Stattdessen antwortet man ihm mit Entrüstung, Verteidigung, Selbstrechtfertigung. Und nur das eine kleine Wort, das vor aller Richtigstellung und Verteidigung stehen müsste, bekommen weder Gott noch die Menschen von diesen Kirchenleuten zu hören: Es ist mir bitter leid, verzeihe meine Schuld, die so groß ist.

Da werden evangelischen Bischöfen antisemitische und nationalistische Äußerungen aus früherer Zeit vorgehalten. Sie beschönigen, erklären, schwächen ab. Nur das eine kleine Wort bekommen weder Gott noch die Menschen zu hören: Es ist mir leid, verzeihe meine Schuld, die so groß ist. In der Kunst der Selbstrechtfertigung sind die beiden Konfessionen heute schon wieder vereinigt.

Wie aber soll ein schuldbeladenes Volk seine Vergangenheit auf rechte, gottgemäße Weise bewältigen können, wenn in seiner Mitte eine unbußfertige Kirche lebt, die über ihre eigene Vergangenheit eine schönfärbende Legende bildet, die anderen Buße predigt und die eigene Buße dabei vergisst und die den Menschen die böse Kunst vormacht, wie man die Sünden sich selber vergeben kann? Diese Kunst ist böse, weil sie bewirkt, dass wir dann das nächste Mal uns nicht anders verhalten als das letzte Mal.

Das zeigt sich heute schon. Damals haben wir vielleicht nicht mitgetan, sondern sind nur mitgelaufen oder sind vielleicht auch nicht mitgelaufen, sondern haben nur zugesehen oder haben vielleicht auch nicht zugesehen, sondern haben nur weggesehen, als die Gräuel geschahen, und wussten gar nichts davon, weil wir nichts davon wissen wollten. Heute, da die Völker und die Regierungen sich auf Eichmann-Gräuel von tausendfacher Vergrößerung rüsten, schauen wir auch wieder nur zu oder vielleicht weg und belügen uns zugleich über die Gefahren ebenso wie über die Gottwidrigkeit dieser Massenmordvorbereitungen.

Wenn das Unheil, was Gott verhüten wolle, über uns hereinbrechen sollte, dann wird es unter den überlebenden Kirchenleuten sicher wieder welche geben, die behaupten, die Kirche habe alles getan, was sie tun konnte, obwohl sie doch das klare Nein, leider Gottes, nicht hat hören lassen, dass Gottes Wort zum Atomkrieg und zu den Massenvernichtungsmitteln sagt.

In den 20er Jahren hat der deutsche Philosoph Max Scheler einmal gesagt: Diese Zeit ist ein Ultimatum Gottes an die Menschheit. Wie viel mehr gilt das heute, nachdem wir das damalige Ultimatum zu unserem Unglück überhört und nicht rechtzeitig nach neuen, besseren Wegen gesucht haben. Neue, bessere Wege werden nur dem sichtbar, der sich seine Schuld nicht selbst vergibt, sondern vor Gott sich zu ihr bekennt. Darum heißt es hier im Psalm ausdrücklich: Er zeigt den Sündern seinen Weg, denen also, die aufhören, sich als Gerechte zu gebärden, den Bußfertigen.

Von dieser herrlichen Gewissheit neuer Wege ist dieser Psalm erfüllt. Darum beten wir den Psalm mit und sind dankbar dafür, dass wir mitbeten dürfen: Herr, zeige uns deine Wege, lehre deine Pfade, denn alle, die auf dich hoffen, werden nicht zuschanden.

Die Predigt wurde am 10. März 1963 in Berlin-Dahlem gehalten und von dem Arzt Dr. Christoph Staewen (1926-2002) aufgenommen und als Schallplatte veröffentlicht.

Zum Anhören: https://www.youtube.com/watch?v=P31Y_Rg_hRg

Hier der Text als pdf.

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