Israel und die Völker (1933)[1]
Von Martin Buber
Die Einladung Martin Bubers zur sechsten und zugleich letzten Arbeitswoche des Köngener Bundes Anfang Januar 1933 stand unter außergewöhnlichen religiösen und politischen Vorzeichen. Der jugendbewegte Bund, 1920 in Köngen (bei Esslingen) aus Schülerbibelkreisen hervorgegangen, befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer tiefgreifenden Umbruchphase. Unter der Führung Jakob Wilhelm Hauers hatte sich ein Teil der Bewegung zunehmend von ihren christlichen Ursprüngen entfernt und einer völkisch-religiösen Ideologie zugewandt.
Die Arbeitswoche in Kassel, die vom 2. bis 7. Januar 1933 erstmals nicht mehr auf der Comburg bei Schwäbisch Hall stattfand, markierte daher nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich einen Einschnitt. Unter dem programmatischen Titel »Die religiösen und geistigen Grundlagen einer völkischen Bewegung« wurde hier die zukünftige Ausrichtung des Bundes verhandelt – wenige Wochen vor der nationalsozialistischen Machtübernahme. Innerhalb dieser angespannten Situation erhielt Bubers Vortrag »Israel und die Völker« am 6. Januar eine besondere Bedeutung: Er stellte eine theologisch wie politisch eigenständige Stimme dar, die sich nicht in die völkische Deutung religiöser Gemeinschaft einfügte, sondern ihr eine dialogische und universale Perspektive entgegensetzte, wie sie bereits in seinem Werk Königtum Gottes (1932) grundgelegt war.
Dass Buber trotz der erkennbaren ideologischen Verschiebungen im Köngener Bund an der Tagung teilnahm, verweist auf die noch nicht vollständig geklärten Frontlinien innerhalb der Bewegung. Zugleich zeigt seine spätere Weigerung, den Vortrag in Hauers Zeitschrift Kommende Gemeinde zu veröffentlichen, wie rasch sich diese Fronten im Laufe des Jahres 1933 verhärteten. Die Kasseler Tagung bildet somit einen historischen Moment des Übergangs: zwischen religiöser Suchbewegung und ideologischer Vereinnahmung, zwischen innerprotestantischer Reform und völkischer Radikalisierung. Bubers Beitrag ist vor diesem Hintergrund nicht nur als Einzelvortrag, sondern als bewusst gesetzter Gegenakzent innerhalb einer sich zunehmend nationalistisch aufladenden Debatte zu lesen.
Ich habe während dieser Tage darüber nachgedacht, in welcher Weise ich den Gegenstand, um dessen Behandlung ich ersucht wurde, in den Zusammenhang dieser Tagung einzufügen habe. Es ergab sich mir, es sei das beste, wenn ich ihn so behandle, dass ich damit eine Voraussetzung liefere für alle Behandlung der Judenfrage, sofern sie eine Frage nach dem Verhältnis zwischen Israel und den Völkern ist.
Das aber ist nur möglich von der biblischen Tiefe aus, welche zugleich im genausten Sinn Geschichte und im genausten Sinn religiöse Wirklichkeit, also nicht geschichtsverhaftete Wirklichkeit ist. Und eben deshalb, weil sie beides ist, ist sie unmittelbar je und je schlechthin aktuell.
Ich habe damit schon etwas Wesentliches ausgesagt, nämlich, dass es Israel gibt. Das bedeutet zunächst, dass es eine Wesenheit dieses Namens gibt, die nicht einem Gattungsbegriff eingeschrieben werden kann und auf die nichts, was von einem allgemeinen Begriff her abgeleitet ist, schlechthin anwendbar ist. Was man von ihrem Verhältnis zu anderen Wesenheiten sagen will, ist nur von hier aus zu erfassen.
Dass es Israel gibt, bedeutet des weiteren, dass dieser Einzigkeit auch noch heute eine Wirklichkeit entspricht. Freilich nicht die Wirklichkeit, die man Judentum nennt, aber etwas, was diesem Judentum in entstellter, verzerrter, oft unkenntlich gewordener Weise, aber durchaus real innewohnt. »Israel und die Völker«, das besagt also, dass man Israel von den anderen Völkern nicht so abgrenzen kann, wie man diese untereinander abgrenzt, sondern dass hier eine Einzigkeit da ist, deren Verhalten und Verhältnis zu den andern nur in der Strenge des Einmaligen erfasst zu werden vermag.
Nun will ich genau zu bezeichnen versuchen, was ich mit Einzigkeit im geschichtlichen Sinne meine: Volk, also das Volk, das in der Bibel Israel benannt wird, ist einmal entstanden und – und das scheint mir dies, wovon ich spreche, abzuheben von allem anderen, was in der Geschichte bekannt ist – die Bibel berichtet von der Stunde, in der dieses Volk entsteht. Ich möchte schon jetzt sagen, dass ich auch wissenschaftlich, mit all meinen Möglichkeiten, zu dem Gegenstand vorzudringen, mit meinem Forschen dazu gelangte, dass das, was die Bibel hier sagt von der Entstehung eines Volkes, zugleich geschichtsgültig, zuverlässig ist. Es sind vielfach mythisierte Erinnerungen; es ist dies die notwendige Sprachform für das Aussprechen einer echten Erinnerung, jener Erinnerungen, die die Menschenschar, die sie zu erinnern haben, so überwältigen, dass es gar nicht mehr möglich ist, sie anders als mythisch zu fassen, anders als mythisch an sie sich zu erinnern. Das organische Gedächtnis erinnert sich an alles, was geschah, aber das Gedächtnis selbst kann das Übermächtige nur in mythischer Form, aber in einer rechtmäßigen, nirgends willkürlichen bewahren. Der Kern solcher mythischer Erinnerung ist geschichtlich zuverlässig. Die Volkentstehung, die da berichtet wird, ist – und das scheint mir das Einzigartige zu sein – geschichtlich identisch mit der Glaubenserfahrung und der Glaubenshandlung einer Menschenschar in ihrer plastischen Stunde. Volkentstehung und diese Glaubenserfahrung, Glaubenshandlung der Menschenschar, die in dieser ihrer entscheidenden Stunde geschieht, sind identisch, die Knetung dieser Menschenschar, die bislang noch nicht Volk ist, zum Volk ist identisch mit ihrer entscheidenden Glaubenserfahrung und Glaubenshandlung, indem sie dies als glaubende Schar erfährt, was sie erfährt, indem sie dies tut, was sie tut, d. h. indem sie angesprochen wird, sich als angesprochen erfährt, wird sie zum Volk. Das ist so zu fassen, wie jeder von uns wohl weiß, dass man angesprochen wird in der Sprache der Situation und angesprochen werden kann in der Frage des menschlichen Handelns, d. h. des Reagierens auf die Situation. Damit allein hebt sich in der Art der Einzigkeit Israel von den Völkern, von den Nationen oder wie Sie es sonst nennen wollen, ab. Alles andere ist entweder sekundär oder falsch gesehen.
Diese Konstituierung eines Volkes geschieht nun nicht lediglich durch etwas, was im Volk selbst geschieht, nicht durch einen Vorgang in der Menschenschar, sondern durch einen Bund zwischen ihr und Einem, der ihr nicht einzufügen ist, der Menschheit nicht, dem Kosmos nicht, seinem Wesen nach. Durch einen Bund – ich finde kein anderes deutsches Wort für die Übertragung, wenn auch das hebräische Wort nicht ganz wiedergegeben worden ist, denn es bedeutet die Umschränkung zweier Partner zu einer eigentümlichen Einheit, wie die Einheit des Königs mit seinem Volk. Wenn wir den König nicht zum Volk rechnen, sondern ihn als Wesenheit für sich fassen und ihn umschränkt sein lassen zu einer Einheit mit dem Volk, in einer dauernden, ewigen Beziehung, die verletzt werden kann, die je und je auch von dem Volk her verletzt werden kann und wird, die aber – und dies ist eben das, worauf Israel geschichtlich und übergeschichtlich steht – nicht zerrissen worden ist. Mehr glaube ich nicht sagen zu dürfen – ich sage darum: worden ist.
Diesen Bund bezeichne ich von den Worten der Bibel her als einen Königsbund. Denn der Bund besteht von der Seite des Volks aus darin, dass das Volk diesen einen, den Gott, der nicht auf es eingeschränkt ist, der nicht auf die Völker, nicht auf die Menschheit, nicht auf die Welt eingeschränkt ist, der eben Gott schlechthin und unbedingt ist, dass es diesen Gott zu seinem König proklamiert. Den Textbeleg dazu finden wir in dem Schluss des [Leerstelle im Text] und Pentateuch. Ich sage: zu ihrem König proklamiert; aber das Wort König ist hier keine ganz zulängliche Übertragung. Die orientalischen Völker, besonders die Westsemiten, kennen Götter, die Könige sind, in Ägypten etwa einen Gott, der König über den Königen ist, in Babylon Götter, in deren Namen, als deren Statthalter die Könige regierten. Bei den Westsemiten gab es das Eigentümliche: die Westsemiten waren zuerst sehr intensiv wandernde Völker und sie bezeichneten denn mit diesem Königsnamen den, der unsichtbar an der Spitze ihrer Wanderungen und Eroberungszüge schritt, der ihnen Landnahme ermöglichte, den Stammesgott. Aber es war überall so, dass dieser Gottkönig die tatsächliche irdische Macht, die Macht des Häuptlings, die Macht des Fürsten deckte, es war die religiöse Sanktion einer politischen Macht.
Dies war hier in Israel nicht. Und darin scheint mir die moderne Wissenschaft fehlgegriffen zu haben, dass sie dies nicht erkannte, dass von Anfang an etwas anderes gewesen ist, das Wagnis, Gott selber unmittelbar in aller politischen Wirklichkeit anzuerkennen als den König, nicht einen menschlichen Fürsten zu erkennen, der sich auf diesen seinen unsichtbaren Souverän je und je berufen kann als auf den, der seine Entscheidungen deckte und gut machte, sondern das Wagnis, den König, der hier in den irdischen Zeitläuften keine Form der Zwangsordnung und Zwangsexekutive kennt, Führer, der den, der seinen Befehlen widerspricht, nicht sofort mit seinen Blitzen niederstreckt, sondern der eine andere Art des Tuns hat in der Geschichte, ihn anzuerkennen, ihn als den König in der politischen Wirklichkeit, als den Vorangehenden, als den, der in dieses Land geführt hat, der hier in diesem Land ist, anzusehen, ihn so in die politische Wirklichkeit aufzunehmen. Dies ist das Wesentliche dieses Königsbundes, der von der Bibel, die hier etwas beurkundet, was diesem Volk widerfuhr, gefasst wird als ein Gegenseitigkeitsbund im genauesten Sinn, ein Gegenseitigkeitshandeln, nicht als etwas, was vom Volk aus geschieht, sondern was zwischen Gott und diesem Volk geschieht, zwischen Göttlichem und Menschlichem in der widerspruchsvollen Gestalt eines Volkes. Es gab auch orientalische Formen des Bundes von Göttern mit Völkern um 700 der vorchristlichen Ära, aber von einem Volk, das so sein Reich konstituiert, wissen wir nicht in der Geschichte. Ich sage: Reich.
Das Zweite, was wichtig ist zu erkennen, ist das: dass schon in jener Zeit, dann aber mit dem Wachsen jener eigentümlichen glaubensgeschichtlichen Erscheinung, die wir Prophetie nennen, dieses Volk, seine Bildung, sein Staat als Vorform des Reiches überhaupt, des Gottesreichs durch den Menschen verstanden und verkündigt wird. Das heißt, biblisch gesprochen, Israel versteht sich selbst in diesem Königsbund immer genauer als Anfang, nicht als ein Ende in sich, nicht als etwas, was überholbar und letztgültig ist, sondern als einen Anfang, von dem Gott sagt: Mein Erstlingsteil von der Ernte. Dies wird geschichtlich dadurch dargestellt, dass erzählt wird, wie Gott sich zuerst eine Menschheit zu bilden versucht – (dieser Mythos berichtet offenbar nicht von einem allmächtigen Gott, obwohl immer wieder seine Allmacht als Geheimnis offenbar wird) – wie er aber diesen Versuch gleichsam fallen lässt und sich zuerst ein Volk, ich möchte sagen: züchtet, genealogisch, auslesemäßig, biologisch züchtet als Anfang, (das ist das, was die Propheten immer wieder sagen) als den Anfang des Reichs, der zuerst die Menschheit selbst aufbauen sollte. Der Bundesschluss ist der Vollzug dieser Volkwerdung in der geschichtlichen Stunde. Hier tut es aber auch not, zu erfassen, wie wesentlich für dieses Verstehen Volk ist, wie wesentlich als Vorform einer Menschheit und eines uneingeschränkten Gottesreichs.
Dieses Volk versteht sich in den Führern seiner Glaubenswirklichkeit, versteht sich in ihnen als eine Struktur, die so die menschlichen Gegensätze zusammenbildet, wie sie einst in der reifen, für Gott erwachsenen Menschheit zusammengeführt werden sollen, als die Einheit einer Vielheit, die so zustande kommt, dass von der Vielheit nichts abgestrichen wird.
Und so allein wird Menschheit gefasst und deshalb wird Volk als Vorform dieser Menschheit, einer Einheit aus der Vielheit der Völker in all ihrer Vielfältigkeit ohne Abstrich und Reduktion verstanden.
Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass an der entscheidenden Stelle der Bibel, an der oft angeführten Stelle, wo Gott sagt, Israel solle ihm ein heiliges Volk sein, dass hier zunächst das Wort steht, von dem die Broschürenschreiber, die heute so vielfältig die öffentliche Meinung beherrschen, behaupten, dass Israel einfach nur auf die anderen Völker angewandt wird, das Wort: Ihr sollt mir ein goi kadosch sein. [Leerstelle im Text] = Leiblichkeit, Körper, und [Leerstelle im Text], das ist eine Heiligkeit in allem Leben, ein Dahingewendetsein und Von-Daher-Sich-Bestimmen-Lassen. Das Wort Königtum heißt eigentlich Königsbereich und Priester heißt ursprünglich etwas lediglich die Unmittelbarkeit, den Anfang Aussprechendes. Volk ist hier die Voraussetzung auch für die Antwort der Person an das Göttliche. Ich meine damit die Person, die vom Göttlichen angesprochen wird und ihm lebensmäßig erwidert, – und das ist ein urisraelitischer Glaube, der sich fortentfaltet hat bis an die Schwelle unserer heutigen Zeit, bis zum Chassidismus, die Antwort des ganzen und ungeteilten Lebens. Es geht nicht an, Abteilungen zu errichten: bis hierher geht Gottes Herrschaft und hier hört sie auf, soweit teile ich mich Gott zu und von hier erkenne ich andere Gewalten an; es ist von Gewalten nicht abzusehen, und man kann sich nicht frei machen von Gewalten, die walten, aber es darf kein Verhältnis zu irgendeiner der Gewalten geben, das nicht letztlich bestimmt wäre von Dem, der auch in der gebrochenen Form dieser Gewalten ist, so dass man nicht ihnen sondern Ihm antwortet. Das Volk gehört zu diesem ganzen Menschenleben, der abgetrennte Mensch kann nicht an das Ganze antworten, und der Mensch, der im Volk und doch nicht im Volk ist, kann nicht ganz antworten, sondern es tut not, dass das öffentliche Leben für die menschliche Person ganz einbezogen werden könnte in die heilige Lebensordnung – und darum tut Volk not.
Und nun weiter die Biblische Verfassung, das Gesetz, das in der Bibel diesem Volk von seinem König gegeben wird, diese soziale Verfassung, wesentlich agrarisch, denn es war ein Bauernvolk, ein landhungriges, erdehungriges, nach Erde, nach Leben auf der Erde und Vermählung mit der Erde sehnsüchtiges Volk, das nach Kanaan wanderte. Diese agrarische, soziale Verfassung hat den Grundsinn: es darf nichts geschehen, was den Gemeinschaftscharakter dieses Volkes zersetzt, und insbesondere in ihrem Prinzip, den Ungesicherten zu sichern, dass immer wieder darauf geachtet wird, die sozialen Unterschiede, überhaupt die Unterschiede zwischen den Volksgliedern dürfen nicht so anwachsen, dass der Gemeinschaftsgehalt dieses Volkes, d. h. die jeweilige Möglichkeit, zwischen Volksglied und Volksglied Unmittelbarkeit entstehen zu lassen, zersetzt wird. Gemeinschaft des Volkes: das heißt, zwischen jedem Menschen und jedem Menschen im Volk, und wenn sie sich zum erstenmal begegnen, muss die Unmittelbarkeit möglich sein, Unterschiede dürfen nie so anwachsen, dass sie diesen Zusammenhang, diese Unmittelbarkeitsfähigkeit im Volk zersetzen. So wird festgesetzt: alle 7 Jahre Ausgleich des Besitzes, und alle 50 Jahre vollkommener Ausgleich, sodass jeder zu seinem Sippenboden zurückkehrt. Es darf das nicht geben, dass es heimatlose, erdlose Menschen gibt im Volk, das wäre ein Unterschied, der die Volksgemeinschaft zersprengte, das Jobeljahr bringt den Ausgleich wieder zurück; der Mensch muss Erde haben, die Sippe muss Erde haben, und deswegen muss die Volksgemeinschaft den Ausgleich satzungsmäßig festlegen.
Ich möchte Sie aber bitten, immer wieder zu beachten, dass der Blick auf das Weltkönigtum dieses Gottes nicht aussetzt. Darauf warten die Propheten, sie erinnern das Volk immer wieder daran – und das Volk ist so geneigt, das zu vergessen – dass dieser König ein König der Welt ist, und dass es, das Volk, ein Anfang für ein Königtum der Welt ist, das durch die Verfehlung des Menschen verhindert wird. Und die Propheten sagten immer wieder: das durch euch, Israel, euch Juden behindert wird; die Propheten sagen nicht: durch Babylons Verfehlung, sondern durch eure Verfehlung. Das bedeutet die Erkenntnis dieser Hindernisse, des Weltwiderspruchs, die Tragik der Welt in ihrem ganzen Wirklichkeitsernst, und die Erkenntnis der Übertragik der Erlösung dadurch, dass die Begegnung zwischen Gott und den Menschen sich vollendet, wozu der Mensch, das Leben des Menschen und die Entscheidung des Menschen gehört. Beachten Sie also bitte: gewiss, das Bewusstsein der Auserwähltheit ist da, aber die Führer des Volks, Geschlecht um Geschlecht wissen, dass dieses Bewusstsein der Auserwähltheit eine große Gefahr ist. Sie sehen im Volk den falschen Anspruch auf Gott als Machtlieferanten. Und darum sagen sie die Wahrheit so nachdrücklich immer wieder aus, dass das Geschichtsgeheimnis Gott nicht durch den Begriff der Macht allein zu erfassen ist; dass Macht zur Geschichte gehört, zum Werdegang der Geschichte, dass aber das das Entscheidende ist, wieviel Ermächtigung je und je dieser Macht verliehen ist. Es gibt nicht bloß ermächtigte Macht! Und weiter: dass aber auch diese sichtbare Machtgeschichte, die Geschichte der verzeichneten Erfolge, was wir Weltgeschichte nennen, die Geschichte der Erfolge, dass auch dies nicht die Geschichte Gottes auf seinem Weg durch die Menschheit erschöpft, ja dass das das tiefste Geschichtsgeheimnis von anderer Art ist, etwa, dass das Leben etwas Unmittelbares mit Gott zu tun hat, dass Gott den Lebenden in einer Weise liebt, die wir nicht zu umschreiben vermögen; beides gehört zusammen.
Weiter: Gott ist die ganze Geschichte: dieses Volk und kein Volk darf die Geschichte von sich aus erfassen. Ein Prophet der Zeit unmittelbar am Ende des babylonischen Exils nennt den Völkerherrn, der einen Teil von Israel nach Kanaan zurückführt den »Knecht Gottes«, aber mit demselben Namen »Knecht Gottes« ist jener Völkerherr Nebukadnezar von den Propheten bezeichnet worden, der der Urheber der Not des Volkes Israel gewesen ist. So soll von den Propheten aus gefasst seine Stellung, seine dialogische Stellung gegenüber dem Herrn der Geschichte stehen, der überall sich seine Gehilfen erwählt und zuweilen solche, die als Gehilfen Gottes zu verstehen dem Volk sehr schwer wird. Denn – und da kommen wir auf den Kern dieses dialogischen Sich-Verstehens – das Volk ist je und je sündig, abtrünnig seinem (in aller politischen Wirklichkeit zu verstehen) König gegenüber. Es kann gefragt werden, und diese Frage sollte in allem Ernst gestellt werden; kann ein Volk sündigen? Nicht bloß ein Mensch, kann der Mensch als Volksglied sündigen, kann ein Volk sündigen, nicht etwa bloß gegen sich, sondern gegen Gott, indem es nämlich auf sich dann hört, wenn es auf Ihn hören soll, indem es jenes Gesetz der verborgenen Geschichte verkennt, dass Gott zwar immer wieder Macht entsendet, sich aber nie mit ihr identifiziert, dass es etwas Anderes ist, auf sich zu hören und etwas Anderes, auf Gott. Das Volk das auf sich hört und das nennt auf Gott hören, dessen Verhalten fassen die Propheten als Sünde des Volkes auf. Es ist für einen heutigen Menschen schwer dies in seiner ganzen Wirklichkeitstiefe zu fassen und zwar, weil das dialogische Verhältnis für die meisten Menschen verblasst ist. Das scheint mir die eigentliche Krise unserer Zeit zu sein, weil ein Monologismus herrscht, weil jeder Einzelne und jede Gruppe nur mit sich wirklich ringt, mit den andern nur scheinbar; mit sich vom Innersten zum Innersten, mit dem Andern auf seine Oberfläche hin, ohne auf ihn wirklich einzugehen. In Dostojewskis Roman »Die Dämonen« spricht einer die Anschauung aus: Jedes Volk hat einen Gott, und diese Götter kämpfen miteinander; der Gott ist also der Exponent seines Volkes! Das ist der äußerste Gegensatz zu dem, was ich meine. Ist es so, hat jedes Volk seinen Gott, geht der Unterschied zwischen den Völkern bis ins Äußerste, gibt es keinen von den Völkern gemeinsam anzurufenden Souverän und sei es auch mit schweigender Seele, gibt es den für die Völker nicht, dann gibt es wirklich keine Brücke zwischen den Völkern, keine Menschheit, dann ist die Menschheit eine Illusion, man sollte von ihr nicht sprechen, und man sollte in der Tragik der Situation ohne Hoffnung auf Erlösung verharren und von sich aus sagen: finis populorum; das wäre nicht das Ende der Menschheit, sondern das Ende der Völker selbst, die sich folgendermaßen bis in die Transzendenz fortzusetzen vermeinen.
Daraus ergibt sich nun für die Glaubensführer des Volkes folgendes: (zwei prophetische Sprüche): der eine von Amos, dem ersten der Schriftpropheten, von dem uns schriftlich ein Teil seiner Reden bewahrt ist: »Gott spricht zu Israel: Seid Ihr mir nicht wie des Mohrenlandes Söhne, Söhne Israels; habe ich nicht Israel aus Ägypten herausgebracht, und die Philister aus Kaphtor und die Aramäer aus [Leerstelle im Text] Philister und Aramäer waren die zwei großen, feindlichen Völker, die man zu fürchten hatte. Gott sagt damit, er lasse sich nicht monopolisieren, nicht von Israel mit Beschlag belegen, er ist der, den die Völker wie immer nennen mögen, der Völkerführer, er hat jedes Volk zu seiner Freiheit geführt, gleichviel, ob dieses Volk ihn erkannte und nannte oder nicht.
Der zweite Spruch steht bei Jesaja und lautet: »An jenem Tag wird [Leerstelle im Text] Israel das Dritte zu Ägypten und Assyrien sein, ein Segen in der Mitte des Erdlandes, wozu Jahwe (der, der gegenwärtig ist, der Umscharte) es gesegnet hat, sprechend: Gesegnet, Ägypten, mein Volk und Assyrien, Werk meiner Hände und Israel, mein Eigentum.« Vom »Tag der Erfüllung« wird eschatologisch gesprochen. Es ist irreführend, wenn man meint, damit habe man im Augenblick praktisch nichts zu tun. Das ist nicht gemeint. Sondern mit Eschatologie ist das gemeint, was in jedem Augenblick eintreten kann, die Verantwortung dem Letzten gegenüber, jetzt und hier, es gibt keine Sicherheit gegen die Verwandlung. In jedem Jetzt und Hier kann – und will das Letzte aufbrechen.
Das Konkrete muss man hier dazu bedenken: die beiden Weltreiche, die immer gegeneinander kämpften, haben zum Schauplatz und zur Beute ihrer kriegerischen Unternehmungen gegen einander das Land Israel gemacht.
In diesem Zusammenhang ist noch zu besprechen der Begriff des Heiligen Kriegs. Es gibt keinen biblischen Pazifisten. Einen Pazifismus, eine Erklärung gegen den Krieg in der Geschichte gibt es in dem so genannten Alten Testament nicht, ich glaube auch nicht im Neuen Testament. Die Landnahme, die kriegerische Eroberung des Landes, das diesem Volk not tut, um den Königsbund zu erfüllen, diese Landnahme wird als ein von Gott geführter Krieg angesehen und das spricht sich darin sakramental aus, dass die Lade, über der je und je die Gegenwart Gottes sakramental geschaut wird, mitzieht, die Lade des Königsbundes, des Bundes mit dem vorangehenden Gott, aber nur bis zu dem Augenblick, wo die Landnahme durch David vollendet ist, in dem Kampf, in dem er die Lade dann zuletzt als Krönung des Siegs nach Jerusalem bringt und hinsetzt, und da bleibt sie und zieht nicht mehr voran. Es gibt keinen Heiligen Krieg mehr. Wohl gibt es noch Kriege: David hat seine Davidskriege – aber es gibt keine Sanktion mehr. Der Krieg hat seine religiöse Grenze gefunden. (In diesem Wort: Grenze, das ich hier in allen Aussprachen vermisst habe, sehe ich das wichtigste Wort in der Gegenwart überhaupt.)
Wenn man prinzipiell redet: Krieg oder Frieden, Volk oder Menschheit, verfehlt man die Wirklichkeit ganz und gar. Das Entscheidende ist nicht die Frage nach dem Prinzip, sondern die: wie weit ist ein so und so beschaffener Menschenweg noch im Recht und in der Gnade, wie weit darf ich gehen? Das ist natürlich nicht prinzipiell zu beantworten, das ist nicht in einer allgemeingültigen Formel zu sagen – jeder Situation muss man mit neuen Sinnen gegenüberstehen, aber das Wichtige ist, dass der Mensch im Augenblick der Entscheidung weiß, es kommt auf die Grenze an, wie weit ich etwa in der Verteidigung meiner Existenz gehen darf; das ist furchtbar schwer, das Schwerste, was es überhaupt gibt in der Menschheit, d. h. so scheint es mir. Frieden wird so verstanden, und Weltfriede wird wohl verheißen in jenem Satz, der davon spricht, dass die Schwerter zur Pflugschar, und die Karste zu Winzermessern werden. Die menschliche Entscheidung geht in der Tragik auf die Übertragik zu, nicht so, dass man sich auf die Seite der Gnade hinüberwirft – das kann kein Mensch – sondern so, dass man das Seine tut mit dem Vermögen dieser Stunde und aus der Lage dieser Stunde.
Nun die Stadien der biblischen Reichsidee:
Das erste ist, dass man die unmittelbare Gottesherrschaft zu realisieren sucht in der naiven Theokratie. Das ist geschichtlich nachzuweisen. Wir finden die Spur geschichtlicher Wirklichkeit, nämlich eines Versuchs, dieses Paradies der unmittelbaren Gottesherrschaft zu realisieren, in der man auskommt ohne Obrigkeit und sichtbaren Zwang. Die landläufige Vorstellung von Staat ist: er hat Doppelnatur, auf der einen Seite nimmt er die große Ordnung vorweg, auf der anderen Seite ist er eine Zwangsordnung, die das Leben der Menschen knapp ermöglichen soll. Dagegen erscheint es als ein Paradox, dass man es wagt, mit keiner anderen Obrigkeit als mit Gott auszukommen, d. h. die Kontinuität der Herrschaft nicht zu sichern. Die naive Theokratie ist antidynastisch orientiert. Sie stellt den Versuch der unmittelbaren Gottesherrschaft dar.
Das ist paradox noch in einem anderen Sinn. Dieses Volk war ein wanderndes Volk, hatte einen unbändigen Freiheitswillen, wollte keinen Menschen als Herrscher anerkennen. Auf diesem anarchischen Volksgrund, diesem unbändigen Freiheitswillen errichtet sich diese Theokratie, in der nun gesagt wird: Du sollst niemand gehorchen als deinem König allein und Menschen nur insoweit, als sie sich rechtmäßig auf ihn berufen können durch einen persönlichen Auftrag. Dieser Personalauftrag dauert bis zum Tode des Betreffenden. Die Führer des Volks sammeln nie das ganze Volk. Immer wieder tritt Unordnung ein. Ein späterer Schriftsteller, der ebenso monarchistisch gesinnt war, wie der Hauptstock der Richterzeit antimonarchistisch war, zeigt in den letzten Kapiteln, dass das Volk nicht reif gewesen ist, aber auch die Erwählten nicht. Mythisch wird in der Simsongeschichte die Geschichte der Verwerfung eines Erwählten dargestellt, wie auch in der Geschichte Sauls. Die Theokratie artet praktisch immer wieder in Anarchie aus. Von dieser Tatsache aus können wir die Einsetzung eines Königs verstehen. Aber die Führer des Volks nehmen dieses Volkswissen nach einem Königtum, das die Ordnung verbürgt in sichtbarer Gestalt in dem Sakrament der Königssalbung hinein, wo der König eingesetzt wird zum Statthalter Gottes. Er vertritt Gott nicht im Sinn eines Personalauftrags, sondern eines Dauerauftrags, der einen dynastischen Charakter bekommt, der schon gleich nach dem Tod des zweiten Königs auf die Unzulänglichkeit der Könige hinweist, indem das Reich zerfällt. Zu allem orientalischen Gottesstatthaltertum gehört, dass der König wirklich verantwortlich ist, und dass die Geschichte, die Zusammenbrüche der Geschichte von dem Führer aus verstanden werden, einem Versagen des Königs, davon, dass der König jene Verfassung, jene Gemeinschaftsverfassung, von der aus allein das Volk den Königsbund als Gemeinschaft erfüllen kann, nicht realisiert. Darum steht der Prophet gegen den König. Darum steht der Prophet gegen den König, der Prophet im Namen des Gottes, an dem sich der Statthalter Gottes vergeht, als Mahner gegen das unverantwortliche, verantwortungswidrige Statthaltertum, das seinem Auftrag gegenüber versagt. Bei Jeremia, in den Fragmenten, steht der Prophet immer wieder gegen die Machthaber und ihre gemeinschaftsverletzenden, nicht sie verwirklichenden Satzungen. Man kann da Ethik, Politik, Religion nicht voneinander scheiden, all das ist eins. Auch die Religion ist keine Abteilung, wer das meint, irrt von Grund aus. Sie ist nur von der unteilbaren Ganzheit des sich auf Gott zu heiligenden Lebens her zu erfassen.
Nun kommt die Katastrophe. Es kommt die Zeit des falschen Anspruchs, der Selbstsicherheit, die sich auf Gott als eine religiöse Sanktion beruft. Daraus geht hervor – nach der naiven Theokratie und dem Statthaltertum – die Glaubensvorstellung des Königsgottes, d.h. es ist nicht mehr das Volk und die je und je zur Herrschaft im Sinn eines zeitlichen Auftrags berufenen Menschen, es sind auch nicht mehr die Könige und Dynastien – es bleibt nichts anderes mehr, als der im Dunkeln leidende, aber um der Erfüllung des Reiches, des Königtum Gottes leidende Knecht, nicht als eine einzelne Person leidend, sondern als eine Totalität, eine Menschenart, die durch die Geschlechter hin spricht, die in der Verborgenheit ihr Amt erfüllt. Dieses Leiden im Dunkeln um Gottes und seines Reiches willen, es ist die verborgene Geschichte dieses Menschen, der sagt, Gott habe ihn zu einem blanken Pfeil gemacht und dann in seinem Köcher versteckt, das ist der Mensch, der in der verborgenen Geschichte wirkt und an diese verborgene Geschichte glaubt, und diesen Glauben hat als etwas, was je und je da ist, als wirklichstes Wirken, mächtiger als die Weltgeschichte, die mit den leuchtenden Zeichen des Erfolgs geschrieben wird, die verborgene, die aufsteigen wird ins Licht der Welt, die Geschichte der Knechtschaft.
Jetzt kommen wir zu den traurigsten aller schweren Dinge: zu dem erneuten Versagen in der Gestalt der restaurativen Theokratie, die nicht aus der Situation herkam, sondern um etwas wieder herzustellen, aber nicht so, dass man wagt, bis zu der Charismatik zurückzugehen, sondern als Verfassung, dass man die Theokratie aus dem Wissen um frühere Formen wieder herstellt und darum sie verfehlt, verfehlen muss – aber man wagte nicht, bis zu jenem ursprünglichen Preisgegebensein zurückzugehen. Die Urkraft ist nicht mehr da – und es gibt keine Propheten mehr. Es gibt noch einige Nachfahren, aber es gibt den Gegenruf, die Mahnung, die Richtigstellung der Ausartung gegenüber nicht, und so ist diese neue Form von Anfang an problematisch. Aber schließlich, als die Fremdherrschaft endgültig verjagt wird, im syrischen Gebiet der makkabäische Befreiungssieg erfochten ist, da gerade kommt die entscheidende Entartung zur Priesterherrschaft, dieser Karikatur der Theokratie, diesem Affen der Theokratie. Die großen Befreiungskriege gegen die Römer waren auch innere Kriege gegen die Priesterherrschaft zugleich, z. B. die Kämpfe gegen Hadrian, die zu den größten Befreiungskriegen der Weltgeschichte gehören. Dieser Krieg endet mit dem völligen Zusammenbruch; damit ist die Priesterherrschaft, aber auch alle Erfüllungsmöglichkeit beendet gewesen. Aber ehe dies geschehen ist, ein Jahrhundert zuvor, hatte ein Mensch aus Israel, Jesus, die zur Karikatur entartete Priesterherrschaft bekämpft. Er hatte bekämpft die Verkehrung des biblischen Verhältnisses von Religion und Leben, die eine Einheit sein sollten. Er erneuerte zugleich (nicht im Sinne einer Restauration) jene Knechtskonzeption in der Rechtmäßigkeit, d. h. das Leiden in der Verborgenheit, im Dunkel, um des Reiches willen. Ich bitte, sich gegenwärtig zu halten, dass es hier um konkrete Eschatologie sich handelt. Ich behaupte, dass Jesus nie vom Jenseits spricht, sondern er meint immer das kommende Reich auf der Erde als die siegreiche Offenbarung der verborgenen Weltgeschichte, die der Knecht Gottes auf Erden lebt, nicht in dieser Gestalt, sondern als einer zweiten getrennten Gestalt.
Dieses Christentum wird von den Völkern – und darüber will ich nur andeutungsweise reden – jetzt in ihre politische Haltung einbezogen und verwandt, z. B. von Konstantin, später vielfach in weniger bewusster, weniger taktischer Art. Es wird wirkliche Einheit versucht. Die Völker suchen über die Augustinische Zweiheit von Reich Gottes und Reich des Staates hinwegzukommen von der Politik aus. Das heißt, es gibt Reichsgedanken der Völker. Es gibt einen Reichsgedanken des christlichen Rom, einen Reichsgedanken in Byzanz und bei Karl, einen bei den Ottonen, einen englischen, einen französischen, einen russischen (im 19. Jahrhundert). Sie alle greifen auf den biblischen Reichsgedanken zurück, von dem Gedanken aus, dass die biblische Reichssache zu Ende sei mit der Verwerfung Israels durch Gott, und dass nun die Christenheit diese Berufung übernehme. Es handelt sich nun um die Aufrichtung des Reichs der Christenheit. Dieses Rückgreifen auf die biblische Sache geht bis ins Sakramentale hinein; es wird z. B. in der Königsweihe unmittelbar auf die Salbung des israelitischen Königs zurückgegriffen und zwar so, dass nun gesagt wurde: dies ist jetzt der rechtmäßige König durch die rechtmäßige Salbung, – obwohl die Salbung aus der Körperlichkeit in die Fläche übergegangen ist, weil das Zwiegespräch des Statthalters mit dem rechtmäßigen Herrscher, Gott, verschwunden ist.
Die Völker – und nun kommen wir zu dem Judentum – die Völker stehen von hier aus zur Bibel, von der Grundvorstellung her, dass Israel verworfen ist, dass die Christenheit sein Erbe im Sinn des Reichsbaues schlechthin angetreten hat. Die Haltung Israels im Judentum ist, dass es weiß, es sei nicht so, dass es glaubens-, lebensmäßig weiß, es sei nicht an dem, ohne dass es irgend einen der Reichsgedanken zu bestreiten imstande wäre. Es gibt keine solche Bestreitung. Das Positive kann nicht negative Formen annehmen. Israel weiß, es hat eine Möglichkeit, es traut Gott zu, dass alle Möglichkeit bei ihm ruht und nicht erstirbt, es ist sich seiner Sünde zutiefst bewusst, aber es weiß zugleich in einer Weise, die nicht zu umschreiben ist, dass es preisgegeben und doch nicht verworfen ist, dass sein Amt abgebrochen und doch nicht zu Ende ist. Und so steht es inmitten der Völker, sie durchaus anerkennend: es ist nicht wahr, dass Israel den Völkern ihr Recht auch im höchsten Sinn aberkennt. Es weiß nicht darum – es weiß nur von seinem Amt und überschreitet dieses Wissen nicht. Es erscheint mir diese Verlassenheit und Doch-Nicht-Verworfenheit so: es ist neulich bei einer Morgenfeier vom Dom zu Worms gesprochen worden. Als ich das erste Mal in Worms war, sah ich mir zuerst den Dom an, wie es natürlich ist, und sah mir dann den jüdischen Friedhof an, was auch natürlich ist. Und ich sah von dem jüdischen Friedhof zum Dom hinauf. Der Dom ist echte, vollkommene, ungebrochene, gewachsene Gestalt; der jüdische Friedhof, diese zerstellten, schiefen, widereinander stehenden Grabsteine, ist die Gestaltlosigkeit selber – und von dem tiefgelegenen Friedhof hinauf zum Dom spürte ich stärker als je vorher dieses Verhältnis von Israel zwischen den Völkern.
Aber es muss hier zu den Völkern etwas gesagt werden. Jeremia schrieb einen Brief an die [Leerstelle im Text], sie sollten sich auf lange Zeit vorbereiten: »Baut Häuser und sammelt, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte« d. h. bereitet Leben für Geschlechter und Geschlechter, den Baum pflanzt, der lebt im Exil nicht als im Exil, – und dann weiter: »Trachtet nach dem Heil der Stadt (die Ganzheit der Glieder des Staates), dahin ich euch verschleppen ließ, betet für sie zu Jahwe, in ihrem Heil wird euch Heil sein.«
Was ich auf die Völker zu meine, ist dies: dass sie die Juden nicht rezipiert haben in jenem Sinn, dass sie den Juden nicht ermöglicht haben, den Satz Jeremias zu erfüllen, dass sie ihnen nicht die Möglichkeit gegeben haben, Häuser zu bauen und Bäume zu pflanzen, d. h. dass sie sie von der Urproduktion ausgeschlossen haben; dass sie sie dann in die Ghettos sperrten, dass sie sie äußerlich abriegelten, war nur eine äußere Konsequenz dieses inneren Verhaltens, vielleicht weil sie meinten, Gott habe die Juden verworfen, obwohl sie wohl hätten spüren mögen: wenn mir ein Mensch ins Haus kommt, so ist er gesandt, und ich habe eine Aufgabe an ihm eben dadurch, dass er mir gesandt ist, und zwar nicht die Aufgabe, ihn zu meinem Glauben zu bekehren, sondern eine Aufgabe an seiner menschlichen Not. Ich sage, dass die Völker die Juden in die Ghettos eingesperrt haben, war die Absperrung von der Urproduktion, diese Preisgabe an jenes zweifelhafte obere Stockwerk, wo man die Güter nicht schafft, sondern nur vermittelt. Sie wurden hineingeworfen in das Verließ des Handels, des Bankwesens, sie, ein Bauernvolk, das Sehnsucht nach Erde hat. (Nur in der Sowjet-Republik hat man die Juden wieder zur Urproduktion, zur Erde zugelassen).
Es sind einzelne Menschen aufgenommen worden, aber nicht das Volk Israel. Man hat es entweder als rückständige Religionsgemeinschaft oder als Rest einer Nation angesehen und abgetan: Israel, dieses einzige, das nicht mit dem Begriff der Nation, des Volks allein zu erfassen ist, das hier hineingestellt ist in das Leben der Völker. So willkürlich vom Bewusstsein aus lässt sich diese schwerste Aufgabe nicht lösen. Dass sich die Völker nicht haben sagen lassen, was das Alte Testament von dem »Gastsaßen« sagt als dem, den man teilnehmen lässt am Leben der Gesamtheit.
Und nun glaubt an die Geschichte, glaubt an Gott, an die Gesandtheit und glaubt, wenn unserem Glauben, unserer Aufgeschlossenheit eine Gestalt erwachsen will, dass sie dann auch erwächst, auch vom schwersten Widerstreit aus, wenn wir erst wirklich ihn im Namen Gottes zu bewältigen versuchen, ohne ihn zu vergewaltigen.
Diese Einzigkeit Israels bedingt eine Einzigkeit der Situation, die Unverwendbarkeit aller verwandten Kategorien. Israel empfindet seine Glaubenshoffnung, seine Verkündigung, sein Amt nicht so, als ob sich begriffliche oder sonstige Grenzen ziehen ließen, sondern es empfindet auch dieses Amt, auch diese Berufung im Zusammenhang mit der ganzen Wirklichkeit, der es treu sein will, weil es glaubt, dass Gott es hierher nicht verschleppt, sondern geschickt hat.
Ich sagte: es gibt Israel. Ich sagte auch: Israel ist nicht mit dem Judentum identisch. Das heißt, es gibt im Judentum einen Zerfall, der durch den Abfall von Israel und seinem Amt entsteht. Dieser Zerfall ist nicht bloß für Israel eine schwere Bedrohung, sondern er hat auch seine Bedenklichkeit für die Völkerwelt. Wenn in einem Volk oder Staat jemand etwas sagt oder treibt, wovon man fühlt oder weiß, dass es dem Innersten des eigenen Volks widerspricht oder widerstrebt, dann scheint es mir dem Sinn der Situation zu widersprechen, dass man sagt: den muss man mundtot machen, sondern es scheint mir, dass es dem Sinn der Aufgabe entspricht, dem Mann sein Publikum zu nehmen, d.h. das Volk so zu führen, dass es ihn nicht anhört. Im Hyde-Park in London gibt es Redner, die mehr oder weniger zweifelhafte Heilslehren verkündigen. Die einen haben Hörer, die anderen gar keine! Eingriffe sind falsch, vom Wesen der Situation her. Ich sage das nicht von Israel her, ich sage das, mich in die Lage der Völkerwelt versetzend.
Nun zu allerletzt die Frage: ist eine echte Rezeption möglich? Diese Frage scheint mir identisch zu sein mit der Frage, die hier schon aufgetaucht ist: ist ein Handeln der christlichen Völker von Jesus her möglich? Ich möchte aber das, so sehr es mir Ehrfurcht abgenötigt hat, was von Quäkerseite gesagt wurde, bezweifeln. Ich weiß, wie ungeheuer schwer es hier steht. Aber ich meine, es handelt sich nicht darum, die Bergpredigt zu tun, sondern sie tun zu wollen. Ich glaube nicht, dass man hier allgemein gültige Regeln ableiten kann, sondern dass man sich von da bestimmen lassen kann; jeweils in dem ganzen Widerstreit und Widerspruch. Was man tun kann, wird einem dann geboten, wenn man sich gebieten lassen will von der ganzen Wirklichkeit, ihr zugleich gerecht werden wollend.
Ja, das ist schwer. Das ist das Leben der Völker mit einander, das ist das Leben Israels mit den Völkern und der Völker mit Israel.
Aussprache nach dem Vortrag
Ehlen[2]: Man begeht überall den Fehler, dass man einen Punkt herausgreift und dann vergisst, dass dieser Punkt im Zusammenhang mit der ganzen Welt steht. Wir vergessen, dass er ein Stück der Dinge ist wie die Linie nur in der Ebene ist, und die Ebene nur am Körper, und dieser nur in der Totalität der Welt. Das müssen wir bedenken, bei unserer Aussprache.
Krannhals[3] bittet, die Lesung der Texte zu unterlassen, die Buber angekündigt hatte für den Schluss der Aussprache.
Buber: Diese Texte sind nicht etwa bloß eine Bestätigung meiner Ausführungen, sondern sie enthalten allerlei, worüber ich nicht sprechen konnte. Aber ich bin bereit, sie zurückzustellen.
M. Weber[4]: Ich würde vor allem vorschlagen, über die Frage zu sprechen: Ist echte Rezeption möglich, warum oder warum nicht?
J. Hüttenmeister: Warum hat Israel selbst nicht dafür gesorgt, dass eine Rezeption möglich war, und warum ist diese Zerstreuung möglich geworden?
Dannemann[5]: Zur Diskussion: Die Gefahr des Bewusstseins der Auserwähltheit.
Buber: Der Glaube an die Auserwähltheit ist eine schwere innere Gefahr, dass er vom Volk lebensmäßig so missverstanden werden könnte, dass es glaubt, ein Monopol auf Gott zu haben.
Dannemann: Ich meine die Auserwähltheit unter den Völkern.
Buber: Die gab es nur in der vorisraelitischen Zeit.
Dannemann: Hat das nicht charakterprägend gewirkt auch auf die nachisraelitische Zeit?
Hauer[6]: Worin besteht die Aufgabe dieses auserwählten Volkes in der Gegenwart und in der Zukunft?
Krannhals: Aus welchem Kriterium heraus stellt Israel fest, wie groß und welcher Art seine Ermächtigung ist?
Daur[7]: Es wurde gesagt: das Volk Israel ist etwas Einzigartiges, ist in einzigartiger Weise von dem Gott aller Völker auserwählt und geführt worden. Ich möchte fragen, ob nicht eine ganze Anzahl von Völkern dieser Geschichte dieser Überzeugung sind. Ob nicht jedes Volk irgendwie auf diese Linie geführt worden ist; ob nicht etwa China, oder das deutsche Volk hier durchaus dasselbe Schicksal, im wesentlichen identisch mit Israel, teilen; ob dieser alte Anspruch: wir sind das auserwählte Volk, in dieser Weise geschichtlich zu rechtfertigen ist.
Krannhals: Ist aus germanisch-deutschem Seelentum heraus der Begriff des Bundes nicht eine Unmöglichkeit? Er setzt die Trennung Mensch-Gott voraus, nicht das Erlebnis des Gott-Menschentums.
Buber: Ich wollte und will keine Auserwähltheit Israels anerkennen, wenn es noch nicht deutlich geworden ist. Wenn wir den Begriff der Auserwähltheit nehmen wollen: Jedes Volk ist auserwählt. Eine Schar wird Volk: d. h. sie wird zum Volkwerden auserwählt. Jedes Volk hat eine Aufgabe an der Menschheit, und die Aufgaben sind nicht mathematisch abzugrenzen. Wenn ich das gesagt habe, dass Israel sich abhebt von den Völkern, dann weil dieser Vorgang des Volkwerdens einen bestimmten Charakter angenommen hat, dass eine Stunde erinnert wird, wo das Volkwerden zusammenfällt mit einer bestimmten, ausgesprochenen Glaubenserfahrung und Glaubenshandlung. Dieses Volkwerden fällt hier zusammen mit dem, was die Bibel die Offenbarung nennt, und die geschieht, nachdem das Volk eine nicht staatliche, aber Volksordnung erhalten hat. Diese eigentümliche Glaubenseinheit ist keine Synthese, sondern ist in einem geschichtlichen Moment da.
Krannhals: Gerade das hat mich im Tiefsten aufgewühlt, dass wir eben in diesem innigsten Gefühl leben: Unsere Stunde des Auserwähltseins naht jetzt. Wir wollen aber gerade in diesem Gefühl der nahen Stunde unsere Kräfte bis ins Innerste prüfen, um zu unterscheiden, wo sind die wahren und wo die falschen Propheten!
Hauer: Zu dem Begriff des Auserwähltseins: es liegt hier zunächst religionsgeschichtlich ein einzigartiges Phänomen vor. Diese Einzigartigkeit besteht darin, dass ein Volk vorhanden ist, das als Volk glaubt, von Gott in ganz bestimmter Weise auserwählt zu sein, in bestimmter Weise herausgehoben vor dem andern. Nicht nur mit einer bestimmten Aufgabe: dieses Volk erhebt den Anspruch, das Volk zu sein, dem Gott als einzigem eine ganz umfassende Aufgabe anvertraut hat. Das gibt es sonst nicht, vielleicht noch bei den Briten, ab und zu. Nun scheint mir darin der große Unterschied zu liegen zwischen der Art, wie andere Völker ihre Aufgabe erleben und dieser Art, und da scheint mir in der Tat ein tiefgreifender, ja fast radikaler Unterschied zu bestehen. Niemand wird bestreiten, dass die Griechen ihre eigentümliche Aufgabe hatten, und dass ihre Aufgabe zusammenfiel mit ihrem Volk- und Staat-Werden. Aber jedenfalls soviel ist sicher: Mit ihrer Volkwerdung fällt zusammen das Erkennen oder mindestens Erfüllen ihrer eigentümlichen Aufgabe. Aber das griechische Volk hat nie in dieser Weise eine Einzigartigkeit beansprucht, sondern hat diese Aufgabe still bezwungen, und hat sie gelassen, als seine Sendung vorbei war. Bei den Römern dasselbe. Es entstand aber kein Bund.
Woran liegt das? Ich glaube, dass das in der Tat die Eigentümlichkeit des israelitisch-jüdischen Geistes ist, dass er, anstatt sich der Aufgabe stumm hinzugeben, wissend, dass es verschwinden wird, hat Israel diese Einzigartigkeit verewigt, verabsolutiert. Das tun etwa die indogermanischen Völker nicht. So ist der Bund mit dem Gott Israels ein Versuch, eine gewisse Bewusstseinsstruktur, die die Aufgabe so ansieht, irgendwie religiös zu sanktionieren. Ich bin ganz mit Buber einig: Gott hat dem Volk eine Aufgabe gesetzt, die nicht mehr und nicht weniger ist als irgendeine andere. Aber dass man gemeint hat, Gott habe gerade mit diesem Volk einen Bund geschlossen, das ist der Ausdruck eines bestimmten Charakters, der im Ewigen nicht zu Recht besteht. Das ist meine Deutung dieser Lage. Daraus ergibt sich das Andere: hat das Volk Israel seine Aufgabe erfüllt als Volk, wenn es nicht den Anspruch erhebt, Volk in dem alten Sinn zu sein?
Buber: Darauf zu entgegnen, wird mir schwer, und zwar aus einem ganz allgemeinen Grund: die Dinge, von denen her ich gesprochen habe, sind Dinge, die man weiß innen in einem Raum, wenn man drinnen ist. Das heißt: Im Tempel stehend weiß man, was Tempel ist. Nun ist es ein Wagnis, herauszutreten und von diesem durchaus Unerweislichen allem, was von der Objektivität her, vom dem allgemeinen Weltzusammenhang gesagt werden kann, entgegenzutreten.
Ich habe es auf mich genommen, und es ist mir sehr schwer geworden in meinem Leben. Diese Tagung hat es mir nicht leichter, sondern bis auf schöne menschliche Begegnungen schwerer gemacht. Aber, lieber Wilhelm Hauer: Ich bin schlechthin nicht befähigt und nicht ermächtigt, ein von innen her in dieser Weise Erfahrenes einreihen zu lassen und unser Werk einordnen zu lassen oder einem Werk unterordnen zu lassen, das ich nicht anerkenne. Sie können mir sagen: Mein Lieber, Sie weichen aus. Ich sage darauf: ich kann nicht anders, denn als von der Unbedingtheit her reden. Wenn Ihr mich aber an die Bedingtheit zwingt, dann wird etwas anderes daraus. Damals vor 3000 Jahren habe ich mich aufgemacht hierher in diesen Raum, und ich rede von daher, wo allein ich rechtmäßig reden kann. Ihr könnt mir das Wort versagen: dem bin ich ausgesetzt. Aber ob das, was ich sage, wirklich ist oder nicht, kann nicht anders entschieden werden – d. h. ich bin dem wohl ausgesetzt. Ich bin bereit, über alles zu sprechen, aber ich kann nicht darüber sprechen, ob das, woher ich spreche, in Frage zu stellen ist oder nicht. Ich ziehe damit eine gewisse Grenze, die ich ziehen muss, weil ich nicht ein philosophischer, oder diskutierender, oder Begriffs-Mensch bin: Ich bin der Mensch von dort vor 3000 Jahren.
Hauer: Ich verstehe das ganz, was Buber gesagt hat und zwar nicht nur intellektuell, sondern wesensmäßig als die Äußerung aus den tiefsten religiösen Gründen heraus, in denen ich auch lebe. Und so rede ich hier auch von meiner Seite her aus ähnlichen religiösen Gründen heraus, d. h. wenn ich Bubers religiöser Substanz eine andere entgegensetzen werde, die, die mit der 5000jährigen Geschichte der indogermanischen Bewegung verhängt ist, die mir genau so gottesverhängt ist wie die Geschichte Israels.
Zur Absteckung der Grenze dies: Ich werde nie von einem Christen verlangen, dass er mir den Absolutheitsanspruch beweist, ebenso nicht von Buber, da gebe ich ihm recht. Das ist eine religiöse Glaubensüberzeugung.
Buber: Ich will nur sagen: es ist ein Unterschied, der Absolutheitsanspruch des Christentums ist anderer Art, als der Anspruch, von dem ich gesprochen habe, und den ich nicht Absolutheitsanspruch nenne. Das Christentum in seiner geläufigen Gestalt beansprucht, dass dieser Glaube der Glaube der Menschen überhaupt wird, dass seine Absolutheit von der gesamten Menschheit dadurch anerkannt wird, dass sie den Glauben zu ihrem Glauben machen. Ich melde lediglich eine Wirklichkeit an, ohne irgend etwas für andere Wirklichkeiten des Kosmos abzuleiten.
Hauer: Ja, ich meine auch nicht, dass dieser Absolutheitsanspruch Wirklichkeit wäre. Was ich meine, ist, dass er der Art nach ähnlich ist. Absolutheit kann man nicht beweisen, man leitet sie ab, aus einer unabweisbaren Autorität. Buber spricht von der Einzigartigkeit des israelitischen Volkes. Das ist dem Charakter nach das Gleiche.
Ich möchte auch gar nicht das, was von Buber hier gesagt wurde, in die Relativität hineinziehen, nein, für mich ist die Aufgabe Israels eine absolute gewesen, aber absolut in dem Sinn: für eine bestimmte Situation bestimmt und wirkend von Gott her. Dem setze ich entgegen: Dieselbe Absolutheit nehme ich in Anspruch für das indische Volk, für das römische Volk, für das griechische, das deutsche Volk. Ich muss dem widersprechen, dass man diesen Absolutheitsanspruch anders fasst, als wie wir ihn hier fassen. Buber kann sich nicht ändern, aber dann wissen wir, dass wir in diesem Punkt nicht mehr hören können auf diesen Absolutheitsanspruch, ihn nur noch zur Kenntnis nehmen; er bedeutet für uns religiös nichts mehr.
M. Weber: Aber das ist ein Missverständnis Bubers!
Hauer: Gut, dann wird Buber es selbst sagen. Ich muss diesem Absolutheitsanspruch widersprechen, weil er auf die Gegenwart und auf die Zukunft geht und in sich enthält, dass für die Gegenwart und für die Zukunft dieser Anspruch, eine einzigartige Sendung zu haben, ebenso besteht wie für die vergangene Situation. Ich nehme Buber ernst: muss er nicht dem Absolutheitsanspruch Folge leisten? Ich kann diesen Absolutheitsanspruch nicht anerkennen, wenn es heißt: »von Gott gesetzt«. Daraus kommen dann die anderen Ansprüche. Ich glaube, Israel hat auch in dem von hier gemeinten Sinn auf den Absolutheitsanspruch der anderen Völker zu hören, und wenn es das nicht tut, haben wir diesen Absolutheitsanspruch abzuweisen.
Ehlen: Mir scheint eine Klärung möglich. Hauer wird zugeben müssen, dass solange diese Sendung vorhanden ist, als das Volk da ist. Solange das deutsche Volk da ist, ist auch irgendwie in ihm diese letztliche Sendung mitgegeben. Und so auch die Sendung des israelitischen Volkes. Wir können es nicht zurückweisen auf eine Zeit vor Jahrtausenden, sondern wir müssen ihm heute gerecht werden.
Bäumer[8]: Mir scheint, dass in dieser Debatte etwas miteinander verbunden ist, was getrennt gehört. Einen Absolutheitsanspruch als Anspruch eines religiösen Glaubens können wir gar nicht ablehnen. Es ist das Wesen jedes religiösen Glaubens, in diesem Absoluten sich selbst verwurzelt zu fühlen. Eine Sendung aus diesem Glauben hängt nicht zusammen mit der Weiterexistenz eines Volkes als Volk. Ich glaube, es besteht noch eine Sendung des Griechentums, es bildet noch weiter, trotzdem das Volk nicht mehr existiert. Ich glaube, dass man ganz klar trennen muss, ob dieser Glaube sich verbindet mit dem Willen zu einer politischen Existenz. Das ist entscheidend. Es ist von Buber gesagt worden, dass das Christentum eine andere Art von Absolutheitsglauben hat. Die von Buber hier dargestellte Glaubenswelt ist verbunden mit der Existenz einer völkischen Realität. Das, was im Hintergrund der Befürchtungen Außenstehender hier steht, ist dies: verbindet sich mit diesem religiösen Glauben an die Sendung in irgendeinem Sinn ein neu konzipiertes politisches Ziel, soll diese Einheit von Volk und Glauben in unserer heutigen Welt wiederhergestellt werden? Insofern ist das Absolutheitsbekenntnis ein totaleres, als das des Christentums, das sagt, es ist nicht abhängig davon, ob Völker existieren, die es kraft ihrer völkischen Eigenart tragen. Ich finde, dass die indogermanischen Völker, ohne dass in ihnen der Glaube an ihre Weltsendung so tief verwurzelt wäre, doch den Anspruch, dass nach ihren Grundsätzen die Welt sich gestalten soll, aufstellen. Wenn man mit den Angelsachsen zu tun hat, staunt man über die Naivität der Weltmission. Hier ist ein Imperialismus, den ich nicht da finde, wo ausdrücklich ausgesprochen ist, wie bei Buber, dass Israel Gott monopolisiert, und dass in einem bestimmten Stadium der Geschichte die Bundeslade im Tempel bleibt.
Hauer: Ich muss dem widersprechen, dass man einen Absolutheitsanspruch nicht ablehnen könnte. Man kann ihn nicht nehmen dem Menschen, der ihn erhebt. Freilich geht es nicht nur um die Frage, ob hier politische Gestaltung vorgenommen wird, sondern es geht hier um die religiöse Sendung.
Ich habe nicht gesagt, dass die Indogermanen das Bewusstsein ihrer Sendung nicht hätten, sondern sie haben sie nicht in einem Bund mit Gott ausgedrückt. Das scheint mir ein Wesensunterschied des Charakters zu sein.
Buber: Zunächst von da aus, wo ich zuletzt angelangt war: es ist nicht so, dass Israel etwa irgendeine Auffassung, die es von sich hatte, in die Form eines Bundes gekleidet hat, der doch ein Akt der Gegenseitigkeit ist, dass es sich also den Partner ausgesonnen haben müsste. Ebensowenig wie dies vermöchte ich zuzugeben, dass Israel seine Aufgabe verewigt und verabsolutiert hat.
Hauer: Das ist es nicht ganz. Es ist jetzt nötig, klar zu sein, um der Sache willen. Ich habe es nicht so gesagt, dass Israel etwas subjektiv erlebt hat und sich einen Partner ausgedacht hat. Israel ist von Gott ergriffen worden und hat seine Aufgabe bekommen und gestaltet und hat dieses Ergriffenwerden dargestellt. Das ist nichts Subjektives.
Buber: Nun kämpfen Sie gegen Windmühlen. Ich habe Sie nicht missverstanden. Einen Beweis dafür, dass Israel seine Aufgabe nicht verewigt hat: Gott hat mir den Bund nicht gekündigt! Das ist etwas, was von dem indogermanischen Menschen schwer verstanden wird. Er kennt nicht ein Gegenüber. Aber ich möchte in diesem Zusammenhang noch einmal deutlich sagen: ich spreche nicht von Absolutheitsanspruch. Dass ich in demselben Sinn, wie ich hier von dem Geheimnis Israels gesprochen habe, die Geheimnisse der abendländischen Völker anerkenne, das nenne ich nicht Absolutheitsanspruch. Geheimnis ist Geheimnis. Es ist aber viel in der Welt geschehen, wenn ein Geheimnis das andere anerkennt. Ich wollte hier keinen Absolutheitsanspruch anmelden, weil ich ihn gar nicht darzulegen vermöchte und berufen bin. Wenn Sie sagen, Israel habe den Absolutheitsanspruch, so sage ich, dass ich niemals wagen würde, über das Geheimnis des Christentums, das ich in einem gewissen Sinn viel weniger verstehe wie das Deutschtum, von dem ich viel verstehe, von innen her, durch die Sprache etwa, über das Christentum, an dessen Struktur mir vieles fremd ist, über sein Geheimnis irgendwie abzusprechen. Noch weniger über das des Deutschtums. Ich habe also nicht von Absolutheitsanspruch geredet, sondern von Geheimnis. Dieses Geheimnis ist nicht auf Zeit beschränkt. Ich weiß schlechthin von keinem Aufhören dieses Geheimnisses, das durchaus historischen Charakter hat, im Gegensatz zu allen Geheimnissen, von denen hier gesprochen wurde, nämlich den Charakter des einmaligen Ereignisses, an das sich alle Geschlechter erinnern, als ob es ihnen selbst geschehen wäre. Dieses Verhältnis zu der konkreten, geschehenden Geschichte ist etwas Anderes. Damit will ich nichts sagen über die Geheimnisse innerhalb der Völkerwelt, denen ich mich beuge, wie ich mich dem unbegreiflichen Walten Gottes in der Welt beuge.
Ehlen: Ich verstehe, wenn Hauer sagt, dass er aus religiösen Gründen vom deutschen, indogermanischen Volk aus den Anspruch ablehnen muss als noch jetzt zu Recht bestehend. Aber ich meine, wir müssen doch darüber nachdenken, solange wir überhaupt Christentum in der Form verstehen, dass es eine gewisse Nachfolge Jesu bedeutet, ob nicht auch jetzt weiter in dem Bestehen Israels, und in der Art, wie es in den Völkern lebt, ob da nicht das eine darin liegt: der im Dunkeln leidende Knecht, der um der Erfüllung des Gottesreichs willen leidende Knecht. Dieser Glaube, der mehr bedeutet als alle Geschichte, diese ungeheure Leidensfähigkeit des jüdischen Volkes, das ist das, was uns immer wieder zum Besinnen bringen muss: was lebt in diesem Volk, dass es trotz aller Unterdrückung es leistet, der leidende Knecht Gottes zu sein und doch zu glauben?
Richter: Ich stelle die Frage, ob die Einzigartigkeit des Volks und seiner Berufung, von der zuletzt die Rede war, die unter keine Kategorie zu fassen ist, nur das bedeutet, wie mir scheint, was man sonst Individualität des Einzelgeschehens in der Geschichte nennt, so wie ich das Werden des Deutschen Volkes auch als ein ganz einzigartiges und individuelles in der Geschichte fasse.
Buber verneint das.
Krannhals: Ich glaube aus einer anderen Substanz heraus, aber aus demselben Grunderlebnis heraus zu sprechen wie Buber, wenn er sagt: »Bei dem, was vor 3000 Jahren am Sinai geschah, war ich selbst dabei«. Was für ihn eine Ewigkeit ist, das ist für mich auch eine Ewigkeit. Das ist kein Geheimnis, sondern es ist die Wirksamkeit des Ewigen jenseits von Zeit und Raum, und das ist das eminent Wirksame. Das hat uns Deutsche Buber gelehrt in dem, was er uns vorgetragen hat.
Ehlen: Alle Individualität und Einzigartigkeit ist hineingenommen in die letzte Wirklichkeit, dass wir uns davor besinnen und schweigen. Nun wollen wir über die Frage der Rezeption sprechen.
Buber: Auf die Frage, ob Rezeption möglich ist, kann ich nicht antworten. Ich weiß nichts davon. Ich weiß nur, wie wesentlich es ist für Israel und die Völker, ob sie geschieht.
Hauer: Wenn die Aufgabe Israels so verknüpft ist mit seinem Volksein, wie kann dann diese Aufgabe weiter erfüllt werden, solange es nicht Volk ist? Ich frage: was ist Volk?
Buber: Volk ist gemeinsame Leiblichkeit einer Vielheit von Menschen. Leiblichkeit – das ist nicht bloß Körperlichkeit: dazu gehört alles. Auf die Frage nach der Aufgabe ist schwer zu antworten. (»Aufgabe« ist ein schlechtes Wort, viel zu rational, besser vielleicht: Berufung, Geheimnis). Es ist nicht so wie Sendung, als ob man eine Mission hätte für die Andern.
Hauer: Diesen Anspruch erhebt aber Israel.
Buber: Ich verstehe Israel nicht so. Ich bin Anti-Missionar. Es hat keine Mission in dem Sinn, dass es den reinen Gottgedanken unter den Völkern zu verbreiten hätte. Das finde ich lächerlich. Ich finde nicht, dass Ihr uns braucht, um einen reinen Gottgedanken zu haben, gleichviel, ob wir in Zerstreuung oder in Palästina leben, sondern das, was ich Aufgabe oder Berufung nenne, ist etwas, was Israel zu tun hat dadurch, dass es auf eine bestimmte Weise da ist. Israel hat keine Propaganda, es hat kein Heil zu bringen, sondern es hat etwas Bestimmtes zu tun, was es verfehlt hat, es hat eine bestimmte Art von Gemeinschaft zu bauen. Eben das meinte ich, als ich von der Sozialgesetzgebung sagte, es dürfe nichts die Gemeinschaft sprengen. Aber Israel ist nie eingefallen, mit dieser Gemeinschaft Mission zu treiben. Ich wünsche, dass jetzt und hier auch Bedingungen gegeben werden – nicht für ein Davidisches Reich, das versagt hat, wie andere versagt haben. Das Gebot kleidet sich in immer neue Gestalt, es ist nicht so, dass wir es einmal aufschreiben und nun besitzen wir es für alle Zeit, sondern so, dass es von eben daher, woher es erklungen ist, von derselben Stimme aus, die gesprochen hat, nun von Zeit zu Zeit in den Wandel der Zeiten hineinspricht, selber sich bildend und doch einig bleibend. Ich lasse mich nicht festlegen auf »Davidisches Reich«, für das ich als heutiger Mensch eine nur sehr begrenzte Sympathie habe. Was ich als Stimme höre, ist anders als geschichtliche Wesenheit. Ich widerspreche der Geschichte, indem ich dem Herrn der Geschichte gehorche.
M. Weber: Wir sprechen von der konkreten Frage, ob eine echte Aufnahme des jüdischen Volkes möglich und nötig ist. Ich könnte darauf nur antworten, ich weiß es nicht. Ob der letzte Untergrund der Humanität zu einer solchen Aufnahme noch vorhanden ist, weiß ich nicht. Aber ich halte die Zielrichtung darauf für notwendig. Die echte Aufnahme bestünde darin, dass man sich sagt: Wir stehen vor der Tatsache, dass in unserer Volksgemeinschaft seit Jahrhunderten eingesprengt ist eine andere Rasse, ein anderes Volkstum, das nun unlöslich, wie mir scheint, in unsere eigene Existenz verflochten ist und zwar in doppelter Weise: auch durch die geistig-religiösen Schätze, die es uns vermittelt hat. Das können wir nicht mehr ausscheiden. Unsere größten Volksführer, die größten Repräsentanten unserer deutschen Nation wie z. B. Luther und Goethe, sind überhaupt in ihrer Sprache nicht ohne die Bibel zu denken. Deshalb haben wir eine Verpflichtung gegenüber diesem höchst eigentümlichen und in vielem anders konstituierten und uns fremd bleibenden Volk. Wir sind nun einmal von der Geschichte vor diese Aufgabe gestellt. Eine echte Rezeption würde darin bestehen, dass gewisse jüdische Eigenschaften, die uns nicht leicht zu ertragen sind, die es uns vielleicht nicht immer leicht machen, im Daseinskampf gegen die Intelligenz (nach einer bestimmten Richtung hin entwickelt!) des Judentums zu behaupten – dass unser Verhalten an diesen Eigenarten des fremden Volkes eine Mitschuld trägt. Wir haben eine tragische Schuld auf uns geladen, als wir das Gastvolk nicht aufnahmen, sondern es in die Ghettos sperrten. Durch die Tatsache, dass die Juden nur auf dem Umweg über das Geld zur Macht kommen konnten, haben wir mitgewirkt an bestimmten Qualitäten ihrer Intelligenz, die uns heute schwer zu tragen sind. Es fragt sich nun, ob wir die Situation, die wir angetreten haben, positiv bewältigen. Wir müssen uns gegen eine ausdrückliche, mit politischen Mitteln betriebene antisemitische Propaganda wenden, die nach einem Sündenbock sucht.
Krannhals: Aus dem Grunderlebnis des Letzten, aus dem ich die Einheit betont habe, die ich mit Buber fühle, aber aus einer anderen Substanz heraus muss ich jetzt auf das Unterschiedliche zwischen ihm und mir eingehen. Die Welt ist Einheit und Mannigfaltigkeit, unendlich gegliedert; das Volk ist ein Gedanke Gottes. Es wird also mit der Bejahung der echten Aufnahme die Idee des Volks zerstört. Ich wende mich dagegen, das Judentum sei eine Wurzel unserer geistigen und seelischen Existenz. Die praktischen Fragen: wie stellen wir uns positiv zum Judentum? sind unendlich kompliziert. Ich begrüße den Versuch in Palästina.
Dannemann: Vor mir steht Buber viel zu groß, als dass ich ihm alles anhängen möchte, was sich heute als Judentum manifestiert. Was haben die Juden in Persien, in Rom getan? Von unserer Seite wird das, wovon M. Weber sprach, unsere Schuld, als bewusste Geschichtsfälschung bezeichnet.
Buber: Das stimmt aber historisch nicht. Wir haben überall agrarische Siedlungen der Juden, sogar in Deutschland gab es sie, ehe diese neue Haltung der Feindlichkeit kam. Noch vor dem Jahr 1000 gab es dörfliche Siedlungen der Juden in Deutschland. So einfach liegen die Dinge nicht. Und zur Schuld? Nun, ich fühle mich nicht befugt, über Schuld zu reden. Aber es hat doch einmal eine große religiöse Begeisterung gegeben: die Zeit der Kreuzzüge! Womit hat man angefangen beim Einzug in Jerusalem? Mit der Niedermetzelung von Juden. Ich klage an – ja – ich wollte nicht darüber reden, nicht darüber hinweg, – –
Ich habe nicht von einer Aufnahme durch das deutsche Volk gesprochen, sondern durch die Völkerwelt. Das ist etwas Anderes. Es gibt die Völker nicht bloß als Völker. Und schließlich: man sagt immer, diese Zeit ist eine Zeit der Krise. Ich sage: es ist eine Zeit der Probe, der schwersten Probe.
Hauer: Auch ich glaube, wir dürfen um die Frage der Schuld nicht herumgehen. Ich war vor 3 Jahren im Orient und habe aus diesem Anlass die Geschichte der Kreuzzüge studiert, und habe die Schilderung der Metzeleien damals in Jerusalem studiert und bin fast zusammengebrochen. Da wurden weder Greise noch Säuglinge geschont – das Blut ging bis an die Säume der Pferde! Und ich bin dort gestanden als Kreuzfahrer – und fühlte die Schuld.
Nun dürfen wir aber aus diesem Gefühl heraus nicht sagen: nun müssen wir den Juden alles zuliebe tun. Wir wollen nicht noch einmal Schuld auf uns laden, sondern wollen mit ganzer Seele danach ringen, dass die Lösung geschieht. Ob das die Lösung von M. Weber oder von Dannemann ist, das weiß ich nicht. Hier sind Menschen, die tragen an dieser Schuld, und die haben die geschichtliche Tragik des jüdischen Volkes schwer empfunden. Aus diesem Geist heraus wollen sie das Problem lösen, aber sie wissen nicht, wie sie es lösen sollen. Man darf auch nicht die Sache zu leicht machen, auch für die Juden nicht zu leicht.
Quelle: Martin Buber Werkausgabe (MWB) 11. Schriften zur politischen Philosophie und zur Sozialphilosophie, Teilband 1: 1906-1938, herausgegeben und kommentiert von Stefano Franchini, eingeleitet von Franceso Ferrari, Gütersloh: GVH, 2019, S. 388–411.
[1] Referat auf der sechsten jährlichen Arbeitswoche des Köngener Bundes am Freitag, den 6. Januar 1933 in der Jugendherberge von Kassel.
[2] Nikolaus Ehlen (* 9. Dezember 1886 in Graach an der Mosel; † 18. Oktober 1965 in Essen) war als jugendbewegter Lehrer Mitglied im Friedensbund Deutscher Katholiken sowie im Internationalen Versöhnungsbund. Er gilt als Pionier des Selbsthilfe-Siedlungsbaus.
[3] Paul Krannhals (* 14. November 1883 in Riga; † 16. August 1934 in München) war ein deutschbaltischer Kulturphilosoph und Publizist, der als früher Vordenker und Wegbereiter der nationalsozialistischen Ideologie (insbesondere des völkischen Denkens) galt und eng mit Kreisen um Alfred Rosenberg verbunden war.
[4] Marianne Weber, geborene Schnitger (* 2. August 1870 in Oerlinghausen; † 12. März 1954 in Heidelberg), seit 1893 mit Max Weber verheiratet, war eine deutsche Frauenrechtlerin und Rechtshistorikerin.
[5] Hans Dannemann war Führer der Jungköngener, der diese 1933 in die Hitlerjugend überführte.
[6] Jakob Wilhelm Hauer (* 4. April 1881 in Ditzingen; † 18. Februar 1962 in Tübingen), dem Pietismus Hahnscher Prägung entstammend, war ein deutscher Indologe und Religionswissenschaftler. Er lehrte an der Universität Tübingen als Ordinarius für Religionswissenschaften und Indologie. Hauer war Gründer des Jugendbundes Bund der Köngener sowie in der NS-Zeit Gründer der Deutschen Glaubensbewegung bzw. seit 1934 Mitglied der SS und seit 1937 der NSDAP.
[7] Rudolf (Rudi) Daur (* 26. Januar 1892 in Korntal; † 17. Juni 1976 in Stuttgart) war evangelischer Pfarrer in Stuttgart und von 1933 bis zu seinem Tode Leiter des Bundes der Köngener. Aufgrund seines Erlebnisses des 1. Weltkriegs wurde er zum Kriegsgegner und trat dem Internationalen Versöhnungsbund bei. Er war jahrelang Präsident des deutschen Zweigs.
[8] Gertrud Bäumer (* 12. September 1873 in Hohenlimburg; † 25. März 1954 in Gadderbaum) war deutsche Frauenrechtlerin und liberale Politikerin, die von 1919 bis 1932 Mitglied des Reichstages gewesen ist.