Hendrikus Berkhof, Nachruf auf Kornelis Heiko Miskotte (1976): „Die Originalität, die Miskotte auch gegenüber Barth nicht verleugnen konnte, lebte er besonders in seiner Predigt aus. Wer seine Predigten mit denen Barths vergleicht, erkennt eine völlig andere Welt. Miskotte verkündete das Evangelium vor dem Hintergrund des modernen Lebensgefühls – mit einer Tiefe und Subtilität, die Barth fremd war (von ihm jedoch hoch geschätzt wurde). Ich glaube, dass Miskotte als Prediger und als Autor mehrerer Predigtbände mehr Einfluss ausgeübt hat als durch all seine anderen Werke. Wahrscheinlich wird er in der niederländischen Kirchengeschichte vor allem als der größte Prediger dieser Epoche in Erinnerung bleiben.“

IN MEMORIAM PROF. DR. KORNELIS HEIKO MISKOTTE
23. September 1894 – 31. August 1976

Es scheint, dass der stetig wachsende Strom an Betrachtungen über Prof. Miskotte sich mit den unterschiedlichsten Facetten dieses vielseitig begabten Menschen beschäftigt und auch weiterhin beschäftigen wird: mit dem Prediger, dem Seelsorger, dem erfahrungsgesättigten Frommen, dem Literaten, dem Deuter des modernen Kulturbewusstseins, dem Vertreter der politischen Theologie während und nach dem Krieg usw. Dabei droht jedoch der Theologe in den Hintergrund zu geraten. Und das, obwohl die Theologie sein eigentliches Fachgebiet war, dem er in einer langen Reihe von Publikationen Ausdruck verliehen hat. Es ist gut, dass gerade unsere Zeitschrift diesen Aspekt in den Vordergrund rücken möchte.

Wer an Miskotte als Fachtheologen denkt, wird geneigt sein, ihn als unermüdlichen Vermittler Barths innerhalb der niederländischen kirchlichen und theologischen Verhältnisse zu sehen. Und in der Tat wollte er theologisch gesehen im Grunde nichts anderes sein. Es schien, als hätte er in größter Demut seine eigenen außergewöhnlichen Gaben der Originalität und des kritischen Denkens diesem einen Ziel geopfert. Was in dieser Hinsicht seine Sorgen, sein Ringen und seine Fortschritte waren, möge man in seinem Beitrag zur Festschrift für Barth „Antwort“ (Zollikon-Zürich 1956) unter dem Titel „Die Erlaubnis zu schriftgemäßem Denken“ (S. 29–51) nachlesen.

Wer ihn jedoch ausschließlich unter diesem Blickwinkel betrachtet, läuft Gefahr, viele bedeutsame Aspekte zu übersehen. Man darf nicht vergessen, dass er sich mindestens von 1923 bis 1928 deutlich gegen Barth wandte, zunächst aus einer (damals weit verbreiteten) Orientierung an einer neukantianischen Wertlehre. Doch auch später hielt er große kritische Vorbehalte gegenüber bestimmten Gedankengängen Barths aufrecht. Trotz mehrfacher Bitten weigerte er sich jedoch, dies offen auszusprechen, da es ihm angesichts des großen Widerstands gegen Barth in den Niederlanden darum ging, dass die Grundstruktur dieser Theologie (konzentriert in Kirchliche Dogmatik II,1) Gegenstand der Diskussion sein sollte – ohne Ablenkung durch Einzelheiten und Ausführungen.

Die Originalität, die Miskotte auch gegenüber Barth nicht verleugnen konnte, lebte er besonders in seiner Predigt aus. Wer seine Predigten mit denen Barths vergleicht, erkennt eine völlig andere Welt. Miskotte verkündete das Evangelium vor dem Hintergrund des modernen Lebensgefühls – mit einer Tiefe und Subtilität, die Barth fremd war (von ihm jedoch hoch geschätzt wurde). Ich glaube, dass Miskotte als Prediger und als Autor mehrerer Predigtbände mehr Einfluss ausgeübt hat als durch all seine anderen Werke. Wahrscheinlich wird er in der niederländischen Kirchengeschichte vor allem als der größte Prediger dieser Epoche in Erinnerung bleiben.

Das scheint zunächst außerhalb unseres Themas zu liegen – und führt doch direkt hinein. Denn Miskottes spezifischer Beitrag innerhalb der Barth-Schule liegt im Bereich der Glaubensauslegung – und zwar nicht nur praktisch durch seine Predigten, sondern auch theoretisch durch seine anhaltende Auseinandersetzung mit dem hermeneutischen Problem. Schon in seiner ersten großen Studie, mit der er sich auf Barths Seite stellte: „Bemerkungen zur theologischen Exegese“, in dem Aufsatzband „De openbaring der verborgenheid“ (Baarn 1934, S. 63–99), stellte er dies dar. Später wurde diese Studie stark überarbeitet und erweitert und erschien unter dem Titel „De opdracht der exegese“, zusammen mit drei weiteren Beiträgen – darunter das berühmte „Het waagstuk der prediking“ – in seinem hermeneutischen Hauptwerk „Om het levende Woord“ (’s-Gravenhage 1948). Lange bevor Begriff und Sache der Hermeneutik theologisch in Mode kamen, hatte Miskotte sich ihr bereits mit großer Tiefe und Intensität gewidmet – in einer Weise, die in den lebhaften hermeneutischen Diskussionen der 1960er Jahre kaum wiederkehrt.

1941 legte Miskotte mit seinem „Bijbels ABC“ eine angewandte Hermeneutik vor, das später in einer zweiten, überarbeiteten Auflage erschien (Amsterdam 1966). Hier werden die Grundlinien der Schrift ausgezogen, wie sie gerade in KD II,1 (1940) entworfen worden waren – nun jedoch mit Blick auf die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Das Buch wurde zu einem Orientierungspunkt für eine heranwachsende Theologengeneration und für viele, die sich der von Kraemer initiierten Bewegung des Gemeindeaufbaus widmeten. Als dritte systematische Studie zur Hermeneutik nenne ich „Zur biblischen Hermeneutik“, erschienen in der Reihe „Theologische Studien“ (Heft 55, Zollikon 1959), später abgedruckt in „Geloof en kennis“ (Haarlem 1966, S. 200–229). Dieses kleine Meisterwerk fasst Miskottes Einsichten noch einmal zusammen, ausgehend von „Luthers hermeneutischem Testament“, das er glänzend interpretiert – unter Ablehnung von Calvins Lehre von der doppelten Gotteserkenntnis – im Gespräch mit dem ersten Band von von Rads „Theologie des Alten Testaments“.

Wie ich die Hermeneutik als einen Pol von Miskottes spezifisch theologischer Arbeit sehe, so sehe ich als zweiten Pol sein Theologisieren aus dem Alten Testament heraus und im Gespräch mit dem Judentum. Beide Pole verweisen aufeinander. Schon der Aufsatz von 1934 verweist mehrfach auf Franz Rosenzweig als Hermeneut des Alten Testaments. Dass dieser Name damals in den Niederlanden überhaupt bekannt war, verdanken wir Miskottes Dissertation in Groningen: „Het wezen der joodse religie“ (Amsterdam 1932, 2. Auflage Haarlem 1964), in der fast 100 Seiten Rosenzweig gewidmet sind, daneben 70 Seiten Martin Buber (und schon damals 15 Seiten Ernst Bloch!). Wie bei der Hermeneutik möchte ich auch hier drei Werke nennen, die alle zu Miskottes Hauptwerken zählen: neben der bereits erwähnten Dissertation „Edda en Thora“ (Nijkerk 1939), eine phänomenologische Beschreibung des Gegensatzes zwischen germanischem Heidentum und Altem Testament, sowie das zu Recht als sein Hauptwerk geltende „Als de goden zwijgen. Over de zin van het Oude Testament“ (Amsterdam 1956). Miskottes Hermeneutik geht vom „Überschuss des Alten Testaments“ aus. Damit bezieht er Stellung – zunächst gegenüber dem Nationalsozialismus, später gegenüber der modernen Säkularisierung und ihrem innewohnenden Nihilismus. Sein Hauptwerk kann auch als große Hermeneutik gelesen werden; es endet nicht zufällig mit einer Reihe von „Anwendungsversuchen“. Für dieses Auslegungswerk in der modernen Welt fand Miskotte die meiste Unterstützung bei modernen jüdischen Denkern, vor allem bei der Hermeneutik von Buber und Rosenzweig. Er beschritt damit Wege, auf denen Barth ihm nicht vorangegangen war. Der wechselseitige Befruchtung zweier Traditionen brachte eine Variante hervor, die eine eigene Relevanz gewann – und die auch im Ausland Beachtung fand, vor allem in Deutschland, wo zur Zeit des Aufkommens der „Gott-ist-tot“-Bewegung eine Auflage von „Wenn die Götter schweigen“ der nächsten folgte, begleitet von immer mehr Übersetzungen anderer Werke.

Die theologische Ellipse mit diesen zwei Brennpunkten deckt sich nicht mit dem Kreis Barths. Gerade dieses Herausragen verlangt weitere Überlegungen. Das betrifft das Verhältnis zwischen der Hermeneutik von Buber-Rosenzweig und derjenigen, auf der die Kirchliche Dogmatik beruht. Das betrifft auch die Stellung des Judentums aus der Sicht der christlichen Theologie. Im Schlussteil seiner Dissertation grenzt Miskotte den christlichen Glauben scharf gegen die moderne jüdische Lehre der Korrelation ab. Diese Gegenüberstellung scheint in späteren Publikationen verwischt zu werden. Bei Barth hingegen bleibt sie in aller Schärfe bestehen. Liegt das daran, dass Barth das Judentum weitaus weniger kannte als Miskotte? Oder daran, dass die beiden Hermeneutiken doch weniger vereinbar waren, als Miskotte dachte? Diese zugespitzten Fragen mögen als Beweis gelten, dass Miskotte uns gerade als Theologe mit seinem reichen Erbe auch Fragen von größter Aktualität hinterlässt.

Für weitere biografische und bibliografische Angaben verweise ich auf die sorgfältige Arbeit von Miskottes Schwager, Pfarrer H. C. Touw. In der Festschrift für Miskotte „Woord en Wereld“ (Amsterdam 1961) schrieb er eine Biografie (S. 9–75): „Prof. dr. K. H. Miskotte. Zijn weg in Woord en Wereld“ sowie eine Bibliografie (S. 318–333). Beide setzte er anlässlich von Miskottes 75. Geburtstag fort in einem Offsetheft von 39 Seiten mit dem Titel „Tien jaar verder“ (nicht im Handel), und er ergänzte sie in einer 12-seitigen Broschüre „Paralipomenon“ (ebenfalls nicht im Handel). Diese Publikationen habe ich mit Dank genutzt.

H. Berkhof

Quelle: Nederlands theologisch tijdschrift (NTT) 31, Nr. 1 (Januar 1977), S. 57-59.

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