Formen menschlicher Gemeinschaft
Von Rudolf Bultmann
Das Interesse, das die folgende Besinnung leitet, ist nicht das soziologische, sondern das anthropologische, – Anthropologie, verstanden als die Besinnung auf das menschliche Sein – also meinetwegen: das existentialistische. Vier Formen menschlicher Gemeinschaft lassen sich unterscheiden.
- Die durch die Natur vermittelte Gemeinschaft,
- die aus der Geschichte erwachsene Gemeinschaft,
- die durch die geistige Welt von Kunst und Wissenschaft begründete Gemeinschaft,
- die durch die Religion gestiftete Gemeinschaft.
I.
Durch die Natur ist die Gemeinschaft der Liebe zwischen Mann und Weib, die Ehe, begründet, die Gemeinschaft der natürlichen Verwandtschaft der Familie, des Stammes, des Volkes. Und wie durch das „Blut“ so wirkt die Natur auch durch den „Boden“ Gemeinschaft zwischen Menschen.
Wir haben in Deutschland in der hinter uns liegenden Epoche die durch Blut und Boden gewirkte Gemeinschaft bis zum Überdruß preisen gehört. Nie aber ist der Sinn dieser Gemeinschaft so verkannt und so entsetzlich verstellt worden wie in dieser Epoche. Deshalb nämlich, weil diese durch die Natur dem Menschen geschenkte Gemeinschaft gar nicht als echte menschliche Gemeinschaft verstanden, sondern das spezifisch Menschliche aus ihr eliminiert wurde. Wie das gemeint ist, wird sehr einfach durch eine Gegenüberstellung klar. Es gibt wohl kein großartigeres Beispiel für die durch den natürlichen Eros gestiftete menschliche Gemeinschaft als Shakespeares „Romeo und Julia“. Demgegenüber die Auffassung der nationalsozialistischen Weltanschauung! Hier wird menschliche Gemeinschaft zur tierischen degradiert, wenn Liebe und Ehe unter den gleichen Gesichtspunkt gestellt werden wie die Züchtung von Rinder- und Pferderassen, – doppelt entstellt und ins Ekelhafte gezogen, weil nicht einfach der natürliche Trieb sich selbst überlassen wurde, sondern auch noch unter den Zweckgedanken gestellt wurde, der den Sinn echt menschlicher Gemeinschaft von vornherein entstellt.
Was aber ist dieser Sinn? Echt menschliche Gemeinschaft ist, kurz gesagt, die zwischen Mensch und Mensch; d. h. diejenige Gemeinschaft, in der der Mensch durch die Hingabe seiner selbst an den anderen zu sich selbst kommt. Echt menschliche Gemeinschaft gibt es nur zwischen Menschen, die sich einander in ihrem Selbst offenbaren und füreinander und voneinander sie selbst sind. In „Romeo und Julia“ ist das unmittelbar anschaulich. Aber diese Gemeinschaft des sich selbst Offenbarens und zu sich selbst gebracht Werdens hat ihre Problematik, die wiederum durch eine Gegenüberstellung deutlich werden mag.
Im „Olympischen Frühling“ schildert Karl Spitteler die Entdeckungsfahrt des Apollon und der Artemis. Sie gelangen in das „Land der Oberwelt“ und schauen die Fülle der Wunder, die die Gärten der Hesperiden darbieten.
»Doch als sie auch das Tal Eidophane zuletzt
Entdeckten, wo, der Fesseln ledig, leibentsetzt,
Vor deinem Blick lustwandelt dein enthülltes Ich:
Hier stehst du, drüben grüßtest du vom Walde dich –
Da sprach Apollon: »Artemis, du edle Frau,
Wenn ich die Seele dein vor mir lustwandelnd schau,
So ist sie rein von Makel, wie von Golde lauter.«
Darauf versetzte Artemis: »Geliebter, Trauter,
Von lauterm Golde nicht, es ist ein Kern darinnen,
Lebendig, warm und weich, der mag dich zärtlich minnen.«
Und am Schluß des Gesanges bekennt Apoll:
»Ich fahre mehr in keine stolze Höh und Weite,
Du ständest denn mit deinem Glauben mir zur Seite.
Ja, wahrlich ja! Und hoffe niemand zu entzweien,
Die einst ins Tal Eidophane geblickt zu Zweien.«
Daß dieses strahlende Glück der tiefsten Gemeinschaft zwischen Zweien kein billig zu gewinnendes und kein leicht zu tragendes ist, zeigt Goethes anklagende Frage an das Schicksal in dem an Frau von Stein gerichteten Gedicht:
»Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,
Uns einander in das Herz zu sehn,
Um durch all die seltenen Gewühle
unser wahr Verhältnis auszuspähn?
Ach, so viele tausend Menschen kennen,
dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungslos in unversehnen Schmerz!
Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden
Unerwarte Morgenröte tagt:
Nur uns armen liebevollen beiden
Ist das wechselseit’ge Glück versagt,
Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen,
In dem anderen sehn, was er nie war,
Immer frisch auf Traumglück auszugehen
Und zu schwanken auch in Traumgefahr.
Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt,
Glücklich, dem die Ahnung eitel wär!
Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt
Traum und Ahnung leider uns noch mehr.
Sag‘, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag‘, wie band es uns so rein genau? …«
Der Wille zum Selbst ist die Voraussetzung echter Gemeinschaft; denn nur Menschen, die Personen, d. h. je ein Selbst sind, können in echter Gemeinschaft stehen. Das bedeutet aber: Voraussetzung echter Gemeinschaft ist der Wille zu Freiheit und Verantwortung, zur Wahrheit und die Bereitschaft zu Opfer und Hingabe, – und der Humor als die Kraft, Distanz zu sich selbst zu gewinnen.
II.
Auch die Geschichte stiftet Gemeinschaft durch das gemeinsame Erleben, durch die Arbeit an gemeinsamen Aufgaben, durch die gemeinsame Erfahrung guter und böser Zeiten, gemeinsame Freude und gemeinsames Leid, durch die Tradition, in der die geschichtlichen Erfahrungen bewahrt und vermittelt werden, durch die aus der Geschichte erwachsende jeweilige Gestalt von Recht und Sitte. So erwächst etwa die Kameradschaft in der gemeinsam erlebten Studentenzeit und Soldatenzeit, im gemeinsamen Erleiden der Zeit der Gefangenschaft. So erwächst Volksgemeinschaft in der Geschichte eines Volkes, und so soll – so hoffen wir – eine völkerumspannende Gemeinschaft erwachsen aus den geschichtlichen Erfahrungen der Gegenwart.
Die analoge Problematik wie für die aus der Natur erwachsenen Gemeinschaften besteht auch für die aus der Geschichte erwachsenen. Denn echt ist eine geschichtliche Gemeinschaft nur, wenn in ihr Menschen verbunden sind, die frei sind, sich gegenseitig frei geben und befreien in ihrem Personsein, die zur Wahrheit und Verantwortung, zu Hingabe und Opfer bereit sind.
Bedroht ist die Echtheit der geschichtlichen Gemeinschaft durch die Konvention und durch die Organisation. Am Gegenbilde der entarteten Gemeinschaft kann das Wesen der echten geschichtlichen Gemeinschaft deutlich werden.
In der konventionellen, offiziellen Gemeinschaft, im »man«, wie der Philosoph sagt, verliert der Mensch sein Selbst, spielt er nur eine Rolle, trägt er nur eine Maske. Walt Whitman schon war es, der mit dem Pathos eines Propheten den Menschen aus seiner falschen Scheinexistenz in der Gesellschaft herausrief zu sich selbst:
»Heraus aus der dunklen Haft! Hinterm Schirm hervor!
Es hilft nichts, daß du dich wehrst – ich weiß alles und lege es offen dar.
Sieh, durch deine Schuld steht es so schlimm wie durch die der anderen;
Durch das Gelächter, das Tanzen, Mittagessen, Abendessen der Leute,
Hinter den Kleidern und Schmuckgegenständen, hinter jenen gewaschenen und geschorenen Gesichtern
Gewahre einen geheimen, stillen Ekel und Verzweiflung.
Nicht Gatten, nicht Weib noch Freund wird vertraut, daß er Beichte höre,
Ein anderes Selbst, ein Doppelgänger aller: schleichend und lauernd geht er dahin,
Ohne Gestalt und Sprache durch die Straßen der Städte, höflich und vornehm in den Sälen,
In den Waggons der Eisenbahnen, auf Dampfschiffen, in der öffentlichen Versammlung;
Ist daheim in den Häusern bei Männern und Frauen, bei Tische, im Schlafzimmer, überall;
Fein gekleidet, mit lächelndem Gesicht, aufrechter Haltung, den Tod unter dem Brustknochen, die Hölle unter dem Schädelknochen,
Unter dem feinen Tuch und den Handschuhen, unter Bändern und künstlichen Blumen;
Beachtet Anstandsregeln, spricht nicht eine Silbe von sich selbst,
Spricht von irgend etwas anderem, doch niemals von sich selbst.«
Wie mit dem Verlust des Selbst die Gemeinschaft, ja die Welt des Menschen überhaupt ihre Wahrheit, ihre Wirklichkeit verliert, kommt in Rilkes Versen zum Ausdruck:
»Die großen Städte sind nicht wahr, sie täuschen
Den Tag, die Nacht, die Tiere und das Kind;
Ihr Schweigen lügt, sie lügen mit Geräuschen
Und mit den Dingen, welche willig sind.
Nichts von dem weiten wirklichen Geschehen,
Das sich um dich, du Werdender, bewegt,
Geschieht in ihnen …
Die Städte aber wollen nur das Ihre
Und reißen alles mit in ihrem Lauf.
Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere
Und brauchen viele Völker brennend auf.
Und ihre Menschen dienen in Kulturen
Und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß,
Und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren
Und fahren rascher, wo sie langsam fuhren,
Und fühlen sich und funkeln wie die Huren
Und lärmen lauter mit Metall und Glas.
Es ist als ob ein Trug sie täglich äffte –
Sie können gar nicht mehr sie selber sein …«
Die durch die »Städte« geschaffene Pseudogemeinschaft ist eine solche der Konvention wie der Organisation. Organisation ist unvermeidlich, zumal im modernen Leben. Die beherrschende Form der Organisation ist der Staat. Er erfüllt seinen Sinn als Rechtsstaat, d. h. wenn er die Macht ist, die die Ordnung der geschichtlich gewachsenen Volksgemeinschaft besorgt durch konkrete Gestaltung und durch Wahrung des Rechtes. Sein Sinn wird mehr und mehr gefährdet, je mehr aus dem Rechtsstaat der sogenannte Kulturstaat und gar ein Versorgungsinstitut wird, so daß alle Individuen und alle Interessen- und Weltanschauungsgruppen ihre privaten Ansprüche an ihn stellen und mit seiner Hilfe gegeneinander durchzusetzen versuchen. Er verliert völlig seinen Sinn, wenn er sich einbildet, die Gemeinschaft der Nation, die seine Voraussetzung ist, schaffen zu müssen durch Organisation. »Das Nationale wird dadurch zu einer politischen Theorie, die mit Hilfe des Staatsapparates und einer propagandistischen Technik und, wenn die Mittel dazu gegeben sind, durch den Zwang eines verhüllten oder offenen Terrors durchgesetzt wird. Der Mensch wird dabei, ganz gleich, ob er Subjekt oder Objekt dieses Vorgangs ist, zum Werkzeug der Theorie. Aus seiner Freiheit wird die technische Herrschaft über den ständig komplizierter werdenden politischen Apparat, der das Menschliche der von ihm erfaßten Menschen in immer rapiderem Tempo zerstört. Das Volk, als der natürliche und lebendige Träger des Nationalen ebenso wie die Freiheit des Menschen und mit ihr seine Menschlichkeit, verkümmern elendig. Sie gehen unter in der grauenvollsten, unmenschlichsten und mörderischsten Perversität, die je erdacht worden ist: In der Technik der Menschenführung« (Fr. Gogarten).
Es ist das Verführerische des totalitären Staates, daß er dem Einzelnen die größtmögliche Sicherheit zu garantieren scheint. Der dafür gezahlte Preis ist die Freiheit und eigene Verantwortung der Person und damit die echte Volksgemeinschaft, die nur zwischen freien Personen bestehen kann. Anstelle der Gemeinschaft tritt die Organisation, anstelle des Vertrauens die militärische Disziplin, anstelle der Verbundenheit von Mensch und Mensch treten Befehl und Gehorsam. Hier stirbt nicht nur der Humor mit seiner eigentümlichen Kraft des Distanznehmens, sondern es lösen sich auch die Ordnungen von Recht und Sittlichkeit. »Alle individuellen Verbrechen und Untaten, die je begangen worden sind, verblassen zu einer Kleinigkeit gegenüber den Grausamkeiten, Ausrottungen und Verwüstungen, die von organisierten Gemeinschaften und im Namen von Gemeinschaftszielen verübt worden sind« (Franz Böhm).
III.
Zu Natur und Geschichte tritt als 3. gemeinschaftsbildende Macht die geistige Welt der Kunst und der Wissenschaft. Die durch die Kunst gestiftete Gemeinschaft findet ihren Höhepunkt im Fest, und eigentlich ist jede musikalische Aufführung ein Fest, und oft empfindet man ihre gemeinschaftsbildende Kraft und hat beim Hören der Klänge das Bedürfnis, sich ins Auge zu blicken oder sich die Hand zu drücken. Begeisterung sucht Gemeinschaft.
Natürlich ist auch die durch die Kunst gestiftete Gemeinschaft mit ihrer Problematik belastet. Wie das Kunstleben zum Betrieb, zur gesellschaftlichen Konvention, ja, zum industriellen Unternehmen entarten kann, sei nur angedeutet. Dem Künstler selbst, der, gerade wenn er eine Gemeinschaft – eine Gemeinde – der Schaffenden und Genießenden voraussetzt, nur als ein Selbst, eine Person, in Freiheit schaffen kann, droht die Gefahr der Isolierung gegenüber der Gemeinde der Aufnehmenden. Ihr tritt er, weil er Neues schafft, oft genug kritisch und polemisch gegenüber. Ebenso aber auch droht die Gefahr der Isolierung gegenüber den Mitschaffenden. Verkrampfte Isolierung ist es, gegen die sich die Verse aus Goethes »Wilhelm Meister« wenden:
»Zu erfinden, zu beschließen,
Bleibe, Künstler, oft allein,
Deines Wirkens zu genießen,
Eile freudig zum Verein!
Hier im ganzen schau‘, erfahre,
Deinen eignen Lebenslauf,
Und die Taten mancher Jahre
Gehn Dir in dem Nachbar auf …
Welch ein Werkzeug ihr gebrauchet,
Stellet euch als Brüder dar;
Und gesangweis flammt und rauchet
Opfersäule vom Altar.«
Goethes Loslösung aus dem Weimarer Kreis, seine Flucht nach Italien, die ihn sich selbst suchen und finden ließ, und seine Rückkehr nach Weimar, ist die biographische Illustration zu diesen Versen.
Die Gefahr der Isolierung droht aber auch dem, der als Genießender am Leben der Kunst teilnimmt. Es ist die Gefahr, sich aus dem Leben der Gemeinschaft mit der Last seiner Arbeit und der Qual seiner Rätsel, aus dem Staub des Alltags zurückzuziehen in eine reine Atmosphäre der Ruhe, sich von der harten Wirklichkeit des Lebens abzuwenden in eine ästhetisch verklärte Welt. Die Kunst, die Gemeinschaft stiften soll, wirkt trennend. Die Problematik, die Zweideutigkeit der Wirkung der Kunst ist in dem Goethewort ausgesprochen: »Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.«
Ähnlich ist es mit der Wissenschaft. Seien es Fachwissenschaften, sei es die Philosophie: nur in Gemeinschaft ist ihre Arbeit zu treiben. Und wieder ist die Frage die, wieweit echte Gemeinschaft durch sie gestiftet wird, oder wieweit die Gemeinschaft nur die des mehr oder weniger organisierten Betriebes ist, wie er etwa in Kongressen seinen Ausdruck findet. Die Gefahr ist gesteigert in einer Welt, die von der aus der Wissenschaft erwachsenen Technik beherrscht wird. Denn wohl stiftet auch das technische Interesse Gemeinschaft, aber nicht die echte Gemeinschaft von Mensch und Mensch. Leicht ergeben sich heute freilich Gespräche zwischen Menschen, die einander fremd sind, Gespräche über neue Auto- oder Flugzeugkonstruktionen, aber es gilt auch hier jenes: »spricht von irgendetwas anderem, doch niemals von sich selbst.« Die Kommunikation beschränkt sich auf Gespräche von Chauffeuren oder auch Gespräche über Fußballmatches und andere Sportereignisse. In alledem ist freilich die Möglichkeit echter Gemeinschaft stets gegeben. Im Bereich der Technik als die Möglichkeit von Kameradschaft. Im Bereich der Wissenschaft wird sie sich umsomehr realisieren, je mehr der Forscher als Mensch existentiell an der Sache beteiligt ist, der seine Arbeit gilt, d. h. je mehr er sich dessen bewußt ist, daß alle wissenschaftliche Arbeit letztlich nicht Teilwahrheiten zutage fördern soll, sondern im Dienste der Frage nach der Wahrheit der menschlichen Existenz geschieht, im Dienste eines echten Selbstverständnisses. Ich brauche nur an Namen wie Planck und von Weizsäcker zu erinnern, und ich darf Karl Jaspers zitieren:
»Vernunft fordert grenzenlose Kommunikation, sie ist selbst der totale Kommunikationswille. Weil wir in der Zeit die Wahrheit als die eine ewige Wahrheit nicht im objektiven Besitz haben können, und weil das Dasein nur mit anderem Dasein möglich ist, Existenz nur mit anderer Existenz zu sich selbst kommt, so ist Kommunikation die Gestalt des Offenbarwerdens der Wahrheit in der Zeit« (Der philosoph. Glaube 1948, S. 40).
Endlich aber ist zu bedenken: der Wissenschaft droht wie der Kunst nicht nur die Gefahr der Entartung zum Betrieb, sondern wie die Kunst die Gefahr der Isolierung birgt, so die Wissenschaft die zu der gleichen Konsequenz führende Gefahr der Dogmatisierung, die die Kommunikation sprengt. Wissenschaft und Technik »sind für den wirklichen Menschen im Ganzen ebensosehr Kampfmittel wie Medium der Kommunikation« (Jaspers). Und wenn innerhalb wissenschaftlicher »Schulen« sehr wohl Kommunikation bestehen kann, ja diese sogar eben zu »Schulen« führt, so ist doch die Echtheit dieser Kommunikation ständig bedroht durch dogmatische Orthodoxie, und der Austausch zwischen den »Schulen« hat ebenso die Möglichkeit fruchtbarer Diskussion wie die unfruchtbarer Polemik. Orthodoxie hat keinen Humor. Goethe hat diese Orthodoxie treffend charakterisiert im Gespräch mit Eckermann vom 30. Dez. 1823: »Es wird aber … in den Wissenschaften auch zugleich dasjenige als Eigentum angesehen, was man auf Akademien überliefert erhalten und gelernt hat. Kommt nun einer, der etwas Neues bringt, das mit unserm Credo, das wir seit Jahren nachbeten und wiederum andern überliefern, im Widerspruch steht und es wohl gar zu stürzen droht, so regt man alle Leidenschaften gegen ihn auf und sucht ihn auf alle Weise zu unterdrücken. Man sträubt sich dagegen, wie man nur kann, man tut, als höre man nicht, als verstände man nicht; man spricht darüber mit Geringschätzung, als wäre es gar nicht der Mühe wert, es nur anzusehen und zu untersuchen: und so kann eine neue Wahrheit lange warten, bis sie sich Bahn macht.«
IV.
Schon aus der bisherigen Besinnung konnte deutlich und deutlicher werden, daß alle echte menschliche Gemeinschaft letztlich im Religiösen verwurzelt, daß sie eine Gemeinschaft des Glaubens ist. »Nur Glaubende können Kommunikation verwirklichen« (Jaspers). Das ist deshalb so, weil echte Gemeinschaft nur zwischen Menschen bestehen kann, die Personen sind, die sie selbst oder auf dem Wege zu sich selbst sind, und weil der Mensch er selbst nie in einem abgeschlossenen Fertigsein ist, weil sein Selbst nicht ein Besitz ist wie erarbeitete Qualitäten, wie erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten, sondern weil es immer vor ihm steht und er er selbst nur wird in der ständigen Offenheit für das ihm Begegnende, in der ständigen Bereitschaft sich selbst, so wie er jeweils in sein Jetzt kommt, preiszugeben, sich an nichts festzuhalten, was er schon hat und ist.
»Und solang du das nicht hast,
Dieses: stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.«
Solche Offenheit und Bereitschaft aber ist Glaube. Glaube woran? Nun, im Grunde jedenfalls Glaube an Gott, der das Selbst schenkt, der allein es schenken kann. Wie bewußt, wie explizit dieser Glaube jeweils ist, sei zunächst dahingestellt. Jedenfalls eröffnet sich jetzt eine Paradoxie! Die Gemeinschaft mit Gott, die echte menschliche Gemeinschaft begründen soll, reißt den Menschen zunächst aus jeder menschlichen Gemeinschaft heraus und stellt ihn in die radikale Einsamkeit vor Gott. »Wenn einer zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater und seine Mutter, seine Frau und seine Kinder, seine Brüder und seine Schwestern, ja auch sich selbst, der kann mein Jünger nicht sein«, – so erklingt das Wort Jesu (Luk. 14, 26).
In der Tat: der Weg zu Gott bedeutet Entweltlichung; und solche Entweltlichung kann für das Auge der Welt die Gestalt des Nihilismus gewinnen. Aber was anderes ist es, wenn Luther sagt, daß derjenige, der zum Glauben an Gott als den Schöpfer kommen will, »allen Dingen gestorben sein müsse, dem Guten und Bösen, dem Tod und Leben, der Hölle und dem Himmel, und von Herzen bekennen, daß er aus eigenen Kräften nichts vermag«? Was anderes wiederum J. P. Sartres sogenannter Nihilismus, wenn er sich in dem Wort ausspricht: »La vie humaine commence de l’autre côté du désespoir«? Oder wiederum T. S. Eliots »In my end is my beginning«? Was anderes der Weg der Entweltlichung, den die Mystik geht? Was anderes schließlich der Weg des Philosophen, der den Nihilismus, gehe er von Kierkegaard aus oder von Nietzsche, als den Weckruf aus der Ruhe zur Unruhe, aus dem Schlaf zum Wachsein versteht, als den »Weg zum Ursprung«, wie als das »Scheidewasser, in dem das Gold der Wahrheit sich bewähren muß« (Jaspers)?
Das wissen sie alle, so verschieden sie von Gott, ja auch gegen Gott reden mögen: nur in der radikalen Einsamkeit findet der Mensch sein Selbst. Und dieses Wissen verbindet; es stiftet eine neue Gemeinschaft im Transzendenten. So bezeugt es der Philosoph: »Philosophie wendet sich an den einzelnen. In jeder Art, in jeder Lage geschieht im Philosophieren das Zurückwerfen auf sich selbst. Denn nur wer er selbst ist – und in der Einsamkeit bewähren kann – kann wahrhaft in Kommunikation treten« (Jaspers).
Gemeinschaft im Transzendenten – ja, dürfen wir so sagen? und gar sagen: Gemeinschaft in Gott? Dürfen wir ausgesprochene Nihilisten und Atheisten in diese Gemeinschaft mit den Frommen bringen?
Für den christlichen Glauben steht es fest, daß der Mensch sein Selbst nur von Gott empfangen kann, und daß er es nur dann empfängt, wenn seine Entweltlichung, und das heißt zuletzt: seine Selbsthingabe, eine radikale ist. Es steht ihm fest, daß derjenige, der sein Leben – und das heißt: sein Selbst – erhalten will, es verlieren wird, und nur der, der es preisgibt, es erhalten wird (Matth. 16,25, Joh. 12, 25). Aber es steht ihm ebenso fest, daß diese radikale Preisgabe des Selbst dem Menschen gar nicht eher möglich ist, ehe ihm die göttliche Liebe selber schenkend begegnet, ehe sie sich ihm offenbart. Denn nichts anderes ist die Offenbarung Gottes als die dem Menschen begegnende Liebe, die ihn, ihn von sich selbst erlösend, zu sich selbst befreit. Nichts anderes als das in Jesus Christus gesprochene Wort Gottes, das den Menschen anredet und ihn, indem es ihn gegenüber Gott zum Du macht, zum Selbst werden läßt.
Die Offenbarung Gottes bringt keine Erkenntnisse über die Geheimnisse jenseitiger Welten; ja sie teilt auch über Gott selbst nichts mit, was nicht jeder sich besinnende Mensch selbst wissen könnte: eben dieses, daß sich der Mensch nur in radikaler Einsamkeit vor Gott aus Gottes Gnade empfangen kann. Keine Offenbarung braucht mir zu sagen, was Gottes Gnade bedeutet. Eines allein sagt sie, und damit sagt sie alles: »Dir gilt diese Gnade!« und indem sie Gestalt gewinnt in dem Worte: »Dir ist deine Sünde vergeben!«, öffnet sie die Augen dafür, daß es die erste und die letzte Sünde des Menschen ist, aus eigener Kraft er selbst sein zu wollen, und daß diese Sünde auch noch in dem Willen zur Selbstpreisgabe steckt, sofern sich das Selbst durch sie gewinnen will.
Von hier aus erscheinen sie alle, die Nihilisten, die Atheisten, die Mystiker, die Philosophen, als verbunden auf der Wanderschaft, auf der Suche nach Gott. Der Glaube aber kennt auch eine Gemeinschaft der Berufenen, die Gemeinschaft der Ekklesia, der Kirche, in der diejenigen verbunden sind, die das Wort glaubend gehört haben und bekennend weitergeben. Auch dieser Gemeinschaft droht die Gefahr der Entartung; dadurch nämlich, daß sich die in ihrem Wesen unsichtbare Kirche institutionell organisiert, während sie doch, sofern sie in der Sichtbarkeit erscheint, immer nur im Geschehen wirklich ist. Der organisierten Kirche aber droht nicht nur die Gefahr der Konvention und des Betriebes, sondern vor allem die Gefahr der Orthodoxie, die das Bekenntnis zum Dogma macht.
Aus dem Glauben aber erwächst nicht nur die kirchliche Gemeinschaft der Berufenen, sondern auch eine Gemeinschaft, die weit über den kirchlichen Raum hinausreicht, die Gemeinschaft der Liebe, die werbend alle Menschen umspannt, – nicht als eine in der Idee des Menschen und in einer Utopie von menschlicher Gemeinschaft begründete allgemeine Menschenliebe, sondern als die Nächstenliebe, das heißt einfach als die Offenheit für den jeweils Begegnenden. Wiederum steht es nicht so, daß der Mensch außerhalb des Glaubens nicht unter der Forderung der Nächstenliebe stünde; auch nicht so, daß er nicht darum wissen und die Forderung hier und da erfüllen könnte. Aber so, daß derjenige, der glaubend der göttlichen Liebe gewiß ist, sich und seine Gemeinschaft mit den Menschen schlechthin aus dieser Liebe versteht, und daß sie so zur herrschenden und tragenden Kraft seines Lebens wird. Indem Gottes Gnade ihn zu sich selbst brachte, indem sie ihn von sich selbst befreite, hat sie ihn zugleich für den Nächsten befreit.
So bringt die durch den Glauben, durch Gott selbst gestiftete Gemeinschaft zur Erfüllung, was in aller menschlichen Gemeinschaft angelegt und intendiert ist. Ja, man kann sagen: der Glaube bringt die verborgene Gemeinschaft aller Menschen zur Erscheinung. Denn der Mensch ist geschaffen, er selbst zu sein, und zwar er selbst zu sein im Nehmen und Schenken von Gemeinschaft. Vorsichtig drückt der Philosoph es so aus: »Die Menschen sind nicht, wie sie sind, sondern sich selber immer noch Frage und Antwort … Kommunikation jeder Gestalt ist dem Menschen als Menschen im Grunde seines Wesens so zugehörig, daß sie jederzeit möglich bleiben muß und man nie wissen kann, wie weit sie noch kommen wird« (Jaspers).
Keine neuen Erkenntnisse werden dem Glauben durch die Offenbarung zuteil, und doch ist für ihn alles neu geworden – neu als die Wahrheit der Existenz. Der damit sich ereignende Wandel darf wohl mit den Schlußversen der Divina Commedia Dantes beschrieben werden:
»Da ward mein Geist von einem Blitz durchdrungen,
Der, was die Seel‘ ersehnt hat‘, ihr verlieh.
Hier war die Macht der Phantasie bezwungen,
Schon aber folgten Will und Wünschen gerne
(Gleichwie ein Rad, gleichmäßig umgeschwungen)
Der Liebe, die beweget Sonn‘ und Sterne.«
Quelle: Rudolf Bultmann, Glauben und Verstehen. Gesammelte Aufsätze, Bd. 2, Tübingen: J.C.B. Mohr, 21958, S. 262-273.