Franz-Heinrich Philipp, Johannes Evangelista Goßner: „Ein Christ ist Christi teilhaftig, ist Glied an seinem Leibe, Glied der singenden und betenden, der bittenden, dankenden und lobenden Christengemeinschaft. Er findet sich mit seinen Brüdern im öffentlichen Gottesdienst der Gemeinde, er sucht die Erbauung im kleinen Kreis der Haus- oder Familiengemeinschaft, und er lebt schließlich unmittelbar in Verbundenheit mit seinem Herrn. Gottes Heiliger Geist durchpulst und heiligt ihn durch und durch. Christus, der unermüdliche Mahner und Anklopfer an der Seelentür, hat Einlass gefunden und lebt in ihm. Gott, der Heiligste und Höchste, hat ihn zum Hausgenossen angenommen. In immer neuen Bildern spricht Goßner von diesem ihn so bewegenden Erlebnis, dass Gott Mensch ward, um den Menschen zu sich zu ziehen, und entfaltet sich seine Christusmystik, die neben den ‚Christus für uns‘ den ‚Christus in uns‘ stellt: Christus hat den Sünder entsühnt, und er hat den Erlösten zur innigsten Liebesgemeinschaft an sein Herz genommen; Christus starb für uns, um mit und in uns zu leben.“

Johannes Evangelista Goßner

Von Franz-Heinrich Philipp

Lebensweg

In einer frommen römisch-katholischen Bauernfamilie in Hausen im Bayerischen Schwaben kam Johannes Evangelista Goßner am 14. Dezember 1773 zur Welt. Über seine Kindheit ist wenig bekannt. Er wuchs unter zahlreichen Geschwistern in der streng christlichen Zucht seines Elternhauses auf und besuchte dann die Dorfschule im benachbarten Waldstetten. Das Lernen bereitete ihm Freude. Er lernte leicht und brachte stets gute Noten heim.

Früh wurde in ihm der Wunsch wach, Pfarrer zu werden. Schon als Kind war es ein beliebtes Spiel für ihn, den Schneeflocken draußen vor dem Fenster zu predigen. Bei seiner Firmung 1784 äußerte er den Wunsch, Priester zu werden, auch seinem Beichtvater, einem jungen Geistlichen gegenüber, der ihn aufmerksam anhörte und in der Zukunft förderte. So kam Goßner, nachdem der anfängliche Widerstand seiner Eltern überwunden war, als Zwölfjähriger auf das Salvator-Gymnasium nach Augsburg, eine ehemalige Lateinschule der Jesuiten.

In dem fünfjährigen Schulkurs in Augsburg wurde vornehmlich die Erlernung der lateinischen Sprache betrieben, bis sie den Zöglingen wie eine zweite Muttersprache eigen war. Auch etwas Griechisch und einige Geschichtskenntnisse wurden vermittelt. Goßner, als begabter und eifriger Schüler geschätzt, verließ das Gymnasium 1792 mit einem vorzüglichen Abgangszeugnis, um anschließend an die Universitäten in Dillingen und Ingolstadt zu gehen.

In Dillingen blieb Goßner nur ein Jahr lang und absolvierte offenbar in dieser kurzen Zeit mit seiner raschen Auffassungsgabe den gesamten zweijährigen philosophischen Kurs. Er lernte hier auch schon flüchtig als Professor den späteren Bischof von Regensburg, Johann Michael Sailer, kennen, jene Persönlichkeit, die für seinen Lebensweg so entscheidend werden sollte und die im ganzen deutschen Katholizismus eine innere Erneuerung auslöste, einen Anstoß zur Entwicklung eines lebendigen und evangeliumsnahen Glaubens gab.

In Ingolstadt begann Goßner mit dem eigentlichen theologischen Studium, das sich über drei Jahre hinzog. Da ihn seine Studiengefährten enttäuschten und er sich hier an niemand näher anschloss, wandte er sich umso intensiver seinen Studien zu. Besonders beschäftigte er sich in dieser Zeit mit den Schriften des niederdeutschen Mystikers Thomas a Kempis, dessen Buch von der „Nachfolge Christi“ von nun an sein treuer Lebensgefährte wurde und das er späterhin selbst übersetzt und herausgegeben hat. Außer den für das Studium zugelassenen Werken nahm Goßner jetzt auch andere zur Hand, darunter protestantische, so zum Beispiel die Schriften Lavaters, die ihn tief ergriffen und beeindruckten. Lavater war und blieb für ihn seitdem eine Persönlichkeit, der er höchste Achtung und Liebe entgegenbrachte und die er als von Gott ganz besonders begnadet ansah.

Der Fleiß und die große Begabung Goßners blieben seinen Lehrern nicht verborgen. Sie versuchten, ihn in die akademische Laufbahn hineinzuziehen. Goßner lehnte aber diesen Vorschlag ab und bereitete sich weiter für das praktische Pfarramt und das Abschlussexamen vor, das er im Juli 1796 mit Auszeichnung bestand. In Dillingen empfing er die Priesterweihe und begab sich anschließend für drei Monate in das Priesterseminar seiner Diözese in Pfaffenhausen zur letzten Vorbereitung für die auf ihn harrenden Seelsorgeaufgaben.

Als Kaplan wurde Goßner 1797 zunächst nach Stoffenried und dann für ein ganzes Jahr nach Neuburg an der Kammel geschickt. Hier kam er mit dem Strom der Erweckungsbewegung in Berührung, der damals, von Sailer und besonders von seinem großen Schüler Martin Boos ausgehend, weite Kreise der römisch-katholischen Kirche Bayerns erfasst hatte. Zahlreiche Priester in den um Neuburg liegenden Gemeinden waren Schüler Sailers. Mit diesem und jenem von ihnen verband ihn bald herzliche Freundschaft, und von ihnen erhielt er auch Briefe, die Boos aus dem Priestergefängnis in Göggingen an seine Freunde gerichtet hatte und die nun bei Goßner die entscheidende Wende zu einem lebendigen Christusglauben einleiteten. Er wandte sich selbst an Boos und erhielt umgehend ein Schreiben, in dem Boos ihm Christus als den einzigen Weg zur Seligkeit zeigte und ihm die Augen dafür öffnete, dass Gott den sündigen, aber bußfertigen Menschen ohne alle seine Verdienste annimmt und ihn um seines Glaubens an Jesus Christus willen rein und gerecht macht, so dass er nun als Gerechtfertigter wahrhaft gut handeln kann und muss.

Goßner ging schnell und ganz in diesem neuen Glaubenslicht auf, das das Evangelium in ihm angezündet hatte. Wie bei Luther war es auch bei ihm die Botschaft von der Rechtfertigung des Menschen allein durch den Glauben, allein durch Gottes Gnade, allein durch Christus, die ihn wunderbar ergriff und erlöste. Sie weckte in ihm zugleich eine innige Christusliebe; er erfuhr den Erlöser, die göttliche Liebe unmittelbar, erlebte, wie sie von seinem Herzen Besitz nahm.

Im November 1798 trat Goßner für zweieinhalb Jahre ein neues Amt als Kaplan in Seeg im Allgäu an, einem Dorf, das mit seinen 85 Filialen ein großes Arbeitsfeld bot. Sein Pfarrherr Feneberg sowie der zweite Kaplan gehörten bereits zum Kreis der Erweckten um Sailer und Boos, so dass hier für Goßner eine reiche und gesegnete Zeit der Reife einsetzte, in der er weiter empfing, aber auch schon mit gefüllten Händen austeilen konnte.

1801 wurde Goßner als Domkaplan nach Augsburg berufen, und hier musste es für ihn zwangsläufig zu einem Zusammenstoß mit dem in dieser Stadt besonders starken und unter jesuitischem Einfluss stehenden kirchlichen Konservatismus kommen. Schon 1799 war Material gegen Goßner gesammelt, jedoch keine Anklage erhoben worden. Aber dieses Material, Briefe und Schriften Goßners, die man bei seinen Freunden gefunden hatte, lag weiterhin bereit. Im Frühjahr 1802 wurde er vor das geistliche Gericht geladen und musste über seine Glaubenslehre, insofern sie nach der Ansicht seiner Ankläger von der offiziellen Lehre der römischen Kirche abwich, Rechenschaft ablegen. 95 Anklagepunkte, belegt durch Zitate aus Goßners Briefen, waren zusammengestellt worden. Es ging vornehmlich um Äußerungen Goßners zur Rechtfertigungslehre und zum Innewohnen Christi in der Seele, also zur Lehre vom „Christus für uns“ und „Christus in uns“. Man warf Goßner vor, er sei Anhänger der schwärmerischen Lehre von Martin Boos, der auf Grund seiner paulinischen Auffassung in der Gnadenlehre und in der Christologie schon mehrfach von der römischen Kirche gemaßregelt worden war.

Nach langen, ihn geistig und seelisch zermürbenden Verhören und Verhandlungen erklärte Goßner sich bereit, eine Anzahl der von der Untersuchungsbehörde aus seinen Briefen zusammengestellten Sätze als irrig anzuerkennen und zu widerrufen. Er fühlte sich noch zu sehr mit der römischen Kirche verbunden, in der er aufgewachsen war, um sich gegen sie zu stellen oder sich von ihr zu lösen. Er glaubte sich mit seinen aus der Bibel und den Kirchenvätern geschöpften Ansichten in Übereinstimmung mit ihr und sah in dem Vorgehen gegen ihn nur das Wirken einer bestimmten klerikalen Gruppe. Aber er trat mit seinem neuen, aus der Heiligen Schrift geschöpften Glaubensgut nun den gleichen Weg an, wie Martin Luther ihn ging, als die römische Kirche für seine aus dem Römerbrief geschöpfte Glaubenserkenntnis von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden keinen Raum bot und die von ihm ausgelöste religiöse Bewegung als außerkirchlich erklärte.

Das über Goßner verhängte Urteil lautete auf mehrere Wochen Priestergefängnis in Göggingen. Nach Abbüßung seiner Haft nahm er seine Tätigkeit als Kaplan in Augsburg wieder auf und besuchte auf einer größeren Reise seine Freunde, unter ihnen vor allem Boos und Sailer.

Das Jahr 1803 brachte eine günstige Wende in Goßners Leben. Das Bistum Augsburg fiel auf Grund des Reichsdeputationshauptschlusses an Bayern. Der Einfluss der päpstlichen Kurie wurde zurückgedrängt; die gemaßregelten Geistlichen um Sailer und Boos wurden rehabilitiert. Goßner erhielt eine der besten Pfarrstellen von Bayern, Dirlewang, die er bis 1811 in guten, aber auch in schweren Tagen, wie sie 1806 der Krieg und Seuchen über seine Gemeinde brachten, mustergültig verwaltete. Es sind die Jahre, in denen sich seine überragenden Eigenschaften als Pädagoge, Prediger und Seelsorger entwickelten und sich seine religiösen Erkenntnisse vertieften. Es ist aber auch die Zeit, in der er zum ersten Mal persönlich Kontakt mit Protestanten aufnahm.

Goßners kritische Haltung gegenüber dem römischen Papsttum wuchs ständig. Er sah in der Kurie widergöttliche Kräfte am Werk; er glaubte zu spüren, wie die römische Kirche vielfach in äußerlichen Dingen, in einem Institutionalismus erstarrte; er stieß sich an vielen Formen und Äußerungen des kirchlichen Lebens, in denen er Machtgier und Prunksucht, Aberglauben und Abgötterei erblickte. So ist sein Wunsch und sein Drängen nach einer inneren Erneuerung der Kirche verständlich. 1804 rief er eine Reihe seiner Freunde zusammen und gründete mit ihnen eine Art Brüdergemeinschaft, die ihre Wurzel in dem lebendigen Glauben an Christus als den Erlöser und Versöhner und ihre wesentliche Aufgabe in der Entfaltung einer innigen, tätigen Bruderliebe haben sollte. Zur gleichen Zeit reifte in ihm aber auch ein Plan, sich völlig von Rom zu trennen und mit Gleichgesinnten eine Ansiedlung zu gründen, in der das religiöse Leben sich ganz nach dem Evangelium, frei von allen römischen Satzungen und Dogmen gestalten sollte. Eine entsprechende Eingabe wurde sogar an die Regierung gerichtet, blieb aber ohne Antwort, und das ganze Vorhaben kam nicht zur Ausführung. Entscheidend ist aber, dass Goßner bei dieser Gelegenheit mit der deutschen Christentumsgesellschaft in Basel, einer Gemeinschaft der praktischen, tätigen Nächstenliebe und Glaubenshilfe innerhalb der evangelischen Christenheit, Kontakt gewann, mit deren Sekretär, Christian Friedrich Spittler, ihn fortan eine lebenslängliche Freundschaft verbinden sollte.

Die Zusammenarbeit Goßners mit der Christentumsgesellschaft gestaltete sich immer enger. Seit 1807 schrieb er Aufsätze für die Zeitschrift der Gesellschaft. An der Verbreitung ihrer Flugschriften nahm er lebhaft Anteil, wie auch die Christentumsgesellschaft wiederum für die Verbreitung Goßnerscher Schriften sorgte. Und als Goßner 1811 seine Pfarrstelle abgegeben und einen größeren Urlaub erhalten hatte, reiste er nach Basel und übernahm dort ein halbes Jahr vertretungsweise für Spittler das Amt des Schriftführers der Christentumsgesellschaft. Groß ist sein Tätigkeitsfeld in diesen Monaten. Neben der Bewältigung des umfangreichen Schriftwechsels befasste sich Goßner mit der Niederschrift und Herausgabe kleinerer erbaulicher Schriften, die er seinen Freunden zur Verteilung zusandte. Außerdem hielt er Bibelstunden für die Mitglieder der Gesellschaft, die ihm einen großen Zuhörerkreis einbrachten, und fühlte sich in der Gemeinschaft dieser evangelischen Christen so erlöst und beglückt, dass er oft mit dem Gedanken eines Übertrittes zur protestantischen Kirche rang. Aber er spürte wohl auch, dass seine Mission innerhalb der römischen Kirche noch nicht beendet war und reiste darum nach München ab. Dort erhielt er die Stelle eines Benefiziaten an der Frauenkirche mit der Verpflichtung, jede Woche eine Messe zu lesen. Daneben war Goßner in der Seelsorge tätig, übernahm gern Vertretungen in den Kirchen Münchens und hielt ständig Kindergottesdienst im Bürgersaal. Ein kleiner Kreis Gleichgesinnter fand sich bald um ihn zusammen, für den er in seiner Wohnung am Abend Bibelstunden durchführte, zu denen Lieder aus Zinzendorfs Gesangbuch gesungen wurden. Gerade Zinzendorf und seiner Brüdergemeinde fühlte Goßner sich besonders verwandt. Er las in jenen Jahren die Schriften des Grafen, trat auch mit Herrnhut in einen Briefwechsel und gab 1816 ein Büchlein mit Worten aus den Schriften Zinzendorfs heraus. Daneben verfasste Goßner noch zahlreiche andere Artikel und kleinere Abhandlungen, darunter das bekannte und so weit verbreitete „Herzbüchlein“, und mühte sich sehr um ihre Herausgabe wie überhaupt um die Verbreitung von Bibelausgaben und Erweckungsschriften innerhalb der römischen Kirche. Mit zwei Helfern wagte er sich sogar an die Übersetzung des Neuen Testaments, wobei er sich stark an die Luther-Bibel anlehnte, und gab 1818 unter dem Titel „Geist des Lebens und der Lehre Jesu Christi“ ein umfassendes Kommentarwerk zum Neuen Testament in Druck, das in mehreren Auflagen herauskam.

Der Einfluss Roms in Bayern war inzwischen wieder erstarkt, der liberale Minister Montgelas 1819 gestürzt worden. Damit erfuhr die Tätigkeit Goßners starke Einschränkungen und Erschwernisse. Er entschloss sich, München zu verlassen, und übernahm als Nachfolger von Boos die Stelle eines katholischen Religionslehrers am Gymnasium in Düsseldorf. Seine Abschiedspredigt in München, die gedruckt unter dem Titel „Der uralte katholische Glaube“ weite Verbreitung, vor allem in der evangelischen Kirche des Rheinlandes, fand, brachte seine Vorstellungen von der wahren, allumfassenden, katholisch-apostolischen Kirche, die auf dem Versöhnungswerk Christi, der Lehre der Apostel und der Liebesgemeinschaft der ersten Christenheit gegründet ist, besonders eindringlich zum Ausdruck.

Lange blieb Goßner nicht in Düsseldorf. Ränke und Verleumdungen machten ihm das Leben schwer, und er folgte schon 1820 einem Ruf aus Petersburg und fand dort als Nachfolger von Lindl an der katholischen Malteserkirche Anstellung. Damit setzten für Goßner Jahre einer gesegneten Tätigkeit ein. Hunderte und Tausende von Angehörigen aller christlichen Konfessionen versammelten sich täglich zu den von ihm abgehaltenen Gottesdiensten, Bibelabenden, Erbauungsstunden oder Missionsandachten. Durch das Entgegenkommen des Zaren konnte er eine große Wohnung beziehen, deren Ballsaal als Versammlungsraum eingerichtet wurde und tausend Plätze fasste. Daneben hielt Goßner Kinderstunden, für die er eigens einen Katechismus schrieb, und Andachtsstunden im Smolna-Armenhaus und bei betagten Gliedern seiner Gemeinde. Für die Gottesdienste, die in der Regel sehr lange dauerten — allein die Predigt nahm eine, zuweilen sogar anderthalb Stunden in Anspruch —, benötigte Goßner ein Gesangbuch. Da seine Gemeinde sich aus Gliedern aller christlichen Kirchen zusammensetzte, schien ihm keins der in Gebrauch befindlichen Gesangbücher geeignet. Er stellte selbst ein Gesangbuch zusammen und verstand es, aus der großen und vielschichtigen Gruppe seiner Zuhörer eine kraftvoll singende Gemeinde zu machen.

Vier Jahre des Wirkens waren Goßner in Petersburg vergönnt. Es sind die letzten Jahre einer religiösen Entfaltung Russlands unter Alexander I., der allerdings 1824 auf Betreiben Metternichs und der russisch-orthodoxen Kirche die russische Bibelgesellschaft aufhob, seinen evangelisch gesinnten Kultusminister Fürst Galizin fallen ließ und neben anderen auch Goßner des Landes verwies. Über Berlin ging Goßner zunächst nach Altona und dann für fast zwei Jahre nach Leipzig. Hier widmete er sich ganz in der Stille seiner schriftstellerischen Arbeit. Er gab das „Schatzkästchen“ und die „Goldkörner“ heraus und schrieb die Biographie seines Freundes Martin Boos. 1825 unternahm er eine Reise nach Sachsen und Schlesien und fand auf den Gütern vieler pietistischer Adelsfamilien, die ihm voller Verehrung begegneten, liebevolle Aufnahme. Auch die Brüdergemeinde in Herrnhut besuchte Goßner.

In Leipzig lebte Goßner ganz zurückgezogen; nur eine kleine Hausgemeinde hatte sich um ihn zusammengefunden, die auch regelmäßig an seinen abendlichen Hausandachten teilnahm. Trotzdem war er den Behörden als Verbannter aus Russland und römisch-katholischer Priester, zu dessen Andachten sich vor allem Protestanten versammelten, unbequem und verdächtig. Er wurde 1826 ausgewiesen.

Goßner folgte zunächst einer Einladung seiner Freunde in Schlesien und vollzog in Königshain in aller Stille formell den Übertritt zur evangelischen Kirche. Innerlich hatte er sich schon immer ihr verbunden gefühlt; aber er wollte nicht eine Konfession mit einer anderen vertauschen, er wollte nur Christ sein, wahrer und ganzer Christ, Christ im Sinne der Urgemeinde, jenseits aller späteren Trennungen und Spaltungen. Doch blieb ihm nach allem eine weitere Tätigkeit in der römischen Kirche verschlossen. Wollte er aber in der evangelischen Kirche tätig sein, und alles in ihm rief nach einem großen Wirkungsfeld für die Verkündigung und die Seelsorge, so musste er sich auch äußerlich zu ihr bekennen. Diese Erkenntnis hatte er vor allem aus den letzten Ereignissen in Leipzig gewonnen.

Im Herbst 1826 ging Goßner nach Berlin und fand dort bei befreundeten Familien herzliche Aufnahme. Doch die Aufgaben im kleinen Kreise der Hausgemeinde vermochten ihn auf die Dauer nicht zu fesseln, und so richtete er an das Brandenburger Konsistorium die Bitte um Erteilung der Predigterlaubnis. Verschiedene Hindernisse waren aber noch zu beseitigen. Eine Verordnung, die die Anstellung von übergetretenen katholischen Geistlichen untersagte, wurde vom König für Goßner aufgehoben. Fernerhin musste er sich wie jeder Theologiestudent einem schriftlichen und mündlichen Examen unterziehen und erwarb damit die Befähigung zum evangelischen Predigtamt. Bald danach trat er eine Hilfspredigerstelle an der Luisenkirche in Berlin an und übernahm schließlich 1829 die lutherische Pfarrstelle an der Berliner Bethlehemskirche, die er siebzehn Jahre lang versehen sollte.

Hier in Berlin hatte Goßner nun endlich eine bleibende Wirkungsstätte gefunden. Hier konnte sich seine begnadete Persönlichkeit, hier konnten sich seine reichen Geistesgaben voll entfalten. Als Prediger stand er jeden Sonntag auf der Kanzel der überfüllten Bethlehemskirche. Seine Zuhörer setzten sich aus allen Schichten der Berliner Bevölkerung zusammen, und alle vermochte er anzusprechen, zu fesseln, auf ihre Nöte und Sorgen Antwort zu geben, ihnen Gottes Liebe und Güte nahezubringen, ihre Herzen für die Botschaft der Gnade und Versöhnung aufzuschließen. Oft wurde an ihn die Bitte herangetragen, seine Predigten drucken zu lassen. Er kam diesem Wunsche nach und gab einzelne Predigten sowie 1838 seine „Sammlung gedruckter und ungedruckter Predigten“ heraus. 1843 erschien dann die „Evangelische Hauskanzel“, in der Goßner die Evangelien des Kirchenjahres auslegte, allerdings in knapperer Form, als er es in seinen Predigten zu tun pflegte. Andere Schriften entstanden und fanden rasch Verbreitung. Goßner wollte gerade der Familien- und Hausgemeinde das Rüstzeug für ihre Andachten liefern, ihr vor allem die Bibel selbst in die Hand legen. So nahm er Anteil an der Herausgabe und Verbreitung von Bibeltexten, gehörte zeitweise auch dem Berliner Komitee der Bibelgesellschaft an.

Einen großen Teil seiner Zeit nahmen Besuche und der Briefwechsel mit Freunden und Bekannten, mit Ratsuchenden und Notleidenden in Anspruch. Wie im persönlichen Gespräch, so wirkte Goßner auch im Brief als der geborene Seelsorger, der sich für jede einzelne Seele verantwortlich wusste, um sie rang, sie nicht mehr aus den Augen verlor. Er wollte die Seele so weit führen, dass sie sich mit Gott versöhnen ließ, ihn in sich aufnahm; und wie seine Predigten ein unermüdlicher Weckruf waren, so auch seine Gespräche und seine Briefe, in denen seine Glaubenskraft sich elementar dem Besucher oder Briefschreiber vermittelte.

Das Christsein beschränkte sich für Goßner aber nicht auf den Gottesdienst des Wortes. Dienst an Gott, Dienst für Gott fordert nicht nur die Antwort des Herzens, sondern auch der Hände. Den in Christus neugeborenen Menschen drängt es zur tätigen Bruderliebe; und Berlin bot genügend Gelegenheit zu ihrer Bewährung. Bei seinen Krankenbesuchen war Goßner oft an Krankenlager getreten, an denen helfende Hände unentbehrlich schienen. So entstanden unter seiner Mitwirkung 1833 ein christlicher Männer-Krankenverein und ein Frauen-Krankenverein, deren Mitglieder sich die Aufgabe gestellt hatten, Kranke in allen Teilen der Stadt zu besuchen, ihnen Hilfe und Zuspruch zuteilwerden zu lassen. Beide Vereine entwickelten sich schnell. Im Frauen-Krankenverein sah man sich bald vor die Notwendigkeit gestellt, besondere Räume für die Betreuung von Kranken einzurichten. Zunächst wurde zu diesem Zweck eine Wohnung gemietet. 1837 besaß der Verein schon ein eigenes Krankenhaus mit 40 Betten, das später den Namen Elisabeth-Krankenhaus empfing und eine stetige Vergrößerung erfuhr. Für die Betreuung der Kranken konnte Goßner junge Mädchen und Frauen gewinnen, die sich als evangelische Schwestern und Krankenpflegerinnen ganz in den Dienst dieser Aufgabe stellten.

Ein weiterer Aufgabenkreis der inneren Mission, dem Goßner sich zuwandte, war die Errichtung von Kindergärten. In den Jahren 1834 und 1835 gründete er vier dieser Anstalten, denen noch mehrere folgten.

Pflege der Gemeinde, Erweckung der Seelen zu einem lebendigen Glauben, Ausübung der praktischen Nächstenliebe, das alles war für Goßner nur ein Teil der Aufgaben, vor die er sich gestellt sah. Der zweite Aufgabenkreis, unlösbar mit dem ersten verbunden, lag für ihn in der äußeren Mission. Goßner dachte ökumenisch, und darum dachte er missionarisch. Sein Blick blieb nicht gefangen in seiner Gemeinde, sein theologisches Denken war nicht begrenzt durch das Bekenntnis zu einem bestimmten historischen Kirchenkörper. Er sah die „katholische“ Kirche, die allumfassende Christenheit, entstanden aus einer Wurzel, genährt aus einem Geist. Er sah ihr Wachstum durch die Jahrhunderte und richtete seinen Blick nicht auf die Spaltungen und die Parteiungen, sondern auf das Gemeinsame, auf das Werden und Wachsen des Gottesreiches auf Erden. Christus gab seinen Jüngern das Gebot, zu allen Völkern zu gehen und ihnen das Evangelium zu verkünden, und Goßner nahm diesen Auftrag ernst.

Schon an den in Petersburg abgehaltenen Missionsandachten lässt sich Goßners Interesse für die Mission ablesen. In Berlin stellte er sich stärker in den Dienst dieser Aufgabe. 1831 wurde er in den Ausschuss der Berliner Missionsgesellschaft berufen. Die der Gesellschaft angeschlossene Missionsschule, in der junge Theologen für ihren Dienst in Südafrika vorbereitet wurden, nahm er in seine besondere Obhut. Seit 1834 gab Goßner eine eigene Missionszeitschrift heraus: „Die Biene auf dem Missionsfelde für Missionsfreunde und Missionsvereine“. Sie sollte die Verbindung zwischen den ausgesandten Missionaren und ihren Kirchen im Heimatland pflegen, sie sollte vom Entstehen und Wachsen der Missionsstationen und der Jungen Kirchen in allen Teilen der Erde berichten, und sie sollte neue Freunde und Helfer für die Mission werben und zum Spenden anregen.

1836 trat Goßner aus der Berliner Missionsgesellschaft aus. Er hatte sich dafür ausgesprochen, auf der Missionsschule auch Nichttheologen auszubilden, war mit seiner Ansicht jedoch nicht durchgedrungen. Bald fand sich nun aber um ihn ein Kreis jüngerer Handwerker ein, die sich zur Missionsaufgabe berufen fühlten. Goßner nahm sich ihrer an, ließ ihnen, soweit es ihre Freizeit erlaubte, Unterricht erteilen und bereitete sie auch selbst auf die Aufgaben vor, die auf sie warteten. 1837 konnte er die ersten zwölf Missionare nach Australien senden.

Um seiner Arbeit ein breiteres Fundament zu verschaffen, gründete Goßner 1839 eine eigene Missionsgesellschaft. Jüngere Männer, die sich der Mission widmen wollten, fanden immer wieder den Weg zu ihm. Insgesamt konnte er 155 Missionare, darunter 15 Theologen, unter anderem nach Afrika, Südamerika, Australien und Indien aussenden. Während Goßner anfangs nur Missionare ausbildete und sie dann an andere Missionsgesellschaften und Kirchen abgab, zeichnete sich mit der Zeit ein besonderes Wirkungsfeld der „Goßnerschen Mission“ unter den Kols in Indien ab. Nach langjährigen vergeblichen Bemühungen um diese Urbevölkerung Indiens konnten die Missionare rasche Erfolge erzielen. Nach dem Ersten Weltkrieg machte sich die entstehende Junge Kirche selbständig und gab sich den Namen „Autonome evangelisch-lutherische Kirche von Chota-Nagpur und Assam“. Sie umfasst heute etwa 200.000 getaufte Gemeindeglieder mit 90 eingeborenen Pastoren und 700 Katecheten. Einige Missionare der Goßner-Mission, die sich heute vor allem Evangelisationsaufgaben in Deutschland und der Industriemission widmet, stehen noch helfend mit in dieser jungen indischen Kirche.

Ungeachtet mancher schweren Krankheit trug Goßner jahrzehntelang die Last seiner Gemeinde und der Werke der inneren und der äußeren Mission, die er aufgebaut hatte. Erst 1846, im Alter von 72 Jahren, bat er um Entlastung von seinen Aufgaben als Gemeindepfarrer. Seinem Krankenhaus, seinen Kindergärten und seinem Missionswerk galt aber nach wie vor seine ungeteilte Sorge, seine Opferbereitschaft, die alles hingab, was er von dem Eigenen erübrigen konnte, und seine unermüdliche Schaffenskraft, bis Gott selbst ihn am 30. März 1858 von seinem Werk abberief.

Glaubenslehre

Geht Goßners Denken ad fontes, zu den Quellen zurück, so stößt es immer und zuerst auf Gott und seine unendliche, unerschöpfliche Liebe. Sie ist allem vorgegeben, sie hat den Menschen vor der Erschaffung der Welt umfangen, sie begleitet ihn durch seine ganze Geschichte vom ersten Menschenpaar an bis zum Jüngsten Tage, und sie wird ihm nicht entzogen, als er sich trotzig und selbstherrlich von Gott löst und damit dem Teufel und allen Lastern und Sünden der Welt verfällt. Ja, gerade jetzt zeigt sich die Liebe Gottes in ihrer wahren und höchsten Form, in der Hingabe des Gottessohnes, Gottes liebender Leibhaftigkeit. Die Liebe wird Mensch, um dem Menschen ganz nahe zu sein, ihn zu erlösen, zu befreien, zu sich selbst und zu Gott wieder zurückzuführen.

Goßner wird nicht müde, in seinen Predigten und Schriften von dieser „bebendsten Liebe Gottes“ zu reden. Sie konnte am Kreuze nicht sterben; sie begründete gerade hier in Christi Tod, Blut und Wunden ihr Reich, das Reich der Liebe auf Erden, in dem nun Gottes gewaltiger Geist der Liebe weiterhin waltet und sein unermüdliches Liebeswerk an den Menschenherzen verrichtet.

Von diesem Liebeswerben Gottes handelt eine kleine Schrift Goßners mit dem Titel „Das Anklopfen des Heilandes vor der Türe der Menschen“. Gott liebt den Menschen. Er kommt als Vater und als Freund und klopft ohne Unterlass am Herzen an und bittet um Einlass. Er ist der Arzt, der die kranke Seele heilen möchte. Er, der Herrscher Himmels und der Erden, kommt still und brüderlich und bietet dem Menschen in liebender Sorge ohne alle Gegengaben die größten Güter der Welt, das ewige Leben und die Gemeinschaft mit ihm selbst.

Auf diesem Hintergrund entfaltet sich nun Goßners Glaubenslehre. Aber streng genommen ist es falsch, hier von einer besonderen Glaubenslehre zu sprechen, und Goßner selbst würde sich entschieden dagegen wehren. Denn das, was er unermüdlich von der Kanzel, in kleinen Gemeindeversammlungen, im Gespräch oder in seinen Schriften verkündet, ist, wie er es immer wieder betont, nichts anderes als der Glaube der Urchristenheit, „der uralte katholische Glaube“. Dabei ist „katholisch“ hier nicht eng konfessionell aufgefasst und auf die römische Kirche bezogen. Die „sancta ecclesia catholica“, die heilige allumfassende Kirche, zu der sich alle Christen aller Konfessionen im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen, ist für Goßner katholisch im Ursinn des Wortes, das heißt allumgreifend. Es ist die den ganzen Erdball umfassende, die ökumenische Gemeinschaft der Gläubigen. Vor diesem großartigen Bild der die Jahrtausende überspannenden christlichen Gemeinde, die auf der Urgemeinde fußt, verblassen für Goßner die Parteiungen und Spaltungen innerhalb der Christenheit. Darum kam es auch nie zur Gründung einer selbständigen Goßner-Gemeinde oder Goßner-Kirche. Für Goßner, diese bedeutende ökumenische Persönlichkeit des frühen 19. Jahrhunderts, ist es nur entscheidend, dass der einzelne Christ, welcher Kirche oder Sekte er auch angehören möge und ohne dass er sich von ihr lösen sollte, den Glauben der uralten „einigen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“, wie es im Nicänischen Glaubensbekenntnis heißt, sich anzueignen bemüht. Streben alle Christen nur aufrichtig diesem Fels der Kirche, den Christus und die Apostel errichtet haben, entgegen, so werden sie sich eines Tages in Einigkeit um ihn versammelt finden.

Es geht Goßner also um die Erweckung des toten Glaubens, um die Entfaltung des urchristlichen Glaubens, des reinen Evangeliums in allen Konfessionen. Unverfälscht findet man es nur im Worte Gottes, in der Heiligen Schrift. Wie Luther über die institutionelle Kirche und ihre Dogmen hinweg auf das Neue Testament zurückgriff, um hier Gottes Stimme am unmittelbarsten zu vernehmen, so lebt auch Goßner aus dem Neuen Testament. Er übersetzt es ebenfalls ins Deutsche und darf es erleben, dass seine Übertragung in Tausenden von Exemplaren verbreitet wird. In seinen Predigten und Schriften findet sich eine überreiche Fülle von Bibelzitaten, die von seinem Verbundensein mit dem Evangelium Zeugnis ablegen. Jeder ausgesprochene Gedanke wird durch ein Bibelwort belegt oder unterstrichen, so dass alles, was Goßner schreibt, eigentlich nur Auslegung des Gotteswortes darstellt.

Wie sieht nun dieser „uralte katholische Glaube“ aus, den Goßner weitgehend in Übereinstimmung mit Luther und Zinzendorf, die ihm geistig wohl am nächsten stehen, entwickelt? Am Anfang steht die Lehre vom Menschen. Er ist, beginnend mit Adam, aufsässig gegen Gott; er ist der Sünde verfallen und darum zu Tod und Verdammnis verurteilt. Von Gottes Strafgericht möchte er sich freikaufen und Genugtuung leisten. Darum vollbringt er in seinem gesetzlichen Sinn viele heuchlerische „gute“ Werke und sucht Verdienste vor Gott zu sammeln durch Ablassgaben, durch Wallfahrten, durch vieles Kirchenlaufen und anderes mehr. Aber sein Glaube ist tot, und seine Werke sind es darum ebenfalls.

Diesen Menschen trifft nun Christi Ruf zur Buße. Er soll und muss zuerst sich selbst erkennen, um sich ändern zu können. Christus öffnet ihm die Augen und zeigt ihm, wie sehr er aus sich selbst, wie triebhaft er lebt, wie eigensüchtig er ist, wie verfallen der Welt des Kleinlichen und Bösen. Zerschmetternd ist diese Erkenntnis, vernichtend. Der von ihr getroffene Mensch kann sich nur vor Gott demütigen, sein sündiges Wesen bekennen, voller Reue und Verzweiflung um Vergebung flehen und Änderung und Erneuerung seines Herzens geloben. Er kann sich nur voller Hingabe und gläubigen Herzens Gott zuwenden und sich dem Richter über Leben und Tod auf Gnade und Ungnade ergeben.

Und Gott erlässt ihm das Gericht, vergibt dem Sünder um Jesu Tod und Blut willen. Der Gottessohn hat stellvertretend für ihn gelitten, hat seine Schuld ausgelöscht und zieht den Geläuterten und Gereinigten zu sich hinein in die Gemeinschaft der Kinder Gottes. Der sein ganzes Herz an den Heiland hängende Mensch, der im lebendigen Glauben und Vertrauen zu ihm aufschauende Sünder wird von Christus entsühnt, erlöst, mit Gott versöhnt. Nur über den Gottessohn führt dieser Weg, er allein ist der Mittler, wie Goßner es immer wieder unterstreicht, nur durch ihn, solo Christo, erfährt der sündige Mensch seine Rechtfertigung und Heiligung, wird ihm der echte Frohsinn des Gotteskindes und das ewige Leben geschenkt.

Der in und durch Jesus Christus zu neuem Leben erweckte Mensch kann nur in steter und inniger Dankbarkeit zum Heiland aufschauen und die Liebe, die ihm von Anfang an so überströmend entgegengebracht wurde, in inbrünstiger Gegenliebe erwidern. Für Goßner ist diese hingebungsvolle Liebe zu Gott das besondere Merkmal des neugeborenen Menschen. Diese Liebe erhebt den Menschen über die irdische Welt hinaus, sie versetzt ihn jetzt schon in das himmlische Reich. In inniger Hingabe wendet sich das Herz dem Erlöser zu und überwindet darin alle Not, alle Leiden, alle Pein dieser Welt.

Das neugeschenkte Sein, die Dankbarkeit für Gottes Gnadengabe wirken aber nicht nur die Liebe zu Gott, sondern auch die Liebe zum Mitmenschen, zum Bruder in Christo. In der Bruderliebe sieht Goßner ein Hauptkennzeichen des Christen. Sie ist das neue Gebot, das Christus seinen Jüngern gab: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Ja, sie sollen einander lieben, wie er sie geliebt hat, das heißt bis zur Hingabe des eigenen Lebens, und sie sollen sogar ihre Feinde und Peiniger mit einbeziehen in das Reich der sich unendlich verschenkenden und verzeihenden Liebe, das in Christus angebrochen ist.

Die Liebe zum Mitmenschen findet ihre Ergänzung im Tun des Guten, im Vollbringen von guten Werken. Der neue Mensch, der wahre Christ ist fruchtbar darin. Sein ganzes Wesen ist erfüllt von der Liebe zu Gott und zum Mitmenschen, denen er sich hingibt in stetem Gottesdienst und -lob und in ständigem Liebesdienst. Er kann nicht anders. Seine Lippen müssen Gott rühmen und seine Hände für den Bruder tätig sein.

Die Bruderliebe bedingt aber auch Gemeinsamkeit. Ein Christ ist Christi teilhaftig, ist Glied an seinem Leibe, Glied der singenden und betenden, der bittenden, dankenden und lobenden Christengemeinschaft. Er findet sich mit seinen Brüdern im öffentlichen Gottesdienst der Gemeinde, er sucht die Erbauung im kleinen Kreis der Haus- oder Familiengemeinschaft, und er lebt schließlich unmittelbar in Verbundenheit mit seinem Herrn. Gottes Heiliger Geist durchpulst und heiligt ihn durch und durch. Christus, der unermüdliche Mahner und Anklopfer an der Seelentür, hat Einlass gefunden und lebt in ihm. Gott, der Heiligste und Höchste, hat ihn zum Hausgenossen angenommen. In immer neuen Bildern spricht Goßner von diesem ihn so bewegenden Erlebnis, dass Gott Mensch ward, um den Menschen zu sich zu ziehen, und entfaltet sich seine Christusmystik, die neben den „Christus für uns“ den „Christus in uns“ stellt: Christus hat den Sünder entsühnt, und er hat den Erlösten zur innigsten Liebesgemeinschaft an sein Herz genommen; Christus starb für uns, um mit und in uns zu leben.

Quelle: Franz-Heinrich Philipp, Ad Fontes. Johannes Evangelista Goßner. Leben und Lebenswerk, Stuttgart: J.F. Steinkopfverlag, 1964, S. 7–34.

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