Von Johannes Evangelista Goßner
Wie Gott die Liebe ist, so ist auch der Sohn Gottes die Liebe; und wie Jesus Christus die Liebe ist, so ist auch sein Wort und sein Wandel, sein Leben, Leiden und Sterben, so ist alles an ihm lauter Liebe. Liebe ist der Geist des Lebens und der Lehre Jesu. Liebe atmet das ganze Neue Testament.
Ehe der Weltgrund gelegt war, hat er uns geliebt und erwählt, dass wir heilig und unsträflich vor ihm in Liebe sein sollen. (Eph. 1,4.) Von Anbeginn hat Gott nichts als Gedanken der Liebe und des Friedens für uns in seinem Herzen gehabt; sein Rat und Wille ging von Ewigkeit nur dahin, wie er uns in der Zeit einmal recht lieben und uns viel Gutes erzeigen wolle. Und da die Zeit erfüllt war, kam die Liebe und ward selbst ein Mensch, kleidete sich in unser Fleisch und Blut, ward unser Blutsfreund und uns in allem gleich, um uns nur recht lieben zu können.
„Die Liebe ist mein Anverwandter worden;
Mein Bruder ist selbst die Barmherzigkeit.“
Der Wandel und das Leben der Liebe auf Erden überzeugt uns, dass nicht wir Gott geliebt, sondern dass die Liebe uns zuvor geliebt und sich selbst für uns hingegeben habe. Wir mögen die Liebe betrachten, wo wir wollen, in der Krippe oder am Kreuze, in der armen Zimmermannshütte oder in der Wüste, Nächte durchwachend im einsamen Gebete oder am Tage wandelnd in ihrem Amte, leidend und schweigend unter ihren Verfolgern oder lehrend, tröstend und heilend unter Kranken und Sündern; blutschwitzend im Angstgebete am Ölberge oder verlassen und mit dem Tode ringend am Kreuze, oder wo wir sie immer antreffen: so finden wir sie allemal als die liebendste Liebe, der nichts als Segen, Licht und Leben entströmte.
„Dein Blick war Liebe, Leben floß
Vom Saume deines Kleides.“
Aber wie haben die Menschen die Liebe aufgenommen? Ach, sie gönnten ihr keine Herberge; die Liebe musste im Stall geboren werden; alle Türen und Tore waren der Liebe verschlossen, da sie hereinkam in diese Welt. Ja, sie musste fliehen über die Grenzen und exulieren, da sie kaum geboren war. Man strebte ihr nach dem Leben, wollte sie wieder aus der Welt schaffen, da sie kaum den ersten Schritt in die Welt hereingetan hatte. Darum hielt sie sich dreißig Jahre lang verborgen und lebte unbekannt in Armut und Verachtung. Als die Liebe endlich doch öffentlich auftrat, ihren Mund und ihre Hände öffnete und in lauter Wohltun und Segen umherwandelte, was taten die Menschen? Die einen stießen sie mit Gewalt von sich, andere waffneten sich gegen sie und warfen mit Steinen nach ihr, und wieder andere baten sich’s zur Gnade aus, dass sie von ihnen weichen und ihre Grenze verlassen möchte. Am Ende schlugen sie die Liebe gar ans Kreuz und töteten sie. Aber die Liebe kann nicht aufhören; Schmach, Kreuz, Beleidigung aller Art und selbst der Tod konnten die Liebe nicht töten, sondern sie nur erhöhen und vermehren. Darum konnte sie auch nicht im Grabe bleiben; die Liebe ward wieder lebendig und fing nun erst an, ihr Reich auf Erden zu gründen; indem sie heimgehend und wiederkehrend in den Schoß des Vaters, woher sie gekommen war, den Geist der Liebe ausgoß und herabsendete auf alle, die sich von ihr lieben lassen wollten.
Sieh da die kurze Biographie der Liebe, die nun zur Rechten Gottes sitzt, die Himmel alle und die Welten alle regiert und mit ihren Segnungen erfüllt, bis alles mit ihr eins, und die Liebe alles in allen sein wird.
Quelle: Johannes Evangelista Goßner, Geist des Lebens und der Lehre Jesu Christi im Neuen Testamente, Band 1, Tübingen 21823, S. III–V.