Vom Niederwerfen zum Anbeten. Wie Luther mit seiner Bibelübersetzung ein Missverständnis zum religiösen Gemeingut machte: „Im Zentrum steht das hebräische Verb hischtachawāh, das die griechische Septuaginta-Bibel mit proskynéō wiedergibt. Gemeint ist eine ehrerbietige Niederwerfung vor einem Höhergestellten als wortlose Ausdrucksgebärde. Luthers ‚Anbeten‘ folgt hingegen der Vulgata, die hier das Verb adorare (wörtlich ‚anreden‘) verwendet. Damit verschiebt sich die Bedeutung: ‚Anbeten‘ beziehungsweise adorare bezeichnet primär eine sprachlich artikulierte Beziehung zu Gott, in der Lob oder Bitte mit Worten zum Ausdruck gebracht werden.“

Vom Niederwerfen zum Anbeten. Wie Luther mit seiner Bibelübersetzung ein Missverständnis zum religiösen Gemeingut machte

Das ist wieder ein Beispiel dafür, dass Martin Luther in seiner Bibelübersetzung nicht vom hebräischen Urtext, sondern von der lateinischen Vulgata ausgegangen ist und damit im deutschsprachigen Raum ein nachhaltiges Missverständnis befördert hat. In Genesis 22,5 lässt Luther Abraham am Fuße des Berges im Land Morija zu seinen Knechten sagen: „Bleibt jr hie mit dem Esel / Jch vnd der Knabe wollen dort hin gehen / Vnd wenn wir angebetet haben / wollen wir wider zu euch komen.“ Die Einheitsübersetzung hat den Sachverhalt – anders als die meisten maßgeblichen deutschsprachigen Übersetzungen (mit Ausnahme von Buber/Rosenzweig) – treffender wiedergegeben: „Bleibt mit dem Esel hier! Ich aber und der Knabe, wir wollen dorthin gehen und uns niederwerfen; dann wollen wir zu euch zurückkehren.“

Im Zentrum steht das hebräische Verb הִשְׁתַּחֲוָה (hischtachawāh), das die griechische Septuaginta-Bibel mit προσκυνέω (proskynéō) wiedergibt. Gemeint ist eine ehrerbietige Niederwerfung vor einem Höhergestellten als wortlose Ausdrucksgebärde. Luthers „Anbeten“ folgt hingegen der Vulgata, die hier das Verb adorare (wörtlich „anreden“) verwendet. Damit verschiebt sich die Bedeutung: „Anbeten“ beziehungsweise adorare bezeichnet primär eine sprachlich artikulierte Beziehung zu Gott, in der Lob oder Bitte mit Worten zum Ausdruck gebracht werden.

Weder hischtachawāh noch proskynéō bezeichnen eine Sprechhandlung. Es handelt sich vielmehr um eine rituelle Gebärde, durch die – ähnlich dem chinesischen Kotau – die Überlegenheit des Gegenübers körperlich inszeniert wird: Der eine liegt oder kniet am Boden, während der andere sitzt oder steht. Die Huldigung vollzieht sich leiblich, nicht sprachlich. Um selbst zu Wort zu kommen, bedarf es einer Erlaubnis. Eine derartige leibliche Huldigung gegenüber anderen Göttern und deren Kultbildern verbietet das erste Gebot ausdrücklich: „Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen, lōʾ tištaḥăwäh lāhäm.“ (Ex 20,5 bzw. Dtn 5,9).

Auch im Neuen Testament bezeichnet die Proskynese eine rituelle Selbsterniedrigung. So fordert der Teufel Jesus in der Wüste auf: „Das alles gebe ich dir, wenn du dich niederwirfst und dich tief vor mir verneigst“ (Mt 4,9; Übersetzung Fridolin Stier). Wieder ist es die Vulgata mit ihrem adorare, die den Sinn in Richtung einer verbalen Anbetung verschiebt. Mit Ausnahme von Fridolin Stier verschreiben sich die deutschsprachigen Bibeln nahezu einhellig nicht der Gebärde der Proskynese, sondern einer sprachmächtigen „Anbetung“.

Im Buch der Offenbarung wird in der Himmelsvision in Kapitel 5 die Proskynese als Selbsterniedrigung sinnfällig beschrieben. Nach dem kollektiven Gottes- bzw. Christuslob der gesamten Schöpfung – „Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm / gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit“ – folgt das „Amen“ der vier Lebewesen als Bestätigung, bevor dann die 24 Ältesten den huldigenden Zweischritt vollziehen – dahinsinken – piptein und sich wortlos tief verneigen – proskyneĩn.

Warum Hieronymus, dem die christliche Praxis einer körperlichen Ehrbezeugung gegenüber den heiligen Stätten und Gräbern der Märtyrer geläufig gewesen ist und diese auch in Contra Vigilantium (ca. 406) als veneratio zu verteidigen wusste, in der Vulgata hischtachawāh bzw. proskyneĩn mit adorare übersetzt hat, lässt sich nicht letztgültig klären. Auch in Genesis 23,7 (ähnlich in Gen 18,2), wo sich Abraham „vor dem Volk des Landes, den Hetitern“ niederwirft und erst danach sein Anliegen bezüglich der Grabstätte für seine verstorbenen Ehefrau Sara zur Sprache, übersetzt Hieronymus hischtachawāh mit adorare und ersetzt damit den Körperakt durch einen Sprechakt (anders Luther, der hier von „bücken“ spricht). Möglicherweise hat die wörtliche Bedeutung von proskyneĩn „zuküssen“ mit deren oralen Konnotation eine ehrfürchtige Anrede adorare im Lateinischen befördert. Aber dies wäre dann ein Hinweis darauf, dass eben auch Hieronymus in seiner lateinischen Übersetzung des Alten Testaments von der Septuaginta beeinflusst gewesen ist.

Eigentlich verfügt das Lateinische mit prosternare beziehungsweise prostrare über Verben, die dem hebräischen hischtachawāh weit genauer entsprechen als adorare. Sie bezeichnen das Niederwerfen oder Sich-Hinstrecken vor einem Höhergestellten und finden ihren liturgischen Ausdruck bis heute in der Prostration. Psalm 95,6 bringt diese Haltung treffend zur Sprache: „Kommt, wir wollen uns niederwerfen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem HERRN, unserem Schöpfer!“ Ebenso der Beter in Psalm 5,8: „Ich aber darf dein Haus betreten dank deiner großen Güte, ich werfe mich nieder in Ehrfurcht vor deinem heiligen Tempel.“ Die Gebärde macht sichtbar, was Worte allein kaum auszudrücken vermögen: die radikale Asymmetrie zwischen Mensch und Gott. Wer bäuchlings den Boden berührt und die Stirn zur Erde senkt, verzichtet für einen Moment auf jede Selbstbehauptung. Die Ehrfurcht schreibt sich dem Körper ein. Es ist für uns Menschen eben keine Selbstverständlichkeit, dass wir vor IHM zu Wort kommen dürfen.

Gerade darin liegt die bleibende Bedeutung der Prostration. Während die moderne Gottesverehrung weithin von Sprache, Gesang und innerer Ergriffenheit geprägt ist, erinnert die biblische Proskynese daran, dass Verehrung ursprünglich eine leibliche Praxis war. Sie vollzieht sich nicht zuerst im Aussprechen von Lobpreisungen, sondern in einer Haltung der Selbsterniedrigung vor dem, der alles überragt. Die von Hieronymus eingeleitete und durch Luther tradierte Verschiebung von der körperlichen Huldigung zur sprachlichen Anbetung hat deshalb nicht nur eine einzelne Vokabel verändert. Sie hat das Verständnis religiöser Verehrung insgesamt geprägt. Wo aus dem Niederwerfen ein Anbeten wird, tritt der Körper hinter das Wort zurück. Die biblischen Texte bewahren jedoch die Erinnerung daran, dass Ehrfurcht vor dem dreieinigen Gott ursprünglich nicht nur gesprochen, sondern verkörpert wurde.

Vielleicht liegt gerade darin eine Herausforderung für die Gegenwart. Die Prostration bringt in besonderer Weise die eigene Ehrfurcht zur Besinnung vor dem, der sich ausspricht: „Ich bin das A und das O, spricht HERR, der Gott, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über das All“ (Offb 1,8). Wer sich niederwirft, erkennt diese Wirklichkeit nicht nur mit dem Verstand an, sondern bringt sie mit dem eigenen Körper zum Ausdruck.

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