Johannes Evangelista Goßner über die eigene Christus-Bekehrung als Kaplan in Neuburg an der Kammel. Tagebuchaufzeichnungen vom November 1797: „Nach und nach fühlte ich den HErrn so in mir und ließ ihn machen und wirken in mir und hielt mich zurück. – Es kam mir immer dies in Sinn und Mund: zurück Teufel, stirb Adam in mir. Es lebe JEsus! Ja, fiat! Das geschah und war auch heut den ganzen Tag hindurch all mein Gebet, dass ich es immer wiederholte, pereat Adam, vivat Jesus! und dabei gab ich mich allezeit ihm so hin, und er wirkte in mir, stillte die Unruhe und Affekte, wenn sie aufsteigen wollten. Ich fühlte den HErrn noch nie so wie heut, nie so anhaltend, oft und lange, nur selten unterbrochen, und so lebhaft und freudig. – Der HErr sei gelobt und beweise seine Kraft immer mehr an mir armen Sündenklumpen.“

Über die eigene Christus-Bekehrung als Kaplan in Neuburg an der Kammel. Tagebuchaufzeichnungen vom November 1797

Von Johannes Evangelista Goßner

Den 14. September 1797.

Ich hab‘ jetzt alle Schulen durchlaufen, hab‘ 14 Jahre viele Lehrer gehabt und bei ihnen immer gelernet. Mein Geld, meine Kräfte und Zeit verzehret und alles darauf gewendet, was ich darauf wenden konnte, und es ist mir doch nicht geholfen, ich hab‘ alles umsonst ausgegeben, alles umsonst verwendet. Meine Lehrer haben mich viel gelehret, aber das eine Notwendige hat mich keiner gelehrt. Jetzt wende ich mich zu dir, HErr JEsus Christus, sei du jetzt mein einziger Lehrer, erbarme dich meiner, zerstöre die Werke der menschlichen Gelehrsamkeit und Weisheit, et emitte spiritum tuum, docentem omnem veritatem , ut fides mea non sit in sapientia hominum sed in virtute dei (gib mir deinen Geist, dass der mich in alle Wahrheit leite, dass mein Glaube stehe nicht in der Weisheit der Menschen, sondern in der Kraft GOttes). JEsu, Sohn Davids, sei mein Lehrer und nimm mich als deinen Schüler an. Amen.

Den 11. November 1797.

Gestern besuchte mich unvermutet Langenmayr mit Sommer, das war mir eine überaus große Freude, diesen treuen Diener des HErrn bei mir zu haben und zu sehen. Ich versprach mir recht viel mit ihm vom HErrn zu reden und viel von ihm zu lernen, und ich konnte nichts sagen, ich musste immer nur ihn betrachten und reden lassen. Einmal sagte ich: man ist halt so untreu! Ja, sagte er, der HErr muss treu sein, der HErr selbst! Das merkte ich mir sehr! Ich ging übrigens so mit ihm fort, ihn begleitend, hörte ihn so an mit großem Drang, möchte es immer gern recht machen und brächte doch nichts hervor. – Es war mir nirgends recht. Im stillen vertraute ich doch so: der HErr wird’s doch recht machen, seine Gegenwart muss mir doch zu Nutzen werden, es wird schon folgen. – Ich ging von ihm, wie es schien, unverrichteter Sache – lief lange so fort – endlich kam’s mir immer wieder, was er sagte: der HErr muss treu sein, nicht wir! und das verstand ich vorher nie so, wie ich’s jetzt zu Gemüte fasste. – Nach und nach fühlte ich den HErrn so in mir und ließ ihn machen und wirken in mir und hielt mich zurück. – Es kam mir immer dies in Sinn und Mund: zurück Teufel, stirb Adam in mir. Es lebe JEsus! Ja, fiat! Das geschah und war auch heut den ganzen Tag hindurch all mein Gebet, dass ich es immer wiederholte, pereat Adam, vivat Jesus! und dabei gab ich mich allezeit ihm so hin, und er wirkte in mir, stillte die Unruhe und Affekte, wenn sie aufsteigen wollten. Ich fühlte den HErrn noch nie so wie heut, nie so anhaltend, oft und lange, nur selten unterbrochen, und so lebhaft und freudig. – Der HErr sei gelobt und beweise seine Kraft immer mehr an mir armen Sündenklumpen. –

Den 14. November 1797.

So nahe wie gestern war mir der HErr im Gebet noch nie: freundlich und lieblich gab er mir zu fühlen und verstehen seine Zukunft ins Fleisch, wie er sich gleichsam in mir gestalte und zeuge – wie er gänzlich in mir wirke und ich nichts sei, empfand ich ziemlich deutlich. Unsere Unterredung war kindlich und einfältig.

Heute spürte ich einen ziemlich starken Liebeszug und Lockung ins Innere hinein, empfand lebhaft, dass ich nichts außer mir mehr suchen, lieben, begehren soll, sondern nur GOtt allein in mir wahrnehmen, lieben, anschauen, verlangen, zu ihm immer einkehren, bei ihm bleiben, ihm anhangen. Darauf stellte er mir vor, als wenn er in mir Mensch werde und menschliche Natur in mir und ich seine göttliche annehme. Ich fühlte es recht deutlich, was das großes sei, dass GOtt Mensch werde, und menschliche Natur in uns annehme, welcher Dank, Liebe, Preis und Ehre ihm dafür von uns gebühre und stets heimzuzahlen sei.

Den 16. November 1797.

Gestern den 15. beugte GOtt sonderlich im Gebet meinen Willen unter den seinen … Ich dachte und sagte oft in und außer dem Gebet:

HErr, dein Wille soll geschehn,
Müsst ich auf dem Kopfe gehn.

Mein Wille neigte sich vor dem göttlichen und gab sich ganz hin – gefangen, und vereinte sich mit GOttes Willen. – Du musst nichts und alles wollen, was GOtt will und schickt und geschehen lässt.

Niemand ist gut, als GOtt allein.

O unendliche Güte GOttes, o erschreckliche Bosheit des Menschen, wie böse, wie undankbar bin ich heute gewesen, nachdem mir der HErr so freundlich und überschwänglich gnädig und barmherzig war! Ich bat ihn heute früh, mir mein Nichts, meine Sünden und Flecken, die ihm besonders an mir missfielen, zu zeigen, damit ich’s ihm wieder zeigen könnte und verabscheuen – und sieh‘, wie gut der HErr war, er tat’s, und zeigte mir, wie ich immer eine zu gute Meinung von mir selber hätte, mich für besser, frömmer, weitgeförderter hielte, mir immer selbst wohlgefiele, im Großen und Kleinen, und als besonders gut und fromm scheinen und dafür angesehen werden wollte – kurz, meinen groben und feinen Stolz, Scheinheiligkeit und Heuchelei. Ich verabscheute, versprach Besserung, nahm so gewiss und sicher vor, und Nachmittag vergaß ich ihn und was ich mir vorsetzte; da wusste ich so fein zu eigenem Ruhm zu reden, scheinheilig zu tun und zu heucheln, bei weltlichen wollt‘ ich wieder galant scheinen und den HErrn verleugnen usw.

O die Bosheit! – HErr, da hast du mir es wohl recht zu erkennen gegeben und erfahren lassen, was ich für ein abscheulicher Sünder sei, was für schändliche Flecken ich an mir trage, o lass mich nur dies immer mehr erkennen und fühlen, welch großer, hässlicher, nichtswürdiger, boshafter Sünder und Wurm ich sei.

Noch zeigte mir der HErr, wie ich willenlos und sorgenfrei in den Schoß der Mutter Vorsehung mich einsenken – nichts wollen und zum Voraus begehren, wünschen, ausmachen sollte – sondern blind erwarten, was kommt. Aber auch grade dagegen sündigte ich recht unbedächtig und idealisierte und disponierte und wünschte und machte Pläne und Projekte, als wenn ich der weiseste Weltregent wäre. HErr verzeih‘!

Den 17. November 1797.

Heute ließ mich der HErr zwei gute Stunden knien auf freiem Boden, dass ich kaum mehr aufstehen konnte, und ließ mich recht brünstig und eifrig beten um Erkenntnis meiner Sünden, um beständige Anerkennung und demütiges Gefühl meiner Sündengröße, Vielheit und Bosheit – meines Nichts – ließ mich dabei um Liebe recht dringend anhalten und flößte mir neue Liebe ein, gab mir zu verstehen, wie das „Ich“ eigentlich nichts Gutes habe, oder mir selber geben könnte, sondern alles von ihm hätte und bekommen müsste, dass ich mir also gar nichts Gutes zuschreiben und eigenen sollte, dass ich um die Sünde und das Böse sei, und aus mir selbst nichts anderes als Böses und Sünde hervorbringen könne, dass ich also erschrecken sollte, wenn man mich für gut ansähe, lobte usw., dass ich ja mich für den schlechtesten, geringsten, schwächsten halten und ansehen lassen sollte. Ehre, dem Ehre gebührt – – GOtt allein. Schande, dem Schande gebührt – mir eigen. GOtt allein ist gut – ich bin das Böse. GOtt allein ist der Ehre würdig – ich bin nichts wert – verdiene Verachtung und Schande.

Mir, als mir gehört nichts Gutes, also auch kein Ruhm, Ehre, Lob.

Ich finde nur das Nichts und die Sünde in mir.

Der HErr ließ mich Nachmittags noch zwei volle Stunden knien und gab mir mein Nichts zu erkennen.

Den 18. November 1797.

Gestern gab mir der HErr schon im Gebete zu verstehen, wie ich – der Adam in mir – ab- und Er, Christus, in mir zunähme und wachse.

Heute zog er mich mit vieler Freundlichkeit und süßen Empfindlichkeiten hinein zu sich. Es war da gleichsam ein Kampf in mir zwischen ihm und meinem Adam, ich betete immer, er möchte sich ihn unterwerfen, töten, verderben, möchte ihn gefangen nehmen und ihm einen Strick um den Hals werfen. Möchte seine Macht in mir beweisen und sich zum HErrn in mir machen, aber mich, meinen Adam, auswerfen, in mir vollkommen das Leben sein und mich gänzlich regieren – und sieh‘, auf einmal gab er’s mir, dass ich glauben konnte, sagend: HErr, du bist ja mächtig, dir alles – meinen Adam in mir zu unterwerfen, zu zwingen – du hast das Recht dazu durch dein Blut und deinen Tod erworben und mich als dein Eigentum teuer erkauft, darfst also nur Besitz nehmen davon. Und jetzt konnte ich huldigen, mich beugen unter seinen Stab, erkannte ihn als meinen guten, freundlichen Hirten, mit Freuden und vieler tröstlicher Empfindlichkeit sagte ich ihm Gehorsam, Unterwürfigkeit zu und schwur ihm, sein treuer, williger, gehorsamer Knecht zu sein und zu bleiben. Ich freute mich jetzt und frohlockte, dass er jetzt einmal die Oberhand in mir hatte und den Adam wie am Strick gefangen und gebunden führte und den völligen Herrn und Meister in mir spielte. Es kamen mir gleich Zweifel, ob ich wohl immer treu sein – werden könne, aber gleich stellte er sich mir vor als der treue Hirt, dass er treu sei und seine Schafe liebe und sich nicht aus den Händen reißen lasse, dass er sie freundlich nach sich locke und sie sorgfältig hüte und weide. Ich ergab mich also als ein williges Schaf, bereit, seiner Stimme treu zu folgen und unter seinem Stab mich ganz zu schmiegen. Jetzt bin ich also Knecht, Sklav, und Christus mein HErr und Hirt, – ich muss ihm in allem, klein und groß, treu sein und auf jeden Wink, den ich von ihm erkenne, gehen und tun, muss mich ganz von ihm führen und treiben lassen, ohne zu grübeln, ohne mich zu besinnen. Aber alle Ehre gehöret allzeit dem HErrn, ich bin, wenn ich ihm alles tue, ein unnützer Knecht, der nur seine Schuldigkeit tun muss, sie nur in der Kraft des HErrn tut und nichts aus sich selbst – als aus sich selbst – kann, – weil ich nichts bin – sondern all‘ meine Tüchtigkeit aus GOtt ist. –

Es lebe und regiere der HErr JEsus Christus in mir und beuge und schmiege mich unter seinen Stab und Szepter, der Milde und Sanftmut ist. Er mache mich treu, willig, gehorsam, ergeben, einfältig und willenlos, aufmerksam auf seine Stimme, wachsam auf seine Ankunft. Ich müsse nie von seinen Anordnungen, Bestimmungen etwas voraus wissen, erraten, ergrübeln wollen, sondern blind und sorgenfrei erwarten, was da kommt; ich müsse ihm nie in seine Rechnungen sehen wollen, sondern meinen Weg ohne Vorwitz weiter gehen, wo er mich hinschickt, ohne voraussehen zu wollen, wie es ergehen und herauskommen könnte. –

O, mein HErr ist gut, Er belohnt schon zum Voraus mit seinen Lockspeisen und Leckerbissen!

Er hat mich ganz ohne ein Verdienst erwählt – mich, als das Nichts, die Sünde und Untreue selbst, unnütz, untüchtig und ungeschickt zu allem, so dass er selbst Knecht und treu und gehorsam und alles in mir sein muss, wenn er mich in seinem Dienst behalten will. Ich kann nichts, bin nichts und weiß nichts als Sünde, Böses und Arges. – O Güte, o Liebe, o unendliche Liebe GOttes – ergieß dich in mir aus, und liebe dich in mir, verzehre mich und verwandle mich in lauter Liebe und Treue! Amen!!!

Den 25. November 1797.

Die Hochzeittage waren bald vorüber. Diese waren freilich lustig und fröhlich, da ging’s an ein Springen, Pfeifen und Singen, – aber hernach ging gleich ’s Nothen an. Zuerst wollte die Braut wissen, was an ihr dem Bräutigam noch missfalle, sie bat ihn, er möchte ihr’s zeigen, damit sie’s ihm wieder zeigen und er dann die Flecken abwischen und heilen sollte. Und er tat’s und zeigte ihr ihre scheußlichen Muttermale und Schandflecken, unter anderem Heuchelei, Scheinheiligkeit, Verstellung, große Meinung von sich selbst usw., sie bereute und schämte und grämte sich und überließ sich ihm – er sollte da Mittel und Wege machen. –

Darauf bat ich den Heiland noch mal öfters, er möchte mir mein Nichts, meine Sünde recht zu erkennen geben – und er ließ mich’s gar erfahren. Jetzt schon 8 Tage her war ich ganz von ihm verlassen, und da kann man sich leicht einbilden, wie ich da ohne ihn war. Es ging nichts mehr für sich und aufeinander, ich ward lau, trag, nachlässig im Beten, Verleugnen, Selbstbekämpfen, es war mir alles unerträglich im Haus, ich kam Stunden lang und halbe Tage lang fast nimmer an den HErrn nur zu denken – und wenn auch – ohne Gefühl, ohne Andacht, – ja ich dachte: jetzt ist der HErr weg und der Adam Herr und wieder Meister – „jetzt“, fiel mir einmal bei, „jetzt bin ich ja wieder ein ganz ordinärer Mensch, wie alle Weltleute“, ich machte mit, lachte, schwatzte, plauderte usw., konnte sonst zwei Stunden lang da knien und jetzt keine halbe mit Zwang und Unlust – und zu abends gleich dem Bett zu, die Kälte und jede Ungemach fürchtend, und schaute ich verdrießlich darob. Ich wusste und verstand anfangs nicht, was das war, bedacht es auch gleich nicht – es war mir halt nirgend recht, war mir sehr lästig, ich wünschte freilich anders zu sein, wollte mich oft zwingen, aber tat’s halt nicht, ich blieb in meiner Faul- und Trägheit sitzen, liegen, kalt, lau, usw.

Nach und nach kam’s mir: „sieh, so bist du allein dir überlassen – ohne den HErrn, was du also sonst bist, ist der HErr, da hast du dich nur nicht oder den HErrn für dich gesehen oder gehalten.“

Da erschrak ich ob mir selbst; „wie ist’s möglich, HErr, du konntest mit mir sein?“ sagte ich und dachte oft: „wie hast du doch mit mir anfangen können und so gnädig!“

Ich kratzte im Kopf und schüttelte den Kopf und verwunderte mich nicht – denn ich hätte nimmer geglaubt, dass ich noch einmal so werden sollte und hab’s nie so eingesehen, dass ich so war.

Nach und nach ging’s besser, immer wieder besser, ich fühlte Ihn hin und wieder und sah es immer deutlicher, dass der HErr alles und ich nichts war, bin und sein werde. –

– Dies alles scheint mir (es fällt mir grad‘ so ein, wird wohl vom HErrn sein!) so verglichen werden zu können, als hätte der Bräutigam nach dem Hochzeittage die Braut verlassen und sich in seinen Palast und inneres Gemach allein zurückgezogen und unsichtbar gemacht, um ihr zu zeigen, wer sie sei, was sie ihm zubrächte usw. Da saß sie auch diese Tage hindurch, das arme, wilde Bettelmensch in ihrem Bettelhäusel in Lumpen und in ihrem Dreck, da merkte sie’s recht, wie schlecht und arm es bei ihr zuging und ohne den Bräutigam noch zugeht. – Das ist ein Heiratsgut, das ich ihm zubrächte – pfui!

Den 28. November 1797.

Gestern war ich zu einer Hochzeit geladen, wo ich mit Furcht, Zittern hinging und mit meinem Principal ganze 12 Stunden bleiben musste. Der Adam hat sich dabei ziemlich wohl befunden, doch hat er bisweilen ein Manderl, ein Monitorium gekriegt, dass er wieder innehalten sollte, wenn er’s bunt machen wollte – und recht accident war’s immer für ihn, er hat ’n Schnitt gemacht dabei; aber wie er nachts halb 12 Uhr seinen Principal heimgeführt hatte und zu Hause war, da ging eine andere Hochzeit im inneren Gemach noch an. Kaum kam er auf sein Zimmer, war der Bräutigam schon da und fiel gleichsam mit der Tür ins Haus herein, und da hieß es gleich: „Adam, jetzt musst du übergeben, resignieren.“ Die Braut stimmte auch und bettelte und drang in den Bräutigam, er sollte nur seine Gewalt brauchen und seine Macht, und wenn er nicht gerne gehe, ihn zum Haus hinauswerfen und damit hollah – und der Bräutigam nahm halt Platz und ’s ging festlich zu, und was wollte der arme Teufel machen? er musste sich drein geben „mit Willen, wie die Bauern, wenn sie müssen.“ Heut früh war der Bräutigam schon wieder gleich da und kündete ihm die Oberherrschaft an und jetzt seh‘ ich schon, ’s muss gehen. Der HErr übt Gewalt. Er hat den Adam hinausgestöbert und sich festgesetzt, aber der alte Schliff, der halt das Regiment gewohnt ist und immer mehr einsieht, was er dabei verliert, bei dem neuen Hauswesen und nicht grübig sein kann – er schleicht sich unter allerhand Gestalten und Vorschein wieder herein und will wieder anschaffen und regieren, aber der HErr kommt ihm recht auf seine Schliche, er ertappt ihn allzeit gleich auf der Haube und da zieht er wieder mit Schand‘ und Spott ab.

Das hätt‘ der Adam gar nicht geglaubt, dass er gestern nach so einer langen Hochzeit, wo er sich so umtat, dass er da noch eine Hochzeit bekommen sollte, wo er sich nicht mausig machen durfte und den kürzeren zog. Unsere Wege sind nicht des HErrn Wege und unsere Gedanken nicht des HErrn Gedanken. Wenn die Braut meint, jetzt stehe sie am schönsten da, jetzt werde der Bräutigam wohl kommen, da kommt er nicht; wenn sie aber nicht daran denkt und sich für am schlechtesten geputzt hält und auch ist, da kommt er – wunderlich! Da soll sie’s ja merken, dass er nicht wegen ihrem Putz komme und sie deswegen nehme, sondern aus Gnade, Erbarmung über ihre Lumpen und Bettelstand – und dass sie’s ja merkt, dass der HErr sie und nicht sie den HErrn erwähle – und also alle Ehre und alles dem HErrn wiedergebe.

Den 30. November Heute am Andreastag legte der HErr gleich in der Frühe einen großen Hunger und Verlangen nach der Vereinigung mit JEsu und nach dem Kreuz, meinen Adam zu töten; es säuselte mir immer zu: crucifige eum! adamum! – und es ging den ganzen Tag über unaufhörlich fort, dass ich immer um’s Kreuz bat, weil, wo dieses ist, auch der HErr nahe ist. Kreuzige ihn, kreuzige ihn, den Adam, und lebe du JEsus in mir – ich bin lauter Böses, Sünde, darum verdien‘ ich’s Kreuz und Schand, – du bist das Gute und alles, was an mir gut, ist dein, bist du – also dir alle Ehre, Ruhm, Preis und Lob!!!
Fiat, fiat, crucifige eum!

Den 30. November 1797. Den Bund mach‘ ich mit dir, Heiland, JEsus! in deinem Namen und in deiner Kraft: „Dass ich jetzt künftig nur essen und trinken werde, um zu leben, also nur so viel, als nötig ist, mir das Leben zu erhalten.“

Quelle: Johann Dettloff Prochnow (Hrsg.), Johannes Goßner. Biographie aus Tagebüchern und Briefen. Erster Theil, Berlin 1863, S. 46-53.

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