Hermann Diem, Predigt zu Römer 11,33-36 (1946): „Wir sind damals nach jenem Gottesdienst auf den berühmten alten Prager Judenfriedhof gegangen. Auf engem Raum zusammen­gedrängt liegen dort die Toten aus Jahrhunderten neben- und über­einander. Grabstein steht an Grabstein. Keine Blume wächst dazwi­schen, um den düsteren Ernst des Todes zu mildem, und im Schat­ten der Holunderbäume, die aus den Gräbern gewachsen sind, kann nicht einmal ein Grashalm gedeihen.“

Predigt zu Römer 11,(32)33-36 (Trinitatis)

Von Hermann Diem

Liebe Gemeinde! Gestehen wir es uns ruhig ein, daß wir alle ziemlich hilflos stehen vor diesem überschwenglichen Lobpreis Gottes, den wir eben aus dem Munde des Apostels gehört haben. Das einzige, was wir ohne weiteres nachsagen könnten, das sind die Worte: »Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege.« Fällt es uns doch schwer genug, in den Wegen, die Gott uns führt und in den Gerichten, die er über uns bringt, seine Weisheit zu erkennen. Wir sind vielleicht bereit, uns in den Willen Gottes zu ergeben, auch wenn wir ihn nicht durchschauen und verstehen können. Wir haben uns vielleicht dazu durchgerun­gen, seinem Gericht nicht zu widerstreben, weil wir um die Schuld wissen, mit der wir es verdient haben. Aber von dieser bloßen Beugung unter Gottes Willen ist noch ein weiter Schritt bis dahin, Gottes Weisheit preisen und ihn darum ehren zu können, wie es der Apostel tut. Daurauf aber kommt hier offenbar alles an, daß wir eben diesen Schritt zu tun vermögen, weil uns der verborgene Wille Gottes in seiner Weisheit sichtbar und erkennbar geworden ist.

Wir haben in der Schriftlesung aus der Gesetzgebung Gottes am Sinai die Worte des ersten Gebotes gehört. Es wurde uns gesagt, wer der Gott ist, mit dem wir es zu tun haben, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott, der erkennbar ist daran, wie er seine Verheißungen erfüllt, der Gott, der sein Volk aus Ägyptenland, aus dem Diensthause geführt hat, der Gott, der über der Einhaltung seiner Gebote wacht und darum »heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied«, der Gott, der aber auch daran erkennbar ist, daß er »Barmherzigkeit tut an vielen Tausen­den, die ihn liebhaben und seine Gebote halten.«

Aber erkennen wir ihn daran nun auch so ohne weiteres? Ich erinnere mich an einen Gottesdienst, den ich als Soldat im Sommer 1940 in Prag mitmachte. Man feierte im Gottesdienst den Sieg über Frankreich und den Abschluß des Waffenstillstandes. An derselben Stelle, an der im Jahre 1918 die deutschen Vertreter ihre Niederlage unterzeichnen mußten, im Walde von Compiègne, in demselben Eisenbahnwagen, den die Franzosen als dauernde Erinnerung an ihren Sieg dort hatten stehen lassen, mußten sie 22 Jahre später ihre Niederlage bestätigen. Es war für die Welt ein eindrucksvolles Schauspiel vom Wechsel des Kriegsglücks, von Sieg und Nieder­lage. Der Prediger stellte das Ganze unter jene Worte des ersten Gebotes und sagte, es sei nun an den Franzosen wahr geworden, daß Gott die Sünden der Väter heimsucht an ihren Kindern.

Als wir aus der Kirche gingen, bemerkte ein Kamerad zu mir, das hätte der Pfarrer nicht sagen sollen; es könnte ja auch wieder einmal anders herumgehen und was wolle er dann sagen? Er hat recht gehabt. Es ist anders herum gegangen und sie sind zuschanden geworden, die in den großen deutschen Siegen eine Bestätigung dafür sehen wollten, daß Gottes Gnade sichtbar bei uns sei und wir darum auf dem rechten Wege wären. Sie hatten sich einen deutschen Gott zurechtgemacht, der zu allem, was sie taten, Ja sagen mußte; sie glaubten an Baal und nicht an den Gott des ersten Gebotes.

Aber nicht wahr, liebe Gemeinde, nun bleibt für uns erst recht die Frage, wo wir denn nun in den Wegen der Völker und in den Berichten, die über sie kommen, den wirklichen, den lebendigen Gott am Werk erkennen. Wir können doch nicht dabei stehen bleiben, in dem Wechsel von guten und bösen Tagen in unserem eigenen Leben, in dem Wechsel von Sieg und Niederlage im Leben der Völker nur ein blindes Schicksal zu sehen. Wir möchten in all dem begreifen, was Gott von uns will; wir möchten seine Gerichte verstehen, damit wir auch seiner Barmherzigkeit wirklich froh werden können und ihn so wie der Apostel preisen und ehren. Wie können wir dazu kommen?

Wir sind damals nach jenem Gottesdienst auf den berühmten alten Prager Judenfriedhof gegangen. Auf engem Raum zusammen­gedrängt liegen dort die Toten aus Jahrhunderten neben- und über­einander. Grabstein steht an Grabstein. Keine Blume wächst dazwi­schen, um den düsteren Ernst des Todes zu mildem, und im Schat­ten der Holunderbäume, die aus den Gräbern gewachsen sind, kann nicht einmal ein Grashalm gedeihen. Neben dem Friedhof steht die uralte Synagoge, in der freilich damals kein Gottesdienst mehr gehalten werden durfte. Aber immer wieder sah man einen Juden, der an das Grab eines der berühmten Rabbiner trat, um ein Stein­chen auf das Grabmal zu legen zum Zeichen dafür, daß das Volk noch lebte und sich nicht irremachen ließ in seinem Glauben an den Bund Gottes, dessen Barmherzigkeit und Treue nicht aufhören kann. Und dann trat er schnell wieder hinaus, um unterzutauchen in der großen Stadt und sich vor denen zu verbergen, die dem Volk Gottes den Tod geschworen hatten.

Das war der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dessen Handeln hier sichtbar wurde. Nicht in dem Waffenstillstand im Walde von Compiègne, aber in dem Schicksal dieses verachteten und zu Tode gehetzten Volkes, das nach Gottes Willen nicht sterben kann, war der Gott des ersten Gebotes zu erkennen, der diesem Volk einst sagen ließ: »Denn ich der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der da heimsucht die Sünden der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied, die mich hassen und tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die mich liebhaben und meine Gebote halten.«

Im Segen und Fluch über Israel, in der Treue, mit der Gott dem abtrünnigen Volk seinen Bund hält, in den furchtbaren Gerichten, mit denen er es heimsucht, um es zu dem Bund seiner Barmherzig­keit zurückzuholen, ist für alle Welt sichtbar ein Zeichen dafür aufgerichtet, daß Gott die Geschichte der Menschen und Völker nicht sich selbst überlassen hat. Was er anfing, als er Israel zu sich rief und es zu seinem Boten an die Völkerwelt machte, das wird er fortsetzen bis ans Ende der Tage. Die Völker werden sich dieser Botschaft immer wieder verschließen. Sie werden sich nach ihrem eigenen Bild immer wieder ihre eigenen Götter machen, um sie in den Dienst ihrer eigenen Wünsche zu stellen. Aber wenn sie auch die Botschaft von dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht hören wollen, so können sie doch nicht hindern, daß Israel als das Volk dieses Gottes neben ihnen hergeht als steter Stachel und unauf­hörliche Mahnung.

Wo uns dieses rätselhafte und nach allen menschlichen Maß­stäben so unbegreifliche Dasein des Volkes Israel begegnet, da gibt es für uns offenbar nur zwei Möglichkeiten: entweder sehen wir das Zeichen und lassen uns selbst rufen zum Glauben an den Gott des ersten Gebotes. Oder es ist uns diese stete Erinnerung ein Anstoß, den wir los sein möchten. Und dann kommt es zu jener Verfolgung der Juden, unter der sie leiden, seit sie in die Geschichte eingetreten sind. Nur so ist der grauenhafte Ausbruch des Judenhasses zu verstehen, den wir in den letzten Jahren erlebten und der in seinen entsetzlichen Ausmaßen von vielen heute noch kaum geglaubt wer­den kann. Man wollte die Welt nach einem eigenen Evangelium erlösen, und darum mußte das Heil, das von den Juden kommt, mit allen Mitteln bekämpft werden.

Dieser Judenhaß ist mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches keineswegs zu Ende. Heute werden in Polen die wenigen Juden, welche die Verfolgung durch die Deutschen überlebt haben, wie­derum von den Polen verfolgt und müssen nach Deutschland fliehen. Auch alle Siegerstaaten haben heute ihre antisemitischen Bewegun­gen. Und in Deutschland selbst gibt es noch Leute genug, die auch jetzt noch und vielleicht jetzt erst recht sagen: »Die Juden sind unser Unglück.«

Was sagen nun wir, liebe Gemeinde, wir, die Kirche Jesu Christi, wir, denen das Heil zuteil geworden ist, das von den Juden kommt, die wir zum Glauben gekommen sind an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, die wir Gottes Verheißungen an Israel geerbt haben, obwohl wir aus den Heiden stammen und darum kein Anrecht darauf hatten, die wir aufgenommen sind in den Bund, den Gott mit Israel machte?

Es kommt darauf an, ob wir uns dessen bewußt sind, was uns damit widerfahren ist. Es ist uns damit nicht nur mit Worten gesagt worden, daß Gott in unwandelbarer Treue zu denen steht, um die er sich in seiner Barmherzigkeit angenommen hat, sondern wir gehören damit zu seinem Volk, an dem er dies in einer langen Geschichte wahrgemacht hat. Er ist unser Gott geworden, der Israel aus Ägyp­tenland, aus dem Diensthause geführt hat. Daß er das getan hat, ist nun unsere eigene Geschichte geworden, die sich bis hierher und heute noch täglich wiederholt, indem er stets erst schenkt, ehe er etwas verlangt, indem er mit unendlicher Geduld und Langmut uns sucht, ehe er straft, indem er tausend Rückfälle vergibt und immer bereit ist, neu mit uns anzufangen. Er steht zu dem Wort, das er uns gegeben hat und erlaubt uns, daß wir ihn beim Wort nehmen und nun zu ihm sagen dürfen: »Du führest mich auf rechter Straße um deines Namens willen«, weil du dir selbst nicht untreu, weil du nicht schwankend werden kannst in deinem Erbarmen.

Dies bedeutet es, liebe Gemeinde, in den Bund Gottes mit Israel aufgenommen zu sein. Wir können es in keiner Weise von uns sagen. Es ist nur dadurch wahr, daß Gott selbst es eben wahr­gemacht hat, indem er uns erwählt und um unsretwillen Jesus Chri­stus von den Toten auferweckt hat.

Und nun stehen wir dort, wo der Apostel jenen überschwenglichen Lobpreis Gottes anstimmen kann, nein: anstimmen muß: »O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und Erkenntnis Gottes!« Daran hat der Apostel die Tiefe der Weisheit Gottes er­kannt, daß er an dem Weg Gottes mit Israel, und daß er durch Israel an den Heiden gesehen hat, wie unbeirrbar Gott sein Heilswerk an der Menschheit durchführt. Von da aus sieht er ein helles Licht auf das Dunkel der Völker- und Menschengeschichte fallen. Sie geht nicht herrenlos und gottverlassen dahin, sondern es sind Gottes Wege, die sie laufen muß. Wenn wir nun von diesen Wegen sagen müssen: »Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege«, dann sagen wir das nicht mehr deshalb, weil wir keinen Sinn und kein Ziel darin sehen. Gewiß, der Zuschauer, der all das nur von außen sieht, der sich nicht einfügt in diese Geschich­te Gottes als Glied der Kirche Jesu Christi, der von dieser Langmut Gottes nicht wirklich lebt und sich seinen Gerichten nicht wirklich beugt, der wird hier nichts begreifen. Dem wird auch das Dasein des Volkes Israel nichts anderes sein als ein Anstoß, und er wird nichts anderes darin sehen können als einen Fremdkörper unter den Völ­kern.

Wer aber weiß, daß es in dieser Geschichte um ihn selbst geht, dem wird nur noch das unbegreiflich und ein immer neuer Anstoß zum Staunen sein, daß Gott tatsächlich so unbegreiflich und so unerforschlich barmherzig ist. Und weil er keinen Grund zu diesem Erbarmen findet, am wenigsten bei sich selbst, darum wird er nur immer wieder die grundlose Güte Gottes preisen können, die gerade ihn gesucht und erwählt und gefunden hat, und wird mit dem Apo­stel sagen müssen: »Wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß ihm werde wiedervergolten?«

Gott braucht keinen Ratgeber. Es ist auch nicht zu fürchten, daß jemand es besser wüßte als er. Wir brauchen ihm darum nicht dreinzureden mit unserer Weisheit. Und wenn wir um sein grundloses Erbarmen als den letzten Grund alles Geschehens wissen, dann darf es uns genügen, daß nichts ohne ihn geschehen kann, »denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge«.

Was wir dann noch dazu zu sagen haben, kann wirklich nichts anderes mehr sein, als daß wir einstimmen in den Lobpreis des Apostels und mit ihm anbeten und bekennen: »Ihm sei Ehre in Ewig­keit!«

Gehalten an Sonntag Trinitatis, 16. Juni 1946, in Ebersbach/Fils.

Quelle: Hermann Diem, Predigten aus Ebersbach, Stuttgart: Kohlhammer, 1948, S. 90-99.

Hier der Text als pdf.

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