Peter Dabrock, Nachruf auf Hans Günter Ulrich: „Hans Günter Ulrich wollte immer wissen, wie andere denken. Auch und gerade die Jüngeren. Er wollte nicht nur selbst sagen, was Sache ist. Er wollte verstehen, was in anderen vorgeht, welche Fragen sie bewegen, wo ihre Denkwege verlaufen, wo es hakt, wo etwas drängt. Und weil er das wirklich wollte, konnte er zuhören wie nur wenige. Nicht taktisch. Nicht gönnerhaft. Nicht als pädagogische Geste. Sondern mit echter Aufmerksamkeit, nicht resonant, sondern responsiv.“

Nachruf auf Hans Günter Ulrich

Von Peter Dabrock

Liebe Karin,
liebe Frau Ulrich,
liebe Frau Ulrich-Riedhammer,
liebe Familie Ulrich,

liebe Trauergemeinde, es war der Wunsch von Hans Günter Ulrich, dass wir in der Kirche keine Trauerfeier begehen, sondern einen Gottesdienst feiern. Wir sollten nicht auf ihn, sondern auf „den ewigreichen Gott“ schauen, wenn wir uns heute eben doch zu seinem Gedenken versammeln: also Ihr, liebe Karin, liebe Familie Ulrich, die Ihr sehr eng, ein halbes Jahrhundert oder ein Leben lang engstens verbunden ward und seid, und wir, die wir mit ihm beruflich, akademisch, theologisch oder manche auch in der Freizeit Verbindungen hatten. Natürlich schauen wir heute nicht nur auf den ewigreichen Gott, wir hören auch trotz Osterwoche nicht ohne Schmerz die Botschaft der Auferstehung.

Vielmehr ist und bleibt uns, wenn wir an Hans Ulrich denken, der Karfreitag in den Knochen: das schnelle, zu schnelle Ende trotz des hohen Lebensalters, die nur wenigen Wochen von der Diagnose bis zum Tod: Wie das verkraften?

Auch im Glauben, dessen Verheißung und Trost Hans ein Leben lang nicht müde wurde, in Wissenschaft und Verkündigung zu bezeugen, ist der Tod ein Bruch, ein Stachel.

Wir lassen uns die Botschaft der Auferstehung zusagen, sie ist Hoffnung; dennoch: der Tod, der Tod dieses Menschen, der Tod von Hans Ulrich tut weh.

Es tut verdammt weh, einen lieben Menschen, den Lebensbegleiter über ein halbes Jahrhundert, den Vater, den Schwiegervater und Opa, den Angehörigen, den Freund, den theologischen Lehrer, den akademischen Kollegen lassen zu müssen.

Das muss, das darf, das soll gesagt sein – auch in dieser Osterwoche.

Um so mehr danke ich Dir, liebe Karin, dass Du mir die Gelegenheit gibst, in dieser Runde auf das Wirken von Hans als Theologe und akademischen Kollegen und Lehrer blicken zu dürfen. Ich tue dies als Hans‘ Nachfolger, dem er immerhin die Freude, die Ehre, das Geschenk erwies, 15 Jahre lang kontinuierlich Gesprächspartner in den Oberseminaren des Lehrstuhls Ethik und in verschiedensten Randgesprächen zu sein.

Ich tue dies auch im Namen des Fachbereichs, der Fakultät und des Präsidenten der Friedrich-Alexander-Universität.

Sowohl unser Präsident Joachim Hornegger, der Dir ja auch persönlich geschrieben hatte, als auch heute in seiner Vertretung der Dekan der Philosophischen Fakultät Kay Kirchmann wie der Fachbereichssprecher David du Toit, die ja auch heute beide da sind, haben mich ausdrücklich gebeten, ihrer tiefen Anteilnahme hier Ausdruck zu verleihen, haben aber den Wunsch respektiert, dass hier nicht mehrere Reden für Hans Ulrich gehalten werden sollen, sondern seiner vor allem im Miteinander und im Gespräch gedacht werden soll. Daher will auch ich mich auf Wesentliches beschränken und der Begegnung nicht zu lange entgegenstehen.

Was wird uns, den akademisch, den theologisch Hinterbliebenen, und nur darüber kann und möchte ich sprechen, von Hans Ulrich in Erinnerung bleiben?

Der Hannoveraner Kollege Marco Hofheinz, der ja auch da ist, hat mir gestattet, eine kleine Begebenheit noch aus dem letzten Jahr zu berichten. Marco Hofheinz war mit einer Gruppe Studierender auf einer Tagung, bei der auch Hans anwesend war. Nach dieser Tagung kamen Studierende zu Marco und sagten ihm, sie seien hin- und weggewesen von diesem alten Mann. Gemeint war Hans Günter Ulrich. Und auf die Nachfrage, was sie denn so beeindruckt habe, fiel der Satz: „Stellen Sie sich vor, Herr Hofheinz, der wollte von uns wissen, wie wir denken!“ Marco Hofheinz fährt fort: „Was war geschehen? Hans hatte sich mit ihnen nach der intensiven Gruppenarbeitsphase zum Teil einzeln und zum Teil mit mehreren von ihnen zusammen zu Spaziergängen verabredet. Das müssen sehr intensive Gespräche gewesen sein. Meine Studies waren jedenfalls regelrecht angerührt davon, wie zugewandt Hans ihnen begegnete und wie intensiv er ihnen zuhörte. Sie fühlten sich ganz und gar von ihm ernstgenommen und verstanden. Es gelang ihm so einzigartig unaufdringlich, sie unausweichlich mit der inneren Logik ihrer eigenen Fragen zu konfrontieren.“

In diesem einen Satz „Stellen Sie sich vor, der wollte von uns wissen, wie wir denken!“ liegt erstaunlich viel, auch erstaunlich, dass Studierende den Eindruck haben, dass Lehrende sich wenig für ihre Position interessierten. Aber das ist wohl auch WAHR-zunehmen – aber bleiben wir bei Hans Ulrich: ich kann das so bestätigen aus den vielen, vielen Oberseminar-Sitzungen: Hans Günter Ulrich wollte immer wissen, wie andere denken. Auch und gerade die Jüngeren. Er wollte nicht nur selbst sagen, was Sache ist. Er wollte verstehen, was in anderen vorgeht, welche Fragen sie bewegen, wo ihre Denkwege verlaufen, wo es hakt, wo etwas drängt. Und weil er das wirklich wollte, konnte er zuhören wie nur wenige. Nicht taktisch. Nicht gönnerhaft. Nicht als pädagogische Geste. Sondern mit echter Aufmerksamkeit, nicht resonant, sondern responsiv.

Das war schon eigentümlich: Hans Ulrich hat im Akademischen, im Theologischen Nachdenken und Sprechen, das ihm doch so wichtig war, sich so zurückgenommen, dass mir viele gesagt haben: wir haben so intensiv gesprochen, über ihn selbst weiß ich gar nicht so viel – und doch ist da diese Präsenz, die noch die ganz Jungen in den Bann gezogen hat.

Wo und wie er sich diese sehr spezielle Art seines Theologisierens angeeignet hat, das kann man natürlich nicht auf das eine Schlüsselereignis oder die eine Schlüsselphase zurückführen. Das ist und bleibt spekulativ: Ohne psychologisieren zu wollen, gibt es vermutlich Prägungen aus der Kindheit und Jugend, in der Erfahrungen seines Lebens, die sich – vorsichtig formuliert – fügen zu dem, wie seine Schülerinnen und Schüler seine Theologie charakterisiert haben: auf dem Weg seiend, engagiert, erkundend und erwartungsgespannt, dass noch ganz Neues bevorsteht.

Es fügen sich in diesen Ansatz die Erfahrungen von Verletzlichkeit in den frühen Jahren von Flucht, dem frühen Tod des Vaters, des Aufwachsens in der fremden Heimat Franken, dort aber auch praktische Glaubenserfahrungen, die Erfahrung mit den sehr unterschiedlichen Aufarbeitungsbereitschaften in der Generation seiner Lehrer in Heidelberg und in Göttingen; all das mag sich erklärend fügen, wenn man seine Theologie betrachtet. Da lernt man nicht einfach einen „Aufbruch des Gewissens“ oder einen Weg „out of the darkness“, wie Frank Trentmann in seinem monumentalen Werk prägende Erfahrungen dieser Nachkriegsjahre charakterisiert, sondern vor allem unaufgearbeitete Schuldverstrickung.

Gerade in den Feldern, in denen er über Jahrzehnte engagiert war – in Medizinethik (ich denke an seine jahrzehntelange unermüdliche Arbeit im Klinischen Ethikkomitee, wenn ich Renate Wittern-Sterzel sehe), in der Bioethik (ich denke an die so vielen Gespräche mit Walter Doerfler), in kirchlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen -, zeigte sich diese Grundüberzeugung, mit der Verletzlichkeit, der Endlichkeit und auch Schuld im Leben der Menschen als den berufenen Geschöpfen Gottes zu rechnen. Hans interessierten nicht nur Normen, sondern Menschen in ihren Verstrickungen, Hoffnungen, Grenzen und Zumutungen. Seine Theologie wusste um die Fragilität menschlicher Ordnungen und zugleich um den Trost, die Verheißung und die Unterbrechungskraft des Evangeliums. Viele von uns haben Gesprächskontexte und -erinnerungen, in denen Hans Ulrich diese Erfahrungskonstanten menschlichen Lebens ins Spiel und gegen dogmatische Fixierungen verteidigt, aber doch in Deutungen biblischer Geschichten, Motive oder gottesdienstlicher Praktiken gestellt hat.

Dass dabei auch Denktraditionen jenseits theologischer Grenzen wichtig wurden, gehört zu seinem Profil. Die Sensibilität für gesellschaftliche Verhältnisse, für Macht, für beschädigte Lebensformen und für die Notwendigkeit kritischer Aufmerksamkeit verband ihn durchaus mit Impulsen der Frankfurter Schule. Und auch die Nähe zu Hannah Arendt ist spürbar: ihr Sinn für Natalität und Pluralität, für die Fragilität des Politischen, für die Bedeutung eines Denkens, das die Welt nicht vorschnell mit Systemen zudeckt. Hans Günter Ulrich war aber kein bloßer Schüler dieser Traditionen, so sehr ich immer den Eindruck hatte, wie er auch gerade Hannah Arendts Leben und Werk geradezu ehrfürchtig bewunderte. Aber er stand in einer geistigen Landschaft, in der solche Stimmen – jetzt benutze ich doch mal das Wort – Resonanz erzeugten.

So responsiv, so explorativ, so sokratisch er war, konnte Hans in seinen Texten außerordentlich pointiert sein, zugespitzt, klar, positionsstark. Schriftliche Pointierung, gerade in „Wie Geschöpfe leben“, das mir – ich gestehe in meiner Lesart – mir nochmals neu wichtig wird, und die mündliche Hörbereitschaft widersprechen sich nicht. Sie setzen sich wechselseitig frei. Gerade weil er im Gespräch nicht dominieren musste, konnten seine Texte Profil gewinnen. Diese Spannung fand ich immer faszinierend wie herausfordernd.

Seine akademische Laufbahn erzählt diese innere Weite auf eigene Weise. Es war gar nicht so leicht, das alles zusammenzufinden. Aber dank vor allem Stefan Heuser sind wir dann diesem anregenden Weg etwas auf die Spuren gekommen. In den Seminaren tauchten immer nur beiherspielend, völlig uneitel, sporadisch, wenn es halt passte, Hinweise auf Einflüsse und Begegnungen mit großen Namen auf: aus der Philosophie: Hans Georg Gadamer, Karl Löwith, aus der Theologie: Ernst Wolf, Dietrich Ritschl, Gerhard Sauter, Stanley Hauerwas, aus der Sozialtheorie: Jürgen Habermas, Niklas Luhmann.

Von all diesen und vielen anderen hat er sich in Heidelberg, Göttingen, Bonn und von Erlangen in die Welt hinaus inspirieren lassen, und ist doch nie bloßer Schüler gewesen, hat aber immer wieder selbst viele Schüler, von denen hier viele anwesend sind geprägt – er hat sie geprägt als Lehrer und, ich glaube, das darf man sagen: als akademischer väterlicher Freund. Er war ein theologischer Ethiker und Lehrer von seltener Besonderheit, gerade hier in Deutschland: Einerseits tief verankert in der biblischen Tradition, in der Kirche, in der Liturgie, andererseits offen für Anregungen aus vielfältigen philosophischen und sozialtheoretischen Quellen.

Diese Kombination der Verknüpfung von biblischer Tradition, Kirche und Liturgie zeichnet die theologisch-ethische Schule um Stanley Hauerwas aus, dem sich – und ich glaube, da liegt man nicht falsch – Hans Ulrich am ehesten verbunden fühlte und die den Namen „New Orthodoxy“ erhalten hat. Hans Ulrich war aber alles andere als ein Neoorthodoxer. Dazu war er nicht nur viel zu sehr von der Frankfurter Schule, von Hannah Arendts Denken ohne Geländer, vom Systemsprenger Nietzsche geprägt. Auch theologisch: Jemand, der ein Werk schreibt wie „Wie Geschöpfe leben“, der kann gar nicht an der grundlegenden Gott-Mensch-Differenz vorbei und damit immer auch die Begrenztheit der eigenen Posikon beachten. Das mokviert zum immer wieder neu Hören, zum Hören auf andere, zum Fragen Stellen.

So klebte Hans weder an der Tradition noch lief er theologischen oder philosophischen Moden hinterher. Im Gegenteil: Er war mit Hannah Arendt schon längst im Gespräch, als deren Werkrenaissance noch auf sich warten ließ. Hans Ulrich verstand beides aufeinander zu beziehen: die Erschließung der christlichen Überlieferung und die Trendscout-artige und dennoch gelassene Wahrnehmung der Gegenwartsdeutungen.

Was bleibt also?

Sein Werk bleibt — und in ihm gibt es noch so viel zu entdecken, in seinem Sinne: Hörend, aber nicht engstirnig gehorchend, nachfolgend, nachplappernd.

Seine Fragen bleiben.

Seine Sensibilität für Vulnerabilität bleibt.

Seine Art des Hörens bleibt, seine Art der explorativen Theologie bleibt.

Seine theologische Unruhe bleibt, die gerade im genauen Wahrnehmen auf Hoffnung verwies.

Deshalb ist vielleicht der Auftrag, den Hans Ulrich uns hinterlässt: Nicht einfach seine Thesen, nicht seine Antworten eins zu eins weiterzugeben, sondern sich inspirieren lassen, wie einer, wie Hans andere zum Denken brachte, gerade weil er ihnen zuhörte; wie er pointiert schreiben konnte, weil er sich im Gespräch zurücknehmen konnte; weil er wusste, dass Theologie nur dann lebendig bleibt, wenn sie responsiv, explorativ und vulnerabilitätssensibel ist — antwortbereit auf die Wirklichkeit und entdeckungsbereit für das, was Gott Menschen in ihrer fragilen Welt eröffnet.

Neben der Trauer und dem Schmerz, nicht mehr mit Hans Ulrich persönlich das Gespräch fortführen zu können, bleibt die Dankbarkeit für den klugen Theologen und warmherzigen Menschen: für sein Wirken, für seine Lehre, für seine Freundschaft, für seine responsiven Fragen.

Danke, Hans, Adieu! Mögest Du in Gottes Segen leben – und Euch, liebe Karin, liebe Familie Ulrich alle Kraft.

Gehalten am 8. April 2026 im Trauergottesdienst in der Martin-Luther-Kirche in Erlangen-Büchenbach.

Hier der Text als pdf.

Hinterlasse einen Kommentar