Karl Steinbauer, Die Predigt vor dem Kriegsgericht (1944): „Aus solcher Kriegsnot und diesem Sterbensjammer heraus wäre es, meine ich, doch ange­bracht, wenn wir als Christen das Klagen des Friede­fürsten über Jerusalem ernsthaft zu Her­zen nähmen und bedächten, was zu unserem Frieden diene. Damit nicht auch über uns das Urteil kommt: ‚Nun aber ist’s vor deinen Augen verborgen‘, sondern daß er an uns sein eigentliches Amt ausrichten könnte, unsere Füße zu richten auf den Weg des Friedens, wie es so fein in der lobpreisenden Weissagung des greisen Zacharias verkündigt ist. ‚Er hat uns erlöst aus der Hand unserer Feinde, daß wir ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihm gefällig ist‘. Und darum haben nicht wir mit Vorwürfen und Fragen ihm entgegenzutre­ten, sondern tun gut daran, uns von ihm fragen zu lassen: Was hast du getan für den Frieden? Was hast du gekämpft und gearbei­tet für den Frieden?“

Die Predigt vor dem Kriegsgericht

Von Karl Steinbauer

Es ist ein Zeichen der Erniedrigung und Herablassung Gottes zu uns Menschen, daß er die Botschaft seines Sohnes vor das Gericht der Menschen stellen läßt, so wie der Herr Christus selbst bei seinen Leb­zeiten sich menschlichem Gericht hat stellen müssen. In seinem Volk, in dem seine Krippe stand, wurde er vors Gericht gezerrt und mit Schmach und Schande aus diesem Volk ausgestoßen. Das Volk Israel ist darüber ins Gericht genommen worden von Gott und steht heute noch drinnen, wiewohl Gott dennoch bis zur Stunde mit seiner Verhei­ßung auf Israel wartet.

Es ist eine besondere Verwirrung des Satans, daß in den vergangenen Tagen Menschen glaub­ten, aus Antisemitismus den Juden-König vor ihr Gericht stellen zu müssen, und gleichsam Schulter an Schulter mit den Juden schrien: „Weg mit ihm! Kreuzige ihn!“ Solch gefährliches, ver­wirrtes, blindes Wüten zieht sich in verschiedenen Formen durch die ganze Geschichte Gottes mit der widerspenstigen Menschheit, die wider ihn in der Empörung steht.

*

Einige Tage vor jener folgenschweren Weihnachtspredigt, die mich hernach vor das oberste Kriegsgericht brachte, war ich aus dem Lazarett entlassen worden. Am 18. März 1943 hatte mich in Rußland ein Explosiv­geschoß schwer verwundet. Das Schienbein war vollkommen zerschmet­tert, die Wadenmuskulatur fast völlig herausgerissen und zerfetzt. Wochenlang war mit Amputation zu rechnen. In fünf bis sieben Etappen verschiedenster Lazarette — wie man’s nun zählen will — war ich nach fünf Operationen wieder so weit hergestellt, daß ich am 18. Dezember 1943 zum Ersatztruppenteil entlassen wurde mit einem längeren Weih­nachts­und Genesungsurlaub.

Es wird jedermann verstehen können, daß mein Herz von Dank und Freude übervoll war, als ich nun doch wieder mit beiden Beinen auf der Kanzel stehen konnte und mitten in diesem wahnwitzigen Krieg die Christusbotschaft vom Frieden auf Erden verkündigen durfte. Mein Predigttext war Jes. 9, 5 u. 6: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst, auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhle Davids und in seinem Königreich, daß er’s zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.“

Auf Grund dieser Predigt also wurde ich denunziert. Ende September — also nach dem be­rüchtigten 20. Juli 1944 und darum unter verschärften kriegsgerichtlichen Bestimmungen — hatte ich mich vor dem Zentral­gericht des Heeres in Berlin-Charlottenburg, Witzlebenstraße (!), zu ver­antworten.

Im August wurde ich nichtsahnend aufs Bataillon befohlen. Es war ein Landesschützenba­tail­lon, zu dem ich unterdessen wegen Frontuntaug­lichkeit versetzt worden war. Das Verhalten des ganzen Schreibstuben­personals war sofort auffällig, aber erst hernach verständlich. Nach lan­gem Warten wurde ich ins Chefzimmer gerufen. Der Bataillonsadjutant eröffnete mir, es liege eine Anzeige gegen mich vor. Wer Ähnliches nicht selbst erlebt hat, wird sich kaum vor­stellen können, was in solchen Augenblicken in einem Menschen vorgeht. Wie mit einem Blitzschlag war ich in höchste Alarmbereitschaft und Wachsamkeit gerufen. Nicht in Furcht oder Angst, aber auf alles gefaßt.

In Sekunden suchten meine aufs äußerste gespannten Gedanken alle denkbaren Möglichkeiten ab. Hatte ich am Ende irgendwo in der Eisen­bahn oder Kameraden gegenüber nicht genügend gesichert geredet, was dann zu einer Anzeige geführt hatte? — Ich hatte mich zwar immer be­müht, auch in der Öffentlichkeit nicht unwahrhaftig und hinter vier Wänden in vertrautesten Kreisen nicht lieblos und unverantwortlich zu reden, sondern so, daß ich es mich auch vor letzten Instanzen zu vertreten getraute. Denn das war immer mein Standpunkt: Wirkliche Nöte müssen redlich beim Namen genannt und aufgedeckt werden, aber eben wirklich redlich, d. h. frei öffentlich; und aus der gleichen Verantwortlichkeit mußte auch hinter verschlossenen Tü­ren geredet werden. Sonst würde das achte Gebot vom Afterreden seinen Riegel vorschie­ben müssen.

Der Adjutant eröffnete mir: „Ihre vorjährige Weihnachtspredigt ist Anlaß der vorliegenden Anzeige.“ — Selten habe ich so dankbar und befreit aufgeatmet. „Jetzt ist alles gut!“, dachte ich bei mir. Es war mir die Jahre her immer eine stille Bitte, ich möchte nur um solcher Fra­gen willen von der Gestapo gestellt werden, die im Mittelpunkt der Ver­kündigung der mir aufgetragenen Botschaft von Christus stehen. Etwa wegen politischer Witze — wie es bei einem norddeutschen Pfarrer der Fall war, der mit mir im KZ Sachsenhausen saß — hätte ich nicht dorthin gekommen sein mögen.

Drei Punkte aus der Predigt seien zum Gegenstand der Anzeige ge­macht worden, so wurde mir eröffnet, und die Anklage laute auf „Zer­setzung der Wehrkraft“. Ich wußte nicht, wie die Dinge im einzelnen laufen würden, und hielt es zunächst durchaus für möglich, daß durch meine protokollierten Erklärungen die ganze Anzeige innerhalb des Ba­taillons oder jedenfalls der Division in Ordnung gebracht werden könne. So ging ich ganz beruhigt nach Hause.

Völlig unerwartet erhielt ich eines Tages meine Vorladung vors Zentralgericht des Heeres in Berlin-Charlottenburg, das oberste Kriegs­gericht. Unser Kompaniefeldwebel, ein geborener Berliner, gab mir zit­ternd und bleich wie eine Wand die Vorladung und die Anklageverfü­gung. Damit war klar, daß mein Fall sehr ernst zu beurteilen war. Man brauchte sich darüber nichts vorzumachen: Es ging um Tod und Leben!

Auf besonderes Entgegenkommen meines damaligen Kompaniechefs erhielt ich Sonderurlaub wegen „Gefährdung der Existenz“ — die ein­zige Möglichkeit bei der damaligen absoluten Urlaubssperre. Wenn über­haupt, dann erschien mir diese Bedingung im Vollsinne des Wortes er­füllt. Der gute Hauptmann, ein leutseliger und grundanständiger Öster­reicher, hat dafür übrigens vom Bataillonskommandeur einen gewaltigen Anpfiff bekommen, wie der Landser sagte, weil er einem offenkundigen Vaterlandsverräter noch Sonderurlaub gab. „Dös mocht nix. G’forn san S’ doch!“, schloß er hinterher gelassen seinen kurzen Bericht ab.

Zur Charakterisierung meines alten Hauptmanns und der damaligen Zeit darf ich noch kurz folgendes einschieben. Eines Tages rief mich Hauptmann X auf sein Zimmer: „Feldw. Stein­bauer, ich hätte eine Bitte an Sie. Ich habe beim Reden immer gewisse Hemmungen und gera­dezu so eine Art Lähmungserscheinungen an der Zunge. Sie sind doch berufs­mäßig genötigt, viel zu sprechen, und darum auch geübt und ohne Hem­mungen, nicht wie ich. Ich wollte Sie deshalb bitten, mir die weltanschaulichen Schulungsvorträge abzunehmen, die ich als NSFO (Nationalsoziali­stischer Führungsoffizier) halten soll.“ — „An sich würde ich Ihnen, Herr Hauptmann, sehr gerne diesen Gefallen tun“, begann ich, „aber das hat sachliche Schwierig­keiten. Ich bin Christ, und Sie werden verstehen, daß ich nicht die dem Evangelium zuwider­laufende NS-Weltanschauung lehren kann, sondern sie ablehnen muß.“ Daraufhin erhob sich der alte Haupt­mann von seinem Sessel und kam, indem er mir beide Arme entgegen­streckte, bewegt auf mich zu, legte seine Hände auf meine Schultern und strahlte mich an: „Wie mich das freut, Feldwebel, daß Sie mir das so ehr­lich sagen. Ich denke nämlich genau so wie Sie.“

Heute noch gedenke ich dankbar meines Hauptmanns, der es auf seine persönliche Verant­wortung genommen hat, mich wegen „Gefährdung der Existenz“ auf Urlaub zu schicken. Nur so war es mir möglich, mich vor der Kriegsgerichtsverhandlung noch einmal mit Frau und Kindern zu tref­fen. Außerdem konnte ich Herrn Dr. M., der damals in München als Oberst­leutnant stand, als Verteidiger bitten, wozu er sich mit so wohl­tuender Selbstverständlichkeit bereit erklärte.

Hier darf ich eine scheinbar belanglose, aber doch nicht unwichtige Kleinigkeit berichten. Als ich mich nach Rückkehr aus dem Sonderurlaub zur Fahrt nach Berlin rüsten mußte, habe ich bei mir überlegt: „Wie sollst du nun zum obersten Kriegsgericht fahren?“ — Ich hatte noch meine alte Felduniform, die ich vom ersten Feldzugstag an in Rußland getragen und die auch schon den ganzen Frankreichfeldzug mitgemacht hatte. Am 22. 12. 1939, also schon während des Krieges, war ich ja aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassen und im Januar 1940 schon wieder zur Wehrmacht eingezogen worden.

Ich überlegte mir nun: „Welche Uniform ziehst du an?“ Meine alte Felduniform war so mitge­nommen, daß ein Fabrikant in dem Städtchen, in dem wir damals lagen, ein bewußter, klarer Christ, eines Tages zu mir sagte: „Herr Pfarrer, das geht nicht, daß Sie noch länger mit dieser gerade­zu verboten aussehenden Uniform herumlaufen.“ Ich erklärte ihm, ich hätte mich schon um eine andere bemüht, aber auf der Kammer hätten sie für mich nichts Passendes gehabt, und ich wollte auch wegen der Uniform nichts weiter unternehmen. Da sagte er: „Kommen Sie, bitte, morgen zu mir, ich werde Ihnen von unserem ersten Schneider eine Uni­form bauen lassen.“ Dagegen hatte ich freilich nichts einzuwenden. Er hat mir dann auch geradezu eine Generalsuniform anpassen lassen. Mit diesem guten Stück lief ich am Sonntag herum, und ich war nicht betrübt, daß ich es hatte. Mit dem befreundeten Fabrikanten habe ich in meiner Gala-Uniform noch manchen Gottesdienst gemeinsam besucht. Als ich nun meine Vorladung in Händen hatte, habe ich überlegt: „Was ziehst du nun an? Deine alten Feldklamotten wirst du anziehen und als Front­schwein erscheinen. Sie sollen wissen, mit wem sie’s zu tun haben, und sich schämen!“ Aber ob solcher Gedanken bin ich alsbald über mich selber er­schrocken. Ich habe mich geschämt und mir gesagt: „Du bist auch immer noch ein unverbesserlicher Simpel! Meinst du wirklich, mit solchen albernen Mätzchen deinen Prozeß bestreiten zu kön­nen, in dem’s auf Tod und Leben geht?“ Mich selbst zur Ordnung rufend, habe ich mir gesagt: „So, nun ziehst du gerade die ‚Generalsuniform‘ an.“ Und wie ich meine, hat es sich später herausgestellt, daß dies das Rechte war, auch äußerlich gesehen. Ich erwähne diese scheinba­ren Kleinigkeiten, weil sie nicht ganz unwichtig sind. Durch diese peripheren, völlig abseiti­gen Ge­danken wurde ich gnädig mitten ins Zentrum getrieben. Jetzt wußte ich ganz klar, worauf ich mich allein verlassen konnte bei meiner Fahrt zum Zentralgericht des Heeres.

In Berlin traf ich abends ein und stieg in Charlottenburg aus. Ich kam mir vor wie Jona in Ni­nive. Völlig einsam! Die schwarzen Ruinen standen bedrohlich gegen den nächtlichen Him­mel. Ein bedrückendes, trostloses Bild! Unheimlich einsam war diese zertrümmerte Stadt! Wie im Traum bin ich durch das zerbombte Charlottenburg gelaufen und habe mich zur näch­sten Wehrmachtsstelle durchgefragt. Dort saß ein Feldwebel in der Wache, und ich fragte ihn, wo ich übernachten könnte. Er fragte zurück: „Bist Du noch länger da?“ „Mindestens bis mor­gen“, antwortete ich in etwas hintergründigem Ton. „Dann weiß ich etwas Günstiges für Dich. Fahre wieder zurück und gehe ins Café Vaterland, dort ist die ganze Nacht über Betrieb, und es werden tolle Sachen geboten!“ — „Ja, jetzt weiß ich Bescheid, ich dank Dir schön! Auf Wiedersehen!“ — „Mit U-Bahn Linie soundso bis zu der Straße soundso!“, rief er mir nach.

Ich hatte beides kaum gehört, geschweige denn mir gemerkt. Schlag­artig war mir während seiner begeisterten Empfehlung des „tollen Café Vaterland“ deutlich geworden, wohin ich zu gehen hatte. Ich lief zur nächsten U-Bahn und fuhr nach Dahlem in die Gemeinde von Bruder Martin Niemöller, den ich, ebenso wie die dortige Gemeinde, schon von früher her kannte. Ich stieg aus der Untergrundbahn aus und ging erwar­tungsvoll hinüber zum Dahlemer Gemein­dehaus. Etwas enttäuscht mußte ich feststellen, daß es zu einem Lazarett eingerichtet war. Also weiter zur Annenkirche! Dort suchte ich den Gottesdienstplan nach mir bekannten Pfar­rern durch. Aber nicht ein bekannter Name! Ich wurde immer un­ruhiger. „Na“, dachte ich, „du läufst auch noch zum Pfarrhaus.“ Zögernd ging ich, aus Angst, ich könnte wieder ent­täuscht werden. Die freie Treppe aber bin ich dann wie im Flug hinaufgesprungen, und oben erkannte ich das blitzende Messingschild: Niemöller. Tiefe Freude erfüllte mich: Offenbar wurde hier die Stellung noch gehalten. Ich läutete, und das mir bekannte Mädchen ließ mich freundlich herein: „Fein, daß Sie da sind. Pfarrer M. hat zwar noch Bibelstunde, er wird aber jetzt bald zurück­kommen.“ Das war ein junger Bruder aus Schlesien, der dort während der Kirchenkampfzeit ausgewiesen war und den ich auch schon kannte. Er kam dann heim, und bald war ein kleines Gemeindlein versammelt. Wir haben den bevorstehenden Tag mitein­ander besprochen und miteinander darüber gebetet. Am nächsten Morgen war in der Annen­kirche der alltäg­liche Bittgottesdienst. Es kam regelmäßig eine kleine Gemeinde zusam­men, wobei man reihum die Tageslesung auslegte — alle Tage ein anderes Glied, gleichviel ob Frau oder Mann. Tag für Tag wurde für ihren gefan­genen Pfarrer Fürbitte getan. In diese Gemeinde wurde ich mit hinein­genommen; und getragen und begleitet von ihren Gebeten, bin ich dann zu meiner Kriegsgerichtsverhandlung gegangen. Das war gute Hilfe und Trost. —

Ich muß nun kurz sagen, wie eine Kriegsgerichtsverhandlung vor sich geht und wie ein sol­ches Gericht überhaupt zusammengesetzt ist. Ein Kriegsgericht ist eine Art Schöffengericht. Der Vorsitzende ist ein ordent­licher Berufsrichter in militärischem Rang. In meinem Falle ein Ober­stabsrichter. Erster Beisitzer ist stets ein Offizier, in meinem Fall war’s ein Hauptmann. Der zweite Beisitzer ist immer im Range des Angeklag­ten, in meinem Fall also ein Feldwebel.

Als ich aus der U-Bahn ausstieg, rief plötzlich jemand hinter mir her. Es war der alte, von mir hochgeschätzte Vizepräsident Dr. M. Oft war er mir wie ein väterlicher Freund in den zurück­liegenden Jahren des Kirchenkampfes mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Er stand damals als Oberstleutnant beim Heer und hatte meine Verteidigung übernommen. Daß er, von Mün­chen kommend, nun mit derselben U-Bahn wie ich zur Witzlebenstraße fuhr, war mir ein besonderes Geschenk. (Ich meine, wir sollten auf solche scheinbaren Zufälligkeiten besser achthaben und sie als Führungen erkennen und dankbar annehmen.) Wir konnten noch alles in der nötigen Ruhe und Nüchternheit besprechen. —

Zur festgesetzten Zeit wurde ich aufgerufen und in das Verhandlungs­zimmer geführt. Nach kurzer Zeit kam der Anklagevertreter, der auch ein ordentlicher Kriegsrichter war, setzte sich an seinen Platz, blätterte etwas in den Akten, sah dann auf und fragte: „Ist der Feldwebel Steinbauer schon da?“ Ich streckte mich militärisch lang: „Jawohl, ich bin der Feld­webel Steinbauer.“ — „Was, Sie sind der Feldwebel Steinbauer?“ — „Ja­wohl.“ Er war sichtlich überrascht. Offenbar hatte er gemeint, es müßte ein innerlich und äußerlich verkrüppelter Mensch vor ihm stehen. Nun staunte er mich geradezu an. Meine gutsitzende „Generalsuni­form“ und mein funkelndes EK I hatten ihm offenbar Eindruck gemacht. Und gerade, weil ich mit solchen Mätzchen keinen Eindruck schinden wollte und des­halb nicht als Frontschwein erschienen war, konnte ich mich schlicht und dankbar darüber freuen.

Danach kam der Oberstabsrichter herein, kramte ebenfalls zuerst etwas in Akten, sah dann auf und fragte genau so: „Ist eigentlich der Feldwebel Steinbauer schon da?“ Ich streckte mich wieder lang: „Jawohl, ich bin der Feldwebel Steinbauer.“ Und auch er staunte mich von oben bis unten verwundert an, fast etwas ungläubig. Im übrigen wurde ich, das darf ich gleich vor­weg feststellen, von den Richtern in jeder Beziehung hochanständig behandelt, wenigstens was die äußeren Dinge anlangt.

Mit den auch sonst üblichen Formalitäten wurde die Verhandlung er­öffnet und zunächst folgende Anklageverfügung verlesen:

Gegen den Feldwebel Karl Steinbauer, 4. Kompanie, Landesschützen- Bataillon 319 Bocholt in Westfalen, geboren am 2. 9. 06, wird die An­klage verfügt, weil er hinreichend verdächtigt ist, am 25./26. 12. 1943 in Illenschwang/Mittelfranken und Sinbronn öffentlich den Willen des deutschen Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung zu lähmen gesucht zu haben.

— Verbrechen nach § 5 Abs. 1, Ziffer 1 KSSVO. —
Beweis: Eigene Angaben des Angeklagten.

Sachverhalt:

Der Angeklagte, im Zivilberuf evangelischer Pfarrer in Illenschwang, hielt am 25. 12. 1943 während eines Genesungsurlaubs in seiner Ge­meinde die Festtagspredigt am 1. Weihnachts­tag. Er wiederholte dieselbe Rede am nächsten Tag in der Gemeinde Sinbronn im Austausch mit dem dortigen Ortsgeistlichen, der dafür, wie schon längere Zeit üblich, die Predigt in Illenschwang hielt.

Der Predigt des Angeklagten war das Bibelwort zugrunde gelegt: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst …“ (Der hierauf folgende Vers 6 war in der Anklageverfügung weggelassen aus allzu verständlichen Grün­den: „… auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhle Davids und in seinem Königreich, daß er’s zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.“) In Anlehnung hieran hat der Angeklagte damals u. a. ausgeführt:

„‚Ein Kind ist uns geboren‘, sagt der Bibelspruch. Der Bauer sagt voll Stolz: ‚Unser Bub‘, der Hoferbe. Die Gemeinde sagt voll Stolz: ‚Unser Bürgermeister‘. Denn ein Mann kann einer Stadt ein neues Gesicht geben. Auch bei Staatsmännern ist es so: ‚Unser Hitler‘ sagen wir Deut­schen voll Stolz und Vertrauen. ‚Unser Stalin‘ sagen die Russen; ‚unser Churchill‘ sagen die Engländer. ‚Unser Alexander‘ hieß es im alten Mazedonien. ‚Unser Napoleon‘ hieß es in Frankreich nach der Französi­schen Revolution. Aber alle diese ‚unser‘ vor Menschennamen haben ihre örtlichen und zeitlichen Grenzen. ‚Ein Kind ist uns geboren‘ umfaßt alle Geschich­te und alle Länder. Dieses ‚unser‘ bricht alle Grenzen, Erdteile und Zeiten. ‚Uns ist ein Kind geboren‘, frohlocken wir, die Ge­meinde Christi, und die Herrschaft liegt auf seiner Schulter, gestern, heute und morgen.“

Durch diese Ausführungen wird die zuhörende Kirchengemeinde dar­auf hingewiesen, daß, genau wie wir Deutschen, auch unsere Feinde, die Russen und Engländer, ihre leitenden Staatsmänner voll Stolz „ihren“ Churchill, „ihren“ Stalin nennen. Hierdurch wird in dem Zuhörer der Zweifel geweckt, ob das stolze, gläubige Vertrauen der Deutschen in „unser“ Hitler berechtigt ist, da ja auch die Christen unter den Engländern und Russen mit demselben berechtigten Stolz auf „ihren“ Stalin und „ihren“ Churchill blicken, alle aber gemeinsam frohlocken: „Es ist ein Kind uns geboren.“ Damit entstehen in dem Zuhörer Bedenken, ob der Kampf dieser drei Völker gegeneinander, zumindest der Christen unter ihnen, einen Sinn hat. Und hierdurch wird die Widerstandskraft des ein­zelnen im jetzigen schwersten Kampf des deutschen Volkes um seine völ­kische und politische Existenz geschwächt.

Bei der Erläuterung des Wortes „Friedefürst“ führte der Angeklagte weiter aus, daß er selbst Soldat wäre und im Schützengraben seine Schul­digkeit getan hätte. Er habe aber, wenn er auf den Feind geschossen hätte, innerlich die Bitte ausgesprochen: „Herr, vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigem.“ Durch diese Äußerung werden die Zuhörer in ihrem Willen der wehrhaften Selbstverteidigung geschwächt. Denn es wird ihnen klarge­macht, daß das Töten eines Feindes mit der christlichen Lehre nicht vereinbar und eine Sünde ist und daß nur durch diese Ver­legenheitslösung der Glaube mit der Erfüllung der soldati­schen Pflicht in Einklang zu bringen wäre.

Schließlich führte der Angeklagte aus: Er trage selbst dankbar Kriegs­auszeichnungen (er besitzt u. a. das EK I und II); aber man dürfe diese Auszeichnungen nicht überschätzen. Letzten Endes käme es nicht darauf an, sondern daß der Christ getragen werde von Christus und ihm auf der Schulter liege. Im letzten Gericht sei allein Christi Kreuz beständig, und vor dem Kreuze Christi am Jüngsten Tage würde alles andere „Plunder“. Diese bewußte Gegen­überstellung der Kriegsauszeichnungen mit den Ewigkeitswerten und ihre Bezeichnung als Plunder muß in dem Zuhörer eine Geringschätzung der militärischen Kriegsauszeichnungen hervorrufen und damit auch der militärischen Taten, für die diese Auszeichnungen verliehen wurden. Auch hierdurch wird der Wehrwille des Deutschen nicht gestärkt, sondern geschwächt.

Der Gerichtsherr:                                           Der Untersuchungsführer:
Name                                                              Name
Generalleutnant.                                             Kriegsgerichtsrat.

So weit der Wortlaut der Anklageverfügung. —

Danach wurden die zur Anklage erhobenen schriftlichen Zeugen­aussagen vorgelesen. Die Zeugen waren Bauern unserer Nachbargemeinde. Damit will ich diese Männer nicht treffen. Sie waren durch die Gestapo vernommen worden und haben ihre Aussagen sachlich und wahr gemacht; nur einer nicht so, wie es um seiner selbst willen zu wünschen gewesen wäre. Er war wohl auch der Denunziant. Hierauf wurde das politische Gutachten des Kreisleiters vor­gelesen. In ziemlich kräftigen Farben wurde geschildert, daß ich der in Bayern seit Jahren berüchtigte Pfarrer sei, ein unverbesserlicher und gehässiger Gegner des Dritten Reiches, der, satt­sam bekannt, viermal in Schutzhaft und schließlich im Konzentrations­lager war.

Der Kreisleiter, der dieses Urteil geschrieben hat, hatte mich bis dahin nie gesehen und nicht ein Wort mit mir geredet. Das erste Wort wechsel­ten wir beide, als ich ihm nach dem Zusam­menbruch als Seelsorger im Interniertenlager von Dachau gegenüberstand. Ich werde es nie vergessen, wie dem stattlichen Mann die Gänsehaut bis an den Hals stieg. Ich hatte so behut­sam und brüderlich wie nur möglich mit ihm geredet. Er wurde später erhängt, weil er als mitschuldig erkannt wurde, daß man abgeschos­sene amerikanische Flieger in brutaler Weise umgebracht und im Walde verscharrt hatte. Darüber vermag ich nichts zu sagen. Ich habe jedenfalls gegen den Mann nichts gehabt und bin dankbar dafür, daß er wieder zurückgefun­den hat zu Christus und, wie ich hoffen möchte, im Glauben an den Erlöser den letzten schwe­ren Weg gegangen ist. In der Stadt seiner letzten Tätigkeit wurde er kirchlich beerdigt.

Im Anschluß an das Gutachten des Kreisleiters fragte mich der Ober­stabsrichter, was ich dazu zu sagen hätte. Meine Antwort war: „Das, was der Herr Kreisleiter sagt, ist nicht wahr. Es ist richtig, daß ich viermal in Schutzhaft war und daß ich noch häufiger in Konflikt gekommen bin mit Staats- und Partei-Organen. Ich bin kein gehässiger Gegner des Dritten Reiches und bin es nie gewesen. Ich bin ein Gegner von Unrecht und Un­wahrhaftigkeit. Die Konflikte, in die ich geraten bin, hatten alle ihre klaren, eindeutigen Anlässe, bei denen ich um meines an das Wort Gottes gebundenen Gewissens und um meines Auftrags willen nicht gewagt habe, zu schweigen.“

Der Richter fragte, worum es sich im einzelnen gehandelt habe. Dar­auf führte ich etwa folgendes aus:

Das erstemal bin ich in Konflikt gekommen, als bei der über 99prozentigen Ja-Wahl im März 1936 angeordnet worden war, daß an dem dem Wahlsonntag folgenden Dienstag alle Kirchen­glocken eine halbe Stunde lang zu läuten wären zum Dank für das gewaltige Wahlergebnis. Ich habe das nicht tun können, weil ich wußte, daß es bei dieser Wahl nicht wahr­haftig zuge­gangen, sondern daß das Ergebnis durch Unregelmäßigkeiten und Trug zustande gekommen war. Ich hätte damals zunächst keinen Anlaß gehabt, etwas dazu zu sagen, wenn man mich nicht gefragt hätte. Da man aber durch das geforderte Geläute eine öffentliche Stellungnahme von mir verlangte, durfte ich nicht schweigen, sondern mußte wahrheits­getreu Auskunft geben: Zu solchem Tun kann ich nicht „ja“, sondern muß „nein“ sagen. Man muß verstehen, daß ich nicht nur als Privatmann gefragt gewesen bin, sondern als Pfarrer, der im Amt der Verkündigung steht. Hätte ich läuten lassen, dann hätte ich nicht nur Menschen, sondern Gott gegenüber gelogen. Das vermochte ich nicht. Die Kirchenglocken, so sagte ich, sind dazu da, zu Gottes Wort, zum Wort der Wahrheit und zum Gebet zu rufen, und zu nichts sonst. Ich wurde damals zwar verhaftet, wurde aber nach sechs Tagen wieder bedingungslos entlassen, obwohl auch vor dem zuständigen Amtsrichter die Gründe für die Verweigerung des Geläutes offen und mit den entsprechenden Beweisen zu Protokoll gegeben waren.

Der zweite Konflikt entstand durch ein Plakat des Plakatdienstes des Gebietes Hochland der Hitlerjugend. Meine Frau berichtete mir damals, aus der Stadt heimkommend, am Marktplatz sei ein unerträgliches Plakat der Hitlerjugend angeschlagen, auf dem die Bibel verlästert und verhöhnt werde. Ich ging sofort hin und las folgendes: „Mit Bibellesen? Nein!“ Um es kurz zu machen: Mit Bibellesen rettet man kein Volk. Mit Bibellesen wurde noch keine Schlacht ge­wonnen und kein Acker bestellt … Junge Deutsche haben im Jahre 1914 die Bibel mitsamt der Grammatik in einen Winkel geworfen und das Gewehr gepackt, haben in Flandern nicht mit der Bibel, sondern mit dem Bajonett das Vater­land verteidigt, und das Dritte Reich wurde nicht mit der Bibel, sondern mit Fäusten und mit Blut erkämpft … — Ich habe das Plakat ab­genom­men und allen zuständigen Stellen mündlich bzw. schriftlich mein Han­deln ausführlich begründet:

Meine Konfirmanden, zum großen Teil ehemalige Freidenkerkinder, werden im Konfirman­denunterricht in die Bibel eingeführt und zum Bibellesen angehalten, entsprechend der ein­deutigen Weisung ihres Herrn: „Suchet in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin, und sie ist’s, die von mir zeuget.“ Meine Konfirmanden sind alle in der HJ. Ich werde nicht zusehen, wenn sie durch solchen widerchristlichen Plakatdienst vom Wort Gottes abgezogen und verwirrt werden sollen. Ich weiß, daß der Reichsjugendführer erst vor kurzem erklärt hat, er denke nicht daran, die Jugend der Kirche zu entziehen und vom Christen­glau­ben abspenstig zu machen. Hier geschieht, wie anderwärts, das Gegen­teil von den offiziellen Erklärungen. Solange dieses Doppelspiel getrieben wird, werde ich, wann und wo ich darauf treffe, offen darauf aufmerksam machen. Sollte freilich der Staat offiziell erklären, er lehne die biblische Botschaft ab, dann werde ich solche Plakate nicht mehr abnehmen; dann muß jeder selbst wissen, was er zu tun hat. Solange aber der ver­führerische Zwitterzustand andau­ert, werde ich auftragsgemäß die Ge­meinde ständig zur Wachsamkeit rufen.

Tags darauf kam die Gendarmerie und überbrachte mir die Anzeige und gleichzeitig die Mit­teilung, der Bürgermeister habe sofort 30 Exem­plare des Plakatdienstes bestellt. Ich erklärte, ich würde angeschlagene Plakate sofort wieder abnehmen und meinen Konfirmanden auf keinen Fall solch zerstörende Anschläge vorsetzen lassen. Eins wurde tags darauf angeschla­gen. Ich habe es abgenommen. Ein zweites wurde nicht an­geschlagen. Aber bald darauf wurde mir ein Ausweisungsbefehl aus Bayern überbracht mit gleichzeitigem Rede- und Pre­digtverbot fürs ganze Reichsgebiet. Ich teilte der politischen Polizei mit, ich sei nicht in der Lage, der Ausweisung und dem Predigtverbot Folge zu leisten. Wir leb­ten in einem Rechts­staat, und auch die Gestapo sei daran gebunden. Ich verlangte ein ordentliches Gerichtsverfah­ren, wenn schon solche gewich­tigen Gründe vorliegen sollten, die eine Ausweisung rechtfer­tigten. In­dem ich so handelte, glaubte ich, gerade unserem Staat die Ehre und Würde, aber auch die Verantwortung eines Rechtsstaates geben und erhalten zu helfen.

Am 1. Mai 1937 hatte Dr. Ley in seinem Aufruf die biblische Bot­schaft von der Buße und Gnade lächerlich gemacht. Ich habe daraufhin die Beflaggung der Kirche verweigert, weil ich zu einem Tag, der unter offensichtlicher Verhöhnung der biblischen Botschaft steht, nicht den Ort beflaggen könne, in dem ich auftragsgemäß diese verhöhnte Botschaft zu verkündigen habe. — Die ausführliche Begründung meiner Weigerung, zu läuten und zu flaggen, hatte dann schließlich, in Nachwirkung früherer Konflikte, meine zweite Schutzhaft zur Folge. Mir wurde damals der alsbaldige Prozeß in Aussicht gestellt. Ich wurde vernommen. Der Prozeß wurde nie durchgeführt. Nach einem halben Jahr wurde ich wieder ohne irgendwelche Be­gründung entlassen.

Der Kriegsrichter fragte nach dem Grund meiner Einweisung ins KZ Sachsenhausen. Der Anlaß hierzu, so fuhr ich fort, war eine Predigt, die ich auf Grund des Textes vom Bethlehe­mitischen Kindermord über die seelische Gefährdung der Jugend in der Gegenwart gehalten habe. Ich erzählte in dieser Predigt unter anderem offen, die Landesleiterin des BdM habe alle höheren BdM-Führerinnen ins Hochlandlager gerufen und dort etwa folgendes erklärt: „Es ist notwendig, daß ich in meinem Führerinnenkorps absolute Klarheit habe. Christentum und National­sozialismus verhalten sich wie Feuer und Wasser und sind unvereinbar. Wir verwer­fen nicht nur den politischen Katholizismus, sondern auch den evangelischen Glauben und jegliche Form des Christentums. Deshalb muß ich von jedem eine klare Entscheidung verlan­gen. Freilich dürft ihr davon öffentlich unter keinen Umständen etwas sagen. Das gibt sonst zuviel Unruhe bei den Alten. Die muß man in Ruhe lassen, bis sie sterben. Aber die Jugend muß klar vom Christentum wegerzogen werden. Darum frage ich euch: Wofür entscheidet ihr euch, für den Nationalsozialismus oder fürs Christentum? Wer sich fürs Christentum entschei­det, ist eine Verräterin.“ — Drei bekannten sich als Christen und wurden mit Schimpf und Schande zum Lager hinausgestoßen. — Auf diese gefährlichen, seelenmörderischen Machen­schaften habe ich unter anderem in meiner Predigt in aller Öffentlichkeit redlich aufmerksam gemacht, weil ich, um diese Dinge wissend, die Verantwortung für die Jugend der Gemeinde nicht allein tragen konnte und darum alle, die von Gott als Erzieher der Jugend gesetzt sind, Eltern, Paten, Lehrer, zur Mitverantwortung auf­rief. Es sollte wenigstens niemand sagen können, ich hätte es ihm nicht gesagt.

Acht Tage nach der Predigt, am Sonntag, dem 15. 1. 39, gegen 3 Uhr früh mag es gewesen sein, sind 10 bis 15 angetrunkene SA-Leute ins Pfarrhaus eingedrungen, haben die Haustüre gewaltsam eingeschlagen und die Fenster eingeworfen und mich aus dem Bett geholt. Ich wurde ins Gefängnis gebracht und von dort nach mehreren Wochen ins KZ. —

Als mich der Kriegsrichter noch nach meiner weiteren Schutzhaft fragte, erzählte ich ihm auch den anderen Fall: Ich hatte damals bei einem Freund gepredigt. Nach der Predigt kam ein Lehrer eines Außenortes zu ihm und fragte, ob es wohl möglich sei, mit mir einmal über die bren­nenden Fragen der Gegenwart zu sprechen; denn die Predigt von mir habe ihn sehr beeindruckt. Das Gespräch wurde vereinbart und begann mit folgender Erklärung des Lehrers: „Herr Pfarrer, es ist selbstverständ­lich, daß alles, was wir reden, unter uns bleibt.“ Darauf ich: „Herr N. N., ich meinerseits lege auf solche Abmachungen keinerlei Wert. Ich bin kein Schwätzer und bemühe mich, auch hinter vier Wänden so zu reden, wie ich’s vor letzten Instanzen mich zu vertreten getraue. Sonst würde sich ja der Riegel des achten Gebotes vor­schieben. Was Ihre Person anbelangt, will ich es aber gerne so gehalten haben.“ Acht Tage danach war ich verhaftet. Der Lehrer hatte 19 Punkte des Gespräches, das von nachmittags halb 3 Uhr bis nachts halb 2 Uhr gedauert hatte, zum Gegen­stand einer Anzeige beim Kreis­leiter gemacht. Ich wurde in Schutzhaft genommen. Als mich nach einigen Tagen die Gestapo vernehmen wollte, verweigerte ich die Aussage. Ich erklärte, ich sei jetzt in der Hand der Gestapo. Damit sei ich absolut rechtlos. Ich hätte kein Beschwerderecht. Ich könne keinen Anwalt nehmen. Deshalb sei ich auch nicht in der Lage, mich auch nur mit einer Silbe aktiv an diesem ganzen Geschehen zu be­teiligen. Ich würde sie mit jedem Wort meiner Aussage nur in der Mei­nung bestärken, was hier geschehe, sei Rechtens. In Wirklichkeit sei es aber Un­recht. Ich verlangte, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu wer­den. — Nach Ferngesprächen wurde ich tatsächlich ins zuständige Amts­gericht gebracht. Dort verweigerte ich mit ähnlicher Begründung die Aussage: „Wenn ein deutsches Amtsgericht glaubt, auf Grund solcher De­nunziation ein ordentliches Verfahren eröffnen zu sollen und zu dür­fen, möge es dies tun. Ich bin aber nicht in der Lage, mich daran aktiv zu beteiligen.“ Im weiteren Verlauf hat mich das Amtsgericht aus der Haft entlassen. Die Entlassung wurde durch sofortigen Haftbefehl des Sonder­gerichts nicht wirksam. Aber auch vom Sondergericht wurde ich nach einigen Wochen ohne Prozeß bedingungslos wieder entlassen.

Der Kriegsrichter war nach meinem Bericht sehr erstaunt und wollte nicht glauben, daß ich in den geschilderten Fällen nie ein ordentliches Verfahren gehabt hätte und dementsprechend auch nicht ordentlich ver­urteilt worden wäre. Ich konnte ihm nur erwidern, darüber sei ich auch immer erstaunt gewesen, aber es verhalte sich tatsächlich so: Über mich wurde nie ein rechtsgültiges Urteil gefällt. Ich wurde verschiedentlich ein­gesperrt und völlig undurchsich­tigerweise nach längerer oder kürzerer Frist auch wieder entlassen. Der Richter schüttelte nur den Kopf. —

Dies waren die Vorbesprechungen, die aber von allen Beteiligten mit größter Spannung auf­genommen wurden. Nun ging es zum eigentlichen Gegenstand der Anklage, zur Predigt. Der Oberstabsrichter leitete mit etwa folgenden Worten dazu über: „Meine Herren, der vorliegen­de Fall ist außerordentlich schwierig. Wir haben hier einen Mann vor uns, der einen guten Eindruck macht und der für seine Sache offen und ehrlich steht. Er ist Soldat und hat auch offensichtlich als Soldat seine Pflicht getan, sonst trüge er nicht neben anderen Auszeichnun­gen das EK I. Dennoch“, so fuhr er wörtlich und völlig unlogisch fort, „verlangt die Raison des Staates eine sehr hohe Strafe.“

Also die Erfordernisse des Staates verlangten es. Ob mit Recht oder Unrecht, war freilich eine andere Sache. Es sei denn, man verstand es so: „Recht ist, was dem Volke nützt.“ Nach sol­chem Rechtsdenken war frei­lich alles in Ordnung.

Man konnte allerdings den letzten Satz von der „Raison des Staates“ auch geradezu wie eine Entschuldigung verstehen in dem Sinne: „Merkst du es denn nicht? Wenn es auf uns allein ankäme und wir tun könnten, was wir wollten, wir hätten dich doch nie hierhergerufen, aber wir kön­nen doch nicht anders, wir sind doch gebundene Leute.“ — Das spürte ich deutlich, und das war mir das Erschütternde. Ich dachte mir: O ihr armen Kerle, euch ist allen schon irgendwie das Rückgrat gebrochen.

„Sie haben bisher geantwortet auf das politische Gutachten des Kreis­leiters. Was haben Sie zu sagen zu den drei Punkten aus Ihrer Predigt, die Gegenstand der Anklageverfügung sind?“ So etwa forderte mich der Oberstabsrichter auf, zum eigentlichen Gegenstand der Kriegsgerichts­verhandlung Stellung zu nehmen. Ich stellte meinen Ausführungen etwa folgende grundsätzli­che Bemerkung voraus:

„Wenn ich jetzt über meine Predigt Rechenschaft gebe, so darf ich zu Beginn feststellen: Es ging mir dabei nicht darum, Menschen und mensch­liche Größe oder Gedanken und Ideale kleinzumachen. Es ging mir darum, meinen Herrn und seine frohe Botschaft, sein Reich groß­zumachen. Genau so, wie die Weihnachtsbotschaft es tut, die ich zu verkündigen habe.

Luther redet davon, daß diese Botschaft geschrieben werden müsse mit goldenen Buchstaben, die von der Erde bis zum Himmel reichen, damit kein Mensch sie übersehen kann. Wenn ich mich freilich mühe, den Herrn Christus und die Botschaft von seinem Reich großzumachen, so liegt es in der Natur der Sache, daß Menschen und Menschengröße, Menschenreiche und Menschenworte ihre Maße bekommen. Das will ich, und das kann ich nicht ändern.“

Praktisch hielt ich nun noch einmal meine ganze Predigt. Nur so konnte ich die aus ihrem Zu­sammenhang gelösten drei Anklagepunkte an ihren sachbedingten Ort zurückstellen. Darum ist es durchaus not­wendig, vorher noch einmal die Weihnachtsbotschaft im Gotteswort zu hören: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhle Davids und in sei­nem König­reich, daß er’s zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.“ Diese unerhörte Botschaft hatte ich weiterzusagen. Es muß jedem einleuchten, der auch nur ein wenig geistig zu hören und zu sehen vermag, daß Luther recht damit hat, wenn er sagt, dazu gehörten goldene Buchstaben, die von der Erde bis an den Himmel reichen; denn alles menschliche Reden davon bleibt ein dürftiges, unzureichendes Dran-herum-Buchstabieren. Meine Predigt über diesen Text am Christtag 1943 begann ich etwa fol­gendermaßen (das Originalpredigtkonzept lag übrigens dem Kriegs­gericht vor):

„Schaut, liebe Brüder und Schwestern, vorhin haben wir wieder zu­sammen mit der ganzen Christenheit auf Erden bekannt: ‚Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau, gelitten … gestorben … begraben … am dritten Tage wieder auferstanden … sitzend zur Rech­ten Gottes … von dannen er kommen wird zu richten.‘ — Genau das predigt uns der Prophet. Wissen wir, was wir damit be­kennen? Fürs erste etwas, worüber viele offen lachen und spot­ten, wo­mit die meisten aber nichts anfangen können, weil, wie sie sagen, einem modernen, denkenden Menschen damit Dinge zugemutet werden, die man ihm wirklich nicht mehr zu­muten kann. Gott wird Mensch, der heilige Gott wird Mensch! Dieses Wunder will uns schwer eingehen. Darum ist’s und bleibt’s für viele Torheit. Gehen wir aber im Glauben durch die niedrige Stalltür in Bethlehem hin zu Christus, dann haben wir durch ihn den Zugang zur Gnade des Friedens mit Gott und freuen uns dankbar der Hoffnung der zukünftigen Herrlich­keit, die Gott geben wird (Röm. 5, 1 und 2).

Gott — Mensch: Er wurde in allen Dingen seinen Brüdern gleich! Er ist unser einer gewor­den! Er hatte eine Mutter wie du und ich, Fleisch und Blut wie du und ich. Eine Mutter weiß, was es heißt, sagen zu können: Mein Bub, mein Sohn! Da hängt eigen Fleisch und Blut mit dran. So handfest, echt, wahr und wirklich ist er unser einer geworden! Er ist vom gleichen Menschengeschlecht wie du und ich, und kein Sohn oder Bruder, keine Schwester und kein Blutsfreund ist mir enger verwachsen als dieses Kindlein, das sich nicht schämte, mein Bruder zu heißen (Hebr. 2, 11).

Und Gott ist er! Was gibt das starken, festen Trost! Jetzt ist Gott selber ganz leibhaftig mit der Welt, mit der Menschheit, mit dir und mir sozusagen blutsverwandt geworden, ja, mehr als dies; auf Gedeih und Verderb mit uns zusammengebunden und verkoppelt, eins geworden. Er kann sich von uns nicht mehr trennen, muß uns mit sich in den Himmel ziehen oder mit der Welt zusammen verderben und untergehen, wenn das sein könnte. — ,Er ist in mein Haut, Fleisch, Blut gekommen‘ (Luther), zu uns auf die Welt, in unsere vielfältigen Nöte, in die Not der Ehe­brecherin; zu Zachäus, dem seine gesicherte Position, sein Reichtum zur Not wurde; zu Petrus, den sein Bekennermut in die Not des Bankrottes und der Verleugnung trieb; zu Paulus, der an seiner hohlen Selbst­gerechtigkeit zerbrach und aus der Gerechtigkeit allein aus Gnaden sollte selig werden dürfen; eben zu allen Menschen mit allen ihren Nöten, zu mir und zu dir; denn ,das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns‘. Er nimmt sich ja nicht der Engel an, sondern der leibhaftigen Menschen von Fleisch und Blut, wie du und ich einer bin. Gott­lob! Sein Erlösungswerk spielt sich nicht nur in höheren Sphären und Regionen ab, sondern mitten unter uns anfälligen und angefochtenen Menschenkindern auf dieser armen Erde. In diesem Sinne verkündigt uns auch der Hebräerbrief die Weihnachtsbotschaft: ‚Nachdem nun die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er dessen gleichermaßen teilhaftig geworden, auf daß er durch den Tod die Macht nehme dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist dem Teufel, und erlöset die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mußten; denn er nimmt sich ja nicht der Engel an, sondern des Samens Abrahams nimmt er sich an. Daher mußte er in allen Dingen seinen Brü­dern gleich werden, auf daß er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu versöhnen die Sünden des Volkes. Denn worin er gelitten hat und versucht ist, kann er helfen denen, die versucht werden‘ (Hebr. 2, 14-18).

Darum feiern wir Christfest, daß wir dieser Freundschaft, dieser Bluts­bruderschaft, dieser Gemeinschaft und Verwandtschaft, die Gott mit uns haben will und die wir mit ihm haben sollen und dürfen, uns von Herzen freuen und getrosten. Alles, was Gottes ist, soll durch das Kind in der Krippe unser werden. Er, der uns seinen Sohn gibt, überläßt uns nicht mehr uns selbst und läßt uns nicht mehr allein als verlorene Söhne, er gibt uns sich selbst mit allem, was er ist und hat: seine Gerechtigkeit, seinen Frieden, seine Freude, seine Ehre, sein Heil und Leben, seinen Himmel, seine Seligkeit, sein Leben, ewiges Leben.

Und dieses unerhörte Angebot, die Freudenbotschaft, sollten wir nicht hören, nicht zur Kennt­nis nehmen? Darauf hin, da hinein sind wir getauft. Die Erbschaft Gottes ist uns damit testa­mentarisch durch Blut und Siegel zugeschrieben. Es ist ja einfach nicht zu fassen, wie einer das alles überhören und übersehen kann! Aber freilich, sie hören’s und hören’s nicht! Sie sehen’s und sehen’s doch nicht, sagt die Schrift an mehr als einer Stelle. Und nicht wenige sind nicht nur träge und gleichgültig, sondern höhnen und spotten. Aber durch solch törichten Spott wollen wir uns nun wirk­lich nicht scheu machen lassen, sondern wollen frank und frei und fröh­lich und gewiß unser werbendes Zeugnis dawiderstellen. Wir brauchen uns wahrlich nicht zu genieren und zu schämen, und wir tun’s auch nicht; mit dem Blindgeborenen beken­nen wir dankbar: ‚Eines weiß ich wohl, daß ich blind war und bin nun sehend geworden‘ (Joh. 9, 25). Denn ‚das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt einen neuen Schein, es leucht’ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht! Kyrieleis!‘

Es gibt eine alte Tierfabel: Der König der Tiere, der Löwe, lädt alle Tiere zu einer mit allen Köstlichkeiten gefüllten Tafel. Da kommt das Schwein hereingetrottet, wirft den Rüssel hoch und grunzt: ‚Ist denn auch Kleie da?‘ — So ähnlich sagt auch wohl der und jener: ‚A Moß Bier, a Schachtl Zigaretten ist mir lieber als so a G’schmarr.‘ Ein mehr Gebil­deter sagt: ‚Von einem guten Film oder einem guten Theaterstück habe ich mehr als von einer Predigt.‘ Sie können mit der Freudenbotschaft Christi so wenig anfangen wie das Schwein mit den erlesen­sten Köstlich­keiten. Ein Schwein verlangt Schweinefutter. Und so verkaufen sie ihr Erstge­burtsrecht um einen Teller Linsen wie Esau; mit Kino, Tanzver­gnügen, Theater und Musik, mit Philosophie oder anderen Dingen; ver­schleudern und mißachten die hohe Ehre der Got­teskindschaft, zu der sie durch die Geburt dessen, der sich nicht schämt, uns Brüder zu heißen, berufen sind.

Vor solcher Torheit will uns der Prophet bewahren, will unser Aug und Ohr schärfen, daß wir das Kind richtig anschauen, es gleichsam mit Glaubensaugen durchschauen, und daß wir recht hinhorchen mit Glaubens­ohren auf seine Botschaft und sie in Herz und Gewissen fassen.

Wohl, da liegt ein Kind im Barren (in der Krippe), ein Kind mit Armen und Beinen, mit Leib und Kopf, mit Augen und Ohren, genau wie jedes andere Kind. Also, wenn du dieses Kind im Barren anschaust, dann sehen deine Augen ein gewöhnliches Menschenkind; aber solche Kuhaugen — sagt Luther einmal — tue zu und tue die geistlichen Augen auf, die auf das Wort sehen; so wirst du finden, daß dieser Menschensohn Gottes Sohn ist; denn da steht das Wort: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst — große Herrschaft, Frieden ohne Ende, Gericht und Gerechtigkeit, Königreich bis in Ewigkeit.

‚Nun Er liegt in seiner Krippen, ruft zu sich mich und dich!‘ Darum, wenn du hörst: Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, so mach die drei Buchstaben ‚uns‘ so groß als Him­mel und Erden (Luther).“

Dieser ganze erste Teil meiner Predigt, so schaltete ich nun ein, ist Voraussetzung für die wei­tere Auslegung des Textes, in der ich das „uns“ der Geburt Christi großmachen wollte und die Gemeinde in ihrer tatsächlichen gegenwärtigen Lage, in ihrer Anfälligkeit und Anfechtung, in ihren Irrungen und Wirrungen aufzusuchen bemüht war. Ich darf des­halb bitten, diesen gan­zen ersten Teil meiner Predigt im Auge behalten zu wollen, wenn ich nun zu dem ersten in der Anklageschrift beanstan­deten Abschnitt meiner Predigt komme. Ich führte darin etwa folgen­des aus:

„‚Uns ist ein Kind geboren.‘ Denken wir uns einmal in zwei jung­verheiratete Bauersleute hinein, die auf ihr erstes Kind warten mit Freude und doch einigem Bangen. Und dann kommt es und ist da, gesund und munter. ‚Unser Bub‘, ‚unser Bauer‘, ‚unser Hoferbe‘, so mag’s dann heißen, und in dieses ‚unser Bub‘ legen die jungen Eltern alles hinein, all ihre Freude und ih­ren Stolz und Dank und Hoffnung und Zukunfts­pläne. Und der Bub wächst heran zur Freude der Eltern, gesund an Leib und Seele. Und dann kommt der Krieg. ‚Unser Bub‘ ist Soldat. Wie ist nun das ‚unser‘ umwittert von Sorge und Bangen. Und dann fällt er. Dann ist das ‚un­ser‘ tot, tot mit all dem, was die Eltern je drein bergen wollten an Freude und Zukunft, wenn sie nicht noch eine andere Hoffnung haben im Glauben an das Königreich des Friedefürsten, das er zurichtet und stärkt von nun an bis in Ewigkeit.

‚Unser Bürgermeister‘ kann es voll Freude heißen in einem Dorf oder einer Stadt, und voll Stolz vergleicht man mit anderen Dörfern und Städten. Ein Mann kann einer Stadt ein neues Gesicht geben, und voll Neid und Bewunderung schauen andere Städte auf ihn, weil er nicht der Ihrige ist und sie darum eben nicht sagen können: ‚unser‘ Bürger­meister.

So auch bei Staatsmännern. Was kann ein Staatsmann bedeuten für die Geschichte eines Landes. ‚Unser Hitler‘ sagen Millionen von Deut­schen. Was schließt dieses ‚unser‘ alles ein an Stolz und Vertrauen, an Wünschen und Plänen, an Glaube und Hoffnung für die Zukunft Deutschlands. — ‚Unser Stalin‘ sagen die Russen, ‚unser Churchill‘“ die Engländer, ‚unser Roosevelt‘ die Amerikaner. — ‚Unser Alexan­der‘ hieß es im alten mazedonischen Reich. Was hat dieser eine Name für die Mazedonier bedeutet. Er hat das kleine Völklein aus seiner Be­deutungslosigkeit herausgerissen und für einige Zeit zur Mitte der da­maligen Zeit und Welt gemacht. ‚Unser Alexander‘, dabei schlug das Herz jedes Mazedoniers höher, das erfüllte ihn mit Stolz, Kraft, Hoff­nung, Zuversicht. Was wißt ihr heute von Alexander, ob er schon ,der Große“ hieß? Kaum den Namen. Jedenfalls jubelt nicht euer Herz dabei auf. Der Name läßt euch kalt. Die Geschichte ist über ihn hinweggegan­gen, obwohl er einmal die halbe Welt im Bann hielt. — ‚Unser Napo­leon!‘ Welchen Klang hatte dieser Name für jeden Franzosen, und wie zit­terte und bangte, wie hoffte und jubelte ganz Europa vor 130 Jahren!

Und heute? All diese ‚unser‘ vor Menschennamen werden getragen von Menschen und sind gefüllt mit menschlichen Wünschen und Sehnsüchten. Darum haben diese ‚unser‘ vor Men­schennamen auch notwendig ihre örtlichen, zeitlichen, geschichtlichen, auch geistigen Gren­zen.

Uns ist ein Kind geboren.‘ Diese Botschaft kennt keine zeitlichen und gebietsmäßigen Ein­schränkungen und behält ihre geistig-geistliche Kraft und Macht. Napoleon hat das selber am Ende seines Lebens dem General Bertraud gegenüber demütig bekannt: ‚Ich kenne die Men­schen und sage Ihnen, Jesus Christus ist kein Mensch. Er steht einzig und allein da. Alexan­der, Cäsar, Karl der Große und ich haben Weltreiche gegrün­det. Worauf? Auf Gewalt! Jesus allein hat sein Reich auf Liebe gegrün­det, und zu dieser Stunde noch würden Millionen von Menschen für ihn sterben. Wie? Ich sollte nicht daran glauben, wenn ich bedenke, welche Mittel ich hatte, mein Reich zu gründen und zu erhalten, und dagegen diejenigen betrachte, welche Christus besaß, der nur einige Fischer und Handwerker zur Aufrichtung seines Rei­ches hatte. Mein Reich ist in Trümmer gegangen, dagegen das Reich Christi steht seit 1800 Jahren und breitet sich immer weiter aus …‘ Verstehen wir jetzt schon von daher D. Martin Luther ein wenig besser, wenn er sagt, man müsse das ‚uns ist ein Kind geboren‘ groß schrei­ben mit goldenen Lettern bis an den Himmel?

Ja, uns ist ein Kind geboren, uns nicht anders als denen damals, die zu des Propheten Zeiten sich im Glauben nach diesem Kind ausstreckten und es sich zu eigen machten. Dieses ‚uns‘ umfaßt und um­spannt alle Geschichte, Länder und Zeiten. ‚Ein König ewiglich, ein König­reich ohn Ende!‘ Dieses ‚uns‘ bleibt und steht so gewiß und fest, wie das ‚Unser Vater, der du bist im Himmel‘ steht und bleibt. Das ‚uns‘ hier bricht alle Grenzen, Dorfgemarkungen, Stadt­bezirke, Landes-, Reichs­und Erdteilsgrenzen nieder und umspannt alle Zeiten und die Ewig­keit.

Unser‘ Heiland frohlockten die Hirten, ‚unser‘ König rühmen die Weisen aus dem Morgen­land, ‚unser‘ Herr und ‚unser‘ Gott be­kennen Petrus und Paulus, ‚uns‘ geboren, jubiliert Luther in seinen Weihnachtsliedern, ‚uns‘ geschenkt, läuft der Jubel weiter unter den Ge­meinden in Afrika und Asien, Indien, China, Japan, Australien, Amerika und ganz Europa. ‚Uns‘ ist ein Kind geboren, frohlocken wir, die Ge­meinde Christi in deutschen Landen, und du und ich und unsere Kinder schon frohlocken mit. Aber keiner darf in diesen Jubel einstim­men als nur der Glaube! Der Unglaube muß über seinen Spott und Hohn dies selige ‚uns‘ ver­lieren, er freut sich seiner Spötter-Klugheit und wird dieser traurigen, tödlichen Freude über­las­sen.

Aber uns ist ein Kind geboren! ‚Darum lauft herzu im Glauben und füllet den Sack!‘ (Luther). Denn die Herrschaft liegt auf seiner Schulter — gestern — heute — morgen — von nun an bis in Ewigkeit! Und wenn es um Leben und Seligkeit, um ewiges Leben geht, da muß das ‚unser‘ über Zeit und Raum sich spannen, eben Reichweite und Gültigkeit haben bis ins ewige Leben! Sonst könnte auch an Soldatengräbern keiner mehr wahrhaftig sagen — so, daß es wirklich Sinn hat, sagen: Bleib du im ewgen Leben mein guter Kamerad!“

Nach einigem Hin und Her wurde schließlich dieser Punkt der Anklage fallen gelassen und dem tatsächlichen Zusammenhang der Predigt entsprechend zunächst der dritte Anklagepunkt behandelt, wonach ich die Kriegsauszeichnungen als „Plunder“ bezeichnet haben sollte. Es wurde festgestellt, der fragliche Ausdruck stehe, nicht im vorliegenden Predigtkonzept und sein Gebrauch werde auch nur von einem Zeugen behauptet. Gefragt, ob ich dieses Wort tatsächlich gebraucht hätte oder nicht, mußte ich erklären, daran könne ich mich zwar nicht genau ent­sinnen, ich hielte es aber nicht für völlig ausgeschlossen und in der Sache nicht für unmöglich. Wenn ich aber schon den Ausdruck gebraucht hätte, wäre es in einem ganz be­stimmten, eindeutigen Zusammenhang ge­schehen. — Aufgefordert, diesen Zusammenhang darzutun, führte ich weiter aus:

„‚Die Herrschaft ist auf seiner Schulter.‘ Wer das malen wollte, der müßte den guten Hirten malen mit dem Schäflein auf der Schulter. Das ist auch die kürzeste, verständlichste und richtigste Auslegung dieses Wortes. Das ist ein tröstliches Bild, und wir können den Inhalt unseres ganzen Christenglaubens nicht kindlicher und doch auch nicht tiefer darstellen als damit, daß Christus als der gute Hirte das Schäflein, das verlorene und wiedergefundene Schäflein, zu seiner von ihm betreuten Herde zurückträgt. Wir wissen gut, daß viele darüber spotten und wissen wollen, das sei wider die Ehre eines deutschen Man­nes oder gar eines deutschen Soldaten! Wie könne sich nur ein richtiges Mannsbild oder gar ein richtiger Soldat ein Schäflein nennen lassen, das getragen werden muß.

Ich rechne mich auch ein wenig zu den Mannsbildern, bin gesund ge­wachsen und habe einen ganz passablen Brustumfang und danke Gott dafür. Zudem bin ich auch ein wenig Soldat, tra­ge soldatische Auszeich­nungen und trage sie ganz dankbar. Aber wenn es darauf ankäme, daß man mir dies verächtlich machen möchte, ein verlorenes und wieder­gefundenes Schäflein auf der Schulter meines guten Hirten zu sein, dann würde ich keinen Augenblick zögern, zu sa­gen: Alles, was diese Welt zu bieten vermag an Auszeichnungen, Ämtern, Reichtum, Ehre usw., ist wertloser Plunder gegen die Tatsache, daß der Herr mich verlorenen und verdamm­ten Menschen erlöset hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen teueren Blut und mit seinem unschul­digen Leiden und Sterben, auf daß ich sein eigen sei und in seinem Reiche unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden von den Toten, lebet und regieret in Ewigkeit. Das ist gewißlich wahr! Welch größere Ehre kann einem Men­schen denn widerfahren?! Lassen wir uns diese Botschaft, die tragfähig bleibt im Leben und im Tod, nicht madig machen, von niemandem! Sie mögen reden und spotten, was sie wollen, ich jedenfalls möchte es frei und dankbar bezeugt haben: Ich will und kann nicht hinauskommen über das kleine schlichte Verslein, das ich schon als kleines Kind gelernt, ge­betet und verstanden habe und an dem ich als Mann und Vater auch nicht auslerne, wenn ich es zusammen mit meinen Kindern singe und bete:

Weil ich Jesu Schäflein bin,
freu ich mich nur immerhin
über meinen guten Hirten,
der mich wohl weiß zu bewirten,
der mich liebet, der mich kennt
und bei meinem Namen nennt.

Ich jedenfalls brauche diesen guten Hirten. Ihr wißt, ich darf heute zum erstenmal wieder auf der Kanzel stehen mit meinem zerschossenen Bein. Mitte März lag ich in stockfinstrer Nacht völlig hilflos und todeinsam mit dem zerschmetterten Bein im Schnee Rußlands. Da hab ich das Vers- lein noch anders und tiefer verstanden als sonst: ‚Der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt.‘ Wenn man so ganz hilflos daliegt, daß es wortwörtlich gilt: ‚Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt‘, dann läßt man sich gerne tragen und ist froh und dankbar dafür. Meine Kameraden haben mich damals aus dem Feuer zurückgeschleppt, und ich mußte damit rechnen, daß ich in der nächsten Viertelstunde ver­blutet war. In solchen Minuten erkennt man neu, was das für seliger Trost ist, wenn man für den allerletzten Augen­blick sich auf den ver­lassen darf, der einem auch in der Todeseinsamkeit beisteht und auf sei­nen Schultern dorthin tragen will, wohin uns kein Mensch mehr begleiten und tragen kann. Da ist man empfänglich und herzlich dankbar für das schlichte Kinderverslein, das echte Hilfe und Trost birgt, auch für einen sterbenden Soldaten mitten in den Schneefeldern Rußlands:

Sollt ich denn nicht fröhlich sein,
ich beglücktes Schäfelein,
denn nach diesen schönen Tagen
werd ich endlich heimgetragen
in des Hirten Arm und Schoß.
Amen, ja, mein Glück ist groß.

Das ist die gleiche köstliche Botschaft wie im Hiob-Buch: ‚Ich will euch tragen bis ins Alter und bis ihr grau werdet. Ich will heben und tragen und erretten.‘

Die Herrschaft ist auf seiner Schulter. Da geht es ganz anders zu als sonst in der Welt. Alle Menschenherrschaften, Reiche oder Ideen brauchen Träger, und von den Trägern der Idee hängt ihr Bestand ab. Wer aber die biblische Geschichte auch nur ein klein wenig kennt, weiß: Die Jünger waren wirklich nicht fähig, das Reich Gottes auf ihren schwachen Schultern zu tragen. Verkrochen, versteckt haben sie sich. Nicht Träger einer christlichen Idee waren sie, sondern Getragene ihres auferstandenen Herrn Christus! Das weiß die rechte Chri­stengemein­de: Wir sind nicht Träger — wie könnte Gott auf solch schmale, schwache Menschenschul­tern sein Reich legen —, wir sind Ge­tragene! Wer ihm auf der Schulter liegt, der ist Christ! Was ist das für eine feine, beruhigende, tröstliche Botschaft! Der gute Hirte trägt uns, trägt uns mit all unserer Not, Schwachheit und Schuld. .Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“, daß wir uns eben nimmer mit unserer Not, mit Schuld und Schmerzen und täglichen Sorgen Leibes und der Seele abschleppen und wundreiben und schließlich zu Tode tragen müssen: ‚Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!‘ Komm und siehe es und erfahre es, ‚wir haben keinen gemalten Christus‘ (Luther). ‚Her auf meine Schultern‘, ruft er uns zu, die wir mühselig und beladen sind, ‚ich will euch aus dem Schlachtfeld der Welt vor Gott tragen ins ewige Leben‘, wie Kameraden einen Verwundeten aus der Feuerzone schleppen, nur noch viel, viel tiefer gefaßt.

Und er heißt ‚Wunderbar‘. Ja, das wundert die Welt, wie wunderbarlich er seine Herrschaft übt. Die Wunderweise seiner Herrschaft be­ginnt im Stall und in der Krippe: An den Rand geschoben, in die Ecke gedrückt und gedrängt, kommt das Zentrum, der Mittelpunkt der Welt, auf die Erde; und die Dornenkrone — die Hohn- und Spottkrone des Teufels, der Sein König­tum in Spott und Hohn, im Speichel glaubte er­sticken zu können — ist seitdem seine Wun­derkrone geblieben, und jede Goldkrone mit allen Edelsteinen und Rubinen ist Plunder gegen die mit seinem Blut und Schweiß geschmückte Dornenkrone[1]. Als die rohen Soldaten, die am Spotten und Plagen ihre traurige Freude hatten, ihm nach seiner Auspeitschung die Dornen­krone in die Stirn gepreßt und ihm einen roten Fetzen als Königsmantel umgeworfen und das Schilfrohr als Herrscherstab in die Hand gegeben hatten, hat er doch das Zepter geführt über alle ohnmächtige Gewaltherrschaft des Fürsten dieser Welt. Auch in der größten Erniedrigung ist Gott höher als alle Größe, und in der beschämendsten Entmächtigung strahlt rein seine göttliche Vollmacht. Seine Kreuzigung, die die endgültige, völlige Zerschlagung seines Königs­anspruches sein sollte, ist seine wunderbare Vollendung geworden.

Vom Kreuz rufst du: Es ist vollbracht!
Das Kreuz hast du zum Sieg gemacht,
durchs Kreuz den Satan umgebracht!
Halleluja!

Eh du mich unters Kreuz gebracht,
hab ich dein Freudenwort veracht’t,
im Kreuz hast mir den Himmel bracht!
Halleluja!

Weil Christi Kreuz all Trauern frißt,
sein Kreuz obsiegt in Finsternis.
Tor, der im Kreuz nicht fröhlich ist!
Halleluja!

Da du durchs Kreuz die Freud uns bracht,
hast du dein Meisterstück gemacht!
Dem Freudenmeister dankend lacht!
Halleluja!

Wunderbar‘: Aus lauter Getragenen besteht seine Gefolgschaft! Und doch und gerade des­wegen steht sein Reich! Wir haben es vorhin wieder bekannt im Dritten Artikel unseres christ­lichen Glaubens: Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige, allgemeine, christliche Kir­che, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden. Welch wunderliche Heilige, die alle ihre Heiligkeit der Vergebung dan­ken! Aber es ist die Vergebung dessen, der ‚Wunder­bar‘ heißt und aus Sündern Gotteskinder macht. ‚Denn er hat uns geliebt und gewaschen von den Sünden mit seinem Blut und hat uns zu Königen und Priestern gemacht vor Gott!!‘ (Off. 1, 5 f.). Könige, Priester von Gottes Gnaden, du und ich. Ihre Majestät, die Meyers Martha von Weichenholz. Seine Majestät der Pfarrer Steinbauer von Illenschwang. So darf jeder von uns, wie wir hier zum Christfest beisammensitzen, vor seinen Namen die von ihm geschenkte Majestät setzen, so wahr wir auf seinen Namen getauft sind und Erben sind seines Reiches! Sind wir nicht überreich beschenkt mitten in dem notvollen Kriegsweihnachten 1943, wo die Gabentische kärglicher sind als sonst im Frieden? Was aber hülfen alle Geschenke ohne das Geschenk seiner Gnade, ohne das Sakrament der heiligen Taufe, ohne das Sakrament des Altars, ohne sein rettendes Wort: ‚Gekrönt mit Gnade und Barmherzigkeit.‘

Wohl, er geht vor der Welt niedrig und verachtet daher, und doch werden vor ihm sich aller derer Knie beugen müssen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind! Wohl, er ist arm nach Menschen­weise, findet kaum Raum in der Herberge, hat nicht, da er sein Haupt hinlegt, aber er ist der einzige, der wirklich reich macht! Wohl, er ist wehrlos gegen einen rohen Soldaten, gegen den kleinen, aufgeblasenen römischen Statthalter, aber er bleibt und erweist sich dabei als der wun­derbare Dennoch-König, dem kein König gleicht.

Genau so geht es seiner Gemeinde und Kirche. Immer wieder einmal kommt sie in große Not und Bedrängnis, und es könnte scheinen, sie sei am Ende und müsse vergehen, es bedürfe nur noch eines kleinen Stoßes, dann zerfalle sie — und doch bleibt sie unüberwindlich und steht fest trotz aller Anfechtungen. Kommen wir als seine Gemeinde in Bedräng­nis und trifft uns der Haß der Widerchristen, berät er uns durch sein Wort: ‚Sollte die Welt das Ihre hassen? Sie haben mich gehaßt, weil ich in der Welt bin — und der Jünger ist nicht über seinen Herrn und Mei­ster.‘ ‚Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen.‘ Darum achten wir die Verachtung und Schmä­hung gering und halten’s mit dem Be­kenntnis des Apostels Paulus: ‚Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.‘ Der Kraft-Held steht dahinter, der bei äußerer Schwachheit und Wehrlosigkeit doch mit großer Vollmacht, Kraft und Gewalt seine Herrschaft ausübt. Das wird deutlich, als dort in Gethsemane Petrus sein Schwert zieht und der Herr es ihn einstecken heißt. Gerade als wollte er sagen: Meinst du wirklich, daß meine Sache und Gottes Reich es nötig hätten, ver­teidigt zu werden, verteidigt zu werden womöglich mit Prügeln und Zaunlatten, oder auch mit Panzern und Flugzeugen? Wie können Christen so töricht und ungläubig sein, zu meinen, sie seien be­fähigt und berufen, Gottes Reich mit ihrer Arme und ihres Geistes Kraft verteidigen zu sollen. Der Herr bezeugt das Reich Gottes, er vertei­digt es nicht, obgleich ihm Legionen von Engeln zur Verfügung ständen.

So haben auch wir Christen sein Reich nicht zu verteidigen, sondern nur zu bezeugen. Mit der Macht seines Zeugnisses und Heiligen Geistes bereitet er sein Reich auch und macht sich Ge­waltige zum Raub, so wie dort auf der Straße nach Damaskus den schnaubenden und toben­den und mordenden Saulus. Er ist ‚der rechte Siegmann, der dem Teufel in seinem Reich so viele Leute absieget …‘ (Luther).

Ihr habt wohl auch davon gehört oder auch darüber gelesen, daß Stalin der Kirche in Rußland wieder irgendwie Raum und Freiheit gegeben und in Moskau wieder einen Metropoliten als Oberhaupt der Kirche ein­gesetzt hat. Wir haben allen Grund, das nicht überzubewerten und uns dabei vorzusehen, inwieweit solchen Maßnahmen und deren Begründun­gen wirklich zu trauen ist; denn wir wissen zu gut, wie Stalin die Ge­meinde mit ihren Hirten geplagt und drangsaliert hat, und wer weiß, ob es von ihm nicht nur Propaganda-Schachzüge sind. Und doch, trotz alle­dem steht fest, er muß eben doch das Gewicht der Kirche Jesu Christi respek­tieren, ja, er muß letztlich, ob er will oder nicht; denn Gott ist der Kraft-Held, und die Herr­schaft ist auf seiner Schulter, und es erfüllen sich in solchem Geschehen auch jahrelang anhal­tende Gebete. ‚Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, die Pforten der Hölle sollen dich nicht überwältigen; denn mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel wie auf Erden‘, so trö­stet der Herr seine Gemeinde beim Scheiden von der Erde.

Meint ihr, das steht alles nur auf dem Papier? Wir wissen, er übt sein Regiment mit Macht, mit und wider Menschen, baut sein Reich mit und wider Menschen. Und noch so kluge, auch diplomatische Schachzüge der Gewaltigen ändern doch daran nichts: ‚Die Feind sind all in deiner Hand, dazu all ihr Gedanken; ihr Anschläg sind dir wohlbekannt: Hilf nur, daß wir nicht wanken.“ Und so geschieht es, daß Stalin, der Christus ablehnt und seine Gemeinde verfolgt, dennoch in seinen politischen Entschei­dungen und Maßnahmen mit ihm rechnen und auf seine Weise bekennen muß: ‚Die Herrschaft ist auf seiner Schulter. Und er heißt: Wunder­bar, Rat, Kraft-He1d.‘

Ewig-Vater heißt er und will es sein und bleiben gegenüber den Seinen, sooft sie ihn mit dem einigen Sohn anrufen wie die lieben Kind­lein ihren lieben Vater im Himmel. ‚Christus will in Ewigkeit Vater sein, kein Recht wider dich brauchen, sondern dich kindlich halten‘, d. h. dich behandeln wie ein lieber Vater seine lieben Kinder (Luther). ‚Er will sich über dich erbarmen, wie sich ein Vater über Kinder erbarmt‘, und das nicht auf eine Stunde oder auf einen Tag, ewiglich will er’s tun, der Ewig-Vater.“

*

Ich habe hier nun ein klein wenig mehr niedergeschrieben, als ich damals in jener Kriegsge­richtsverhandlung, die Predigt wiederholend, bezeugt habe, aber nicht über das hinaus, was als Predigtkonzept dem obersten Kriegsgericht vorlag und der Gesamtbeurteilung dieses — ur­sprünglich dritten und als zweiten vorweggenommenen — Anklage­punktes dienen mußte. In Anbetracht der Tatsache, daß der Ausdruck „Plunder“ im Predigtkonzept nicht im Zusam­menhang mit den Kriegs­auszeichnungen zu finden war, sondern nur in dem oben dargelegten Zu­sammenhang: „Jede Goldkrone mit allen Edelsteinen und Rubinen ist Plunder gegen die mit seinem Blut und Schweiß geschmückte Dornen­krone“, und daß nur ein Zeuge sie in die­sen anderen Zusammenhang gestellt hatte, wurde der Anklagepunkt „Kriegsauszeichnungen sind Plunder“ aus formalen Gründen fallen gelassen, wiewohl er auch sachlich aus dem ein­deutigen Zusammenhang nicht hätte aufrechterhalten werden können.

Wir kommen damit zum dritten und letzten Punkt der Anklageverfü­gung, der im Zusammen­hang steht mit der fünften Bitte des Vater­unsers: „Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schul­digem“, die ich gleichsam in den brechenden Schuß hinein als Stoß­seufzer auch über dem zusammensinkenden Feind gebetet hätte, zusammen mit dem anderen Stoßgebet: „Herr, sei seiner und meiner Seele gnädig!“

Mir wurde durch die Anklage Verfügung und durch deren Vertreter der Vorwurf gemacht, daß ich durch derlei Gedankengänge behaupte, für Christen jedenfalls sei das Töten im Kriege nur möglich durch den Kompromiß des Glaubens. Dadurch aber werde der kompromißlose, fanatische Widerstandswille, der heute unbedingt notwendig sei, fragwürdig ge­macht, ge­hemmt und ausgehöhlt, und das sei in der verzweifelten Lage unseres Volkes ein Verbrechen. Gegenüber diesem Vorwurf des Ver­brechens konnte ich meine fraglichen Äußerungen nur wieder hinein­stellen in den weltweiten und hintergründigen Zusammenhang des ge­samten biblischen Zeugnisses, das auch ich bezeugen wollte. Ich fuhr in der Auslegung des Wortes fort, so wie es mich und meine Kameraden im Bunker draußen in Rußland oder unsere Fami­lien und Angehörigen daheim in den notvollen Kriegszeitläuften 1942/43 getroffen hatte:

Friedefürst! Ja, nun wird wieder die Christnachtbotschaft vom Feld von Bethlehem verkün­digt: ‚Friede auf Erden‘, und dabei zer­fleischen sich die Völker gegenseitig in einem wahn­witzigen Weltkrieg, wie noch keiner auf dieser Erde tobte. Diese beunruhigende, belastende und notvolle Spannung hat uns auch draußen in Rußland immer wieder zu schaffen gemacht, und immer wieder sind Kameraden auch an mich mit solchen Fragen herangetreten. Heute vor einem Jahr saßen wir am Christabend ganz geborgen und warm beisammen in einem Bauern­haus, das wir uns notdürftig hergerichtet hatten. Da brach aus der Stille die Frage aus dem Herzen eines Kameraden und stand wie eine Anklage gegen einen Unsichtbaren, der doch mitten unter uns stand und der unserm Blick und dieser gequälten Frage nicht standhalten konnte: ‚Warum gibt’s denn eigentlich Krieg? Es ist doch ein Wahnsinn und wider alle klare Vernunft, daß die Völker alle paar Jahre in selbstmörderischen Kriegen sich zerfleischen!“ Und der zweite sprach es offen aus: ‚Wie kann es einen Gott geben, wenn er das alles zuläßt und mit ansehen kann?!‘ Und ein anderer setzte die Anklage fort: ‚Warum bringt die Kirche es nicht fertig, die Kriege zu verhindern und aus der Welt zu schaffen? Dazu ist sie doch da. Was soll sonst alle Jahr das ‚Friede auf Erden!‘?‘ — ‚Sag Du doch was dazu, Du bist doch Pfarrer“, äußerte ein anderer. ‚Wenn wir bloß wieder Frieden hätten‘, seufzte noch einer.

Kameraden, ich höre eure Klagen und Seufzer schon und sehe da­hinter die große Not der Friedlosigkeit der Welt. Aber ich fürchte, die meisten meinen, wenn sie nach Frieden verlan­gen, etwas ganz anderes als den Frieden, den der Herr Christus gebracht hat und bringt. ‚Wenn wir nur wieder unsere Ruhe hätten‘, müßten sie besser und ehrlicher sagen, denn sie ersehnen sich damit die Zeit zurück, in der sie sich wieder wie ehedem ihr Leben nach ihrem eigenen Willen und Gutdünken ein­richten können und ihren persönlichen Wünschen und Vergnügungen leben können. Ja, sie beten mit solchem Seufzer gleichsam: Lieber Gott, schick uns recht bald wieder solche Zeiten, wo wir wieder ganz ohne dich auskommen und nicht so oft in die Verlegenheit geraten, nicht mehr ohne dich fertig werden zu können und immer wieder nach dir fragen, uns mit dir beschäftigen und auseinandersetzen zu müssen.

Wir müssen der ganzen Frage schon etwas besser auf den Grund gehen und Gott standhalten. ‚Woher kommt Streit und Krieg unter euch?‘, so fragt der Apostel Jakobus und gibt die Ant­wort: ‚Kommt’s nicht daher: aus euren Wollüsten, die da streiten in euren Gliedern? Ihr seid begierig und erlanget’s damit nicht; ihr hasset und neidet, und gewinnet damit nichts; ihr strei­tet und krieget. Ihr habt nicht, darum daß ihr nicht bittet; ihr bittet, und nehmet nicht, darum, daß ihr übel bittet, nämlich dahin, daß ihr’s mit euren Wollüsten verzehret‘ (Jak. 1, 1-3). Jako­bus schilt danach die Seelen seiner Leser ‚Ehebrecherinnen‘, weil sie Gott dem Herrn nicht die Treue halten, sondern eines anderen Mannes, des Herrn ‚Welt‘, Freundschaft suchen.

Wir müssen als Christen wissen, daß die ablehnende Haltung gegen­über Christus und seiner Botschaft, das Nichtleben aus seinem Geist im unmittelbaren Zusammenhang mit Streit und Krieg unter uns stehen und daß auch tatsächliche Kriege wie der augenblickliche damit in einem tiefen, geistig-geistlich-schuldhaften Zusammenhang stehen können. Solche Zu­sam­menhänge deckt der über Jerusalem weinende Herr auf, wenn er dort sagt: ‚Wenn doch auch du — Jerusalem — erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient, aber nun ist’s vor deinen Augen ver­borgen.‘ Wenn wir seine Friedensbotschaft nicht wirklich zur Kenntnis nehmen und daraus dann Erkenntnisse gewinnen, tappen wir rat- und hilflos und stockblind im Finstern.

Darum müssen wir uns von Christus fragen lassen, ob wir sein Wort ernst genommen und danach gelebt und gehandelt haben und nicht in völliger Blindheit und Verkennung oder Verkehrung des wahren Sach­verhalts noch gar meinen, gegen ihn, den Friedefürsten, mit peinlichen Fragen oder gar groben Vorwürfen auftreten zu können. Gott bietet aus dem geöff­neten Himmel feierlich der ganzen Welt, für alle Menschen und Zeiten mit der Sendung sei­nes Sohnes den Frieden an in einer von Engeln verkündeten Friedensproklamation: ‚Nun ist groß’ Fried ohn’ Unterlaß, all’ Fehd hat nun ein Ende!‘ Friede auf Erden, der Krieg ist aus! —

Und wir? Wir achten seine Friedensbotschaft gering, lassen sie ein­fach auf der Seite liegen, nehmen sie nicht wirklich zur Kenntnis und bleiben darum blind und kommen zu keiner ech­ten Erkenntnis. Ja, wir verhöhnen, verlästern und verspotten sie sogar, wollen sie am liebsten austilgen, meinen, es wäre für unser Volk weit besser, es hätte diese Christusbotschaft nie ge­hört — so, als stände uns Christus hindernd im Wege auf dem Marsch in eine große Zukunft. Das heißt doch faktisch, wir beantworten die Friedensproklamation Gottes auf dem Feld von Bethlehem mit einer Kriegserklärung gegen ihn. Wie dieser Krieg hinaus­geht, kann sich jeder denken.

Über solches Treiben klagt der Apostel Paulus: ‚Ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen, auf ihren Wegen ist eitel Schaden und Herzeleid, und den Weg des Friedens wissen sie nicht‘ (Röm. 13, 15 ff.). — Gewiß geht’s hier um den Seelenfrieden, aber der Mensch besteht doch aus Seele und Leib, und ‚das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns‘. Und so will der Frie­de, den er bringt, auch leibhaftige Gestalt gewinnen. Beides ist nicht voneinander zu trennen, so wahr der Herr Jesus selbst bei seiner Klage über Jerusalem eindeutig das Nichterkennen des Friedensangebotes, das Gott Israel in ihm macht, die daraus folgende Blindheit und den daraus folgenden äußeren Krieg mit seiner furchtbaren Zerstörung in innigen Zusammenhang miteinander stellt. Hört und achtet auf alle drei Punkte: ‚Als er nahe hinzukam, sah er die Stadt an und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frie­den dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen. Denn es wird die Zeit über dich kommen, daß deine Feinde werden um dich und deine Kin­der mit dir eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten ängstigen; und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen, darum daß du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist‘ (Luk. 19, 41-44). Verachtung des Herrn Christus und seiner Bot­schaft, Blindheit, Krieg!

Nicht wir haben das Recht, dem Friedefürsten mit Vorwürfen zu begegnen und ihn mit unse­ren Fragen zu stellen, sondern wir wollen uns von ihm stellen und fragen lassen: Hast du bedacht zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient? Was hast du für den Frieden getan, ge­schafft, gearbeitet? Lind er hat das Recht, uns so zu fragen. Er hat dafür gearbeitet. ‚Darum, daß seine Seele gearbeitet hat‘, sagt der Prophet von ihm. Wir reden heute viel von Kopfarbeitern und Handarbeitern, von Arbeitern der Stirn und Arbeitern der Faust. Wer redet von Arbeitern der Seele? Wer hat dies Arbeitsfeld auch nur recht gesehen, geschweige denn Hand angelegt und angepackt? Seine Seele hat gearbeitet: ‚Mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten‘ (Jes. 43, 24). Sehet doch einmal so seinen Kampf in Gethsemane und seinen Gang ans Kreuz! Er hat seinen Namen nicht wie die meisten ‚Großen‘ der Erde durch das Blut ungezählter Menschen in die Ge­schichte eingegraben, sondern durch seine durchgrabenen Hände und Füße, ‚damit er Frieden machte durch das Blut an seinem Kreuz, durch sich selbst‘ (Kol. 1, 20). ‚Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.‘ Er hat geblutet, durch sein eigenes Blut hat er seinen Namen unübersehbar und unaustilgbar in die Welt ge­schrieben. ‚Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zer­schlagen!‘ Von daher kriegt das: ‚Uns ist ein Kind geboren‘, uns Missetätern und Sündern, einen noch tieferen, beschämenden, demütigenden Sinn und schließt doch auch eine be­glü­ckende und befreiende weltweite Schicksals- und Existenzverflochten­heit auf (wenn wir es einmal so nennen wollen) mit dem Heiland — und das kommt von heilen — und mit dem Friedefürsten der Welt.

Wir Menschen legen andern Strafe auf, wir schlagen andern Wunden. O, glaubt mir, es macht nicht froh, töten zu müssen. Freilich, wenn wir nun schon Jahr um Jahr in diesem mörderi­schen Krieg stehen, so wissen wir, wir stehen damit auch in dem ganzen Weltschicksal mit drinnen, dem nicht ein Mensch sich entziehen kann, dem auch nicht einer entlaufen kann und hoffentlich auch nicht entlaufen möchte. Wir können und wollen uns deshalb auch nicht pha­risäisch drücken vor diesem Kriegs­geschehen, weil wir mit der ganzen Welt und damit auch mit unserm Volk und Land auf Gedeih und Verderb verbunden sind, von Geschlecht zu Ge­schlecht, mit seiner Schuld und mit seiner Aufgabe. Aber es bleibt gerade deshalb eine tiefe, bedrückende Not, daß ein Mensch einen andern Menschen töten soll und muß.

Es ist unheimlich, Menschen unter seinen Kugeln zusammensinken zu sehen. Ich weiß wohl, daß der und jener sich nach einer Schlacht wie ein Jäger nach der Treibjagd rühmt, soundso viele Russen ‚abgeknallt‘ oder ‚umgelegt‘ zu haben. So können nur Rohlinge handeln, denen der Krieg Herz und Gemüt zerfressen hat. Ein rechter Soldat tut das nicht. Er tut seine Pflicht, seine blutharte Pflicht, aber mit Furcht und Zittern. Ich jedenfalls könnte bei diesem mörderi­schen Handwerk nicht froh und ruhig werden. Es brach immer wieder aus mir heraus: ‚Ach Gott, vom Himmel sieh darein und laß dich des erbarmen! Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser!‘ Und beim Zielenund in den brechenden Schuß gleichsam hinein kam der Stoßseufzer: ‚Herr, sei seiner und meiner Seele gnädig und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigem!‘

Aus solcher Kriegsnot und diesem Sterbensjammer heraus wäre es, meine ich, doch ange­bracht, wenn wir als Christen das Klagen des Friede­fürsten über Jerusalem ernsthaft zu Her­zen nähmen und bedächten, was zu unserem Frieden diene. Damit nicht auch über uns das Urteil kommt: ‚Nun aber ist’s vor deinen Augen verborgen‘, sondern daß er an uns sein eigentliches Amt ausrichten könnte, unsere Füße zu richten auf den Weg des Friedens, wie es so fein in der lobpreisenden Weissagung des greisen Zacharias (Luk. 1, 68 ff.) verkündigt ist. ‚Er hat uns erlöst aus der Hand unserer Feinde, daß wir ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit, die ihm gefällig ist‘ (Luk. 1, 74 f.). Und darum haben nicht wir mit Vorwürfen und Fragen ihm entgegenzutre­ten, sondern tun gut daran, uns von ihm fragen zu lassen: Was hast du getan für den Frieden? Was hast du gekämpft und gearbei­tet für den Frieden? Wo bleibt die Arbeit der Seelenarbeiter, wie etwa Jak. 4, 1 ff. sie kenn­zeichnet? Krieg und Frieden hängen damit engstens zusammen, denn ,die Frucht aber der Gerechtigkeit wird gesät im Frieden denen, die den Frieden halten‘ (Jak. 3, 18). Hier sehen der Herr Jesus Christus selbst, der Apostel Jakobus oder etwa der Apostel Paulus die Lage ganz gleich. Wer also noch eine Weisung haben will und eine Antwort auf die Frage: ‚Wie soll gearbeitet, wie soll diese Frage angepackt werden?‘, der schlage Eph. 6 auf und lasse sich ausrüsten vom Kopf bis zum Fuß mit den modernsten Waffen für den Krieg, der allein dem Frieden dient.

‚Zuletzt, meine Brüder, seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnt gegen die listigen Anläufe des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Um deswillen ergreifet den Harnisch Gottes, auf daß ihr an dem bösen Tage Widerstand tun und alles wohl ausrichten und das Feld behalten möget. So stehet nun, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angezogen mit dem Panzer der Gerechtigkeit und an den Beinen gestiefelt, als fertig, zu treiben das Evangelium des Friedens‘ (Eph. 6, 10-15). Dort, wo nicht das ewige Licht einbricht und der Welt einen neuen Schein gibt und uns des Lichtes Kinder macht, blei­ben die bösen Geister an der Herrschaft, die in der Finsternis dieser Welt herrschen. Und das ist ja der Jammer: Das Licht kam in die Finsternis! Und die Finster­nis? Hat’s nicht begriffen! Er kam in sein Eigentum! Lind die Seinen? Nahmen ihn nicht auf! Wir brauchen uns nicht zu wundern, daß dann, wenn dieser Krieg nicht geführt wird mit den von Gott uns dafür gelieferten Waffen gegen die bösen Geister unter dem Himmel, mit denen allein sie wirkungsvoll niedergehalten werden können, der Teufel los ist! Darum sind wir er­wählt zu seinem heiligen Volk, daß wir verkün­digen sollen die Tugenden des, der uns berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht! Denn allen, die ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben; welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind. ‚und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.‘ Dann noch einmal: Er nimmt sich ja nicht der Engel an, sondern unser, der Menschenkinder mit Fleisch und Blut, seiner Gemeinde, seines Leibes, des Samens Abrahams, in denen seine Botschaft Platz und Raum und Herberge machen will, daß sein Wille, sein gnädiger Friedenswille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden!

Wir haben wohl Grund, liebe Brüder und Schwestern, aus dankbarem Herzen uns zu freuen, daß auch uns die selige, fröhliche Christnachtsbotschaft erreicht hat mitten in diesen notvol­len, schweren Kriegsnöten voller Blut und Tränen. ‚Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland gebo­ren, welcher ist Christus, der Herr.‘ Und wahrlich nicht nur in der Stadt Davids als einem geo­graphischen Begriff, sondern ‚auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein En­de auf dem Stuhle Davids und in seinem Königreich, daß er’s zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth‘.

Der Friede gilt allen Menschen, die das Wohlgefallen Gottes er­kennen. Dabei kann uns wirklich kein Unverstand oder Spott anderer bedrängen und bedrücken, sondern höchstens unser eigener Unglaube und unsere Trägheit. Hier wollen wir es dankbar und fröhlich mit unserem Vater Luther halten: ‚Darum soll uns nicht bekümmern, ob die Welt uns schon hasset, lästert, verfolgt und würget; wenn uns nur dieser Reichtum des geistlichen Segens und der himmlischen Güter in Christo fest bleibt. Wenn ich den Schatz habe, so kann ich wider Papst und Kaiser und alle Welt trotzen und sagen: Ihr seid wohl große Herren, und ich bin gegen euch ein armer Bettler; aber ich habe noch einen Heller in meiner Tasche, den ihr nicht habt; ich verstehe diesen Spruch aus der Heiligen Schrift, den ihr nicht versteht noch achtet. Denselben wollte ich nicht für allen Reichtum, ja, nicht für die ganze Welt geben. So regiert nun dies Kindlein die Christenheit, wie diese sechs Namen lehren. Er heißt: Wunderbar, ist rätlich, kräftig, ist ein Held und kann kriegen, ist ein sanftmütiger Vater, ewig, ist ein reicher Fürst, der seine Kinder zu eitel reichen Königen und Fürsten macht in geistlichen Gütern‘ (Luther).“

An dem nunmehr dritten und letzten Anklagepunkt, der hiermit im ganzen Zusammenhang wieder etwas ausführlicher als in der Ver­handlung selbst, jedoch ebenfalls gemäß dem vor­liegenden Predigtkonzept wiedergegeben ist, hielt der Oberstabsrichter geradezu krampfhaft fest. Er führte zu dem beanstandeten Punkt, daß ich nicht „kompromißlos“ und im fanatischen Abwehrwillen töten konnte, sondern nur mit der Bitte: „Sei seiner und meiner Seele gnädig und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigem“ u. a. etwa folgendes aus: „Wenn Sie schon über den Krieg und über das Töten im Krieg so denken, wie Sie denken, dann hätten Sie sich eben, wie ein weidwundes Tier sich in die Höhle oder ins Dickicht ver­kriecht, in die Stille zurückziehen und alles mit sich allein abmachen und schweigen müssen, anstatt mit Ihrem Reden auch noch andere irrezumachen und anzustecken.“

Da hat dann Dr. M., mein Verteidiger, eingegriffen und mit unmißverständlicher Klarheit festgestellt, daß sich in solchem Denken eine völlige Verkehrung der wahren Sachlage aus­drücke. Ich hätte mich keines­wegs zurückzuziehen, sondern die Menschen in ihrer tatsäch­lichen Lage und inneren Anfechtung aufzusuchen, sie eben gerade nicht allein zu lassen, sondern die mir aufgetragene Botschaft auszurichten. Ob dann solche Botschaft als Hilfe verstanden und angenommen oder auch abge­lehnt und verspottet würde, ändere gleichwohl nichts an dem Auftrag, der unter allen Umständen verkündigt und ausgerichtet werden müsse. Es sei überdies nicht an dem, daß solche Fragen erst an die Menschen von heute herangetra­gen werden müßten, sondern diese ständen allerorts mitten in solchen Gedanken drinnen.

Ich selber habe dabei nochmals darauf hingewiesen, daß ja derlei Ge­danken von meinen Kameraden auch an mich herangetragen würden. Außerdem, sagte ich, hätten offenbar die Herren Richter genau wie die maßgebenden Männer heute keine Ahnung, mit welcher Bitter­keit oft Eltern von dem unsinnigen Blutvergießen sprächen, denen ein Sohn, zwei Söhne, manchmal mit dem dritten Sohn alle gefallen seien. Von stolzer Trauer, von der die Zeitungen voll seien, sei hier nichts zu hören. Gerade solcher Bitterkeit gegenüber, die die Schuld am Krieg allein den einzelnen verantwortlichen Männern zuschieben wolle, hätte ich von der Bibel her aufzuzeigen gehabt, daß der Krieg so wie der Tod der Sünde Sold ist und wir alle mit in diese Schuld verstrickt seien. Mit pharisäischer, ideologisch pazifistischer Ablehnung dieser Schuld würden wir uns auch um den ein­zigen Trost betrügen, der uns zufließt von dem, welcher „unsere Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, auf daß wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil gewor­den. Denn ihr wäret wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen“ (1. Petr. 2, 24-25).

Nach solchen Einwänden und Ausführungen ließ der Vorsitzende wohl durchmerken, er sähe an sich die Schwierigkeit, vor der sie als Richter ständen, ein, denn gegen den Menschen als solchen, der vor ihnen stehe, hätten sie an sich nichts einzuwenden, aber — ja, die Raison des Staates fordere eine hohe Strafe, die auch er darum zu fordern habe. Es stehe eben doch tat­sächlich fest, daß durch mein Denken und Reden, ich könne meine Soldatenpflicht nur ertra­gen mit der Bitte: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern“, der kompromißlose Abwehrwille, wie unser Volk ihn heute unbedingt brauche, geschwächt und untergraben würde.

Ganz ähnlich formulierte dann der Anklagevertreter seinen Straf­antrag, der auf fünf Jahre Gefängnis lautete. Er ging auch etwa davon aus, daß der Angeklagte ein sympathischer Mensch und als Soldat bewährt sei, wie seine Kriegsauszeichnungen es bewiesen. Er sei aber dennoch mit einer hohen Gefängnisstrafe zu bestrafen, weil die Raison des Staates in der Stunde der großen Gefahr es so fordere. — Er­schütternd, welch bodenloses staatliches Denken sich darin kundtat.

Danach hielt Herr Dr. M. seine geradezu todgefährliche Verteidigungs­rede, die mit dem An­trag auf Freispruch endete. Es ist verständlich, daß ich hier nicht im einzelnen davon berichten kann, weil sie sich notwen­digerweise meist mit meiner Person beschäftigen mußte. Ich habe es da­mals mit der Weisung von Dr. M. gehalten: „Herr Pfarrer, meine Ver­teidigung dürfen Sie nicht hören. Ich weiß, Sie wollen das nicht so, wie ich es werde machen müssen, aber Sie dür­fen es eben nicht hören.“ So habe ich sie gehört, als hörte ich sie nicht, und will es auch hier in meinem Bericht so halten. Dies nur darf ich doch feststellen: Sie war auch ein klares Zeug­nis eines Christenmenschen für den Herrn Christus und wurde in solcher Freimütigkeit ge­führt, daß ich mehr besorgt wurde für den Verteidiger, als ich Sorge hatte um mich, den Ange­klagten beim obersten Kriegsgericht. Offensichtlich aber wurden auch die Richter tief beein­druckt von der Glaubensfreudigkeit und der Freimütigkeit der Kinder Gottes, mit der sich Dr. M. auf den Boden des Evangeliums stellte und brüderlich an meine Seite trat.

Nach der Rede des Verteidigers wurde mir als dem Angeklagten das Schlußwort erteilt.

„Herr Oberstabsrichter“, so begann ich, „ich bin aufrichtig betrübt und traurig darüber, daß Sie mich nun offenbar doch so wenig verstanden haben, daß Sie es für Recht ansehen, auf Grund der fünften Bitte des Vaterunsers: ‚Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldi­gern‘ diese hohe Gefängnisstrafe verlangen zu müssen.

Andererseits aber bin ich von Herzen dankbar und froh darüber, daß nun alles auf einen so eindeutigen, klaren Punkt gekommen ist und die ganze Anklage allein auf der Vaterunser-Bitte steht. Ich darf es Ihnen freimütig sagen: Diese Bitte aus dem Gebet unseres Herrn ist mein Stand­ort, auf dem ich als Christenmensch und Soldat stehe, und ich will darauf getrost stehenbleiben, welche Folgen es auch haben sollte. Ich gedenke, nicht um einen Millimeter davon zu weichen und mich vor keiner Instanz der Welt deswegen zu entschuldigen und um Gnade zu bitten. Ich habe meine Freude nicht am Kriegführen und werde sie nie daran haben. Der Tod ist der Sünde Sold, und der Krieg ist der Sünde Sold, um so mehr, wenn kompromiß­loser, hemmungsloser Fanatismus von den Soldaten ge­fordert wird.

Ich möchte nun noch etwas erzählen, was ich bisher nur zwei Menschen erzählt habe. In der Nacht, da ich schwer verwundet wurde, war der Russe in die Hauptkampflinie eingebrochen. Wir lagen in diesem Divisions­abschnitt als Pionierstoßreserve in Bereitschaft und erhielten den Befehl zum Gegenstoß. Mein Zug war durch vorhergegangene Kämpfe auf zwölf Mann zusammengeschmolzen. Darum hatte ich am raschesten meine Leute beisammen und wurde als erster zum Gegenangriff eingesetzt. Es war stockfinstere Nacht. Der Infanteriehauptmann sagte mir nur: ‚In der Richtung dieses Laufgrabens, der aber bald aufhört, liegt ein Dorf; dort sind die Russen eingebrochen.‘ Nur durch Leuchtkugeln wurde immer wieder kurz die Nacht erhellt. Ich teilte meine Leute in zwei Gruppen — praktisch nur noch zwei MG.-Bedienungen — und schickte die eine nach rechts; die andere nach links. Ich selbst lief allein in der Mitte meinen Leuten weit voran. Immer wieder sind im Schein der Leuchtkugeln Russen vor mir hochgesprungen und haben ihre Karabiner in Anschlag gebracht. Ich habe aus der Hüfte im Sprung meine Maschinenpistole herumgerissen, und sie sind stumm zusammengesunken. Schon in der HKL. wollte einer eben hochspringen; ich riß meine Pistole herum, auch er sank lautlos nieder, aber aus seinem Schädel gluckerte das Blut wie aus einem Brunnen. Ich werde das mein Lebtag hören. Da lag er nun vor mir im Schein der Leuchtkugeln. Vielleicht, so mußte ich denken, wartet daheim eine Mutter auf ihn oder etliche Kinder und eine einsame Frau. Genau so könntest du da liegen, und dann würden deine Kinder und deine Frau und deine alten Eltern um dich weinen. Und daran sollte ich nun meine Freude haben? Nie und nimmer!“

Damit war meine Verteidigungsrede beendet. Der Oberstabsrichter begann nach einer kurzen Pause etwas hilflos und stockend: „Sie haben doch noch etwas zu sagen. Sie wollen doch noch etwas beantragen. Wollen Sie nicht den Antrag auf Freispruch stellen?“ —

Offenbar ist das so üblich, daß der Angeklagte irgendeinen Antrag stellt. — Ich sagte etwa: „Herr Oberstabsrichter, das Urteil zu fällen ist Ihres Amtes, darüber zu urteilen, ist nicht meine Sache.“ — Darauf er wie­der: „Ja, aber Sie meinen doch offenbar, nichts Unrechtes getan zu haben?“ — „Nein. Ich habe es Ihnen ja vorhin gesagt, daß ich mit meinem getrosten Gewissen auf der Bitte stehenbleibe: Herr, sei seiner und meiner Seele gnädig und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigem.“ Der Richter begann noch einmal: „Ja, dann erwarten Sie also doch Ihren Freispruch?“ — „Ja, doch wohl „

*

Es dauerte sehr lange, bis wir wieder hereingerufen wurden. Das Ge­richt erhob sich zur Verkündigung des Urteils. Der Oberstabsrichter begann etwas verhalten und sagte:

„Der Angeklagte, Feldwebel Steinbauer, wird“ — danach war eine kleine Pause — „freige­sprochen. Ich weiß, das Urteil wird überraschen. Aber wir sind doch zu diesem Ergebnis gekommen, und wir meinen feststellen zu müssen: Der Angeklagte wollte in seiner Predigt nicht Menschen und menschliche Dinge kleinmachen, sondern er wollte seinen Herrn groß­machen und seine Botschaft. Daß dadurch Menschen, Menschenworte, Menschenideen ihre Maße bekommen, liegt im Wesen der Sache und kann nicht geändert werden.“ — Im Grunde war alles, was in die Begründung des Freispruchs hineingenommen war, aufgenommen aus dem, was im Laufe der Verhandlung auch von Dr. M. gesagt worden war.

Ich habe am Ende der Verhandlung dem Feldwebel stumm die Hand gedrückt. Bedankt habe ich mich nicht bei ihm. Das kann man in solchem Falle nicht. Wenn einem zu danken war, dann dem Herrn, daß er sich öffentlich auch im Hause des obersten Kriegsgerichts zu seinem Wort bekannt hat, das in aller Schwachheit doch getrost verkündigt wurde. Ich habe nur noch gesagt: „Der Freispruch war offenbar eine harte Geburt.“ — „Mein lieber Mann“, sagte der Feldwebel, „immer wieder hat der Ober­stabsrichter das Urteil neu formuliert und uns erneut wieder zur Unter­schrift vorgelegt, aber der Hauptmann und ich haben erklärt: Wir unter­schreiben unter keinen Umständen ein anderes Urteil als den Freispruch. Er wollte nicht — aber schließlich hat er es doch getan.“

*

Hierzu sei noch folgendes ergänzend berichtet: Nach dem Zusammen­bruch kam eines Tages — ich war damals in Neuendettelsau — ein junger Mann zu mir, der mich zu sprechen wünschte. „Herr Pfarrer, kennen Sie mich noch?“ — „Nein, ich wüßte wirklich nicht, wo ich Sie gesehen oder kennengelernt haben sollte.“ — „Ich bin der Hauptmann, der damals in Charlottenburg Beisitzer bei Ihrer Kriegsgerichtsverhandlung war.“ — Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen. Dann bat er mich um eine entsprechende Bescheinigung über sein damaliges Verhalten. „Ich mußte aus Berlin heraus. Meine Frau ist nach etwa dreißig Verge­waltigungen geschlechtskrank. Wir wollen in Hannover Fuß fassen, kennen aber nie­mand. Da hätte ich gerne Sie um Ihre Hilfe gebeten mit Ihrer Bescheini­gung.“ Ich war so froh, ihm sein eigenes gerechtes Handeln als Hilfe be­stätigen zu können.

Nun hat er mir noch etwas erzählt, was zur Beleuchtung der damaligen Verhältnisse sehr be­zeichnend ist. Die Richter waren mir tatsächlich wohl­gesonnen. Sie wußten nur auch keinen Ausweg. Die Anklage stand auf Zersetzung der Wehrkraft. Hierauf konnte normalerweise nur eine Strafe über fünf Jahre in Frage kommen. Damit waren aber die Verurteilten in den Hän­den Himmlers, der Gerichtsherr für diese Fälle über fünf Jahre war und der diese alle erschießen ließ. Nun wollten die Richter mich vor Himmler retten. Da sie einen Freispruch aus mancherlei Gründen, viel­leicht auch der Angst und der Feigheit, nicht für möglich hielten, sahen sie nur diese Möglichkeit noch offen: so hoch zu bestrafen, daß noch die Bestätigung des Urteils wegen Zersetzung der Wehrkraft zu erwarten war, und doch so niedrig, daß sie mich vor Himmler bewahren konnten.

Man könnte dazu viel sagen, ich will’s nicht tun. —

Als Dr. M. und ich nach der Verhandlung durch die zertrümmerten Straßen Charlottenburgs gingen, waren wir beide voller Dank. Dr. M. äußerte sich in der Richtung, daß damit nichts Kleines geschehen sei, daß die Botschaft Christi, ja, der Herr selber seine Macht auch in die­sem Hause des Zentralgerichts des Heeres bewiesen habe. Das würde nicht ohne Wir­kung auf die Richter und wohl auch auf weitere Prozesse bleiben. Beide waren wir voller Dank, daß wir so einen Herrn haben.

Ich selber fuhr dann ganz beschämt hinaus nach Dahlem und war zum Abend wieder im ver­trauten Kreis im Pfarrhaus und am nächsten Tag in der Annenkirche mit der Gemeinde zum Bittgottesdienst beisammen, wo wir beide Male auch voller Dank und Freude waren und nur sagen konn­ten: Wohl uns des feinen Herren!

Als ich im Zuge zur Rückfahrt saß, konnte ich’s noch kaum fassen. Auf dem Weg nach Berlin hatte ich nüchtern mit meinem Tode gerechnet und hatte meine Frau auch in diesem Sinne vorbereitet. Gar nicht gerechnet hatte ich mit meinem Freispruch. Ich schämte mich meines Unglaubens und war um so mehr voller Dank gegen den Herrn, der sich herrlich und mäch­tig erwiesen hatte über Bitten und Verstehen.

Bei der Kompanie wurde ich wie ein von den Toten Auferstandener begrüßt. Der Spieß stand ganz entgeistert da. Rührend war die redliche Mitfreude meines alten österreichischen Hauptmanns. —

Eine kleine Begebenheit möchte ich noch kurz erwähnen. Am 16. 3. 1945 fuhr ich in Ansbach mit dem Rade die Würzburger Straße hinaus in die Hindenburgkaserne, wohin ich gegen Ende des Krieges versetzt wor­den war. Vor mir liefen einige ältere Offiziere mit ziemlich schweren Koffern. Ich stieg ab und fragte sie, ob ich ihnen nicht behilflich sein könnte. Sie nahmen die Hilfe gern an. Es traf sich insofern gut, da sie das gleiche Ziel hatten, die Hindenburgkaserne. Sie seien hierher versetzt im Zuge der Umlagerung des Zentralgerichts des Heeres von Berlin-Char­lottenburg in die Hindenburgkaserne in Ansbach. Nicht nur das Zentral­gericht des Heeres war in das allerletzte Stadium seines Geschehens ein­getreten. Ein ganz anderes Kriegsgericht war mitten im Gange, das Er zurichtete und stärkte mit Gericht und Gerechtigkeit, in dem auch das oberste Kriegsgericht mitgerichtet wurde.

Was können wir Besseres tun, als zum Schluß unseres Berichtes nochmals die tröstliche, ural­te und ewig junge Botschaft zu hören von dem Kinde, das uns geboren ist, unter dessen Macht und königliche Voll­macht offenbar auch die Richter des Zentralgerichtes des Heeres gekom­men waren:

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht; und über die da wohnen im fin­stern Lande, scheint es hell. Du machst des Volkes viel; du machst groß seine Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast das Joch ihrer Last und die Rute ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie zur Zeit Midians. Denn alle Rüstung derer, die sich mit Ungestüm rüsten, und die blutigen Kleider werden ver­brannt und mit Feuer verzehrt werden.

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und in seinem Königreich, daß er’s zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth“ (Jes. 9, 1-6).

Aber Gottes Wort ist nicht gebunden! 2.Tim 2,9.

Die nebenstehenden Verse schrieb Pfarrer Steinbauer während seiner Gefängnishaft in Weil­heim im Sommer 1937. Den Blick aus seiner Zelle hat er in der oben wiedergegebenen Zeich­nung festgehalten.

Wer kann mir binden Gottes Wort?
Es stärkt und tröstet fort und fort.
Mein Herz, ob ich gefangen lieg,
Predigt mir frei des Christus’ Sieg.
Halleluja!

Wer kann einkerkern Gottes Wort?
Es eilt und läuft von Ort zu Ort.
Es treibt und wächst ohn Rast und Ruh,
Muß stärken, trösten immerzu.
Halleluja!

Muß wachsen wie des Senfes Korn,
Muß laufen frei, ein Freudenborn,
Muß leuchten als das wahre Licht,
All Finsternis kann’s hindern nicht!
Halleluja!

Gottes Treu und Schwur steht dafür ein.
Kein Unglaub kann ihm Hind’rung sein.
Lobt Gott, dem nichts unmöglich ist,
Nur — freut euch — lügen kann er nicht.
Halleluja!

Ob Teufels Lehr bös um sich frißt
Wie Krebs mit Trug, Gewalt und List,
Wir stehn zum Wahrheitswort mit Fleiß.
Der Welt zum Heil und Gott zum Preis.
Halleluja!

Frei läuft sein Wort, bis Christ, der Held,
Das Weltall wie ein Blitz erhellt
Und — wie die Hirten — knieend liegt
Himmel und Erd: dann ist gesiegt!
Halleluja!

Karl Steinbauer

Melodie: Erschienen ist der herrlich Tag

Zwanzig Jahre später

Nachwort des Verfassers

Am diesjährigen Christfest sind es 20 Jahre her, daß diese Weihnachts­predigt auf der Kanzel eines fränkischen Dorfes gehalten wurde. Damit deutlich wird, daß im Jahre 1965 anders ge­redet werden muß als 1943, könnte man eigentlich als Vor- oder Nachwort die Rede des Pro­fessors Carl Friedrich von Weizsäcker abdrucken, die er in der Paulskirche zu Frankfurt an­läßlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels gehalten hat. Hier soll aber nun ein bezeichnendes Erleb­nis aus der Seelsorge als Nachwort zu weiterem Nachdenken helfen.

Vor einiger Zeit kam eine jüngere Frau zu mir und meldete die Beerdi­gung ihres Vaters an. Zuerst haben wir den Lebenslauf besprochen: karge Jugend, harte Lehrzeit, aktiver Militär­dienst, Heirat, Ankunft der Kinder, Ausbruch des Ersten Weltkrieges, Frontsoldat vom ersten bis zum letzten Kriegstag, etliche Male verwundet… Auch die Zeit der Beerdigung war fest­gelegt.

Wir hatten gebetet und wollten uns gerade verabschieden, da brachte die Frau verlegen und zögernd heraus: »Herr Pfarrer, ich muß Ihnen noch etwas sagen. Mein Vater ist aus der Kirche ausgetreten.« Meine Antwort: »Ich muß schon sagen, ich verstehe Sie nicht. Es ist doch un­möglich, für einen, der aus der Kirche ausgetreten ist, eine kirchliche Beerdigung zu bestellen. Obendrein kommen Sie hinterher damit heraus.« Die Frau etwas hilflos: »Herr Pfarrer, ich hab mir’s einfach nicht gleich zu sagen getraut. Ich habe Angst g’habt, Sie lassen sich auf gar nichts ein und schicken mich weg.

Schauen’s, Herr Pfarrer, das war so: Unser Vater war mit Ausnahme der Lazarettzeit immer an der Front. In Frankreich hat er den ganzen Stellungskrieg und gegen Ende des Krieges die furchtbaren, mörderi­schen Materialschlachten mitgemacht. Er ist ganz und gar durcheinander und verstört heimgekommen. ‚Ich kann nimmer, ich kann nimmer!‘ hat er oft gestöhnt. ‚Frankreich ist christlich, England und Amerika sind christlich, und die einen beten, daß die anderen verlieren und kaputt­gehen sollen, und sie bringen sich gegenseitig brutal um. Ich kann nim­mer, ich kann nimmer.‘ Und dann ist der Vater aus der Kirche ausge­treten. Daß der Vater nichts geglaubt hätte, das kann man nicht sagen, aber daß alle Völker christlich sein wollten und trotzdem so grausam Krieg gegeneinander geführt haben, das hat der Vater ein­fach nicht verkraftet.“

Unter der Vereinbarung, daß ich ganz offen am Grabe davon reden dürfe, habe ich den »Aus­getretenen« beerdigt. Text war Matthäus 24, 1-14. (Bitte, lesen Sie es nach.) Ich sagte u. a.: »Der Mann, der da unten im Grab liegt, ist aus der Kirche ausgetreten. Nach Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg hat er seinen Austritt erklärt. Er hat es nicht ertragen, er hat sozusagen einen Glaubensschock darüber erlitten, daß christliche Völker, alle das gleiche Vaterunser betend, sich so brutal bekriegen, daß sie einander Tod und Niederlage zubeten. Mir ist deut­lich, daß ein Mensch, den solches Verhalten plagt und dem solcher Widerspruch unerträglich ist, das Evangelium besser verstanden hat als die, die solches Tun gedankenlos, stumpf, ohne von der Christusbotschaft beunruhigt zu sein, womöglich in nationaler Begeisterung mit­ma­chen. In unserem Schriftwort warnt der Herr Christus vor Verfüh­rungsmächten, die in seinem Namen auftreten, ja, die in seinem Namen Kriege führen. Es besteht die Gefahr, daß auch Christenmenschen darüber erschrecken und im Glauben irre werden: ‚Ihr werdet hören Kriege und Geschrei von Kriegen; sehet zu und erschrecket nicht.‘ Das heißt: Ihr sollt und braucht darüber keinen Glaubens­schock zu bekommen.«

Ich kann hier nicht die ganze Beerdigungspredigt wiedergeben, sondern nur noch kurze Hin­weise bieten: Mitten in solcher Kriegsempörung der Völker und Reiche wird man an die Chri­sten Hand anlegen, und sie müssen um Christi willen unter allen Völkern gehaßt werden. Si­cher­lich doch nicht, weil sie genau so Hurra schreien wie die anderen. Die Seuche der Denun­zierung wird um sich greifen. Das Überhandnehmen der Ungerechtigkeit läßt die Liebe, den Glauben an die Liebe Gottes in Christus erkalten, einfrieren und verleitet die Menschen – auch Christen­menschen – dazu, den Haß als Notwehr zu wählen, aktiv zu werden im Hassen. Ge­haßt werden, Haß erleiden – passiv ist Segen; einander hassen, aktiv werden im Hassen, ist Tod! Wer mit der Liebe Christi durchhält – auch wenn er dafür Haß erleidet –, wer die Liebe Christi durchhält, durchverkündigt, bis ans Ziel, der wird gerettet werden. Professor von Weizsäcker sagte, er kenne ein Buch, das zu den uns heute gestellten Problemen des Krieges im Atomzeitalter seine Aktuali­tät behalten habe und neu gewinne: das Neue Testament.

Es wird höchste Zeit, die Mahnung Christi ernst zu nehmen: »Wenn doch auch du erkenntest zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient!« Luk. 19, 41 ff. Nichterkennen hat Stock­blindheit zur Folge: »Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen.« Es brauchte nicht so zu sein!

Das ewig Licht geht da herein
gibt der Welt ein’ neuen Schein;
es leucht’ wohl mitten in der Nacht
und uns des Lichtes Kinder macht.

Weihnachten 1963                                                                                        Karl Steinbauer

© Verlag Kirche und Mann, Lemgo 1963 (erste Auflage unter dem Titel „Die Weihnachts­botschaft vor dem Kriegsgericht“, Gütersloh: Verlag Kirche und Mann, 1951)


[1] Wohlgemerkt, an dieser Stelle stand der Ausdruck „Plunder“ auch auf dem vorliegenden Predigtkonzept, dessen Abschrift ich besaß. Der Verfasser.

Hier der Text als pdf.

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