Maria Zelzer über Sebastian Franck (1958): „Franck ist fest davon überzeugt, auch im Religiösen eine Zeitwende zu erleben, wenn ihn nicht das Nachdenken über die sündige Menschheit in Weltuntergangsstimmung ver­setzt. In der Türkei bemerkt Franck auch gute Sitten, und als junger Ehemann interessiert er sich besonders für die Stellung der Frau in der Türkei. Er schüttet dabei sein Herz aus und klagt, daß es in Deutschland meist ungehorsame Frauen gibt; ’sind wahrlich schier recht Amazonas‘. Wie anders sei es doch in der Türkei, wo die Frauen ‚anzeigen ihre pflichtige Untertänigkeit, dem Manne schuldig, daß sie sollen und gern wollen unter des Mannes Füßen sein. Diese Gewohnheit und Zucht, wollte Gott, daß sie auch in Deutschland wäre …‘ Fast in alle Schriften schiebt Franck einen Wunschzettel an die Frauen ein. Geheiratet zu haben, be­dauert er gar bald; denn die Pflicht, für seine Familie sorgen zu müssen, bedrückt ihn. Er bildet sich auch ein, durch die Ehe in seinem Gedankenflug gehemmt zu werden.“

Sebastian Franck

Von Maria Zelzer

Zu den Schicksalen der Bücher gehört die Zeit, in der sie geschrieben, und die Zeit, in der sie gelesen werden. Es gibt Bücher, die früher viel von sich reden machten, nach denen heute aber kaum jemand greift, weil die Harmonie zwischen Buch und Leser fehlt. Zu den Schriftstellern des 16. Jahr­hunderts, die nicht nur anziehend auf ihre Zeitgenossen wirkten, sondern bis heute gelesen werden, gehört Seba­stian Franck. Er hat viele Beinamen bekommen: der irrige Rottengeist, des Teufels liebstes Lästermaul, der Schwär­mer, der deutsche Sucher, und jüngst erschien er als der „Landräumige“. Die letzte Bezeichnung erklärt es genügend, warum Sebastian Franck heute noch Leser findet. Er, der „Landräumige“, erlebte den Gewaltmenschen der Renais­sance und ist daher Tröster all derer geworden, die das Land, ihre Heimat, räumen mußten, weil sie anders dach­ten oder anders sprachen, als der Machtmensch gebot. Aber nicht nur als Flüchtling spricht Sebastian Franck seine Leser an, „in hundert Rinnsalen fließen seine Ideen der modernen Zeit entgegen“ (Dilthey). Er schreibt von Angst und Welt­untergangsstimmung, vom Rätsel der Masse, von Regie­rungssystemen und vielem anderen, aber stets in Zusammen­hang mit jenen Fragen, die ihn am meisten bewegten: Wie kommt der Mensch durch alle irdische Ungerechtigkeit hin­durch? Wie gelangt er zur inneren Freiheit? Wie erringt er Gott, sein letztes Ziel?

Wenn auch Sebastian Franck und seine Leser von gemeinsamen Anliegen zusammengeführt werden, so bleibt doch die trennende Zeitspanne. Der Denker zwischen Mittelalter und Neuzeit kann nicht in unsere Zeitenwende geholt wer­den. Um Francks Werke zu verstehen, muß man seine Her­kunft und Umwelt kennenlernen.

Sein Geburtsort ist die kleine schwäbische Reichsstadt Donau­wörth, im 16. Jahrhundert „Schwäbischwörd“ genannt. Sie liegt in einer lieblichen Gegend, umrahmt von Wasser, Wiese und Wald, eingebettet zwischen den letzten Ausläufern des Fränkischen Jura und den Flußläufen der Donau und Wör­nitz, die sich hier vereinen. Unterhalb der Stadt münden Zusam, Schmutter und Lech in die Donau, so daß drei Tal­becken sich zu einer fruchtbaren Ebene um Donauwörth schließen. Drei Volksstämme sind es auch, die einander hier begegnen: Schwaben, Franken und Baiern. Viel Handel be­wegte sich über das alte Schwäbischwörd, den Kreuzungs­punkt mehrerer Straßen und Donauhafen. Wenn auch klein, bekam diese Stadt mit ihrem unternehmungslustigen Patri­ziat etwas von der Weltluft zu spüren, die große Reichs­städte durchwehte. In sozialer Hinsicht aber war hier stets unruhiger Boden, schon seit dem ersten großen Handwer­keraufstand des Jahres 1340. Erst im Jahre 1456 konnte sich hier die Zunftverfassung durchsetzen. Der unzufriedene Be­völkerungsteil gehörte der Waldenserbewegung1 an, die von Zeitgenossen als obrigkeitsfeindlich geschildert wird. Lautlos ging das Waldensertum von Schwäbischwörd in das Luthertum über. Im Jahre 1528 sagt ein Bürger aus, er habe das Abendmahl zu Augsburg unter beiden Gestalten emp­fangen, was aber keineswegs eine Neuerung sei; denn seine verstorbenen Eltern hätten ihn dies schon längst gelehrt. Kein Wunder, daß gerade in dieser Stadt der große Zweif­ler und Kritiker Sebastian Franck aufwuchs. Seinen Ge­burtstag wissen wir nicht genau, nur das Geburtsjahr 1499 steht fest. In der Taufe erhielt er den Schwäbischwörder Stadtheiligen Sebastian als Namenspatron. Über sein Eltern­haus erzählt er nichts, aber da er sich in den verschiedenen Webstoffen so gut auskennt, werden wir nicht fehlgehen, wenn wir jenen von 1474 bis 1503 in den Steuerbüchern des Donauwörther Benediktinerklosters Heilig-Kreuz genann­ten „Geschlachtwander“ (nach Schmeller Feintuchweber) Utz Franck als seinen Großvater, und dessen Nachfolger im Steuerbuch, den bis 1534 genannten Sixt Franck, als seinen Vater betrachten. Bis ins 17. Jahrhundert stehen Franck zu Schwäbischwörd am Webstuhl. Der Bruder seines Vaters hieß Michel, war Bierbrauer und Wirt, zog 1526 von Schwäbischwörd fort und ließ sich in Nördlingen nieder. Durch ihn läßt Sebastian Franck im Jahre 1531 seinen Vater grüßen. Das ist die einzige Nachricht über eine Verbindung Seba­stian Francks mit der Vaterstadt. Alle Schwäbischwörder Franck — ob Weber, Bräuer, Metzger oder Maurer — sind ruhige Bürger und keiner von ihnen ist in den vielen langen Listen vertreten, die während der Reformationszeit die unruhigen Bürger nennen. Der durch Bayern eingeleiteten Gegenreformation (1607) waren sie aber feindlich gesinnt und verließen ihre Heimat. Die Herkunft Sebastian Francks aus einer Webersfamilie ist vielsagend; waren doch gerade die Weber die rührigsten Anhänger der Waldenserbewegung gewesen. Aber auch ein Pater ist in der damals nur aus drei Familien bestehenden Franckschen Sippe vertreten. Es ist der 1508 als Benediktiner von Heilig-Kreuz verstor­bene Pater Bernhard Franck. Von der mütterlichen Seite ist nichts bekannt, aber die Eigenwilligkeit und besondere gei­stige Lebhaftigkeit sind durchaus nicht Eigenschaften der Schwäbischwörder Franck, sie sind vielmehr als mütterliches Erbgut zu betrachten.

Kindheit und erste Jugendjahre verbrachte Sebastian Franck in seiner Vaterstadt. Als Vierzigjähriger auf diese Zeit zu- rückblickend, äußert er sich nicht dankbar und zufrieden. Er behauptet, noch „im barbarischen Zeitalter“ geboren und von „amusischen Menschen“ erzogen worden zu sein. Die humanistische Bildungswelle habe ihn auch später an den Universitäten nicht ergriffen; deshalb schreibe er keinen fei­nen Stil und klinge sein Latein nicht schön. Diese Zeilen ent­behren nicht des ironischen Beigeschmacks; denn als Vier­zigjähriger war Sebastian Franck ein berühmter Schriftstel­ler, der seinen Stil eigenwillig formte und neben Luther sprachschöpferisch wirkte. Wenn er auch nicht dankbar derer gedenkt, die seinen Bildungsweg bestimmten, so ver­dankte er ihnen doch viel, und einem von ihnen verdankte er alles, nämlich sein Studium, das Grundlage seiner schrift­stellerischen Tätigkeit wurde. Der ungenannte Gönner, der ihm, dem Kinde keineswegs wohlhabender Eltern, das Stu­dium ermöglichte, war Abt Bartholomäus Degenschmied vom Benediktinerkloster Heilig-Kreuz zu Schwäbischwörd. Er war ein echter Renaissanceabt, den Künsten und Wissen­schaften freundlich gesinnt, aber in sittlicher Hinsicht An­hänger weltfrohen Heidentums. Auch als Geschichtschreiber tat er sich hervor und konnte sich rühmen, bei Kaiser Maxi­milian, dem großen Verehrer des Klosterheiligtums, in hoher Gunst zu stehen.

Als Klosterschüler erlebte Sebastian Franck mehrere Kai­serempfänge. Er sah, wie die Kirchen seiner Heimatstadt mit den letzten Kostbarkeiten mittelalterlicher Kunst ge­schmückt wurden, er hörte die Klänge der neuen Orgeln und das berühmte Glockengeläute der beiden Pfarrkirchen; er erlebte die Feste der Meistersinger und die Wettkämpfe der wackeren Schützen. Von dem Schönen, das sich ihm in Kind­heit und Jugend bot, zeigt sich der spätere Schriftsteller nicht im geringsten beeindruckt. Kein Kunstzweig begeistert ihn, weder Plastik noch Malerei, noch die geistigste aller Künste, die Musik. Für ihn gibt es nur die eine Kunst, die vereh­rungswürdig ist, weil sie die mittelalterliche Welt aus den Angeln hob: die Buchdruckerkunst.

Abt Bartholomäus von Heilig-Kreuz förderte begabte Schü­ler, um dem Kloster Nachwuchs zuzuführen. Zwei Schwäbischwörder schickte er zum Hochschulstudium: Nikolaus Heider, der später Abt von Heilig-Kreuz wurde, und Seba­stian Franck. Am 26. März 1515 wurde „Sebastianus Franck de Werdea“ Student der „freien Künste“ an der Universität Ingolstadt. Die „freien Künste“, nämlich Grammatik, Rhe­torik, Mathematik, Physik, Metaphysik und Moral, waren die Grundlagen der höheren Studien. Am 13. Dezember 1517 erwarb Franck den niedersten akademischen Grad, das Bak­kalaureat, und in den ersten Wochen des neuen Jahres nahm ihn das der Universität Heidelberg inkorporierte Dominika­nerkolleg auf, wo er theologischen und philosophischen Stu­dien oblag. Heidelberg war zwar wie Ingolstadt Zentrum konservativ-katholischer Bestrebungen, aber gerade hier war es, wo Sebastian Franck im Jahre 1518 Martin Luther anläßlich einer Disputation über Gesetz und Gnade sah und hörte.

Der große Reformator wurde wegweisend für Francks wei­tere Gedankengänge. Wann aber der offene Bruch mit der Kirche vollzogen wurde, wissen wir nicht. Die katholische Welt ist eine totale Welt, und wen sie einmal umfangen hat, gibt sie nicht ohne weiteres frei. Bei Franck wird die Lösung nicht so schmerzlich gewesen sein wie bei Luther; denn sicher ist, daß schon Skepsis an seiner Wiege gestanden war und die Zeitumstände weiter dazu beitrugen, den Abschied vom Althergebrachten nicht schwer zu machen. Viele Menschen jener Zeit hatten die Harmonie des Mittelalters verloren oder kannten sie gar nicht mehr. Zwiespältig und kritisch standen sie unbefriedigt im Leben, das unsicher, friedlos und unharmonisch geworden war.

Eine Zeitlang soll Franck katholischer Priester im Bistum Augsburg gewesen sein. Erst vom Jahre 1526 an wird er uns zur greifbaren Gestalt. Er ist Frühmesser, „Diener am Gotteswort“ in Büchenbach bei Schwabach und lebt in ärm­lichen Verhältnissen, wie ein Bittgesuch von ihm bezeugt. Es handelt sich um den Zehent, den die Geistlichen Ansbachs abzuliefern verpflichtet sind und den Sebastian Franck nicht leisten kann. Ein Jahr später treffen wir ihn im Dorfe Gustenfelden, ebenfalls in der Nähe von Nürnberg. Dort schreibt er an seinen ersten Büchern. Befreundet und gleich­gesinnt mit dem streng lutherischen Nürnberger Prediger Andreas Althamer, übersetzt er dessen „Diallage“ (Vereini­gung der streitigen Sprüche der Hl. Schrift), die 1528 in Nürnberg gedruckt werden. Auf diese Übersetzung folgt die Herausgabe einer eigenen Schrift, eine sehr zeitgemäße Be­trachtung mit dem Titel „Von dem greulichen Laster der Trunkenheit“. Beide Schriften spiegeln Francks innere Un­ruhe wider. Die „Übersetzung“ Althamers ist Franckscher Geist, der nicht innerhalb einer Orthodoxie zu bändigen ist. Althamer wird diese Eigenschaft Francks nicht erkannt haben, und vielleicht weiß der eifrige Übersetzer zunächst selbst nicht, daß seine Übersetzungen mehr oder weniger umgearbeitete Ausgaben des Originals sind. Es wird in sei­nem späteren Leben noch öfters vorkommen, daß er das­selbe sagt wie andere auch und daß es doch nicht dasselbe ist. In der Schrift „Von dem greulichen Laster der Trunken­heit“ befaßt sich Franck mit einem Problem, das ihn viele Jahre in Anspruch nimmt: Religion und Moral. Der sitten­strenge Prediger will die Früchte des Evangeliums in einem moralischen Lebenswandel sehen. Er selbst sieht bei seinen Pfarrkindern keine sittlichen Früchte reifen und deshalb packt ihn der große Zweifel, ob er den richtigen Beruf er­griffen habe. Seine Predigten bringen nicht den gewünschten Erfolg, deshalb verläßt er das Pastorenamt. Er will auf einem anderen Wege zum Ziele kommen, wennschon das gesprochene Wort erfolglos geblieben ist. Nun wird er mit gedrucktem Wort die Geister aufrütteln und als freier Schriftsteller arbeiten. Als solcher will er „Diener am Wort“ bleiben. Er hat mit dem Papsttum noch nicht gebrochen, wünscht aber, daß nicht so sehr der geistige Ketzer verfolgt werde als der Ketzer der Tat. Alle großen Verbrechen sollen von der Kirche mit dem Banne geahndet werden.

Innerlich den Wiedertäufern2 am nächsten stehend, verläßt Franck das Dorf Gustenfelden und läßt sich in Nürnberg als Schriftsteller nieder. Diese Reichsstadt, Mittelpunkt von Kunst und Wissenschaft, Tummelplatz verschiedener refor­matorischer Geister und handelstüchtiger Bürger,bietet dem scharfen Beobachter Franck reichlich Stoff für seine publi­zistische Arbeit. Bezeichnend ist es für ihn, daß er im Wiedertäuferkreis die Bekanntschaft eines Mädchens macht, das bald seine Frau wird: Ottilie Behaim, Schwester der an­gesehenen Nürnberger Kupferstecher Sebald und Barthel Behaim, die wiederholt vor dem die Ketzer richtenden Rat erscheinen mußten. Am 17. März 1528 wurde Franck bei Sankt Sebald in Nürnberg mit Ottilie Behaim getraut. Die Ehe wurde jedoch nicht glücklich. Ottilie Behaim wird noch zehn Jahre später von Zeitgenossen als außerordentlich geistvoll, beredt und schön geschildert. Der Freiheitsfanati­ker Franck konnte kein idealer Ehemann werden; es sei denn, er hätte eine Frau gewählt, die das Gegenteil Ottilie Behaims war; denn er sah in der weiblichen Ehehälfte kaum mehr als eine Dienerin des Mannes.

Schnell lösten sich die lockeren Bande, durch die Franck noch an das Papsttum gebunden war. Aus dem Jahre 1529 ist ein Lied von ihm erhalten, das als Glaubensbekenntnis des Dreißigjährigen gelten kann. Es ist durchaus keine dich­terische Leistung, zeigt aber deutlich Francks religiöse Ein­stellung. Die Überschrift lautet: „Von vier zwiträchtigen Kirchen, deren jede die ander verhasset und verdammet.“ Die erste Verszeile ist eine Ablehnung der katholischen Kirche: „Ich will und mag nicht Bäpstisch sein“; als Begrün­dung werden die Äußerlichkeiten und der Reichtum der Kirche angeführt. Der zweite Vers beginnt: „Ich will und mag nicht Luttrisch sein“, weil die Lutherkirche nicht für Gewissensfreiheit eintritt und der Glaube ohne Werke nicht zur Lebensbesserung führt. Der nächste Vers ist gegen die Zwinglianer gerichtet, die „seind auch nitt rein“. Der vierte Vers soll eine Absage gegen das Wiedertäufertum sein und beginnt: „Kein Wiederthauffer will ich sein“, wenn auch diese „neher bey Gott dan all drey hauffen“ sind. Der letzte Vers ist ein Bekenntnis zum Christusglauben und ein Aufruf zur Weltverachtung.

Außerhalb jedes Kirchensystems stehend, vermag sich Franck in Nürnberg, wo sich die Religionsgruppen gut organisierten, nicht mehr wohlzufühlen. Deshalb verläßt er in den ersten Monaten des Jahres 1530 diese Stadt und übersiedelt nach Straßburg, einem Ort, der ihm besonders angenehm scheint, weil dort eine menschliche, von allen Härten freie kirchliche Reformation vollzogen worden ist. Die Straßburger Prediger sind keine Eiferer, sondern tolerante Männer. Straßburg duldet auch Wiedertäufer in seinen Mauern und ist Zentrum der Wiedertäuferbewegung, wie es 1526 Augsburg war. Der Verkehr mit den Gesinnungsfreunden Campanus, Bünderlin und Servet verschönert Franck die allzu kurze Straß­burger Zeit. Franck ist Publizist und erfaßt daher aktuelle Probleme. Das Reich ist von der Türkengefahr bedroht, es ist ein Krieg gegen den „Erbfeind der Christenheit“. Niemand kennt diesen Feind näher als jene, die ihn selbst erlebten. Deshalb greift Franck nach einer Beschreibung der Türkei, die ein Siebenbürger, der lange Jahre in türkischer Gefangenschaft verbracht hat, in lateinischer Sprache her­ausgab. Francks „Chronica unnd beschreibung der Türckey“, 1530 bei Friedrich Peypus in Nürnberg erschienen, will die Leser mit der Türkei bekannt machen. Eine Kreuzzugsstim­mung soll nicht hervorgerufen werden, im Gegenteil, Franck weist darauf hin, daß in der Türkei nicht alles schlecht ist. Zwischendurch gibt er dem Leser viel zu denken. Er frägt z. B., ob Gott den Heiden entgelten lasse, daß sie keine Chri­sten seien? Ob die Christenheit unter sich einig sei? Nachdem er die „Papstkirche“ und die drei neuen Glauben, Luthertum, Zwinglianer und Täufer besprochen bat, schreibt er von dem „vierten Glauben“, der kommen wird, „daß man alle äußerliche Predigt, Zeremonie, Sakrament, Bann, Beruf, als unnötig wird aus dem Weg räumen und glatt eine un­sichtbare geistliche Kirche, in Einigkeit des Geists und Glau­bens gesammelt, unter allen Völkern, und allein durch das ewig unsichtbare Wort von Gott, ohne ein äußerlich Mittel regiert, will anrichten“.

Der Verfasser der „Ich will und mag nicht“-Verse will nicht die in Trümmern liegende mittelalterliche Glaubenswelt, er sucht nach einer neuen Einheit, nach einer neuen Gemein­schaft, die aber nur dann zustande kommen kann, wenn auf Äußerlichkeiten verzichtet wird. Dieser Gedanke ist nicht neu, und Franck, der von Haus aus mit der Waldenserbewegung, den „Brüdern und Schwestern des freien Geistes“, be­kannt war, mag auch von dem geistigen Vorbereiter jener Bewegung, dem Zisterzienser Joachim von Fiore, gewußt haben. Auch Joachim von Fiore, der um 1200 über die drei Zeitalter schrieb, glaubt in der Zukunft die „Geistkirche“ zu sehen. Das erste Zeitalter ist das des Vaters und formt die alttestamentarische Epoche, das zweite ist das des Soh­nes, das auf Grund einer eigenartigen Berechnung bis 1260 dauern sollte, und das dritte Zeitalter ist das des Heiligen Geistes, in welchem die Zeremonien beseitigt und die Men­schen unmittelbar von Gott belehrt werden. Das geschrie­bene Evangelium weicht einem geistigen Evangelium.

Franck ist fest davon überzeugt, auch im Religiösen eine Zeitwende zu erleben, wenn ihn nicht das Nachdenken über die sündige Menschheit in Weltuntergangsstimmung ver­setzt. In der Türkei bemerkt Franck auch gute Sitten, und als junger Ehemann interessiert er sich besonders für die Stellung der Frau in der Türkei. Er schüttet dabei sein Herz aus und klagt, daß es in Deutschland meist ungehorsame Frauen gibt; „sind wahrlich schier recht Amazonas“. Wie anders sei es doch in der Türkei, wo die Frauen „anzeigen ihre pflichtige Untertänigkeit, dem Manne schuldig, daß sie sollen und gern wollen unter des Mannes Füßen sein. Diese Gewohnheit und Zucht, wollte Gott, daß sie auch in Deutschland wäre …“ Fast in alle Schriften schiebt Franck einen Wunschzettel an die Frauen ein. Geheiratet zu haben, be­dauert er gar bald; denn die Pflicht, für seine Familie sorgen zu müssen, bedrückt ihn. Er bildet sich auch ein, durch die Ehe in seinem Gedankenflug gehemmt zu werden.

Die Türkenchronik schließt Franck mit der Voranzeige sei­nes nächsten Werkes, der großen „Geschichtsbibel“, die im Herbst 1531 in Straßburg bei Balthasar Beck gedruckt wird. Diese „Chronica / Zeytbuch und geschycht bibel von anbegyn biß inn diß xxxj jar“ hat es besonders auf religiöse, soziale und nationale Umgestaltung abgesehen. Es ist ein großer Foliant, der durchaus nicht mit einer guten alten Zeit be­kannt machen will, sondern sowohl Vergangenheit als auch Gegenwart heftig kritisiert. Franck will nicht über sein geistiges Eigentum täuschen und fügt seinem Werk eine Quellenangabe hinzu. Es sind 111 Bücher, die er bei der Abfassung der „Geschichtsbibel“ benützt hat. Aus diesen Büchern schreibt er nicht jeweils einige Stellen ab, sondern prägt diese ungeheuere Masse mit seinem Geiste um. Die Vorrede macht einen revolutionären Eindruck, wenn Franck behauptet, daß mit gutem Recht der Adler als das blutdürstigste und gefräßigste aller Wappentiere jederzeit zum Symbol der kaiserlichen und königlichen Macht erwählt wor­den sei. Wie das Vorwort, so mußte auch der weitere Inhalt des Buches damals einen revolutionären Eindruck erwecken. Am meisten erregte der dritte Abschnitt des Buches, die „Chronica der Römischen Kätzer“, die Gemüter. Unter Be­nützung des Ketzerkataloges von Bernhard von Luxemburg bespricht Franck in alphabetischer Reihenfolge die von Rom deklarierten Ketzer und fügt diesen noch einige hinzu, die er für würdig hält, daß sie diesen Ehrentitel tragen. Papst Gregor der Große und Erasmus von Rotterdam sind in der Ketzerchronik auch vertreten. Der Ketzer wird aus dem Schandwinkel hervorgeholt. Vom Franckschen Geiste be­leuchtet, erscheint er als der Heilige; denn echte Christen seien allzeit vor der Welt Ketzer gewesen.

Aber nicht nur das Ketzerkapitel löste bei Adel und Geist­lichkeit einen Sturm der Entrüstung aus. Es gibt noch viele andere Stellen, die reizten: daß die Monarchie eine von Gott aus Not nach der Sintflut über die böse Welt verhängte Staatsverfassung sei, daß die Menschen im Stande der Unschuld die demokratische Verfassung hatten, was dem Natur­rechte entspreche, aber je weiter sich die Menschen vom Zustande der Unschuld entfernen, desto mehr entfernen sie sich von der Demokratie. Die Todesstrafe sei abzuschaffen, desgleichen das riesige Heer der unnützen Beamten und Landsknechte. Halb Deutschland arbeite nicht, behauptet Franck; denn Arbeit ist seiner Ansicht nach vor allem Land­wirtschaft und Handwerk. Ein christlicher Staat dürfe keine Kriege führen, da dieser lebensfeindlich und heilswidrig, dem Göttlichen zuwider sei. Christentum und feudale Gesell­schaftsordnung sind für Franck wie später für Tolstoi un­vereinbare Gegensätze. Mit der Bezeichnung „Herr Omnes“ werden die Masseninstinkte des Pöbels charakterisiert, der zu allen Zeiten dem „Landgott“ zufällt. Mit der mittelalter­lichen Kirche hat Franck nicht ganz gebrochen, sie dünkt ihm nur verfälscht. Er findet begeisterte Worte für den heiligen Franz von Assisi, bedauert aber bei Besprechung der ein­zelnen Orden, daß es keine Franziskaner gibt. Vom Ordens­leben fordert er strengste Armut und nicht „Einfangen der Güter der Welt“. Er hat kein Verständnis dafür, daß die Kirche den verschiedenen sozialen Typen entgegenkommen will. Der Bogen von der Aristokratie der Benediktiner bis zum Kommunismus der Franziskaner ist ihm zu weit ge­spannt, er tritt nur für die „arme Gemeinschaft“ ein. Sobald der Mensch oder eine Organisation reich würden, seien sie gefährlich; denn Reichtum schafft Macht und es gibt außer­ordentlich selten einen Menschen, der Macht mit Gerechtig­keit zu paaren versteht. Die Geschichte zeigt stets den Mäch­tigen als den Maßlosen, den Gewalttätigen. Deshalb wünscht Franck wie später Montesquieu eine Teilung der Gewalten im Staate. Die Einnahmen der Landesherren sollen einer öffentlichen Kontrolle unterstehen. Auch die Steuern müßten begründet werden. Kann der Landesherr seine Steuer­einnahmen nicht genügend begründen, ist er zur Regierung nicht nur unfähig, sondern zeigt sich seinem Land als ge­fährlich. Die Untertanen sollen aber nicht rebellieren, son­dern weiterhin Steuern zahlen, weil der einzelne, der unter Räuberhände gerät, es gleichfalls nutzlos findet, sich zu wehren. Der Christ muß leiden, das ist seine Pflicht, gegen die er nicht rebellieren soll, wie die Bauern im Jahre 1525 es taten. Franck will keine Aufstände. Er weiß, daß nicht nur die Macht „von oben“, sondern auch die Macht „von unten“ gefährlich sein kann. Diese Zeilen sind bei seiner Verurtei­lung übersehen worden; denn Franck warnt auch vor der entarteten Demokratie, der Pöbelherrschaft, die noch viel ärger sein könne als die Monarchie.

Die „Geschichtsbibel“ bedeutet für Franck seinen großen Erfolg als Schriftsteller, verursacht ihm aber einen schweren Schicksalsschlag. Mit Entsetzen hat der vornehm zurück­haltende Humanistenfürst Erasmus von Rotterdam davon Kenntnis genommen, daß auch er zu den Ketzern gehöre. Luther ist empört darüber, daß es „dem Beelzebub Bastian Franck“ gelungen ist, „jenes Grifflein zu finden, daß er gewußt, wie die Historienbücher vor andern sonderlich gerne gelesen werden …, damit er das Gift unter dem Honig und Zucker desto mächtiger unter die Leute brächte“. Die Be­schwerden des Erasmus von Rotterdam und der Orthodoxie haben zur Folge, daß Franck einen Prozeß zu bestehen hat. Sogar König Ferdinand gehört indirekt zu den Klägern wider Franck und er hat nicht unrecht, wenn er Kaiser Karl V. gegenüber behauptet, daß das Buch viel Gift ent­halte und jede Obrigkeit stürzen will. Herzog Georg von Sachsen verbietet das Buch in seinen Ländern, weil der Adel und das Heilige Reich darin verhöhnt werden. Auf diese Anklagen hin wird Franck verhaftet, seine Geschichtsbibel konfisziert. Die Turmstrafe dauert zwar nicht lange, aber wieder freigelassen, kommt schon der Ausweisungsbefehl des Straßburger Rates. Im Frühjahr 1532 ist der erfolg­reiche Schriftsteller als Flüchtling in Kehl, bis er eine Stadt findet, die eine genügend tolerante Haltung hat, um ihn auf­zunehmen. Die Reichsstadt Eßlingen öffnet ihm ihre Tore. Hier erkauft er sich das Bürgerrecht, und da er als Schrift­steller nicht hervortreten darf, gewinnt er für sich und seine Familie den Lebensunterhalt als Seifensieder. Dabei ver­dient er wenig und schiebt daher den Seifenkarren zu den freien Wochenmärkten in die Reichsstadt Ulm.

Die Ausweisung aus Straßburg muß Franck hart getroffen haben. Die mühsam aufgebaute Existenz schien zerstört. Plötzlich stand der erfolgreiche Mann vor dem Nichts. In der Zeit größter Verzweiflung entstanden das „Kronenbüch­lein“ und das „Weltbuch, spiegel und bildtniß des gantzen erdtbodens von Sebastiano Franco Wördensi in vier bücher … müseiig zuhauff tragen“. Das „Weltbuch“, gedruckt bei Ulrich Morhart in Tübingen, enthält eine Betrachtung über den Pöbel. Nicht die besitzlose Klasse gehört zum Pöbel, sondern der geistlose Haufen, der nur persönlichen Vortei­len nachjagt, der sich „vom Fleische leiten“ läßt, und zu dem Menschen aller Schichten gehören, Adel, Gelehrte, Bürger, Bauern und Habenichtse, soweit sie nicht „nach dem Geiste“ leben. Der Pöbel hat stets das Übergewicht und deshalb ist es auch nicht möglich, daß ein Geschichtsbuch jemals ein Lobbuch sein kann. Franck hat schon wiederholt darauf hin­gewiesen, daß er „die Wahrheit in historiis“ sucht. Die Wahrheit ist keineswegs beglückend. Schon die alten Pro­pheten haben viele Scheltworte gebraucht, weil immer schon auf 1000 Böse ein Frommer kommt, wie heute auch. „Denn die Welt ist eine Finsternis, des Teufels Reich, darin eitel Lug und Trug regiert.“ Franck ist streng in der Beurteilung der Völker, und nicht einmal seinem eigenen Volksstamm gegenüber läßt er Nachsicht walten. Er behauptet, daß zum schwäbischen Charakter Unkeuschheit, Sauflust und Flu­chen gehören. Den Gewerbefleiß der Schwaben erwähnt er, ohne ihn zu loben.

Im Elend ist Franck Menschenverächter geworden. Sowohl das „Kronenbüchlein“ als auch das „Weltbuch“ zeigen neben dem geistvollen Kritiker den aus Verzweiflung höhnisch Lachenden. „Wir sind nur ein Fastnachtsspiel vor Gott“, nichts ist mehr ernst zu nehmen, und Franck steht mitten im Nihilismus, einem geistigen Zustand, der dem mittelalter­lichen Menschen fremd war, da er allen Widerwärtigkeiten glaubend begegnete. In diesem Zustand wirkt Franck auch am staatsfeindlichsten. Er höhnt, daß jenes Gebilde, auf das die Menschheit stolz ist, Narrheit sei, und diese Narrheit ist der Staat. Wie lästig mußte ihm seine Familie sein, wenn er behauptet, daß sich auch die Ehe durch nichts als Narrheit halten könne.

Es ist aber nicht Sebastians Francks Sache, im Elend untätig zu sein. Er ringt sich heraus aus der Verzweiflung und be­ginnt eine neue Phase seines kurzen Lebens. Der welt­zugewandte Kritiker wandelt sich zum weltabgewandten Mystiker. Die Wandlung vollzieht sich langsam. Sie wird immer deutlicher, je näher das Todesjahr rückt.

In Ulm begegnet Franck wieder das Glück. Dank der Be­kanntschaft mit dem einflußreichen Bürgermeister Georg Besserer erlangt er hier das Bürgerrecht und kann Ende des Jahres 1533 mit seiner Frau und seinen beiden Söhnchen Adam und Abel nach Ulm übersiedeln. Seifensieder will er selbstverständlich nicht bleiben, er möchte Schriftsteller sein und erstrebt noch viel mehr. Franck wünscht, seine Bücher selbst drucken zu können. Das dünkt ihm höchstes Glück. Dabei will er aber als freier Mann arbeiten, keines Fremden Brot essen oder gar jemandem zulieb schreiben. Zunächst muß sich Franck damit begnügen, Ulmer Bürger zu sein. Die Druckgenehmigung läßt auf sich warten. Nun reicht ihm ein Landsmann, der aus Donauwörth gebürtige Georg Regel, Bürger zu Augsburg, die rettende Hand. Regel war Mitarbeiter Francks gewesen, als dieser die „Geschichts­bibel“ schrieb, und hatte ihm Unterlagen für die Augsburger Geschichte geliefert. Audi der reiche Georg Regel war ein­mal Wiedertäufer gewesen und fühlte sidi Franck geistig nahe. Er wohnte in der „Pfaffengasse“ bei Sankt Moritz, einem Viertel, wo die Reichsten, auch die Fugger, ihre Häu­ser hatten. Wie Franck stand auch Regel stets in irgendeinem Gegensatz zur Umwelt. Daß ihm diese Einstellung niemals sehr schadete, verdankte er seinem Reichtum. Im Winter 1534/35 kam Sebastian Franck zu ihm auf Besuch und klagte sein Leid. Es fehlte nicht nur die Unterstützung des Rates, es fehlte ihm auch an Geld. Beiden Mängeln wollte Georg Regel abhelfen. Er schrieb daher dem Ulmer Rat, daß Se­bastian Franck ein hochgelehrter, frommer und christlicher Mann sei, den er unterstützen wolle, damit er nicht immer anderen Buchdruckern helfen müsse, reich zu werden und Wein zu trinken, während er nur Wasser habe. Als echter Humanist ist Georg Regel tolerant und tritt dafür ein, daß „ein Jud, ein frommer Mensch“, der hebräische Buchstaben hat und auch setzen kann, eine Schrift in der Franckschen Druckerei herausgibt. Dieses hebräische Werk soll bis zur Fastenmesse 1536 in Frankfurt fertig werden; es ist „von Stund an Bargeld“, man möge doch den gelehrten Franck nicht fortwährend „feiern“ lassen.

Der Ulmer Rat begeisterte sich nicht für hebräische Schrif­ten, aber 1535 wurde Francks deutsche Theologie bei Hans Varnier in Ulm gedruckt: „Paradoxa dvcenta octoginta. Das ist zweyhundert und achtzig Wunderreden aus der heiligen Schrift.“ Die „Paradoxa“ enthalten viele Gedanken aus der mittelalterlichen Glaubenswelt. Franck ist bestrebt, den Menschen seiner Zeit, die ihr Glaubensbekenntnis „als Ruhe­polster des Gewissens“ auffassen, das verlorengegangene Sündenbewußtsein wiederzugeben. Franck weiß genau, daß der mittelalterliche Mensch Schuldbewußtsein hatte, dieses Sündenbewußtsein aber war dem Renaissancemenschen ab­handen gekommen, weil ihm die Demut fehlte. Er war hoch­mütig geworden und daher maßlos und gewalttätig. Nie­mand habe das Recht, auf sein Glaubensbekenntnis zu pochen; denn vor Gott seien alle Menschen Sünder. Das Bewußtsein der eigenen Unzulänglichkeit trage dazu bei, Andersdenkende nicht zu verurteilen. Das Wesen des Chri­stentums sei tolerant. Religion und Kirchentum harmonieren nicht immer miteinander, weil sich die Kirchen oft mit dem Staat verbünden und der Staat andere Interessen habe, als den Menschen Gott näherzubringen.

Franck verwirft den „Dienstglauben“, daß nur der Obrig­keit oder „dem Haufen“ zuliebe eine Religion ausgeübt wird. „Gewiß kann das der rechte Glaube nicht sein, der jedermann Ding ist. Daher Pythagoras gelehrt hat, daß man den gemeinen, wohlgebahnten Weg nicht soll gehen und gesinnt sein wie wenig.“ Es ist Francks große und mutige Leistung, so leidenschaftlich für die Toleranz eingetreten zu sein. Seine Zeit aber war noch nicht reif für dieses Ideal; denn ohne inneren Unwillen wurden Andersdenkende nicht gerne ertragen. Als Anhänger der Toleranzidee mußte Franck in Gegensatz zu allen Reformatoren geraten, weil diese nur solange für Gewissensfreiheit eintraten, bis sie die staatliche Anerkennung erreicht hatten. Franck gewahrte die Zersplitterung der mittelalterlichen Kirche. Er sah, wie die Christen der verschiedenen Konfessionen einander be­fehdeten, was gar nicht im Sinne Jesu Christi geschehe; denn „Gott will nicht, daß man um sein Wort streitet“. Für die verlorene mittelalterliche Einheit sucht Franck einen Ersatz im Sinne des katholischen Reformators Nikolaus von Cues, den er nicht nur deshalb schätzt, weil er die Gründungs­urkunde des Kirchenstaates als Fälschung entlarvte. Franck benützt den philosophischen Grundsatz des Cusanus, daß in der Verschiedenheit der Denkrichtungen die Eine Wahrheit ihren vielfältigen Abglanz habe. Wie es Zeichen des Leben­digen ist, Einheit in der Vielfalt zu entfalten, so ist es Zei­chen des Geistes, Vielheit in der Einheit zu sammeln.

Die Gedanken aus den „Paradoxa“ kehren auch in der 1537 in Augsburg erschienenen „Guldin Arch“ wieder. In eigener Druckerei gibt Franck Schriften des ihm geistig nahe stehen­den Schwenkfeld heraus, und um auf die schreckliche Macht des Geldes aufmerksam zu machen, druckt er die Satire „des großen Nothelfers und Weltheiligen Sankt Gelds oder Sankt Pfennigs Lobgesang …dem Geld ist alles gehorsam. Eccl. 10. Zu Ulm in Schwaben Trucket mich Sebastian Franck, deß bin ich“.

Geistig gereift, gibt Franck im Jahre 1538 in Augsburg die Chronik der Deutschen, „Germaniae Chronicon“ in Druck. Die deutsche Geschichte zu schreiben, hält Franck schon des­halb für notwendig, weil die Deutschen viele Kriege geführt haben und führen und daher gar keine Zeit zur Geschichts­schreibung haben. Sie sollen sich selbst in der Geschichte näher kennenlernen, da sie eher andere Völker kennen und deren Sitten nachahmen, als daß sie stolz auf ihre Eigenart sind. Franck betont, daß es gar nicht lobenswert sei, wie bis­her Geschichte geschrieben wurde, da sich die Historiker nur allzu gerne dem Mächtigen beugen und „hoffieren“. „Was die Herren groß übel gehandelt haben, das ist über­hupft und obenhin anzeygt, wenn aber nur ains fingers breit recht hat getan, da wird ein Buch voll Lobs geschrieben.“ Die alten Römer findet Franck als Geschichtsschreiber vor­bildlich, die Deutschen seien dagegen von dieser alten Frei­heit zu schreiben abgekommen. Franck zeigt sich als Ver­ehrer Kaiser Friedrichs III., der in der Geschichtsschreibung deshalb gerne übergangen werde, weil er zu wenig Kriege geführt hat. Gerade dieser Kaiser, dem der Beiname „der Friedreiche“ gebührt, nimmt einen Ehrenplatz in der Chro­nik der Deutschen ein: „Er ist ein weyß Fürst gewesen, ein rechter friedenreicher Salomon, der wol regiert, gern fried und wenig krieg hat geführt, aber sein history bleibt weit da- hinden.“ Eine Spitze gegen die bisher mönchische Geschichts­schreibung ist die Bemerkung über die Karolinger, „die nit eitel Seiden gesponnen, sondern bloß den Ruhm erwarben, daß sie des Papsts Glauben nach Germanien geschwemmt“.

Die „Großen“ der deutschen Geschichte unterzieht Franck einer scharfen Kritik, besonders Karl den Großen, von dem er bezweifelt, daß dieser gewalttätige Herrscher einen guten Platz in der jenseitigen Welt einnimmt. Tolerant gegen je­dermann nennt er den Stauferkaiser Friedrich II. „über­mütig“ und nimmt ihm die Hinrichtungen von Prälaten, die dieser als Staatsfeinde zu Ketzern erklärte, sehr übel. Franck ist zwar Gegner eines jeden Krieges, aber die Liebe zu sei­nem Volke versetzt ihn oft in so große Begeisterung, daß er sich sogar über die Siege der Deutschen, die diese errungen haben, freut.

Im Gegensatz zu seinem „Weltbuch“ findet er hier anerken­nende Worte über seine Heimat Schwaben. Er beschreibt die große Bevölkerungszunahme im ganzen deutschen Land und schildert Bayern und Schwaben als die kinderreichsten Volks­stämme. Ungarn könne — falls der liebe Gott einmal dieses Land den Deutschen gäbe — recht gut besiedelt werden, ohne daß man die Auswanderung im Mutterland zu spüren bekäme. Die große Bevölkerungsdichte bringt es auch mit sich, daß Grund und Boden so schwer und teuer zu erwerben sind. „Wenn nicht Gott den Krieg scheydet, und ein Sterben drein kompt“, müßten die Deutschen wie Zigeuner von Land zu Land ziehen. „Also daß von Deutschen, sonderlich von Schwaben, von fremden Nationen, so sie drum neiden, ein Sprichwort ist entstanden: Schwaben und böß gelt fürt der Teufel in alle Welt.“ Voll Stolz bemerkt Franck, daß die Schwaben das am weitesten gereiste Volk seien und auch die anderen Deutschen oft regieren. Als Lehrer und Künstler, auf den Universitäten und in Kriegen seien sie am erfolg­reichsten.

Die glückliche Ulmer Zeit ging zu Ende. Auf Drängen be­sonders des Ulmer lutherischen Stadtpfarrers Frecht wurde Franck im Juli 1539 ausgewiesen. Er hätte viele seiner Be­hauptungen widerrufen sollen, aber er tat es nicht und rief bedeutende Geister aus der Welt der Mystik an, die be­zeugen sollten, daß er nichts anderes behauptet habe als sie. Mit zwei vollbeladenen Wagen zieht Franck mit seiner Frau und fünf Kindern von Ulm fort und erwägt, ob Basel oder Bern sein neuer Aufenthaltsort werden soll.

Basel nimmt Franck auf. Hier vergesellschaftet er sich mit dem Buchdrucker Nikolaus Brylinger. Im Jahre 1540 stirbt seine Frau, im nächsten Jahre vermählt er sich mit der Straßburger Buchdruckertochter Margarethe Beck.

„Das Kriegsbüchlein des Friedens“, „Das verbütschiert Buch“ mit der Frage, „Wer weiß, was Gott zu allen Zeiten einem jeden ins Ohr gesagt hat?“ und die Sprichwörter kommen in den Basler Jahren in Druck. In der Bearbeitung des Neuen Testaments erkennt Franck deutlicher als je zu­vor den übermoralischen Charakter des Evangeliums. Seine letzte Schrift „Communio sanctorum“, über die Gemein­schaft der Heiligen, erschien erst Jahre nach seinem Tode in den Niederlanden, wo Francks Schriften Kampf- und Trost­literatur zugleich gegen die spanische Fremdherrschaft wurden.

Die ideale, aus ethischen Gründen kommunistische Gemein­schaft der Heiligen, die vollendete menschliche Gemein­schaft, stellt sich nach Francks These von selbst in dem Maße ein, wie der einzelne „nach dem Geiste“ lebe. Er erwartet den Fortschritt der Gesellschaft nicht von obrigkeitlichen Maßnahmen, sondern von der Vollendung der Gesinnung ihrer Angehörigen. Der Staat, der nicht fühlbar in Erschei­nung tritt, hat die Bürger zum wahren Gebrauch der Frei­heit anzuhalten, und da die Wahrhaftigkeit nicht gebeugt werden darf, müssen alle religiösen Anschauungen aner­kannt werden. Bewußt außerhalb jeden religiösen Systems stehend, weist Franck dem Suchenden seinen Weg der per­sönlichen Erfahrung, des Horchens nach innen. Schon längst hatte Franck erkannt, daß nur das wichtig sei, was Gott „auf unsere Herztafeln schreibt“. In der Einkehr in sich selbst, wie es die mittelalterliche Mystik lehrte, gelangt der Mensch zur Erkenntnis der Gottesnähe. Einsamkeit ist ober­stes Gebot, aber einsam sein, ist nicht Sache der Masse. Ihr geht nur die geistige Elite nach, die den beschwerlichen Weg nicht scheut. Das „Leben unter der Bank“, abseits des Welt­getriebes, wird immer wieder empfohlen.

Im 43. Lebensjahr ist Sebastian Franck zu Basel gestorben. Seinem Alter entsprechend hätte er eigentlich keine Alters­weisheit hinterlassen können. Dennoch scheint sein Lebens­kreis geschlossen. Franck war am Ziele angelangt, als der Tod kam. Der Geist der Mystik gab ihm das, was er wollte. Es lag ihm nicht, zu organisieren. Zu wecken, fühlte er sich berufen. Wären ihm weitere Jahre beschieden gewesen, er hätte im Mystischen verharrt; denn „Alle Lebens- und Welt­anschauung, die dem Denken genügen will, ist Mystik“ (Albert Schweitzer).

Francks Gesellschaftslehre hat in verschiedenen Sekten ihre Verwirklichung gefunden. Besonders die Mennoniten, die in ihrem Lexikon Sebastian Franck stark zur Geltung bringen, haben etwas vom Geiste jener „Gemeinschaft der Heiligen“, die der unruhige Schwabe ersehnte.

Quellen: Über die Franck in Donauwörth: Steuerbücher des Bene­diktinerklosters Heilig-Kreuz im Fürstl. Archiv Wallerstein; Urkunden­serie u. Briefprotokolle im Stadtarchiv Donauwörth.

Wichtigste Literatur: Dilthey, Wilhelm, Auffassung und Ana­lyse des Menschen im 15. und 16. Jahrhundert, Ges. Schriften II (1921). — Kreiner, Arthur, „Die Bedeutung Denchs und Sebastian Francks“ in: Mitt. des Vereins für die Geschichte der Stadt Nürnberg, Bd. 39 (1944), mit mehreren Hinweisen auf die Franck-Literatur. — Nigg, Walter, Buch der Ketzer (Kapitel über Sebastian Franck), Zürich 1949. — Oncken, Hermann, Sebastian Franck als Geschichtsschreiber, Hist.-polit. Aufsätze u. Reden I (1914). — Peuckert, Will-Erich, Sebastian Franck, München 1943. — Roth, Friedrich, Augsburger Reformationsgeschichte (Hinweise auf die Beziehungen Francks zur Kirchstadt Augsburg im Bd. 2, 1904). — Teufel, Eberhard, „Landräumig“ Sebastian Franck, Neustadt/Aisch 1955. — Weinbauff, Franz, s. Franck in der „Allgem. Deut­schen Biographie“. — Ders., in: Alemannia 5.

Quelle: Götz Freiherrn von Pölnitz (Hrsg.), Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben, Bd. 6, München: Max Hueber Verlag, 1958, S. 217-237.

1 Vgl. Lebensbilder aus d. bayer. Schwaben, Bd. 1 (1952), S. 113—130.

2 Vgl. Lebensbilder aus d. bayer. Schwaben, Bd. 5 (1956), S. 140—154.

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