Walther Zimmerli, Jeremia, der leidtragende Verkünder: „Das ist es, was da zum Ausdruck kommt, wo der Verkündiger nicht einfach unbeteiligt das göttliche Wort ausrichtet, sondern sich selber mit seiner ganzen Person hineingebunden weiß: mit seinem Volke, und noch viel mehr, mit Gott selber mitleidend richtet er seine Botschaft aus. Nochmals werden wir an dem, was am Kreuze Christi geschehen ist, nicht vorbeischauen können. Da, wo das Lamm Gottes der Welt Sünde selber ans Kreuz getragen hat, da ist das Geheimnis dieses »Mitleidens« dessen, der Gottes Wort in seiner Person selber ist, in letzter Gültigkeit sichtbar geworden.“

Jeremia, der leidtragende Verkünder

Von Walther Zimmerli

Das Alte Testament berichtet uns manches davon, wie Israel seine Gottes­dienste gehalten hat. 1 Sam 1 beschreibt, wie das Familienhaupt Elkana mit seiner ganzen Familie ans Heiligtum in Silo hinaufzieht, um dort »vor dem Herrn der Heerscharen zu beten und zu opfern«[1]. Der agendarische Text Dt 26, 1 ff. wiederum schildert anschaulich, wie der Bauer mit der Gabe seiner Früchte ans Heiligtum kommt, den Korb mit den Früchten dem Priester aushändigt, der ihn am Altar niedersetzt. Und dann spricht der Bauer in seinem Gebet den Dank an Gott aus, der seine Ahnen aus der Bedrückung in Ägypten heraus und in das gute Land hineingeführt hat, das ihm die Früchte schenkt, die er nun vor Gott darbringt. Ganz persönlich dankt er in seinem Gebet für die Gabe des guten Landes, die ihm von seinem Gott zugeteilt worden ist. In beiden alttestamentlichen Texten tritt dem Beter am Heiligtum der Priester entgegen, der dort seines Amtes waltet und des Gläubigen Gaben entgegennimmt. In den Lobliedern des Psalters ver­nehmen wir auch noch vieles von den Worten, mit denen der Beter und die vor Gott versammelte Gemeinde ihr Lob ausgesprochen und ihre Bitten vor Gott getragen haben.

Das Alte Testament läßt uns aber noch eine ganz andere Menschengruppe erkennen, die im Volke Israel aufgetreten ist, um Israel mit dem Willen seines Gottes zu konfrontieren: die Propheten. Diese Propheten haben es nicht mit der Darbringung der Opfer und der Entgegennahme der Gaben der Frommen zu tun. Sie sind nicht die Hüter und Verwalter des Heiligen am Heiligtum. Es sprechen aber gewisse Anzeichen dafür, daß manche Propheten auch Oblie­genheiten im Gottesdienst Israels zu erfüllen hatten. 1 Sam 10, 5(10) und vereinzelte spätere Wahrnehmungen lassen es als möglich erscheinen, daß Gruppen von Propheten es mit der Tempelmusik zu tun gehabt haben. Deut­licher noch ist erkennbar, daß die Propheten das Amt der Fürbitte in Israels Gottesdiensten versehen haben. Da, wo im Alten Testament zum ersten Mal ein Mann als Prophet bezeichnet wird – es ist dieses auffallenderweise der Patriarch Abraham, da wird ihm der Auftrag zuteil, fürbittend für den König Abimelech von Gerar einzutreten (Gen 20, 7). Ganz so erwartet auch viel später der Prophet Jeremia von einem echten Propheten, der sein Amt in richtiger Weise wahrnähme, daß er Gott mit Macht darum anflehte, nicht größeres Unheil über das Volk zu bringen (Jer 27, 18).

Aber mit alledem haben wir das noch nicht genannt, was nun für die großen Propheten, von denen das Alte Testament berichtet, im Zentrum steht. Es ist eine Eigenart der Schriftensammlung des Alten Testamentes, daß sich hier vom Buch Jesaja bis hin zum Buch Maleachi ein ganzer Komplex von prophetischen Schriften findet. Diese Schriften sind weithin Sammlungen von Worten, Elementen der Verkündigung, mit denen die Propheten ins Volk hineingetreten sind. Sicher nicht nur in seine Gottesdienste, sondern auch in andere Situationen im Leben des Volkes.

Dabei geht es hier um eine ganz besondere Art der Verkündigung. Sie sind nicht dem späteren Verkündiger in der christlichen Gemeinde gleichzusetzen, der textgebundene Schrift auslegt und ein kanonisiertes Evangelium verkündet. Sie sind eigentümlich unmittelbar von Gott her Beschlagnahmte, Aufgebotene. Ein Amos berichtet (7, 15), daß Gott ihn von der Herde weggeholt und ihm den Auftrag gegeben habe, dem Volke Israel göttliche Verkündigung zu sagen.

Achten wir näher auf den Inhalt der Verkündigung der älteren Schrift­propheten, das heißt der Propheten, von denen uns niedergeschriebene Sammlungen von Worten erhalten sind, so ist dieser Inhalt erschreckend genug. Der von der Herde durch Gott weggeholte Prophet Amos, dem Ver­kündigung aufgetragen ist, bekommt den Auftrag, »Israel«, das heißt dem nördlichen Teil des nach dem Tode Salomos in zwei getrennte Staaten zer­fallenen Gesamtisrael das nahe bevorstehende Ende anzusagen. Man würde den Propheten dabei aber ganz falsch beurteilen, wenn man in ihm den Wahr­sager sähe, der nun eben dieses Unheilsereignis der nahen Zukunft anzukün­digen hat, so wie Kassandra ihre schwarzen Ahnungen als Unheilsbotschaft verkündet. Des Propheten Amt ist es, das Volk mit seinem Gott zu kon­frontieren. So reden sie denn auch von dem, was das nahende Unheil be­gründet. Es ist nicht ein Fatum, das sich nun eben erfüllen muß, wie der alte Fluch über dem Atridenhaus sich eben an Agamemnon vollziehen muß. Die Propheten stellen zugleich ihr Volk zur Rede. Sie weisen auf die Stellen des Ungehorsams des Volkes gegen Gott, die soziale Härte im Leben Israels, seine sträfliche Sicherheit, die es nicht gelten lassen will, daß Gott es zur Verantwortung zieht, sein gewissenloses Festefeiern und Gottesdiensthalten, das daneben den schlichten Gehorsam gegen Gottes Gebot und Gottes Rechts­forderung vermissen läßt (Am 5, 21-25; Jes 1, 10-17). In all der Ankündi­gung des kommenden Unheils ist der Ruf Gottes zu hören, der von seinem Volke die Zukehr zu ihm erwartet. »Suchet mich, damit ihr lebet. Und sucht nicht Bethel (einen Wallfahrtsort) auf … denn Bethel wird zunichte« (5, 4f.). »Suchet das Gute und nicht das Böse, damit ihr lebet; und der Herr, der Gott der Heerscharen, wird so mit euch sein, wie ihr sagt. Hasset das Böse und liebet das Gute und stellet das Recht her im Tore; vielleicht wird dann der Herr, der Gott der Heerscharen, dem Rest Josephs (das heißt dem im Gericht umkehrenden Rest Israels) gnädig sein« (5, 14 f.).

Das Geschick des Nordreiches hat sich bald, nachdem Amos als Verkün­diger aufgetreten ist, im Gericht erfüllt. Mehr als hundert Jahre nach seinem Auftreten ist im Südreich Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem ein anderer aufgeboten worden, dem im folgenden die Aufmerksamkeit gelten soll, Jeremia. Er stammte aus dem kleinen Landstädtchen Anathoth, wenig nörd­lich von Jerusalem. Nach der Angabe an der Spitze des nach ihm benannten Buches stammt er aus priesterlicher Familie. Nirgends aber erkennen wir, daß er nun etwa am Heiligtum priesterlichen Dienst getan hätte. Vielmehr erzählt der knappe Bericht seiner Berufung, der fast nur aus einem Zwie­gespräch zwischen Gott und dem jungen Jeremia besteht, auch von ihm, daß es der zwingende Zugriff der Hand Gottes gewesen sei, der ihn zum Ver­kündi­ger machte. Über die äußeren Umstände dieser Berufung ist nichts weiter gesagt. Aus welchem Lebensberuf er selber herausgerissen und zu diesem Dienste geholt wurde, ist nicht zu erkennen. Es ist auch später in all dem vielen Wort, was von ihm überliefert wird, nicht mit Sicherheit aus­zumachen. Es spielt dieses auch für seinen Dienst, der prophetischer Dienst sein soll, keine Rolle. In diesem Dienst ist ihm Verkündigung aufgetragen. Der einzige Zug, der das an ihm Geschehene näher zu beschreiben scheint, ist die Erwähnung, daß Gott seine Lippen berührt und in dieser Berührung sein Wort in Jeremias Mund gelegt habe. Das andere ist allerdings aus dieser Schilderung der Berufung auch noch zu erkennen, daß der so zum Dienst Berufene vor diesem Ruf zurückschreckt, Gott seine Jugend vorhält, die ihn zu diesem nicht fähig sein lasse. Aber Gottes Wort weist diesen Widerspruch zurück: »Sage nicht: Ich bin zu jung, sondern zu allen, zu denen ich dich sende, wirst du gehen und alles, was ich dir gebiete, wirst du reden.« In dieser indikativischen Formulierung ist aller Widerspruch durch das Aufgebot Gottes weggewischt. Jeremia hat zu gehen und zu verkündi­gen.

Damit aber stehen wir vor dem Anfang eines Lebens, das nicht nur in einer spürbaren Spannung, sondern ganz offensichtlich in einer tiefen Be­drängnis lebt. Die Sendung zur Verkündigung und des Propheten eigener innerer Wunsch decken sich in keiner Weise, sondern klaffen oft weit aus­einander. Das wird am allerdeutlichsten in einer Reihe von Worten, die in des Propheten Buch zu finden sind, erkennbar. Man hat sie als »Konfessio­nen« bezeichnet, Bekenntnisse der inneren Verfassung des Propheten. Man darf dabei in das Wort Konfession aber nicht den Gedanken einbringen, daß der Prophet hier im Sinne eines »Glaubensbekenntnisses« eine formulierte Zusammenfassung der Einsichten, die seinen Gottglauben ausmachen, böte. Auch darf man nicht an ein »Sündenbekenntnis« denken. Vielmehr lassen diese Konfessionen den Aufschrei zu Gott hin hörbar werden, in dem der Prophet die Qual seines Verkündigungsamtes zum Ausdruck bringt. Es sind Klagen, Bitten, sie können sich steigern zu Anklagen gegen Gott. Etwas von dem zu sehen, was vor allem in diesen »Konfessionen« hörbar wird, soll im folgenden die Aufgabe sein.

Man wird dieses allerdings nicht ablösen können von dem, was in den übrigen Worten des Propheten zu hören ist. Diese bilden den Hintergrund für die Klage, die der Prophet dann vor seinem Gott ausschüttet.

In der Frühzeit seiner Verkündigung, deren Worte vor allem in den Kap. 2-6 seines Buches zu finden sind, kündet der Prophet den Einbruch eines gefährlichen Feindvolkes von Norden her an. Er nennt keinen Namen die­ses Volkes. Alles scheint sich ihm erst in Umrissen abzuzeichnen. Aber was er anzukündigen hat, bleibt doch nicht im Allgemeinen stehen, sondern er­hält den Charakter eines dramatischen Geschehens, das über das Volk her­einbricht und in das er unverkennbar mit all seinem persönlichsten Empfin­den und Erleben hineingerissen ist. Er hört das Geschrei der von den unheim­lichen Scharen aus Norden Überfallenen, die Warnrufe, die laut werden: »Tut es kund in Juda, und in Jerusalem laßt es hören. Stoßt ins Horn im Lande, ruft mit lauter Stimmer! Schart euch zusammen! Auf, hinein in die festen Städte! Empor das Panier gen Zion, flüchtet, verweilet nicht! Denn Unheil führe ich (hier ergreift Gott selber das Wort) heran von Norden und großes Verderben. Schon steigt aus seinem Dickicht herauf der Löwe, der Würger der Völker bricht auf und kommt hervor aus seiner Stätte, dein Land zu verwüsten; deine Städte werden zerstört, daß niemand darin wohnt. Darum gürtet das Trauergewand um, wehklaget, heulet! Nicht hat sich von uns gewendet der glühende Zorn des Herrn« (4, 5-8). Oder in 4, 29-31: »Vor dem Lärm der Reiter und Bogenschützen flüchtet das ganze Land, sie gehen hinein ins Dickicht, steigen auf die Felsen, jede Stadt ist verlassen, kein Bewohner drin. Und du, vergewaltigtes Weib, was willst du tun? Magst du dich kleiden in Karmesin, dich schmücken mit Goldschmuck, großmachen die Augen mit Schminke – du machst dich umsonst schön! Dich verschmähen die Buhlen, sie begehren dein Leben. Denn Geschrei höre ich wie vom krei­ßenden Weibe, Angstruf wie von der werdenden Mutter, die Stimme der Tochter Zion, die ächzt und die Hände ausstreckt: ›Wehe, mir, es erliegt mein Leben den Mördern!‹« Wer diese dramatischen Schilderungen des kommenden Gerichtes liest, wird unwillkürlich verspüren, wie hier nicht ein Unbeteiligter redet, den das, was kommt, nichts anginge. Hier redet einer, der selber aufs schwerste mitbetroffen ist, mitleidet unter dem, was über sein Volk hereinbricht. Daran ändert die Tatsache nichts, daß er dann doch wie­der in voller Deutlichkeit sein Volk anklagen und ihm seine Versündigung vor seinem Gott, den Abfall zu anderen Mächten und die tiefe Bosheit seines Herzens ansagen muß. »Vermag wohl ein Mohr seine Haut zu ändern oder ein Panther seine Flecken? Dann freilich könnt auch ihr Gutes tun, die ihr des Bösen gewohnt seid« (13, 23). Auch diese harte Erkenntnis vom Wesen seines Volkes aber macht den Propheten nicht hart, gleichgültig gegenüber dem, was über sein Volk kommt. Sein Herz zittert mit im Leid seines Vol­kes. »Ach, meine Brust, meine Brust! Ich zittere! Ihr Kammern meines Herzens! Es stürmt in mir meine Seele, ich kann nicht schweigen. Denn Hörnerschall höre ich und Kriegsgeschrei. Es kommt Verderben über Ver­derben, das ganze Land ist verwüstet, jählings sind meine Hütten verheert, im Nu meine Zelte. Wie lange noch muß ich das Panier sehen, muß ich hören den Hörnerschall« (4, 19-21). Vor des Propheten Auge ist all das nicht nur fernes Phantasiegebilde, es ist ganz unmittelbares Erlebnis, das ihn überfällt und ihn in seinem Innersten aufwühlt, so daß er mit den Schreienden schreien muß. Seine Augen, die mehr sehen als die Augen des gewöhnlichen Alltags­menschen, sind verfolgt von den unheimlichen Bildern des Todes, der seinem Volke droht. »Meine Augen zerfließen in Tränen Tag und Nacht und dürfen nicht ruhen; denn zerschlagen, zerschmettert liegt die Jungfrau, die Tochter meines Volkes, schwer getroffen. Gehe ich hinaus aufs Feld, siehe da, vom Schwert Erschlagene. Kehre ich heim zur Stadt, siehe da, Hungersqual!« (14, 17f.)

Wer diese Worte, in denen der Prophet mit seinem Volke mitleidet, hört, der könnte nun wohl vermuten, daß all dieses Jeremia in jenes Amt hineintreibt, das eingangs schon als ein Amt, das auch vom Propheten über­nommen worden ist, erwähnt worden war: das Amt der Fürbitte vor Gott. Es verschärft die Lage des Propheten, daß ihm eben dieses ausdrücklich von Gott verboten wird. »Du aber, bete nicht für dieses Volk, erhebe für sie kein Flehen und dringe nicht in mich; denn ich erhöre dich nicht. Siehst du nicht, was sie treiben in den Städten Judas und in den Gassen Jerusalems? Die Kinder le­sen Holz auf, und die Väter zünden das Feuer an; die Frauen kneten den Teig, um der Himmelskönigin Kuchen zu backen, und fremden Göttern spendet man Trankopfer, um mir wehe zu tun. Tun sie denn mir wehe, spricht der Herr, nicht vielmehr sich selbst, daß ihr Antlitz erröten muß? Darum spricht der Herr also: Siehe, mein grimmiger Zorn ergießt sich über diesen Ort, über die Menschen und über die Tiere, über alle Bäume des Feldes und über alle Früchte des Ackers — ein brennender, nie erlöschender Zorn« (7, 16-20). Nicht weniger als dreimal ist es in der Sammlung der Worte des Jeremia- buches zu hören, daß Gott dem Propheten ganz ausdrücklich die Fürbitte für sein Volk verbietet (noch 11, 14 und 14, 11).

Die Situation des Propheten ist aber mit all dem Gesagten noch nicht voll gezeichnet. Er hat Gericht und Unheil von Gott her anzukündigen. Es ist nicht verwunderlich, daß dieses ihn in scharfen Gegensatz zu dem Volk, mit dessen Ergehen er doch so tief mitleidet, bringt. In den erzählenden Stücken, die sich im Buche Jeremia finden, ist auch Bedrängnis durch äußere Gegner zu erkennen. Wie Jeremia einmal im Tempel harte Worte wider das Volk gesprochen hat, läßt ihn der Priester Pashur, der im besonderen für die Ordnung im Tempel verantwortlich ist, schlagen und durch eine ganze Nacht hin in den Blöde schließen läßt, »der sich am oberen Benjamintor beim Hause des Herrn befand« (20, 2). Zu dem rein körperlichen Leiden dieser Gewalttat kommt so für den Propheten auch das Erleiden von Spott und Schmach von Seiten derer, die durch das Tor gehen und die gegenüber dem lästigen Mahner, den nun seine gerechte Strafe getroffen zu haben schien, mit bösen Worten nicht gespart haben werden, so wie es dann später am Kar­freitag auch gegenüber dem geschehen ist, der vor den Toren Jerusalems am Kreuze hing (Mt 27, 39-43). Jer 26 erzählt weiter davon, wie Jeremia einmal im Tempel geredet und angekündigt hat, daß es dem Tempel in Jerusalem so gehen werde, wie dem Tempel in Silo, dessen Trümmer wohl manchem in Jerusalem vor Augen standen. Im Anschluß daran fehlte wenig, daß der Prophet im Kurzverfahren, so wie dann später der christliche Zeuge Stepha­nus, der auch Worte gegen den Tempel sagte (Apg 7), ums Leben gebracht worden wäre. Daß einem anderen zeitgenössischen Propheten, der ähnlich geredet hatte wie Jeremia, dieses Schicksal zuteil wurde, ist in 26, 20-23 nebenbei erwähnt. Ganz ebenso gefährlich für den Propheten wird, was in Kap. 36 berichtet ist. Durch seinen treuen Helfer Baruch hat er im Tempel eine Sammlung seiner Worte vorlesen lassen. Nur die Vorsorge der ihm wohlgewogenen Minister, welche ihn veranlaßten, sich versteckt zu halten, hat es verhindert, daß er, nachdem diese Worte vor den Ohren des Königs verlesen worden waren, ebenfalls ums Leben gebracht wurde. Die eigentliche Leidenszeit Jeremias aber ist die letzte Zeit Jerusalems geworden, als schon das Heer Nebukadnezars die Stadt belagerte. Da er zur Ergebung gegen­über dem von dem Gott Israels selber als Strafwerkzeug aufgebotenen baby­lonischen König mahnte, wurde er in Haft genommen, schließlich in eine Zisterne geworfen, wo seine Feinde ihn beseitigt zu haben hofften. Nur die Intervention befreundeter Menschen beim König Zedekia erreichte, daß er aus dieser tödlichen Bedrohung befreit in der weiterhin aufrechterhaltenen Haft diese böse Zeit, die mit dem Fall Jerusalems ihr Ende fand, überhaupt überlebte. Es ist in diesen letzten Tagen Jerusalems wohl etwas vom Här­testen für den Propheten gewesen, daß die Oberen des Volkes, welche ihn in Haft setzten, von ihm behaupteten: »Dieser Mann will nicht das Heil, son­dern das Unheil des Volkes« (38, 4).

Auf dem Hintergrund dieses vielschichtigen Geschehens: Aufgebot durch Gott, dem Volke das Gericht anzusagen, innerliches Mitleiden mit seinem Volke, dem er diese Botschaft anzukündigen hatte und darin innerlicher Widerspruch gegen den, der ihn sandte, auf der anderen Seite Haß von Seiten des Volkes, mit dem er doch in seinem Herzen mitlitt, Verfolgung und Behauptung, daß er gegen sein Volk stehe, ist nun zu verstehen, was in den Konfessionen des Propheten zu hören ist.

Ist es verwunderlich, wenn da Worte sind, in denen der Zorn über die Menschen, die den Propheten anfeinden, aufbricht, und er vom Unheil, das sie von Gott her treffen wird, reden muß? »Der Herr hat es mir kund­getan, und so erkannte ich es; da durchschaute ich ihr Treiben. Ich aber war wie ein zahmes Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; ich ahnte nichts. Sie schmiedeten Pläne wider mich: Laßt uns den Baum verderben in seiner Blüte, ihn ausrotten aus dem Lande der Lebendigen, und seines Namens werde nicht mehr gedacht! Aber der Herr der Heerscharen richtet gerecht, er prüft Nieren und Herz. Noch werde ich deine Rache an ihnen schauen; denn dir habe ich meine Sache anheimgestellt. Über die Männer von Ana­thoth, die mir nach dem Leben trachteten und sprachen: ›Du darfst nicht mehr weissagen im Namen des Herrn, sonst stirbst du durch unsere Hand!‹ spricht darum der Herr also: Siehe, ich suche es heim an ihnen: die jungen Männer sollen durchs Schwert sterben, ihre Söhne und Töchter vor Hunger; kein Überrest soll ihnen bleiben. Denn ich bringe Unheil über die Männer von Anathoth im Jahre ihrer Heimsuchung« (11, 18-23). – Hier kommt zum Ausdruck, wie arglos Jeremia zunächst in seiner Vaterstadt Anathoth gelebt hatte, und es dann erleben mußte, daß gerade die ihm am engsten Verbunde­nen heimliche Pläne gegen ihn schmiedeten. Aus dem Erschrecken darüber flüchtet er zu seinem Gott und bittet ihn um sein strafendes Eingreifen.

Daß er selber zunächst mit ganz anderen Gedanken an die Menschen um ihn her, die von seiner Gerichtsbotschaft bedroht waren, gedacht hatte, kommt an anderer Stelle voll zum Ausdruck, wo er zu seinem Gott schreit: »O Herr, heile mich, so werde ich heil, hilf mir, so ist mir geholfen; denn du bist meine Hoffnung, o Herr. Siehe, sie sprechen zu mir: ›Wo bleibt denn das Wort des Herrn? Er möge doch kommen!« Ich aber habe dich nie gedrängt wegen des Unheils, nie herbeigesehnt den Unglückstag, du weißt es; was von meinen Lippen gekommen ist, offen liegt es vor deinen Augen. Werde mir nicht zum Entsetzen, du meine Zuflucht am Tage des Unheils! Meine Ver­folger sollen zuschanden werden, ich aber nicht; sie sollen sich entsetzen, ich aber nicht! Bringe über sie den Tag des Unheils, zweifach zerschmettere sie!« (17, 14-18). Hier ist die Verbundenheit des Propheten mit seinem Volke und seinem Leiden ganz voll ausgesprochen. Er hat Gott nie gedrängt, er möchte doch das Gericht bald über das Volk bringen, obwohl Menschen ihm höh­nend entgegenhalten: »Wo bleibt denn das Wort des Herrn? Es möge doch kommen!« Wer die vom persönlichen Mit-Leiden gezeichneten Worte des Propheten, in denen er den »Feind von Norden« ankündigte, vor Augen hat, der weiß, daß der Prophet vor Gott nicht lügt, wenn er sagt: »Ich habe dich nie gedrängt wegen des Unheils, nie herbeigesehnt den Unglückstag, du weißt es; was von meinen Lippen gekommen ist, offen liegt es vor deinen Augen.« Aber nun fühlt er sich von beiden Seiten bedrängt. Gott bedrängt ihn mit seinem Unheilsauftrag, der ihm Not macht. Und die Menschen be­drängen ihn wegen eben dieser Verkündigung, die ihm innerlich so Not macht. Es kann für den Propheten in dieser Bedrängnis keinen Zweifel darüber geben, auf welche Seite hin er allein fliehen kann. Nur hin zu Gott, den er darum um seine Hilfe anruft und um den Schutz vor seinen mensch­lichen Verfolgern. So kann es denn bei diesem Verkündiger auch wieder zu den harten Worten der Anklage gegen diese Menschen und zur Anrufung des göttlichen Schutzes und der Bestrafung der Widersacher kommen.

In schärfster Spannung wird das, was der Prophet an Not und zugleich Seligkeit in seinem schweren Amte erfährt, in 15, 10 und 15-21 hörbar.

Da ist es zunächst der verzweifelte Schmerzensschrei aus der eigenen Not heraus, die den Propheten seine eigene Geburt verwünschen läßt. Der Tag, an dem seine Mutter ihn geboren hat, steht vor seinen Augen. »Wehe mir, Mutter, daß du mich geboren! einen Mann des Haders und des Streites für alle Welt! Ich bin nicht Gläubiger und nicht Schuldner und doch verfluchen mich alle.« Wäre Jeremia ein Mann der Geldgeschäfte, der anderen Geld geborgt hat und es hartherzig von ihnen zurückfordert, oder ein Schuldner, der anderen seine Schulden zurückzahlen sollte und nicht bezahlen kann, dann wäre der Zorn der anderen auf ihn menschlich verständlich. Warum aber diese ganze Not, wo er doch weder das eine noch das andere ist? – Die Verse, die auf diesen Aufschrei im hebräischen Texte des Jeremiabuches folgen, sind leider in ihrem Text nicht recht durchsichtig, so daß nicht zu entscheiden ist, ob seine Klage hier noch weiter geht, oder ob auch schon von einem Gottes­wort berichtet ist, das ihm auf seine verzweifelte Frage antwortet.

Deutlich erkennbar ist dann aber, was der Prophet von V. 15 ab sagt. Es ist zunächst nochmals der verzweifelte Ruf zu seinem Gott, ihn nicht im Stiche zu lassen, sondern strafend gegen die Feinde einzugreifen. »Du weißt es, Herr, gedenke meiner und achte auf mich! Räche mich an denen, die mich verfolgen! Übe nicht Langmut, raffe sie hin! Bedenke, um deinetwillen dulde ich Schmach.« Wie ein gehetztes Wild schreit der Prophet zu seinem Gott und bittet ihn mit leidenschaftlichen Worten, daß er die Verfolger an ihrem Tun hindere und sie selber zur Rechenschaft ziehe.

Dann aber ereignet es sich in einem ganz überraschenden Umbruch der Aussage, daß der Prophet von der Seligkeit reden muß, die sein so lastendes Amt für sein persönliches Leben bedeutet. »Stellte dein Wort sich ein, so verschlang ich es. Zur Wonne ward mir dein Wort. Zur Freude des Herzens ward es mir, daß ich deinen Namen trage, Gott der Heerscharen.« Wir treffen es in ruhig formulierten alttestamentlichen Aussagen, daß von der hilfrei­chen Macht des göttlichen Wortes geredet werden kann. So bekennt der Psalmist von Ps 119, 103: »Wie süß ist deine Rede meinem Gaumen, süßer als Honig in meinem Munde.« Oder man vergleiche die ganze Kette von Rüh­mungen des Gotteswortes in Ps 19, 8-11, wo in V. 11 von den »Rechten des Herrn«, das heißt von seinen im Gebot dem Menschen gegebenen Wei­sungen gesagt werden kann: »Sie sind köstlicher als Gold, ja viel feines Gold, und süßer als Honig und Wabenseim.« Der Ps 119, der als ganzer in all seinen vielen Sätzen das Lob des Gotteswortes und seiner Bedeutung für den Menschen singt, sagt ganz ähnlich in V. 72: »Das Gesetz deines Mundes ist mir köstlicher als Tausende Goldes und Silbers«, und V. 127 formuliert: »Darum liebe ich deine Gebote mehr als Gold und als feines Gold.« Anders als dieser Psalmist hat Jeremia das »Wort Gottes« nicht als formulierte Über­lieferung oder gar schon als geschriebenes Buch der Gebote vor sich. »Wort Gottes« ist das, was ihn wie ein Ereignis überfällt. Immer wieder reden die Propheten vom »Sich-Ereignen« des Wortes als wie von einem sonstigen Ereignis im Leben. So gerade auch beim Bericht Jeremias über seine Beru­fung in 1, 4: »Und es erging das Wort des Herrn an mich«, weiter 1, 17 da, wo er von dem Erlebnis einer Vision von Gott her redet, so aber auch viele Male beim Propheten Ezechiel (3, 16; 6, 1; 7, 1 u. ö.). Der Berufungsbericht Jeremias in 1, 4-10 hat dann aber zugleich deutlich gemacht, wie der Pro­phet vor diesem Auftrag, das an ihn ergangene Wort Gottes hinauszutragen und »Prophet« zu sein, der dieses Wort vor den Menschen auszurichten hat, zurückscheute und sich zu weigern suchte. Aber dann hatte Gott seine Lippen berührt und ihm gesagt: »Damit lege ich meine Worte in deinen Mund.«

Und nun schildert der Prophet in der Aussage von 15, 16, was es für ihn bedeutet, daß dieses göttliche Wort ihn immer und immer wieder trifft. In dieser Schilderung ist zunächst nichts zu erkennen von dem Zurückweichen vor diesem Wort. Es ist lediglich die ganze Seligkeit zum Ausdruck gebracht, daß dieses Wort ihm begegnet. »Stellte dein Wort sich ein, so verschlang ich es.« Wie ein Heißhungriger, der lange gedarbt hat, da, wo ihm Speise ge­reicht wird, in Gier nach dieser greift und sie verschlingt, weil er durch sie neues Leben bekommt, so greift Jeremia heißhungrig nach diesem Wort, wenn es sich auf seinem Wege »findet«, wie es in wörtlicher Übersetzung lautet, und verschlingt es, weil es ihm »zur Wonne« wird, Sättigung und Erfüllung seines Lebens bedeutet. Und noch von einer anderen Seite her kann er das beschreiben, was ihm da widerfährt: »Zur Freude meines Her­zens ward es mir, daß ich deinen Namen trage, Gott der Heerscharen.« Ganz wörtlich übertragen lautet die Stelle: »Zur Freude meines Herzens ward es mir, daß dein Name über mir ausgerufen ist.« Hinter dieser für uns eher ungebräuchlichen Formulierung steht die Form eines Rechtsaktes, der jener Zeit geläufig war: Durch das öffentliche Ausrufen des Namens eines Mannes über einem Bereich oder einem Menschen wurde das Eigentumsrecht des Betreffenden über dem Bereich oder dem Menschen öffentlich kundge­macht. So bittet etwa Davids Feldherr Joab, wie er die Stadt Rabba schon beinahe bezwungen hat, daß David herkomme und den letzten Sturm leite, damit im Feldgeschrei der Eroberung Davids Name ausgerufen werde, und »damit nicht ich die Stadt einnehme und mein Name über ihr ausgerufen werde« (2 Sam 12, 28). Diesen Hintergrund muß man vor Augen haben, um des Jeremia Formulierung zu verstehen. Daß das Wort Gottes ihn über­fällt und daß darin der Name Gottes über ihm laut wird – oder muß man darüber hinaus daran denken, daß auch im Namen Jeremia selber, der zu übersetzen sein dürfte »der Herr erhöht«, oder »möge erhöhen«, der Name des »Herrn« steckt? –, darin wird erkennbar, daß er von Gott beschlagnahmt, sein Eigentum ist. Und so von Gott beschlagnahmt und sein Eigentum zu sein, das ist lauter Seligkeit. Das kann Jeremia nicht unausgesprochen lassen.

Aber hart, schier unerträglich hart, tritt daneben dann sofort wieder das andere: die Not der Isolierung, in die ihn dieses Wort, das er zu verkündigen hat, treibt. »Nie saß ich fröhlich im Kreise der Scherzenden; von deiner Hand gebeugt saß ich einsam, denn mit Grimm hast du mich erfüllt« (15, 17). Zu Anfang des folgenden Kapitels wird noch stärker im Einzelnen verdeutlicht, was das für Jeremias ganz persönliches Leben bedeutet. Danach gebietet ihm Gott in seinem Wort: »Du sollst dir kein Weib nehmen und sollst keine Söhne haben und keine Töchter an diesem Orte. Denn so spricht der Herr über die Söhne und Töchter, die an diesem Orte geboren werden, und über ihre Mütter, die sie gebären, und über ihre Väter, die sie zeugen in diesem Land: Den Seuchentod sollen sie sterben, unbeklagt und unbegraben, zum Dünger auf dem Felde sollen sie werden, umkommen durch Schwert und Hunger, und ihre Leichen werden zum Fraß für die Vögel des Himmels und die Tiere des Feldes« (16, 2-4). So hat Jeremia ohne Frau und Kinder zu bleiben. Die drohende Unheilsbotschaft versperrt ihm den Weg in Ehe und Familie. Aber sie versperrt ihm noch mehr. Das gleiche Wort Gottes tritt ihm mit einem weiteren doppelten Verbot entgegen: »Tritt nicht in ein Haus des Geschreis und gehe nicht hin zur Totenklage und bezeuge ihnen kein Beileid, denn ich habe meinen Frieden von diesem Volke genommen, spricht der Herr, die Gnade und das Erbarmen. Und sterben werden Große und Kleine in diesem Lande und nicht begraben werden und niemand wird um sie kla­gen, niemand sich Einschnitte machen und niemand sich scheren lassen um ihretwillen. Niemand wird einem Trauernden Brot brechen, ihn zu trösten über einen Toten, niemand ihm den Trostbecher reichen, selbst nicht beim Tode von Vater und Mutter« (16, 5-7). Das ganz elementare Mitleiden und solidarische Durchführen bestimmter Trauerbräuche, die damals üblich wa­ren, wird dem Propheten verwehrt. Aber ganz so auch das unmittelbare Mitfreuen mit den Fröhlichen: »Tritt nicht ein in ein Haus des Gelages, dich zu ihnen zu setzen zum Essen und Trinken. Denn so spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels: Siehe, ich mache allhier, daß ihr es seht und erlebet, ein Ende dem Freudengesang und dem Wonnegesang, dem Gesang des Bräutigams und der Braut« (16, 8-9). Gehört es nicht nach der Mahnung des Apostels zu den selbstverständlichen Bezeugungen echter Menschlichkeit, sich zu freuen mit den Fröhlichen und zu weinen mit den Weinenden (Röm 12, 15)? Dem Propheten, welcher das Gerichtswort Gottes an sein Volk zu verkündigen hat, ist auch dieses verwehrt.

Ist es von hier aus nicht voll verständlich, daß sich die ganze Not des Leidenden zur Frage, ja zur Anklage gegen Gott verdichtet: »Warum ward mein Schmerz denn ewig, ward meine Wunde unheilbar, und will nicht ge­sunden? Wie ein Trugbach wardst du mir, wie ein Wasser, auf das kein Ver­laß ist« (15, 18). Der Mensch jener Zone, in der Jeremia lebt, kann es er­fahren, daß er am heißen Tage in ein Wadi hinuntersteigt, in dem er meint Wasser zur Kühlung zu finden. Wie er aber unten ankommt, da gähnt ihn das trockene Wasserbett an, eine höhnische Enttäuschung, ein »Trugbach«, eine Lüge, die nicht hält, was sie versprochen hatte. Mit diesem unheimlichen Vorwurf der Lüge tritt er Gott entgegen. Was lag doch für ein Versprechen in dem Worte Gottes, das dem Propheten begegnete! Mit Lust und Gier »verschlang« er es. Und dann war es doch gerade dieses Wort, das ihn ein­sam machte, ihm verwehrte, was all den Menschen um ihn her nicht ver­wehrt war.

Wenn man nun erwarten möchte, daß Gott dem Propheten auf diese An­klage hin begütigend, tröstend und besänftigend entgegentreten müßte, so täuscht diese Erwartung. Der Prophet hat auch aufgezeichnet, was Gott ihm auf diese Klagen geantwortet hat. Es ist eine scharfe Zurechtweisung und der Ruf, von dieser Haltung umzukehren: »Darum sprach der Herr also: Wenn du umkehrst, darfst du wieder vor mir stehen, und redest du Edles, nicht Gemeines, so darfst du mein Mund sein. Sie sollen sich zu dir hinwenden, du aber wende dich nicht ihnen zu.« Der Prophet hat den Auftrag, Men­schen zur Umkehr zu Gott zu rufen. Wie kann er dieses tun, wenn er sich mit seinen Anklagen von Gott selber abwendet? Dann aber folgt die Zusage Gottes, daß er dem Propheten in seinem harten Amt Schutz sein wolle: »Ich mache dich für dieses Volk zur festen, ehernen Mauer, und sie werden wider dich streiten, dich aber nicht überwältigen, denn ich bin mit dir, dir zu hel­fen, dich zu retten, spricht der Herr. Ich rette dich aus der Hand des Bösen, erlöse dich aus der Faust des Tyrannen« (15, 19-21). Was dem Propheten ganz zu Anfang, als er von Gott zu seinem Dienst berufen wurde, zugesagt worden war (1, 18), das wird ihm hier als Zusage erneuert.

Dieser Prophet, der in seinem Volke immer wieder gegen die »Lüge« gekämpft hat, verschweigt es nicht, daß Gott ihn selber hat streng zurecht­weisen und ihm seine falschen Wege aufzeigen müssen. Das gleiche ist noch­mals in einer anderen »Konfession« zu lesen, wo ebenfalls des Propheten Klage, welche verborgene Anklage in sich enthält, zu Gott dringt. 12, 1-6 geben zunächst dieser Frage zu Gott hin Ausdruck: »O Herr, du bleibst ja im Recht, wenn ich wider dich hadere, und doch muß ich mit dir rechten: Warum geht es den Gottlosen so gut und leben so sicher alle, die treulos handeln? Du hast sie gepflanzt, sie haben auch Wurzel geschlagen; sie wachsen und bringen auch Frucht. Du bist wohl nahe ihrem Munde, doch fern ihrem Herzen.« Hier ist es zunächst ganz einfach das Rätsel im Ergehen des Men- sehen: Warum ist hier beim Menschen, der ohne Gott lebt, Glück und Wohl­ergehen? Und dort bei dem, der sich an Gott hält, Ärger und Leid? So kann es auch hier wieder im Zorn aus dem Propheten, der sich selber nach Gottes Willen zu halten sucht und seinem Auftrag, Gottes Mund zu sein, gehorcht, herausbrechen: »Du aber, Herr, kennst mich. Du prüfst, wie mein Herz zu dir steht. Reiße sie heraus wie Schafe zur Schlachtbank und weihe sie für den Tag des Würgens.« Audi hier aber tritt Gott dem Propheten in seinem Kla­gen entgegen. Auch hier nicht mit weich lindernder Hand, nicht mütterlich tröstend, sondern leise erstaunt mit herber Zurechtweisung: »Wenn du mit Fußgängern gelaufen bist und sie haben dich müde gemacht, wie willst du mit Rossen wettlaufen? Und fühlst du dich im friedlichen Lande nicht sicher, wie willst du es machen im Hochwuchs des Jordans (einem Dickicht, das den Jordan umsäumt, in dem wilde, gefährliche Tiere hausen). Selbst deine Brüder, das Haus deines Vaters, auch sie sind falsch gegen dich; auch sie rufen dir laut nach. Traue ihnen nicht, wenn sie schon freundlich mit dir reden.« Das ist die Antwort Gottes. Wie kannst du so wehleidig und ängstlich sein, Jeremia? Was du bisher erfahren hast, ist doch erst ein Vorspiel, es werden dir noch viel härtere Belastungen aufgelegt werden! Man möchte vermuten, daß dieses Wort noch in die Anfangszeit der Nöte des Propheten hinein­gehört, 15, 15-20 dagegen mit der harten Forderung an Jeremia, zu Gott hin umzukehren und sich nicht zu seinen Widersachern hin von Gott wegzu­kehren, in die spätere Zeit.

Gehören in diese spätere Zeit auch die Worte von 20, 7-18, in denen man meint, dem Übermaß klagenden Leides aus des Propheten Munde zu begeg­nen? Von einer Antwort Gottes an den Propheten ist in diesen Versen nicht mehr die Rede. In dem mittleren der drei hier zusammengestellten Prophe­tenworte meint man noch zu sehen, wie Jeremia sich an die Verheißung Got­tes, ihm zur Seite zu stehen, hängt. Auch hier ist der Ausgangspunkt des prophetischen Redens die Bedrohung durch die äußeren Widersacher: »Viele schon hörte ich zischeln — welch ein Grauen ringsum -: ›zeiget ihn an!‹ — ›so wollen wir ihn anzeigen! Ihr seine Vertrauten alle, belauert ihn! Viel­leicht läßt er sich betören, daß wir seiner Herr werden und uns an ihm rächen‹. Aber der Herr ist mir wie ein furchtbarer Held; darum werden meine Verfolger zu Fall kommen und nichts vermögen. Sie werden schmäh­lich zuschanden, weil es ihnen nicht glückt, in ewiger, unvergeßlicher Schmach. Der Herr der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Noch werde ich meine Rache an ihnen sehen; denn dir habe ich meine Sache anheimgestellt. Singet dem Herrn, lobpreiset dem Herrn; denn er hat das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter errettet.« Ob der abschließende hymnische Ruf des Lobpreises vom Propheten selber stammt, mag gefragt werden. Es ist nicht auszuschließen, daß hier einer, der des Pro­pheten Worte weiter überliefert, lobpreisend seiner Gewißheit Ausdruck gibt, daß Gott den Seinen nicht auf die Dauer verlassen kann, sondern es zuletzt zu dessen Heil herausführt und den Bedrängten und Armen aus seiner Bedrängnis errettet.

Das Wort, das gleich darauf folgt, zeigt den Propheten wieder in der Dunkelheit der Bedrängnis, aus der heraus er kein Licht zu sehen vermag. Wie in 15, 10 verwünscht er auch hier den Tag seiner Geburt. Blieb es aber dort bei einem bloßen Weheruf, der an die Mutter gerichtet war, die ihn geboren, so ist es hier zum Fluchwort gesteigert. Gewiß wird dieses nicht gegen die Mutter gerichtet. Solches wäre alttestamentlichem Glauben, der weiß, daß Vater und Mutter geehrt werden sollen, nicht gemäß. Aber der Fluch richtet sich gegen den Tag, der dem Propheten das Leben gab. »Ver­flucht der Tag, an dem ich geboren, der Tag, da mich meine Mutter gebar, sei nicht gesegnet. Verflucht der Mann, der meinem Vater die Botschaft brachte: Dir ist ein Knabe geboren! und ihn hocherfreute. Jenem Tage er­gehe es wie den Städten, die der Herr zerstört hat ohne Erbarmen! (Vgl. die Erzählung von der Zerstörung von Sodom und Gomorrha Gen 19.) Er höre Wehgeschrei am Morgen und Kriegslärm zur Mittagszeit, weil er mich nicht gemordet im Mutterleibe, so daß meine Mutter mir zum Grabe geworden und ihr Schoß ewig schwanger geblieben wäre. Warum nur kam ich aus Mut­terschoß, daß ich Mühsal und Herzeleid schaue, daß meine Tage in Schande vergingen?« (20, 14-18). In hilfloser Verzweiflung spricht hier der Prophet den harten Fluch gegen den Tag aus, der seine Geburt gesehen, und auch gegen jenen Mann, der seinem Vater meinte eine gute Botschaft überbringen zu können, als er ihm von der Geburt eines Sohnes berichtete und ihm die Kunde brachte, die in Israel jedes Vaters Herz zu entzücken pflegte.

Gott ist in diesem verzweifelten Fluchwort nicht genannt. Es macht das in 20, 7-9 an Anfang der drei Sprucheinheiten stehende Wort besonders un­heimlich, daß hier nun Gott selber in Anklagen und Vorwurf angeredet wird. »Du hast mich betört, o Herr, und ich habe mich betören lassen; du bist mit Gewalt über mich gekommen und hast obgesiegt. Ich bin zum Ge­lächter geworden den ganzen Tag, jeder spottet meiner. So oft ich rede, muß ich aufschreien: Unrecht, Gewalttat! muß ich rufen. Denn das Wort des Herrn ist mir zur Schmach und zum Hohn geworden den ganzen Tag.« Beides steckt in der Anklage gegen Gott drin: Beschwatzt hat er den Pro­pheten. Dabei ist das Wort gebraucht, das vom Beschwatzen eines Mädchens gebraucht werden kann. Die Süßigkeit, die versprochen wird, von der 15, 16 geredet hatte, soll zur Selbstpreisgabe, auf welche dann die Schande folgt, verlocken. Und daneben das harte Wort von der Gewalttat und Vergewalti­gung, der ein schwacher Mensch nicht zu widerstehen vermag, wenn der Stärkere ihn überfällt. So fühlt Jeremia sich von Gott überfallen und ver­gewaltigt. Beschwatzen und Vergewaltigung durch Gott haben den Pro­pheten zu seinem Amt geführt, in dem er seinem Volke immer wieder »Un­recht, Gewalttat!« ins Gesicht schreien muß. Die ganze Härte einer Gerichts­predigt, gegen die doch eigentlich, wie es schon in den frühen Worten des Propheten zu erkennen war, sein eigenes Herz steht, kommt darin zum Ausdruck. Die Folge aber ist es, daß er um des Wortes Gottes willen, das er auszurichten hat, »zur Schmach und zum Hohn« wird den ganzen Tag. Gottes Wort mit all seiner verführerischen Süßigkeit trägt ihm bei den Men­schen, denen er es zu verkündigen hat, nur Spott und Hohn ein.

Dann aber kommt hier noch etwas ganz anderes, wovon bisher noch nicht geredet worden war, zum Vorschein: »Sage ich mir aber: ich will seiner nicht mehr gedenken, will nicht mehr reden in seinem Namen, dann wird es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, verhalten in meinem Gebein. Ich mühe mich ab es zu tragen und vermag es nicht.« Hier wird erkennbar, daß der Prophet aus all seiner Bedrängnis heraus versucht hat, seinem Amte zu entlaufen. Er hat versucht, die Verkündigung zurückzuhalten und nicht mehr zu reden. Aber dann hat es in fiebriger Erregung angefangen in seinem Ge­bein zu brennen. Gottes Wort, das ihn getroffen hatte, bewies seine unwider­stehliche Macht, wie es sie schon in der Stunde der Berufung bewiesen hatte, so daß es Jeremia schließlich nicht mehr möglich war, es zu ertragen, und er wieder reden mußte. Der unwiderstehliche Zwang dessen, der vom göttlichen Auftrag gepackt worden ist, reden zu müssen, hat sich bis in sein leibliches Empfinden hinaus als mächtiger erwiesen, so daß er nicht schweigen konnte. Auch Paulus hat etwas von diesem Zwang erfahren, wenn er den Korinthern schreibt: »Wenn ich das Evangelium predige, so habe ich keinen Ruhm, denn ein Zwang liegt auf mir; denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige« (1 Kor 9, 16). Wie viel härter aber liegt dieser Zwang da auf, wo ein Mensch nicht die Frohbotschaft, sondern die harte Gerichtsbotschaft zu verkündigen hat, wie es dem Jeremia widerfahren ist.

Die Frage möchte sich zum Schluß stellen, ob für den Propheten, der unter diesem harten Zwang ausgesandt worden ist, obwohl sein Herz mit seinem Volke mitlitt, irgendein Licht in seine Bedrängnis hinein gefallen ist, durch das ihm sein Tun und Erleiden sinnvoll gemacht werden konnte. Gewiß wußte der Prophet, und er hat es in dem Wort 15, 16 verraten, von der geheimnisvollen Seligkeit, von Gott in Dienst genommen und zu seinem Eigentum erklärt worden zu sein. Aber warum sein Leiden unter der Bot­schaft? Jene Antwort, die alttestamentlicher Glaube in Jes 53 ausgesprochen findet, wo der gerechte Bote Gottes stellvertretend »für die Vielen« leidet, ist Jeremia noch nicht zuteil geworden. Sie findet im Kreuz Jesu Christi ihre gewaltigste Erfüllung. Warum aber sein Leiden, was soll es vor Gott? Zwei Stellen im Jeremiabuch können vielleicht etwas Licht auf die göttliche Absicht, wie Jeremia sie vernehmen mochte, werfen. Es ist zunächst ein trau­riges Wort, das Gott nach Jer 12, 7 durch seinen Propheten ausgehen läßt. »Ich habe mein Haus verlassen, mein Erbe verstoßen, habe den Liebling meiner Seele in die Hand seiner Feinde gegeben. Mein Erbe ist mir gewor­den wie ein Löwe im Walde, darum lernte ich es hassen.« Durch dieses Wort scheint das Leiden Gottes selber durch, der um der Bosheit seines Volkes willen dieses richten muß. Und noch deutlicher ist das gleiche in einem Wort, das Jeremia im Namen Gottes an seinen treuen Gefährten Baruch richtet, zum Ausdruck gebracht. Auch Baruch hat mit Jeremia Not gelitten unter der Feindschaft seiner Umgebung und hat solches vor Gott geklagt: »Wehe mir, der Herr häuft noch Kummer auf meinen Schmerz. Müde bin ich vor Seuf­zen, doch Ruhe finde ich nicht.« Darauf aber erfolgt hier die Antwort Gottes, auch hier eine Antwort, die den ganzen Schmerz Gottes selber zum Ausdruck bringt: »So spricht der Herr: Siehe, was ich gebaut, ich reiße es nieder, und was ich gepflanzt, ich reiße es aus. Und du begehrst Großes für dich? Begehre es nicht!« (45, 4f.). Das Leiden Baruchs, und darin ja auch das Leiden Jere­mias, ist Teilhabe am göttlichen Leiden. Das ist es, was da zum Ausdruck kommt, wo der Verkündiger nicht einfach unbeteiligt das göttliche Wort ausrichtet, sondern sich selber mit seiner ganzen Person hineingebunden weiß: mit seinem Volke, und noch viel mehr, mit Gott selber mitleidend richtet er seine Botschaft aus. Nochmals werden wir an dem, was am Kreuze Christi geschehen ist, nicht vorbeischauen können. Da, wo das Lamm Gottes der Welt Sünde selber ans Kreuz getragen hat, da ist das Geheimnis dieses »Mitleidens« dessen, der Gottes Wort in seiner Person selber ist, in letzter Gültigkeit sichtbar geworden. Von da aber kommt in der Folge auch die Verkündigung der neutestamentlichen »frohen Botschaft« her.

Quelle: Internationale Katholische Zeitschrift Communio 4, 1975, S. 97-111.


[1] Die Zitate folgen im allgemeinen dem Wortlaut der Zürcher-Bibel.

Hier der Text als pdf.

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