Hermann Diem über Søren Kierkegaard (1937): „Kierkegaards erste Einsicht war, dass man in Christi Nachfolge ein Einzel­ner werden muss, der sich um gar nichts im Him­mel und auf der Erde so sehr bekümmern darf wie darum, dass er sein eigenes Leben in der Wahrheit lebt; ein Leben in der Wahrheit aber ist nur jenes, das die eigene und die vererbte Schuld trägt im Glauben an die Vergebung Gottes in Christo Jesu.“

Kierkegaard, Sören, 1813-1855, dänischer Theo­loge

Von Hermann Diem

1. Der Weg Kierkegaards

Der Vater K.s hatte als armer Hütejunge in der jütländischen Heide ein­mal über seinem armseligen Dasein Gott verflucht, und die Erinnerung daran verließ ihn nie, auch nicht, als er es später als Kaufmann in Kopen­hagen zu Ansehen und Wohlstand gebracht hatte. Eine tiefe Schwermut, noch genährt durch eine glühende Phantasie, und wiederum aufs strengste gebunden durch eine ungewöhnliche Leidenschaft des nüchternen Denkens, trieb ihn zu einer Fröm­migkeit, in der nur das düsterste Bild des Gekreu­zigten ihm Trost gewähren konnte. In dem „Kind seines Alters“, dem am 5. Mai 1813 geborenen Sören, sah der Vater mit hellseherischer Angst noch einmal seine eigene Geschichte Heraufziehen und sich wiederholen und vollenden. Da tat er, was er tun mußte: er führte den ihm so gefährlich ähnlichen Sohn vor dasselbe Bild des Gekreuzig­ten und legte vor dessen Angesicht das eigene Schicksal auf des Sohnes Schultern. An dieser Last hat sich der Sohn verhoben. Als er von dem Geheimnis des Vaters Kenntnis erhält, wird ihm plötzlich „ein neues, unfehlbares Auslegungsprinzip sämtlicher Erscheinungen aufgenötigt“: die Strafe Gottes liegt als Fluch auf der Familie; selbst die ausgezeichneten Geistesgaben müssen ihr zum Verhängnis werden, und nur der christliche Glaube allerstrengster Prägung kann einem derart belasteten Menschen noch Möglichkeit zum Leben geben. Der ganze Kampf des Glaubens bewegt sich von da an in K.s Leben um den einen Mittel­punkt: „Es ist ein, wenn man so will, wahnsinni­ger Kampf um Möglichkeiten“.

Vor K. steht die Verheißung des johanneischen Christus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. In Christi Nachfolge gibt es keine Wahrheit, die nicht zugleich Weg wäre, der gegangen werden muß, und keinen Weg, der nicht unter dem Gericht der Wahr­heit stünde. Daran hat sich K. gehalten, und er ist seinen Weg zu Ende gegangen mit einer Folge­richtig­keit, die aus dem tiefsten Glauben kam, daß dieser Weg in der Nachfolge des Christus gang­bar ist, und daß Wahrheit oder Unwahrheit hier nur ewiges Leben oder ewigen Tod bedeuten kann. Diesen Weg ist K. gegangen, um auf ihm zu ler­nen, und dann auch andere zu lehren, was eine christliche Existenz ist.

2. Der Lehrer der christlichen Existenz

K.s erste Einsicht war, daß man in Christi Nachfolge ein Einzel­ner werden muß, der sich um gar nichts im Him­mel und auf der Erde so sehr bekümmern darf wie darum, daß er sein eigenes Leben in der Wahrheit lebt; ein Leben in der Wahrheit aber ist nur jenes, das die eigene und die vererbte Schuld trägt im Glauben an die Vergebung Gottes in Christo Jesu, und jeden einzelnen Schritt tut in der Dank­barkeit gegen den, der uns noch Gnadenfrist gibt und aus dem Tod zum Leben ruft. Was K. mit seiner glänzenden Begabung in einem zehnjähri­gen Studium der Theologie und Philosophie, der Geschichte und Literatur sich erarbeitet hatte, sollte nur dieser einen Aufgabe dienen, die Menschen von ihren falschen Wegen zurückzurufen und sie zu Einzelnen vor Gott zu machen. Er fühlte sich als eine Art „Probemensch“, an dem Gott zeigen wollte, was es bedeutet, wenn er ein menschliches Leben mit Beschlag belegt.

Den Weg ins Pfarr­amt wollte K., abgesehen von allerlei persönlichen Gründen, vor allem deshalb nicht gehen, weil er der Meinung war, die Predigt habe den Leuten bisher nur zu einem Wissen über das Christliche geholfen, und darüber hätten sie vergessen, wirk­lich als Christen zu existieren. Er konnte aber auch nicht sich selbst den Menschen als Vorbild hin­stellen, nicht nur, weil er nicht gewagt hätte, sich selbst als vorbildlich zu betrachten, sondern weil uns das Vorbild eines andern nie dazu verhelfen kann, selbst als Christ zu existieren. Wie Sokrates den Menschen nur „Hebammendienste“ leisten wollte, damit der wahre Mensch in ihnen geboren werden konnte, so wollte K. den Menschen helfen, wahre Christen zu werden.

3. Das schriftstellerische Werk

Um dieses Ziel zu errei­chen, fängt K. ein sehr eigenartiges, schriftstelle­risches Werk an, mit dem er die Menschen, wie er sagt, „in das Wahre hineinbetrügen“ will. Für das gebildete Publikum schreibt er ästhetische und philosophische Bücher, in denen er die seine Zeit­genossen bewegenden Fragen in einer Weise be­handelt, die sie von spekulativer Weltbetrachtung und dichterischer Gefühlsinnigkeit zum eigenen Existieren zurückruft; und da er das mit gleich außergewöhnlich großer dichterischer wie dialekti­scher Kraft macht, erregen seine Schriften beträcht­liches Aufsehen. Er gibt diese Bücher aber unter allerlei Pseudonymen heraus. Niemand weiß recht, was das bedeuten soll, da in ganz Kopenhagen be­kannt ist, wer der wirkliche Verfasser ist. Noch grö­ßer ist das Erstaunen, als er gleichzeitig unter sei­nem eigenen Namen fortlaufend religiöse Reden erscheinen läßt, die alle dasselbe Vorwort haben: „An jenen Einzelnen, den ich mit Freude und Dankbarkeit meinen Leser nenne“. Weil die Sache des Christentums durch sich selbst wirken soll, muß seine eigene Person völlig im Hintergrund blei­ben, bzw. muß das Interesse, das die Öffentlichkeit an dieser Person nehmen könnte, geradezu irre­geführt werden. K. führt das Leben eines gut­situierten Privatgelehrten, während niemand weiß, daß er seine Bücher auf eigene Kosten her­ausgibt und den Tag vorausberechnen kann, an dem sein Kapital verbraucht sein wird. Niemand darf etwas ahnen von dem ungeheuren Ernst, mit dem er lebt, damit jede „direkte Mitteilung“ aus­geschlossen bleibt. Niemand darf wissen, daß hin­ter dem „leichtfertigen“ Bruch seiner Verlobung, der für die gute Gesellschaft Kopenhagens ein Skandal ist, ein Ringen mit Gott steht um die Erkenntnis der ihm gestellten Aufgabe, das ihn in die Hölle und an die Grenze des Wahnsinns führt. Alles, was er schreibt, sind Selbstbekenntnisse im tiefsten Sinn. Aber indem er sie von sich weg gibt, kleidet er sie in eine Form, hinter der man nicht mehr ihn selbst, sondern nur noch die für alle gül­tige Wahrheit sehen soll; und nur der kann aus diesem Werk überall das Gebet heraushören: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, der durch dieses Werk von K.s Person weggeführt und in das eigene Existieren hineingezwungen wird. K.s Leben in der Haltung sokratischer Ironie ist die notwendige Ergänzung zu dieser Form der „in­direkten Mitteilung“; und diese Form selbst ist der genaue Ausdruck seiner zentralen Erkenntnis, daß man die Wahrheit nicht wissen kann, sondern sie selbst sein muß.

4. Der Kampf gegen den Hegelianismus

Mit der These: „Die Wahrheit ist die Subjektivität“ und umgekehrt: „Die Subjektivität ist die Wahrheit“ nimmt K. den Kampf auf gegen den Hegelianismus der zeit­genössischen Philosophie. Der Weg zur Wahrheit führt nicht, wie die Philosophen wollen, über den Zweifel des Gedankens, sondern über die Verzweiflung der ganzen Existenz, und der „Ein­zelne“ ist die enge Pforte, die auf diesem Weg durchschritten werden muß. Weil es um das Sein in der Wahrheit und nicht um das Wissen der Wahrheit geht, muß K.s Ringen um den „Ein­zelnen“ notwendig über den Bereich der akade­misch-wissenschaftlichen Erörterungen hinausgehen und das gesamte öffentliche Leben umfassen. Noch ehe man von Karl Marx wußte, sieht K. deutlich, daß eines Tages der Idealismus Hegels in die na­turalistische Entwicklungslehre umschlagen und die „Idee“ einfach zum organisierenden Prinzip der Natur werden wird. Dann wird es keinen „Ein­zelnen“ mehr geben, der die Geschichte seines Le­bens selbst verantwortlich vor Gott auf sich nimmt, sondern die Individuen werden zur Masse zusam­menlaufen, um auf diese Weise an dem Fortschritt des Menschengeschlechts teilzunehmen. Dieser „Masse“, die schon auf die politische Bühne tritt, stellt sich K. entgegen, um sie in „Einzelne“ zu zer­schlagen. Schon vor 1848 warnt er dringend vor jedem Nachgeben der liberalen Zeitstimmung gegenüber. Er ist konservativer als die konservativ­sten Politiker seiner Zeit, aber er ist es nicht aus Weltanschauung. An der bestehenden Gesellschafts­ordnung als solcher liegt ihm wenig, aber er ver­langt, daß die Herrschenden mit Autorität regie­ren und es jedem so schwer wie möglich machen, sich der Ordnung des für alle gültigen Gesetzes zu entziehen. Nur wer sich in Respekt vor dem All­gemeingültigen beugt, kann vor Gott ein „Ein­zelner“ werden und sich unter höchster Verantwor­tung zu dem durchkämpfen, was Gott gerade aus feinem Leben machen will. Wo dieser Respekt ver­lorengegangen ist und das verantwortungslose anonyme „Publikum“, die nicht faßbare „öffent­liche Meinung“ herrscht, da gibt es kein Gebot mehr, das den Einzelnen zwingen und ihn schul­dig werden ließe, da gibt es weder Gericht noch Gnade, da gibt es kein Werden und kein Neuwer­den, sondern das Individuum nimmt ohne eigene Verantwortung eben an der Geschichte der Gat­tung Mensch teil, genau so wie das Tier am Schicksal seiner Herde. Diese Entwicklung kann freilich schon nicht mehr aufgehalten werden. Einen Weg zurück gibt es nicht, denn die von den Herrschenden mißbrauchte Autorität gewinnt ihre Vollmacht nicht mehr zurück. Angesichts des „trost­losen Waldbrandes der Abstraktion“, mit dem der Sozialismus in jenem Augenblick heraufzieht und die bestehende Ordnung einebnet, müssen sich die einzelnen Menschen selbst helfen. „Sie sollen ent­weder verlorengehen im Schwindelgefühl vor der abstrakten Unendlichkeit oder unendlich gerettet werden in der Wesentlichkeit der Religiosität“, d. h. sie müssen als „Einzelne“ Christen werden.

5. Das Verhältnis zur Kirche

An diesem Punkte setzt K.s Frage an die Kirche ein. Was tut sie, um diese Entwicklung aufzuhalten, welche, wie Kierkegaard voraussagt, zum Unter­gang von ganz Europa führen muß? Die Kirche ist mit schuldig, daß es so weit kam. Sie hat sich als Staatskirche ihren äußeren Bestand sichern lassen und damit die Illusion geschaffen, daß wir alle Christen seien. Ebenso hat sie die Wahrheit ihrer Botschaft durch Anleihen bei der weltlichen Wissenschaft, Geschichte und Kultur zu stützen ge­sucht, und damit die noch gefährlichere Illusion genährt, daß es eine christlich gewordene Welt gäbe, die mit dem Christentum in Frieden und Einverständnis lebt. Damit hat sie der Welt die Möglichkeit gegeben, die christliche Botschaft zur Rechtfertigung der bestehenden Ordnung zu mißbrauchen, und hat sich selbst der Möglichkeit be­geben, ihr noch mit Vollmacht das Gericht und die Gnade zu verkündigen. Mit seinen entscheidend christlichen Schriften will K. der Kirche wieder dazu verhelfen, daß sie sich allein an das Christen­tum des N. T.s hält. Er stellt diese Idealität des Christentums nicht als forderndes Gesetz dem Christentum der Kirche gegenüber. Er verlangt von der Kirche nur das verpflichtende Eingeständ­nis, daß sie das Christentum des N. T.s im In­teresse der menschlichen Schwachheit abgemildert habe. Er wartet jahrelang in unerträglicher Spannung, daß sie das tut; er zittert vor der Möglichkeit, daß sie sich dauernd weigern könnte, und steht mit all seiner tiefen Milde bereit, ihre Schwachheit mit ihr zu teilen. Mit diesem Einge­ständnis wäre alles gewonnen, denn damit würde die Kirche sich der Wirklichkeit der göttlichen Gnade ausliefern und müßte von dieser Gnade tatsäch­lich leben. Aber die Kirche, d. h. Mynster (s. d.), der Bischof von Seeland, der verehrte Seelsorger von Kierkegaards Vater, mit dem er jahrelang um dieses Eingeständnis gerungen hat, schweigt bis zu seinem Tode — und nun schlägt K.s Ver­teidigung der Kirche von selbst um in den schärf­sten Angriff. Jetzt kann er den Zustand der Kirche nur noch dadurch offenbar machen, daß er zum unerhört scharfen, direkten Angriff schreitet. In öffentlichen Flugschriften streitet er den Pfar­rern nicht nur jede christliche Vollmacht, sondern auch jede menschliche Anständigkeit ab, und fordert von ihnen uneingeschränkt die Haltung des neutest. Apostels; er fordert zum Fernbleiben vom Gottes­dienst auf, um nicht an der kirchlichen Gottesläste­rung mitschuldig zu werden; er diskutiert öffent­lich die Möglichkeit, sich mit den Freidenkern gegen die Kirche zu verbünden, im Namen Gottes das­selbe zu tun, was diese im Namen des Teufels tun. Aber er fordert nicht zum Kirchenaustritt auf und wird weder zum Schwärmer noch zum Pro­pheten. Ein solcher muß kommen, aber K. selbst dars es nicht sein. Er kann nur „aufmerksam“ machen; und die Vollmacht zu seinem Vorgehen findet er darin, daß er selbst über seinem Werk ge­opfert wird. Er will und kann der Christenheit keine „Lösung“ geben; vor allem kann er auch jetzt keine „Anhänger“ brauchen. Irgendwie muß die göttliche Vorsehung eingreifen und sein Werk wei­terführen. „Wo nicht, so muß alles brechen, damit in diesem Schrecknis wieder Individuen erstehen, die das Christentum des N. T.s tragen können. Aber Schluß muß gemacht werden mit der offiziel­len, wohlgemeinten Unwahrheit“!

6. Das Ende

Als K. die Sache zum Äußersten getrieben und alles gesagt hat, bricht er auf der Straße zu­sammen und stirbt wenige Wochen später, am 11. Nov. 1855, im Krankenhaus. Sein Vermögen war gerade aufgebraucht. Die Krankheit, an der er starb, blieb den Ärzten ein Rätsel. Für sich selbst hat er das Rätsel seines Daseins gelöst. Wie nie in seinem ganzen Leben beruhigt über das, was er getan hat, ist er in gläubigem Einverständnis mit der Vorsehung freudig gestorben.

Lit.: K.s Werke, zum größten Teil deutsch in einer Über­setzung von Chr. Schrempf u. a. (bei Diederichs in Jena). Außerdem: „Der Begriff der Ironie“, „Die Reinheit des Herzens“, „Das Evangelium der Leiden“ (bei Kaiser in München); „Der Pfahl im Fleisch“, „Am Fuße des Altars“, „Kritik der Gegenwart“, eine Auswahl aus den Tagebüchern, „Der Begriff des Auserwählten“ (im Brenner Verlag in Innsbruck). Den besten Zugang zu K.s Werk gewinnt man über die „Einübung im Chri­stentum“ und „Die Krankheit zum Tode“, sowie die „Christlichen Reden“. — Aus der Fülle der Literatur sei genannt als Einführung in sein Le­ben und Werk: A. Gilg, S. K., 1926; Ed. Geismar, S. K., 1929; H. Diem, Philosophie und Christen­tum bei S. K., 1928.

Calwer Kirchenlexikon, Bd. 1, Stuttgart: Calwer, 1937, S. 1058-1061.

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