Jochen Klepper, Das Tagebuch der letzten Woche (Dezember 1942): „Nur noch Musik und Landschaft können uns aus unserer häus­lichen Stille locken. So unklar aber, wie die Rechte und Ver­bote für die Frauen in Mischehe sind, wagen wir es gar nicht, in Konzerte zu gehen. Große, dunkle, klare Sternennacht.“

Bereits vor der Veröffentlichung von „Unter dem Schatten deiner Flügel“ 1956 sind Jochen Kleppers Tagebucheinträge vom Dezember 1942 in dem Buch Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933-1945 (1954) veröffentlicht worden. Beide Textfassungen sind nicht identisch. So fehlt zum Beispiel in „Unter dem Schatten deiner Flügel“ der Eintrag zum Freitag, 4. Dezember:

Das Tagebuch der letzten Woche (Dezember 1942)

Von Jochen Klepper

Donnerstag, den 3. Dezember 1942

Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes hat uns be­sucht der Aufgang aus der Höhe, auf daß er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Lukas 1, 78. 79

Wieder schimmerte nur am Mittag weich die Sonne auf; und der Rasen des Gartens begann noch einmal zu leuchten. Und sonst war’s abermals ein dunkel hindämmernder Tag. Den Vormittag habe ich noch einmal dem Garten gewidmet, ihn endgültig für den Winter bestellt, noch einmal Körbe von Laub entfernt – der Garten ist wirklich ein kleiner Wald – und die Blumenknollen und -zwiebeln eingedeckt. – Tiefdunkle Abende. Weihnachtsvorbereitungen und Testamentsergänzun­gen gehen in diesen Tagen nebeneinander her … .

C. und F. haben noch einmal Schritte für Renerle unternommen; eine andere maßgebende Persönlichkeit soll jetzt nicht mehr so ablehnend sein – wir lesen über solche Berichte nur noch hin; wir glauben, auch Renerle hofft auf diesem Wege nichts mehr. –

Heut vor zwei Jahren wurde ich Soldat. – Die Deva, Stuttgart, bei einem Luftangriff von Brandbomben getroffen, beträcht­liche Bücherbestände vernichtet. Der «Vater» war ja nicht mehr dabei.

Freitag, 4. Dezember 1942

Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Jesaja 11, 2

Auch heut kam mit dem Mittag die Sonne, blieb und verklärte die kostbaren, wenigen hellen Stunden und ging klar und groß hinter den Kiefern unter, rosa- und goldgetöntes Gewölk schwebte ihr nach. Der Anfang des Tages steht unter dem Zeichen der schmalen, klaren Sichel des abnehmenden Mon­des. Unter dem lateinischen Chorbuchblatt ein großer, weicher Kiefernstrauß, ein Tannenstrauß auf dem Renaissanceschrank des Refektoriums.

Hanni hatte Frau K. zum Tee; abends fuhren wir in einen Vortrag von Guardini. Es war das erstemal, daß wir – gar keine Vortrags- und Vorlesungsmenschen – einen Vortrag auf­suchten. Diesmal war der Wunsch sogar von Hanni ausgegan­gen, weil Guardini bei unserem Zusammensein doch sehr auf sie gewirkt hatte. Und was ich noch nie getan hatte: Ich nahm Notizbuch und Bleistift mit, so groß war auch mein Zutrauen. Drei überfüllte Säle besten Publikums und bester Jugend; in zwei Säle mußte der Vortrag durch Lautsprecher übertragen werden. Die Menschen standen fest eingekeilt; wer nur konnte, schrieb mit … .

Nur noch Musik und Landschaft können uns aus unserer häus­lichen Stille locken. So unklar aber, wie die Rechte und Ver­bote für die Frauen in Mischehe sind, wagen wir es gar nicht, in Konzerte zu gehen. Große, dunkle, klare Sternennacht.

Sonnabend, den 5. Dezember 1942

Habt ihr nicht geschmeckt, daß der Herr freundlich ist? 1. Petrus 2, 3

Wieder ist einer der Tage, an dem man sein Herz fest in beide Hände nehmen muß, an dem man die Augen schließen muß, die die Fügungen Gottes zu sehen wähnen. Es darf, es darf nicht sein … .

Heute früh kam ein Telegramm von Meschkes aus Stockholm: «Katharina und Brigitte wohl.» So ist Brigittes Kind geboren und heißt, was Karl und Brigitte mir schon lange in Aussicht stellen ließen, Katharina, nach Katharina von Bora.

Wie schmerzlich ist es, daß man so dafür danken muß, daß das Kind nicht in Deutschland, dem Deutschland dieser furcht­baren Gegenwart geboren ist.

Am Vormittag kam ein Anruf von A.: Das schwedische Mini­sterium des Äußeren hat angerufen, daß für Renate die Ein­reiseerlaubnis erteilt ist. –

Wir haben es dem Kinde nicht zu verheimlichen vermocht, als es heimkam, obwohl ja der schwerste Schritt nun noch aus­steht: eine zweite Audienz bei Minister Frick, um die ich ihn sogleich gebeten habe, bei der sich nun erweisen muß, ob er zu dem steht, was er im Hinblick auf Renerles Ausreise im Oktober vorigen Jahres sagte. Nachmittags war Renerle und ich zu A. auf die Schwedische Gesandtschaft bestellt…

A. lehnt allen Dank ab, er sei nur das Werkzeug Gottes ge­wesen. Und wieder heißt’s, das Herz festhalten. Auch Baron E., der hinzukam und heute morgen den Anruf seines Außen­ministeriums erhielt, sagt, es sei etwas völlig Außergewöhnliches geschehen. C. soll noch einmal – nun nach einem Jahr – mit großer Energie für Renerle eingetreten sein … Die Ein­reiseerlaubnis, nur formal auf drei Monate begrenzt, gilt für sofort. Im Hinblick auf die Übersteigerung der Judenmaßnah­men in Deutschland rät man zur Eile.

Mit dem englischen Gesandten in Stockholm wird bereits dar­über verhandelt, ob man auch Renerle durch die Quäker nun von Schweden nach England bringen kann. – Was kann schon die kommende Woche bringen!

Trotz des Kriegswinters haben Renerle und ich Hanni heute die Zimmer schön mit Blumen schmücken können, Alpenveil­chen und Begonien. Und das Kind bekam seine geliebten Finesien.

Der Morgen war rauh und windig (4o C), der Abend regne­risch und windig. Hanni und Renerle schneiderten für Weih­nachten. Und wenn ich sie ansehe, kann ich nur denken, ob ich den neuen Schritt bei Frick auch auf eine Bitte um einen «Schutzbrief» für Hanni ausdehnen kann. Meine Sorgen sind ja ohne Maß, sind schon Qual.

Soll denn noch einmal ein Ende sein mit der furchtbaren Selbstanklage, daß wir Renerle 1939 nicht mit Brigitte nach England geschickt haben – ?!

Sonntag, den 6. Dezember 1942. Zweiter Advent

Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, so sehet auf und er­hebet eure Häupter, darum, daß sich eure Erlösung naht. Lukas 21, 28

Dunkel, stürmisch und regnerisch; so trübe, daß zu allen Mahlzeiten die Lampe brennen mußte. Mit Hanni im Advents­gottesdienst. Die beiden ersten Adventssonntage schon haben die großen, ernsten und die freudigen Lieder des Advents ge­bracht. Das Lukas-Evangelium des Zweiten Advents bedeutet uns ja immer besonders viel.

Wir hatten Adventsbesuch, vielleicht das beste an diesem für uns so spannungsreichen Sonntag… .

Hans N. und Ed. leben in der schweren Sorge um die Depor­tation von Ed.s Mutter, die bisher nur noch der Umstand vor der Deportation bewahrt hat, daß sie mit einer ansteckenden Krank­heit im Krankenhaus lag und gleich danach operiert wurde. Auch der fleißige, vielseitige Hans vermag nun nicht mehr zu schreiben – auch er lebt in einem Zustand nur noch der Beängstigung.

Und welches Bild des Friedens war dieser Adventssonntag im Kerzenschimmer, Tannengrün und Blumen, mit seiner stillen kleinen Feier von Katharinas Geburt, Advent und Sankt Niko­laus.

Und abends schrieb Hanni an Meschkes für Brigitte, «und elend vor Freude und Spannung und Glück». Und namenloser Angst. Und doch so gesammelt und voller Liebe und Güte!

Nur die Kinder gerettet wissen – das erfüllt Hanni jetzt mit einer ergreifenden Leidenschaft.

Montag, den 7. Dezember 1942

Selig sind die Knechte, die der Herr, so er kommt, wachend findet.
Lukas 12, 37

Dunkel und regnerisch.

Wir empfinden es als Entlastung, daß in der Spannung des gestrigen und heutigen Tages Besuche einem aus dem ständi­gen Kreislauf der Gedanken heraushelfen. – Und dazwischen und dabei unablässige Tätigkeit.

Sonnabend, nach der Nachricht aus Stockholm, habe ich an Frick geschrieben. Heute, als ich aus dem Dienst kam, hatte das Ministerbüro schon am Vormittag angerufen, daß Frick mich morgen um 11 Uhr erwarte und am Nachmittag wurde der Bescheid nochmals wiederholt. Das alles ist sehr viel, war in dieser Präzision nicht zu erwarten … In diesen Tagen drängt sich zuviel fast unausdenkbares Schicksal zusammen. Wie konnte ich je glauben, Katharina von Bora, in der sich alles das verdichtet hat, zu schreiben, solange dieses, Hannis Schicksal noch in den erregtesten, aufgewühltesten Ereignissen abläuft?

Dies ist keine Selbstbeschwichtigung.

Gott muß noch Wunder über Wunder tun, innen und außen, bevor dieses Buch Wirklichkeit wird.

Dieses Buch, das wie eine Entscheidung auf Tod und Leben geworden ist. Und doch – was ist auch dieses Buch gegen das Los unseres Kindes. – Und ängstigt uns nicht immer wieder schon die Frage nach Hannis Los? In welchen Bannkreis der Angst sind wir geraten!

Dienstag, den 8. Dezember 1942

Unser Herr Jesus wird kommen, daß er herrlich erscheine mit seinen Heiligen und wunderbar mit allen Gläubigen. 2. Thessalonicher 1, 10

Wird mich in dem Abgrund, der sich vor uns nun mit end­gültiger Klarheit auftut, das zweite Wort der heutigen Losung noch erreichen: «Sei getrost und sei ein Mann und warte des Dienstes des Herrn meines Gottes –

Ich war bei Frick. Er hat noch alles klar im Gedächtnis. Er, einer der wichtigsten Minister und im Kriege der General­bevollmächtigte für die Zivilverwaltung, steht zu dem, was er im Oktober 1941 zugesagt hat: er will Renate aus Deutschland heraushelfen. Aber hier kann er sie nicht mehr schützen. Nie­mand kann es.

Er kann mir auch keinen noch so umschreibenden Schutzbrief, wie seinerzeit für Renerle, mehr geben für Hanni. Nur den Rat und die Zusicherung, zur Ausreise zu verhelfen für Hanni, nach Reni nach Schweden zu gehen.

«Noch ist Ihre Frau durch die Ehe mit Ihnen geschützt. Aber es sind Bestrebungen im Gange, die die Zwangsscheidung durchsetzen wollen. Und das bedeutet nach der Scheidung gleich die Deportation des jüdischen Teils.»

Dies seine Worte. Er war erregt und bedrückt und lief am Schreibtisch auf und ab. «Ich kann Ihre Frau nicht schützen. Ich kann keinen Juden schützen. Solche Dinge können sich ja der Sache nach nicht im Geheimen abspielen. Sie kommen zu den Ohren des Führers und dann gibt es einen Mordskrach.» Für ihn, der seinerzeit Hitler erst die Möglichkeit geschaffen hat, gewählt zu werden. –

Das Gespräch über die Zwangsscheidung wäre nicht geführt worden, hätte ich Frick nicht um die Beantwortung der Frage gebeten, ob ich für Hanni die gleichen Schritte unternehmen müs­se wie für Renerle. Denn er hatte mich schon entlassen, nachdem er einen Major der Polizei hinzugezogen hatte und Ministerialrat Draeger, der sogleich damit beauftragt worden war, die Schritte gegenüber dem Sicherheitsdienst, dieser neuen Einrichtung, der gefürchtetsten der Geheimen Staats­polizei, einzuleiten, damit sie Reni aus dem jüdischen Arbeits­einsatz entläßt und ihr die Ausreisegenehmigung erteilt. Denn dies ist nun das Neue, Erschwerende, wohl kaum Überwind­bare: Frick kann als Innenminister eine solche Ausreise­genehmigung nicht mehr ausstellen. Dieser Machtbereich ist ihm entzogen. Vergeblich suchte Ministerialrat Draeger die beiden zuständigen Herren des Sicherheitsdienstes für mich telefonisch zu erreichen. So müssen wir in furchtbarster Span­nung weiter warten. –

Und nun ist es soweit, daß ich für Hanni, für mich zur Schwe­dischen Gesandtschaft mußte. Der arme A. hat eine harte Auf­gabe; mußten wir doch erklären, daß kein Verwandter von Renerle mit gleichen Ansuchen mehr kommen würde. Auch jetzt habe ich mich verpflichten müssen, daß Hanni ihren An­trag zurückzieht, wenn er Renerles Einreise gefährdet; daß ich den meinigen widerrufe, wenn er die Genehmigung für Hanni erschwert.

Denn soweit vermögen wir es nicht, Gottes Willen nicht aus­zuhalten, daß wir nicht die Trennung ohne Scheidung auf uns nähmen, so furchtbar der Gedanke ist, daß ein Sieg Deutschlands uns für immer trennt und vielleicht Hanni und Renerle auch im Ausland einmal so bedroht wie in Deutsch­land.

Gott weiß, daß ich es nicht ertragen kann, Hanni und das Kind in diese grausamste und grausigste aller Deportationen gehen zu lassen. Er weiß, daß ich Ihm dies nicht geloben kann, wie Luther es vermochte: «Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, laß fahren dahin -Leib, Gut, Ehr’ – ja! Gott weiß aber auch, daß ich alles von Ihm annehmen will an Prüfung und Gericht, wenn ich nur Hanni und das Kind not­dürftig geborgen weiß. –

Den Gedanken an Flucht – viele fliehen jetzt und welch furcht­bare Maßnahmen werden sich gegen sie und ihre Beschützer wenden – hat Renerle aufgegeben. Verweigert der Sicherheits­dienst trotz Fricks Fürsprache ihre Ausreise, so will sie mit uns sterben; dann bleibt uns auch nur noch eine ganz kleine Frist für letzte Erledigungen, so nahe und groß ist dann die Gefahr, nun hinter dem Schutzbrief keine Macht mehr steht und die neu ausgefüllten Fragebogen gerade auf ihn verweisen mußten.

Gelingt Renerles Ausreise, so will das Kind in all seinem Jammer doch weiterleben. Dann bleibt uns auch noch eine kleine Frist und ich werde mir noch eine letzte Information über den Zeitpunkt der Scheidungsmaßnahmen von Draeger zu beschaffen suchen, eine entfernte, noch so verklausulierte An­deutung. –

Das Letzte ist besprochen.

Noch schreibe ich dies in der Hoffnung, daß ich es dereinst, den Weg meines Lebens, Gottes Weg in meinem Leben über­blickend, wiederlesen werde.

Aber was nun begonnen hat, ist uns nicht mehr unfaßlich.

Es ist auf furchtbare Weise ganz in das Bewußtsein einge­gangen.

Ein dunkler, stürmischer, milder, trüber Tag – wie verdäm­merndes und verwehendes Geschick.

Gott ist größer als unser Herz. – Das Wort soll uns noch in den Tod begleiten.

Noch ist eine Hoffnung, eine ganz schwache Hoffnung.

Renis Einreiseerlaubnis nach Schweden nannten Frick und Draeger (Präsident der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft) ganz unfaßlich. Ist doch selbst Sven Hedin ein Antrag für einen Schützling von seiner schwedischen Regierung abgelehnt worden.

Wie, wie sich verhalten gegenüber den anderen Mischehen –?! Stürben Hanni und das Kind: Gott weiß, daß sich nichts mehr in mir gegen Seinen Willen auflehnte. Aber nicht dies. Welche Verwandlung hat unser Leben nun von neuem er­fahren – in einem einzigen Gespräch.

Hanni ist keiner Träne mehr fähig.

Mittwoch, den 9. Dezember 1942

Wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest du, daß er auch werde Glauben finden auf Erden? Lukas 18, 8

Vormittags wurde Hanni zu A. auf die Schwedische Gesandt­schaft bestellt, um alle ihre Personalien einzutragen. Nachmittags war ich bei Eichmann vom Sicherheitsdienst, nach­dem Ministerialrat Draeger am Vormittag alles vorbereitet hatte. Er glaubte, Eichmann werde die Genehmigung erteilen; er wolle die Sache rasch betreiben. Auch Eichmann fragte nach der sofortigen Ausreise. Das deutet auf neue, drohende Maß­nahmen. Morgen soll ich endgültigen Bescheid bekommen. Es muß noch festgestellt werden, ob sicherheitspolizeiliche Be­denken gegen Reni vorliegen. Er: «Ich habe noch nicht mein endgültiges Ja gesagt. Aber ich denke, die Sache wird klappen.»

Unter Androhung sicherheitspolizeilicher Maßnahmen stehe ich nun unter strengem Schweigegebot über die nun folgenden Schritte im Falle der Ausreise.

Ich war nun in der Welt meiner Träume; es waren die Men­schen, die Stimmen, die Räume. –

Dort, dort liegt die Macht.

Die Frage, ob Hanni im Lande bleibt, wurde gestellt.

Ich: «Die Situation meiner Frau überblicke ich noch nicht.»

Er: «Eine gemeinsame Ausreise würde nämlich nicht ge­stattet.»

Rätsel um Rätsel. Und das Ganze so unbegreiflich: ein Mann in meiner Lage bei Frick, beim Sicherheitsdienst. –

Betrachtet man Hanni als Geisel für Reni? Würde man Hanni als meiner Frau verweigern, was man Renerle als meiner Stieftochter vielleicht zugesteht?

Morgen um drei Uhr bin ich wieder zur Sicherheitspolizei be­stellt. Da ich am Telefon jetzt so wenig sagen kann, kam Hilde, die sehr teilnimmt, abends nach dem Dienst zu uns. Nun ist alles so nah, womit wir sie in der Adventszeit des vorigen Jahres schon so belasten mußten.

Diese stillen, stillen, dunklen, trüben Tage. So lind, so voller Tränen des Himmels.

«Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.»

Noch ein Tag so qualvollen Wartens. Und doch geht alles so rasch. –

Abends die arme Hilde bei uns zur Testamentsbesprechung.

Hannis armes Herz trauert noch immer um «das ewige Haus».

10. Dezember 1942

Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst.

Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott –

Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod.

Über uns steht in den letzten Stunden das Bild

des segnenden Christus, der um uns ringt.

In dessen Anblick endet unser Leben.

Quelle: Du hast mich heimgesucht bei Nacht. Abschiedsbriefe und Aufzeichnungen des Widerstandes 1933-1945, hrsg. v. Helmut Gollwitzer, Käthe Kuhn und Reinhold Schneider, München: Chr. Kaiser, 1954, S. 399-407.

Hier der Text als pdf.

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