Leonhard Goppelt, Reich Gottes im Neuen Testament (1959): „Die Neugestaltung des Gottesverhältnisses aber ist für Jesus so entscheidend, dass er dort, wo durch ihn das Verhältnis zu Gott neu wird, schon sagen kann: Hier ist das Reich Gottes — auch wenn das leibliche Leben und die Weltverhältnisse noch nicht neu geworden sind.“

Reich Gottes II. Im NT

Von Leonhard Goppelt

1. a) Vorkommen und Vorgeschichte des Begriffes. Das R.G. ist die Mitte der Predigt  Jesu. In diesem Sinne faßt sie Mt 4,17 (vgl. Mk 1,14f.) richtig zu­sammen. Als gleichsinnige Bezeichnung finden wir bei Mt oft „Reich der Himmel“ („die Himmel“ ist Um­schreibung des Gottesnamens), sonst gelegentlich „Reich des Vaters“ oder absolut „das Reich“. Jesus verkündigt nicht, daß es ein Reich Gottes gibt, son­dern daß es kommt. Er knüpft also an eine seinen Hörern bekannte Vorstellung an. Sie denken im einzelnen sehr verschieden über das R.G. Aber Gottes Reich ist für sie nie einfach Gottes Weltregi­ment. Gottes Reich ist nur dort, wo das Gottwidrige ausgeschaltet ist und Gottes heilvoller Wille geschieht. Gottes Reich kann deshalb, wie z.B. die Pharisäer annehmen, bereits in diesem Äon anheben, wo sich ein Mensch in seinem Herzen für Gott und seine Tora entscheidet und dies bekennt. Aber es erfordert auch eine entsprechende Gestaltung der Weltwirk­lichkeit. Es wird daher auch für die Pharisäer erst im neuen Äon vollendet, wenn Gottes Gericht die Verächter des Gesetzes ausgeschaltet hat. Nach Jesu Predigt ist das R. G. vor seinem Auftreten noch nir­gends vorhanden, auch nicht in den Herzen der Frommen. Er verkündigt, daß es kommt! Aber wann? Darüber gehen seine Aussagen in scheinbar widerspruchsvoller Weise auseinander.

b) Das zukünftige Kommen des Reiches. α) Ver­stärkt durch die Sammelberichte der Evangelisten Matthäus und Markus (Mt 4,17; 10,7; Mk 1,15) drängen sich die Worte auf, nach denen das R.G. in bedrängend naher Zukunft anbricht. Noch innerhalb der jetzt lebenden Generation soll es geschehen: Mk 9,1 par. Lk; vgl. 13,30 par.: „Wahrlich, es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie das R.G. kommen sehen“ (Par. Mt 16,28 steht: „… bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.“ Schon in Dan 7,13 f. ist das Er­scheinen des Menschensohns Zeichen für die Aufrichtung des Reiches. In den Sprüchen Jesu gehören das zukünftige Kommen des Menschensohn-Weltrichters und das zukünftige Kom­men des Reiches durchweg zusammen.) Über diese Fristangabe hinaus vermutet man, daß Jesus den An­bruch des Reiches schon während seines Erdenwirkens (Mt 10,23) oder unmittelbar nach seinem Ende (Mk 14,25 par.) erwartete (dagegen s. Kümmel, S. 58 bis 61)! In Wirklichkeit ist jedoch Jesu ganzes Erdenwirken auf eine Zeit der Kirche hin ausgerichtet.

β) Dem entspricht es, wenn eine Reihe von Logien auf eine gewisse Wartezeit zwischen der Begegnung mit Jesus und dem Kommen des Menschensohns hin­weisen. Das Programm der Endereignisse in Mk 13 par. ist freilich nachträgliche Komposition, aber mancher Einzelspruch, z.B. das Wort über die Samm­lung der Heilsgemeinde (Mk 13,10 par. Mt; vgl. Mk 14,7 par. Mt) dürfte ursprünglich sein. Die Parusiegleichnisse in Mk 13,33-37 und Mt 24,43-25,30 spie­len jetzt auf die Verzögerung der Parusie an, ur­sprünglich aber warnen sie vor dem unerwartet plötz­lichen Hereinbrechen des Endes und mahnen außer­dem zu einem wachsamen Warten, das durch die Be­gegnung mit Jesus begründet ist. Jesus war also nicht, wie viele in seinen Tagen, lediglich ein Prediger der Naherwartung. Er selbst weiß den Tag nicht (Mk 13,32 par. Mt). Er lehnt das in seiner Umgebung so beliebte Errechnen der Endereignisse nachdrücklich ab (Lk 17,20f.).

Was ist dann der Sinn dieses Aufrufes zu einem an­gespannten Warten auf den nahen, aber doch un­bekannten und unerwartet plötzlichen Anbruch des Reiches? Dieser Ruf empfängt seinen Sinn von dem gegenwärtig durch Jesus Geschehenden her und be­hält ihn daher, obwohl er sich wörtlich nicht erfüllt hat.

c) Jesus redet in zugespitzten Worten von einem gegenwärtigen Kommen des Reiches: Mt 12,28 par Lk: „Wenn ich aber durch den Geist Gottes (Lk durch den Finger Gottes) die Dä­monen austreibe, dann ist das R.G. schon zu euch gelangt.“ Die Wunder Jesu sind nicht Vorzeichen des zukünf­tigen, sondern Zeichen des gegenwärtigen R. G.! Mt 11,2-6 par. Lk. beansprucht Jesus, daß seine Wunder, wenn auch entgegen dem Augenschein, die Weis­sagungen für die Heilszeit erfüllen, und schließt: „… und Armen wird das Evangelium verkündigt.“ Das Evangelium lautet nach Jes 52,7: „Dein Gott ist König geworden.“ Jesu Verkündigen und Lehrer, das äußerlich dem eines Propheten oder Rabbi gleicht, will in diesem Sinne Evangelium sein! Lk 17,20f. antwortet Jesus den Pharisäern: „Das R.G. ist mitten unter euch“ (also nicht: „inwendig in euch“, aber auch nicht fut.: „ist = wird [plötzlich] unter euch sein“). Das R.G. ist in Jesu Person und Werk da! Das sagt auch Mt 11,12f.: „Seit den Tagen Johannes des Täufers bis jetzt wird die Himmelsherr­schaft vergewaltigt und Gewaltmenschen reißen sie an sich; denn alle Propheten und das Gesetz weis­sagen bis Johannes.“ Die Gleichnisse vom R. G. in Mt 13 par. erklären den Jüngern „das Geheimnis des R.G.“ (Mk 4,11 vgl. par.): Z.B. „ein Säemann geht aus zu säen — weiter nichts; und das bedeutet die neue Welt Gottes“ (Schniewind).

d) Wie verhält sich dieses gegenwärtige Kommen des Reiches zu seinem zukünftigen? Die Schule Ritschls nahm den R. G.-Begriff Kants auf und erklärte: Das R.G. ist gegenwärtig als ethische Haltung, die sittliche Gemeinschaft erzeugt; die zukünftige Er­wartung ist überholtes jüd. Erbe. Gegen diese moder­nisierende Konstruktion erklärte die „konsequente Eschatologie“ (Joh. Weiß; A. Schweitzer): Jesus redet nicht von einer Gegenwart des Reiches, höch­stens von seinen Vorzeichen. Er übernimmt den R. G.-Begriff der jüd. Apokalyptik und kündigt — das soll das Neue sein — die Nähe der Weltkatastrophe an. M. Dibelius und R. Bultmann pflichten dem bei, interpretieren jedoch die mythische Zukunftserwartung, die sich ja nicht erfüllt hat, existential: sie ist Ausdruck der Forderung, sich end­gültig für Gott zu entscheiden. Es ist jedoch exegetische Willkür, Aussagen über eine Gegenwart des Reiches zu leugnen (so richtig Kümmel).

e) Wie denkt sich Jesus das Reich, das gegenwärtig und zukünftig zugleich ist? Die Verheißungen der Seligpreisungen entfalten, was das in der ersten und bei Mt auch in der letzten verheißene R.G. umschließt (Mt 3,3-10; Lk 6,20ff.): Wenn Gottes Reich kommt, dann werden die Hungrigen satt und die Traurigen getröstet, nämlich die Hungernden, die letztlich nach Gott hungerten; „denn sie werden Gott schauen“. R.G. bedeutet für Jesus eine neue Welt (Mt 19,28), eine neue Gestaltung des Lebens, aber zuerst ein neues Gottesverhältnis! Nach dem Vaterunser kommt Gottes Reich, wenn Gott als Gott ge­ehrt wird und sein Wille auf Erden willig geschieht wie im Himmel, wenn Gott die Sorge um das tägliche Brot, die Schuld und die Bindung an das Böse hinwegnimmt (Mt 6,9-13 par. Lk).

Wie soll dies realisiert werden? Die jüd. R. G.-Erwartung meint: durch Erfüllung und Vollstreckung Gesetzes. Nach Jesus kommt es zur Erfüllung von Gottes Willen nicht durch das Gesetz, sondern durch die Gnade. Die Armen, die Jesus selig preist, weil ihnen das Reich gehört, sind die Glaubenden, denen er seine Wunderhilfe und seine Gemeinschaft und darin Gottes Vergebung schenkt. Jede Bitte des Vaterunsers hat ihre Erfüllung in dem, was Jesus bringt. Gottes Reich kommt nicht durch eine Änderung der äußeren Verhältnisse, sondern durch den neuen Bund, den Jesus stiftet, und das neue Herz, das er schafft. Gottes Reich kommt, wenn der Mensch auf diese Weise für Gott in Dienst genommen wird. Die Seligpreisungen und die Forderungen Jesu entfalten die Predigt vom Kommen des R. G.!

Die Neugestaltung des Gottesverhältnisses aber ist für Jesus so entscheidend, daß er dort, wo durch ihn das Verhältnis zu Gott neu wird, schon sagen kann: Hier ist das R. G. — auch wenn das leibliche Leben und die Weltverhältnisse noch nicht neu geworden sind. Dadurch löst sich Jesu R.G.-Vorstellung von der raum-zeitlichen Bindung an das Weltbild. Das Kommen des Reiches ist nicht mehr an das Kommen der neuen Weltzeit, des neuen Äons, gebunden. Es bricht vielmehr in die Geschichte ein, genau so wie der Menschensohn jetzt in ihr gegenwärtig ist. (In diesem Sinne wurde Jesu Predigt richtig durch die Offb interpretiert: Gottes Reich kommt so, daß zu­erst ein neues Gottesverhältnis und die neue Ge­meinde gestiftet werden [Offb 5,9], dann durch Gottes Gericht das Gottwidrige ausgeschaltet und schließlich für die neue Gemeinde eine neue Welt ge­schaffen wird [Offb 21,3-6]).

Damit wird der Sinn der Worte über die Nähe des Reichsanbruches deutlich: Weil das Reich verborgen gegenwärtig ist, darum ist seine leibliche, sichtbare Realisierung „nahe“. Und umgekehrt soll der Hin­weis auf die Nähe die Augen für seine Gegenwart öffnen.

2. a) Das R. G., der zentrale Begriff der Verkündi­gung Jesu, rückt außerhalb der synoptischen Evan­gelien im ganzen NT an den Rand. Das hat vor allem zwei Gründe:

α) Weil das Reich durch Jesu Wirken kommt, wird das Evangelium, die frohe Botschaft vom Anbruch des Reiches (Jes 52,7), nach Ostern zum Evangelium von Jesus Christus. So tritt Apg 8,12 und 28,31 sein Name neben das R. G. Christi Herrsein und Parusie erfüllen, was das R.G. bedeutet; deshalb ist von ihnen und nicht mehr vom R.G. die Rede.

ß) Johannes verwendet den Begriff R.G. nur Joh 3,3.5. Er ersetzt ihn, sofern er das Heilsziel bezeichnet, durch den Begriff „das (ewige) Leben“, weil diese Bezeich­nung nichtjüd. Menschen verständlicher war. Aus ähnlichen Gründen umschreibt Paulus R. G. durch Begriffe wie „Gerechtigkeit Gottes“ und „Leben“.

b) Wenn der Begriff R.G. auch selten gebraucht wird, er bleibt doch in der urchristl. Verkündigung lebendig — mit Recht; denn er hält wesentliche Züge der biblischen Botschaft wach: Gott ist der das Uni­versum in Dienst nehmende Wille; Paulus redet vor allem in traditionellen Wendungen (z.B. 1Kor 6,9f.; Gal 5,21; Eph 5,5) und in Auseinandersetzungen mit jüd. Vorstellungen vom R. G., sowohl als einer gegen­wärtigen (Kol 1,13; vgl. 1Thess 2,12; Röm 14,17; 1Kor 4,20) wie als einer zukünftigen Größe. In späteren nt-lichen Schriften erscheint es vor allem als das Endziel (Hebt 12,28; Jak 2,5; 2Petr 1,11).

c) Besonders ausgebaut ist die Vorstellung in der Offb. Hier werden die beiden Fragen geklärt, auf die sonst nur noch Paulus ein­geht:

α) Gottes Reids und Kirche: Christus hat die Ge­meinde durch sein Selbstopfer für Gott zur Königs­herrschaft gemacht (Offb 1,6; 5,10), aber sie wird erst mit Christus herrschen, wenn sie durch die erste Auferstehung für immer mit ihm vereinigt und der Anfechtung entnommen wird (Offb 5,10 Ende; 20,4.6). Mit Christus herrschen bedeutet, gleich ihm Gott und den Brüdern dienen. Erst in der Voll­endung ist die Kirche mit der Gottesherrschaft identisch (Offb 22,5). Auch nach Paulus sind die Glaubenden in das Reich versetzt (Kol 1,13), aber sie herrschen noch nicht (1Kor 4,8). Wenn Mt 13,41 die Kirche schon als corpus mixtum das „Reich des Menschensohns“ nennt, dann bahnt sich damit eine nicht-nt-liche Vorstellung an.

ß) Gottesreich und Christusreich. Nicht die Kirche, sondern Christus repräsentiert das R. G. in der Zeit: Christus hat die erlöste Gemeinde unter seine und damit unter Gottes Herrschaft gestellt (Kol 1,13; Offb 5,10), nun setzt er Gottes Herrschaft gegenüber der Welt durch, indem er die ihn ablehnende Welt dem Zorngericht Gottes preisgibt (1Kor 15,25; Offb 11,17; 19,6). Wenn die Christusherrschaft sich durch Erlösung und Gericht durchgesetzt hat, geht sie in Gottes Herrschaft auf (1Kor 15,25-28; Offb 5,10; 20,4.6; 22,5). Christusherrschaft und Gottesherr­schaft sind also nicht zwei aufeinander folgende Reiche, sondern die Christusherrschaft ist die Gestalt, in der Gottes Herrschaft in die Welt einbricht und sich durchsetzt. (Zur Diskussion über das Herrsein Christi gegenüber der Welt s. Lit.)

Diese Vorstellung ist vom Christusereignis her ent­wickelt; die Worte über das Messiaskönigtum Jesu in den Evangelien (Mt 20,21 vgl. par. Mk; Lk 1,33; 22,25f.; Joh 18,36) sind nur Aussagen über Jesu Würde, ohne direkte Beziehung auf das R.G.; denn in der at-lich-jüd. Tradition sind Messiasreich und Gottesreich getrennte Vorstellungen.

Lit.: Vgl. d. entsprechenden Abschnitte in d. Lehrb. d. Bibl. Theol. (NT) u. d. Art. im ThW — Eine zutreffende Übersicht d. neuesten Diskussion gibt W.G. Kümmel: Verheißung u. Er­füllung. Unters, z. eschatolog. Verkündigung Jesu, 2. Aufl. 1953 — Forschungsgesch.: R. Frick: Die Gesch. d. RG-Gedankens in d. alten Kirche b. zu Origenes u. Augustin, ZNWBeih 6, 1928 — Bent Noack: Das Gottesreich b. Lk. Eine Studie zu Lk 17,20-24, 1948 — Wichtige Deutungen: J. Weiß: Die Predigt Jesu vom RG, 2. Aufl. 1900 — H.D. Wendland: Die Eschato­logie d. RG bei Jesus, 1931 — R. Otto: RG u. Menschensohn, 1934 (dazu R. Bultmann, in: ThRs 1937, S. 1-35) — C. H. Dodd: The Parables of the Kingdom, 4. Aufl. 1938 (die „realisierte Eschatologie“; vgl. J. Jeremias: Die Gleichnisse Jesu, 4. Aufl. 1956) — G. Bornkamm: Jesus v. Nazareth, 1956, S. 58-87 — E. Stauffer: Jesus, 1957, S. 117ff. — Sonderfragen: O. Cull­mann: Königsherrschaft Christi u. Kirche im NT, Theol. Stud. 10, 2. Aufl. 1946 — Ders.: Die Christologie d. NT, 1957, S. 209ff. — L. Goppelt: Heilsoffenbarung u. Gesch. nach d. Offb, in: ThLZ 1952, Sp. 513ff. — H. D. Wendland: Die Welt­herrschaft Christi u. d. zwei Reiche, in: Kosmos u. Ekklesia, 1953, S. 23ff. — E. Schweizer: Jesus Christus Herr über Kirche u. Welt, in: Libertas Christiana, Fschr. Delekat, 1957, S. 175ff. — E. Wolf/W. Schmauch: Königsherrschaft Christi, TheolEx NF 64, 1958.

Quelle: EKL2, Bd. 3 (1962), Sp. 555-559.

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