Dietrich Bonhoeffer, Vergegenwärtigung neutestamentlicher Texte (1935): „Vergegenwärtigung neutestamentlicher Texte heißt also zunächst: sie als Zeugnis von Christus als dem gekreuzigten, auferstandenen und in die Nachfolge rufenden Herrn auszulegen in der Gewissheit, dass Christus das Subjekt der Vergegenwärtigung ist. Dies Zeugnis ist als streng einmaliges Zeugnis eines einmaligen Geschehens zu verstehen.“

Vergegenwärtigung neutestamentlicher Texte

Von Dietrich Bonhoeffer

Die Frage nach der Vergegenwärtigung der neutestamentlichen Botschaft ist grundsätzlich einer doppelten Auslegung fähig. [400] Entweder man meint damit, daß sich die biblische Botschaft vor der Gegenwart rechtfertigen müsse und sich deshalb der Vergegenwärtigung fähig erweisen müsse, oder man meint, daß sich die Gegenwart vor der biblischen Botschaft rechtfertigen müsse und deshalb die Botschaft gegenwärtig werden müsse. Wo heute die Frage nach der Vergegenwärtigung mit jener uns bekannten unheimlichen Dringlichkeit, ja als die zentrale Frage der Theologie überhaupt gestellt wird, dort soll sie immer dem ersten Zweck dienen. Das Neue Testament soll sich rechtfertigen vor der Gegenwart.

In dieser Gestalt ist die Frage zum ersten Mal akut geworden in der Zeit der Emanzipation der autonomen Vernunft, das heißt im Rationalismus und sie hat die Theologie bis hin zu der D. C. Theologie bestimmt. Sofern der Rationalismus nichts anderes war als das Zutagetreten des bisher latenten Anspruches der Menschen auf autonome Lebensgestaltung aus den Kräften der gegebenen Welt heraus, ist die Frage allerdings eine in dem menschlichen Anspruch auf Autonomie selbst schon gestellte Frage; das heißt der auto- nome Mensch, der sich zugleich als Christ bekennen will, fordert die Rechtfertigung der christlichen Botschaft vor dem Forum seiner Autonomie. Gelingt diese, dann nennt er sich Christ; gelingt sie nicht, dann nennt er sich Heide. Es ist nicht der geringste Unterschied, ob das Forum, vor dem sich die biblische Botschaft zu rechtfertigen hat, im 18. Jahrhundert die Vernunft, oder im 19. Jahrhundert die Kultur, oder im 20. Jahrhundert das Volkstum beziehungsweise das Jahr 1933 mit allem, was es einschließt, heißt, es ist genau die gleiche Frage: läßt sich das Christentum vor uns, die wir einmal so sind, wie wir – Gott sei Dank! – sind, vergegenwärtigen? es ist genau das gleiche dringende Bedürfnis aller derer, die da auf den Christennamen aus irgendwelchen sei es vernunftgemäßen, sei es kulturellen, sei es politischen Gründen Anspruch erheben wollen, das Christentum vor der Gegenwart [401] zu rechtfertigen; es ist genau die gleiche Voraussetzung, nämlich, daß der archimedische Punkt, dieser feststehende außer Frage stehende Ausgangspunkt bereits gefunden ist (sei es in der Vernunft, in der Kultur oder im Volkstum) und das bewegliche, fragliche, nicht feststehende Element eben die christliche Botschaft sei; und es ist genau die gleiche Methode, nämlich die Vergegenwärtigung so vorzunehmen, daß man die biblische Botschaft durch das Sieb der eigenen Erkenntnis … laufen läßt, – was nicht hindurch will, wird verachtet und weggeschüttet, daß man die [christliche] Botschaft zurechtschneidet und stutzt, bis sie in den festgelegten Rahmen hineinpaßt, bis der Adler nicht mehr aufsteigen und in sein wahres Element entfliehen kann, sondern mit gestutzten Flügeln unter den übrigen gezähmten Haustieren als besonderes Schaustück gezeigt werden kann. Wie ein Bauer, der ein Pferd für seinen Acker braucht, den feurigen Hengst stehen läßt, und das lendenlahme gezähmte Pferd kauft, so kauft man sich ein brauchbares Christentum, gezähmt … – und es ist nur noch die Frage der Redlichkeit, daß man sehr bald an diesem Gebilde sein Interesse gänzlich verliert, und sich von ihm abkehrt. Diese Vergegenwärtigung der christlichen Botschaft führt direkt ins Heidentum. Woraus dann auch [erstens] folgt, daß zwischen D. C. und sogenannten Neuheiden nur noch der Unterschied der Redlichkeit besteht. Es folgt aber zweitens, daß auch der unzweifelhaft teilweise mit großer Leidenschaft und subjektiver Ernsthaftigkeit erschollene Ruf nach Vergegenwärtigung der [402] christlichen Botschaft in den Anfängen der D. C. als solcher kirchlich und theologisch nicht ernstgenommen werden durfte; er war bestenfalls der Schreckensschrei dessen, der den Bruch zwischen Christentum und Welt sichtbar erfährt; der sich seiner völligen Weltförmigkeit bewußt wird, der erkennt, daß es für ihn mit dem Christentum aus ist, der nun aber weder stark genug ist, ein klares „Ja“ und ein ebenso klares „Nein“ zu sagen, sondern der feig das Christentum in seinen Verfall an die Welt mit hineinreißen will. Der klarste Beweis hierfür ist, daß man hier nirgends den Mut fand, die Frage nach der Sache der christlichen Botschaft neu zu stellen, sondern nur nach der Vergegenwärtigung schrie, eben um damit – anders als in der liberalen Theologie! Naumann! – der Sache auszuweichen! Wo aber die Frage nach der Vergegenwärtigung zum Thema der Theologie wird, dort können wir gewiß sein, daß die Sache bereits verraten und verkauft ist. Wir werden sehr auf der Hut sein müssen, um uns nicht durch den Kampf falsche Fragen und falsche Themata aufzwingen zu lassen. Die Gefahr besteht durchaus. Ich brauche nur an das theologische Schrifttum der beiden letzten Jahre – gerade von unserer Seite! – zu erinnern (an Althaus Deutsche Stunde der Kirche, Heim, selbst Schlatter neue deutsche Art in der Kirche!), um das deutlich zu machen. Die Frage nach der Vergegenwärtigung bekommt allzu leicht einen falschen Akzent! und verdrängt die Frage nach der Sache. Welchen [403] Sinn soll es denn haben von Vergegenwärtigung zu reden, wo wir über die Sache noch nicht meinen dürfen, restlos klar zu sein?

Es ist ja so, wenn einer Durst hat, so trinkt er das Wasser aus jederlei Gefäß, auch wenn es etwas beschwerlich ist. Und es ist besser, sich reines Wasser mühsam schöpfen zu müssen, als trübes Wasser aus einem Glas zu trinken. Wer Durst hat, der hat von jeher in der Bibel selbst und in einer sachlich–biblischen Predigt, auch wenn sie sehr unzeitgemäß war – das lebendige Wasser gefunden – und es ist ein Eingeständnis einer gefährlichen Dekadenz des Glaubens, wenn die Frage nach der Vergegenwärtigung der Botschaft als methodische Frage zu laut wird. Wem es wirklich um die Sache zu tun war, sc. um das Heil seiner Seele, dem hat die deutsche Luther-Bibel, die Verdeutschung der heiligen Schrift durch Luther die Forderung nach Vergegenwärtigung und Verdeutschung des Evangeliums immer noch am besten erfüllt. Hier ist vergegenwärtigtes, hier ist deutsches Christentum.

Damit soll aber des Negativen und der Abgrenzung fürs erste genug sein; und der positive Sinn der Frage nach der Vergegenwärtigung wird jetzt ins rechte Licht gerückt werden können. Nicht Rechtfertigung des Christentums vor der Gegenwart, sondern Rechtfertigung der Gegenwart vor der christlichen Botschaft soll gemeint sein. Vergegenwärtigung heißt dann, daß die Gegenwart vor das Forum der christlichen Botschaft gestellt wird, heißt mit anderen Worten die Frage nach der Sache, nach dem „Was?“ der christlichen Botschaft, während in dem falschen Begriff der Vergegenwärtigung nach dem „Was“ der Gegenwart gefragt wurde. Die wahre Vergegenwärtigung liegt in der Frage nach der Sache. Es wird der Sache selbst zugetraut, daß dort, wo sie wirklich zu Wort kommt, in sich selbst sie das Gegenwärtigste sei; es bedarf dann gar keines besondern Aktes [404] der Vergegenwärtigung mehr, in der Sache selbst vollzieht sich die Vergegenwärtigung. Allerdings – nur weil es diese Sache ist, um die es im Neuen Testament geht, weil die Sache hier Christus und sein Wort ist. Wo Christus im Wort des Neuen Testaments zu Wort kommt, dort ist Vergegenwärtigung. Nicht wo die Gegenwart vor Christus ihren Anspruch anmeldet, sondern wo die Gegenwart vor dem Anspruch Christi steht, dort ist Gegenwart. Denn: Der Begriff der Gegenwart ist nicht eine Zeitbestimmung, sondern durch das Wort Christi als des Wortes Gottes [bestimmt]. Gegenwart ist nicht irgendein Zeitgefühl, eine Zeitdeutung, ein Zeitgeist, sondern Gegenwart ist allein der Heilige Geist. Wo Gott selbst ist in seinem Wort, dort ist Gegenwart, dort setzt er Gegenwart. Das Subjekt der Gegenwart ist der Heilige Geist, nicht wir, darum ist auch das Subjekt der Vergegenwärtigung der Heilige Geist selbst. Das concretissimum der christlichen Botschaft und Textauslegung ist nicht ein menschlicher Akt der Vergegenwärtigung, sondern ist immer Gott selbst, ist der Heilige Geist. Weil die „Sache“ des Neuen Testaments dies ist, daß Christus durch seinen Heiligen Geist zu uns redet, und weil dies nicht außerhalb oder neben, sondern allein und exklusiv durch das Wort der Schrift geschieht, darum ist Sachlichkeit, das heißt Schriftgebundenheit der Verkündigung selbst Vergegenwärtigung – „Sachlichkeit“ – sowohl als Methode – davon werden wir gleich reden – wie auch als Gehorsam und Vertrauen zu der Sache des Heiligen Geistes. Denn das Sachliche an dieser Sache ist eben der Heilige Geist selbst und Er ist der gegenwärtige Gott und Christus.

Hier kommt auch sprachlich der Begriff der Gegenwart erst zu seinem Recht. Daß etwas uns „entgegen“ ist – entgegen wartet – besagt doch, daß Gegenwart von außen her bestimmt ist und nicht von innen, nicht von uns bestimmbar, durch das bestimmt [405] ist, was von außen auf uns zukommt, durch das Zukommende, durch die Zukunft. Gegenwart ist primär nicht durch die Vergangenheit, sondern durch die Zukunft bestimmt, und diese Zukunft ist Christus, ist der Heilige Geist. „Vergegenwärtigung“ heißt daher Ausrichtung auf diese Zukunft, auf dieses außen – und es ist die verhängnisvollste Verwechslung von Gegenwart und Vergangenheit, wenn man meint, Gegenwart als das bestimmen zu können, das in sich selbst ruht und ihr Kriterium in sich selbst trägt. Das Kriterium der echten Gegenwart liegt außerhalb ihrer selbst, liegt in der Zukunft, liegt in der Schrift und dem in ihr bezeugten Wort Christi. Und so wird die Sachlichkeit darin bestehen, daß das Außen, das Gegenüber, das „Zukünftige“ als Gegenwart zu Gehör kommt – das fremde Evangelium, nicht das bekannte Evangelium wird das gegenwärtige Evangelium sein. Anknüpfungspunkt des Ärgernisses!

2. Vergegenwärtigung als Methode.

Haben wir erkannt, daß die rechte Vergegenwärtigung darin liegt, daß wir zur Sache kommen und die Sache zu Wort kommt, so wird dem methodisch entsprechen, daß vergegenwärtigende Verkündigung wesentlich Auslegung sein muß, Auslegung des Wortes, das allein über die Kraft der Vergegenwärtigung verfügt, Schriftauslegung. Der Akt der Vergegenwärtigung, sofern er von uns methodisch überhaupt vollzogen werden kann, ist die strenge und exklusive Bezugnahme auf das Schriftwort. Also, nicht geht die Bewegung vom Schriftwort zur Gegenwart, sondern sie geht von der Gegenwart zum Schriftwort und verharrt dort! Also, scheinbar weg von der Gegenwart, um von der falschen Gegenwart zur echten Gegenwart zu kommen.

Wem das unverständlich erscheint, der hat die Voraussetzung noch nicht erfaßt, daß nur dort wo Christus redet und der Hei-[406]lige Geist, Gegenwart ist. Diese Rückwärtswendung zur Schrift entspricht genau der Rückwärtswendung des christlichen Glaubens und der christlichen Hoffnung, nämlich auf das Kreuz Christi; es ist beidemal die Geschichtlichkeit der Offenbarung Gottes, die hier zum Ausdruck kommt.

„Auslegung“ ist kein eindeutiger Begriff; er muß scharf abgegrenzt werden von anderen, untheologischen Methoden der Vergegenwärtigung.

Voraussetzung jeder Vergegenwärtigung für untheologisches Verständnis ist offenbar, daß an dem Vergangenen etwas ist, das nicht nur vergangenes ist, sondern das über die Vergangenheit hinausragt. Ja, dieses über die Vergangenheit Hinausragende ist imgrunde (wesentlich, ist durch sich selbst) nicht Vergangenes, nicht Zeitliches, sondern Überzeitliches. In der Geschichte, so sagt man dann, ist etwas Ewiges, in dem Zufälligen ist etwas Notwendiges, in dem Individuell–Einmaligen ist ein allgemeingültiger Sinn. Dieser Sinn, dieses Ewige kann eine Lehre sein, es kann eine ethische Norm sein, es kann ein allgemein menschliches Gefühl sein, es kann ein Mythos sein. Vergegenwärtigung heißt Auffinden dieses Ewigen, dieses Sinnes, dieses Wesens, das heute ebenso gilt, wie damals. Es heißt in unserem Fall, Auffindung der ewigen Lehre, beziehungsweise der allgemeinen ethischen Norm, beziehungsweise des Mythos, den die heilige Schrift enthält, und es heißt sodann Anwendung dieses Allgemeinen auf die Gegenwart, auf das individuelle Heute.

Wie ist solches Auffinden des Ewigen im Zeitlichen möglich? Allein so, daß der Interpret selbst apriori über die ewigen Maßstäbe verfügt, die er in der Schrift wiederfindet. Weil Gleiches nur durch Gleiches erkannt wird, darum vermag der Interpret [407] der heiligen Schrift aufgrund seiner ihm innewohnenden allgemeinen Ideen und Maßstäbe, diese in der Schrift wiederzuerkennen und zu erschließen. Das Prinzip der Vergegenwärtigung liegt also in mir, liegt in dem Interpreten. Ich bin im strengen logischen Sinne das Subjekt der Vergegenwärtigung und es kann nur das vergegenwärtigt werden, was in mir als Prinzip der Vergegenwärtigung schon vorhanden ist. Schriftauslegung heißt hier das Beziehen der Schrift auf die ewigen Wahrheiten, die ich bereits kenne – sei es eine intellektuelle Wahrheit, sei es ein ethisches Prinzip, sei es eine allgemein menschliche Erkenntnis, sei es ein Mythos. Mit anderen Worten die Wahrheit steht schon fest, ehe ich an die Auslegung der Schrift herangehe.

Wir erkennen in dieser Methode der Vergegenwärtigung jenes erste falsche Verständnis der Vergegenwärtigung wieder, von dem wir zu Anfang sprachen. Die Schrift wird vor das Forum der Gegenwart gezogen und muß sich vor ihm rechtfertigen, sie muß Erkenntnisse, Normen, allgemeine Wahrheiten hergeben, die in der Gegenwart gegeben sind. Was sich diesem Vorgehen widersetzt, wird als zeitgebunden in der Vergangenheit gelassen, kann nicht vergegenwärtigt werden, ist nicht ewig, göttlich.

Damit macht der Interpret den Anspruch, in der heiligen Schrift Gottes Wort und Menschenwort unterscheiden zu können. Er selbst weiß, wo Gottes Wort und wo Menschenwort ist. Also etwa: Die Theologie des Paulus ist Menschenwort, die sogenannte Religion Jesu ist göttlich; Sünden- und Rechtfertigungslehre sind zeitgebunden und vergangen, der Kampf um das Gute und Reine ist ewig; oder: die ethische Lehre Jesu ist ewig, die Wundergeschichten sind zeitbedingt; oder: der Kämpfer Jesus und sein Tod sind Ausdruck für den ewigen Kampf des Lichtes gegen die Finsternis, der leidende, wehrlose Jesus geht uns nichts an; oder: die Lehre von der Gnade ist ewig, – die Gebote der Bergpredigt gelten uns nicht mehr!

Damit ist uns der Schlüssel zur Auslegung der Schrift in die Hand gegeben. Wie wir in einer profanen Schrift die echten Worte des Autors von den unechten Zutaten zu unterscheiden vermögen, so vermögen wir nun in der Bibel das Wort Gottes [408] von dem Menschenwort zu unterscheiden und aus ihm herauszulösen. Das Kriterium über das Wort Gottes liegt bei uns, sei es in unserer Vernunft, in unserem Gewissen oder in unserem völkischen und sonstwie gearteten Erlebnis. Das Kriterium für das Wort Gottes liegt außerhalb desselben, in uns – die Norm der Vergegenwärtigung liegt bei uns, die Bibel ist der Stoff, an dem diese Norm Anwendung findet.

Dieser Satz ist nun genau umzukehren, damit unser Begriff der Auslegung und der Vergegenwärtigung klar wird – die Norm für das Wort Gottes in der Schrift ist das Wort Gottes selbst und unsere Gegebenheiten, Vernunft, Gewissen, völkisches Erlebnis sind der Stoff, an dem diese Norm ihre Anwendung sucht. Wohl sagen auch wir, daß Gotteswort und Menschenwort in der heiligen Schrift verbunden seien, aber so, daß Gott selbst sagt, wo sein Wort ist und daß er das sagt im Menschenwort. Das Menschenwort hört nicht auf zeitgebundenes, vergängliches Wort zu sein, dadurch daß es Gottes Wort wird, sondern als solches geschichtliches zeitliches Wort ist es Gotteswort. Die Unterscheidung zwischen Ewigem und Zeitlichem, Zufälligem und Notwendigem. in der Bibel ist fundamental falsch. Das zeitliche Wort der Schrift selbst – also etwa das Bekenntnis Jesu, die Stunde des Anbruches [des] Reiches [Gottes] nicht zu wissen oder die Frage: was heißest du mich gut? gerade sie sind als ganz zeitliches begrenztes Wort Gottes Wort. Gott allein sagt wo sein Wort ist – und das heißt abermals Gott allein vergegenwärtigt sein Wort, der Heilige Geist ist das Prinzip der Vergegenwärtigung. Für die Methode der vergegenwärtigenden Auslegung heißt das, daß sie nicht an die Schrift herantritt als an ein Buch, in dem allgemeine Wahrheiten, allgemeine ethische Normen oder Mythen aufgefunden werden könnten; die heilige Schrift ist vielmehr für sie als ganze das Zeugnis von Gott in Christus und es wird ihr in jeder Stelle darum gehen, den Zeugnischarakter des Wortes hörbar zu machen. Es gibt grundsätzlich keine bevorzugten Stellen, es sei denn, daß darunter der Grad der Klarheit dieses Zeugnischarakters [409] verstanden würde. Vergegenwärtigung geschieht nicht durch Auswahl bestimmter Texte, sondern durch Hörbarmachen des Ganzen der heiligen Schrift als des Zeugnisses des Wortes Gottes. Die einzige Methode der Vergegenwärtigung ist mithin die sachliche Textauslegung als des Zeugnisses von Christus und solche Auslegung hat die Verheißung der Gegenwart Christi.

Zwei Fragen: 1.) Muß ich nicht als der Prediger der Auslegung die konkrete Anwendung folgen lassen, muß ich nicht der Gemeinde vollmächtig das Wort sagen in letzter Konkretion und muß auf diesem Konkreten, das ich sage nicht der Akzent der Ewigkeit selbst liegen, und geht diese Form der Vergegenwärtigung nicht doch wesentlich über die Auslegung hinaus?

Der Text ist nicht der allgemeine Ausgangspunkt, dem ich erst die konkrete Anwendung für die Gemeinde zu geben hätte, auf die dann der Akzent der Ewigkeit fallen müßte. Das concretissimum der Predigt ist nicht die von mir gegebene Anwendung, sondern der durch den Text der Bibel redende Heilige Geist selbst. Auch der klarste Skopus, der vernehmlichste Appell an die Gemeinde ist unkonkret, solange nicht der Heilige Geist selbst das concretissimum, die Gegenwart schafft. Was die Rede vom Akzent der Ewigkeit angeht, so ist zu sagen, daß der Akzent der Ewigkeit schon gefallen ist, auf Christus und sein Kreuz und hier bleibt er und es fällt bei jeder Predigt der Akzent der Ewigkeit auch wieder nur auf Christus und sein Kreuz und auf sonst nichts. Wo außer Christus ein Akzent der Ewigkeit gesucht wird, dort verfällt man der Schwärmerei.

2.) Fordert nicht die konkrete Situation der Gemeinde eine über die Auslegung hinausgehende Form der Vergegenwärtigung? – Die sogenannte konkrete Situation der Gemeinde ist [410] der Gemeinde jeweils verständlich zu machen als die allgemeine Situation des Menschen vor Gott, des Menschen in seinem Stolz, in seinem Unglauben, in seiner Unbrüderlichkeit, in seiner Frage. Die Antwort ist Christus, wie er durch sein Wort kommt, immer als der richtende, gebietende und vergebende zugleich. Nicht dieses oder jenes Konkretum, das ich zu der sogenannten konkreten Situation zu sagen habe, sondern Christus selbst als der Herr, der Richter und Heiland ist das Wort zur konkreten Situation. Daß ich als Mann oder Frau, als Nationalsozialist oder Reaktionär oder Jude, von diesem oder jenem Erlebnis herkommend unter der Kanzel sitze, hat in sich selbst garkein eigenes Recht noch Anspruch auf das Wort, sondern daß ich als Mann oder als Nationalsozialist ein vor Gott zum Sünder gewordener Unglaubender, nach Gott fragender bin das ist meine wahre konkrete Situation, die mir durch die Predigt aufgedeckt und gelöst wird. Wo in der Auslegung des Textes als Zeugnis Christus selbst zu Wort kommt, dort wird aus dem, der sich vorher als Mann oder als Nationalsozialist oder Jude wichtig genommen hat, der, der sich nur noch als Sünder und Gerufener und als Begnadigter wichtig nimmt. Gerade, daß die sogenannte konkrete Situation der Gemeinde nicht letztlich ernstgenommen wird, macht den Blick frei für die wahre Situation des Menschen vor Gott. Nicht nach unserem Mann- oder Frau- oder Nationalsozialistsein fragt uns Gott, sondern nach unserem Glauben an ihn und seine sündenvergebende Liebe und nach dem Gehorsam gegen sein in der Bibel bezeugtes Wort.

Es ist fast seltsam, daß immer noch die Meinung besteht, es müsse zur Textauslegung noch etwas hinzutreten – etwas über sie hinausgehendes, konkreteres – was gibt es denn heute Konkreteres als eine Textauslegung gewisser Kapitel der Apokalypse oder der Propheten oder der Bergpredigt oder der Geschichte vom barmherzigen Samariter? Ist nicht hier die Textauslegung, sofern sie wirklich diesen Text als Zeugnis des lebendigen Christus nimmt, alles. Ist nicht das gerade das Überraschende an unserer Zeit, daß wir heute fast jeden Text nehmen können [411] und ihn nur klar und scharf und sachlich aus[zu]legen brauchen und er ist vergegenwärtigt?! – (Es hat sich allmählich die Meinung herausgebildet, als müsse eine Bekenntnispredigt immer eine konkrete Polemik gegen Rosenberg etc. enthalten und als sei das die Form der Vergegenwärtigung – nichts dagegen zu sagen – aber eine gute Predigt braucht das garnicht, heute nicht! – Die Polemik liegt in der Textauslegung selbst!)

3. Vergegenwärtigung der neutestamentlichen Botschaft.

Das Neue Testament ist das Zeugnis von der in Christus erfüllten Verheißung des Alten Testaments. Es ist nicht ein Buch, das ewige Wahrheiten, Lehren, Normen oder Mythen enthält, sondern es ist ein einziges Zeugnis von dem Gottmenschen Jesus Christus. Es ist als ganzes und in allen seinen Teilen nichts als dieses Zeugnis von Christus, seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung. Dieser Christus wird bezeugt nicht als das Ewige in Zeitlichem, als der Sinn im Zufälligen, als das Wesen im Unwesentlichen! sondern als der schlechthin Einmalige Menschgewordene, Gestorbene, Auferstandene und diese Einmaligkeit Christi in der Geschichte erfüllt das ganze Neue Testament. Es besteht hierin kein Unterschied zwischen Lehrtexten (in den Episteln oder in den Reden Jesu) und den geschichtlichen Texten. Beide sind in gleicherweise Zeugnis von dem einmaligen Christus, also nicht so verhält es sich, daß ein Lehrtext etwa eine allgemeine Wahrheit über Christus ausspricht, während zum Beispiel eine Wundergeschichte ein Zufällig-Einmaliges berichtet – sondern beide legen in gleicher Weise Zeugnis ab von der Einmaligkeit und völligen Geschichtlichkeit [412] Jesu Christi. In der Wundergeschichte ist ebenso wie im Gleichnis oder wie im Gebot der Bergpredigt Christus selbst der Verkündigte, nicht diese oder jene Wahrheit oder Lehre über ihn und Tat von ihm, sondern Er selbst, und Er allein und Er „ganz“! Daß Christus es ist, der das Wunder tut, das Gleichnis spricht, das Gebot gibt, und daß er durch Wunder, Gleichnis, Gebot oder Lehre immer das Eine und selbe will, nämlich den Menschen an sich als den schlechthin Einmaligen, Geschichtlichen zu binden, das ist der gemeinsame Zeugnischarakter des Neuen Testaments. Ebenso aber ist ein paulinischer Lehrtext nicht wesentlich ein dogmatischer Satz – obwohl er das auch ist – sondern er ist einmaliges Zeugnis von dem einmaligen Christus. Man mag sagen, daß in den Evangelien das Wunder seiner Inkarnation, der Menschwerdung und daß in den Episteln das Wunder seines Kreuzes und seiner Auferstehung vernehmlicher werde, aber doch nie anders als daß auch in den Evangelien der ganze gekreuzigte und auferstandene Christus und in den Episteln der ganze Menschgewordene Christus in seiner Einmaligkeit bezeugt wird.

Es könnte scheinen, als ließen sich Lehrtexte leichter vergegenwärtigen als geschichtliche Texte. Hier versteckt sich aber wieder nur die falsche Unterscheidung als gebe es in der Bibel so etwas wie eine ein für allemal geltende Lehre, während die geschichtlichen Ereignisse nur zeitbedingt seien. Das Neue Testament ist in Lehre und Geschichte Zeugnis, es ist nicht selbst etwas, sondern es zeugt von etwas anderem, es hat keinen Wert in sich selbst, sondern nur als Zeugnis von Christus; es ruht nicht in sich selbst, sondern es weist über sich hinaus, seine Sätze und Worte sind nicht an sich wahr und ewig und gültig, sondern nur sofern sie Zeugnis von Christus sind – das heißt Christus selbst allein wahr sein lassen wollen. Das ganze Neue Testament in allen seinen Teilen will als Zeugnis ausgelegt sein – [413] nicht als Weisheitsbuch, als Lehrbuch, als Buch ewiger Wahrheit, sondern als Buch eines einmaligen Zeugnisses einer einmaligen Tatsache. Es ist das „fröhliche Geschrei“ –: Dieser Jesus ist Christus! „Auf diesen Menschen sollst du zeigen und sprechen: das ist Gott“. (Luther!)

Ein paulinischer Lehrtext wird nicht recht ausgelegt, wenn er als ein Stück echter Theologie als pura doctrina weitergegeben wird, sondern diese Theologie muß als das Zeugnis für den lebendigen Christus verständlich gemacht werden. Schwierig – weil leicht allgemeine Wahrheiten – Mißverständnis als sei das Christus – Theologie als Zeugnis!

Eine Wundergeschichte wird weder dort recht ausgelegt, wo sie auf eine allgemeine Wahrheit zurückgeführt wird – Hochzeit von Kana: „Jesus läßt niemand im Stich“ – noch, wo der Blick wesentlich auf das Wunder selbst gerichtet wird und dann entsprechende Beispiele aus der Gegenwart herangezogen werden, sondern als Zeugnis von Christus als dem, der die Gewalt der Dämonen brechen kann, als dem Herrn über die Dämonen – der er als der Gekreuzigte geworden ist – ist die Wundererzählung zu verkündigen. Daß gerade die Wundergeschichten in einer so dämonisierten Zeit wie der unseren besonders zu reden beginnen, erleichtert ihre Predigt heute. Daß die Dämonen nicht von selbst weichen oder an sich selbst zugrunde gehen, sondern daß sie ausgetrieben werden müssen, daß Christus der Herr ist, der allein Dämonen auszutreiben vermag und daß er auch uns die Macht verheißen hat, solche Wunder zu tun, wenn wir nur Glauben haben, daß wir der Dämonen nicht Herr werden durch Haß und Gewalt, sondern allein durch Fasten und Beten und Glauben – das wird eine sehr gegenwartsnahe Auslegung der Wundergeschichten sein. [414]

Das Gleichnis ist Zeugnis von Christus in höchster Potenz. Zwei Mißverständnisse der Gleichnisse sind abzuwehren: erstens als sei der Inhalt der Gleichnisse die Darstellung allgemeiner Wahrheiten, – nicht eine allgemeine Wahrheit, sondern das „Himmelreich ist gleich …“ für uns deutlicher: „Christus ist gleich. .“ Christus ist das inhaltliche Ziel jedes Gleichnisses. Zweitens: als sei die Form des Gleichnisses eine psychologisch begründete Redeform, der sich Jesus bedient, um der Popularisierung, sagen wir: Vergegenwärtigung seiner Gedanken willen, und als sei das uns zum Vorbild gesagt, daß auch wir in Gleichnissen predigen sollten. Nach dem Wort Jesu selbst (Mk 4, 11 ff) ist das Gleichnis nicht eine psychologisch begründete vorbildliche Redeform, sondern eine in der Sache des Reiches Gottes selbst begründete Gestalt seines Redens, wie es schon im Psalter bezeugt ist …, durch die Er die Scheidung der Geister in Glaubende und Verstockte vollzieht. Durch die Helligkeit und Klarheit und Eindeutigkeit des Gleichnisses kann sich der Mensch der Entscheidung für Christus oder gegen ihn nicht mehr entziehen. So wird ihm gerade die Helligkeit des Gleichnisses zum Gericht – „daß sie es sehen und doch nicht erkennen . “ so wird das Allerklarste zum Dunkelsten, so wird der offenbare Tag zur verborgenen Nacht, so wird das, was jeder verstehen kann, gerade zum tiefsten Geheimnis der Auserwählten, der Jünger – wie es der Psalm 78 bezeugt – vgl. Mt 13, 35. So ist Christus nicht nur das Ziel der Gleichnisse, sondern auch der, der durch sie in die Entscheidung zwingt und als Richter die Scheidung vollzieht. So sind gerade die Gleichnisse nicht als die unvergänglichen Bilder ewiger Wahrheiten zu predigen, sondern als Zeugnis für Christus, der sich schenkt und versagt, der durch dasselbe Wort offenbart und verhüllt, als der Gekreuzigte, [415] der durch sein klares Wort die Geister scheidet, durch dessen Wort sich das Geheimnis der ewigen Erwählung und Verwerfung vollzieht.

Schließlich aber sind auch die Gebote und Paränesen des Neuen Testamentes streng als Zeugnis von Christus als dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu verstehen. Nicht als ewige Normen und Gesetze, sondern als Gebote eines Herrn, wobei das Gebot nur dort recht begriffen wird, wo der Herr erkannt ist. Das Gebot ohne den Herrn ist nichts, und der Grund, der Inhalt und das Ziel – das heißt die Erfüllung des Gebotes ist immer der Herr und zwar als der Gekreuzigte. So muß das Gebot der Bergpredigt oder die Paränese des Paulus verstanden werden als Zeugnis von dem Herrn, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, nicht als ob das Gebot damit bagatellisiert würde, es bleibt bestehen aber es ist Zeugnis, Verkündigung von Christus, das heißt es ist nun Gnade. Frage soll sein: inwiefern ist dies Gebot in Christus erfüllt, inwiefern sagt er dies Gebot mit Autorität? Nur wer das Gebot hört und tut, vernimmt in ihm das Zeugnis von Christus. Also nicht Prinzipien einer christlichen Ethik, sondern einmalige Zeugnisse des gegenwärtigen und gebietenden Christus sind die Gebote des Neuen Testaments und als solche auszulegen.

Vergegenwärtigung neutestamentlicher Texte heißt also zunächst: sie als Zeugnis von Christus als dem gekreuzigten, auferstandenen und in die Nachfolge rufenden Herrn auszulegen in der Gewißheit, daß Christus das Subjekt der Vergegenwärtigung ist. Dies Zeugnis ist als streng einmaliges Zeugnis eines einmaligen Geschehens zu verstehen. Nur wo dem Neuen Testament dieser Charakter der Einmaligkeit bleibt, kann es ernsthaft als Zeugnis von Christus verstanden werden. An der Einmaligkeit – also an der Ablehnung jeglicher Möglichkeit Ewiges und Zeitgebundenes, Gottes Wort und Menschenwort in der Schrift aufweisbar zu machen und zu unterscheiden – hängt die Möglichkeit der Vergegenwärtigung – denn Vergegenwärtigung heißt, daß Christus selbst redet durch den Heiligen [416] Geist als der durch die Schrift bezeugte Geschichtliche – daß Christus uns entgegentritt, – nicht daß wir eine allgemeine Wahrheit im Neuen Testament bestätigt finden. An der Auslegung des Neuen Testaments als dem einmaligen Zeugnis von dem geschichtlichen und lebendigen Christus hängt die Vergegenwärtigung.

Ein letztes Problem in diesem Zusammenhang: Da die Schrift als ganze und in allen ihren Teilen als Zeugnis von Christus verstanden werden soll und da sich offenbar beim konkreten Nachweis dieser Behauptung Schwierigkeiten ergeben – entsteht die Frage, ob es erlaubt sei, bei dunklen Stellen der Schrift die allegorische Auslegung anzuwenden. Dazu ist zu sagen: 1.) Den Nachweis für den Zeugnischarakter der ganzen Schrift bringt weder eine wörtliche noch eine allegorische Auslegung, sondern Gott allein, der sich zu seinem Zeugnis zu seiner Stunde bekennt. Also diese Rechtfertigung der allegorischen Auslegung ist unmöglich. 2.) Das Recht zur allegorischen Auslegung besteht in der Anerkennung der Möglichkeit, daß Gott sein Wort nicht in seinem grammat[ikalisch]-logisch-eindeutigen Sinn erschöpft sein läßt, sondern daß das Wort noch andere Perspektiven hat und in den Dienst der besseren Erkenntnis gestellt werden kann. Luther hat mit großem Nachdruck auf dem eindeutigen Schriftsinn gegenüber dem 4 beziehungsweise 7 fachen Schriftsinn bestanden – Einhelligkeit, Wahrheit. – hat selbst allegorisiert in Psalmenvorlesung! – Aber wohl kein Recht, die andere Möglichkeit abzulehnen – warum soll das Wort nicht auch symbolische oder allegorische Bedeutung haben können? Entscheidend ist nur, und das einzige Kriterium, ob hier nichts anderes entdeckt wird als eben Christus – also 1.) auf das Was! auf den Inhalt der allegorischen und symbolischen und typologischen Auslegung kommt es an. 2.) Darauf [417] daß nur dem Wort der Schrift diese Kraft des allegorischen, symbolischen etc. Christuszeugnisses, diese Durchsichtigkeit zugemessen wird. Innerhalb dieser beiden Schranken scheint mir der allegorischen etc. Auslegung ihre Freiheit bleiben zu müssen und innerhalb dieser Schranken hat sie das Neue Testament selbst geübt. Wie dürften wir sie für unmöglich halten? Nicht als falsches Beweismittel, aber als Lobpreis auf die Fülle des Christuszeugnisses der Schrift bleibt die allegorische Auslegung eine schöne Freiheit der kirchlichen Auslegung der Schrift.

b.) unser Zeugnis[:] Die Grenzen sind abgesteckt, innerhalb derer rechtmäßig von Vergegenwärtigung geredet werden kann. In diesen Grenzen aber bleiben dem Prediger noch einige wesentliche Freiheiten: Die erste Freiheit ist die der Übersetzung, der Verdeutschung des Urtextes. Mit der Lutherbibel ist uns das Christuszeugnis auf deutsch geschenkt worden. Für jede Verbalinspirationslehre ist Übersetzung immer schon Abfall, denn inspiriert ist eben nur der Urtext. Für uns ist Übersetzung Freiheit und Verpflichtung. Die Sprache ist der Freiheit der Gemeinde anheimgestellt, das heißt dem Dienst an der Gemeinde. Die Übersetzung ist die erste und notwendige rechtmäßige Form der Vergegenwärtigung. Das Problem einer rechten theologischen und kirchlichen Sprache ist ungemein wichtig und [418] noch gänzlich unerörtert. Es wird so viel gesagt werden müssen: Die Forderung der Gegenwartssprache, der Volkssprache nur formale Anknüpfung der Verständlichkeit – keineswegs aber den Eigengesetzen der Sprache Raum lassen, den Dämonien – durch die Sprache die Kondeszendenz des Wortes zum Ausdruck bringen, aber nicht als captatio benevolentiae benutzen. Die Sprache bleibt streng im Dienst, gerade weil sie das Mittel zur Ausrichtung des Wortes ist. Die zweite Freiheit ist die Auswahl des zu predigenden Textes. Wiewohl jede Textpredigt Christuspredigt sein muß, und wie es jeweils der ganze Christus sein muß, der verkündigt wird, so bleibt doch die Wahl des Textes – (relativ! – hier nicht Perikopenproblem behandeln!) frei. Wie ist diese Freiheit rechtmäßig zu gebrauchen? Soll ich fragen: was will die Gemeinde heute hören? wonach fragt sie? was ist gerade in der letzten Woche vorgefallen? Diese Fragen haben ihr Recht und ihre Notwendigkeit für den verantwortlichen Pfarrer. Aber sie bedürfen einer Voraussetzung. Voraussetzung ist, daß der Pfarrer weiß, daß eine Gemeinde in Wahrheit nicht nach diesem oder jenem fragt, was gerade vordergründlich ist, sondern daß sie hintergründlich, ob sie es weiß oder nicht, immer nach dem ganzen Christus fragt und daß allein die Verkündigung des ganzen Christus ihre jeweiligen vordergründlichen Fragen beantworten kann. Das heißt ich werde jene Fragen stellen müssen nicht im Blick darauf, welche spezielle Wahrheit in diesem oder jenem Fall der Gemeinde gesagt werden soll, sondern im Blick auf die Ganzheit des Christuszeugnisses. Die Freiheit der Textwahl steht also im Dienst der Ganzheit des Christus-Zeugnisses. Dort wo diese Ganzheit gefährdet erscheint, dort muß ich predigen. Ob die Gefährdung der Ganzheit an Mängeln meiner eigenen bisherigen Predigt oder in bestimmten Gegebenheiten der Gemeinde liegt, ist eine andere Frage. – Möglichkeit des Irrtums! – aber, wo Christus [419] gepredigt wird, und nicht diese oder jene Wahrheit, dort Irrtum ausgeglichen. Die Freiheit der Vergegenwärtigung dient der Ganzheit des Christuszeugnisses.

Ehe ich nun zum Schluß die dritte mir entscheidend erscheinende Freiheit zur Vergegenwärtigung der neutestamentlichen Botschaft nenne, möchte ich an dieser Stelle ganz konkret werden und die Punkte anzeigen, an denen die Ganzheit der Christusverkündigung heute gefährdet ist und damit einen konkreten Beitrag zur Vergegenwärtigung neutestamentlicher Texte liefern. An drei zentralen Punkten der neutestamentlichen Botschaft möchte ich das aufzeigen:

1.) Gnade und Nachfolge

2.) Kirche und Welt. (Kirchenzucht – Irrlehre!)

3.) Der barmherzige Samariter.

7.2. SCHLUSSTEIL DES VORTRAGS (MITSCHRIFT)

1.) Gnade: protestantisch aus Gnade allein leben. Dies verkündet, weil in Schrift bezeugt. Unwahr, wenn Gnadenprinzip.

Sobald Verkündigung der Gnade den Weg zu Christus verschließt, ist sie Abfall und Lüge.

Christus hier aber nur dort bezeugt, wo zugleich als der in die Nachfolge Rufende erkannt und bezeugt.

Sonst teure Gnade des Evangeliums (Mt 13) anstelle der billigen Gnade.

Ist bei uns teure Gnade zugleich Ruf in die Nachfolge? Neues Testament verkündet die teure Gnade?

Als Luther Gnade verkündete, hatte er 20 Jahre lang nach Gesetzesleben gerungen. Da hatte er Ruf aus Ordnungen der Welt erstmals ernstgenommen. Aus dem Kloster nicht, weil draußen es gut sei. Nicht Heiligsprechung einer iustitia civilis. [420] Verzicht auf jegliche Heiligsprechung menschlichen Lebens.

Als Kritik ist Auffassung vom Berufsleben bei Luther [gemeint]. Weil er Christus nur als den in Nachfolge Rufenden kannte, konnte Gnade rufen.

Was als Resultat Wahrheit, ist als Voraussetzung Lüge, als Resultat Gehorsam, als Voraussetzung Ungehorsam.

Den Weg der Nachfolge aber verstehen als den unendlich tröstlichen Weg mit seinem Resultat.

Verkündigen wir wirklich teure Gnade? [oder Gnade als Wohl]feile Ware? Hier wir [im Bund] mit Antinomismus, gegen den Paulus [ist]!

2.) Folge der lutherischen Gnadenlehre, daß die Kirche in der Welt, in ihren Ordnungen leben soll. Römer 13. Luther bestätigte damit in seiner Zeit Bündnis Konstantins mit der Kirche. Ergebnis: Minimalethik siegte. Er wollte aber Vollethik für alle, nicht nur für Klöster.

Existenz des Christen die Existenz des Bürgers. Also nun Wesen der Kirche unsichtbar. Damit neutestamentliche Botschaft grundsätzlich verkannt. Innerweltlichkeit nicht mehr Möglichkeit, sondern Prinzip geworden. Darum heute Zeugen von der Außerweltlichkeit. Neutestamentliches Zeugnis von Stadt auf dem Berge deshalb gerade heute. Gemeinde, die in einfältigem Gehorsam wagt, außerhalb der Welt eigenes Leben zu leben.

Alles verlassen, um alles hundertfältig hier wiederzuerlangen.

Gemeinde, die sich abgrenzt. Ausscheiden der Irrlehre. Distanzierung von den Gerichten vielleicht sogar. Gemeinde, die auch Apokalypse hört. [421]

Fremdlingschaft in der Welt bezeugend! Falschem Prinzip der Innerweltlichkeit [entsagen]. Innerweltlichkeit ist Trost, aber kein Prinzip und Programm.

Freundschaft zwischen Kirche und Welt nicht das Normale, sondern das Unnormale: Christus selber und die erste Gemeinde. Die Gemeinde leiden muß, ohne Verwunderung. Das Kreuz steht sichtbar über der Gemeinde.

Dies Zeugnis als das Wort des ganzen Christus. Vergegenwärtigung: Verkündigung des ganzen [Christus].

3.) Dienst der Kirche an denen, die Gewalt, Unrecht leiden. Altes Testament fordert noch Gerechtigkeit vom Staat. Neues Testament kennt’s nicht mehr. Ohne zu fragen nach Recht oder Unrecht, nimmt sich die Kirche der Leidenden, aller Verlassenen an, aller Parteien und Stände. „Tu deinen Mund auf für die Stummen“. Vielleicht hier Entscheidung, ob wir noch Kirche [sind].

Vergegenwärtigung als Glaubwürdig[mach]ung.

Freiheit (entscheidend!) der Glaubwürdigmachung. Der eigentliche Anstoß der Welt, liegt ja gar nicht mehr an der Verständlichkeit, am Kreuz, sondern an der Glaubwürdigkeit!!

Weil Kirche und Pfarrer anderes sagen als [sie tun]. Weil des Pfarrers Existenz von der des Bürgers sich nicht mehr unterscheidet.

Existenz des Verkündigers ist Medium.

Vergegenwärtigung: so viel an uns ist, glaubwürdig machen.

Fragen wir uns, ob wir durch unser Leben unser Textwort nicht schon unglaubwürdig gemacht haben.

Vortragsmanuskript für den Vortrag am 23. 8. 1935 in Hauteroda vor der Bruderschaft der Hilfsprediger und Vikare der Provinz-Sächsischen BK.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW), Band 14, Illegale Theologen-Ausbildung: Finkenwalde 1935–1937, hrsg. von Otto Dudzus und Jürgen Henkys in Zusammenarbeit mit Sabine Bobert-Stützel, Dirk Schulz und Ilse Tödt, München 1996, S. 399-421.

Hier der Text als pdf.

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