Erik Peterson, Apostel und Zeuge Christi. Auslegung des Philipperbriefes (1940): „Das Martyrium be­deutet nicht nur ein Gültigwerden des Evangeliums, sondern auch eine Förderung der Evangeliumsverkündigung, die sich darin beweist, daß anderen der Mut kommt, „das Wort Gottes zu sagen“. Es gehört das zu der Gnade des Martyriums, daß es „das Wort Gottes“ in der Kirche entbindet, das aus Feigheit oder weltlicher Klugheit oder anderen Sünden heraus so oft nicht „gesagt“ wird.“

Da lebte Erik Peterson nach seiner Konversion zur römisch-katholischen Kirche mit seiner Familie in Rom in prekären Verhältnissen, als er 1940 folgenden kleinen theologischen Kommentar zum Philipperbrief veröffentlichte:

Apostel und Zeuge Christi. Auslegung des Philipperbriefes

Von Erik Peterson

Das Verständnis für den Heiligen- und Martyrerkultus in der katholischen Kirche ist in Deutschland durch die protestantische Verwerfung desselben erschwert wor­den. Fast stets liest man, daß der Heiligen- und Martyrerkultus erst nachträglich zur christlichen Glaubensverkün­digung hinzugetreten sei. Erst in der neueren Zeit hat sich die Erkenntnis durchzusetzen begonnen, daß die protestan­tischen Thesen des 16. Jahrhunderts das Problem doch zu sehr vereinfachten; darauf hat man, um nicht genötigt zu sein, der katholischen Behauptung von dem christlichen Ur­sprung des Martyrerbegriffes recht zu geben, zu der Hypo­these eines jüdischen Ursprungs seine Zuflucht genommen. Der einen wie der andern Behauptung gegenüber ist es nun nicht schwer, durch eine Auslegung der neutestamentlichen Texte das Recht der katholischen Lehre zu erweisen. Es kann dies durch eine Auslegung der in Betracht kommen­den Stellen in den Evangelien, es kann aber auch durch eine Interpretation der Paulinischen Briefe erfolgen. Das letztere wird in dieser kleinen Schrift in Form einer Aus­legung des Philipperbriefes versucht. Je länger man über das Problem nachdenkt, desto mehr muß sich für jeden Unvoreingenommenen der christliche, das heißt durch Chri­stus selber gesetzte Charakter des katholischen Martyrer- begriffes nahelegen und das protestantische oder jüdische Verständnis desselben sich als ein Vorbeisehen an Christus erweisen. Um für den Christus der katholischen Kirche die Augen zu öffnen, ist diese kleine Schrift über den Apostel und Zeugen Jesu Christi geschrieben worden.

Erik Peterson

Kapitel I

1 Paulus und “Timotheus, Sklaven Christi Jesu, allen den Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, samt Bi­schöfen und Diakonen.

2 Gnade sei euch und Frieden von unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Wie die jüdischen Briefschreiber, scheint auch Paulus seinen Brief mit dem Friedenswunsch zu beginnen. Aber das jüdi­sche Wort für Frieden ist in der Wunschformel der Juden zur Bedeutung von „Heil“ oder „Wohlergehen“ herab­gesunken. Es liegt die Vermutung nahe, daß der heilige Paulus den jüdischen Friedenswunsch hat vertiefen wollen, denn sonst hätte er doch wohl nicht vor der Friedensformel noch den Wunsch nach der Gewährung der göttlichen Gnade ausgesprochen, der bei den Juden nicht üblich war. Diese Vermutung wird bestätigt, wenn man beachtet, daß Paulus auch die Quellen der Gnade und des Friedens an­gibt: Gott, unsern Vater, und den Herrn Jesus Christus. Das wäre bei einem rituellen Segenswunsch, der täglich von allen gesprochen worden wäre, nicht nötig. Also liegt in der feierlichen Aussage von Vers 2 nicht bloß eine ein­fache Wunschformel vor, sondern der heilige Paulus spen­det feierlich den Philippern seinen Segen. Die Selbsteinfüh­rung in Vers 1, in der sich die Autorität der beiden Brief­schreiber ausspricht, setzt sich in dem feierlichen aposto­lischen Segen, der in Vers 2 erteilt wird, fort. Den Segen spenden Paulus und Timotheus, der Apostel und der Apostelbegleiter, deren Autorität sich dann doch in die beiden gemeinsame Benennung „Sklaven Jesu Christi“ ein­hüllt. Nach dem Willen Jesu (Mark. 6, 7) sollen die „Zwölfe“ (und nach Luk. 10, 1 auch die „Siebzig“) zu je zweien ausziehen, und so ist denn auch der heilige Paulus von Timotheus begleitet. Der Segen gilt „den Heiligen“ in Philippi. „Die Heiligen“ sind die von Gott Erwählten, die zu einem heiligen Volke Berufenen, das Gott in der letzten Zeit versammelt und das jetzt an dem Leiden Chri­sti und künftig an seiner Verherrlichung Anteil hat. Darum spricht der Apostel von den Heiligen „in Christus Jesus“. Aber nicht nur dem Volke der Heiligen wird der Segen ge­spendet, sondern auch den Bischöfen und Diakonen, die von dem Volke ausdrücklich unterschieden werden. Die Zwei­heit von Bischof und Diakon entspricht der Zweiheit von Paulus und Timotheus, von Apostel und Apostelgehilfe. Der apo­stolische Segen gilt nicht nur dem Volke, sondern auch der Hierarchie, die in Analogie zu der Unterscheidung von Apostel und Apostelgehilfe da ist.

3 Ich danke meinem Gotte jedesmal, wenn ich eurer ge­denke,

4 allezeit in allen meinen Gebeten für euch alle mit Freu­den betend,

5 wegen eurer Einverleibung in die frohe Botschaft vom ersten Tage an bis jetzt,

6 und habe das feste Vertrauen, daß der, der in euch an­gefangen hat ein gutes Werk, es auch zu Ende führen wird bis auf den Tag Christi Jesu.

Nach dem apostolischen Segen erfolgt der Hinweis auf das apostolische Dankgebet. Es ist ein Gebet, das der Apostel und das nicht Paulus als Privatperson verrichtet, ein Gebet, in dem sich die Stellung und Autorität des Apostels gegen­über der Kirche widerspiegelt. Ein Gebet, das für den Apo­stel aus einer freudigen Bitte zu einer vom Heiligen Geiste gewirkten Danksagung (Eucharistie) gegenüber „seinem“ Gotte wird, weil jedesmal, wenn er die Philipper in seinem Gebet zu Gott erwähnt, für ihn als Apostel die Einverlei­bung in das Evangelium vor Augen steht, so daß er sie als „die Heiligen in Christus Jesus“ (Vers 1), als das aus­erwählte Volk der Endzeit grüßen kann und dabei die Gewißheit hat, daß Gott, der sein Volk zu berufen und zu bereiten begonnen hat, dieses Werk auch — aller Trübsal der Endzeit zum Trotze — bis zu dem Tage der zweiten Ankunft Jesu Christi vollenden wird.

7 Wie es denn auch nichts anders als recht ist, wenn ich solche Gesinnung für euch alle habe, trage ich euch ja in meinem Herzen, die ihr alle an meiner Gnade partizi­piert, die in meinen Fesseln, der Verteidigungsrede und dem Gültigwerden der Evangeliumsverkündigung wirkt.

Nach dem apostolischen Segen und der Erwähnung der apostolischen Danksagung erfolgt der Hinweis auf das apostolische Leiden. Segen, Dankgebet und Leiden sind drei verschiedene Formen, in denen das Verhältnis des Apostels zur Kirche zum Ausdruck gelangt. Wie der Segen des Apostels keine private Wunschformel, sein Gebet keine private Bitte ist, so ist auch sein Leiden kein individuelles Widerfahrnis, sondern ein Leiden um der Kirche willen. Darum ist jetzt auch die Wendung, wonach der heilige Paulus die Philipper alle in seinem Herzen trage, nicht als ein Ausdruck „menschlicher Vertrautheit und warmer Nähe“, sondern von der Liebe Christi Jesu (Vers 8), vom Herzen Jesu im mystischen Leibe der Kirche aus zu ver­stehen. Weil der Apostel „an seinem Leibe den Rest der Trübsale Christi für die Kirche erfüllt“ (Kol. 1, 24), darum partizipiert die Kirche auch an der göttlichen Gnade, die durch das Leiden des Apostels hindurch ihre Kraft in der Kerkerhaft und der Gerichtsrede des zum „Zeugen“ (Martyrer) gewordenen Apostels zur Entfaltung bringt. Gnade ist es, nicht nur für den Apostel, sondern für die ganze Kirche, wenn ihm die Fesseln angelegt werden, sind es doch Christi Fesseln, die er trägt, und als solche werden sie auch „offenbar“ (vgl. Vers 13). Gnade aber ist es auch, wenn der Apostel vor Gericht steht und die Verteidigungs­rede hält, denn die Apologie dessen, der ein Gefangener „in dem Herrn“ (Eph. 4, 1) ist, was kann sie anders als eine von der Gnade gewirkte Zeugenaussage (Martyrium) für die Verkündigung des Evangeliums (vgl. Vers 16) sein? In der Gnade dessen aber, der mit Christus leidet und für ihn öffentlich Zeugnis ablegt, wird das Recht des Apostels auf Evangeliumsverkündigung zu letzter Gültigkeit er­hoben. Das Martyrium ist gleichsam das Siegel auf die Verkündigung des Evangeliums, die Vollendung des apo­stolischen Auftrags, die Bekräftigung der apostolischen Autorität, es ist das Ja, das Gott zu der Wirksamkeit seiner Heiligen spricht, die besondere Gnade, die Gott der Auto­rität der predigenden Kirche zuteil werden läßt.

8 Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit dem Herzen Christi Jesu.

9 Und darum bete ich, daß eure Liebe noch mehr und mehr überströme in Erkenntnis und aller Erfahrung,

10 so daß ihr fähig seid, zu prüfen, worauf es ankommt, damit ihr sauber und unanstößlich am Tage Christi seid,

11 voll jener Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus kommt, zur Verherrlichung und zum Lob­preise Gottes.

Das Martyrium des Apostels, das für die Kirche eine Gnade ist, wird für den Martyrer zu einem Brennen in der Liebe Christi. Darum trägt der heilige Paulus „die Hei­ligen“ in Philippi in seinem Herzen, darum hat er ein Ver­langen nach ihnen „mit dem Herzen Christi Jesu“. Denn seine Liebe zu ihnen kommt ja nicht aus privater Vertrau­lichkeit, sondern aus der Gnade des Martyriums, das die höchste Form der Liebe darstellt. Das Herz Christi Jesu ist die Liebe, die in den Martyrern, die in den Heiligen wirk­sam ist. Die Verehrung des Herzens Jesu in der Kirche be­deutet also Verherrlichung der Liebe, die in den Martyrern und Heiligen brennt und die als Liebe Jesu Christi gerade das Gegenteil zu aller bloß menschlichen Sentimentalität und Vertraulichkeit darstellt.

Die Gnade der Liebe, die in der Stunde des Martyriums im Zeugen Jesu Christi erweckt wird, teilt sich der Kirche mit. Die Kirche, die an der Gnade des Martyrers parti­zipiert, partizipiert auch an der Liebe des Martyrers, an dem Entbrennen des Herzens Jesu, so daß es zu einem Überströmen der Liebe in der Kirche kommt. Um so not­wendiger wird für „die Heiligen“, daß sie von ihrer Ver­nunft und ihrer Erfahrung Gebrauch machen und zu prü­fen vermögen, worauf es im gegenwärtigen Augenblick für sie ankommt. Mit andern Worten: die Liebe, die durch die Gnade des Martyriums in der Kirche erweckt wird, soll sich nicht in einem leeren Enthusiasmus verlieren, sondern sich zu einem Urteilsvermögen steigern, das den Blick für die konkrete Situation und die konkreten Aufgaben des Augenblicks gewinnt. Es ist die Vorstellung des nüchternen Rausches, der „sobria ebrietas“, die dem Apostel vor­schwebt und die sich ihm um so mehr nahelegt, als der Martyrer in einer nahen Beziehung zum „Ende“ steht und darum an den „Tag Christi“ erinnern muß, an dem die Kirche sauber und unanstößlich dastehen soll, voll jener Frucht der Gerechtigkeit, die ihr von Gott Jesus kommt und in der nicht die Kirche, sondern Gott verherrlicht und gepriesen wird.

12 Ich will euch aber wissen lassen, Brüder, daß meine Situation zur Förderung des Evangeliums ausge­schlagen ist,

13 so daß meine Fesseln als Christi Fesseln im ganzen Prätorium und allen übrigen sichtbar geworden sind,

14 und daß die Mehrzahl der Brüder in dem Herrn im Vertrauen auf meine Fesseln jetzt um so mehr den Mut hat, ohne Furcht das Wort Gottes zu sagen.

Die Aufgabe, aus der Liebe heraus, die in der Gnaden­stunde des Martyriums geschenkt wird, die konkrete Situa­tion zu sehen, ist nicht nur für die Kirche, sondern auch für den Martyrer, auch für den Heiligen gegeben. Darum ist es in der Sache begründet, daß der heilige Paulus jetzt auch auf seine eigene Situation zu sprechen kommt, nicht unter dem Gesichtspunkt, was sie ihm als Privatmann, sondern was sie ihm als Apostel, der den Auftrag hat, das Evangelium zu verkündigen, bedeutet. Das Martyrium be­deutet nicht nur ein Gültigwerden des Evangeliums, wie in Vers 7 gesagt war, sondern auch eine Förderung der Evangeliumsverkündigung, die sich darin beweist, daß anderen der Mut kommt, „das Wort Gottes zu sagen“. Es gehört das zu der Gnade des Martyriums, daß es „das Wort Gottes“ in der Kirche entbindet, das aus Feigheit oder weltlicher Klugheit oder anderen Sünden heraus so oft nicht „gesagt“ wird. Zum „Sagen“ des Wortes Gottes bedarf es einer besonderen Gnade, und das ist eine der Wirkungen der Gnade des Martyriums, daß sie einige be­fähigt, „das Wort Gottes zu sagen“.

15 Manche verkünden Christus aus Neid und Streit, an­dere aus reinem Willen.

16 Die einen aus der Liebe heraus, denn sie wissen, daß ich zur Verteidigung des Evangeliums bestimmt bin.

17 Die andern verkünden Christus aus Hader und nicht in reiner Gesinnung, meinen sie doch, meinen Fesseln Trübsal zufügen zu können.

18a Doch was tut’s? Wird doch in jedem Fall, in Schein oder Wahrheit, Christus gepredigt.

Der nüchterne Blick für die konkrete Situation, den Paulus den Christen in Philippi wünscht, macht ihn selber fähig, auch die Wirkungen, die sein Martyrium auf andere hat, ohne jede Illusion zu sehen. Es ist nicht nur so, daß die Gnade des Martyriums einigen die besondere Gnade ver­leiht, „das Wort Gottes zu sagen“, sondern es werden durch das Martyrium auch Prediger in Bewegung gesetzt, die aus ganz andern Motiven als denen der Gnade, näm­lich aus Neid und Streit und Hader heraus, Christus zu verkünden beginnen. Während die, die aus gnadenhafter Liebe handeln, das Martyrium des Paulus sehen und wissen, daß er zur Verteidigung des Evangeliums als ein Zeuge (Martyrer) Jesu Christi bestellt ist (Vers 16), glau­ben die andern, die nicht aus reiner Gesinnung handeln, über das Martyrium hinwegsehen zu können. Sie sehen nur „die Fesseln“ im Sinne einer äußeren Behinderung des Apostels und meinen, den Fesseln, wie Paulus ironisch bemerkt, „Trübsal zufügen“ zu können (Vers 17), nicht er­kennend, daß sie ja nicht Paulus betrüben, sondern „die Fesseln Christi“, die als „Christi Fesseln“ (wörtlich: „als Fesseln in Christo“) im ganzen Prätorium sichtbar gewor­den sind (Vers 13). Man kann über die Person oder über den Charakter eines Martyrers vielleicht in Zweifel sein — und welcher Mensch flößt uns nicht Zweifel ein? —, an seinen Fesseln, an der Tatsache, daß er vor Gericht als „Zeuge“ zur Verteidigung des Evangeliums aufgerufen ist, kann man nicht zweifeln. Aus dieser Tatsache, daß er Fesseln trägt und vor ein öffentliches Gericht geführt ist — Fakten, an denen schließlich auch seine Gegner nicht vor­beisehen können —, schöpft Paulus die Gelassenheit, die in Vers 18 zum Ausdruck kommt. Wie seine eigene Person gleichgültig wird gegenüber der Tatsache, daß er die Fes­seln trägt und vor Gericht als Zeuge aufgerufen ist, so wird letztlich auch Person und Charakter seiner Gegner gleich­gültig. Ja es ist geradezu ein Triumph der besondern Gnade, die aus dem Martyrium des Paulus fließt, daß sie es fertig bringt, zu Predigern des Evangeliums auch solche zu machen, die nach ihrer ganzen Einstellung eigentlich nicht geeignet sind, Verkünder des Evangeliums zu werden. „Das Evangelium“ ist, so gut wie die Fesseln und die Ge­richtsaussage, etwas, was größer ist als aller Wert oder Unwert von Menschen. So gewiß „das Wort Gottes“ in der Kirche nur von denen „gesagt“ wird, die eine besondere Gnade empfangen haben (Vers 14), so gewiß wird doch das Evangelium in der Kirche auch von denen gepredigt, die — nicht bloß in frommer Phrase, sondern leider nur allzu real — seine unwürdigen Diener sind. So ist es denn letzthin eine sachliche Bezogenheit, auf die der Apostel hinweist. Daß Fesseln getragen werden, daß vor Gericht ein klares Zeugnis abgelegt wird und daß das Evangelium verkündet wird, das ist es, worauf es letzthin ankommt. Die Personen, die die Fesseln tragen oder Zeug­nis ablegen oder das Evangelium verkündigen, sind diesen sachlichen Notwendigkeiten gegenüber von relativ untergeordneter Bedeutung.

Aber was sich, vom Menschen aus gesehen, nun wie eine sachliche Notwendigkeit ausnimmt, ist in Wahrheit doch Ausdruck der besonderen Gnade, mit der Christus in der Stunde des Martyriums die Menschen transzendiert, sei es in den Fesseln, die der Martyrer trägt, oder der Gerichts­aussage, die der Zeuge Christi macht, sei es in denen, die „das Wort Gottes“ ohne Furcht „sagen“, oder in denen, die unwürdige Verkünder Christi sind. Immer macht das Offenbarwerden Christi in den Fesseln der Martyrer (Vers 13) nicht nur den Zeugen Christi offenbar, sondern auch den, der das Wort Gottes sagt, und den, der Christum aus unreinen Gründen verkündet. Wie könnte denn schließlich „der Mensch“ auch anders offenbar werden als in dem Offenbarwerden Christi in den Fesseln, die der Martyrer trägt, als in den Leiden, in denen Christus mit seiner Kirche leidet? Das ist die Gnade, die von dem Martyrer und von dem Heiligen nicht abzulösen ist, daß sie es fertig bringt, die Menschen aus ihrer Reserve und Neu­tralität herauszuholen, und nun sichtbar macht, daß die einen „das Wort Gottes“ sagen, die andern aber Christum verkündigen, als trügen die Heiligen nicht die Fesseln Christi.

18b Und darüber freue ich mich. Ich werde aber auch weiterhin Freude haben.

19 Denn ich weiß, daß „mir dies zum Heile auslaufen wird“, wenn ihr betet und der Geist Jesu Christi mich unterstützt.

20 Hach meinem sehnsüchtigen Ausschauen und meinem Hoffen „werde ich in nichts zuschanden werden“, son­dern in aller Offenheit wird, wie allezeit, so auch jetzt, Christus an meinem Leibe verherrlicht werden, sei es durch Leben, sei es durch Tod.

Über die Wirkungen, die vom Martyrium ausgehen, freut sich der heilige Paulus. Er freut sich, das heißt, er emp­findet mehr als eine bloße Genugtuung. In der Freude ist der Mensch „außer sich“, in der Genugtuung bleibt er bei sich. Weil die Fesseln, die der Apostel trägt, als Fesseln „in Christo Jesu“ offenbar geworden sind, darum ist er „außer sich“, darum freut er sich mit jener mystischen Freude, die nur das Offenbarwerden Jesu Christi mit sich bringen kann. Daher weiß er, daß er auch weiterhin Freude haben wird, daß die Sache, wie er ein Hiob-Wort (Vers 13 16) zitierend sagt, ihm „zum Heile auslaufen wird“, sofern die Kirche für ihn beten und der Geist Chri­sti ihn unterstützen wird. Denn die Fesseln des Apostels, die „in Christo Jesu“ offenbar werden, und seine öffent­liche Zeugenaussage vor Gericht zeigen, daß ihn der Geist Christi ausstattet, den der Herr den Aposteln (Matth. 10, 19 f.) verheißen hat. Wie aber sollte dem Offenbarwerden des Geistes Christi in den Martyrern nicht auch eine innere Bewegung in der Kirche korrespondieren, die im Gebet ihren Ausdruck findet? Jedesmal wenn der Leib Christi in den Martyrern leidet und in den unblutigen Leiden der Heiligen dem Leiden Christi gleichgestaltet wird, wird auch in der Kirche der Geist des Gebetes erweckt und das „Abba—Vater“-Rufen durch den Heiligen Geist in der Kirche gewirkt. Beides aber, das Gebet der Kirche und die charismatische Ausrüstung mit dem Geiste Christi, die dem zuteil wird, der die Fesseln Christi trägt, vermag dem Apostel die Gewißheit zu geben, daß seine Sache ihm „zum Heile auslaufen wird“. In nichts wird er „zuschanden werden“, wie er in der Gebetssprache der Psalmen sich ausdrückt, sondern in aller Offenheit wird jetzt Christus an seinem Leibe verherrlicht werden. Die zunächst nur an­deutende Wendung, daß die Sache ihm „zum Heile aus­laufen“ werde, erhält jetzt ihre inhaltliche Bestimmung. Die Vollendung, die der Zeuge Jesu Christi erwartet, ist das „Großwerden“ Christi an seinem Leibe. Groß ist es, Christi Fesseln zu tragen, größer noch, für Christus vor Gericht Zeugnis ablegen zu können, das Größte aber ist es, seinen Leib zum „Großwerden Christi“ hergeben zu dür­fen. Man hat auf protestantischer Seite immer wieder ver­sucht, der Zeugenaussage gegenüber dem körperlichen Leiden in ihrer Bedeutung den Vorrang zu geben oder, in der Sprache unserer Kirche ausgedrückt, den confessor zum Schaden des Martyrers zu loben. Die Ausführungen des Apostels an dieser Stelle zeigen, daß die Vollendung des Zeugen immer eine Verherrlichung Christi an seinem Leibe ist. „Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes.“ Weil die letzte Sehnsucht, die letzte Hoffnung sich auf den neuen Leib richtet, der uns in der Totenauferstehung ge­schenkt wird, darum findet auch das Konfessortum seine Vollendung in der Glorie einer Leiblichkeit, in der die Glorie Christi sich offen spiegelt. Schon jetzt wird Christus an dem Leibe groß, der die Fesseln Jesu Christi trägt. Paulus aber ist voll Sehnsucht und Hoffnung, daß auch in Zukunft Christus an seinem Leibe groß werden wird und so durch Leben und Tod der Triumph Christi am Leibe des Martyrers sich vollenden wird.

21 Denn mir ist das Leben Christus und das Sterben Gewinn.

Der Gedanke an die Leibesvollendung durch Leben und Tod führt den Apostel zu einer Äußerung über Leben und Sterben. Wenn die Leibesauferstehung die Verherrlichung Christi ist, dann ist das Leben in der Glorie des Auf­erstehungsleibes Christus und das Sterben, als Durchgang zum Leben, Gewinn.

22 Wenn mir aber noch ein Leben im Fleische zuteil wird, so bedeutet das für mich, daß das Werk noch Frucht bringen kann. Und was ich vorziehen soll, weiß ich nicht.

23 Von zwei Seiten werde ich gedrängt. Ich habe das Ver­langen, aufzubrechen und mit Christus zu sein, was auch weit, weit besser wäre.

24 Das Bleiben im Fleische aber wäre notwendiger um euretwillen.

25 Und in solcher Zuversicht weißt ich, daß ich weilen und für euch verbleiben werde zu eurer Förderung und zu einer Freude für den Glauben,

26 auf daß euer Ruhm in Christo Jesu reich werde an mir, indem ich wiederum zu euch komme.

Paulus weiß nicht, ob ihm die letzte Vollendung durch den Martyrertod schon jetzt zuteil wird. Zweifellos, das Höhere, das Bessere wäre ein Sterben als Martyrer, denn es würde bedeuten, daß er nach seinem Tode sogleich bei Christus wäre. Der Martyrer, der mit Christus stirbt, er­hält die Glorie Christi, er ist „mit“ Christus, einen Zwischenzustand kennt er nicht. Aber Paulus ist ja nicht allein Martyrer, sondern auch Apostel. Aus dieser Doppel­steilung ergibt sich eine zwiefache Möglichkeit. Als Martyrer: der Wunsch zu sterben, als Apostel: die Pflicht zu leben. Zu leben für die Kirche, die auf der Erde ist und der Förderung durch den Apostel als den Stellvertreter Christi bedarf. Es ist die Kirche, die sich in ihrem Glauben freuen will und darum auch nicht nur an dem Segen des Apostels, an seinem Fürbittegebet und an seinem Leiden, sondern auch an seiner persönlichen Anwesenheit Anteil haben will. Man lächelt zuweilen über die Freude des Vol­kes, das den Papst oder den Bischof bei sich hat, aber ist diese Freude nicht legitimiert durch die Worte des Apo­stels? Geben sie nicht denen recht, die sich der Anwesenheit jener rühmen, die als Nachfolger der Apostel ihnen die Gelegenheit bieten, sich „in Christus Jesus“ zu rühmen? Denn Christus ist in beiden, im Martyrer wie im Apostel, seiner Kirche nahe. So besteht denn kein Anlaß, den Martyrer gegen den Apostel auszuspielen. Und wenn es auch etwas weit, weit Höheres darstellt, wenn die Kirche in den Martyrern und Heiligen „mit“ Christo ist, so ist es doch auch notwendig, daß sie sich in der leiblichen Gegenwart derer, die die Nachfolger der Apostel sind, „in Christo Jesu“ zu rühmen vermag.

27 Führet jedoch euren Wandel in einer Weise, die des Evangeliums Christi würdig ist, damit ich (gewiß sein kann), es sei nun, ich komme und sehe euch oder ich bin nicht da und höre über euch, daß ihr in einem Geiste feststeht, mit einer Seele für den Glauben an das Evangelium gemeinsam kämpft

28 und euch nicht im geringsten von den Widersachern einschüchtern lasset, was für sie ein Zeichen des Unter­gangs, für euch aber des Heiles ist, und das von Gott her.

29 Ward euch doch die Gnade des „für Christus Seins“ geschenkt, das heißt, daß ihr nicht nur an ihn glauben, sondern auch für ihn leiden dürft,

30 indem ihr denselben Kampf führt, den auch ich führe, wie ihr gesehen habt und jetzt von mir hört.

Solange Christus nicht in den Fesseln der Martyrer „offen­bar geworden“ war (1, 13), interessierte sich niemand für den Lebenswandel der Christen. In dem Augenblick aber, in dem Chri­stus in seinen Zeugen „offenbar“ wird, sowie in denen, die „das Wort Gottes sagen“ oder es aus un­reinen Gründen verkünden, verliert auch der Lebens­wandel der Christen für die Ungläubigen seinen privaten Charakter und wird zu einem Gegenstände ihres öffent­lichen Interesses. Es ist daher sinnvoll, wenn der also in die Stadt-Öffentlichkeit gerückte Wandel der „Gläubigen“ von dem Apostel unter den Kanon der Polis, d. h. den Kanon des „Würdigen“, gestellt resp. dem erhöhten Kanon eines „des Evangeliums Christi Würdigen“ verpflichtet wird. Es ist gewiß, daß unser Lebenswandel als Christen nicht immer „würdig“ ist, aber in den Zeiten der Verfol­gung wird die Würde des Evangeliums Christi von uns erwartet. Wenn Christus in den Fesseln der Martyrer „offenbar“ geworden ist, wird sich die Würde des christ­lichen Wandels als Einheit der Kirche in dem Feststehen in einem Geiste, als Bereitschaft mit einer Seele für den Glauben an das Evangelium einzustehen und als Mut, sich von den Widersachern nicht einschüchtern zu lassen, mani­festieren. In diesem eschatologischen Offenbarwerden Christi, das sich in der Glaubensfestigkeit und Tapferkeit der Kirche äußert, wird sich für die Gegner Christi das Zeichen ihrer Niederlage, ja ihres Verderbens, für die Gläubigen jedoch das Zeichen ihrer künftigen Errettung durch Gott abzeichnen, da in der Gnade des Martyriums, in der Gleichgestaltung mit den Leiden Christi, die über ein bloßes Glauben an Christus hinausgeht, auch das An­geld zur Teilnahme an dem Siege Christi gegeben ist. Was aber die Kirche in ihren Kämpfen als „Zeichen“ deutet, wird ihr in den Leiden der Apostel und Heiligen in exem­plarischer Weise vorgelebt. Wie der Apostel für die Kirche leidet, so leidet die Kirche in Nachahmung des aposto­lischen Leidens, beide aber, Apostel und Kirche, haben ihr Dasein aus der Gnade des „für Christus“ Seins, aus der Verwachsenheit mit dem Tode Christi und der Anwart­schaft auf das ewige Leben in der Auferstehung von den Toten.

Kapitel II

1 Wenn es noch christliche Ermahnung, Zuspruch der Liebe, Gemeinschaft des Geistes und herzliches Er­barmen gibt,

2 dann machet meine Freude vollkommen dadurch, daß ihr einträchtig in gleicher Liebe eines Herzens und eines Sinnes seid,

3 ohne Sucht nach Einfluß und Ansehen blicke einer in Demut zum Herrn auf,

4 und seid nicht auf das eigene, sondern auf das des an­dern bedacht.

In beschwörenden Worten fleht der Apostel nicht nur um Einigkeit nach außen, sondern auch um Einigkeit im In­nern, in Liebe und Demut. Die Freude, die mit dem Mar­tyrium, die mit der Heiligkeit unlöslich verbunden ist, ist nicht die Freude des Selbstgenügsamen, sie bedarf zu ihrer letzten Erfüllung des sich Aufschließens und in Bewegung Geratens der andern. Kein Apostel leidet für sich selber, kein Heiliger wird heilig für sich allein, immer zieht der Martyrer und der Heilige andere mit sich, immer führt er die Gläubigen über sich selber hinaus in eine Liebe, die sich selber vergißt, und in eine Demut, die sich selber für nichts achtet. Die Kirche bedarf zu ihrem Leben und Wachstum der Martyrer und Heiligen, weil sie es sind, die in ihrem Hinausgehen über sich selbst, bis zur Preisgabe des Lebens, uns nötigen, in Liebe uns selber zu vergessen und in Demut unserer selbst für nichts zu erachten, um so die mystische Freude des Leibes Christi zu erfüllen.

5 Habt eine solche Gesinnung unter euch, wie ihr sie auch an Christus Jesus seht.

Der Vers macht deutlich, in welchem Sinne die vorher­gehende Paränese gemeint war. Einheit der Kirche ist im­mer mehr als bloßer Zusammenschluß nach außen oder als Disziplin im Innern. Einheit der Kirche ist eine Folge des mystischen Lebens in ihr, eine Wirkung des Opfers der Heiligen, eine Frucht der Selbstentäußerung Christi. Wenn Gott seiner selbst nicht geachtet hat, wer kann dann noch auf sich selber bedacht sein? Wer kann dann noch die my­stische Freude aufhalten wollen, die, von den Aposteln und Martyrern ausgehend, das ganze Universum zu erfüllen trachtet? Wenn Gott in Bewegung geraten ist, wer kann dann noch unbeweglich in sich selber verharren, auf seinen Einfluß bedacht sein und sein eigenes Ansehen bewahren wollen?

6 Der in göttlicher Gestalt war und doch das Gott-gleich-sein nicht für sich ausnützte,

7 sondern sich verausgabte, Knechtesgestalt annahm, wie ein Mensch ward und seiner äußeren Gestalt nach als ein Mensch erfunden wurde.

8 Er machte sich niedrig und war gehorsam bis in den Tod hinein, bis zu einem Tode am Kreuz.

9 Darum hat ihn Gott auch besonders erhoben und hat ihm den Namen verliehen, der über alle Namen hin­ausgeht.

10 Auf daß in dem Namen Jesu alles im Himmel, auf Erden und in der Unterwelt die Knie beuge

11 und jede Sprache bewundernd anerkenne: Herr ist Jesus Christus zur Verherrlichung Gottes des Vaters.

Aller Liebe Urbild, aller Demut Urgrund ist der, der das Gott-gleich-sein seiner Natur nicht in seinem eigenen In­teresse geltend machte, sondern den Reichtum seiner gött­lichen Gestalt mit der armen „Sklavengestalt“, den Him­mel mit der Erde eintauschte. Der arm ward, er ward auch niedrig, gewillt zu gehorchen bis in den Tod hinein, bis zu dem schimpflichen Tode am Kreuze. Da liegt die letzte Wurzel der christlichen Demut, die bereit ist, Armut und Niedrigkeit entgegenzunehmen, dem Tode sich hinhält im Wissen um die Niedrigkeit unserer Sklavengestalt und am Kreuze sich anheften läßt, in dem Erkennen des Preisgegebenseins an diesen Äon und seine Mächte. Demut ist also mehr als ein moralischer Akt, sie ist ein Wissen um das Sein des Menschen, des Kosmos und dieses Äons, aber damit ist dann auch schon gesagt, daß in dieser eschatologischen Verhaltungsweise der Demut ein Hinweis auf eine Erhö­hung und auf ein Herrschaftsbild gegeben ist, das sein Urbild in der Erhöhung Jesu zu der höchsten Herrschafts­würde hat. Demut ist also nicht eine negative Tugend, die in sich selber Ziel und Genüge fände, sondern Durchgang durch eine Verhaltungsweise gegenüber Mensch, Kosmos und Äon, der es um die letzte Ordnung und die höchste Form der Herrschaft geht. Wer bereit ist, in der Demut Armut auf sich zu nehmen, tut es, weil er um den wahren Reichtum weiß, wer sich nicht scheut, der Niedrigkeit sich zu unterwerfen, hat eine Einsicht in das, was wahre Würde ist, wer sich dem Tode in Demut hinhält, erwartet die Überwindung des Todes in der Auferstehung von den Toten, wer sich den Mächten dieses Äons zur Kreuzigung preisgibt, glaubt an das Kommen und die Nähe des Gottes­reiches.

So wird denn Christus, der aller Demut Urbild ist, auch in urbildlicher und besonderer Weise „erhöht“ und in dem „Namen“, den Gott ihm gibt, der Triumph über ein Menschenbild, einen Kosmos und einen Äon, sichtbar, der Engel, Menschen und Tote in den bewundernden Ruf: „Herr ist Jesus Christus zur Verherrlichung Gottes des Vaters“ ausbrechen läßt. Wie nämlich das Gott-gleich-sein Christi nicht von seiner Demut abzulösen ist, so ist auch die Herrschaft Christi nicht von der Verherrlichung „Gottes des Vaters“ zu trennen. Immer bleibt demnach auch die Herrschaft derer, die mit Christus „herrschen“ werden, an die Verherrlichung Gottes des Vaters gebunden, auf daß Gott alles in allen (1 Kor. 15, 28) sei.

12 Darum, meine Geliebten, wie ihr ja immer gehorsam, wäret, nicht nur während meiner Anwesenheit, son­dern jetzt noch mehr während meiner Abwesenheit, wirket mit Furcht und Zittern an eurem Heil.

13 Denn Gott ist es, der in euch wirkt das Wollen wie das Wirken, auf daß ihr ihm wohlgefallet.

14 Alles tut ohne Murren und Bedenklichkeit,

15 damit ihr, ohne Fadel und ohne Flecken, Gottes makel­lose Kinder inmitten eines verkehrten und verdrehten Geschlechtes seid, unter denen ihr leuchtet wie die Himmelslichter in der Welt.

Der Gedanke, daß der Lebenswandel der Christen in der Zeit der Verfolgung zu einem Gegenstände des öffent­lichen Interesses wird (1, 27 ff.), wird wieder aufgenom­men und dahin variiert, daß in dieser Zeit ein besonderes Achtgeben, ja noch mehr: ein gehorsames Eingehen auf die Weisungen des Apostels vonnöten wird. In der Ver­folgungszeit wirken die Christen mehr als in andern Zei­ten an ihrem Heil, weil die Gnadenzeit der Verfolgung auch eine Gnadenzeit in der Mitwirkung zu ihrem Heile bedeutet. Wie sollten wir da nicht „mit Furcht und Zittern“ an unsere Aufgabe herantreten, die uns durch die Nähe zu der Situation Christi auferlegt wird? Gottes Stunde ist es, in der uns sowohl die Bereitschaft als auch die Fähigkeit, für diese Zeit reif zu werden, gegeben wird, damit Gottes Wohlgefallen in ihr auf uns ruhen kann. So gilt es denn, sich ohne Murren und Bedenklichkeit in diesen Augenblick zu schicken, damit wir in dieser Zeit der Dunkelheit wie die Himmelsleuchter in der Welt scheinen und den Anblick einer neuen göttlichen Ordnung in den makellosen Kin­dern Gottes darzubieten vermögen.

16 Haltet fest am Worte des Lebens, damit ich am Tage Christi den Ruhm habe, nicht umsonst gelaufen zu sein und nicht umsonst mich abgemüht zu haben.

17 Aber wenn ich auch verblute bei dem Opferdienst an eurem Glauben, so freue ich mich doch und freue mich mit euch allen.

18 In gleicher Weise sollt auch ihr Freude haben und euch mit mir freuen.

An dem „Worte des Lebens“ gilt es festzuhalten in einem Äon, der nur das Wort des Todes hat. Dann ist die Arbeit des Apostels und seine Plage nicht umsonst gewesen. Er, der die Verantwortung trägt und von Christus am Tage seiner Wiederkunft zur Rechenschaft aufgefordert wird, hat dann Grund, sich zu „rühmen“, daß seine Arbeit nicht umsonst war. Wieviel fruchtlose Mühsal ist mit der Arbeit der Kirche verknüpft! Und doch muß ja die Kirche sich mühen, da sie als die Kirche der Apostel auch die Mühen der apostolischen Arbeit geerbt hat und die furchtbare Verantwortung, die Christus auf die Schultern der Apostel gelegt hat, nicht von sich abweisen kann. Wie der Apostel, so wird auch die Kirche am Jüngsten Tage von dem wiederkommenden Herrn zur Rechenschaftsablegung auf­gefordert werden. Welch ein Trost wird es sein, wenn alle Mühsal und Arbeit nicht völlig umsonst gewesen sind! Aber wie tief läßt uns das Wort des heiligen Paulus auch in die Möglichkeit von Enttäuschungen hineinblicken, die, wenn sie dem Apostel nicht erspart geblieben sind, den Apostelnachfolger noch viel weniger verschonen werden. Doch wenn die apostolische Arbeit um den Glauben der Kirche zu einem Verbluten im Opferdienst führt, dann hat es nicht mehr einen Sinn, von Enttäuschungen oder Er­folgen zu reden, dann kann es nur noch Freude geben. Freude des Apostels über die Gnade, mit Christus ver­bluten zu dürfen, Freude der Kirche über den Apostel, der seinen Opferdienst bis zu Ende geführt hat. Freude steht am Ende aller apostolischen und kirchlich-apostolischen Arbeit, die sich verblutet. Nicht Freude über den Erfolg, denn der Erfolg schafft nur das „Rühmen“, sondern Freude über die große Gnade, im Opferdienst verbluten zu dürfen, Freude über die Möglichkeit, an einem solchen Opfer An­teil haben zu können.

19 Ich hoffe aber im Herrn Jesus, Timotheus bald zu euch senden zu können, auf daß Kunde von euch auch mir guten Mut gebe.

20 Habe ich doch keinen andern Gleichgesinnten, der so echt für euch sorgen könnte.

21 Denn sie suchen ja sonst alle das Ihrige und nicht das Christi Jesu.

22 Wie er sich bewährt hat, wißt ihr. Wie ein Kind mit dem Vater, so hat er mit mir vereint am Evangelium Dienst getan.

23 Den also hoffe ich, sobald ich nur meine Sache über­sehen kann, zu senden.

24 Ich habe aber die Zuversicht im Herrn, daß ich auch selbst bald kommen werde.

Die Kirche ist an den Apostel gebunden. Wenn der Apo­stel nicht kommen kann, wird der apostolische Delegat ge­sandt. Eine reine Bischofskirche im Sinne der Ostkirche und Anglikaner — die Bischöfe waren im Eingangsgruß (1, 2) genannt — entspricht also nicht der apostolischen Tradition. Der Delegat soll über den Zustand der Gemeinde, und da in 1, 2 von Bischöfen in der Mehrzahl die Rede ist, auch über den Zu­stand der ganzen Diözese dem Apostel Bericht erstatten. Der seelsorgerliche Klang der Worte des heiligen Paulus kann doch die Tatsache, daß wir hier in die Anfänge kirch­licher Verwaltung und Organisation hineinschauen, nicht aus der Welt schaffen. Das ist um so beachtenswerter, als die vorausgehenden Darlegungen über das Verhältnis des Apostels und seines Martyriums zur Kirche nur die gnadenhafte Seite dieser Beziehung zum Ausdruck kom­men ließen. Wie es aber keine Möglichkeit ist, den Martyrer gegen den Apostel auszuspielen oder den Heiligen gegen den Bischof (siehe die Darlegungen zu 1, 26), so ist es auch nicht möglich, die gnadenhafte Beziehung des Apostels zur Kirche allein zu sehen und demgegenüber das Recht des Apostels in der Kirche gering zu achten. Kirchen- recht ist Apostelrecht und darf ebenso einen Anspruch an uns stellen wie die charismatische Wirksamkeit des Apo­stels, der in seinem Opferdienst für den Glauben der Gnade des Martyriums gewürdigt worden ist. Nichts ist charakteristischer für den Wechsel der Betrachtungsweise bei dem heiligen Paulus, als daß er jetzt, wo er an das Apostelrecht denkt, den Gedanken an das Martyrium aus den Augen zu verlieren scheint und mit der Möglichkeit seines Kommens — »im Vertrauen auf den Herrn“ — redet.

25 Ich erachte es aber für notwendig, meinen Bruder, Mit­arbeiter und Mitstreiter Epaphroditus, den ihr gesandt hattet und der eine freiwillige Leistung auf sich ge­nommen hatte, um mit dem mir Nötigen zu helfen, zu euch zu senden.

26 Er verlangt nach euch allen und ist in Unruhe. Ihr habt ja gehört, daß er krank war.

27 Ja, er war krank bis auf den Tod, aber Gott erbarmte sich seiner, doch nicht seiner allein, sondern auch meiner, damit ich nicht Leid über Leid hätte.

28 So eilig wie möglich sandte ich ihn, damit ihr euch freuen könnt, wenn ihr ihn wieder seht, und ich die Sorge wieder los bin.

29 Bereitet ihm einen Empfang in dem Herrn mit allen Freuden, denn solche Menschen muß man in Ehren halten,

30 hat er doch um des Werkes Christi willen sein Leben dem Tode ausgesetzt, damit er das, was ihr an eurer Dienstleistung mir gegenüber noch nicht abgegolten hattet, bezahle.

Nachdem von dem die Rede war, was der Rechtsanspruch des Apostels in der Kirche fordert, darf auch von dem ge­sprochen werden, was nicht unter den Begriff des aposto­lischen Rechtsanspruchs, sondern unter den der freiwilligen Leistung in der Kirche fällt. Eine freiwillige Geldleistung war es zunächst, mit der Epaphroditus dem Bedürfnis des Apostels abgeholfen hat. Es handelt sich nicht um die Ab­gabe, die die Gemeinde dem Apostel um seiner Tätigkeit als Apostel willen schuldet, und von der später (Kapitel 4) die Rede ist, sondern unter Todesgefahr hat Epaphroditus persönlich überbracht, was der Apostel noch an besonderen Ausgaben für seine Missionsarbeit („das Werk Christi“) nötig hatte. Der Dank des Apostels kann natürlich in nichts anderem bestehen, als daß er den Epaphroditus, der schwer erkrankt war, nach Philippi wieder zurücksendet. In dem Genannten „den Vorsteher“ der Gemeinde von Philippi zu sehen, erscheint mir verfehlt, vielmehr kommen im 2. Kapitel des Philipperbriefes drei verschiedene Ver­hältnismöglichkeiten in der Kirche zum Ausdruck. Zu­nächst, und in erster Linie, das gnadenhafte Verhältnis der Kirche zum Martyrer, sodann das Rechtsverhältnis zum Apostel, das sich in der Delegation des Thimotheus aus­spricht, und endlich das Freiwilligkeitsverhältnis, das Epaphroditus mit seiner freiwilligen Leistung der Gesandt­schaftsübernahme und der damit verbundenen Erkrankung und Todesgefahr und seiner besondern Geldleistung zum Ausdruck bringt. Wie das Leben der Polis nicht nur auf Rechtsansprüche, sondern auch auf freiwillige Leistungen angewiesen war, so auch das Leben der Kirche. In alledem zeigt sich ein durchaus nüchterner Sinn. Wie die Gnade der Martyrer und der Heiligen in der Kirche nicht die Rechtsordnung überflüssig macht, so ist die Rechtsordnung wiederum kein Hindernis für die Entfaltung freiwilliger Leistungen, und wie dem Martyrer die Freude und dem Apostel der Ruhm (2, 16 f.), so wird auch dem, der frei­willig leistet, die Ehre (2, 29) nicht vorenthalten.

Kapitel III

1 Hinfort, o meine Brüder, habt Freude im Herrn. Es ist für mich nicht lästig, euch dasselbe zu schreiben, euch aber dient es zur Sicherung.

In 2, 18 hatte der Apostel schon einmal gemahnt: „In gleicher Weise sollt auch ihr Freude haben und euch mit mir freuen.“ Wir hörten, daß die Freude gemeint ist, die aus dem Verbluten im Opferdienst hervorgeht. Wenn der Apostel von neuem zur Freude auffordert, so mahnt er, daß der Ernst der Verfolgungszeit in der rechten Weise genutzt werde — nämlich zur „Freude in dem Herrn“. Es liegt hier also keine Aufforderung zu einem sogenannten „natürlichen und fröhlichen“ Christentum vor, vielmehr die Mahnung, sich mit einer „mystischen“ Freude zu freuen, mit einer Freude, die nicht aus der menschlichen Natur, sondern aus der Gnade Gottes in Christus „dem Herrn“ stammt, eine Freude, die Gott denen schenkt, die um seines Namens willen leiden. Es gibt eine mystische Freude, die aus „der Nähe“ des Herrn stammt, dann näm­lich, wenn uns ein Ähnlichwerden mit dem Leiden Christi geschenkt wird. Diese Freude dient auch zur Sicherung in unserem Glauben, der bedroht wäre, wenn wir vor dem Leiden allein stehen blieben. Darum hat es einen Sinn, wenn der Apostel an die Verfolgten und Leidenden die Aufforderung richtet, sich „in dem Herrn“ zu freuen, ist doch die mystische Freude gleichsam die Morgenröte un­serer Verherrlichung.

2 Nehmt euch vor den Hunden in acht, nehmt euch vor den schlechten Arbeitern in acht, nehmt euch vor den Zerschnittenen in acht.

„Die Freude in dem Herrn“ ist bedroht von denen, die die Heiden für unreine Hunde halten und die doch selber un­rein sind, ist gefährdet von denen, die sich Arbeiter Gottes nennen und die doch schlechte Arbeiter sind, ist in Frage gestellt von denen, die sich ihrer Zugehörigkeit zum aus­erwählten Volke in ihrer Beschneidung rühmen und die in Wahrheit doch jenen Zerschnittenen gleichen, die der Götzendienst der Heiden kennt.

3 Denn wir sind die Beschneidung, die wir im Geiste Got­tes unsere Verehrung darbringen und in Christus Jesus uns rühmen und auf das Fleisch uns nicht verlassen.

Der Anspruch, zu dem auserwählten Volk zu gehören, weil man im physischen Besitz des Bundeszeichens der Beschnei­dung ist, ist hinfällig, da die wahre Beschneidung nicht am Leibe, sondern am Herzen erfolgt, und weil Zugehörigkeit zum auserwählten Volk nicht in der fleischlichen Sphäre der Abstammung, sondern in der geistlichen Sphäre der „neuen Geburt“ aus „Wasser und Geist“ vor sich geht Der Abstammungsstolze, der sich „den Unreinen“ überlegen weiß und in seiner Zugehörigkeit zu dem, was Volk im natürlichen und fleischlichen Sinne ist, sich als den wahr­haft Frommen, ja als den Mitarbeiter Gottes fühlt, er ist der Feind jener unaussprechlichen Freude, die uns die Gnade Gottes in Jesus Christus schenkt. Er ist der Gegner derer, die wahrhaft Beschnittene, wahrhaft Volk Gottes sind, und wenn er „im Fleische“, in dem, worin in einem natürlichen Sinne Volk offenbar wird, Gott dient, so brin­gen wir, im Gegensatz zu ihm, im Geiste unserer Vereh­rung Gott dar, und wenn jener auf den Leib, der vergeht, mag er auch durch die Beschneidung „religiös“ gekenn­zeichnet sein, sein Vertrauen setzt, so rühmen wir uns nicht des Fleisches, sondern „in Christus Jesus“.

4 Wenn irgendwer meint, er könne auf Fleisch sein Vertrauen setzen, so könnte ich das noch viel mehr.

5 Am achten Tage beschnitten, aus dem Geschlecht Israels, dem Stamme Benjamin, Hebräer von Hebräern, in der Gesetzesbeachtung ein Pharisäer,

6 in meinem Eifer ein Verfolger der Kirche, in meiner Gesetzesgerechtigkeit tadellos.

7 Aber was mir Gewinn schien, das habe ich — um Chri­sti willen — als einen Verlust angesehen.

Was an Einwänden gegen die Verkündigung der Kirche laut werden kann, ist ihr schon lange bekannt, nicht aus der Lektüre von Büchern, sondern aus dem Wege derer, die in ihrem Leben aus dem Irrtum zur Wahrheit gekom­men sind. Die Kirche, die auf die Apostel gegründet ist, ist die Kirche, die sich in lebendiger Erfahrung von dem Irr­tum losgesagt hat. Beispielgebend ist in ihr der Apostel, der jene Frömmigkeit, die auf „das Fleisch“ ihr Ver­trauen setzt, wie kaum ein anderer gekannt hat, ist doch die Beschneidung, dieses Zeichen der Volkszugehörigkeit, an ihm, wie es das Gesetz vorschreibt (3 Mos. 12, 3), am achten Tage vollzogen worden. Israel war der Ahne seines Geschlechtes, und aus dem Stamme Benjamin, der als ein­ziger im Heiligen Lande geboren war und darum nach jüdischem Glauben der besondern Gegenwart Gottes ge­würdigt war, ist er hervorgegangen. Hebräer ist er der Sprache nach, von Hebräern geboren. Und zu den ererbten Vorzügen des Volkes, der Abstammung und der Sprache, kann er dann noch die erworbenen hinzufügen: die strenge Erfüllung der von Gott gegebenen Gesetze des Volkes, wie sie die Pharisäer forderten, die Verfolgung der das Gesetz in diesem Sinne nicht achtenden Kirche als Ausdruck eines „Eifers“ für das Gesetz Gottes, und endlich die Untadelig­keit in bezug auf alles, was die Gerechtigkeit des mosaischen Gesetzes zu fordern schien. Aber alles das, was ihm einst — mit kaufmännischer Nüchternheit gesprochen — ein Gewinn dünkte, scheint ihm jetzt ein Schaden zu sein, und zwar „wegen Christus“. Nicht also, als ob er, dem eigenen Urteil trauend, von sich aus eine neue „Auffas­sung“ gegen die alte eingetauscht hätte. Das hätte ein schlechtes Geschäft sein können und Mangel an Nüchtern­heit bedeutet. Nein, um Christi willen hat er in seinen ererbten und erworbenen Vorzügen, in all dem, worauf er einst stolz war, einen Schaden gesehen.

8 Ja, ich achte auch alles für Schaden im Vergleich zu der viel wertvolleren Erkenntnis Chri­sti Jesu, meines Herrn, um dessen willen ich das alles als Verlust rechne, ja geradezu für Kehricht halte, damit Christus mein Ge­winn sei

Noch heute sieht er in allem nur einen Schaden im Ver­gleich zu der viel wertvolleren Erkenntnis Christi, und wenn der Kaufmann im Evangelium alles verkauft, um die kostbare Perle zu erwerben (Matth. 13,45), so ist dem Apo­stel, der die Perle zu gewinnen trachtet, aller früherer Be­sitz nicht viel mehr wert als der Kehricht auf der Gasse.

9 und ich in ihm mich befinde, der ich nicht meine Ge­rechtigkeit habe, soweit sie aus einer Gesetzeserfüllung stammt, sondern die durch den Glauben an Christus da ist, Gerechtigkeit, die von Gott stammt und zur Grund­lage den Glauben hat,

Nicht in der fleischlichen Zugehörigkeit zu dem abstam­mungsmäßig bestimmten Volke, sondern in Christus Jesus wünscht sich der Apostel zu befinden, und so sucht er denn die Rechtfertigung seiner Existenz auch nicht in der Er­füllung des dem Volke gegebenen Gesetzes, sondern in dem Glauben an den Christus, der die Gesetzesordnung des Volkes transzendiert hat und damit eine Rechtferti­gung des einzelnen Menschen schafft, die nicht aus dem menschlichen Verhalten, sondern aus Gott resultiert und somit ihre Voraussetzung letzthin in dem Glauben an das Evangelium von Christus hat. Was Paulus in diesen Sätzen in immer neuen Formulierungen umschreibt, ist eine Er­kenntnis: die „Erkenntnis Christi“. Die Erkenntnis, daß von Christus und nicht von dem Volke, auch wenn es das auserwählte Volk der Juden ist, die rettende Kraft aus­geht, daß also nicht die Werte der Abstammung, der blut­mäßigen und sprachlichen Verbundenheit und des dem Volke gegebenen Gesetzes sowie der damit gegebenen Rechtfertigung der gesamten Existenz des einzelnen das Letzte darstellen, sondern daß das Letzte Christus ist, Ende eines alten und Anfang eines neuen Äons, Ende alter Werte und Anfang einer neuen Wertordnung. Christus als die göttliche Rechtfertigung einer Existenz, die nicht in dieser Welt ihre Grundlage hat, sondern an einen andern, kommenden und neuen Äon glaubt.

10 damit ich ihn erkenne und die Kraft seiner Auf­erstehung und das Anteilhaben an seinen Leiden und seinem Tode gleichgestaltet werde,

11 ob ich zur Auferstehung von den Toten gelangen werde.

„Erkenntnis Christi“ (Vers 8) heißt also, die eschato­logische Bedeutung des Todes und der Auferstehung Christi erkennen; die für uns in der Kraft „seiner Auferstehung“ zu einem Schicksal geworden ist, so daß wir in seinen Tod eingehen, seinem Tode gleichgeformt werden müssen — auch darin, daß wir nicht wie die Juden das Letzte in der Selbstgerechtigkeit des sich selber genügenden Volkes suchen, sondern durch die Anteilhabe an seinen Leiden zu der Auferstehung von den Toten in dem neuen Äon zu ge­langen trachten. Tod und Auferstehung Christi sind als Fakten einer Weltwende nicht einfach Data einer Er­kenntnis, sondern „die Kraft seiner Auferstehung“ ge­staltet das Erkennen Christi in uns zu einer Anteilhabe an seinem Leiden aus, so daß die Gestalt seines Todes auch an unserem Leibe — bis zu der Gleichgestaltung des Martyrerleidens — sichtbar wird und die Hoffnung, zur Auferstehung der Toten zu gelangen, also eine Grundlage hat. Denn wie können wir wohl hoffen, daß wir von den Toten auferstehen werden, wenn wir auf „das Fleisch“ unser Vertrauen setzen (Vers 4) und nicht vielmehr durch das Leiden, durch das Leiden mit Christus, in das Gottesreich einzugehen trach­ten? Nur in der leiderprobten Anteilhabe an der in Chri­stus gesetzten Weltwende sieht der Apostel die Werte des Judentums, die ihm einst die letzten dünkten, überwunden.

12 Nicht als ob ich schon gegriffen hätte oder schon ein Vollendeter wäre, ich jage aber, damit ich ergreife auf Grund dessen, daß Christus mich ergriffen hat.

13 Brüder, ich maße mir nicht an, daß ich schon ergriffen habe, nur eines: Ich vergesse das, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem, was vor mir liegt.

14 So laufe ich zu dem Ziele hin, um den Kampf preis zu erlangen, den der von oben kommende Heroldsruf Gottes in Christus Jesus ausruft.

Die durch „die Kraft der Auferstehung“ Christi bewirkte Leidensgemeinschaft mit Christus schließt aus, daß wir das Ziel: die Leibesverherrlichung in der Auferstehung resp. den neuen Äon gleichsam schon in der Hand halten, aber wir laufen — in der Gemeinschaft unserer Leiden mit dem Herrn — auf die neue Welt zu, um sie zu ergreifen, seit­dem wir von der „Kraft der Auferstehung Christi“ ergrif­fen worden sind. Seitdem der neue Äon uns ergriffen hat, vergessen wir diese Welt und was zu ihr gehört. Alles das — die ererbten Vorzüge des Volkes, der Abstammung und der Sprache, und die erworbenen Werte der Gesetzeserfül­lung, des Eiferns und der „Gerechtigkeit“ —, alles das liegt für den Apostel weit zurück, so weit zurück, daß es um des — im Vergleiche dazu nahen — Zieles vergessen werden kann. Das Ziel des Leidens-Agons aber ist der Kranz des ewigen Lebens, den der „von oben“ kommende Heroldsruf Gottes dem Sieger „in Christus Jesus“ zuspricht. Wie in der Geheimen Offenbarung nach der Übergabe der Buchrolle, d. h. nach der Amtsübernahme durch Christus, die vier Reiter ihren Agon beginnen, der das Ende des gegenwärtigen Äons einleitet (Kapitel 6), so ist hier der Agon des heiligen Paulus, in dem Christus am Ende als der Herold des Vaters den Sieger verkündet, die Einleitung zu dem Leben in dem neuen Äon. Es handelt sich also nicht um eine Agonalität im griechischen Sinne, die den Bestand dieser Welt unangetastet läßt, sondern um einen eschatologischen Agon, der sich in der „Agonie“ vollendet.

15 Wir alle also, die wir reif sind, laß uns darauf unsern Sinn richten. Wenn ihr aber irgendwie anders denkt, so wird Golt auch dies euch enthüllen.

16 Nur bedenkt, wozu wir gelangt sind, danach laßt uns auch wandeln.

Reife, Mündigkeit bedeuten im christlichen Sinne die Bereit­willigkeit, den Weg des Kreuzes zu gehen. Das geht nicht jedem ein, und auch wer es einmal verstanden hat, versteht es doch vor einer neuen Situation nicht immer gleich aufs neue. Doch Gott wird es schon denen enthüllen, die den Weg des Kreuzes nicht mit Christus gehen wollen. Es gilt, sich zu besinnen, wo wir stehen. Wir können dem Schatten des Kreuzes Christi, der auf die Welt, sei sie nun jüdisch oder heidnisch, gefallen ist, nicht ausweichen. So gilt es denn vom Tode Christi aus, in den wir hineingetaucht sind (Röm. 6, 3), von der Eucharistie her, die die Gemeinschaft mit dem Leibe und Blute Christi ist (1 Kor. 10, 16), den Weg in der Gemeinschaft mit den Leiden Christi zu gehen.

17 So werdet denn Nachahmer mit mir, ihr Brüder, und schaut auf die, die also wandeln, ihr habt ja uns zum Vorbild.

Der Weg in der Gemeinschaft mit den Leiden Christi wird zuerst und in vorbildlicher Weise von den Aposteln gegan­gen. Der Apostel ist der Nachahmer der Leiden Christi; den Apostel, der den Weg des Martyriums geht, soll die Kirche nachahmen. Es gibt also in der Kirche etwas wie eine Nachfolge der Martyrer und der Heiligen. Es gibt einen legitimen Begriff des Vorbildes, den protestantische Theologie zu Unrecht geleugnet hat.

18 Denn viele führen ihren öffentlichen Wandel, wie ich schon oft euch sagte, jetzt aber sage ich es mit Tränen, so, daß man sieht, sie sind Feinde des Kreuzes Christi.

19 Ihr Ende wird Verderben sein, ist doch der Gott für sie der Bauch und ihre Herrlichkeit in ihrer Scham. Das sind die, die nur an das Irdische denken.

Das Gegenstück zu dem Apostel, der den Weg des Kreuzes geht, sind diejenigen, die in ihrem Lebenswandel sich als Feinde des Kreuzes Christi zeigen. Menschen, die nur Irdi­sches kennen, sei es, um den Magen, sei es, um die Geschlechtslust zu befriedigen. Der Weg des Kreuzes, den der Apostel in vorbildlicher Weise geht, ist nicht nur die Be­reitschaft, in der großen Stunde der Verfolgung das Mar­tyrium auf sich zu nehmen, sondern auch die Fähigkeit, in den kleinen Stunden des täglichen Lebens in bezug auf Speise und geschlechtliches Verlangen Entsagung zu üben. In dem Apostel weint die Kirche Tränen des Schmerzes und der Buße um die „Feinde des Kreuzes Christi“ in ihren Reihen.

20 Denn unsere Stadtgemeinde ist im Himmel; von dort­her erwarten wir auch als Retter den Herrn Jesus Chri­stus.

21 Er wird den Leib unseres Daseins in Niedrigkeit ver­wandeln, so daß er gleichgestaltet wird dem Leibe seiner Herrlichkeit, auf Grund derselben Kraft, mit der er auch das Weltall sich unterwerfen kann.

„Feind des Kreuzes Christi“ ist der Irdischgesinnte. Der Christ, der dem Magen und der Geschlechtslust dient wie der Jude, der, fleischlich gesinnt, in der irdischen Realität seines Volkes das Letzte sucht. Beiden gegenüber läßt der Apostel das Bild von der Stadtgemeinde im Himmel, von dem himmlischen Jerusalem, als unserer wahren Heimat, anschaulich werden. Wir suchen nicht nur unsere Heimat im Himmel, wir haben sie vielmehr schon dort. Wir haben unser Bürgerrecht dort durch Jesus Christus erlangt. Aus der Himmelsstadt erwarten wir die Ankunft des Retters.

Der Retter kommt aus keiner Erdenstadt, mag auch die Polis noch so viele Retter ehren. Wir erwarten die Ankunft des Retters aus der Himmelsstadt, weil wir an einen neuen Äon glauben. Weil wir überzeugt sind, daß das gegen­wärtige Dasein nur etwas Vorläufiges ist, sei es in der Niedrigkeit eines Leibes, der der Eßlust und der Ge­schlechtsbegierde preisgegeben ist, sei es in der Illusion einer „Fleischlichkeit“, die zwar in der Beschneidung den Leib religiös gekennzeichnet hat, aber in dem Stolz auf die Vorzüge des Volkes, der Abstammung und der Gesetzes­erfüllung, doch den Kreis dieses Äons niemals überschreitet. Um dessentwillen erwarten wir den Retter: Jesus Christus, vom Himmel, dessen gewiß, daß er in der Totenauferweckung diesen Leib unserer Niedrigkeit zu einem Leibe der Herrlichkeit, wie er ihn schon besitzt, umgestalten wird. Ist doch der aus dem Himmel kommende Retter im Besitze einer Kraft, die nicht nur unsern Leib, sondern das ganze Weltall umgestalten wird. Denn Christus ist die Wende der Äonen.

Kapitel IV

1 Daher, meine geliebten und ersehnten Brüder, meine Freude und mein Kranz, stehet fest im Herrn, ihr Ge­liebten.

Die Zärtlichkeit der Liebe, die den leidenden Apostel mit der leidenden Kirche verbindet, findet ihren sprachlichen Ausdruck in dem Reichtum der Anrede. Das Autoritäts­verhältnis des Apostels zur Kirche wird transzendiert in einer Sprache, die als Ausfluß einer übernatürlichen Liebe auch die Ausdrücke privater Vertraulichkeit nicht meidet. Im 1. Thessalonicherbrief schreibt der Apostel 2, 19 f.: „Denn wer ist unsere Hoffnung und Freude und unser Ruhmeskranz vor unserem Herrn Jesus Christus bei seiner Ankunft — seid nicht auch ihr es? Ja, ihr seid unser Rühmen und unsere Freude.“ Diese Stelle kann verdeutlichen, was der Apostel meint, wenn er die Brüder in Philippi anredet: „meine Freude und mein Kranz“. Die Kirche, in der der Apostel gearbeitet hat und die mit dem Apostel gelitten hat, wird am Tage der Wiederkunft des Herrn der Ehren­kranz sein, dessen er sich rühmen kann, sie wird ihm die Freude der Vollendeten eintragen. Der Apostel erscheint vor dem Richterstuhle Christi also nicht als eine Privat­person, sondern er bleibt Apostel bis zum Jüngsten Tage, seine Funktion erlischt nicht mit seinem Tode, und darum wirkt sie in seinen Nachfolgern weiter. Darum gibt es eine apostolische Sukzession, weil 4er wiederkommende Herr von den Aposteln Rechenschaft in bezug auf die Kirche fordern wird. Die Mahnung: „stehet fest im Herrn“, erklärt sich aus der eschatologischen Situation, auf die der Apostel mit der Nennung der Begriffe „Freude“ und „Kranz“ an­spielt. Im Hinblick auf die Vollendung gilt es, „fest zu stehen“ (das Gegenteil zum „fest Stehen“ ist das „Fallen“), ist es doch ein geheimnisvolles Gesetz, daß kurz vor der Vollendung nodi die „Versuchung“ auftritt, eine Ver­suchung, die sowohl über die Welt als Ganzes, wie auch über unsere individuelle Existenz hereinbricht und unser Alter ebenso bereitwillig aufsucht wie diese alt gewordene Welt.

2 Euodia mahne ich und Syntyche zur Eintracht in dem Herrn.

3 Ja, ich bitte auch dich, rechter Synzygos, hilf! Sie haben mit mir in der Verkündigung des Evangeliums gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen andern Mitarbeitern, deren Namen im Buche des Lebens stehen.

Im Hinblick auf die Nähe des Herrn, die ein „Feststehen“ erfordert, soll auch ein Streit zwischen zwei Frauen, die dem Apostel wert sind, weil sie zu seinen alten, zum Teil wohl schon verstorbenen (Erwähnung des „Buches des Lebens“) Mitarbeitern gehören, geschlichtet werden. Der Apostel er­sucht einen gewissen Synzygos um seine Vermittlung, der ein „rechter“ Synzygos ist, wie Paulus mit einem Wortspiel sagt, d. h. ein echter Kommilitone, weil er zu­sammen mit dem Apostel kämpft.

4 Freuet euch in dem Herrn allezeit. Und noch einmal sage ich: Freuet euch.

5 Laßt eure Nachgiebigkeit allen Menschen bekannt wer­den. Der Herr ist nahe.

Aller Streit in der Kirche soll durch die Freude „in dem Herrn“ gelöst werden. Die Freude „in dem Herrn“ ist die Freude darüber, daß „der Herr nahe ist“. Die Nähe des Herrn aber kündet sich in dem Leiden an, das über den Apostel und die Kirche gekommen ist. Der Ankunft „des Herrn“ geht die Freude derer, die auf ihn warten, voraus. Freude ist ein Zustand der Kirche in der Zeit des Wartens auf den wiederkehrenden Christus, Freude ist aber auch ein Zustand der Seele, die auf das Kommen Christi harrt. In dieser Zeit der freudigen Erwartung ist Nachgiebigkeit gegenüber allen Menschen geboten. Nachgiebigkeit gegen­über Forderungen, die angesichts der Nähe Christi gegen­standslos oder bedeutungsgering erscheinen. Nachgiebig­keit im Sinne einer noblen Haltung, die Kleines und Gro­ßes zu unterscheiden weiß und sich nicht in kindischem Trotze verkrampft.

6 Sorgt euch um nichts, sondern macht in allen euren Ge­beten und Bittgebeten zugleich mit einer Danksagung eure Wünsche bei Gott bekannt.

Die Nobelheit, die der Apostel fordert, bezieht sich nicht nur auf die Vermeidung alles unnützen Streitens und Recht­habenwollens, sie geht tiefer, denn sie fordert den Verzicht auf die unnoble Sorge, die „den kleinen Mann“ kennzeich­net. Man hat mit viel Ressentiment über die geringe Her­kunft der ältesten Christen gesprochen, man hat sie psycho­logisch von der „petite bourgeoisie“ aus interpretiert; die vorliegenden Verse zeigen nichts von dieser Gesinnung, die ein am Historisch-Pikanten interessiertes Zeitalter ihnen nachsagen zu können meinte. Mit deren Verzicht auf das Sorgen korrespondiert die Bereitschaft, die Wünsche Gott „bekanntzumachen“. Man „flüchtet sich“ also nicht in das Gebet, sondern macht — in einer weit schlichteren und ver­trauensvolleren Haltung — seine Wünsche Gott bekannt. Der Christ, der auf das Kommen des Herrn — sei es nun auf das Wiederkommen in der zweiten Ankunft zum Ge­richt, sei es auf das Kommen in der Seele — wartet, ist kein Desperado. Was er tut oder unterläßt, ist vielmehr von einem tiefen Vertrauen eingegeben, das auch hinter allen seinen Gebeten steht. Und wenn auch das Gebet sich zum Bittgebet steigert, so soll doch die menschliche Begierlich­keit nicht in ihm herrschend sein, sondern die Danksagung Gottes — die übrigens auch ein fester Bestandteil im jüdi­schen Gebet ist — soll der Bitte der Christen Maß und Grenze verleihen.

7 Und der Friede Gottes, der über alles Denken heraus­reicht, wird eure Herzen und Gedanken in Christus Jesus behüten.

Von der noblen Gelassenheit in der Nachgiebigkeit steigt der heilige Paulus zu der Distanzierung von der Sorge in dem vom Vertrauen getragenen Gebet auf, um in dem Frieden Gottes die letzte und umfassendste Formulierung zu finden. Der Friede Gottes umschließt die Gelassenheit in der Nachgiebigkeit und die Vertrauenshaltung im Gebet, alle diese menschlichen Akte werden noch von dem Frieden Gottes, „der über alles Denken hinausreicht“, überspannt. Es ist bedeutsam, daß selbst die Haltung des Vertrauens, die für Luther eine so zentrale Bedeutung hatte, von dem „Frieden Gottes“ noch in den Schatten gestellt wird. Der Friede Gottes behütet die, die im Kampfe stehen, die der Versuchung zum Streit und zur Sorge ausgesetzt sind. Wer nicht im Kampfe liegt, kann auch nichts von dem Frieden Gottes wissen. Je konkreter der Kampf ist — und das gilt von den Martyrern und Heiligen —, desto konkreter ist auch die Erfahrung des Friedens Gottes. Der Friede Gottes behütet die Herzen und Gedanken, nicht, damit sie in sich selber, sondern damit sie in Christus Jesus ruhen. Der Friede Gottes dient nicht der Selbstberuhigung und der Eigenbefriedung, sondern der Einschließung in Christus Jesus.

8 Im übrigen, Brüder, was wahr, was edel, was gerecht, was rein, was beliebt, was einen guten Ruf hat, sei es mm eine Tugend oder ein Lob, das schätzt richtig ein,

9 und was ihr gelernt und überkommen und gehört und an mir gesehen habt, das tut, und der Gott des Friedens wird mit euch sein.

Der Apostel spricht von zwei Dingen: von dem, was die Philipper gelernt haben, und von dem, was einen guten Ruf hat. Das erste sollen sie tun, das zweite „richtig einschät­zen“. Der Ausdruck „richtig einschätzen“ läßt die Möglich­keit der Annahme wie der Ablehnung offen. Alle die so­genannten „menschlichen Werte“, von denen Vers 8 spricht, sollen — da sie doch konkret immer nur im Rahmen einer heidnischen Weltanschauung auftreten —nicht besinnungs­los bejaht, sondern vielmehr kritisch gewürdigt werden. Es wird also ein Vorbehalt gegenüber diesen Werten ver­langt, und da der Apostel natürlich nicht eine grundsätz­liche, rein theoretische Auseinandersetzung von den Philippern fordert, kann die kritische Würdigung dieser Werte und ihre richtige Einschätzung nur in der individuellen Situation von Fall zu Fall vorgenommen werden. Von da aus versteht man dann, wenn der Vers 9 so stark betont, daß die Philipper: „gelernt, überkommen, gehört und ge­sehen haben“. Die kritische Würdigung der sogenannten „menschlichen Werte“ im Heidentum setzt eine genaue Kenntnis der christlichen Lehre voraus. Der Charakter der christlichen Verkündigung als einer Lehre wird stark be­tont. Der Apostel spricht von: „lernen, tradieren, hören und sehen“. Es handelt sich um eine mündliche, schulmäßig tradierte Lehre, zu der dann noch das anschauliche Bei­spiel, das der Apostel gibt, hinzutritt. Die Lösung des Pro­blems, die der heilige Paulus gibt, ist einfach: Wenn wir das tun, was uns die apostolische Lehre und das Beispiel der Heiligen (Apostel) zeigt, dann werden wir „die Tu­genden der Heiden“ richtig einschätzen. Zu beachten ist freilich, daß uns nicht der umgekehrte Weg empfohlen wird: zuerst „die Tugenden der Heiden“ zu üben und dann in diese Tugenden die christliche Lehre einzubauen. Die Orientierung kann nicht von den sogenannten natürlichen Werten, sondern immer nur von der übernatürlichen Lehre aus sich vollziehen, Probleme, deren Lösung theoretisch schwierig erscheint — vielleicht hatten die beiden Frauen, von deren Streit Vers 2 spricht, über eine theoretische Stel­lung zu den heidnischen Werten gestritten — werden prak­tisch gelöst, wenn wir versuchen, das zu tun, wozu uns die apostolische Lehre und das apostolische Beispiel auf fordern, dann aber wird der Gott des Friedens mit uns sein und der theoretische Streit ein Ende nehmen.

10 Es war für mich eine große Freude in dem Herrn, daß ihr eure Fürsorge für mich habt wieder auf blühen las­sen. Wenn ihr auch immer daran gedacht habt, so fehlte euch doch eine Gelegenheit.

11 Nicht als ob ich aus Bedürftigkeit heraus spräche. Denn ich habe gelernt, in meiner Situation genügsam zu sein.

12 Ich weiß in niedrigen Verhältnissen zu leben und ich weiß in üppigen Verhältnissen zu leben; in alles und jedes bin ich eingeweiht: satt zu werden und zu hun­gern, reichlich zu haben und Mangel zu spüren.

13 Alles vermag ich, in dem, der mich stärkt.

14 immerhin, es war schön, daß ihr mir in der Bedrängnis beigestanden habt.

Die Kirche in Philippi hat dem Apostel eine Unterstützung zuteil werden lassen. Wir wissen, daß Paulus in seiner Eigenschaft als Apostel einen Anspruch darauf hatte. Trotz­dem macht der Anspruch, den er erheben kann, die Unter­stützung noch nicht zu einer „Steuer“, sie behält den Cha­rakter einer Liebesgabe, für die der Apostel zu danken hat. Es ist möglich, daß diese Interpretation einer pflicht­mäßigen Abgabe im Sinne einer Liebesgabe sich aus dem besonderen Charakter des Paulinischen Apostolats erklärt. Paulus hebt seine Unabhängigkeit hervor. Durch die Gabe der Philipper wird er ihnen nicht hörig. Ein Apostel ist nicht ein Angestellter der Kirche und der Nachfolger der Apostel nicht von einer sich souverän gebärdenden kirch-lichen Organisation abhängig. Die Unabhängigkeit reicht bis in die persönliche Existenz des Apostels hinein. Er er­hebt keine persönlichen Ansprüche, die ihn in Abhängig­keit von jemandem bringen können. Er bleibt genügsam. Die dürftige Situation, der Hunger, kann ebensowenig von jemandem ihm gegenüber ausgenutzt werden wie üppige Verhältnisse und reichliche Sättigung. Das kommt daher, weil seine Unabhängigkeit von Menschen in seinem Ver­hältnis zu „dem, der ihn stärkt“, ihren Ursprung hat. Weil er ein Apostel Jesu Christi ist, darum ist er unab­hängig sowohl von Menschen, wie von der jeweiligen Si­tuation, die Menschen ihm gegenüber ausnutzen können. Es ist eine schwierige Situation, in der der Apostel, der von Christus arm in die Welt geschickt wird, sich befindet. Die Welt sieht „seine wirtschaftliche Bedürftigkeit“ und sucht sie auszunutzen, indem sie ihn bald in seiner Armut und bald durch das Anerbieten einer Wohlhabenheit auf ihre Seite zu bringen sucht. Dieses Ausspüren einer Mög­lichkeit, den Apostel in ihre Gewalt zu bringen, hat die Welt gegenüber der Kirche zu allen Zeiten wiederholt. Die Kirche kann — wie der Apostel — dieser Gefahr nur ent­gehen, wenn sie sich bemüht, genügsam zu sein, bedeutet doch „Genügsamkeit“ in diesem Falle nichts anderes als ein persönliches Gebundensein an den, der die Apostel so­wohl wie die Nachfolger der Apostel „in der Trübsal“ kraftvoll macht.

15 Ihr wißt ja auch selbst, ihr Philipper, daß zu Beginn der Evangeliumsverkündigung, als ich von Mazedonien ausging, sich keine Kirche an der Verrechnung von Ge­ben und Nehmen beteiligt hat außer euch allein;

16 ihr habt mir ja auch in Thessalonike ein- oder zweimal etwas für meine Bedürfnisse geschickt.

17 Nicht als ob ich die Gabe suchte, wohl aber suche ich die Frucht, die auf eurem Guthaben reichlich anwachsen möge.

18 Ich habe alles erhalten und habe überreichlich. Von Epaphroditus habe ich eure Gabe empfangen, ein wohl­riechender Opferduft, ein von Gott angenommenes und ihm wohlgefälliges Opfer.

19 Mein Gott aber wird alle eure Bedürfnisse, da er reich ist, in der Glorie erfüllen, die in Jesus Christus ist.

20 Unserem Gott und Vater Glorie in die Äonen der Äonen. Amen.

Noch einmal wird von der Unterstützung gesprochen, die der Apostel von den Philippern erhalten hat. Ihr Verdienst um den Apostel in der Vergangenheit wird hervorgehoben. Sie allein haben sich auf die Verrechnung von materieller Unterstützung und Evangeliumsverkündigung eingelassen. Aber das geschäftliche Bild kann mißverstanden werden, das spürt der Apostel, darum korrigiert er es. Es kommt ihm nicht auf ihre Gabe an, wohl aber liegt ihm alles an der Frucht, die seine Verkündigung bei ihnen bringt. Was man ihm gibt, das wird nicht ihm, sondern Gott als ein Opfer dargebracht. Wie der Opferduft zum Himmel empor­steigt und als ein wohlgefälliges Opfer von Gott angenom­men wird, so wird dem Apostel und der Kirche geschenkt. Es wird keine „Kirchensteuer“ auferlegt, sondern in Form eines Geldopfers Gott ein Opfer dargebracht. Und dieses Geldopfer wird der so reiche Gott mit der Herrlichkeit des ewigen Lebens in Christus Jesus vergelten. So spricht auch die altchristliche Liturgie von den Gaben, die dargebracht werden, sie erinnert an das Opfer Abrahams, das Weih­rauchopfer des Zacharias, die Almosenspenden des Kor­nelius und die zwei Groschen der armen Witwe und bittet Gott, er möge für die vergänglichen Gaben die unvergäng­lichen, für die irdischen die himmlischen und für die zeit­lichen die ewigen schenken (Markus-Liturgie). Es ist un­verkennbar, daß auch Vers 19 und 20 bei Paulus liturgischen Gebetsklang haben. Die Doxologie in Vers 20 mit dem ab­schließenden Amen macht das offenbar. Es ist bedeutsam, daß der apostolische und der altkirchliche Brauch, der den Empfang der Spenden mit dem liturgischen Gebet gleich­sam quittiert, in seinen Grundformen sich gleich geblieben ist. Das bedeutet, daß grundsätzlich das Verhältnis der Kirche zum Geld, resp. zu andern Formen der Unterstüt­zung, sich nicht geändert hat. Nicht an eine Organisation wird eine Steuer abgeleistet, sondern Gott wird ein Opfer dargebracht, und daß Gott dieses Opfer annehmen und vergelten möge, darum betet sowohl der Apostel als auch der Priester in der Messe. Das Bild des Opfers wird not­wendig, weil es die Genügsamkeit des Apostels und die innere Freiheit der Kirche zu illustrieren vermag. Keine Unterstützungen vermögen im Ernst diese substantielle Unabhängigkeit der Kirche zu gefährden, denn die aposto­lische Kirche kann, wie ihr apostolisches Vorbild, beides: in niedrigen Verhältnissen und in üppigen Verhältnissen leben, sie kann hungern und kann sich sättigen, in allen Lagen bleibt die Situation der Kirche gegenüber Drohun­gen wie Schmeicheleien doch in nichts verschieden von der Situation des Apostels, wie sie Paulus im 4. Kapitel des Philipperbriefes angesichts einer über ihn und die Kirche hereingebrochenen Verfolgung beschrieben hat. Diese Si­tuation aber ist so groß und außerordentlich, daß sie nur mit dem Lobpreis: „Unserem Gott und Vater Glorie in die Äonen der Äonen. Amen“ beantwortet werden kann.

21 Grüßt in Christus Jesus jeden Heiligen.

22 Es grüßen euch die Brüder, die bei mir sind, es grüßen euch alle Heiligen, ganz besonders aber die kaiserlichen Sklaven.

23 Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geiste!

Mit der Doxologie in Vers 20 ist der Brief eigentlich zu Ende. Wenn jetzt „die Heiligen“ der verschiedenen Kir­chen Grüße miteinander austauschen, so spricht sich in dem Gruß, der jedem einzelnen der „Heiligen“ gilt, noch ein­mal die innere Verbundenheit aller Glieder der leidenden Kirche aus. Daß von den „Heiligen“ gesprochen wird, hängt damit zusammen, daß der eschatologische Charakter des Urchristentums am Schluß des Briefes noch einmal durch­bricht. „Die Heiligen“ sind das im Daniel-Buch geschilderte Volk der Endzeit, gegen das, wie es in der Apokalypse heißt, der Teufel seinen Krieg führt (Offb. 13, 7; vgl. Dan. 7, 21). Daß die kaiserlichen Sklaven ein besonderes Inter­esse an den Leiden der Philipper zeigen, erklärt sich wohl daraus, daß Philippi eine römische Militärkolonie war. Mit dem Segen, den der Apostel spendet, endet der Brief, der mit einem apostolischen Segen begonnen hat. Segen wird am Anfang und am Ende über die herabgefleht, die in den Leiden der Verfolgung stehen. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus wird mit denen sein, die um des Namens Jesu Christi willen leiden, sie wird „mit ihrem Geiste“ sein, d. h. mit allen denen sein, die in ihrer Person ihr Ja zu der „Trübsal“ gesagt haben, die der Vollendung des Reiches Gottes und dem Kommen Christi in Welt und Seele vorausgehen muß.

Quelle: Erik Peterson, Apostel und Zeuge Christi. Auslegung des Philipperbriefes (1940), Freiburg im Breisgau: Herder 31952.

Hier der Text als pdf.

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