Martin Luther, Was die christliche Freiheit sei (aus De votis monasticis Martini Lutheri iudicium 1521): „Es ist also die christliche oder evan­gelische Freiheit eine Freiheit des Gewissens, durch die das Gewissen von den Werken befreit wird, nicht daß keine geschehen, sondern daß man auf keine sich verlasse. Denn das Gewissen ist nicht eine Kraft des Handelns, sondern eine Kraft des Urteilens, die über die Werke ur­teilt.“

Was die christliche Freiheit sei (De votis monasticis Martini Lutheri iudicium 1521)

Von Martin Luther

Da also hieraus ganz gewiß ist, daß bei Gott nur ein solches Gelübde angenommen wird, das nicht als notwendig zur Gerechtigkeit und Se­ligkeit angesehen wird, und er selbst nicht befohlen hat, irgendein Ge­lübde abzulegen, so folgt klar, daß ein derartiges Gelübde frei ist und nachgelassen werden kann. Denn dies beides streitet deutlich wider einander, daß es nicht notwendig sei zur Gerechtigkeit und Seligkeit und daß es ohne Gefahr der Gerechtigkeit und Seligkeit nicht nachge­lassen werden dürfe. Wenn es nicht nachgelassen werden kann, so ist es notwendig, wenn es nicht notwendig ist, kann es nachgelassen wer­den, so daß die Form eines frommen und christlichen Gelübdes vor Gott offenbar diesen Wortlaut hat: »Ich gelobe dir diese Art des Le­bens, die ihrer Natur nach nicht notwendig ist und zur Gerechtigkeit nicht notwendig werden kann.« Denn wenn es nicht so lautet, wird es kein frommes Gelübde sein können, wie aus dem Gesagten zu Genüge erhellt. Was wird aber Gott hier antworten? Wird er nicht sagen: Was gelobst du so töricht? Hast du nicht Gelübde genug, die du mir schul­dig bist?

Aber hier wird kräftig entgegnet: Die Werke des göttlichen Geset­zes sind in den zehn Geboten befohlen, wie Keuschheit, Sanftmut, Freigebigkeit, Gehorsam gegen die Eltern, sie rechtfertigen nicht und sind auch nicht notwendig zur Gerechtigkeit und zum Heil, da ja Pau­lus sagt: »Aus des Gesetzes Werken wird kein Fleisch gerechtfertigt« (Röm.3,20). Dennoch sind sie notwendig, da Christus Mt. 16 sagt: »Willst du ins Leben eingehen, so halte die Gebote« (Mt. 19,17). Denn sie können nicht nachgelassen werden, auch wenn der Glaube da ist, der allein rechtfertigt; denn sie sind die Frucht des rechtfertigenden Glaubens. Denn der Glaube ohne die Werke ist tot und gilt nichts, 1.Kor. 13 (Jak. 2,20; 1.Kor. 13,2). Und den Galatern schreibt er den durch die Liebe wirksamen Glauben vor (Gal. 5,6). Dasselbe kann man vom Gelübde und seinen Werken sagen, welche, da sie nach Ab­legung des Gelübdes bereits zu dem Gebot gehören, notwendig sind als Früchte der Gerechtigkeit, obwohl sie nicht notwendig zur Gerechtigkeit selbst sind, die allein dem Glauben gehört. Denn das ist nicht evangelische Freiheit, daß die Gebote Gottes nachgelassen werden können. Das Gebot Gottes aber lautet: »Gelobt und haltet« (Ps. 76,12). Denn durch den Glauben heben wir nicht das Gesetz auf, sondern richten es auf, sagt Paulus Röm. 3 (Röm. 3,31).

Diese Frage ist aufgeworfen, damit wir die Natur der christlichen Freiheit in den Blick bekommen. Es ist also die christliche oder evan­gelische Freiheit eine Freiheit des Gewissens, durch die das Gewissen von den Werken befreit wird, nicht daß keine geschehen, sondern daß man auf keine sich verlasse. Denn das Gewissen ist nicht eine Kraft des Handelns, sondern eine Kraft des Urteilens, die über die Werke ur­teilt. Sein eigentliches Werk ist, wie Paulus Röm. 2 (2,15) sagt, anzu­klagen oder zu entschuldigen, schuldig oder schuldlos, furchtsam oder sicher zu machen. Darum ist sein Amt, nicht zu tun, sondern über die Taten und das Tun zu urteilen, die vor Gott schuldig oder selig ma­chen. Dies nun hat Christus von den Werken frei gemacht, indem er es durch das Evangelium belehrt, auf keine Werke sich zu verlassen, son­dern allein auf seine Barmherzigkeit zu hoffen. Und so hängt ein gläu­biges Gewissen ganz frei an den Werken Christi allein, und ist jene Taube, die in den Löchern des Felsens und den Ritzen des Steines ni­stet (Hohel. 2,14), da es ganz gewiß weiß, daß es nicht sorglos und ru­hig sein kann, als nur in Christus allein, in allen eigenen Werken aber nur schuldig und furchtsam und verdammt bleiben kann. So also scheidet und urteilt es unter den Werken Christi und den eigenen. Christi Werke ergreift es und sagt folgendermaßen: durch diese werde ich gerechtfertigt, gerettet und befreit werden von allen Sünden und allem Übel, woran ich nicht zweifle; denn deswegen gerade sind sie durch ihn geschehen und in der Taufe über mich ausgeschüttet, ohne sie gibt es kein Heil, gibt es keinen Frieden in meinen Gebeinen (Ps. 38,4), gibt es keine Genugtuung für die Sünden. Aber seine eige­nen, bösen Werke sieht es und verurteilt es, doch in Christi Werken überwindet es und verachtet es sie, daß sie es nicht beißen können. Denn Christi Werke sind mächtiger, uns zu befreien und Frieden zu geben, als unsere eigenen uns zu fangen und zu schrecken, wenn du denn dies glaubst. Seine eigenen guten Werke aber ergreift es und er­klärt, man müsse sie umsonst tun, allein zum Vorteil des Nächsten und zur Beschäftigung des Körpers, in keinem Fall, um Gerechtigkeit, Frieden, Genugtuung und Vergebung der Sünden zu beschaffen. Denn dies sucht es nur in Christi Werken und findet es in standhaftem Glauben, gleichwie es sieht, daß Christus seine Werke umsonst getan habe, zu unserem Vorteil, und um seinen Körper zu brauchen nach dem Willen Gottes.

Auf diese Erkenntnis der Freiheit und Gesundheit des Gewissens hat es abgesehen aller Hinterhalt der menschlichen und gottlosen Leh­ren. Hier sucht die List der Schlange die Einfältigkeit, die in Christus ist, zu vernichten (1.Kor. 10,20). Hier siehst du, wie gottlos die Ge­setze von den Genugtuungen sind, durch welche wir belehrt werden, vermittelst unserer Werke die Sünden zu tilgen. Das sind die gähnen­den Rachen der reißenden Wölfe, die die Gewissen von Christus los­reißen, zerfleischen und ganz elend in ihre eigenen Werke zerstreuen; immer lernen sie, immer wirken sie, und dennoch kommen sie niemals zur Wahrheit und zum Frieden (2. Tim. 3,4). Diese Wölfe nennt Pau­lus Apg. 20 greuliche Wölfe (20,29), die hereinbrechen werden, die Herde nicht schonen und Verkehrtes reden, um Jünger nach sich zu ziehen. Was heißt dies, Jünger nach sich ziehen, anders als von Chri­stus abziehen? Dies geschieht, wenn die Gewissen belehrt werden, durch eigene Werke sich zu heilen, die Sünden zu tilgen und die Gnade zu verdienen, während man doch solches nur in den Werken Christi durch den Glauben suchen muß.

Hier siehst du, daß verdammt und Christus zuwider das ganze kano­nische Recht und das Reich des Papstes ist, welches nichts anderes tut, denn die Gewissen in den Schlingen der eigenen Werke zu fangen und von Christus loszureißen, nachdem die Freiheit wie auch die Leh­re und Erkenntnis der Freiheit vernichtet ist. Am meisten aber wird hier verdammt jene unreine und ekelhafte Hure, die Pariser Schule, die er­klärt hat, daß die Lehren des Aristoteles in Fragen des sittlichen Le­bens nicht der Lehre Christi widersprechen, da jener nichts anderes lehrt, als daß durch Werke Tugenden gewonnen würden, wenn er sagt: »Indem man Maßvolles tut, wird man mäßig;« dies aber verflucht das christliche Gewissen wie die Bodenjauche der Hölle und spricht: durch den Glauben an den Maß haltenden Christus werde auch ich zu einem Maß haltenden Menschen gemacht, seine Mäßigkeit ist meine, denn sie ist sein Geschenk, nicht mein Werk. In Summa, aller Schulen Theologie, die spekulative sowohl wie die praktische, siehst du hier verdammt; denn sie lehren nicht Christus, sondern menschliche Klug­heit, die nach ihrer Anweisung auch Glauben beschafft, den sogenann­ten erworbenen Glauben. Wehe diesen verlorenen und greuelhaften Männern von Sodom und Gomorrha! Zugleich siehst du hier, warum Paulus die Werke des göttlichen Gesetzes oder die Gerechtigkeit des Gesetzes verdammt und warum er seine pharisäische Gerechtigkeit, die er Kol. 2 als tadellos rühmt, für Dreck und Schaden achtet (Phil. 3,5-7). Nämlich deswegen, weil sie wider die Gerechtigkeit streitet, die aus Christus und in Christus ist. Denn sie zieht das Gewis­sen ab und läßt es nicht an der Gerechtigkeit Christi hangen, sondern hält es fest in der vermessenen Hoffnung auf die eigene Gerechtigkeit und die von ihm selbst verrichteten Werke. Wie Paulus Röm.9 sagt: »Die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit getrachtet, ha­ben die Gerechtigkeit erlangt, die Gerechtigkeit aber, die aus dem Glauben ist. Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit ge­trachtet und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht erreicht. Warum das? Darum, daß sie es nicht aus dem Glauben, sondern aus den Wer­ken suchen« (Röm. 9,30-32).

Begreifst du jetzt endlich, warum ich sooft gesagt habe, daß weder unsere Gelübde noch unsere Werke notwendig sind zur Gerechtigkeit und zum Heil? Denn dies sagt ein frommes Gewissen von den Werken Christi allein, die in der Taufe über uns ausgeschüttet und uns ge­schenkt sind, und so ist es frei von allen Werken, nicht zwar von denen, die getan werden sollen, sondern von den anklagenden und verteidi­genden. Denn wer an Christus glaubt, hat keine so bösen Werke, daß sie ihn verklagen und verdammen könnten, wiederum keine so guten, daß sie ihn verteidigen und retten könnten; sondern alles, was unser ist, klagt uns an und verdammt uns, allein aber, was Christi ist, vertei­digt und rettet uns. Du selbst siehe nun zu, wie die Werke der zehn Ge­bote zu unterlassen und zu tun sind, welches Keuschheit, Gehorsam, Sanftmut, Freigebigkeit u. dgl. sind. Sie sind nicht zu unterlassen, son­dern, daß ich es so sage, ihrem Wesen nach zu tun, aber nicht dem Ge­wissen nach, d. h. nicht als solche, die da verteidigen und rechtfertigen. Denn das hieße das Gewissen verderben und von Christus, seinem Bräutigam, abziehen, mit dem es ein Fleisch ist, an allen seinen Gütern teilnehmend. Sondern frei und umsonst sind sie zu tun, zum Nutzen und Vorteil des Nächsten, gleichwie die Werke Christi für uns frei und umsonst getan sind. Alsdann aber sind sie nicht mehr Gesetzeswerke, sondern Christi, der in uns durch den Glauben wirksam ist und in allem lebt; deswegen können sie ebenso wenig wie der Glaube selbst unter­lassen werden und sind nicht weniger notwendig als der Glaube. Im übrigen sind die Werke, die wahrhaft Werke des Gesetzes sind, erdich­tet und falsch. Denn außer Christus ist niemand von Herzen sanftmü­tig, keusch, freigebig, gehorsam, fromm, gottesfürchtig usw. Denn er tut es nicht aus freiem Gewissen, sondern aus Liebe zu Vorteil oder Ehre, oder aus Furcht vor Strafe. Und da geheuchelte Heiligkeit eine doppelte Ungerechtigkeit ist, so ist es offenbar, daß derartige Werke nicht nur nicht notwendig sind, sondern auch unterlassen und gemie­den werden müssen.

Doch hier sagst du vielleicht: Lehrt denn deine christliche Freiheit zu huren, töten, rauben, lügen, Rebell und Götzendiener zu sein? Du Narr, als ob ich dir befehle, ein größeres Übel zu tun, wenn ich ein ge­ringeres Übel zu unterlassen lehre. Ich sage, man soll nicht zürnen, und du wolltest nun hingehen zu töten, um nur nicht zu zürnen? Ich will diese erdichteten Werke unterlassen und die wahren getan sehen, da­mit du aufhörst in gottloser Weise freigebig zu sein, aber in frommer Weise freigebig werdest. Denn die Werke müssen gewandelt werden – obwohl sie äußerlich sich sehr ähnlich sind – sobald du innerlich ge­wandelt bist, daß nicht mehr deine, sondern Christi Werke in dir ge­schehen. Allerdings ist es nicht die Aufgabe menschlichen Gutdün­kens, zu entscheiden, ob ein gottloser Ehemann ärger sei als ein Hurer oder umgekehrt. Gott ist es, der das Herz ansieht. Der Hurer mißbraucht das Fleisch zu verbotener Lust. Der gottlose Ehemann mißbraucht das Fleisch zu verbotenem Hochmut. Darum heißen wir hier, unsere Berechnung einzustellen. Wir sehen, daß im Evangelium die Zöllner Christus näher sind als die Pharisäer; wenn sie auch nach menschlichem Urteil ärger sind, so stellt sie doch das Evangelium gewißlich als seliger dar, so daß es sicherer erscheint, öffentlich gefallen zu sein, denn im verborgenen gottlos dazustehen. Aber deswegen ra­ten wir jenen nicht zu fallen. Wir überlassen Gott seine verborgenen und zu fürchtenden Urteile.

Daraus ergibt sich, daß es ebenfalls als Menschenlehre zu gelten habe, wenn das göttliche Gesetz gelehrt und gehalten wird durch Wer­ke. Denn das Gesetz ist geistlich, dazu gegeben, zu demütigen und zu nötigen, Christum zu suchen. Das Amt des Gesetzes ist, nicht unsere Werke zu fordern, sondern unsere Sünde und unser Unvermögen zu zeigen. »Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.« (Röm. 3,20). Wie also die Werke des Gesetzes zu unterlassen sind, so ist auch die Lehre des Gesetzes preiszugeben. Hier wirst du wiederum sagen: Also sollen wir ohne Gesetz frei leben? Auch dies ist wiederum töricht, als ob ich dich lehrte, weniger zu wissen, wenn ich dich heiße, mehr zu wissen, obwohl auch hier Paulus Röm. 2 und 3 es wagt, die wissenden Juden und die nichtwissenden Heiden gleich zu machen und in keiner Weise unter denen Unterschiede zu machen, die ohne das Gesetz und die im Gesetz sind.

Doch laßt uns nun auch zu ihren Gelübden und Werken kommen, und wie wir sie in dem Einwand den Werken des göttlichen Gesetzes verglichen haben, da sie scheinbar des Gebotes Art an sich haben, weil es heißt: »Gelobet und haltet« (Ps. 76,12), so wollen wir sie auch in der Antwort ihnen vergleichen. Wir haben gehört, daß des Gesetzes Werke zwiefach geschehen, einmal durch uns als unsere, das andere Mal durch Christus in uns als Christi, dessen Gabe sie sind. Gesetzt nun, auch die Gelübde seien unter das Gebot zu fassen – davon später – so müssen sie eben auch in dieser doppelten Weise geschehen. Einmal durch uns als unsere: dann sind sie zweifellos zu unterlassen und zu verurteilen, da sie ja das fromme Gewissen von Christus abziehen und es zerstückelt in die Werke zerstreuen. Denn sie lehren, die Gerech­tigkeit und Sündenvergebung außer Christus zu wirken. Dort ist nichts als die Gerechtigkeit, die Paulus heißt für Dreck und Schaden achten (Phil. 3,8). Und wir haben es auch nicht in unserer Gewalt zu entschei­den, ob, der das Gelübde hält oder der es verletzt, besser sei, wie wir oben im Hinblick auf die Werke des Gesetzes an einem Beispiel gezeigt haben. Das andere Mal geschehen sie durch Christus in uns im Geist der Freiheit, indem man sie umsonst gelobt und hält, ohne durch sie für die Sünden genugzutun oder Gerechtigkeit und Seligkeit zu su­chen. Denn es kann der Christ alle Gesetze, Gebräuche und Sitten al­ler Menschen halten und sich ihnen anpassen, wenn sie nur nicht wider die göttlichen Gebote sind, und er nicht auf sie die Zuversicht des Ge­wissens setzt. Denn das Gewissen gehört Christus und Christus dem Gewissen, die geheime Brautkammer des Bräutigams und der Braut taste niemand an. Denn ob du dich mit den Türken des Weines ent­hältst oder mit den Christen ihn trinkst, daran liegt nichts, sofern du es nur mit freiem Gewissen tust. So paßte sich Paulus den Heiden und Ju­den mit ganz freiem Gewissen an; mit diesen war er enthaltsam und ließ beschneiden, mit jenen aß er alles und beschnitt niemand. Darum, wenn du Möncherei gelobst, daß du mit derartigen Menschen leben willst, des Gewissens, daß du keinen Nutz noch Schaden dadurch bei Gott suchest, sondern weil sichs also getroffen hat, diese Art des Le­bens anzunehmen, oder weil es dir gefallen hat, so zu leben, ohne daß du deswegen dich für besser hältst als den, der ein Weib genommen oder den Ackerbau ergriffen hat, so gelobst du nicht schlecht und lebst du nicht schlecht, soweit es das Verfahren des Gelübdes betrifft. Denn für den Fall, daß die Liebe das Gelübde zu brechen forderte, würdest du nicht ohne Sünde hartnäckig am Gelübde festhalten, wovon wir noch reden werden.

Es können aber unmöglich mit solchen Gewissen andere geloben als die, die wunderbar durch den Geist Christi inwendig geführt und be­wahrt werden, d. h. nur die Erwählten. Von dem abgesehen, streitet das Verfahren des Gelobens und des Lebens in den Gelübden aufs äu­ßerste mit diesem Gewissen, da die Einrichtung des Gelobens gerade dazu erfunden ist und gepriesen wird, daß sie das Gewissen in Schlin­gen lege und in der Knechtschaft des Gesetzes gefangen halte. Denn wer von den Mönchen duldet es, daß man ihn einem Ehemann, Ackerbauer oder Handwerker vor Gott vergleiche? Legen sie nicht des­wegen ihr Gelübde ab, um scheinbar durch besonderen Gehorsam vor den anderen Gott zu dienen? Warum würden sie sonst alle anderen Lebenswege so verachten und diesen allein so auf sich nehmen? Denn sie sagen nicht mit den Propheten: »Deine Barmherzigkeit ist besser als allerlei Leben« (Ps. 63,4), sondern: »Ein Leben ist besser als alle anderen,« was vor den Menschen, nicht aber vor Gott wahr ist. Und daß wir hier die Gedanken der Herzen aufdecken: Es mögen dies ver­nehmen die Nonnen und Mönche, daß sie vor Gott um nichts besser sind als die Eheleute und die beschmutzten Bauern; was werden sie nun tun? Werden sie nicht wider den Hausvater murren, daß sie gleich werden sollen denen, die nur eine Stunde gearbeitet haben, während sie doch allein die Last des Tages und der Hitze ertragen hätten? (Mt. 20,11-12). Zeige mir bitte eine Jungfrau oder einen Ehelosen, die mit dem allen gleichen Tagelohn zufrieden wären. Denn sie wer­den sagen: Warum bin ich denn enthaltsam gewesen? Warum habe ich nicht geheiratet? Warum habe ich mich selbst beraubt? Siehst du die nichtswürdigen Gedanken ihres Herzens wider die Güte des Hausva­ters? Zuerst verlangen sie bei Gott Ansehen der Person, daß er auf die Werke und nicht auf den Glauben schaue, d. i. daß er Menschen Chri­stus vorziehe. Denn sie kümmern sich nicht darum, wie kostbare Dinge andere von Christus empfangen haben, sondern nur darum, wie ausgezeichnete Dinge sie selbst vor allen anderen geopfert haben. Sodann bekennen sie mit diesem Murren, daß sie nicht mit selbstlosem und freiem, d. h. mit christlichem und frommem, sondern mit knechti­schem und lohnsüchtigem, d. h. mit jüdischem und gottlosem Willen enthaltsam gewesen sind. Darum ist ihre Jungfräulichkeit keine Jung­fräulichkeit, es sei denn die der törichten Jungfrauen, deren Lampen verlöschen, weil sie kein Öl in ihren Behältern haben (Mt. 25,8), d. i. freien Glauben in ihrem Gewissen. Was sind also jene glänzenden Bul­len,[1] durch die man Jungfräulichkeit, Ehelosigkeit und Gelübde rühmt, sodann die Vorrechte, goldenen Verheißungen und all dies Ge­schwätz, das sie predigen, um dadurch die Christen zur Jungfräulich­keit zu verlocken? Was sind sie anders denn lauter Lügen des Satans, durch die sie zum Hochmut und zur Vernichtung der Jungfräulichkeit des Gewissens gereizt werden? Denn alle haben ein und denselben Sinn: lieber wollten sie geheiratet haben, wenn sie nicht vor Gott in Verdiensten sollten einen Vorzug erlangen können. Da also auch die Art der Einrichtung derartig ist, daß sie zu Werken, nicht zum Glau­ben ruft, wie kann denn je ein christliches Gelübde Zurückbleiben, wenn es nicht durch göttliches Wunder erhalten wird?

Aber, wie die Disputation eine Disputation erzeugt, so werden diese Gottlosen hier schreien, ich sei ein Jovinian,[2] und werden mir entge­genhalten Hieronymus wider Jovinian, den Verteidiger der Keusch­heit. Denn sie werden glauben, ich habe Hieronymus nicht gelesen; sie aber glauben, es sei genug, ihn gelesen zu haben, ein Urteil beim Lesen haben sie nicht nötig; ein Glaubensartikel ist, was sie gelesen haben. Ich weiß in der Tat nicht, was Jovinian gemeint hat; vielleicht hat er nicht in rechter Weise diese Frage behandelt; ich erkläre aber zuver­sichtlich, daß auch Hieronymus sie nicht richtig behandelt hat. Denn er behandelt die Jungfrau­schaft rein für sich, flicht sie nicht in den Glau­ben ein, noch baut sie darauf auf. Vermittelst dieser Art zu lehren, die ja menschlich ist, kann kein Werk und keine Tugend ohne Schaden und Gefahr gelehrt werden. Denn es fährt der heilige Mann, was nie­mand leugnen kann, stürmisch daher, in menschlicher Erregung und allzugroßem Eifer, seinen Freunden und vornehmlich seiner Eustochium[3] willfährig zu sein, und er bedrängt Jovinian mehr durch Auto­rität als durch feste Belehrung. Das beweist der gar zu unbesonnene Eifer, mit dem er von allen Seiten die Zeugnisse der Schrift zusam­menrafft, passende und unpassende; und er wäre zu großem Gespött geworden, wenn er einen Widersacher von gleichem Ansehen gehabt hätte. Denn auch die Stellen, die er als Hauptstellen ansieht, in die er die Entscheidung des Sieges verlegt, dreht und deutelt er, um nicht zu sagen, daß er sie um ihren Sinn bringt. Denn das Wort des Paulus: »Wer seine Jungfrau verheiratet, tut wohl, wer sie nicht verheiratet tut besser« (1.Kor. 7,38), legt er ganz gewaltsam dahin aus, daß dies »wohl und besser tun« auf die Verdienste vor Gott sich erstrecke und Sekten im Volke Gottes mache, während es doch ganz offenbar ist, daß Paulus von dem geringeren und größeren Gut dieses Lebens redet, daß eine Jungfrau, die in keine Sorgen verflochten ist, mehr freie Zeit für Gott hat; alles Verdienst aber läßt er dem gemeinsamen Glauben bleiben. Und wer weiß, ob Hieronymus in dieser Beziehung nicht einer von denen gewesen ist, von welchen Hesekiel sagt: »Wenn ein Prophet geirrt und Lüge geredet hat, so habe ich, der Herr, diesen Propheten verführt«? (Hes. 14,9). Und mit Recht, warum achten wir nicht auf die Worte Gottes allein? Warum verachten wir den Rat des Geistes und prüfen nicht alles, bevor wir es annehmen?

Auch wir gestehen, daß Jungfräulichkeit ein gar großes Ding sei, wenn die Dinge unter sich verglichen werden; aber wir sagen zugleich: Wenn eine Jungfrau sich auch vor Gott höher achtet als die anderen, oder auch nur ihnen gleich, so ist sie des Satans Jungfrau. Untenan zu sitzen lehrt das Evangelium (Luk. 14,10), und daß jeder den anderen höher achte (Phil. 2,3). So also muß die Jungfräulichkeit behandelt und gelehrt werden, daß sie kraft keines Gesetzes, keines Zwanges, keiner Hoffnung auf Lohn, sondern allein in selbstlosem und freiwilli­gem Sinn gehalten werde, daß z. B. die Jungfrau folgendermaßen denkt: »Obwohl ich heiraten könnte, will ich doch Jungfrau bleiben, nicht weil sie geboten, geraten, köstlich und groß ist vor allen anderen Tugenden, sondern weil es mir so zu leben gefällt, wie es einem ande­ren gefällt, zu heiraten oder Ackerbau zu treiben. Denn ich will nicht die Beschwerlichkeiten der Ehe, ich will frei sein von den Sorgen und für Gott Muße haben.« Siehe, das heißt, in christlicher Einfalt Jung­frau sein, die sich nicht ihrer selbst, sondern Christi rühmt. Denn ein jeder muß mit seiner Gabe Gott umsonst dienen; alle aber müssen in der gemeinsamen Jungfräulichkeit des Glaubens des einen Christus allein sich rühmen, wo nicht ist Mann und Weib, so auch nicht Jungfrau oder Gemahl, Witwe oder Eheloser, sondern alle sind eins in Christus (Gal. 3,28).

Hierauf beziehen sich die vor allen anderen edlen Beispiele in den Lebensbeschreibungen der Väter,[4] wo jener alexandrinische Gerber durch göttlichen Spruch gleich, ja höher geachtet wurde als Antonius, er, der Verheiratete höher geachtet als die Jungfrau oder der Ehelose, der Bürger höher als der Mönch, der gemeine Mann höher als der Va­ter der Mönche. Und jenes Beispiel, wo dem Paphnutius gleichgestellt werden zwei verheiratete Frauen und ein gewisser Pfeifer, der einst ein Räuber gewesen, usw. Was hat Gott mit diesen Beispielen anders gewollt, als um dieser Heiligen willen noch ein wenig die gottlosen Lehren und Einrichtungen der Sekten aufzuhalten, die schon damals an­fingen, mit großem Scheinwesen wider den Glauben anzulaufen? Es sind also die Gaben Gottes verschieden, groß und klein, 1. Kor. 12 und 7 (12,4ff.; 7,17ff.); der Reiche hat mehr als der Arme, aber niemand soll deswegen Sekten bilden und nach den Gaben Verdienst und Lohn bei Gott verteilen, noch sich gegenseitig der eine dem anderen vorzie­hen, alle sollen vielmehr umsonst dienen, in reichem Maße teilneh­mend an dem gemeinsamen Glauben und an Christus, der in allen der Gleiche ist und doch Ungleiches wirkt. Wenn es dir aber Verdruß be­reitet, daß du als Jungfrau der verheirateten Frau gleichgestellt wirst, so heirate auch du. Denn besser ist für dich eine fromme und freie Ehe, als eine lohnsüchtige und gottlose Jungfräulichkeit. Denn fest steht der Spruch: Gott schaut nicht Werke oder Personen an, sondern das Herz und den Glauben, Jer. 5: »Herr, deine Augen schauen den Glauben an« (Jer. 5,3).

Du siehst also, daß hieraus bewiesen ist: Obwohl es Beispiele gibt, wo kraft eines Wunders das Gelübde fromm sein kann, so wird doch gerade die Einrichtung des Gelobens und das Verfahren, ein solches Leben zu lehren, als Gottlosigkeit verdammt. Gleichwie auch das im Buchstaben allein vorgetragene Gesetz einen guten Erfolg haben kann, wie bei Paulus, der es ohne den Buchstaben brauchte, so ist doch das Verfahren, den Buchstaben des Gesetzes und seine Werke zu leh­ren, gottlos. So legte Bernhard sein Gelübde ab und lebte im Gelübde, aber nicht zufolge des Gelübdezwanges, sondern aus der Freiheit des Geistes, wie sehr auch sein Gelübde diese Freiheit nicht lehrte, viel­mehr einen der Freiheit entgegengesetzten Zwang lehrte. Dies möge als Antwort dienen auf den bereits genannten Einwurf, damit für den Fall, daß das Gelübde ein Gebot sei, gemäß dem Wort: »Gelobet und haltet«, wir doch wissen, daß seine Werke im Geist der Freiheit getan werden sollen, wie die Werke der zehn Gebote, nicht weil sie gelobt sind, sondern weil sie umsonst gefallen und frei sind, obwohl, wie ge­sagt, niemand anders denn durch ein Wunder sie so hält, da gerade das Wesen des Gelobens und Lebens dem widerstreitet; denn es reißt sie von dieser Freiheit fort in die Knechtschaft und den Zwang.

Aber nun fahren wir fort und leugnen, daß ein Gelübde ein Gebot sein oder werden könne, gleichwie auch die Werke des Gesetzes nicht Gebote sind oder sein können. Denn Gott ist nicht ein Gott, dem gott­los Wesen gefällt, Ps. 5 (5,5), ja wir beweisen, daß gerade diese christ­liche Freiheit Gelübde verbietet. Denn indem Paulus Gal. 1 die evan­gelische Freiheit geltend macht, sagt er: »Aber wenn wir oder ein En­gel vom Himmel anders lehrte, denn das ihr gehört habt, der sei ver­flucht« (Gal. 1,8). Und später: »Ihr seid, lieben Brüder, zur Freiheit berufen« (Gal. 5,13). Und wiederum: »Wer aber Euch verstört, der wird sein Urteil empfangen, wer er auch gewesen sein mag« (Gal. 5,10). Aus diesen Worten ersiehst du, daß keiner je etwas lehren darf, das wider die evangelische Freiheit ist. Denn diese Freiheit ist göttlichen Rechts, die Gott selbst unverbrüchlich festgesetzt hat, die er weder widerrufen wird, noch wider die er etwas annehmen kann; auch ist es dem Menschen nicht verstauet, sie auch nur durch die geringste kleine Satzung zu verletzen. Es ist aber diese Freiheit nicht nur jene vorherbesprochene, die im Geist und Gewissen herrscht, vermöge der wir durch keine Werke angeklagt oder verteidigt werden, sondern auch die, durch die alle Gebote der Menschen aufgehoben sind und, was an äußeren Zeremonien beachtet werden kann, als da sind alle Speisen, Kleider, Personen, Gebärden, Stätten, Gefäße, Tage, daß man sie beobachten darf oder nicht, so lange, wo, wie, w’ann, wie oft es gefällt oder die Sache selbst es gibt. Und überhaupt was nicht göttli­ches Gebot ist, das ist aufgehoben und freigegeben. Denn es sagt Pau­lus Kol. 2: »So ihr denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzun­gen der Welt, was laßt ihr euch denn noch fangen mit Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt: Ihr sollt das nicht angreifen, ihr sollt das nicht kosten, ihr sollt das nicht anrühren? Welches sich doch alles un­ter den Händen verzehret und ist Menschengebot und Lehre, welche haben einen Schein der Weisheit, durch selbsterwählte Geistlichkeit und Demut, und dadurch, daß sie des Leibes nicht verschonen, und dem Fleisch nicht seine Ehre tun zu seiner Notdurft« (Kol. 2,20ff.). Hier verbietet der Apostel vollständig, durch Menschensatzungen sich halten zu lassen. Und Christus Mt. 15: »Vergeblich aber dienen sie mir, weil sie Gebote und Lehren der Menschen lehren« (Mt. 15,9). Und Tit. 1: »Habt nicht acht auf die Gebote der Menschen, die von der Wahrheit abwenden« (Tit. 1,14).

Das sind gewißlich Gebote Gottes, die da verhindern, Menschen­lehren sowohl zu lehren als zu hören. Ist nun nicht die Einrichtung, Gelübde abzulegen ganz und gar menschlich? Ist sie nicht gestellt auf Platten, Kleider, Speise, Trank, Stätten, Gebärden und andere Zere­monien? Wo hat Gott etwas davon geboten? Wo hat er solche Armut, solchen Gehorsam, solche Keuschheit geboten? Wie also? Zweifelst du noch, daß es nicht erlaubt sei, noch erlaubt gewesen sei, solches zu geloben? Es ist von Gott aus frei, und du machst es von Menschen we­gen notwendig und glaubst, Gott werde eher annehmen das, worin du irrst, als was er selbst angeordnet hat? Er kann es nicht dulden, da Sünde geschehe im Gebrauch von Kleidern, Spei­se, Trank und Tagen; denn er hat nicht gewollt, daß man hier sündigen könne, und dennoch versicherst du, daß hier gesündigt werde. So hat er die Ehelosigkeit nicht wollen notwendig werden, sondern hat sie geordnet frei zu sein, und er hat nicht gewollt, daß eine Sünde gesche­he, wenn jemand heira­te, wann er wolle, und du machst sie mit deinem Gelübde ewig und notwendig unter der Gestalt des Gesetzes. Was bleibt daher andere, als daß hier aufs allerdeutlichste gezeigt wird, daß die Gelübde der Mönchsorden und die ganze Möncherei wider die evangelische Frei­heit und durch göttliche Verbote vollständig verboten sei, da niemand leugnen kann, daß sie lauter Menschenlehren sind? Denn es ist nicht weniger Sünde, die von Gott gesetzte Freiheit anzutasten, als gegen ein anderes Gebot Gottes zu sündigen. Du magst immerhin geloben und halten, was nur du willst, sofern du nur nicht die gebotene Freiheit verletzt. Denn es steht dir kein Recht zu, sie zu beseitigen noch dort auch Sünde zu setzen, wo Gott nicht gewollt hat, daß Sünde sei. Er hat aber nicht gewollt, daß gesündigt werde, wenn man die Keuschheit wahrt, sondern er hat sie frei gemacht, so daß nicht sündigte, wer hei­ratete. So fügt auch der Apostel Paulus, wenn er 1.Kor. 7 zur Jung­fräulichkeit rät, hinzu: »Falls keinen Zwang kenne derjenige, der be­schlossen habe, die Jungfrau als solche zu bewahren.« Dadurch hat er verboten, daß die Keuschheit gefordert und gezwungen und notwen­dig sei oder werde. Sobald man also beginnt, dazu zu nötigen und sie zu fordern, ist sie schon kraft des Gewichts dieser Worte des Paulus gelöst und frei.

Kehren wir darum zu dem zurück, was wir oben sagten: das Gelübde der Keuschheit und der ganzen Möncherei muß, falls es fromm ist. notwendig mit sich verbinden die Freiheit, es wieder fahren zu lassen, und ungefähr dahin gedeutet werden: »Ich gelobe dir Gehorsam. Keuschheit, Armut mit der ganzen Regel St. Augustini bis zu meinem Tode frei zu halten, d. h. so, daß ich es ändern kann, sobald es mich gut dünkt.« Wenn du es anders deutest und verstehst, so siehst du aus dem vorher Gesagten, daß wider die von Gott uns gebotene Freiheit gesün­digt wird und daß unmöglich Gott es anders annehmen kann als krafl eines Widerrufs der Freiheit, d. h. er müßte sich selbst verleugnen. Was geht das mich an, wenn die heiligen Väter oder nie jemand ein solches Gelübde abgelegt oder also geurteilt haben? Wie, wenn sie alle geirrt hätten oder wunderbarlich inwendig geführt wären? Offenkun­dig und nicht zu brechen ist das Urteil des Evangeliums, daß Men­schenlehren verurteilt werden und frei sind und wir ihre Herren. Darum können wir nicht ihre Knechte werden, auch nicht durch die Gewalt der Engel, geschweige denn durch unsere »selbsterwählte Geistlichkeit und Demut«, wie Paulus sagt (Kol. 2,23). Dementspre­chend ist denn auch die Wahrheit offenbar, daß die Einrichtung der Gelübde eine knechtische Menschenlehre ist; warum wollen wir es also dulden, daß die Knechte reiten und die Herren zu Fuß gehen, wie Salomo sagt (Pred. Sal. 10,7). Laßt uns vielmehr Christus danken, der uns mit dieser Freiheit beschenkt hat und sie uns, obwohl wir sie durch gottlose Gelübde zu verletzen bestrebt waren, doch unverletzt be­wahrt hat und fest verordnet hat, daß unsere Gelübde immer nichtig, frei und nichts seien. Während wir unsinnig sind, hat er gütig für uns gewacht.

Hier wird vielleicht jemand lachen und als ein lächerliches Gelübde das verspotten, von dem richtiger gelten darf, daß es ein Gelübde vor­heuchelt. Denn was ist es anders denn Gaukelei, zu sagen: Ich gelobe dir frei zu tun, was mich gut dünkt? Es möge immerhin lachen, wer will, nur möge er zugleich wissen, daß es keineswegs wunderbar und neu ist, wenn Menschen töricht und lächerlich handeln, wenn sie abse­hend vom Worte Gottes und über dies Wort hinaus von eigenen Ge­danken und Absichten getrieben werden. »Dein Wort,« sagt Christus, »ist Wahrheit« (Joh. 17,17). Was meinst du, ist des Menschen Wort anderes als Lüge? Es ist lächerlich, aber denen, die die Wahrheit der evangelischen Freiheit hören oder kennen; im übrigen macht das Werk des Irrtums unter diesem lächerlichen Gewände nicht weniger den Zorn Gottes äußerst ernst und furchtbar, da so viele tausend See­len durch diese Schlingen elend gefangen und verderbt sind. Ein menschlich Fündlein ist das Gelübde, ein menschlich Fündlein bleibt es. Aber doch ist es nicht schlechthin lächerlich. Denn diese Unterwer­fung frei auf eine bestimmte Zeit zu geloben, ist nicht unnütz. Denn wir sehen die altkirchliche Einrichtung und gar heilsame Gewohnheit, daß die Älteren die ihnen zeitweilig anvertraute Jugend im Glauben und in der Zucht unterrichteten, was auch die Briefe des Petrus und des Paulus anzeigen, wo die Jungen den Ältesten sollen untertan sein (1.Petr. 5,5). Von daraus erst sind die christlichen Schulen entstanden, in denen auch die Mädchen unterrichtet wurden, wie die Geschichte der heiligen Agnes zeigt. Daraus endlich sind die Stifte und Klöster hervorgegangen, um derer willen, die ständig und frei in diesen Schu­len bleiben wollten. Sobald aber die, die das junge Volk zu unterwei­sen begonnen hatten, lässig zu werden und auf das Ihrige zu achten an­fingen, an Schätzen und Muße reich wurden, und die Jugend wider­spenstig wurde, da erfanden sie die Schlingen des Gelübdes, mit denen sie die Gewissen banden und unter der Zucht hielten, so daß jeder sich selbst aus Furcht vor Sünde in Zaum hielt und die Aufseher Ruhe hat­ten. Wie es auch jetzt noch der unsinnige Brauch der hohen Schulen ist, die jungen Leute in Eide zu verstricken und ihre Gewissen zu Tode zu martern, damit jene nicht nötig haben zu wachen und besorgt zu sein, sondern auf beiden Ohren ruhig schlafen mögen. So sind aus freien und christlichen Schulen knechtische und jüdische Klöster und wahre Synagogen der Gottlosigkeit geworden. Wenn also das heutige Gelübde auf jene alte Gewohnheit zurückgeführt und so gehalten würde, da hätte es keine Gefahr, und ohne Zweifel wird es bei Gott nicht anders angesehen, als daß man jene alte Sitte zeitweilig halte, auf daß die schwachen und ungebildeten Leute den christlichen Unter­richt genießen und dann wiederum frei gelassen werden. Das wollen wir später mit dem Zeugnis göttlicher Werke beweisen.

Hier wird ein etwas Schwacher oder auch ein Kluger einwenden: »Wenn Gott die Ehelosigkeit derartig frei haben will, daß man sie mit der Heirat vertauschen kann, so wird er mit derselben Freiheit auch gestatten, daß man seinen Gemahl verlasse und die Ehe mit der Ehelo­sigkeit vertausche; oder wenn Gottes Gesetz zwingt, den Gemahl nicht zu verlassen, dann auch wird ähnlich im Hinblick auf das Gelübde das Gesetz Gottes zwingen, die Ehelosigkeit nicht aufzugeben; denn auf beiden Seiten ist Sünde, von Gott gesetzt und verboten. Also wird es entweder nicht gestattet sein, auch ehelich zu werden, damit nicht die Ehelosigkeit unerlaubt werde, nachdem die Freiheit genommen ist, oder es wird nötig sein, auch das Gelübde zu halten, so daß die Ehe da­durch unerlaubt wird.« Darauf antworte ich: die evangelische Freiheit herrscht allein in dem, was zwischen Gott und dir selbst sich zuträgt, nicht aber zwischen dir und deinem Nächsten. Denn er will keinen Raub als Opfer (Jes. 61,8), und er will nicht, daß jemand etwas tue, das zum Schaden des Nächsten ausschlage. Er will vielmehr, daß alles zum Vorteil des Nächsten geschehe. Er hat also dir die Freiheit gesetzt, da du vor ihm ganz ungehindert heiraten oder ehelos leben kannst, und er hat nicht gewollt, daß diese Freiheit zwischen ihm und dir geändert werden könne. Denn er duldet es nicht, daß du dich ihm bindest und verpflichtest; hat er dich doch in allem gelöst und freigemacht. Was wäre denn ein Gelübde sonst anderes, denn daß du bändest, was er hat frei haben wollen? Aber mit dieser Freiheit hindert er nicht, daß du deinem Nächsten dich verpflichten und binden kannst, weil dein Näch­ster nicht wie Gott dich geheißen hat los und frei zu sein. Sonst wäre es auch erlaubt, alle Kontrakte, Bündnisse und Verträge nach Willkür zu schließen und zu brechen. Darum bist du als Verheirateter bereits in Macht und Gewalt eines anderen, und Gott will nicht, daß diesem wi­der seinen Willen sein Recht genommen werde, damit du Gott dienest. Doch wenn dies Recht aufhört, weil der Gatte stirbt oder in eine Scheidung willigt, siehe, dann hast du wieder ganz unversehrt deine Freiheit zwischen Gott und dir wie vorher, zu heiraten oder enthaltsam zu leben.

So also verhält es sich mit dem Gelübde der Ehelosigkeit gegen Gott, als hätte man es mit einem Ehevertrag zu tun, der mit einem Gat­ten abgeschlossen ist, und nun der Gatte gestorben oder durch wech­selseitige Übereinkunft getrennt und frei wäre. Denn wenn ein Gatte gestorben wäre oder kraft gegebener Erlaubnis dir die Gelegenheit schafft, frei enthaltsam zu leben, ohne je mehr die Absicht zu haben, die eheliche Verbindung mit dir zu suchen, und unter euch beiden ge­genseitig der Vertrag durch Schrift, Siegel und Zeugen fest bekräftigt wäre, und du, ein törichtes Weib, gleichsam etwas Großes dem Manne tun wolltest und ihm aufs neue die eheliche Verbindung gelobst, indem du durch dies Gelöbnis die früher gegebene Gelegenheit keusch zu le­ben nicht nur bekräftigen, sondern überbieten und in besonders her­vorragender Weise erfüllen willst, würde man dich da nicht unsinnig nennen? So hat Gott in der Taufe den Bund der Freiheit mit dir ge­schlossen, daß es dir immer freistände zu heiraten und enthaltsam zu leben, und er will auch hinfort nicht etwas, das dieser Freiheit entgegen ist, annehmen. Und du, um diese Freiheit größer und vollkommener zu machen, legst ein Gelübde ab und verwandelst sie durch das Ge­lübde in Knechtschaft und Zwang. Was kann geschehen, das unsinni­ger wäre? Darum sind die Mönche eigentlich Diener Baals, die sich Gott zum Gemahl machen wollen durch die Knechtschaft des Gelüb­des, der sie doch frei gemacht hat durch die Freiheit des Evangeliums.

Denn Baal bedeutet einen Mann, der ein Weib hat. Darum mit der gemeinsamen Freiheit unzufrieden, maßen sich die Mönche an, sich Gott eigentlich und besonders vor allen anderen zum Baal zu machen; sie meinen durch solchen Gehorsam mehr als evangelisch zu handeln, während sie recht eigentlich wider das Evangelium wüten. Das heißt – wie es ja ihre Gewohnheit ist – über die Altäre hinwegspringen (1.Kön. 18,26), d. i. die eigenen Werke über den gemeinsamen Glau­ben zu preisen und mit Messern sich zu ritzen, d. h. mit ihren Gesetzchen und Lehren sich selbst zu peinigen, niemals aber den alten Men­schen zu töten usw.

Doch es ist Zeit, daß wir dieser Erörterung ein Ende machen; so zie­hen wir die Schlußfolgerung, daß Armut, Gehorsam, Keuschheit an­dauernd gehalten werden können, aber nicht gelobt, gelehrt und ver­langt werden können. Denn wenn man sie hält, bleibt die evangelische Freiheit, wenn man sie lehrt, gelobt und fordert, bleibt sie nicht; darum haben die Heiligen, die sie gehalten haben, sie frei gehalten, und hät­ten sie auch gehalten, wenn sie nicht das Gelübde abgelegt hätten und man sie nicht also gelehrt und es von ihnen gefordert hätte; darum hat ihr Gelübde, obwohl es töricht gewesen, ihnen um des Glaubens und der Freiheit des Gei­stes willen nichts geschadet. Es ist aber gar nicht miteinander zu vergleichen, wenn etwas geschieht, ohne daß es gelehrt und gefordert wird, und wenn gelehrt und gefordert wird, daß dasselbe getan werden soll. Denn dies heißt aus einer Tatsache ein Recht ma­chen, aus einem Werk ein Gebot, aus einem Beispiel eine Regel, aus etwas Zufälligem etwas Notwendiges; was kann aber unsinniger und verderblicher sein als dies? Doch das erste ist von Gott, das zweite von Menschen; darum muß man bei dem ersten bleiben, aber das zweite fahren lassen. Wir verdammen also, auf die Sache gesehen, nicht die Gelübde, falls jemand sie zu befolgen wünscht, sondern wir verdam­men die Lehre und das Gebot. Es ist mit diesen Gelübden gegangen, wie es mit der Enthaltsamkeit zu gehen begann auf der Synode von Nicäa (325). Dort unternahmen es etliche, als einige Priester und Bischö­fe, eine Reihe von Jahren freiwillig ehelos gelebt hatten, dies Beispiel in ein Gebot zu wandeln und fortan zur Ehelosigkeit bei Gewissens­zwang zu nötigen; so sehr war bereits damals auch auf dieser hochhei­ligen Synode der Glaube und das Evangelium dahingeschwunden und waren die Überlieferungen der Menschen stark geworden, es leistete aber nur der eine Paphnutius dem ganzen Konzil Widerstand, indem er verhinderte, daß über die Ehelosigkeit etwas fest beschlossen wur­de. Denn diesen Götzendienst zu erfüllen war die Sache des Antichrists in Rom. Da so die Mönche vorher aus freien Stücken ehelos wa­ren, arm lebten und gehorchten, haben endlich die Späteren ihr freies und evangelisches Beispiel in ein notwendiges Gelübde umgewandelt. Und hier gab es keinen Paphnutius, der Widerstand leistete, da bereits die Sünden überhandgenommen und der Zorn Gottes die Werke des Irrtums über die Welt reif machte, wie er es bei Paulus vorausgesagt hatte (2.Thess. 2,11). Darum haben Bernhard und andere die Keuschheit, den Gehorsam und die Armut unter den Gelübden, aber nicht gemäß den Gelübden, vielmehr nach dem alten Beispiel der Vä­ter und nach dem Evangelium gehalten, und die so verwerfliche Über­lieferung und verdammliche Einrichtung des Gelobens, in menschli­chem Irrtum strauchelnd, gebilligt und gelehrt, während sie doch selbst etwas ganz anderes und in anderer Weise befolgt haben; aber das Werk des Irrtums mußte aufrecht erhalten werden auch durch die falsch aufgenom­menen Beispiele der Väter, um derer willen, die nicht sich angeeignet haben die Liebe zur Wahrheit, auf daß sie gerettet würden.


[1] Feierliche und besonders wichtige Papsterlasse.

[2] Jovinian lebte um 400. Obwohl Mönch, wurde er ein Gegner der Verdienstlichkeit der Virginität und des Fastens. Unter seinem Einfluß verließe Mönche das Kloster, und geweihte Jungfrauen traten in die Ehe. Deshalb schrieb Hieronymus 392 gegen ihn.

[3] Eine Vertraute des Hieronymus, die in Bethlehem ein Nonnenkloster gründete.

[4] Die vitae patrum, auch unter dem Namen historia monachorum, Geschichte der Mönche, bekannt, enthalten eine Reihe von Lebensbeschreibungen von Asketen und Stiftern des antiken Mönchtums.

Hier der Text als pdf.

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