Søren Kierkegaard über das schweigsame Gebet in „Die Lilie auf dem Felde und der Vogel unter dem Himmel“ (1849): „Als sein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte er immer weniger und weniger zu sagen; zuletzt wurde er ganz still.“

Internet-bekannt ist das Kierkegaard-Zitat über das Beten im Schweigen: „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich noch ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörender. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden hören. Beten heißt: still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.“ Der älteste mir bekannte Nachweis dieses Zitats findet sich bei Jörg Zink, Wie wir beten können (Stuttgart-Berlin: Kreuz-Verlag 1970, S. 22). Im Original ist allerdings von keinem „Ich“, sondern von einem „Er“ des Betenden die Rede. Hier Kierkegaards vollständige Rede in Sachen schweigsames Gebet:

Die Lilie auf dem Felde und der Vogel unter dem Himmel (1849)[1]

Von Søren Kierkegaard

Du sagst vielleicht mit dem Dichter: o dass ich ein Vogel wäre, wie der freie Vogel, der in lustiger Fahrt weit, weit fortfliegt, dem Himmel so nahe, zu fernen, fernen Fluren – während mich Sorgen und Widerwärtigkeiten und Leiden täglich merken lassen, wie ich an die Stelle gebunden und genagelt bin. O, dass ich ein Vogel wäre, frei wie der Vogel, frei von allen Rücksichten wie der kleine Singvogel, der demütig singt, ob auch Niemand auf ihn hört, oder der stolz singt, ob auch Niemand auf ihn hört! Ach, während ich keinen Augenblick und Nichts für mich selbst habe, sondern tausend Rücksichten nehmen muss. O, dass ich eine Blume wäre, wie die Blume auf dem Felde, glücklich in mich selbst versunken und weiter nichts – ach, während ich auch in meinem Herzen diesen Zwiespalt des Menschenherzens fühle und weder in Selbstliebe mit Allem brechen, noch auch liebevoll Alles opfern kann!

So spricht der Dichter. Wenn man flüchtig darauf hört, klingt es fast, als sagte er dasselbe, wie das Evangelium, da er ja in den stärksten Ausdrücken das Glück des Vogels und der Lilie preist. Aber höre nur weiter; er sagt: daher ist es beinahe wie eine Grausamkeit von dem Evangelium, dass es die Lilie und den Vogel preist und sagt: Du sollst so sein – ach während ich so sehnsüchtig wünsche, dass ich wie der Vogel unter dem Himmel wäre und wie die Lilie auf dem Felde. Aber es ist ja eine Unmöglichkeit so zu werden, und deshalb ist das Verlangen gerade so innerlich, so wehmütig und doch so brennend in mir. Wie grausam von dem Evangelium, dass es zu mir sagt: Du sollst so sein, während ich nur allzu tief fühle, dass ich es nicht bin und nicht sein kann.«

Und so geht es dem Dichter immer mit dem Evangelium; es geht ihm ebenso, wenn das Evangelium sagt: werdet wie die Kinder! O, dass ich ein Kind wäre, sagt der Dichter, unschuldig und froh als ein Kind – ach, während ich früh alt und schuldig und traurig geworden bin!

Wenn er an den Vogel und die Lilie denkt, so möchte er weinen; ach, dass ich wäre wie der Vogel, von dem ich als Kind im Bilderbuch las, ach dass ich wäre wie die Blume, die in meiner Mutter Garten stand! Aber wollte man mit dem Evangelium zu ihm sagen: es ist Ernst, der Vogel ist im Ernst der Lehrmeister, so müsste der Dichter lachen; und er scherzt über den Vogel und die Lilie so witzig, dass er uns Alle zum Lachen bringt, selbst den ernsthaftesten Men­schen, der je gelebt hat; aber das Evangelium bleibt unbewegt. So ernsthaft ist das Evangelium; alle Wehmut des Dichters verändert es nicht, während sie doch selbst den ernsthaftesten Menschen bewegt, dass er einen Augenblick nachgibt und in des Dichtes Gedanken eingeht und mit ihm seufzt und sagt: Lieber, ist es wirklich eine Unmöglichkeit für dich, ja so darf ich auch nicht sagen: »Du sollst«! Aber das Evangelium darf dem Dichter befehlen, dass er soll wie ein Vogel sein. Und so ernst ist das Evangelium, dass auch der unwiderstehlichste Einfall des Dichters es nicht zum Lächeln bringt.

Du sollst wieder Kind werden, und zu dem Zweck musst Du das Wort verstehen können und wollen, das wie für Kinder berechnet ist, und welches jedes Kind versteht, das Wort: Du sollst, und du sollst es verstehen, wie das Kind es versteht. Das Kind fragt niemals nach Gründen, das darf das Kind nicht, das braucht das Kind auch nicht. Für das Kind ist es Grund genug, dass es soll; alle anderen Gründe zusammen sagen nicht so viel wie dieser eine. Und das Kind sagt niemals: ich kann nicht. Das darf das Kind nicht, und es ist auch nicht wahr – das Eine entspricht ganz dem Anderem; grade weil das Kind nicht darf sagen »ich kann nicht«, deshalb ist es auch nicht wahr, dass es nicht könnte; denn wenn man nicht anders darf, dann muss man ja können, das ist ganz gewiss – es kommt bloß darauf an, dass einem ganz gewiss ist: man darf nicht anders, dann kann man auch. Und das Kind sucht niemals Ausflüchte oder Entschuldigungen; es versteht, dass es kein Versteck gibt weder im Himmel noch auf Erden, nicht in der Stube, noch im Garten vor diesem »Du sollst«. Und wenn man gewiss weiß, dass es kein solches Versteck gibt, so gibt es auch keine Ausflucht oder Entschuldigung, und gibt es keine, so sucht man natürlich auch keine und tut also, was man soll. Und das Kind braucht niemals lange Überlegung; denn wenn es soll, so ist ja keine Gelegenheit zum Überlegen. Ja, wollte man ihm auch eine Ewigkeit zum Überlegen geben, das Kind würde sie nicht brauchen, das Kind würde sagen: wozu all die Zeit, wenn ich doch soll. Denn was das Kind soll, das soll das Kind, das steht fest und hat gar nichts mit Überlegen zu tun.

So lass uns denn nach der Anweisung des Evangeliums Lilie und Vogel im Ernst als Lehrmeister betrachten. Im Ernst, denn das Evangelium ist nicht so überspannt geistlich, dass es Vogel und Lilie nicht brauchen könnte, aber es ist auch nicht so irdisch, dass es auf Lilie und Vogel nur wehmütig oder lächelnd sehen könnte. Lass uns von Lilie und Vogel als Lehrmeistern lernen

Schweigen.

Denn es ist zwar die Sprache, die den Menschen vor den Tieren auszeichnet und wenn man will noch viel mehr vor der Lilie. Aber deswegen kann Schweigen doch eine Kunst sein und keine geringe Kunst. Ja, gerade weil der Mensch reden kann, deswegen ist Schweigen eine Kunst, und gerade, weil sein Vorzug ihn so leicht versucht, ist Schweigen eine große Kunst. Aber das kann man von den verschwiegenen Lehrmeistern lernen, von der Lilie und dem Vogel.

»Suchet zuerst Gottes Reich und seine Gerechtigkeit«. Aber was will das sagen, was habe ich zu tun, wenn ich nach Gottes Reich suchen und trachten soll? Soll ich sehen ein Amt zu bekommen, das meinen Gaben und Kräften entspricht, um darin zu wirken? Nein zuerst sollst Du Gottes Reich suchen. Soll ich da all mein Vermögen den Armen geben? Nein, zuerst sollst Du Gottes Reich suchen. Soll ich da ausgehen und diese Lehre in der Welt verkündigen? Nein, du sollst zuerst Gottes Reich suchen. Aber dann soll ich ja eigentlich nichts tun? Ja, allerdings, es ist in gewissem Sinn nichts; Du sollst Dich im tiefsten Sinne zu Nichts machen, Nichts vor Gott werden, schweigen lernen; in diesem Schweigen ist der Anfang, welcher ist, zuerst Gottes Reich suchen.

Der Anfang ist die Kunst still zu werden; denn still zu sein, wie die Natur es ist, das ist keine Kunst. Und so in tiefstem Sinn still zu werden, still vor Gott, das ist der Anfang der Gottesfurcht; denn wie die Furcht Gottes der Weisheit Anfang ist, so ist Stille sein der Gottesfurcht Anfang. Und wie Furcht Gottes mehr ist als Anfang der Weisheit, selbst Weisheit ist, so ist Stille sein mehr als Anfang der Gottesfurcht, ist selbst Gottesfurcht. In diesem Schweigen verstummen gottesfürchtig die vielen Gedanken des Wünschens und Begehrens.

Gott ist im Himmel, der Mensch ist auf Erden; darum können sie nicht gut zusammen reden. Gott weiß alle Dinge, aber das Wissen des Menschen ist nur Geschwätz; darum können sie nicht gut zusammen reden. Gott ist die Liebe, der Mensch ist, wie man zu dem Kinde sagt, ein kleiner Narr, selbst wenn es sich um sein eigen Wohl handelt; darum können sie nicht gut zusammen reden. Nur in viel Furcht und Zittern kann der Mensch mit Gott reden; in viel Furcht und Zittern. Aber in viel Furcht und Zittern zu reden, ist aus anderem Grunde schwierig; denn wie die Angst macht, dass die Stimme stockt, so schafft wohl auch viel Furcht und Zittern, dass die Rede in Schweigen verstummt. Das weiß der rechte Beter, und wer dies noch nicht war, der lernte es vielleicht gerade im Gebet. Da war etwas, das lag ihm so sehr am Herzen; die Sache war ihm so sehr wichtig, und es lag ihm so viel daran, sich für Gott so recht verständlich zu machen. Er sorgte, er möchte etwas vergessen haben, ach, und dann möchte Gott nicht von selbst daran denken: deshalb wollte er seinen Sinn sammeln um recht innerlich zu beten. Und was geschah ihm dann, wenn er anders innerlich betete? Ihm geschah etwas Verwunderliches. Als sein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte er immer weniger und weniger zu sagen; zuletzt wurde er ganz still. Er wurde still, ja, was womöglich ein noch größerer Gegensatz zum Reden ist, er wurde ein Hörer. Er meinte erst, Beten sei reden; er lernte, dass Beten nicht bloß ist Schweigen, sondern Hören. Und so ist es; Beten heißt nicht sich selbst reden hören, Beten heißt stille werden und stille sein und harren, bis der Betende Gott hört.

Daher erzieht jenes Wort des Evangeliums die Menschen so, dass es ihnen gleichsam den Mund bindet, indem es auf jede einzelne Frage, ob er dies oder das tun solle, antwortet: nein, Du sollst zuerst Gottes Reich suchen. Daher kann man auch dieses Wort umschreiben, indem man sagt: Du sollst beginnen mit Beten – weil das Gebet, wenn es innerlich wird, Schweigen schafft. Suche zuerst Gottes Reich, das ist: bete! Wenn Du fragst, soll ich dies tun, und suche ich damit Gottes Reich – ja wenn Du auch alles Einzelne aufzähltest, es muss geantwortet werden: nein, Du sollst zuerst Gottes Reich suchen. Aber beten, nämlich recht beten und still werden, das ist zuerst Gottes Reich suchen.

Dieses Stille-Sein kannst Du bei Lilie und Vogel lernen. Ihr Stille-Sein ist freilich keine Kunst, aber wenn Du stille wirst wie Lilie und Vogel, so beginnst Du zuerst Gottes Reich zu suchen.

Wie feierlich ist es nicht draußen unter Gottes Himmel bei der Lilie und dem Vogel, und warum? Weil dort Stille ist, und es ist auch etwas Göttliches in dieser Stille. Draußen ist Stille; und nicht bloß wenn Alles schweigt in der stillen Nacht, sondern auch am Tag, wenn Alles rauscht und klingt und wie ein Meer von Tönen ist, ist doch Stille draußen. Der Wald ist still, selbst wenn er flüstert, ist er doch schweigsam; denn die Bäume halten einander das Gelübde: »es bleibt unter uns«, selbst wo sie am dichtesten stehen. Das Meer ist stumm; selbst wenn es lärmend rast, es ist doch stumm. Im ersten Augenblick hörst Du vielleicht falsch und hörst es lärmen. Wenn Du hastig bist und mit diesem Bescheid heimgehst, so tust Du dem Meere Unrecht. Wenn Du Dir dagegen Zeit nimmst und genauer hinhörst, da hörst Du – verwunderlich – da hörst Du die Stille; denn die Einförmigkeit ist doch auch Stille. Wenn am Abend das Schweigen über der Landschaft ruht, und Du von der Wiese her das ferne Brüllen hörst oder die Stimme der Hunde vom fernen Bauernhof, dann kann man nicht sagen, dass diese Laute das Schweigen störten, nein sie gehören mit zu dem Schweigen, sie sind im heimlichen Einverständnis; mit dem Schweigen und vermehren es.

Und lass uns nun näher die Lilie und den Vogel betrachten, von welchen wir lernen sollen. Der Vogel schweigt und wartet. Er weiß oder richtiger er glaubt voll und fest, dass Alles zu seiner Zeit geschieht, deshalb wartet der Vogel; er weiß, dass ihm nicht zukommt Tag oder Stunde zu wissen, deshalb schweigt er. Es wird schon geschehen zur rechten Zeit, sagt der Vogel; doch nein, das sagt der Vogel nicht, er schweigt; aber sein Schweigen sagt, dass er es glaubt, deshalb eben schweigt er und wartet. Wenn dann der Augenblick, kommt, so versteht der stille Vogel, dass der Augenblick da ist; er benutzt ihn und wird niemals zu Schanden. So auch mit der Lilie, sie schweigt und wartet. Sie fragt nicht ungeduldig, »wann kommt der Frühling?« denn sie weiß, dass er zu seiner Zeit kommt, sie weiß, dass ihr selbst am wenigsten dienlich wäre, wenn sie die Zeiten des Jahres zu bestimmen hätte. Sie sagt nicht »wann bekommen wir endlich Regen?« oder »wann kommt denn Sonnenschein? oder »nun haben wir zu viel Regen« oder »nun ist die Hitze zu groß«, sie fragt nicht im Voraus, wie der Sommer werden wird, wie lang oder wie kurz: nein sie schweigt und wartet – so einfältig sie ist, aber betrogen wird sie doch niemals; das kann ja auch nur der Klugheit begegnen, nicht der Einfalt; die betrügt nicht und wird nicht betrogen. So kommt dann der Augenblick, und die stille Lilie versteht, dass nun der Augenblick da ist, und sie benutzt ihn. O, ihr tiefsinnigen Lehrmeister der Einfalt! Nur wenn man schweigt, trifft man den Augenblick. Und deshalb versteht wohl auch ein Mensch so selten wenn der Augenblick da ist, und versteht ihn so selten recht zu benutzen, weil er nicht schweigen kann. Er kann nicht stille sein und harren, daraus lässt sich vielleicht erklären, wenn für ihn der Augenblick gar nicht kommt. Denn der Augenblick schickt keinen Boten voraus, der seine Ankunft meldet, er kommt auch nicht mit Lärm oder Geschrei sondern mit dem leichten Schritt des Plötzlichen; darum muss man ganz still sein, wenn man sein Nahen merken soll. Aber doch hängt Alles vom Augenblick ab. Und es ist gewiss das Unglück im Leben der weitaus meisten Menschen, dass sie niemals den Augenblick vernahmen, dass in ihrem Leben das Ewige und das Zeitliche immer auseinander gingen; und warum? weil sie nicht konnten stille sein und harren.

Der Vogel schweigt und leidet. Wie viel Herzenssorge er auch hat, er schweigt. Frei von Leiden ist der Vogel nicht, aber der stille Vogel macht sich frei von der missverstehenden Teilnahme der Andern, die das Leiden schwerer macht, von dem vielen Reden über das Leiden, welches das Leiden länger macht, und von der Sünde der Ungeduld und der Verzagtheit, welche schlimmer ist als das Leiden. Denn glaube nicht, dass es doch bei dem Vogel nur falscher Schein sei, wenn er still leidet: glaube nicht dass er wohl gegen Andere schweige, aber in seinem Innern nicht schweige, sondern über sein Schicksal klage, Gott und die Menschen anklage und »das Herz in Sorge sündigen lasse«. Nein der Vogel schweigt und leidet. Ach das tut der Mensch nicht. Aber warum erscheint wohl das menschliche Leiden so viel schlimmer als das Leiden des Vogels? Ob darum, dass der Mensch reden kann? Nein, nicht deswegen, denn das ist ja ein Vorzug, sondern deswegen, weil der Mensch nicht kann stille sein. Der Ungeduldige und der Verzweifelnde sagen wohl »dass ich doch eine Stimme hätte wie der Sturm, um all mein Leiden aussagen zu können, wie ich es fühle«; aber das wäre ein gar törichtes Mittel, denn in demselben Maße würden sie es nur stärker fühlen. Nein aber wenn Du schweigen könntest, wenn Du stille wärest wie der Vogel, dann sollte Dein Leiden wohl geringer werden.

Und wie der Vogel so die Lilie, sie schweigt. Ob sie auch steht und leidet während sie welkt, sie schweigt. Verstellen kann sie sich nicht, so wenig wie ein unschuldiges Kind – das wird auch nicht verlangt, und es ist ihr Glück, dass sie es nicht kann, denn wahrlich, die Kunst sich zu verstellen, wird teuer gekauft. Sie kann sich nicht verstellen, sie kann nicht dafür, dass sie die Farbe wechselt und erbleicht und damit verrät, dass sie leidet; aber sie ist stille. Sie würde gern sich aufrecht halten, um zu verbergen, was sie leidet, doch dazu hat sie nicht die Kraft und nicht die Gewalt über sich selbst, ihr Haupt neigt sich matt und kraftlos, der Vorübergehende versteht, was das bedeutet, wenn anders einer auf sie achtet – aber die Lilie schweigt. Sie nimmt das Leiden still hin wie es ist, aber sie macht es nicht größer. Durch ihr Schweigen bleibt das Leiden wie es ist, und dieses Schweigen kannst Du von Vogel und Lilie lernen.

Draußen bei der Lilie und dem Vogel ist Schweigen. Und was drückt dieses Schweigen aus? Es spricht aus: Ehrerbietung vor Gott, dass er es ist, der waltet, und er allein, dem Weisheit und Verstand zukommt. Und gerade, weil dieses Schweigen Ehrfurcht vor Gott ist und Anbetung ist, soweit solche in der Natur sein kann, deshalb ist dies Schweigen so feierlich. Und weil dies Schweigen so feierlich ist, deshalb vernimmt man Gott in der Natur – was Wunder auch, wenn alles aus Ehrerbietung vor ihm schweigt! Selbst wenn er nicht redet; dass Alles aus Ehrfurcht vor ihm schweigt, wirkt ja auf einen, als ob er redete.

So spricht wohl auch der Dichter, aber nur das Evangelium kann Dich lehren, dass es Ernst ist, dass Vogel und Lilie im Ernst Deine Lehrmeister sein sollen, dass Du ihnen nacharten, von ihnen lernen sollst, dass Du sollst still werden wie Lilie und Vogel.

Und schon dies ist ja Ernst, was Du draußen bei Lilie und Vogel vernimmst, dass Du vor Gott bist – was so oft im Gespräch mit anderen Menschen ganz vergessen wird. Denn wenn nur Zwei zusammenreden, noch mehr, wenn wir Zehn oder mehr sind, wird so leicht vergessen, dass Du und ich, wir Zwei oder wir Zehn vor Gott sind. Aber der Lehrmeister, die Lilie, ist tiefsinnig. Sie lässt sich gar nicht mit Dir ein, sie schweigt, und durch ihr Schweigen gibt sie Dir zu verstehen, dass Du vor Gott bist – und dass Du auch in Ernst und Wahrheit still vor Gott werden musst.

Und still vor Gott wie Lilie und Vogel sollst Du werden. Du sollst nicht sagen: »Vogel und Lilie können leicht schweigen, die können ja nicht reden.« Das sollst Du nicht sagen, Du sollst überhaupt nichts sagen und die Unterweisung im Schweigen nicht stören. Du sollst vor Gott Dir selbst nicht wichtiger sein, als eine Lilie oder ein Vogel – doch wenn Du im Ernst vor Gott bist, wird das Letzte aus dem Erstem folgen. Und ob Du auch in der Welt das Erstaunlichste ausführen wolltest: Du sollst Lilie und Vogel als Deine Lehrmeister anerkennen und vor Gott Dir selbst nicht wichtiger werden als die Lilie und der Vogel. Du sollst von ihnen lernen, alle deine Pläne und Taten vor Gott einfältig zusammenzufalten als Etwas das nicht der Rede wert ist. Und wenn Dein Leiden so qualvoll wäre, dass dergleichen noch nie erlebt wäre: Du sollst die Lilie und den Vogel als Deine Lehrmeister anerkennen und Dir selbst nicht wichtiger werden als Lilie und Vogel sich sind in ihren kleinen Sorgen.

O dass es doch dem Evangelium glücken möchte, mit Hilfe der Lilie und des Vogels Dich und mich ganz stille vor Gott zu machen! Dass Du in Stille sein Dich selbst vergäßest, Deinen eigenen Namen, gleichviel ob er berühmt oder unbedeutend oder unwert ist, um in Stille zu beten: »geheiligt werde Dein Name!« Dass Du in Stille sein möchtest Dich selbst vergessen, Deine Pläne, die großen Alles umfassenden Plane, oder die kleinen Pläne für Dein Leben und für Deine Zukunft, um in Schweigen vor Gott zu beten: »Dein Reich komme!« Dass Du in Stille sein Deinen Willen, Deinen Eigensinn vergessen möchtest, um still vor Gott zu beten: »Dein Wille geschehe!« Ja, wenn Du von der Lilie und dem Vogel lernen könntest, ganz still vor Gott zu sein, wozu sollte Dir dann das Evangelium nicht helfen können? dann wäre Nichts Dir unmöglich. Aber wenn Dir das Evangelium mit Hilfe des Vogels nur Stille sein lehrte, wie wäre Dir nicht dann schon geholfen! Denn wie gesagt, ist Gottesfurcht der Weisheit Anfang, so ist Stille sein der Gottesfurcht Anfang. Gehe zur Ameise und werde weise, sagt Salomo; gehe zum Vogel und zur Lilie und lerne Schweigen, sagt das Evangelium.

»Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit.« Aber das Trachten nach dem Reiche Gottes geschieht grade in Stille sein, wie Lilie und Vogel stille sind. Lilie und Vogel suchen Gottes Reich, gar nichts anderes, all das Andere fällt ihnen zu. Aber warum sagt denn das Evangelium: suchet zuerst Gottes Reich, so dass es klingt, als sollte man nachher Anderes suchen, während doch offenbar seine Meinung ist, dass einzig und allein Gottes Reich gesucht werden soll? Das kommt wohl daher, dass Gottes Reich nur gesucht werden kann, wenn es zuerst gesucht wird; wer es nicht zuerst sucht, der sucht es gar nicht. Und nun lässt sich das Evangelium mild und liebreich zu dem Menschen herab und redet so stufenweise zu ihm, um ihn zum Guten zu locken. Wenn das Evangelium gleich sagte: Du sollst einzig und alleine Gottes Reich suchen, so würde die Forderung dem Menschen zu schwer erscheinen, er würde halb missmutig, halb angst und bange sich zurückziehen. Aber nun fügt sich das Evangelium etwas nach ihm. Der Mensch hat so manche Dinge vor Augen, die er suchen will – da wendet sich das Evangelium zu ihm und sagt: »suche zuerst Gottes Reich.« So denkt der Mensch: nun ja, wenn ich nachher Anderes suchen darf, will ich wohl den Anfang mit dem Reich Gottes machen. Macht er damit den Anfang, so weiß das Evangelium schon, was darauf folgt, dass er nämlich durch dies Suchen so befriedigt und gesättigt wird, dass er rein vergisst Anderes zu suchen, ja auch gar nichts Anderes zu suchen wünscht. Es kommt so, dass er einzig und allein Gottes Reich sucht. So verfährt das Evangelium, und so redet man ja auch zu dem Kinde. Denk Dir ein Kind, das recht hungrig ist. Wenn die Mutter das Essen auf den Tisch setzt, fehlt nicht viel so weint das Kind vor Unmut und sagt: »was soll das Bisschen nutzen; wenn ich das gegessen habe, bin ich noch grade so hungrig«. Vielleicht wird das Kind so missmutig, dass es gar nicht anfangen will zu essen »weil das Bisschen doch nichts hilft.« Aber die Mutter, welche weiß, dass das Ganze ein Missverständnis ist, sagt: »ja, ja, mein kleiner Freund, iss nur erst das, dann kannst Du schon noch mehr haben.« So greift das Kind zu, und was geschieht? Das Kind ist satt, ehe die Hälfte aufgegessen ist. Hätte die Mutter das Kind gleich zurechtgewiesen und gesagt: »das ist sogar mehr als genug,« so hätte sie zwar nicht Unrecht gehabt, aber sie hätte kein Beispiel der erziehenden Weisheit gegeben, wie sie nun tat. So bei dem Evangelium. Es ist ihm nicht das wichtigste zurechtzusetzen und zu schelten; ihm ist das wichtigste die Menschen zum Zugreifen zu bringen. Darum sagt es: »suchet zuerst.« Damit stopft es so zu sagen, allen Einwendungen des Menschen den Mund, bringt ihn zum Schweigen und macht, dass er wirklich zuerst dies sucht. Dann sättigt dies Suchen den Menschen so, dass er einzig und allein Gottes Reich sucht.

Suche zuerst Gottes Reich, das ist, werde wie die Lilie und der Vogel, werde ganz stille vor Gott: so wird euch solches Alles zufallen.

Quelle: Søren Aabye Kierkegaard, Die Lilien auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel. Drei fromme Reden, zusammengestellt und übersetzt von Albert Bärthold, Halle: Fricke, 21885.


[1] Vgl. Søren Kierkegaard, Die Lilie auf dem Felde und der Vogel unter dem Himmel, in: Ders., Kleine Schriften 1848/49, 21.22.23. Abteilung der Werke (Bd. 16), hrsg. v. Emanuel Hirsch, Düsseldorf-Köln: Eugen Diederichs Verlag, 1960.

Hier der Text als pdf.

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