Paul Tillich, Die Erlösung des Weltalls (Das Neue Sein): „Die Sonne verhüllt ihr Antlitz, weil sie den Abgrund des Bösen und der Schmach unter dem Kreuz erblickt. Aber sie verhüllt ihr Antlitz auch, weil in diesen Stunden der Verfinsterung ihre Macht über die Welt ein für allemal zerbrochen ist.“

Die Erlösung des Weltalls

Von Paul Tillich

Und von der sechsten Stunde an ward eine Finsternis über das ganze Land bis zu der neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut und sprach: Eli, Eli, lama asabthani? Das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich ver­lassen?
Und Jesus schrie abermals laut und verschied. Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von obenan bis untenaus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und standen auf viele Leiber der Heiligen, die da schliefen, und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Aber der Hauptmann und die bei ihm wären und bewahrten Jesum, da sie sahen das Erdbeben und was da ge­schah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!
Matth. 27,45-46; 50-54.

Der Todeskampf und der Tod Jesu stehen in den Kreuzigungs­berichten im Zusammenhang mit einer Reihe von Naturereignissen: Finsternis bedeckt das Land, der Vorhang des Tempels zerreißt in zwei Stücke, die Erde erbebt, und die Leiber der Heiligen stehen auf aus ihren Gräbern. Die Natur nimmt erschauernd teil an dem ent­scheidenden Ereignis der Geschichte. Die Sonne verhüllt ihr Antlitz, der Tempel zeigt seine Trauer, die Tiefen des Erdreichs werden auf­gerissen, die Gräber öffnen sich. Die Natur ist in Aufruhr, weil etwas geschieht, was das ganze Weltall angeht. Wo immer man seit der Zeit, in der das Evangelium niedergeschrieben wurde, vom Geschehen auf Golgatha als dem Wendepunkt im Weltdrama der Erlösung berichtet hat, da hat man auch von der Rolle gesprochen, die die Natur in die­sem Drama gespielt hat. Maler, die die Kreuzigung darstellten, haben ihre ganze künstlerische Kraft eingesetzt, um in beinah unnatürlichen Farben die Finsternis über dem Land deutlich zu machen. Ich erinnere mich an meinen eigenen frühesten Eindruck vom Karfreitag: wie ich davon ergriffen wurde, daß das Geheimnis des göttlichen Leidens sich zuerst im Mitleiden der Natur offenbart. Und genau so erging es dem römischen Hauptmann, dem ersten Heiden, der für den Gekreuzigten Zeugnis ablegte. Von Entsetzen, von numinoser Furcht ergriffen, ver­stand er ganz tief und unmittelbar, daß etwas geschehen war, das mehr war als der Tod eines heiligen und unschuldigen Menschen.

Wir sollten nicht fragen, ob an einem bestimmten Tag eines be­stimmten Jahres die Wolken oder ein Sandsturm die Sonne verdunkelt haben, oder ob gerade zu jener Stunde sich in Palästina ein Erdbeben ereignet habe, ob der Vorhang im Tempel von Jerusalem bereits zer­schlissen war, ob die Heiligen, deren Leiber auferstanden waren, wie­der starben. Wohl aber sollten wir fragen, ob wir fähig sind, mit den Evangelisten und Malern, den Kindern und römischen Soldaten zu spüren, daß das Ereignis von Golgatha ein Ereignis ist, das das Weltall angeht, weil es die ganze Natur und die ganze Geschichte mit umfaßt. Mit dieser Frage wollen wir auf die Zeichen blicken, die von unserem Evangelisten berichtet werden.

Die Sonne verhüllt ihr Antlitz, weil sie den Abgrund des Bösen und der Schmach unter dem Kreuz erblickt. Aber sie verhüllt ihr Antlitz auch, weil in diesen Stunden der Verfinsterung ihre Macht über die Welt ein für allemal zerbrochen ist. Der große, glühende und leuchtende Gott alles Lebendigen auf der Erde, die Sonne, seit Jahr­tausenden von unzähligen Menschen gepriesen, gefürchtet und ange­betet, hat seine göttliche Macht verloren, als ein Menschenwesen in äußerster Todesqual an seinem Einssein mit dem festhält, was größer ist als die Sonne. In jenen Stunden der Finsternis wird offenbar, daß nicht die Sonne, sondern eine leidende und ringende Seele, die keine Naturgewalt zerbrechen kann, das Bild des Höchsten ist, und daß die Sonne nur so gepriesen werden darf, wie Franziskus es tat, als er sie unseren Bruder, nicht aber unseren Gott nannte.

«Der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke.» Der Tempel trägt sein Gewand wie ein Trauernder, weil der, dem der Tempel mehr gehört als irgendeinem anderen, von den Dienern des Heiligtums aus­gestoßen und getötet wird. Aber der Tempel — und mit ihm alle Tem­pel der Welt — stimmt auch Klage an über sein eigenes Schicksal. Der Vorhang, der den Tempel zu einem heiligen Ort macht, abge­schlossen von allen anderen Orten, verliert seine trennende Macht. Der ausgestoßen war als einer, der den Tempel entweiht habe, hat den Vorhang zerrissen und öffnet damit den Tempel jedem Menschen in jedem Augenblick. Dieser Vorhang kann nie mehr geflickt werden, ob­wohl es Priester, Geistliche und fromme Leute gibt, die ihn immer wieder flicken wollen. Es wird ihnen nicht gelingen, weil der, dem jeder Ort ein heiliger Ort war, ein Ort, an dem Gott gegenwärtig ist, im Namen dieses heiligen Ortes an das Kreuz geschlagen wurde. Als der Vorhang im Tempel zerriß, sprach Gott sein Gericht über die Religion und verwarf die Tempel. Seit jenem Augenblick können Tempel und Kirchen nur Orte der Konzentration auf das Heilige sein, und nur hier liegt ihre Begründung und Bedeutung.

Und wie der Tempel, so steht auch die Erde unter dem Gericht von Golgatha. Erschauernd und erbebend nimmt sie teil an dem To­deskampf des Mannes am Kreuz und an der Verzweiflung all derer, die in ihm den Anfang des neuen Äon gesehen hatten. Erschauernd und erbebend bezeugt die Erde, daß sie nicht der mütterliche Grund ist, auf dem wir unsere Häuser und Städte, unsere Kulturen und reli­giösen Systeme sicher bauen können. Erschauernd und erbebend weist sie auf einen anderen Grund hin, auf dem sie selber ruht: auf die sich selbst hingebende Liebe, gegen die die Feindschaft aller irdischen Mächte und Werte aufbricht, ohne sie jedoch besiegen zu können. Seit der Stunde, in der Jesus laut schrie und seinen Geist aufgab und die Felsen barsten, hörte die Erde auf, das Fundament zu sein für das, was wir auf ihr bauen. Nur soweit dies auf tieferem Grund gebaut ist, kann es bestehen. Nur soweit es seine Wurzeln in demselben Grund hat, in dem das Kreuz gegründet ist, kann es dauern.

Und die Erde ist nun weder der sichere Lebensgrund noch die ewige Todeskammer. Die Auferstehung folgt nicht dem Tode dessen, der der Christus ist, sondern sie gehört zu seinem Tod, das sagt uns der Bericht über die Auferstehung der Heiligen vor der Auferstehung Christi. Das Weltall ist nicht mehr dem Gesetz des Todes unterwor­fen, der schon im Augenblick der Geburt beginnt. Es ist einem höhe­ren Gesetz unterworfen, dem Gesetz des Lebens, das hervorgegangen ist aus dem Tode dessen, der das ewige Leben verkörpert. Die Gräber taten sich auf, und die Leiber der Heiligen standen auf, als ein Mensch, in dem Gott gegenwärtig war, seinen Geist bedingungslos in seines Vaters Hände befahl. Seit diesem Augenblick ist das Weltall nicht mehr das, was es war. Die Natur hat einen neuen Sinn bekommen, die Geschichte ist verwandelt, und ihr und ich, wir sind nicht mehr — oder sollten nie mehr sein —, was wir zuvor waren.

Quelle: Paul Tillich, Das Neue Sein, Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk, 1959.

Hier der Text als pdf.

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