Karl Barths Thesen zur Flüchtlingshilfe (1942): „Die Flüchtlinge gehen uns an: nicht darum, weil sie gute, wertvolle, angenehme Menschen, sondern darum, weil sie heute in der ganzen Welt die Geringsten, die Elendesten sind und als solche an unsere Tür klopfen, deren unzertrennlicher Gefährte der Heiland ist.“

Thesen zur Flüchtlingshilfe (1942)

Von Karl Barth

Nachdem die Schweiz seit Sommer 1942 faktisch eine Einreisesperre für Juden verhängt und das Armeekommando im Oktober eine verschärfte Überwachung der Schweizer Westgrenze angeordnet hatte, stellte Karl Barth Mitte Oktober folgende Thesen zur Flüchtlingshilfe auf, die jedoch nicht zur Veröffentlichung kamen.[1]

Es gibt Gründe für und gegen die uns Schweizern heute nahegelegte Flüchtlingshilfe. Dafür spricht:

Der christliche Grund. «Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan!»[Mt 25,49] Die Flüchtlinge gehen uns an: nicht darum, weil sie gute, wertvolle, angenehme Menschen, sondern darum, weil sie heute in der ganzen Welt die Geringsten, die Elendesten sind und als solche an unsere Tür klopfen, deren unzertrennlicher Gefährte der Heiland ist. Sie gehen uns an: nicht obwohl sie Juden, sondern gerade weil sie Juden und als solche des Heilands leibliche Brüder sind. (Ich bemerke, daß dieser erste Grund der stärkste und wohl der allein unbedingt durchschlagende Grund für diese Sache ist.) [357]

Der schweizerische Grund. Die Flüchtlinge tun uns (ob sie es wissen oder nicht) die Ehre an, in unserem Land einen letzten Hort des Rechtes und des Erbarmens zu sehen und aufzusuchen. Man wird später viel Großes und Schreckliches wieder vergessen, was in dieser Zeit geschehen ist. Man wird aber noch nach Jahrhunderten davon reden, ob die Schweiz ihren Namen als die freie Schweiz in diesen Tagen bestätigt oder verleugnet hat. Die Frage, ob uns das Beste, was wir als Schweizer sind und haben, durch die heutige Krisis hindurch erhalten bleiben wird, entscheidet sich auch daran, ob wir diesen Flüchtlingen unser Herz und unsere Hand öffnen oder aber den Rücken kehren.

Der menschliche Grund. Wir sehen an den Flüchtlingen, was uns bis jetzt wie durch ein Wunder erspart geblieben ist. Es ist wohl wahr, daß es heute auch uns nicht zum Besten geht. Es ist aber wiederum wahr: es geht uns immerhin noch so gut, daß wir diesen unglücklichen Mitmenschen als die Wohlversorgten, ja Reichen gegenüber stehen. Können wir das aushaken, ohnen ihnen nach besten Kräften helfen zu wollen?

Wäre es nicht beschämend, die Gründe, die gegen diese Hilfe sprechen, auch nur über die Lippen zu bringen?

Professor Dr. Karl Barth, Basel

Quelle: Karl Barth, Offene Briefe 1935-1942, hrsg. v. Diether Koch, GA V.36, in Gesamtausgabe Zürich: Theologischer Verlag, 2001, S. 356f.


[1] Möglicherweise war sie für die am 22. Oktober 1942 beginnende Sammlung der Flüchtlingshilfswerke vorgesehen.

Hier die Thesen als pdf.

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