Karl Barth zum Problem des Krieges (Kirchliche Dogmatik III/4, 1951): „Wo ein Staat seiner normalen Aufgabe nicht recht nachgeht, da wird er sich früher oder später getrieben sehen, sich die abnormale Aufgabe des Krieges zu stellen und dann auch andere Staaten mit dieser abnormalen Aufgabe zu belasten. Wo die Staatsmacht den inneren Bedürfnissen des Landes nicht gewachsen ist, da wird sie für die dadurch erweckte Unruhe ein Ventil nach außen suchen und im Krieg zu finden meinen.“

Zum Problem des Krieges (KD III/4, § 55)

Von Karl Barth

Wir kommen in Abschluß unserer Erwägungen zum sechsten Gebot zum Problem des Krieges. Das Problem des privaten Zweikampfes, das in den älteren christlichen Ethiken in diesem Zusammenhang behandelt werden mußte, und das doch – mit Rücksicht auf gewisse Offiziers- und Studentensitten – auch noch von den Ethikern am Anfang unseres Jahrhunderts wenigstens kurz in Erwägung zu ziehen war, ist heute kein Problem mehr, indem das Duell heute, wenn nicht Alles täuscht, nach so viel anderweitigem Blutvergießen in aller Stille als ein ehrwürdiger Unsinn durchschaut und obsolet geworden ist. Wären wir doch mit dem Kriege auch schon so weit! In Wirklichkeit sind wir mehr als je genötigt, ihn als praktisch und theoretisch brennende Frage ernst zu nehmen.

Man zählte 1795, als Immanuel Kant seinen Traktat «Vom ewigen Frieden» verfaßte. Man zählte 1815, als die auf dem Wiener Kongreß proklamierte «Heilige Allianz» wenigstens den zeitlichen Frieden für Europa dauerhaft sicherzustellen versprach. Nach den Kriegen von 1866 und 1870 schrieb Bertha von Suttner ihr bewegendes Buch «Die Waffen nieder!» Es geschah im Sommer 1912, daß im Münster zu Basel die Sozialisten aller Länder sich selbst und der Welt feierlich genug versicherten, daß sie sich dem Ausbruch jedes neuen Krieges wirksam zu widersetzen wissen würden. In den Jahren nach 1918 widerhallte das über das Geschehene entsetzte Europa geradezu von dem Ruf: «Nie wieder Krieg!» 1930 erschien das Buch des holländischen Theologen G. J. Heering «Der Sündenfall des Christentums», in welchem man (S. 178 f). las, der christliche Humanitätsgedanke sei heute im Gegensatz zu den chaotischen und rohen Zeiten des Mittelalters und der folgenden Jahrhunderte in einem ganz neuen Aufschwung begriffen; es gebe heute bereits eine öffentliche Meinung; ein «Weltethos» (R. Otto), einen allgemeinen Protest gegen den Krieg an sich und als solchen, der nun nur laut und mächtig zu werden brauche. Und im Vorwort zur deutschen Ausgabe dieses Buches las man aus der Feder von Martin Rade: «Für die christliche Ethik ist der Krieg erledigt. Was man zu seiner Rechtfertigung und Entschuldigung von dieser Seite noch geltend macht, ist nur Rückzugsgefecht der Nachhut eines geschlagenen Heeres.» Und hieß es nicht noch 1938, nach dem Frieden von München, schon etwas kleinlauter allerdings, aber immer noch tröstlich: «Frieden für unsere Generation!»? Was aber ist zwischen und nach allen diesen Daten und ihren Hoffnungen und Verheißungen geschehen! Und indem wir heute praktisch so gar nicht in der Lage sind, auf den Krieg zurückzublicken, wie etwa auf die Sitte des Zweikampfes, ist er für uns auch theoretisch keineswegs «erledigt», sondern eine Frage, der wir heute erst recht allen Ernstes standhalten müssen.

Ich beginne auch hier mit einigen Gewissensschärfungen im Blick auf gewisse Illusionen, die man einst haben konnte, die man sich aber heute nicht mehr machen darf. [516]

1. Es gab eine Zeit, in der es nicht nur den Klerikern und Ordensleuten, sondern auch weitesten Kreisen der weltlichen Gesellschaft möglich war, das Problem des militärischen Tuns von sich auf andere Leute, nämlich auf die sogenannten «Kriegsleute» abzuwälzen. Aus jener Zeit stammt ja auch das distanzierende Wort «Soldaten». Der Krieg war eine Sache der Fürsten und Obrigkeiten und ihrer verhältnismäßig kleinen Armeen, ein Unternehmen, das die Anderen, wenn sie nicht zufällig darunter zu leiden hatten, nichts anging.

Eben zugunsten der von den Anderen – ein wenig ähnlich wie der Henker – für suspekt gehaltenen «Kriegsleute» hat Luther 1526 seine bekannte Schrift geschrieben mit dem Nachweis, daß auch sie «im seligen Stande leben», daß auch ihr Tun im Glauben und in der Liebe, im Gehorsam gegen Gottes Gebot geschehen könne und solle. Man kann aber in Erinnerung an jene Auffassung auch an die geruhsame Haltung denken, in der Goethe, nebenher immer auch mit den Problemen seiner Farbenlehre beschäftigt, 1792 die ohnehin ziemlich gemütliche Kanonade von Valmy und überhaupt die «Kampagne in Frankreich» miterlebt hat und an die teils gelassene, teils verdrossene Distanz, die er den ganzen Ereignissen der folgenden Jahrzehnte bis und mit den «Befreiungskriegen» gegenüber zu wahren gewußt hat.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute ist direkt oder indirekt jedermann ein «Kriegsmann» geworden, das heißt so oder so beteiligt an dem, was im Kriege nicht nur passiv zu erleiden, sondern aktiv zu tun ist. Heute sind ja längst die Staatsvölker als solche und damit alle ihre Angehörigen zu verantwortlichen Subjekten des Krieges geworden. Es hätte keinen Sinn, diese Verantwortlichkeit nun doch wieder auf das Kollektiv abzuschieben: eben auf das Vaterland, das ruft, auf das Volk, das aufsteht, auf den Staat, der befiehlt. Jeder Einzelne ist selbst das Vaterland, das Volk, der Staat, Kriegführender: er handelt, wenn Krieg geführt wird, und er ist gefragt, ob das zu Recht oder zu Unrecht geschehe. Das ist das Erste, was dem Problem des Krieges heute seine ethische Schärfe gibt. Es ist eine Illusion, wenn man meint, daß da irgend Jemand unverbindlich dabei sein und bloß zuschauen könne.

2. Man hat immer gewußt, daß es in jedem Krieg auch um die Durchsetzung und Wahrung materieller Interessen, um den Besitz von Land und Gut gegangen ist. Es war aber in älteren Zeiten leichter, sich selber durch allerlei Vorstellungen über Ehre, Recht, Freiheit und Größe der in ihren Fürstenhäusern und Obrigkeiten repräsentierten Nation, über auf dem Spiel stehende höchste menschliche Werte über die materielle Seite der Sache hinwegzutäuschen, dem Krieg mehr oder weniger den Charakter eines Kreuzzuges – vielleicht sogar ganz direkt den eines Glaubenskrieges oder doch Kulturkrieges – zu geben, wo es in Wirklichkeit, wenn nicht ausschließlich, so doch entscheidend, fast immer um Machtentfaltung zur Gewinnung von Macht in jenem sehr primitiven Sinn gegangen ist. Politische Mystik gibt es auch freilich heute noch; es [517] ist uns aber heute schwerer gemacht, daran ehrlich zu glauben. Gewisse Nebelschwaden haben sich gehoben.

Man vergißt es zwar immer wieder, aber man kann es heute wissen, daß es im Krieg und zwar gerade in den von den großen Völkern und Völkergruppen geführten Kriegen eigentlich und im Grunde um Kohle und Kali, um Erz, Öl und Gummi geht, um Absatzgebiete und Kommunikationswege, um sichere Grenzen und Einflußsphären als Basis für weitere Machtentfaltungen zu weiterer Machtgewinnung «wirtschaftlicher» Art. Es ist heute vor allem vor den Augen aller, die sehen wollen, daß es in der ganzen Welt eine weitverzweigte, durch die moderne Technik gewaltig in Bewegung gesetzte und vorwärtsgetriebene und diese ihrerseits immer weiter vorwärtstreibende Industrie gibt, die als Kriegsindustrie mit allen ihren Verbindungen zu Industrie, Technik und Handel anderer Art ein gebieterisches Bedürfnis danach hat, daß von Zeit zu Zeit unter möglichst großem Verschleiß des vorhandenen Materials und zur Anregung weiterer Nachfrage nach solchem aufs neue Kriege geführt werden und also entstehen müssen.

Das bedeutet aber, daß es uns ganz anders als früheren Zeiten bekannt sein kann und bewußt sein müßte, daß das, was im Kriege auf dem Spiel steht und als Motiv zum Kriege wirksam ist, viel weniger der Mensch selbst und sein wirkliches Lebensbedürfnis als des Menschen wirtschaftliche Macht ist: nur daß es sich im Kriege zeigt, daß nicht er diese Macht, sondern diese Macht ihn hat, und zwar zu seinem Verderben hat, indem sie ihn, statt ihm zu helfen, zu leben und leben zu lassen, dazu nötigt zu töten und sich selbst töten zu lassen. Der Krieg offenbart den im tiefsten Grund chaotischen Charakter schon des sogenannten friedlichen Wollens, Strebens, Schaffens des Menschen, seine tiefe Unkunst, Herr zu sein, ohne eben damit nicht nur Sklave, sondern sein eigener Verderber, im Grunde Selbstmörder zu werden. Der Krieg ist die Offenbarung der notorischen Lebensunfähigkeit, des Gerichtes, das der Mensch schon im Frieden auf sich zu ziehen dauernd im Begriffe steht. Und das bedeutet, daß eigentlich nur noch die Oberflächlichkeit die Kriegsfrage trennen kann von der Friedensfrage, das heißt von der Frage: was wollen und tun wir, auf was ist des Menschen Leben ausgerichtet und wie ordnet er sein Leben, bevor der Krieg mit seinem Töten und Getötetwerden jeweils wieder einmal da ist? Haben wir die Macht zum Leben oder hat sie uns? Solange sie uns hat, wird der Krieg immer wieder unvermeidlich werden. Si vis pacem, para bellum! lautet die alte Römerweisheit. Vernünftigerweise müßte es heißen: Si non vis bellum, para pacem! Sorge für eine bessere Organisation des Friedens! Aber offenbar wollen wir ja schon im Frieden etwas sehr Kriegsmäßiges, wie könnten wir da für den Frieden, wie könnten wir da für etwas Anderes als eben für den Krieg rüsten und wie müßte er da nicht immer wieder ausbrechen und geführt werden? Das ist die ungeschminkte Wahrheit, der man sich heute nicht mehr so leicht wie früher entziehen kann.

3. Man hat immer gewußt, daß es sich im Krieg um die Unschädlichmachung der feindlichen Streitmacht handelt. Man hat sich aber nicht immer mit der wünschenswerten Deutlichkeit klargemacht, daß es dabei [518] nicht nur um den möglichst geschickten und tapferen Einsatz und um den möglichen Verlust des eigenen Lebens, sondern nackt und brutal um das absichtliche Töten von möglichst vielen der lebendigen Menschen geht, aus denen sich diese feindliche Streitmacht zusammensetzt. Man konnte sich das in früherer Zeit damit verbergen, daß der Einzelne sich dem einzelnen Gegner gegenüber gewissermaßen im Zustand einer ihm befohlenen persönlichen Notwehr zu befinden meinen konnte, in der er, indem er ihn tötete, zugleich seine Pflicht und sein gutes Recht wahrnahm. Und man konnte sich dies, als die Kriegstechnik sich weiter entwickelte, noch besser damit verbergen, daß der Einzelne seinen einzelnen Gegner als solchen ja meistens gar nicht mehr wahrnahm.

Wie man sich die Dinge gerade auf dem Höhepunkt des Überganges von der alten zur neuen Kriegstechnik zurechtlegte, wie man damals geradezu von einer Humanisierung des Krieges meinte träumen zu können, kann man bei keinem Geringeren als dem großen Schleiermacher vernehmen, der in seiner «Christlichen Sitte» (S. 281 f.) folgende Argumentation vorgetragen hat: Wozu führt man Krieg? Um den Gegner in dem Maße zu schwächen, daß ihm vernünftigerweise nichts übrigbleibt, als das Geforderte zu leisten. Diese Schwächung soll aber nicht dadurch stattfinden, daß seine Untertanen getötet werden. Schleiermacher war Gegner der Todesstrafe und erklärte darum auch eine Kriegführung, die auf Tötung ausgehe, für barbarisch und unsittlich. Wer Krieg führt, will nach ihm nur in Besitz nehmen, was des Gegners Kraft ausmacht: sein Land und seine Leute. Daß also Feinde im Krieg den Tod finden, ist nicht Folge des bestimmten Willens sie zu töten, und auch nicht Folge davon, daß man sich und sie in eine bestimmte, für sie gefährliche Stellung zu setzen gewußt hat, sondern nur Folge davon, daß sie willkürlich Widerstand leisten! «Früher war das freilich ganz anders; aber es kann uns gar nicht zweifelhaft sein, welche Art Krieg zu führen die sittlichere sei, die alte oder die jetzige. Allerdings entwickelte sich wohl eine gewisse persönliche Tapferkeit, als man noch bloß mit Schwert und Lanze focht. Aber weil dabei leichter ein Kampf auf Leben und Tod entstand als bei der jetzt herrschenden Anwendung des Geschützes, die nur darauf ausgeht, den Gegner zu veranlassen, sich vor der Entwicklung einer bestimmten Masse von Naturkräften zurückzuziehen, so ist die heutige Kriegführung bei weitem edler. Unchristlich ist nur unser Vorpostenkrieg und die Anwendung von Scharfschützen, wobei es auf den Einzelnen abgesehen ist, womit aber gerade das Wenigste ausgerichtet wird.»

Unterdessen hat gerade die überhandnehmende kalte Sachlichkeit des militärischen Tötens, das Raffinement und die massenhafte Wirkung, zum Teil auch die Abscheulichkeit seiner Methoden, Instrumente und Maschinen und seine Ausdehnung auf die feindliche Zivilbevölkerung dafür gesorgt, daß, wer Krieg sagt, wissen müßte, daß er damit schlicht und eindeutig töten sagt: töten ohne Glanz, ohne Würde, ohne Ritterlichkeit, ohne Schranke und Rücksicht nach irgendeiner Seite. Der Ruhm des sogenannten «Soldatenhandwerkes», das eben heute beiläufig zum direkt oder indirekt ausgeübten «Handwerk» eines Jeden geworden ist, kann in unseren Tagen nur noch von den Resten jener alten, schon damals fadenscheinigen Illusionen leben. Es wäre schon viel gewonnen, wenn man sich angesichts der Tatsachen endlich ganz nüchtern dazu bekennen würde, daß, was auch der Zweck und allenfalls das Recht des Krieges sein mag, sein Mittel heute jedenfalls ohne Hülle und Scham dies ist, daß nicht nur Ein-[519]zelne, nicht nur irgendwelche «Heere», sondern die ganzen Völker als solche sich gegenseitig mit allen Mitteln ans Leben wollen. Die Möglichkeit der Atom- oder Wasserstoffbombe hat eigentlich nur noch gefehlt, um die Selbstenthüllung des Krieges in dieser Hinsicht vollständig zu machen.

Das Alles sind Aufklärungsfragen, die man aber ehrlich beantwortet hinter sich haben muß, wenn man zur Beurteilung der Frage nach Recht und Unrecht des Krieges wirklich zuständig sein soll. Es ist vielleicht gerade von der christlichen Ethik her gesehen etwas Hoffnungsvolles, daß wir nach den zwei nun vorgekommenen (man weiß nicht ersten oder letzten?) Weltkriegen heute im Unterschied zu früheren Geschlechtern nicht nur befähigt, sondern eigentlich gezwungen und jedenfalls aufgerufen sind, der Wirklichkeit des Krieges ohne optimistische Täuschungen ins Gesicht zu sehen. Wie eindeutig häßlich ist er doch geworden!

Wir werden von der Beantwortung dieser Aufklärungsfragen her gut tun, uns praenumerando klarzumachen: Wenn von einem Recht des Krieges, wenn davon, daß dieses Unternehmen und die Beteiligung daran geboten sein könnte, überhaupt die Rede sein kann, dann kann das jedenfalls nur in derselben – nein, dann muß das in noch strengerer Reserve und Vorsicht in Betracht gezogen werden als dies schon im Blick auf Selbsttötung, Abtreibung, Todesstrafe usw. nötig war. Der Krieg steht in dieser Reihe und – es hilft nichts, sich das zu verbergen – der Soldat, das heißt aber heute: der kriegführende Bürger kommt unmittelbar neben den Henker zu stehen. Auf alle Fälle gerade nur in jener äußersten Zone und zusammen mit all jenem anderen, dem Mord so gefährlich nahen menschlichen Tun könnte auch das militärische Handeln gegebenenfalls gutzuheißen, als nicht verboten, sondern geboten zu verstehen sein.

Aber wir müssen noch mehr sagen: die Frage muß hier tatsächlich noch strenger gestellt werden als im Blick auf alle jene anderen Möglichkeiten. Denn (1) der Krieg ist eine Aktion, in der die staatliche Gemeinschaft in allen ihren Gliedern in der Tat des Tötens oder doch im Aufbruch dazu, in ihrer direkten oder indirekten Vorbereitung und Förderung begriffen ist: alle miteinander sind in dieser Aktion wollend oder doch zulassend und jedenfalls in irgendeinem Sektor vollbringend beteiligt, alle miteinander unmittelbar verantwortlich in der Frage: ob es dabei um gebotene Tötung oder um verbotenen Mord geht? Das Töten im Krieg ist aber (2) ein Töten von solchen Menschen, die für den im Dienste der staatlichen Gemeinschaft kriegführenden Einzelnen nur in dem Sinne «Feinde» sein können, daß sie ihrerseits im Dienste ihrer staatlichen Gemeinschaft Krieg zu führen haben. Daß sie den Krieg der Gegenseite gutheißen und mitmachen, mag sie von hier aus gesehen als Schuldige, nämlich als Rechtsbrecher erscheinen lassen. Aber eben die Frage: ob sie nicht Rechtsbrecher und Schuldige und als solche im Aufbruch zum Töten und also [520] im Aufbruch zum Mord begriffen seien? könnte sich ja von dort aus gesehen auch an alle die stellen, die den Krieg hierseits gutheißen und mitmachen. Und nun stellt das Töten im Krieg (3) ganz anders als alle jene anderen Möglichkeiten – und das nun eben nicht nur für Einzelne, sondern gleichzeitig für Millionen von Menschen, die ganze Moral – wir sagen besser: den Gehorsam gegen Gottes Gebot in allen seinen Dimensionen in Frage: Muß im Krieg nicht auf breitester Front ungefähr Alles getan werden, was Gott verboten hat? Müssen die Kriegführenden nicht, um wirksam töten zu können und im Zusammenhang damit, auch stehlen, rauben und mordbrennen, lügen, betrügen und verleumden und leider weithin auch huren? – um von der fast unvermeidlichen Zurückstellung aller feineren und gewichtigeren Formen des Gehorsams gar nicht zu reden. Und wie sollen sie glauben und beten, wo es doch in der Spitze dieses ganzen Kosmos problematischen Tuns brutal nur ums Töten geht? Es mag wahr sein, daß Mancher sich auch im Kriege Manches zu retten vermag, ja, daß irgend ein innerer Halt für ihn vielleicht gerade im Krieg zum umso echteren und stärkeren, weil bewährten Besitz wird. Es ist aber sicher nicht wahr, daß die Menschen im Kriege besser werden, sondern wahr dürfte sein, daß der Krieg für die allermeisten Menschen eine Anfechtung ist, der sie nicht gewachsen sind, und von deren Folgen sie sich dann auch nie mehr ganz erholen. Darf und soll er, da das Alles unleugbar so ist, trotzdem verantwortet und gewagt werden?

Jedes Ja auf diese Frage ist zum vornherein falsch, ist in einer christlichen Ethik glatter Verrat am Evangelium, das an der ganzen Gefährdetheit und Gefährlichkeit dieses «trotzdem» vorbeiredet, das nicht auf einer genauen Rechenschaftsablage darüber beruht, was hier auf dem Spiele steht und ob hier wirklich «trotzdem» Ja gesagt werden dürfe und müsse. Man kann es auch so ausdrücken: Jedes Ja auf diese Frage ist falsch, das nicht von der Voraussetzung herkommt, daß das rigorose Nein der pazifistischen Ethik fast unendlich viel für sich hat, fast überwältigend stark ist. Noch anders ausgedrückt: Jedes Ja auf diese Frage ist falsch, das nicht die Anerkennung in sich schließt, daß es auch in extremis noch ganz erheblich viel schwerer sein wird, hier auch nur ein limitiertes Ja zu sagen, als es, wie wir sahen, etwa in der Frage der Selbsttötung, der Abtreibung, der Notwehr usw. an der äußersten Grenze ins Auge gefaßt werden kann.

Wer nicht gern bereit ist, allzu große Worte allzu rasch in den Mund zu nehmen, der wird es zwar vielleicht auch heute ablehnen, die positive Stellung der überlieferten katholischen und evangelischen Kirchlichkeit und Ethik zum Kriege mit G. J. Heering nun gleich als den «Sündenfall des Christentums» zu bezeichnen. Wenn die Sache etwas mit einem Sündenfall des Christentums zu tun hat, so ist dieser selbst in tieferen Gründen zu suchen – theologisch vor allem in der Entartung der kirchlichen Eschatologie und von daher in der Überschätzung und dann auch falschen Interpretierung der Gegebenheiten und Gesetze dieser Welt – in Gründen, die dann auch noch andere und zum Teil viel verhängnisvollere Konsequenzen gehabt haben und noch haben als die besondere Verkehrtheit, die hier in Frage steht. [521]

Aber es ist schon wahr, daß hier eine besondere und heute immer unerträglicher werdende christliche Verkehrtheit vorliegt. Es war tatsächlich eine wunderliche Wendung, die sich zwischen der von der Kirche der ersten Jahrhunderte eingenommenen Haltung und der der konstantinischen und nachkonstantinischen Kirche, die dann allgemein die aller folgenden Jahrhunderte geworden ist, vollzogen hat. Damals, vorher, eine fast allgemeine stille, aber nur um so selbstverständlichere Fremdheit der Gemeinde gegenüber der ganzen Welt des Krieges und der Kriegführung und noch bei Origenes, Tertullian, Cyprian, Lactanz die ausdrücklichsten Erklärungen, daß die militia Christi mit der aktiven Teilnahme an der militärischen Welt unvereinbar sei. Vorher sogar Märtyrer um dessenwillen, was wir heute «Dienstverweigerung» nennen. Nachher ein fast ebenso selbstverständliches Umschwenken zur Bejahung des vorher als so fremd und unmöglich Angesehenen. Nachher schon 314 die unter Anwesenheit von Kaiser Konstantin in Arles tagende erste große abendländische Synode, an der – Mücken seihend und Kamele verschluckend – zwar (can. 4 f.) noch ganz im Stil der alten Zeit dekretiert wurde, daß Wagenlenker und Schauspieler, solange sie ihre Beschäftigung nicht aufgäben, nicht Glieder der Kirche sein könnten, nachdem man aber zuvor (can. 3) die Verweigerung des Kriegsdienstes gleich mit der höchsten Kirchenstrafe, nämlich mit der Exkommunikation, belegt hatte! Nachher dann auch schon bei Athanasius, Ambrosius und vor allem bei Augustin (bei diesem unter den Eindrücken der germanischen Einbrüche in das Römerreich) auch die nötigen theologischen Begründungen des «gerechten Krieges», in denen die Worte Johannes des Täufers an die Kriegsknechte und die Existenz der verschiedenen frommen Hauptmänner im Neuen Testament schon damals die Rolle spielten, die sie dann in aller Kriegstheologie bis hinab auf unsere Tage gespielt haben. Man mag wohl fragen, ob jene Stellungnahme der älteren Kirche der Tiefe neutestamentlicher Lebenserkenntnis wirklich gerecht wurde – daß es schon im zweiten Jahrhundert auch christliche Soldaten gegeben hat, ist ja auch wahr – man kann aber kaum in Frage stellen, sondern es liegt eigentlich am Tage, daß die Elastizität, mit der sich die Kirche seit Konstantin auf Krieg und Kriegsgeschrei positiv eingelassen hat, um die nichtmilitärische Existenz den Priestern und den Mönchen vorzubehalten, der neutestamentlichen Lebenserkenntnis nun doch noch sehr viel weniger gerecht wurde.

Nicht das ist zu beanstanden, daß man mit dem Krieg und auch mit der Beteiligung des Christen daran überhaupt rechnen wollte. Das mußte wie die christliche Anerkennung des Staates als solchen so sein, je ehrlicher man sich darüber Rechenschaft gab, was es heißt, daß die Gemeinde inmitten der noch bestehenden Gegebenheiten und der noch geltenden Gesetze dieses seinem Ende entgegengehenden Äons auf den kommenden Herrn zu warten hat. Das aber ist zu beanstanden, daß man mit jenen Gegebenheiten und Gesetzen nun offenbar stärker rechnete als mit dem Vergehen dieser Welt und dem Kommen des Herrn und eben damit das Kriterium verlor, ohne dessen Anwendung auch innerhalb dieses Äons das christliche Wollen und Handeln aus aller Kontrolle kommen muß. Das ist also zu beanstanden, daß man in einer Art Panik, dem Kaiser doch nur ja zu geben, was des Kaisers ist, die heilsame Distanz diesem kaiserlichen, diesem staatlichen Unternehmen gegenüber völlig aufgab, die die ältere Kirche in ihrer Weise, aber aus guten Gründen einzuhalten wußte. Die prinzipielle, die Blankoberechtigung zum Kriegführen ist zu beanstanden, die die Christenheit damals und von da ab – und leider dann aufs neue in der Reformation – der Welt, dem Staat, der sogenannten «Obrigkeit» und damit doch auch sich selbst und allen ihren Gliedern erteilt hat: der Verlust des Gespürs für das nun doch unerhört Außerordentliche, das diese Möglichkeit – die Möglichkeit des Massentötens von Staatswegen – nun doch auch innerhalb der Gegebenheiten und Gesetze dieses Äons noch einmal so furchtbar auszeichnet. Denn mußte ihre Botschaft nicht – ohne deshalb einfach und absolut pazifistisch zu werden! – jedenfalls damit ein Licht in der dunklen Welt sein und bleiben, daß sie die Empfindung für das Enorme des Krieges mindestens unter ihren eigenen Gliedern, aber über diese hinaus ein wenig überall erweckte und wachhielt und damit mindestens eine starke Hemmung [522] gegen diese Sache bedeutete und einschaltete? Aber wie konnte sie das ausrichten, da ihr selbst eben jenes Gespür offenbar abhanden gekommen war? Wie konnte sie auch nur in aller Schwachheit wenigstens eine kleine, aber bedeutsame Friedensmacht sein, da sie dem Krieg gegenüber offenbar gar nicht mehr besonders erschrak, sondern ihn zunächst in das von ihr anerkannte politische, damit aber auch in ihr eigenes christliches Lebenssystem ganz gemütlich einbauen wollte und konnte? Eben ein besonderes Erschrecken und damit dann doch auch eine besondere Distanz dem Krieg gegenüber ist das, was die christliche Ethik in dieser Sache vor Allem wieder selbst empfinden und Anderen sichtbar machen muß.

Das ist es in erster Linie, was nicht geschehen darf: der Krieg darf nicht als ein normales, ein ständiges, ein gewissermaßen wesensnotwendiges Element dessen anerkannt werden, was nach christlichem Urteil den rechten Staat, die von Gott gewollte politische Ordnung ausmacht. Gewiß, der Staat ist als solcher Träger von Gewalt und er muß solche auch üben können. Aber das tut er ja ohnehin und nicht das hat die christliche Ethik in erster Linie auszusprechen, daß er das tun solle und auf keinen Fall das, daß die Gewaltübung das Wesen des Staates sei, sein opus proprium oder doch zu diesem gehörig, sondern vielmehr, daß es ein opus alienum schon des Staates ist, wenn er Gewalt üben muß. Nicht dies hat sie ihm zu bescheinigen, daß er in Sachen solcher Gewaltübung fröhlich und getrost tun möge, was er und seine Organe für recht halten, sondern entgegenzutreten hat sie ihm in jedem Fall, wo er das tut, mit der Frage: ob er das nun wirklich tun müsse? Und erst recht hat sie ihm nun nicht auch noch carte blanche zu geben für den Griff nach der ultima ratio nach außen, für die Veranstaltung eines staatlich organisierten Massentötens. Sondern wahrhaftig: da kann sie nicht laut genug darauf aufmerksam machen, daß diese Massentötung Massenmord sein könnte, daß nach dieser letzten Möglichkeit wirklich nicht wie nach irgendeiner anderen, sondern eben nur in der letzten Stunde des dunkelsten Tages gegriffen werden dürfte. Die Kirche, die Theologie hat zuerst und vor Allem diese distanzierende, diese hinausschiebende Bewegung zu machen. Wo sie nicht zuerst das und dann lange, lange nichts Anderes sagt, wo sie ihr Gewicht nicht entscheidend in diese Waagschale wirft, da ist sie ein dummes Salz, da ist sie ein stummer Hund geworden, der sich dann auch nicht wundern soll, von allen Seiten mit Füßen getreten zu werden. Und man merke wohl: wenn die Kirche, die Theologie es anders hält, wenn sie nicht zuerst das gesagt, ihr Gewicht in diese Waagschale geworfen, wenn sie langweilig und unbesonnen vom Krieg als einem politischen opus proprium geredet hat, dann wird sie, wenn die letzte Stunde des dunkelsten Tages schlagen sollte, bestimmt nicht in der Lage sein, da es denn sein muß, glaubwürdig und mit Vollmacht auch das Andere zu sagen, das heißt glaubwürdig und mit Vollmacht zum politischen opus alienum, zu den Waffen zu rufen. Das wird nämlich die und nur die Kirche und Theologie zu tun in der Lage sein, die zuvor die Distanz gewahrt und also bis zuletzt zum Frieden gerufen hat. [523]

Die Naivität, in der eine ältere – und nicht einmal so sehr viel ältere! – Ethik den Krieg vom Wesen des Staates bzw. von der geschichtlichen Existenz der Völker her zu rechtfertigen versucht hat, ist hinterwäldlerisch und nicht mehr zu verantworten.

Ich zitiere Th. Haering (Das chr. Leben, 1907, S. 427): «Will der Christ mit Bewußtsein um des Reiches Gottes willen den Staat, so muß er mit diesem Mittel für das Reich Gottes auch die Mittel wollen, durch die der Staat aufrechterhalten wird. Ein Strafrecht aber gibt es nicht über den verschiedenen Völkern; ihr letztes Mittel, das eigene Recht durchzusetzen, ist der Krieg, die Notwehr der Völker.» Ich zitiere W. Herrmann (Ethik 4 1909, S. 212): «Der Krieg an sich (!) ist weder christlich noch unchristlich, weder sittlich noch unsittlich. Er ist in einer bestimmten geschichtlichen Lage die unabweisbare Äusserung der in der Kultur(!)bewegung zu einem politischen Leben entwickelten Menschennatur». Er ist «sittlich gerechtfertigt», wenn er politisch richtig ist, als ein Akt der Selbstbehauptung eines Volkes in seiner Kultur (!) aufgabe. Und darum können wir «mit gutem Gewissen nur an einem solchen Staat teilnehmen, der seine Macht für das Recht einsetzt, nicht bloß innerhalb seiner Grenzen gegenüber dem Verbrecher, sondern auch gegen einen anderen Staat, der ihn vergewaltigen will». Ich zitiere A. Schlatter (Chr. Ethik 1914 S. 138): «Wir haben auch im Verkehr der Völker untereinander mit der Möglichkeit des Streites zu rechnen und uns für ihn zu rüsten. Darum ist die Einrede gegen den Militärdienst aus der Christenheit zu entfernen . . . Wir genießen in der Festigkeit unseres Staates beständig einen vom Heer uns verschafften Wert.» – Auf Grund solcher Belehrung über den Staat ist dann nicht nur die Welt sondern auch die Christenheit in den ersten Weltkrieg hineingestolpert. Und ich zitiere P. Althaus (Grundriß der Ethik 1931 S. 106 f.): Die Völker seien zwar zum gemeinsamen Leben und zur Verantwortung füreinander berufen. Steht dieses «Füreinander» als Norm über ihren Beziehungen, «so bringen es die Lebensgesetze der Geschichte doch mit sich, daß das Füreinander immer wieder durch ein Widereinander hindurchgehen muss (!)», indem ein Volk mit der eigenen Berufsfrage in der lebendigen Geschichte am gleichen Punkt auf die Berufsfrage eines andern Volkes stößt. Die lebendige Geschichte stelle Fragen, bei denen nicht nur Recht wider Unrecht, oder Unrecht wider Unrecht stehe, sondern Recht gegen Recht. «Das Konfliktsgesetz ist elementarer als in dem menschlichen Wollen begründet; es gehört mit dem Todeslose alles Lebendigen zusammen, das das christliche Gewissen der Sünde der Menschheit zugeordnet weiß; es steht und fällt daher mit der Geschichte überhaupt». Letzte Entscheidungen in den «wahrhaft großen» Fragen könnten nicht durch einen Rechtsspruch gesucht werden, weil das geschichtliche Recht eines Volkes an seiner erst noch zu erprobenden Mächtigkeit hange. Über das Recht müsse dann im Wagen der geschichtlichen Tat entschieden werden: indem die Völker ihre ganze Macht an ihren Beruf setzen. Und eben darin sei die Unvermeidlichkeit des Krieges begründet. – Nun, nach Maßgabe solcher theologischer Weisheit wurden dann im Glauben an die «lebendige Geschichte», an das «Konfliktsgesetz» und an die Entscheidung über das Recht durch die Macht von 1938 ab aufs neue solche «geschichtlichen Taten» gewagt; der zweite Weltkrieg konnte beginnen. Nun zählen wir 1951 und schon haben wir bei Anlaß der Frage der deutschen Remilitarisation ähnlichen verderblichen Unsinn wiederum zu hören und zu lesen bekommen.

Nein, daß es so gehe, sollte man eben nicht weiterhin meinen. Was ist das Fatale an den Äußerungen dieser Theologen? Gewiß nicht dies, daß sie sich offenbar alle nicht zu einem absoluten Pazifismus verstehen wollten – wenn es nur darum ginge, wäre ihnen ja recht zu geben. Wohl aber dies, daß sie sich alle von jener relativen Kraft der pazifistischen These so gänzlich unangerührt zeigten, daß ihnen offenbar weder die Dringlichkeit des sechsten Gebotes, noch die nackte Wirklichkeit des Krieges so deutlich vor Augen stand, daß sie zunächst einmal einfach an seine Abscheulichkeit denken mußten – wohl also dies, daß sie – alle offenbar in der Besorgnis, doch nur ja nicht als «Schwärmer» zu erscheinen – mit seiner Möglichkeit mit solcher erschütternden [524] Selbstverständlichkeit und Sicherheit rechneten, daß sie, wenn sie vom Staat oder vom Volk oder von der Geschichte redeten, den Krieg als etwas ebenso Natürliches vor Augen haben konnten, wie wenn es sich etwa um die Polizei handeln würde. Hat man nicht bei allen diesen Theologen den Eindruck, daß sie im Grunde sehr schlicht das im 19. Jahrhundert und noch am Anfang des unsrigen in so vielen Schulund Jugendbüchern dargebotene Geschichtsbild nicht losgeworden sind, laut dessen das Eigentliche und Wesentliche und darum auch das Bemerkenswerteste in der ganzen alten und neuen Weltund Völkergeschichte eben in den immer wieder vorgefallenen Feldzügen, Schlachten und Gefechten zu Land und zur See zu finden wäre? Wahrlich auch ein Gebiet, das der «Entmythologisierung» endlich dringend bedürftig wäre! Jedenfalls: auf Grund dieses Geschichtsbildes sollte mindestens in der Theologie der Staat nicht länger betrachtet werden dürfen. Gerade das möchte man also doch auch bei E. Brunner («Das Gebot und die Ordnungen» 1932 S. 456) auch in der Einschränkung, in der er es sagt, lieber nicht lesen: der Krieg gehöre zum Wesen des Staates. Gibt es eine christliche Bejahung des Staates, die den Krieg nicht gerade von dessen Wesen zu trennen hat? Brauchen wir darum pazifistisch zu reden? Aber muß die Sorge, die staatlich veranstaltete Massentötung möchte Massenmord sein, und also die Sorge, der Staat, in welchem und für welchen auch die Christen und sie zuerst sich verantwortlich wissen, möchte solche Massentötung auch zu seinem opus proprium rechnen und also unbesehen für Recht halten – muß diese Sorge für die christliche Ethik nicht sehr viel vordringlicher sein als die, daß sie ein Stück weit mit der der Pazifisten verwechselt werden könnte? Wie könnte es anders sein, als daß sie mit diesen in der Tat ein gutes Stück weit zusammengehen muß?

Die normale Aufgabe des Staates, um den es ja im Kriege tatsächlich geht, besteht – und das ist es, was die christliche Ethik hier vor allem einzuhämmern hat – nach innen und nach außen nicht darin, menschliches Leben zu vernichten, sondern menschliches Leben zu erhalten und zu fördern. Und nun komme man nicht zu rasch mit der Konstruktion, daß zur Erhaltung und Förderung des Lebens auch Lebensvernichtung gehöre. Diese biologische Weisheit hat in der Ethik als Norm und Regel keinen Raum. Der Staat, den die christliche Ethik bejahen kann und muß, den sie als von Gott gewollte und eingesetzte politische Ordnung zu verkündigen hat, ist nicht an sich und als solcher das mythologische Urwaldtier, das Ungeheuer mit dem Januskopf, das wesensmäßig jeden Augenblick bereit ist, Tausende zu Tötern und andere Tausende zu Getöteten zu machen. Die Kirche tut dem Staat keine Ehre an und sie hilft ihm auch praktisch nicht, wenn sie ihm gegenüber von dieser Voraussetzung hinsichtlich seines Wesens ausgeht. Zur normalen Aufgabe des Staates gehört es nach christlicher Erkenntnis seines Wesens gerade nicht, Krieg zu führen, sondern seine normale Aufgabe besteht nach ihr darin, den Frieden so zu gestalten, daß er dem Leben dient, den Krieg aber gerade fernhält. Wenn die Pazifisten irren, so tun sie es – abgesehen von dem nun einmal unzulässigen ethischen Absolu­tismus ihrer These – in ihrer abstrakten Negation des Krieges, als ob er an sich, d. h. gelöst von seinem Zusammenhang, mit dem ihm vorangehenden sog. Frieden, verstanden und negiert werden könnte. Eben auf diesen Zusammenhang ist aber der Finger zu legen. Wo ein Staat seiner normalen Aufgabe nicht [525] recht nachgeht, da wird er sich früher oder später getrieben sehen, sich die abnormale Aufgabe des Krieges zu stellen und dann auch andere Staaten mit dieser abnormalen Aufgabe zu belasten. Wo die Staatsmacht den inneren Bedürfnissen des Landes nicht gewachsen ist, da wird sie für die dadurch erweckte Unruhe ein Ventil nach außen suchen und im Krieg zu finden meinen. Wo nicht der Mensch, sondern das zinstragende Kapital der Gegenstand ist, dessen Erhaltung und Mehrung der Sinn und das Ziel der politischen Ordnung ist, da ist der Automatismus schon im Gang, der eines Tages die Menschen zum Töten und Getötetwerden auf die Jagd schicken wird. Gegen diese Verderbnis des Friedens hilft dann weder die angebliche – in Wirklichkeit schon untergrabene, schon nicht mehr standfeste – Liebe der Massen zu diesem Frieden, noch alle noch so wohlgemeinte und laute Deklamation der Idealisten gegen den Krieg. Das ist es ja: daß eigentlich bei jedem Kriegsausbruch gerade die Massen mitzugehen und daß dann auch die klarsten Worte gegen den Krieg, auch die schmerzlichsten Erinnerungen an frühere Kriege so merkwürdig schal und kraftlos zu werden pflegen. Von einem Frieden her, der kein rechter Friede war, kann der Krieg allerdings unvermeidlich werden. Dies ist also das Erste, Grundlegende, Entscheidende, das die christliche Ethik in dieser Sache zu sagen hat: es gestalte der Staat, es gestalte die für den Staat verantwortliche Gesamtheit seiner Bürger, es gestalte im Leben des Staates jeder Einzelne in seinem Tun und Lassen den Frieden, solange es nicht zu spät ist, so, daß er nicht jener Explosion entgegenführe, den Krieg nicht unvermeidlich, sondern überflüssig und unmöglich mache. Es braucht verhältnismäßig wenig Glauben, Verstand und Mut dazu, den Krieg prinzipiell und absolut zu verdammen, weil ja sicher (außer den Kreisen der Kriegsindustrie und gewisser unverbesserlicher höherer Offiziere) kein Mensch der Meinung ist, daß er dem Frieden an sich vorzuziehen sei. Und es braucht überhaupt keinen Glauben, Verstand und Mut dazu, mit den Wölfen zu heulen: daß der Krieg leider eben doch zur Ordnung der Welt, zum Leben der Geschichte, zum Wesen des Staates ebenso gehöre wie der Friede und daß man sich zum vornherein auf den Krieg als auf den «Ernstfall» einzurichten habe. Es braucht aber christlichen Glauben, Verstand und Mut dazu – und dazu ist die christliche Kirche, die christliche Ethik da, solchen zu beweisen – den Völkern und Regierungen zuzurufen, daß umgekehrt der Friede der Ernstfall ist: der Fall nämlich, in welchem – nun wirklich «zum vornherein» – alle Zeit, alle Kraft, alles Vermögen dafür einzusetzen sind, daß die Menschen leben, und zwar recht leben können, um dann zur Flucht in den Krieg keinen Anlaß zu haben, d. h. um dann nicht vom Kriege erwarten zu müssen, was ihnen der Friede verweigert hat. Das haben ja die Pazifisten und die Militaristen gewöhnlich gemeinsam, daß ihnen die Gestaltung des Friedens als Gestaltung des Staates zur Demokratie und der Demokratie zur [526] sozialen Demokratie, wenn nur erst «abgerüstet» bzw. «aufgerüstet» werde, cura posterior zu sein pflegt. Und eben darin hat die christliche Ethik ihnen beiden zu widersprechen: weder die «Abrüstung» noch die «Aufrüstung» kann cura prior sein, sondern allein die Herstellung einer für Alle sinnvollen und gerechten Lebensordnung. Wo man damit beschäftigt ist, da werden jene beiden Parolen zwar nicht zu verschwinden brauchen, sondern zu ihrer Stunde je ihr gutes Recht haben und zur Diskussion stehen, da werden sie aber, weil zunächst weit dringlichere Fragen zur Diskussion stehen, ihren fanatischen Klang verlieren müssen. Da darf man dann auch schon eine gewisse Hoffnung haben, daß sie einmal beide miteinander gegenstandslos werden könnten.

Erst auf dem Hintergrund dieser cura prior, erst wenn die Kirche das gute Gewissen hat, in Sachen des rechten Friedens in den Völkern und Staaten überall ihr Letztes einzusetzen, kann und muß sie dann allerdings auch für die Erhaltung des Friedens zwischen den Völkern und Staaten eintreten: für Treue und Glauben auch in ihren Beziehungen untereinander als für die allein sinnvolle Voraussetzung aller «richtigen» Außenpolitik, für solide, vertragsmäßige Verständigungen, und für deren Innehaltung, für Schiedsgerichte und internationale Zusammenschlüsse, und vor allem in jedem einzelnen Volk und Staat: für die Aufgeschlossenheit, für das Verständnis, für die Geduld den anderen gegenüber, für eine solche Erziehung der Jugend, die ihr den Frieden und nicht den Krieg lieb macht, gegen die Einrichtung von sogenannten «stehenden» Armeen, in denen jedenfalls die Offiziere per se eine permanente Gefahr für den Frieden bilden, und gegen alle hetzerische Hysterie, d. h. gegen alles voreilige An die Wand malen jenes anderen, des kriegerischen Ernstfalls. Die Kirche existiert in diesem Aeon, sie hat also nicht den Auftrag, zu verkündigen, daß der Krieg prinzipiell vermeidlich ist, wohl aber hat sie auch in diesem Aeon den Auftrag, sich der satanischen Lehre entgegenzustellen, daß der Krieg prinzipiell unvermeidlich und also prinizipiell gerechtfertigt sei, daß es in diesem Aeon nicht anders sein könne und also in Ordnung gehe, wenn es immer wieder Krieg gebe, an denen dann selbstverständlich auch die Christen teilzunehmen hätten. Auch in einer Welt, in der die Völker und Staaten in Sachen jener cura prior immer erst in den ersten Stadien und sicher nie und nirgends am Ziel eines langen Weges sein werden, muß es praktisch von ferne nicht immer so sein, daß es Krieg gibt, geschweige denn, daß die Kirche das Recht und den Auftrag hätte, zu diesem Müssen zum vornherein und dann praktisch jedesmal konkret Ja zu sagen. Es braucht noch lange keinen Optimismus, sondern nur ein wenig ruhige Vernunft zu der Erkenntnis, daß der Krieg zwar nicht absolut, wohl aber relativ, nicht prinzipiell, wohl aber praktisch weithin vermeidlich ist. Die Kirche soll nicht den Pazifismus predigen, sie soll aber von Fall zu Fall dafür sorgen, daß die [527] Stimme dieser ruhigen Vernunft, solange es irgend eine Möglichkeit dazu gibt, laut wird und zu Gehör kommt, daß die nicht wenigen Mittel, die es heute gibt, den Krieg praktisch zu vermeiden, jedenfalls ehrlich und bis aufs letzte, bis zu ihrer wirklichen Erschöpfung angewendet werden. Immer noch besser, wenn sie ihren Posten in dieser Hinsicht zu lange hält, so daß er schließlich zum verlorenen Posten werden mag, als wenn sie ihn zu früh verläßt, um nachher bemerken zu müssen, daß sie untreu wurde, indem sie einer allgemeinen Aufregung verfiel und damit an einem vermeidbaren Krieg, der dann Völkermord sein wird, mitschuldig geworden ist. In der Aufregung und in der Sprache der Propaganda steckt verborgen immer schon das Massentöten, das dann nur Massenmord sein kann. Die Kirche wird sich auf gar keinen Fall, sie wird sich auch in extremis niemals unter den Aufregenden befinden und ihre Sprache sprechen dürfen. Gerade die in dieser Sache mutwillig Aufregenden und die von ihnen verführten Aufgeregten werden es, ob es ihnen gefällt oder nicht, immer nötig haben, daß ihnen von einem ruhigen Ort fest begegnet wird. Und dieser ruhige Ort muß mit ihrem Wort zur Lage die Kirche sein. Ein Heulen mit den Wölfen wird ihr Wort also niemals sein können.

Wären doch diese beiden Lektionen schon gelernt: die über den christlichen Einsatz für die rechte, den Krieg fernhaltende Gestaltung des Friedens in den Staaten und die über den christlichen Einsatz für alle friedlichen, den Krieg vermeidenden Maßnahmen und Lösungen im Verhältnis zwischen den Staaten! Wären doch diese beiden Forderungen und wäre doch ihr unbedingter Primat schon gesichertes Gut aller christlichen Ethik! Man dürfte dann getroster, vor Mißverständnissen und vor drohenden Rückfällen in die nachkonstantinische Kriegstheologie gesicherter, auch das Andere sagen, d. h. nun doch auch gegenüber dem Absolutismus der pazifistischen These Abstand nehmen und also feststellen, daß auch ein christlicher Einsatz für den Krieg und im Kriege nicht einfach außerhalb aller Möglichkeit liegt.

Es könnte freilich gerade heute als reichlich inopportun erscheinen, auch dieses Andere zu sagen. Aber ist es nicht immer am Opportunsten, sich an die Wahrheit zu halten? Und die Wahrheit in dieser Sache schließt nun einmal unweigerlich auch dieses Andere in sich. Es würde tatsächlich gerade dem starken und heute stärker als je sich aufdrängenden Wahrheitsmoment der pazifistischen These nicht schaden, sondern zugute kommen, wenn es nicht als die Wahrheit, die ganze Wahrheit, sondern – sei es denn auf Kosten der logischen Konsequenz – nur in bewußter Beschränkung durch dieses Andere vertreten würde. Ethische (jedenfalls theologisch-ethische) Konsequenz erweist sich nun einmal anders als in logischer Konsequenz!

Daß ein Anderes hier in Frage kommen kann, beruht auf der Voraussetzung, daß ein Volk und sein Staat einem anderen gegenüber durch dessen Verhalten in jene schlechthin abnormale Lage des Notstandes geraten kann, in welchem es sich nicht nur in seinem größeren oder geringeren Wohlsein, sondern in seinem Dasein, in seinem selbständigen [528] Eigenleben bedroht und angegriffen findet. Ein Staatswesen kann sich durch das Verhalten eines anderen vor die Frage gestellt finden, ob es sich dessen Ansprüchen gegenüber als solches aufzugeben hat oder behaupten muß. Um weniger als um diese letzte Frage wird es sich nicht handeln dürfen, wenn von einer gebotenen, einer gerechten Entschlossenheit zum Kriege die Rede sein soll.

Es mag sein, daß ein Staatsvolk den Wunsch nach politisch-geographisch-wirtschaftlicher Expansion und also nach Erweiterung seiner Grenzen und seiner Hoheit hat. Es mag sein, daß es ihm notwendig erscheinen möchte, seine inneren Verhältnisse durch ein Unternehmen nach außen in Ordnung zu bringen, z. B. durch eine solche Unternehmung seine politische Einheit herbeizuführen. Es mag sein, daß es sich durch das Verhalten eines anderen Staates in seiner Ehre und Weltgeltung gekränkt fühlt. Es mag sein, daß es sich durch die Veränderung der Gleichgewichtsverhältnisse zwischen anderen Völkern für bedroht hält. Es mag sein, daß es in den inneren (vielleicht revolutionären oder reaktionären) Verhältnissen eines anderen Staates einen Grund zum Mißvergnügen und zur Sorge für sich selbst meint erblicken zu müssen. Es mag sein, daß es sich selbst eine geschichtliche Mission, einen Beruf – etwa zur Führung und Beherrschung anderer Völker – meint zuschreiben zu können und zu sollen. Das Alles mag sein. Das Alles kann aber sicher kein berechtigter Grund sein, seine große oder kleine Kriegsmaschine in Bewegung zu setzen, seine Mannschaft zum Töten und Getötetwerden ins Feld zu schicken. Solche Ziele mögen ihm erstrebenswert sein; sie sind aber zu niedrig, um des furchtbaren Einsatzes, der in einem Krieg zu ihrer Erreichung zu bezahlen wäre, wert zu sein. Kriege aus solchen Gründen hätten zu allen Zeiten vermieden werden können. Kriege, die aus solchen Gründen unternommen und geführt werden, sind Mordkriege. Wo solche Gründe in der einen, das Wissen um den Krieg und das gebotene Grauen vor ihm in der andern Waagschale liegen, da müßte man ein unverbesserlicher Romantiker oder eben ein böswilliger Sophist sein, um auch nur zu zweifeln, welche zu steigen und welche zu fallen hat. Die christliche Kirche hat eindeutig zu bezeugen, daß aus solchen Gründen zu führende Kriege nicht gerecht und also zu unterlassen sind.

Auch die Existenz oder Nicht-Existenz eines Staates ist übrigens nicht in jedem Fall ein berechtigter Kriegsgrund. Es kann ja durchaus so sein, daß die Zeit eines Staatswesens in der bisherigen Form seines Bestandes abgelaufen ist, daß sein selbständiges Eigenleben keinen Sinn und Grund mehr hat und daß es darum wohl daran täte, nachzugeben, sich selbst aufzugeben und es fortan in einem andern, größeren Staatszusammenhang fortzusetzen. Auch diese Frage muß also von Fall zu Fall geprüft werden. Jeremia hat das Volk von Jerusalem und Juda bekanntlich – anders als in früherer Situation Jesaja – nicht zum Widerstand, sondern zur Unterwerfung aufgerufen. Der Fall ist denkbar, in welchem das Zeugnis der christlichen Kirche einen entsprechenden konkreten Inhalt haben müßte.

Aber jedenfalls nur in der Entscheidung dieser Frage kann ein berechtigter Kriegsgrund überhaupt in Sicht kommen: da, wo ein Volk und Staat ernsten Grund hat, die Preisgabe seiner Selbständigkeit nicht verantworten zu können. Es wäre wohl gut, es verschärfend gleich so zu sagen: da, wo es innerhalb seiner Grenzen seine aus ernstem Grund nicht preiszugebende Selbständigkeit zu verteidigen hat. Das sechste Gebot warnt nun einmal zu dringlich, als daß die Berechtigung eines anderen Kriegsgrundes von der christlichen Ethik her zugegeben werden könnte.

Warum ist die Möglichkeit zuzugeben, daß dieser Grund im Lichte des Gebotes Gottes ein berechtigter Grund zum Krieg, ein aus diesem Grund geführter Krieg also in seiner ganzen Schrecklichkeit, die auch ihm nicht [529] fehlen wird, ein «gerechter Krieg» sein kann? Offenbar darum, weil es so sein kann, daß mit dem Eigenleben eines Staatsvolks die Verantwortlichkeit des ganzen physisch-seelisch-geistigen Lebens der in ihm zusammengeschlossenen Menschen und damit auch ihr geistliches Verhältnis zu Gott auf dem Spiel steht. Es kann sein, daß den Menschen eines Volkes in und mit dessen Eigenleben etwas anvertraut ist, das sie (ohne Anspruch und Ruhm Anderen gegenüber) durch ihre Existenz zu bezeugen den Auftrag haben, das preiszugeben ihnen also nicht erlaubt sein kann. Es kann sein, daß sie mit dem Eigenleben ihres Staates – vielleicht mit der Form des durch ihn garantierten rechtlich geordneten Gemeinschaftslebens – etwas aufzugeben hätten, was nun eben nicht aufgebbar ist, was ihnen wichtiger sein muß als die Sicherung ihres Lebens vor dem Sterben, eben damit dann aber auch wichtiger als die Sicherung des Lebens derer, die ihnen leider eben das nehmen wollen. Es kann also sein, daß ihnen von Gott verboten ist, auf das selbständige Eigenleben ihres Staates zu verzichten und also geboten, es ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben, aber damit auch ohne Rücksicht auf das Leben derer, die es leider bedrohen, zu verteidigen. Die Möglichkeit dieses Falles wird die christliche Ethik nicht in Abrede stellen dürfen. Er kann als Fall des äußersten Notstandes von Gottes Gebot her gesetzt und gegeben sein.

Ich möchte nicht versäumen, hier beiläufig zu erklären, daß ich heute diesen Fall z. B. gegenüber einem Angriff auf die Unabhängigkeit, Neutralität und territoriale Integrität der Schweizerischen Eidgenossenschaft für gegeben halten und mich heute entsprechend äußern und verhalten würde.

Und natürlich kann der Fall auch in der Form gegeben sein, daß ein. selbst nicht direkt bedrohter oder angegriffener Staat sich auf Grund vertraglicher Verpflichtung oder auch sonst berufen sieht, einem anderen, schwächeren, der in diese Lage geraten ist, beizuspringen. Er wird sich dann, solidarisch mit diesem anderen Staat verbunden, selber im Fall des äußersten Notstandes befinden. Eben mit Rücksicht auf diesen Fall kann die christliche Ethik nicht absolut pazifistisch sein, kann sie nicht aller und jeder militärischen Aktion und darum auch nicht aller und jeder militärischen Rüstung widersprechen. Hat sie alles gesagt, was über den rechten Frieden und über die praktische Vermeidbarkeit des Krieges zu sagen ist, hat sie jenem prinzipiellen Militarismus ehrlich und bestimmt widersprochen, dann muß sie fortfahren: Wenn das Gebot Gottes dahin lautet, daß ein Volk, in solchen Notstand geraten – oder also solidarisch mit einem anderen in solchen Notstand versetzt – sich wehren soll, dann darf es nicht nur, dann soll es sich wehren. Und wo es für ein Volk grundsätzlich, schon im Frieden, auf Grund seiner Verfassung und Geschichte und im Sinn aller seiner verantwortlichen Bürger um diesen und um keinen anderen Kriegsfall geht, da darf und da soll es sich auch für ihn rüsten. Der furchtbare Einsatz des Tötens und Getötetwerdens (samt [530] allem, was er nach sich zieht), auf den seine Rüstung hinzielt, und der damit stattfindet, daß es von ihr Gebrauch machen muß, ist dann gefordert.

Und das wird die besondere, die christliche Note sein, in der sie diese Forderung dann bejahen wird: sie wird dann sagen, daß jener Einsatz unbedingt, d. h. unabhängig von der Frage nach Erfolg oder Mißerfolg seines Unternehmens und also unabhängig von der Frage nach dem Verhältnis zwischen den eigenen und den gegnerischen Kräften gefordert ist.

Es dürfte eben das das sehr tief begründete und sehr sprechende Kriterium dafür sein, ob der Notstand, in welchem der Krieg unvermeidlich ist, wirklich vorliegt: wo das Wagnis des Krieges doch nur unter gewissen Bedingungen hinsichtlich des Erfolges ins Auge gefaßt wird, wo man noch nach den Aussichten fragen kann, wo man den Entschluß zum Kriege von den größeren oder geringeren Chancen abhängig macht, die man zu haben oder nicht zu haben meint, da ist man von dem her, was zu verteidigen wäre, und also von Gott her, offenbar nicht kategorisch zu diesem Entschluß aufgefordert, da könnte man offenbar auch anders, da befindet man sich nicht in jenem Notstand, da würde man also von der Sache besser Abstand nehmen. Hatte der «Defaitismus» des Jeremia nicht seinen klaren Grund in der Tatsache, daß die scheinbar so gewaltige Kriegsfreudigkeit der Jerusalemer nun eben doch bedingt und begrenzt war durch ihr Schielen nach Ägypten, daß sie Errettung und Sieg nun eigentlich doch von dorther erwarteten und also offenbar nicht im Vertrauen auf die Güte ihrer eigenen Sache auf eigene Faust zu kämpfen wagten? Gerade nicht so also, wie es einst Jesaja angesichts der «zwei rauchenden Stummeln von Feuerbränden» (Jes. 7, 4) von König Ahas gefordert hatte!

Man wird die Frage des «gerechten Krieges» wie von der Gehorsamsso auch von der Glaubensfrage nicht trennen können; und beide beantworten sich gegenseitig: wo man ihn im Gehorsam (und also mit gutem Gewissen) wagt, da wird man ihn auch im Glauben (und also mit freudiger, rücksichtsloser Entschlossenheit) wagen. Und wo man den zu ihm nötigen Glauben wirklich aufbringt, da wird das nicht in irgendeiner Begeisterung, sondern nüchtern darin seinen Grund haben, daß man ihn – vielleicht sehr ungern und sicher sehr schweren Herzens – im Gehorsam führen muß und einem faulen Frieden zuliebe nicht unterlassen darf. Umgekehrt: «Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!» (Jes. 7, 9). Gerade aus diesem Zusammenhang ergibt sich, daß die christliche Kirche in ihrer Zuwendung zu einem Staatsvolk, das in den Notstand geraten ist und aus dem Notstand heraus Krieg führen muß, ihren guten Ort haben wird, aber eben auch: in welchem Sinne sie ihm dann erweckend, tröstend, ermutigend und wohl auch zur Buße und Umkehr rufend, zur Seite zu stehen haben wird. Ums Heulen mit den Wölfen, um den militärpfäffischen Vortrag einer ad hoc ersonnenen Kriegsmoral wird es sich auch dann nicht handeln können, sondern dann erst recht um die Predigt des Evangeliums von der Herrschaft der freien Gnade Gottes, um die Anleitung zum Gebet, das dann gewiß nicht in der Anrufung eines heidnischen Geschichts- und Schlachtengottes bestehen, das dann gewiß immer wieder aus dem Dona nobis pacem! herkommen und in dieses einmünden wird. [531] Aber eben so darf und soll die Botschaft der Kirche dann sein: der Aufruf zu dem Kriegswillen, der allein als Akt des Gehorsams gerecht, als solcher nun aber auch wirklich gerecht und allein als Akt des Glaubens kräftig, als solcher nun aber auch wirklich kräftig sein wird. Wenn die Kirche vorher und bis zuletzt mit aller Kraft mit der Einübung jener beiden ersten Lektionen beschäftigt war, dann braucht sie keine Sorge zu haben, daß sie nicht im Krieg des Notstandes auch das rechte, hilfreiche und weiterführende Wort finden werde, das nun eben in der Einübung dieser dritten Lektion bestehen muß. Sie braucht dann auch nicht zu besorgen, daß sie sich mit diesem Wort kompromittieren könnte – und nicht im Blick darauf, daß auch der gerechteste Krieg mit einer Niederlage endigen kann. Eben die Kirche, die ihr Ja zum Kriege nicht billig gemacht, sondern immer wieder hinausgeschoben hat, die sich gegen ein prinzipielles, generelles, institutionelles Ja zum Krieg zuvor ernstlich verwahrt, die zuvor ganz und gar nur den Frieden im Staat und den Frieden zwischen den Staaten als den Willen Gottes verkündigt, die auch bis zuletzt geltend gemacht hat, was ein berechtigter Kriegsgrund nicht sein kann – eben sie wird, wenn der echte Notstand und mit ihm der seltene, sehr seltene Fall des gerechten Krieges da ist, in der Lage sein, den Menschen zu sagen, daß sie, wenn sie nun töten müssen, darum doch keine Mörder sind, sondern auch in diesem opus alienum des Staates Gottes Willen tun dürfen und müssen.

Es bleibt uns nun nur noch übrig, die ganze Frage auch noch im besonderen Blick auf die Verantwortlichkeit und Entscheidung jedes Einzelnen zu stellen. Wir überdachten sie bis jetzt im Blick auf den Staat, weil der Krieg ja eine Aktion des Staates ist. Aber eben der Staat ist nach christlichem Verständnis keine fremd, hoch und mächtig über den einzelnen Menschen schwebende, sie beherrschende, für sie denkende, wollende und entscheidende Hypostase. Sondern indem sie von seiner Rechtsordnung umfaßt und ihr unterworfen, durch sie geschützt und ihr verpflichtet sind, sind sie selbst es, die ihn ihrerseits tragen und erhalten. Indem sie sich seiner relativen Vollkommenheit erfreuen, sind sie – und wäre es auch nur durch ihr Schweigen und ihre Untätigkeit – beteiligt auch an seinen weniger erfreulichen relativen Unvollkommenheiten. Sie sind haftbar für den Zustand, indem er sich befindet und haftbar für das, was von Staats wegen geschieht oder auch unterlassen wird. Sie sind mit seiner Regierung, welche verfassungsmäßige Form sie auch habe und ob ihnen diese genehm sei oder nicht, sie sind mit der Majorität seiner Bürger, auch wenn sie nicht zu ihr gehören, in einem Boot. Das bekannte üble, Ludwig XIV. zugeschriebene Wort kann und muß richtiggestellt werden: jeder Einzelne ist an seinem Ort und in seiner Funktion selbst der Staat. Wenn der Staat eine gute Ordnung Gottes ist, für deren Bestand die Christen beten sollen, dann muß man auch das sagen: daß sie selbst wie [532] die Kirche, so auch der Staat sind: Es ist also nicht an dem, daß der Staat dem Einzelnen irgendeine Verantwortlichkeit abnehmen würde. Es ist vielmehr so, daß eben der Staat auch in die volle Verantwortlichkeit jedes Einzelnen fällt. Und so nun als Aktion des Staates auch der Krieg. Auch in seiner Person wird ja der Staat Krieg führen. Und gerade er, der Einzelne, wird ja im Krieg der Mann oder auch die Frau sein, die das Werk des Tötens vorzubereiten, zu fördern, zu unterstützen und wohl schließlich persönlich zu vollziehen haben wird. Daß er selbst sein eigenes Leben dabei einzusetzen haben wird, gehört auch zur Sache; aber nicht das ist entscheidend, sondern, daß er selbst zur Vernichtung fremden Lebens tätig sein wird. Die Frage: ob das sein darf? sein muß? ist, indem sie an den Staat gerichtet ist, wahrhaftig mit ganzem Gewicht auch an ihn, gerade an ihn, den Einzelnen, gerichtet.

Die ganze Unbegreiflichkeit der älteren christlichen Ethik kommt darin noch einmal zum Vorschein, daß sie sich gerade hier die Leichtfertigkeit leistete, den Einzelnen einfach zu überschlagen bzw. ihn sofort auf das Kollektiv zu verweisen, auf den Kaiser, die Obrigkeit, das Volk, den Staat – und das nun eben so, als ob es sich im Staat um jene über ihm schwebende, für ihn denkende, wollende und entscheidende Hypostase handle, der er als solcher ohne weiteres zu gehorchen habe. Nun wurde gerade, wenn es um den Krieg ging, die Sorge und vielleicht der Protest seines Gewissens, nun wurde jede mögliche Besinnung und freie Entschließung im Keime erstickt durch die generelle Behauptung, daß der Einzelne in dieser Sache keine Verantwortung habe, daß diese ihm durch die Verantwortung und Entscheidung irgendeiner höheren Stelle im Staate abgenommen sei. Nun wurde ihm versichert, daß er in dieser fremden Entscheidung den Willen Gottes zu erblicken habe, ihr also ja nicht widersprechen dürfe, sondern sich nun ganz und gar als causa instrumentalis verhalten, und also mit getröstetem Gewissen nach bestem Vermögen hauen, stechen und schießen dürfe und solle. Nun wurde ihm gerade das massenhafte Töten im Krieg als ein neutrales, ein indifferentes Tun erklärt und ihm zugleich verheißen, daß es für ihn, gerade wenn er es auf jene fremde Verantwortlichkeit hin im Gehorsam tue, ein geradezu gutes Tun und Werk werden möchte. Und je eifriger man diese Lehre vortrug, um so fleißiger war man auf der anderen Seite in der mit ernstern Gesicht vorgetragenen Botschaft: daß es wohl, weil die Menschheit so sündig sei, immer wieder Krieg geben müsse und werde. Als ob man die Menschen nicht gerade mit der Aufforderung zu verantwortungslosem Töten direkt in die Sünde hineingestoßen hätte!

Es sollte aber auch klar sein, daß man auch dem Staat den denkbar schlechtesten Dienst tut, wenn man die Menschen anleitet, seine Verantwortung nur ja nicht ihre eigene sein zu lassen und ihre eigene auf ihn abzuwälzen. So macht man ihn ja mit Gewalt zu dem seelenlosen, despotischen, menschenfresserischen Tier aus dem Abgrund, von dem man – nachdem es noch eben hieß: sein Wille sei als Gottes Wille zu respektieren – dann doch wieder müde, fromm und hochmütig abrückt, um sich des angeblichen Friedens in der Gemeinde und im kommenden Reich Gottes zu trösten. Auch hier ist für die christliche Ethik offenbar gründlichste Re­medur fällig. Sie wird darin bestehen müssen, daß dem faulen Zauber der Unterscheidung von Individual- und Sozialethik gerade an dieser buchstäblich lebensgefährlichen Stelle ein Ende gemacht, das «Du bist der Mann!» ohne Vorbehalt und Abschwächung zu Ehren gebracht wird. Ganze Ströme von Blut könnten vielleicht, da es für die Vergangenheit zu spät ist, wenigstens in Zukunft unvergossen bleiben, wenn die Kirche, wenn es um den Krieg geht, anfangen wollte, gerade dem Einzelnen zu sagen: Du bist gefragt; es geht darum, ob du dabei als Töter im Recht oder eben im Unrecht und also ein Mörder sein wirst! [533]

Geht nun die an den Staat gerichtete Frage in Wahrheit, gerade weil und indem sie an ihn gerichtet ist, auch jeden einzelnen für ihn und in ihm verantwortlichen Menschen an, so heißt das, daß dieser aufgefordert ist, alles das, was der Staat zu bedenken hat, mitzubedenken – natürlich nicht als Privatmann in privater Angelegenheit und unter seinen privaten Gesichtspunkten, sondern als Staatsbürger in Sachen des Staates und wirklich nach dessen Gesichtspunkten, aber eben so persönlich und in eigener Verantwortung mitzubedenken. Alles kommt jetzt also an seinem Ort und in seiner Weise auch auf ihn und gerade auf ihn zu. Die Frage: Hörst du das Gebot und siehst du den Krieg in seiner schrecklichen Wirklichkeit? Die Frage: was tust du für den rechten Frieden im Volk, von dem her es keinen Krieg geben müßte – oder vielleicht für einen faulen, ungerechten Frieden, der den Krieg ungeboren in sich hat? Die Frage: was tust du in irgendeiner der vielen möglichen Formen von Handeln und Unterlassen zur Vermeidung des Krieges zwischen den Völkern – oder vielleicht für das Gegenteil? Die Frage: wie ist es mit deinem Verhalten in Handel und Wandel, mit der Art, in der du denkst und redest, mit dem, was du dir erlaubst und verbietest, mit dem, was du bei Anderen unterstützest oder hinderst – bist du mit dem allem dabei, den Krieg hinauszuschieben oder herbeizuführen? Ist es dir klar, daß er, wenn er kommt, keineswegs senkrecht nach oben aus dem Dämonenreich herauf, sondern – allerdings sehr dämonisch! – durch die Menschen zu den Menschen kommen wird und daß du einer von den Menschen sein wirst, die daran schuldig oder unschuldig sein werden? Und ferner: Bist du fertig mit den unzulänglichen, den falschen Kriegsgründen, und bist du nicht nur bereit, sondern dabei, überall laut und bestimmt dafür einzutreten, daß tatsächlich die allermeisten Kriegsgründe unzulänglich und falsch sind, zu diesem schrecklichen Tun keine Berechtigung geben? Und dann erst – wenn auch erst in letzter Instanz – allerdings auch: Bist du – wenn der echte Notstand für dein Volk und deinen Staat endlich doch anbrechen sollte, bist du ultima ratione, in extremis willig und bereit, zum Krieg und zur Rüstung darauf Ja zu sagen, dann aber auch christlich und also unbedingt und also furchtlos Ja zu sagen mit allen Konsequenzen, die das haben kann, bereit, nicht nur das Getötetwerden, sondern auch das Schrecklichere, das Töten, persönlich auf dich zu nehmen? Noch einmal, gemeint ist: du nicht als Privatmensch, sondern du als Staatsbürger, als Mensch, dessen Gehorsam gegen Gottes Gebot sich auch darauf erstreckt, daß er auch im Staate, mit ihm, für ihn zu denken, zu reden, zu handeln, zu beten hat? Es geht nicht anders: die Kriegsfrage muß auf allen diesen Linien auch als persönliche Frage gestellt und beantwortet werden. Und es ist vielleicht der wichtigste Beitrag, den die christliche Ethik zu diesem Thema leisten kann: daß sie es unerbittlich aus der Unverbindlichkeit allgemeiner politischer und moralischer Diskussionen herausnimmt [534] und in die persönliche Frage übersetzt: Was tatest und ließest du bis jetzt in dieser Sache? Was tust und lässest du eben jetzt? Und was gedenkst du in dieser Sache in Zukunft zu tun und zu lassen? Töten ist ein sehr persönliches Werk und Getötetwerden eine sehr persönliche Erfahrung. Es dürfte darum der Sache angemessen sein, wenn sie gerade in der staatlichen Form, die sie im Kriege hat, zum Gegenstand höchst persönlichen Fragens und Antwortens gemacht wird.

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik III/4, Zollikon-Zürich: EVZ, 1951, § 55, S. 515-534.

Hier der Text als pdf.

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