Reinhold Schneider, Der Engel (Lukas 1,26-38): „Was sich in Nazareth zwischen der Jungfrau und dem Engel begab, war Geschichte im höchsten Sinne als die Entscheidung über das Heil der Menschheit, den Sinn der Welt.“

Der Engel

Von Reinhold Schneider

Es ist vielleicht der ergreifendste Augenblick der Geschichte, da über der düstern Welt der Himmel sich öffnete und der heilige Erzengel Gabriel entsandt wurde nach Nazareth zur heiligen Jungfrau. Auf Erden war es, wie der Prophet vor­ausgesagt: »Finsternis bedeckte das Erdreich und Dunkel die Völker« (Jesaia 60,2); und kein äußeres Zeichen war gege­ben worden, daß die Not sich wenden werde. Aber in Wahr­heit war alles vorbereitet; Gabriel war schon dem Zacharias erschienen, und die Stunde war nicht mehr fern, da der Täu­fer geboren werden sollte, dessen gewaltiges Wort dereinst die Herzen der Menschen öffnen würde für die Botschaft des Erlösers; einige wenige Fromme, wie Simeon und die Prophe­tin Anna, harrten an der Schwelle ihrer Jahre in Sehnsucht des Heilands; auch Simeon hatte die Verheißung empfangen, daß er nicht sterben werde, ehe er den Heiland gesehen. Be­reit für die Botschaft aber waren vor allem das reinste Herz, die Jungfrau, und Joseph in seiner demütigen Gottesfurcht. Gottes Zeit war erfüllt, die Menschen wußten von dieser Zeit nichts und dachten wohl, ihre Jahre weiter zu rechnen wie bisher, gefangen in der Düsternis, an die sich ihre Augen, ihre Herzen gewöhnt hatten, gefangen in der Not, aus der sie kei­nen Ausweg wußten. Aber jetzt sollte der Strom der Ge­schichte, der aus dem Unergründlichen daherrauscht, die Wendung machen, von der aus das Ziel sichtbar wird; nun sollte der König kommen, der einstmals zum Richter würde. Von jetzt an wendete sich die Geschichte, wendete sich das Leben der Völker zum Jüngsten Tag, sollte alles, was gesche­hen würde, im Banne der Verantwortung vor dem König und Richter liegen; von jetzt an sollte auf unwidersprechliche Weise enthüllt werden, was Gott der Herr mit der Welt ge­wollt, wohin er die Völker geführt hatte und noch führen würde bis zum Ende der Zeit, der Geschichte.

Und doch war etwas tief Geheimnisvolles geschehen, und nur zwei erschaffene Wesen wußten davon: der Engel, der das Licht herniedertrug auf die Erde, und Maria, die sich der un­geheuren Botschaft beugte, ohne zu fragen. Schwerlich ver­stehen wir, was dieser Gehorsam der Jungfrau in Wirklich­keit war; hatte doch selbst der greise Zacharias gefragt, als Gabriel ihm einen Sohn ankündigte, der groß sein würde vor dem Herrn. Der Jungfrau aber war ein Sohn verheißen wor­den, der König sein würde in Ewigkeit, Gottes Sohn aus der Kraft des Heiligen Geistes. Sie hatte keine Frage zur Antwort, nur die Unterwerfung. Und indem wir uns den hochheiligen Augenblick als die höchste Entscheidung der Geschichte zu vergegenwärtigen suchen, erkennen wir, wie Gottes Zeit und die Zeit der Menschen einander entgegenlaufen und sich kreu­zen; daß Gottes Zeit durchaus eine andere ist, als der Men­schen Zeit. Die Wende war da; aber wievieler Jahrhunderte bedurfte es, bis die Völker der Erde diese Wende in ihrer gan­zen Bedeutung erkannten! Niemals, bis zu dieser Stunde, er­schlossen sich alle Völker dieser Erkenntnis; andere, die ein­mal von ihr ergriffen waren und ihren höchsten Stolz darin sahen, diese Erkenntnis durch Taten zu bezeugen, suchten das Erkannte wieder zu verdunkeln und zu verwischen. Und doch ruht die ganze Hoffnung der Welt darauf, daß Gottes Zeit eine andere ist als der Menschen Zeit, und daß in der Fin­sternis, unter bedecktem, stürmendem Himmel die letzten Stunden und Tage ablaufen, die uns noch vom Heil und der Gnade trennen; daß durch diesen Himmel der Engel bereits herabgestiegen ist in der Macht seines Lichtes, beschwert mit der Gnade, und daß der Engel und seine Botschaft ein Herz gefunden haben, das für sie bereitet war. Denn das ist ja das Unvergleichliche der in Nazareth geschehenen Entscheidung, daß sie ein einziges Mal und für immer geschah und daß sie doch ihre Wiederholung fordert auf der tief unter ihr liegen­den Ebene des täglichen geschichtlichen Lebens, unseres eige­nen Daseins, unserer eigensten Not. Wenn der Engel spricht; wenn wir das Wort hören von dem König, dessen Reich nicht enden wird; wenn ein einziges Mal, und sei es nur in blitzhafter Ahnung, die Gestalt des Erlösers aufleuchtet vor uns; wenn wir ahnen, daß seinesgleichen niemals war und niemals wie­der sein wird: sind wir dann bereit zum vollkommenen Ge­horsam, zur Unterwerfung ohne Frage? Und eben darauf kommt es an: dahin zielt die Geschichte, zielen alle Bedräng­nis und Sorge, die wir erfahren; diese Bereitschaft ist es, die das entsetzliche Leid der Erde uns abdrängen will. Es ist kein anderer Friede als der Friede, den Christus verheißen hat; dieser Friede, der, nach des Erlösers eigenen Worten, nicht von der Welt ist. Wenn aber ein Herz auf diese Weise befrie­det ist, muß es Frieden ausstrahlen; der Friede Christi, der nicht von der Welt ist, kann nicht ohne Wirkung bleiben auf die Welt. Befriedet er die Herzen der Gebieter und Mächti­gen, wie er etwa das Herz des heiligen Kaisers Heinrich und seiner Gemahlin Kunigunde oder Kaiser Heinrichs III. oder des heiligen Ludwig von Frankreich oder heiliger Päpste be­friedet haben mag, so muß es auf unverkennbare Weise heller werden in der Welt; befriedet er die Herzen der Namenlosen, die nicht zu gebieten haben, so werden diese Heiligkeit und Stille wohl nicht so leicht wahrzunehmen sein, aber sie teilen sich der Welt doch mit und verändern langsam, aus dem en­gen Kreis in den weiteren dringend, das Verhältnis der Men­schen zueinander und ihr Verhältnis zu den Dingen; sie ver­ändern das Wesen, den Gehalt der geschichtlichen Stunde, in die wir geboren sind.

Was sich in Nazareth zwischen der Jungfrau und dem Engel begab, war Geschichte im höchsten Sinne als die Entscheidung über das Heil der Menschheit, den Sinn der Welt. Eben darum muß alles, was sich seither begibt, in einem gewissen Grade der heiligen Begebenheit von Nazareth gleichen: der Engel kommt zu den Menschen; der Heiland soll geboren werden im Herzen eines jeden. Aber der Engel zwingt nicht, und er öff­net die Augen nicht mit Gewalt denen, die ihn nicht sehen wollen; seine Stimme, in der die ganze Macht der Verwandlung ist, tönt nicht laut. Die werden ihn sehen und hören, die still für ihn sind, und sei es auch nur für einen einzigen Au­genblick; diejenigen werden vor ihm erschrecken, wie Maria erschrak, die wissen und glauben wollen, daß es eine Macht der Höhe gibt, ein gewaltiges Licht über den Wolken, und daß diese Macht den Menschen einmal einfordert zum voll­kommenen Gehorsam. Denn etwas Schreckliches ist um den Engel, etwas Schreckliches auch um das Wort des Herrn und sein Leben in unserem Leben; immer wieder beteuern die Evangelisten, daß sich das Volk entsetzte über Christi Lehre und seine Taten, und dieses Entsetzen ging auch nach des Herrn Himmelfahrt von den Worten der Apostel aus, über die der Geist gekommen war. Dieses große Erschrecken vor der Gewalt des Lichtes über den Wolken, des Lichtes, das über die Erde kommt, ist der Augenblick der Gnade, der Wandlung.

Und da wir nun aufblicken zum Himmel, der vielleicht noch niemals düsterer und geheimnisvoller war seit vielen Jahr­hunderten als jetzt in diesem Jahre – gleichwohl einem Jahre des Heils, nicht des Unheils, weil es ein Jahr ist in Gottes Zeit, nicht in der Menschen Zeit —, da wir aufblicken und nach ei­nem Zeichen des Friedens spähen, so will es uns wie eine wun­derbare Ahnung überkommen, als ob der Engel dagewesen sei und noch immer umgehe und ein Herz einfordere nach dem andern, ja als ob er die Gnade schon gebracht hätte aus Gottes Erbarmen und die Vorbereitung der großen Wende schon geschehen sei. Denn es gibt nur eine Wende und Not­wende: die Hinwendung zu Christus; und wenn wir aus die­sem Jahre, das gewiß bisher das schrecklichste war in den Jahren unseres Lebens, über eine weite Strecke zurückblicken, vielleicht um zwanzig oder um dreißig Jahre, so sehen wir deutlich, daß der Engel die Erde heimgesucht hat; es ist ein Wissen vom Herrn da und von der Geschichte als von seiner Zeit, welches Wissen vor zwanzig oder dreißig Jahren wohl schwerlich in den Menschen lebte, ob ihrer auch viel mehr als heute sich zum Herrn zu bekennen schienen: zum Herrn, der vielleicht doch nicht in ihnen geboren worden war. Zeugen und Heilige sind seither über die Erde geschritten, die seit Jahrhunderten so arm an Zeugen und Heiligen war; Zeugen und Heilige leben und leiden im Verborgenen vielleicht unter uns.

Wir wollen diese erste Ahnung, diesen geheimnisvollen Trost nicht laut aussprechen; wir wollen uns Schuld und Sünde nicht verbergen, an denen wir alle tragen. Und doch wissen wir: der Engel steigt hernieder in diese Zeit, er durchbricht die gewaltige Wolkennacht, die über uns lagert; und sein Wort wird die Menschen, zu denen er gesendet ist und die ihn emp­fangen, zu Trägern der Wahrheit machen. Die Geschichte des Heils begibt sich auf den Schlachtfeldern der Erde als die Er­füllung von Gottes Zeit mitten in der Menschenzeit; diese Jahre namenlosen Leides sind vielleicht ein Mysterium der Gnade; es geht nicht um die Zeichen, die Menschen erhoben haben; es geht, mitten im Streit der Erdenmächte, um das Heil einer jeden Seele und der Welt, um die Verherrlichung Christi im Menschen. Und so ist ein jeder von uns, an einem jeden Ort, unter der ihm auferlegten Pflicht, zum Träger der Geschichte im höchsten Sinne erlesen, steht ein jeder, leidend, gehorchend und wirkend im Heilsdrama der Welt. Er soll be­reit sein für den Engel, er soll ihn empfangen, und er soll die Begegnung mit dem Engel bezeugen durch sein ganzes Sein. Jetzt, »da Finsternis das Erdreich bedeckt und Dunkel die Völker«, ist die Stunde des Engels da. Die Frauen, die ihn empfangen haben, werden unversuchbar für die Mächte und Gewalten der Erde, weil fortan der König sie durchherrscht, der stärker als der Versucher ist; die Männer, die das Wort des Engels vernommen haben, werden Mut erlangen zur kühnsten Tat, die auf Erden getan werden kann: zum rück­haltlosen Bekenntnis zu Christus, dem König. Vor 1945

Quelle: Reinhold Schneider, Gesammelte Werke, Bd. 9: Das Unzerstörbare. Reli­giöse Schrif­ten, Frankfurt a.M.: Insel, 21984, S. 383-388.

Hier der Text als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s