Paul Schempps Gedanken über Weihnachten 1947: „Die Freiheit zum Menschsein ist möglich seit Weihnachten. Jesus hat niemand die Freiheit genommen, nicht einmal dem Judas die Freiheit, sein Verräter zu sein. Nur ans Licht, an den Tag gekommen ist jeder mit seinem Wesen vor ihm, weil er mit Gott und Gott mit ihm war. Wegen des Christtags kann man jedem Menschen zur Freiheit gratulieren. Der Herr ist mit Dir! Sei, wes du willst; dieser Herr steht für dich, nicht gegen dich; er bekennt sich zu dir, du gehörst ihm.“

Gedanken über Weihnachten (Weihnachten 1947)

Von Paul Schempp

Auch heute noch einmal: Fröhliche Weihnachten! — Es werden ja auch in diesem Jahre nur wenige sein, die sich dem Zauber von Weihnachten entschlossen und ganz entzogen haben. Es sind immerhin ein paar Feiertage und das heißt Ruhetage, Tage, an denen man mehr über sich selber verfügt als sonst. Man kann da trotz der Enge der eigenen und der allgemeinen Lebensverhältnisse doch ein wenig das Leben genießen nach eigenem Geschmack, ob man spazieren geht oder sich ausruht, ob man Sport treibt oder Besuche macht, ob man ein Buch liest oder ver­reist, ob man die Kirche oder eine Unterhaltungsstätte oder beides besucht, ob man mehr dem Magen oder mehr dem Gemüt Rechnung trägt. Man darf jedenfalls ein biß­chen mehr als sonst sein, wer man ist. Man darf die freilich beschränkten Möglichkeiten aus­probieren, es sich gut gehen zu lassen. Und dabei ist Weihnachten nicht bloß ein verlängerter Sonntag, sondern es ist längst Sitte geworden, an Weih­nachten dazu beizutragen, daß es auch andern gut geht. Weihnachten ist zum Geschenktag geworden. Es ist die Freiwilligkeit, die dabei so erwärmend und ansteckend wirkt, an einem Wettbewerb des Freude­bereitens teilzu­nehmen. Hei, was erweist sich der Mensch doch so regelmäßig und allgemein und wie selbst­verständlich an Weihnachten als liebevolles Familienglied, als Kinderfreund, als Menschen­freund, als Wohltäter, als Anwalt der Armen und Notleidenden! Selbst der sonst so hart und herrisch wirkende Staat nimmt teil an dieser jähr­lichen Epidemie der Nächstenliebe. Durch alle seine Organe hindurch geht ein Wille zur Freigebigkeit, zur Milde, zur Amnestie oder doch wenigstens zur Vernunft. Freilich war das Schenken in diesem Jahr mehr als früher eine Kunst, weil es nicht bloß vom Geschenk und vom Geldbeutel abhängt, sondern weithin auch von guten Beziehungen. Nicht bloß der Egoismus, sondern auch die Nächstenliebe sieht sich manchmal auf illegale Mittel und Wege angewiesen. Aber wir wollen da nicht engherzig sein, um nicht den Verdacht des Neides zu erregen. Wir gönnen einander beides, das Schenkenkön­nen und das Beschenktwerden. Wir brauchen auch nicht allzu genau nach den vielerlei Moti­ven fragen, die das Schenken begleiten oder bewirken. Es gibt auch an Weihnachten Kompen­sationsgeschenke, eine immerhin recht freund­liche Art des Gütertausches. Es gibt auch an Weihnachten Reparations­geschenke, eine nicht verwerfliche Art der Schuldentilgung. Es gibt auch an Weihnachten Demonstrationsgeschenke, eine Art Zurschau­stellung des besseren Men­schen, der sonst leider zu wenig Mut, Willen oder Fähigkeit hat, in den Vordergrund und in Tätigkeit zu treten. Vielleicht gibt es an Weihnachten sogar Korruptionsgeschenke, so klei­ne, bewußte oder auch unmerkliche Bestechungsversuche. Aber nicht wahr, es bleibt bei all dem noch genug echte Menschenfreund­lichkeit, so daß wir uns ohne Mißtrauen vergnügt beteiligen können und beteiligt haben an diesem schönen Spiel des Schenkens und Sich-schenkenlassens. Wir wünschen einander ehrlich fröhliche Weihnachten und tun auch ehrlich, was wir können, einander fröhliche Weihnacht zu bereiten.

Und dabei dürfen wir auch ehrlich zugeben, daß der Unterschied im Grunde nicht so furchtbar groß ist, ob wir mit oder ohne Tannen­baum und auch mit oder ohne Weihnachtslieder und Bibel und Kirch­gang es uns selber und einander so vergnügt und gemütlich machen, als es heute eben noch möglich ist. Es ist schon viel, wenn wir in diesen Tagen besser, friedlicher, gelockerter, freundlicher, kindlicher, feier­tagsmäßiger gestimmt sind als sonst. Es ist freilich keinen Augenblick abzustreiten, wenn man uns sagt: Seht, dieses schöne Fest verdankt ihr einzig und allein dem Christentum. Ja natürlich, es ist ja das Christfest und es stimmt schon irgendwie, wenn man den Kindern erzählt, all die schönen Sachen seien vom Christkind. Aber es ist nicht sehr fein und vornehm, beim Schenken sogleich den Dank einzufor­dern und auf Anerkennung zu spekulieren.

Es gibt nun einmal viele Menschen, die bei der schönsten Weihnachts­predigt nicht mitkom­men oder sich einbilden, daß sie nichts davon haben, viele, die das Christentum eben nur noch als Verzierung und herkömmliche Umrahmung des Weihnachtsfestes kennen. Das Mah­nen und das Schelten und Erziehen, das Belehren und Bekehren, das Zwingen und Dressieren hat so viel Zeit und Platz im ganzen Jahr, daß man an Weihnachten einander auch den Gefallen tun sollte, darin eine freundliche Pause zu machen. Der Mensch braucht für alles auch seine Schonzeiten. Das gilt nicht bloß fürs Schaffen und Sorgen und für die Politik, das gilt auch für die letzten und tiefsten Fragen des Lebens und Sterbens. Alle Religion, alle Ideale und Über­zeugungen, alle Grundsätze und Weltanschauungen in Ehren, aber der Mensch selber ist wichtiger als das alles. Ich möchte allen, die zuhören, sagen: Laßt heute einmal alle einander soviel als irgend möglich in Ruhe! Gebt und gönnt doch heute jedem seine Freiheit und über­laßt ihn seinem Gut­dünken und Pläsier! Eltern, die etwas von Kindererziehung verstehen, wissen, wie nötig es ist, die Kinder auch je und je ganz in Ruhe zu lassen und sich selbst zu überlassen. Immer geht das natürlich nicht und immer können und sollen auch wir Erwachse­nen einander nicht in Ruhe lassen. Aber was für ein schönes und billig beschaffbares Weih­nachtsgeschenk wäre das, so recht mit Lust bloß Mensch und nichts als Mensch sein zu dür­fen, unbelastet von all dem Plunder von Rechten und Pflichten, den wir sonst zu schleppen haben, unge­stört voneinander und unbehelligt von noch so wohlgemeintem Er­suchen um Interessenbeteiligung. Die Welt geht damit noch nicht aus den Fugen, wenn man den Men­schen einmal vertrauensvoll seiner eigenen Freiheit überläßt ohne alles Leitseil und Kom­mando. Es gibt ja wahrlich noch genug Gitter und Zäune, die uns begrenzen und von selber den Übermut dämpfen. Denn das können und dürfen wir uns ja nicht verheimlichen, daß alles, was wir uns über die Weihnachtstage — jeder auf seine Art — an Ruhe, an Freude, an Frei­heit verschaffen und dann auch gönnen können, nach innen und nach außen auf jene andere Seite des Menschseins stößt, die man wohl für eine Weile, sei’s mit Ruhe, sei’s mit leichtem Sinn, abdecken, ignorieren oder fliehen kann, die aber zu unsrem wirklichen Leben so unzer­trennlich gehört wie die Nacht zum Tage. Es wird wohl jeder wissen, was ich meine. Es ist das traurige Weihnachten, das niemand ganz verscheuchen kann, weder mit heiterer Stim­mung noch mit liebevollen Geschenken noch mit fröhlichen Wünschen. Da sitzt in einem Winkel des Herzens trau­ernd die Sehnsucht zurück nach der verlorenen Heimat. Da quält die bittere Frage nach dem Los der Vermißten. Da kreisen die Gedanken um die heimwehkranken Kriegsgefangenen in Frankreich, England und Ägypten, auf dem Balkan und vor allem in Rußlands unbe­kannter Weite. Da reden die Bilder der Toten von entschwundenem Glück. Da lastet die Not von Krankheit und Armut und drohen die Schatten von Verbitterung und Ent­täuschung. Da ist jeder Anteil an fröhlicher Weihnacht nur zu erkaufen durch die Flucht vor der trau­rigen Weihnacht. — Wir wollen’s jedem ehrlich gönnen, dem diese Flucht aus der Unruhe, aus dem Schmerz und aus den Fesseln des Daseins leidlich gelingt. Wir wollen kei­nen tadeln, der das Glück hat, sich unbefangen dem mehr oder weniger christlichen Zauber der fro­hen Weihnachtsstimmung hingeben zu können. Selbst wer nicht los­kommt von dem Kummer seines Herzens und sich abseits hält und einsam fühlt, der mag sich Mühe geben, doch ja kein Spielverderber zu sein und Lichter auszulöschen, weil sie doch nicht lange bren­nen, wie ja wohl manche Mutter nur leise und verstohlen beim Feste weint, wenn ihre vaterlo­sen Kinder jauchzend spielen.

Gerade das echte, das eigentliche Weihnachtsfest, der Grund und Kern des Christtags, fügt nämlich leicht zusammen, was wir alle zu trennen suchen, weil es sich gegenseitig bei uns stört, das traurige und das fröh­liche Weihnachten. Es ist ja ein Geburtstag, den wir da feiern mit dem guten oder auch anfechtbaren Geschmack der Sitte, als mehr oder weni­ger ernst zu nehmende Christen oder gar als unverkennbare Nicht­christen.

Es ist eine merkwürdige Sache um alle Geburtstagsfeiern bei Großen und Kleinen. Auch wo es ohne besondere Zuteilung an den Magen geht, beglückwünschen wir das Geburtstagskind und bekunden damit Freude an seinem Dasein, Wohlwollen für sein Ergehen. Wir sind ganz unbefangen davon überzeugt, daß wer Geburtstag hat, auch Grund hat, sich seines Lebens zu freuen. Wir muten ihm zu, gern auf dieser fehlerhaften Welt zu sein, und meinen wohl ganz allgemein, es sei ein Glück, geboren und noch am Leben zu sein. Wie sollte und könnte man auch ehrlicherweise den eigenen Geburtstag oder den Ge­burtstag anderer feiern, wenn man im Grunde des Herzens den Wunsch hat, nie geboren zu sein oder möglichst bald zu sterben? Es ist leider gar nicht zu leugnen, daß heute in viel tausend Fällen die Ankunft eines kleinen Erdenbürgers gar nicht mit Freude begrüßt und gefeiert wird, von der Zahl der unerfreulichen und unwillkom­menen erwachsenen Zeitgenossen ganz zu schweigen. Es gibt ja so mancherlei triftige Gründe, warum eigentlich niemand so recht von Herzen Ja sagen will zum eigenen Leben und zugleich zum Leben aller Mitmenschen. Ist einer mit sich selber leidlich zufrieden, so hat er meist an den andern umso mehr auszusetzen. Und meint einer, er dürfe andere mit Recht beneiden, so zeigt er damit, daß es ihm nicht wohl ist in der eigenen Haut. Und doch lassen wir uns das Geburts­tagsfeiern und Gratulieren nicht nehmen, obwohl man den Jungen so oft prophezeit: ihr werdet es einmal schwer haben, und obwohl die Alten so oft seufzen: ich möchte es nicht noch einmal durchmachen. Nicht wahr, mag man noch so ernüchtert und zerschunden sein von der grausamen Wirklichkeit des Lebens, so taucht doch immer wieder an Geburtstagen schüchtern oder keck ein Ja zu diesem Leben auf, sogar bis tief in die Reihe der Pessimisten hinein. Da gratuliert man einander nicht zu einem besonderen Glücksfall und nicht zu einer ge­lungenen Leistung, sondern ganz einfach zum Dasein, zum Geboren­sein, zum Menschsein selber. Mögen dabei die Erwachsenen manchmal gemischte Gefühle haben, so verstehen’s dafür die Kinder meist umso besser, in unschuldiger Eitelkeit, ihren Geburtstag einfach herrlich wichtig zu nehmen. Aber wer ist sicher davor, daß ihm nicht auch ein­mal oder gar wieder und wieder das Wasser bis an den Hals geht und er Anklage erhebt gegen das Geborensein wie Hiob: „Verflucht der Tag, der mich gebar, die Nacht, die sprach: ein Sohn ist da!“ oder wie der Prophet Jeremia: „Weh mir, Mutter, daß du mich geboren hast!“? Nein, ob wir wissen warum, oder ob wir nach gar keinem Grund fragen, an Geburtstagen geben wir dem Prediger Salomo doch nicht recht, den die Tränen der Bedrückten so erschütterten, daß er die Toten pries, „die längst Gestorbenen; glücklicher sind sie als die Leben­den, die jetzt noch leben, und glücklicher als beide ist der Ungeborene“, und der vom Tag des Todes sagte, er sei besser als der Tag der Ge­burt. An Geburtstagen siegt doch immer wieder die Melodie „freut euch des Lebens!“, auch wenn mancher nicht weiß, warum. Ja, warum denn nicht?

Darum möchte ich nun sagen, weil das der eigentliche Sinn des Weih­nachtsfestes ist, daß da der Geburtstag dessen gefeiert wird, der die Freude am Geborensein, am Leben, am Mensch­sein schlechterdings ins Recht setzt. Wir wissen das Datum nicht, wann Jesus geboren wurde, nicht einmal das Jahr ist einwandfrei festzustellen, aber jedes Schul­kind weiß, daß sich unsre Zeitrechnung nach diesem Ereignis richtet. Ist das nur eine Vereinbarung der Christenheit zu Ehren Jesu? Ist das nur ein Gesetz und eine Spielregel, die man jederzeit auf heben könnte durch Einführung einer neuen Zeitrechnung? Beweisen kann man es ja niemand, daß hier die Mitte der Zeiten sein soll, daß hier die große Wende geschehen sein soll, die es rechtfertigt, nach vorwärts und rück­wärts alle Jahre nach diesem Geburtstag zu zählen. Daß das Leben seither lebenswerter, daß das Menschsein seither sinnvoller, frucht­barer, glücklicher gewor­den sei, das läßt sich mit manch guten Grün­den bezweifeln, ja bestreiten. Aber wir habens doch alle noch irgend­wie im Ohr als ganz und gar einzigartige und zugleich universale Aus­zeichnung des Geburtstages Jesu: „Welt ging verloren, Christ ward geboren! Friede auf Erden den Menschen des Wohlgefallens! Christ der Retter ist da! Siehe, ich verkündige euch große Freude!“ Gesagt, gehört und gesungen hat man es schon oft und daran wird es gewiß auch in diesem Jahr nicht gefehlt haben. Wer da von etwas besinnlicher Natur ist, dem können dabei die kuriosesten Gedanken kommen. Wie reimt sich das zusammen? Hier ein Tag in fast un­vor­stellbar ferner Vergangenheit, der Geburtstag eines Menschen, geprie­sen und besungen, als habe mit ihm die Rettung und Genesung der Welt begonnen, als habe er den Menschen Heil und Frieden gebracht und sei es durch ihn nun bis heute eine Lust geworden, zu leben und Mensch zu sein. Und hier die graue Gegenwart einer jammervoll fried­losen Welt und Men­schen, ratlos und hilflos und fast zu abgestumpft zum Weinen wie zum Lachen. Kein Wunder, wenn man da einen Aus­gleich versucht und etwa ins Idealisieren gerät und vielleicht auch ein wenig ins Träumen von Frieden und Glück, sei’s im Herzen oder in einer besseren Zukunft, sei’s im Jenseits und Himmel. Kein Wun­der auch, wenn einen da heimlich die Wehmut packt: ach wenn’s doch einmal wahr und wirklich würde, was da die Kinder und die From­men so Wunderschönes singen und sagen! Kein Wunder aber auch, wenn man ohne böse Absicht den Geburtstag und den Namen dessen einfach vergißt, den man an Weihnachten feiert. Es ist ja auch bei recht schönen Tauffestlichkeiten nicht selten, daß man den Täufling selber eben ver­gißt oder nur geschwind zum Angucken herumreicht.

Aber das eigentliche Weihnachten ist doch etwas ganz anderes. Es ist in sich selber wahr, in sich selber beweiskräftig, weit überlegen über alle Ausgleichsversuche und über alle Flucht­versuche, weit überlegen über unsere Feierlichkeit und über unsere Vergeßlichkeit, über un­sern Trübsinn und unsern ehrlichen Scharfsinn. Da ist etwas passiert, womit die Welt bis heu­te noch nicht fertig geworden ist, das eben noch nicht vergangen und vergessen ist, das noch heute laut oder leise in der Gesellschaft der Menschen rumort. Was da geschehen ist, hat noch nie ein Mensch seiner Bedeutung nach würdig gefeiert. So viel Ruhe und Freude und Freiheit, oder mit einem Wort: so viel Seligkeit, als dazu nötig wäre und diesem Tag entsprechen wür­de, kann gar kein Mensch fassen und ertragen. Das ist nämlich nicht der Stifter einer neuen Reli­gion, nicht der Gründer einer neuen Kirche, nicht der Künder neuer Erkenntnisse und Wahrheiten, nicht das unerreichbare Vorbild und der Bahnbrecher menschlicher Größe und Würde geboren. Solche Aussagen reichen entfernt nicht an das heran, um was es an Weih­nachten geht. Man muß da schon höher greifen und so radikale, so gefüllte, oder ich möchte sagen, so fröhliche und kräftige Worte nehmen, wie sie nun einmal die Bibel dafür gewählt hat, Worte, die freilich heute reichlich unglaubwürdig geworden sind: „das Leben“, „die Wahrheit“, „das Heil“, „das Licht“, „der Frieden“, „der Retter“ ist erschienen! Das sind die rechten Beschreibungen der Tatsache, an die Weihnachten er­innert, und sie besagen eher zu wenig als zu viel. Denn sie sind nur Umschreibungen für die noch kühnere Aussage: Gott ist erschienen! Mit Jesus, in Jesus, als Jesus ist Gott selber Mensch geworden, herab­gestiegen, heruntergekommen zu diesem kleinen Sternlein Erde, zu diesem merkwürdig eitlen und zähen und ebenso merkwürdig ver­zagten und hinfälligen Geschöpf Mensch, zu diesem sonderbaren Volk der Juden, das eben dazu geschaffen, darauf vorbereitet, dafür aus­gezeichnet war und auf dieses Ereignis zu warten hatte. Gott selber als Mensch geboren! Das ist freilich eine höchst verwunderliche Sache und man muß schon mindestens mit einem Auge auch auf die anderen christlichen Feiertage sehen, auf Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten, wenn man nicht schließlich doch wieder ohne Einsicht und Gewinn von Weihnachten eben Abschied nehmen will. Diese Herab­lassung Gottes in Jesus, dieses Herabkommen Gottes zu den Menschen hat ja eine Fortsetzung; es ist ja eine Lebensgeschichte und es geht noch weiter herunter; es kommt da eine Stelle, wo es heißt: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, und dann die hastige Beerdigung eines Menschen, den man gehenkt, erledigt und liquidiert hat. Und wenn damit diese Geschichte zu Ende wäre, dann wäre es auch aus mit Weihnach­ten, dann wäre nichts verloren, wenn man es abschaffte. Aber es ist eben nicht aus. Diese Geschichte geht weiter. Sie nimmt eine Wende: auferstanden von den Toten! Aufgefahren! und dann ist’s auch noch nicht aus. Dann gibt’s eine Geschichte nach Christi Geburt. Und da regiert dieser Jesus. Da treibt er das Rad der Weltgeschichte und da kann sich kein Finger regen ohne ihn. Und in dieser Geschichte gibt es dann ein Anno Domini 1947, „im Jahr des Herrn 1947“ oder wie die Alten sagten „im Jahr des Heils“. Und dann gibt’s eine Zu­kunft, ein Ziel für die Erde und Menschheit, und da werden alle Zungen bekennen, daß Jesus der Herr ist. Den Geburtstag dieses Herrn feiern wir an Weihnachten. Wo es je und dann und hier und dort ein paar Leute gibt, die das entdecken, die eine Ahnung davon bekommen, was für ein Mensch das ist, nach dem der Christtag heißt, da gibt’s einen Ruck nach vorwärts, da kommt wieder neues Leben und neue Kraft in die Geschichte hinein und es sieht nicht mehr alles nach Kapitalschwund, Ausverkauf, Substanzverlust und Untergang aus. Jedes Kind weiß wohl noch von der Schule her, daß sich Jesus selber „des Menschen Sohn“ genannt hat, und das heißt soviel wie einfach „der Mensch“. Der Mensch ist damals geboren; der echte, der wahre, der seinem Wesen und seiner Bestimmung ganz und gar entsprechende Mensch, der Gottes­mensch. Und jedes Kind weiß auch, daß man Jesus deshalb zum Tod verurteilt und umge­bracht hat, weil er nicht leugnete, der „Sohn Gottes“ zu sein. Gott und der Mensch beisam­men, eins und einig, und doch kein Übermensch, nicht einmal ein Herrenmensch, ja nicht einmal ein rechthaberischer, stolzer Mensch, sondern ganz im Gegenteil ein gequälter, unver­standener, verstoßener, verlorener und verlassener Mensch, ein von der Geburt bis zum Grab elender Mensch: das war Jesus. In dieses Menschsein hinein ist Gott in Jesus gekommen. Er ist an das untere Ende der Menschheit getreten und da, wo die Menschheit in Not- und Ratlo­sigkeit, in Selbstzerfleischung und Bank­rott immer wieder zum Gräberfeld wird, da ist er als Herr ihr Bundes­genosse geworden. Gott mit uns! Das gilt seit Weihnachten. Das gilt aber nicht als der eitle Wahlspruch auf Koppelschlössern oder auch im Munde der Extrafrommen, sondern das gilt darum und nur darum, weil es sein Name ist. Der Herr ist mit Dir! Das ist der Sinn des be­scheidenen „Grüß Gott!“, das wir alle oft genug sagen und hören. Und das ist auch der Sinn des eigentlichen Weihnachten. Weil das so ganz und gar unabhängig von uns gilt und wahr ist wie der Schein der Sonne, darum kann man allen Menschen, wer sie auch sein mö­gen, den Gottlosen so gut wie den Frommen, dazu gratulieren, daß Jesus ge­boren ist, daß wirklich und wahrhaftig Gott selber in ihm sich zu den Menschen bekannt hat.

Was wäre das für eine Welt, in der jeder Mensch sich zu sich selber be­kennen könnte und dürfte, ohne alle Scham und ohne alle Angst! Wie­viel Kunst, wieviel Klugheit, wieviel Raffi­niertheit, wieviel Selbst­betrug wird doch Tag für Tag dafür verwendet, daß sich die Menschen als anders und als besser hinstellen als sie in Wahrheit sind. Fragt die Juristen, fragt die Leute von den Spruchkammern, fragt die Finanz­ämter, die Wirtschaftsämter, die Wohlfahrtsämter, fragt die Politiker oder die Lehrer: Farbe bekennen, ehrlich und frei gestehen, wer man ist und wer man war und was man getan hat und was man beabsichtigt, ohne Verheimlichung, ohne Beschönigung, ohne Berechnung, Ver­drehung und Diplomatie, aufrichtig sich zu seinem Wesen, zu seiner Lage, zu seinen Handlungen bekennen, das ist nicht die Regel unter den Menschen, nicht einmal in den Familien und Ehen. Man redet viel von Vertrauen, aber selbst die Beteuerungen und die Eide sind nicht mehr glaubwürdig. Aber von Weihnachten aus, von der Tatsache aus, daß Gott sich zu den Menschen bekannt hat, ist eigentlich jeder Grund hinfällig geworden, warum der Mensch nicht frei sein sollte, zu sich selber zu stehen, für sich einzustehen, ja zu seinem Leben zu sagen und ganz fröhlich der Mensch zu sein, der jeder ist. Ist Jesus mit Gott ganz unten in der tiefsten Tiefe des Menschseins, dann ist es nie und nir­gends mehr eine Schande, Mensch zu sein, dann kann und darf man sich frei auch zu den eigenen Fehlern, zu der eigenen Dummheit, zu der eigenen Schuld und zu dem eigenen Elend bekennen. Die Freiheit zum Menschsein ist möglich seit Weihnachten. Jesus hat niemand die Freiheit ge­nommen, nicht einmal dem Judas die Freiheit, sein Verräter zu sein. Nur ans Licht, an den Tag gekommen ist jeder mit seinem Wesen vor ihm, weil er mit Gott und Gott mit ihm war. Wegen des Christtags kann man jedem Menschen zur Freiheit gratulieren. Der Herr ist mit Dir! Sei, wes du willst; dieser Herr steht für dich, nicht gegen dich; er bekennt sich zu dir, du gehörst ihm. Seit Weihnachten ist die Frei­heit kein Märchen und kein Ideal, sondern eine fröhliche Tatsache, allen offenen und geheimen Ketten und selbst dem Tod zum Trotz! — Jesus und also mit ihm Gott selber hat sich aber zu allen Menschen bekannt. Deshalb sind vor ihm alle Menschen gleich! Es gibt sehr viele Unter­schiede unter den Menschen. Ja es gibt überhaupt keine Duplikate und Wiederholungen. Trotz alles Jammerns über den Herden- und Massen-Menschen von heute und über den Verlust der Individualität ist jeder Mensch ein kleines bißchen auch ein Original, eine Sonderausgabe, und das ist gut und erfreulich. Aber freilich gibt es auch sehr viele fatale und gefährliche Unterschiede, und der ganze Krach und Lärm der Weltgeschichte läuft schließlich darauf hinaus, daß man darüber streitet, ob die Unterschiede bestehen bleiben sollen oder ob sie auf­gehoben werden sollen. Alle Unterschie­de dulden oder gar pflegen — das geht nicht. Das zerstört jede Gemeinschaft, jedes Recht, jede Frei­heit, jede Erziehung. Das führt zum Kampf aller gegen alle. Und alle Unterschiede aufheben — das geht noch weniger. Das Gleichschalten und Gleichhobeln ist barbarisch und unmenschlich. Das ist gegen die Natur und rächt sich. Aber nun gibt es eine Gleichheit, die alle Unter­schiede umfaßt und alle Gleichmacherei überflüssig macht. Man sagt wohl: vor Gott und vor dem Tod sind alle Menschen gleich. Ganz richtig! Gleich im Unrecht, gleich ver­krampft, verirrt, verloren. Aber was hilft uns das, daß alle einmal als Leichnam gleich sind, versunken und vergessen? Vor Gott gleich heißt: ihr Menschen alle habt den gleichen Herrn und der gleiche Herr gehört euch allen! Ihr Menschen seid Gottes! freiwillig oder unfreiwillig, wissend oder unwissend, lebendig oder tot! Das ist seit Weihnachten eine fröhliche Gleich­heit, kein Märchen und kein Ideal, sondern die Wirklichkeit, weil Einer und mit ihm Gott sel­ber allen Menschen gleich geworden ist als Mensch. Könnten wir uns doch heute alle einander zu dieser Gleichheit gra­tulieren!

Dann wäre auch die Brüderlichkeit kein Ideal, das so schnell und nicht nur in der Politik, son­dern in jedem Haus und an jeder Kleinigkeit Schiffbruch leidet, sondern die feste Vorausset­zung, in der man leben und leben lassen kann, helfen und korrigieren und, wo es sein muß, auch streiten kann. Da hat’s einen Sinn, am Christtag einander zu be­schenken als Menschen, die zusammengehören, weil ein Mensch, und mit ihm Gott mit allen Menschen Bruderschaft geschlossen hat, und je elender und hilfloser einer ist, desto näher ist er bei diesem göttlichen Bruder. Da kann man nur sagen: Grüß dich Gott, Bruder Mensch, wer du auch bist, wir sind alle bloß füreinander da und wollen’s probieren, wie wir im Guten und nicht im Bösen mit einander auskommen. Der Christtag hat’s ja an den Tag gebracht, daß es keinen Graben gibt, der Jesus hindern könnte, unser aller Bruder zu sein und deshalb auch uns zu Brüdern zu machen, so verschiedene Köpfe und Herzen wir auch haben.

Mit Gesetzen und Gewalt und Polizei bringt man den Menschen keine Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit und darum auch nicht den Frieden auf Erden. Aber der Christtag, oder vielmehr der Mann, der da geboren ist, der hat’s fertig gebracht ohne allen Zwang. Man sieht nicht viel davon. Aber wenn die Menschheit wieder einmal recht toll ins Elend gerannt ist und sich entzweit hat und gleichsam mit leeren Händen und blutigen Köpfen vor den Ruinen ihres selbstherrlichen Fortschritts steht, dann kann’s doch sein, daß man sich auch wieder auf das rechte Weihnachten besinnt und manchem die Augen und das Herz aufgehen, daß er sich sagt: wenn das wahr ist, daß Gott an uns Menschen Wohlgefallen hat, daß Gott mit den Menschen Frieden ge­schlossen hat durch diesen Mann der Zeitenwende, dann hindert kein noch so trauriges Weihnachten daran, sich zu freuen, ein Mensch zu sein, geboren zu sein, und sich auf Biegen und Brechen zum Mensch­sein, zur Menschlichkeit, zum Menschen im Andern und in allen zu bekennen, und unter dem aufrichtigen Zeichen des Friedens frei und ehrlich und brüderlich ein bißchen zu zeigen, daß uns an Weihnachten die Menschlichkeit Gottes begegnet ist.

Quelle: Paul Schempp, Erhebt eure Häupter. Rundfunkreden aus den Jahren 1946-1950, hrsg. v. Ernst Bizer, Bad Cannstatt: Müllerschön, o. J., S. 27-37.

Hier der Text als pdf.

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