Walter Lüthi, Widerstehet. Predigt über Römer 8,31-39 (1942): „Was ist denn vorge­fallen? Wir haben, nicht erst in diesen letzten Wochen, flüchtigen Fremdlingen, die bei uns Schutz suchten, den Eintritt in unser Land verweigert. Die Behörden, die diesen Beschluss gefasst haben, hatten ihre Gründe dafür und haben sich ihn sicher zehnmal überlegt. Wir kennen diese Gründe, wissen auch um innenpolitische und aussenpolitische Hintergründe.“

Widerstehet. Predigt über Römer 8,31-39

Von Walter Lüthi

Nachdem die Schweiz am 13. August 1942 eine Einreisesperre für Juden verhängt hatte, hielt die reformierte Jugendorganisation Junge Kirche am 30. August 1942 in Zürich-Oerlikon eine schweizerische Landsgemeinde unter dem Motto „Widerstehet“ ab. Auf ihr hielt Walter Lüthi, damals Pfarrer an der Oekolampad-Kirche in Basel, folgende Predigt:

Was wollen wir nun hiezu sagen? Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldi­gen? Gott ist hier, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja viel mehr, der auch auferwe­cket ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns. Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blösse oder Fährlichkeit oder Schwert? wie ge­schrieben steht: „Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.“ Aber in dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentü­mer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn.“(Römer 8,31-39)

1.

Liebe Gemeinde!

Es gibt jetzt tatsächlich etwas, das uns scheidet von der Liebe Gottes, und das ist unser schlechtes Gewissen. Zuinnerst in unseren Herzen ist uns jetzt dieser Angreifer erstanden, der uns verklagt und schlägt. Ihr Burschen und Mädchen aus St. Gallen seid sicher nicht allein, sondern es ist vielen von uns ähnlich ergangen wie euch, wenn ihr mir dieser Tage geschrieben habt: „Wir kommen selbstverständlich an unsere Tagung nach Zürich, aber wir kommen schweren Herzens, in innerer Not und Beschämung über das Vorgefallene.“ Was ist denn vorge­fallen? Wir haben, nicht erst in diesen letzten Wochen, flüchtigen Fremdlingen, die bei uns Schutz suchten, den Eintritt in unser Land verweigert. Die Behörden, die diesen Beschluss gefasst haben, hatten ihre Gründe dafür und haben sich ihn sicher zehnmal überlegt. Wir kennen diese Gründe, wissen auch um innenpolitische und aussenpolitische Hintergründe. So sind wir uns zum Beispiel bewusst, dass Herr Bundesrat von Steiger, der heute Nachmittag zu uns sprechen wird, diesen Beschluss nicht ohne Übereinstimmung mit dem Ge­samtbundesrat getätigt hat, also zusammen mit Herrn Bundesrat Etter und seinem katholischen Hintergrund und zusammen mit Herrn Bundesrat Pilet-Golaz mit seinem westschweizerischen Hintergrund. Aber auch, wenn wir die uns bekannten und unbekannten Gründe und Hintergründe ernstlich bedenken und sorgfältig erwägen, belastet uns als Christen dieser Beschluss, und zwar in dreifacher Weise. Er ist erstens lieblos. Allein in der Stadt Basel werden laut amtlicher Sta­tistik über 3’000 immer noch wohlgenährte Hunde gefüttert. Ich mag ihnen ihr Essen wohl gönnen. Aber solange wir in der Schweiz noch bereit sind, unser Brot und unsere Suppe und unsere Fleischration mit vielleicht 100’000 Hunden zu teilen, und haben gleichzeitig Sorge, einige zehntausend, oder auch hunderttausend Flüchtlinge würden für uns nicht mehr tragbar sein, ist das eine Einstellung von hochgradiger Lieblosigkeit. Und zweitens ist unser Verhalten heuchlerisch. Wir betonen beinahe mehr als nötig wäre die Mission der Schweiz im Dienste der Menschlichkeit. Fast alle, die hier anwesend sind, haben wir vor drei Jahren hier in Zürich unsere Menschenfreundlichkeit ausgestellt gesehen. Solches Reden und Zurschau­tragen seiner Menschlichkeit ist bei gleichzeitig unmenschlichem Verhalten Heu­chelei. Und drittens sind wir undankbar. Ich habe letzthin etwa hundert Kinderlehr-Buben und -Mädchen gefragt, wofür ein jegliches unter ihnen dankbar zu sein habe? So ziemlich alle schrieben in der Antwort an erster Stelle, dass unser Land noch nicht in den Krieg verwickelt sei. Und nun haben ausgerechnet wir, die wir wie durch ein Wunder noch übriggeblieben sind, beklagenswertesten Opfern dieser Weltkatastrophe den Zutritt zu uns verwehrt. Nach der Heiligen Schrift sind Sünden des Undankes für Gott und seine Engel ganz besonders aufreizend und herausfordernd. Wir dürften uns darum nicht wundern, wenn über dieses undankbare Volk ein Blitz herun­terführe und uns zerschmetterte, wenn die Erde sich spaltete und uns verschlänge. Darum haben wir ein schlechtes Gewissen. Wir haben jetzt berechtigte Angst, Gott könnte nicht mehr für uns sein, Gott könnte wegen des Vorgefallenen unser Feind sein. Wer will gegen einen derartigen Gegner, gegen Gott, die Parole ausgeben: „Wider­stehet“? Wenn der Feind zuinnerst sitzt, in unserem Gewissen, und zuoberst auf dem Thron des Himmels und der Erde, wer wagt es dann noch, von Widerstand zu reden?

Ihr alle nun, die ihr, sei es in der Eigenschaft als Referenten oder als Zuhörer, mit beschwertem Gewissen, als Mühselige und Geschlagene an diese Tagung gereist seid, ihr dürft nun in dem Wort, das wir mit­einander gelesen haben, den ausgereckten Arm des Apostels sehen. Und dieser Arm zeigt hin zu jenem Ort, wohin ein Mensch mit be­schwertem Gewissen schliesslich allein noch schauen kann. Und dieser Ort ist Christi Kreuz. Da ist der Blitz herabgefahren, und da hat die Erde sich geöffnet, und hat an unserer Statt den verschlungen, den Gott liebt. Hier ist der Mann, der dem Gewissen, das uns verdammt, zu widerstehen vermag. Hier ist unser Schutzherr und Verteidiger. Auf diesen Gekreuzigten hin schaut der Apostel, wenn er sagt. „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ Ausdrücklich fügt er hinzu: „Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns durch ihn nicht alles schenken?“ Alles! und das heisst. Vergebung der Sünden und ewiges Leben. „Wer will die Auserwählten Gottes“, und das sind diejenigen, die mit gehetztem Gewissen zum Kreuz hin fliehen, „beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht.“ „Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja, vielmehr! der auch auferweckt ist, wel­cher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“ „Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Ich bin gewiss, dass nichts, nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.“

Ihr Briefschreiber aus St. Gallen, und ihr alle, die ihr mit gleicher Angst und Beschämung zu dieser Tagung gereist seid, ich kann, ja, ich will euch in eurer Gewissensnot keine andere Zuflucht zeigen als diesen Ort, wo unsere menschliche Sünde völlig offenbar wird – und zugleich vergeben. Freilich zuerst völlig offenbar. Hier erkennen wir nun erst recht die ganze Tiefe des entstandenen Schadens. In den Hilfesuchenden, denen wir den Zutritt verweigern, weisen wir Christus von unseren Grenzen zurück, so wahr er sich mit „diesen seinen geringsten Brüdern“ solidarisch erklärt hat. Sie haben ihn auf ihrer Seite. Weil wir uns an Christus versündigt haben, darum ist nur er imstande, uns zu vergeben. Weil ich an diese Christusliebe glaube, die stark genug ist, um die Sünde der Lieblosigkeit, Heuchelei und des Undankes zu vergeben, weil ich an diese Liebe auch für unsere Be­hörden glaube, die ihr Volk, vor allem nach seinen schlechten Seiten hin gar wohl kennen und als Vertreter dieses Volkes handeln und beschliessen, darum bin ich heute hierhergekommen, um es euch zuzurufen: Suchet doch keinen andern Ort der Zuflucht, als das Kreuz, das die Sünde unseres Volkes aufdeckt in Wahrheit und zudeckt in Liebe. Entschuldiget euch, rechtfertiget euch doch nicht! Lieber Herr Bundesrat, bemühet euch doch auch nicht, unser Gewissen zu beru­higen! Ihr tätet damit unserem Land einen schlechten Dienst. Wir in Zürich, Basel und St. Gallen, und ihr in Bern und wir alle sind jetzt des gerechten Gerichtes schuldig. Ihr in Bern und wir anderen alle sind jetzt in besonderer Weise darauf angewiesen, dass jener Mann, der für uns dargehalten hat am Kreuz, für uns ein gutes Wort einlege vor dem hohen Thron, an dem über das Schicksal der Einzelnen und der Völker entschieden wird. Wenn der nicht für uns widersteht, dann sind wir verloren. Ist aber um Christi willen Gott für uns, wer mag dann noch wider uns sein? Wer will dann beschuldigen? Wer will dann verdammen? Hier ist unser Widerstand. Und wenn der Gekreuzigte für uns widersteht, wer auf Erden oder im Himmel will dann wider uns sein? Damit ist uns und unseren Behörden die Vergebung angeboten. Anerkennen wir, dass wir ihrer bedürfen und nehmen wir sie an, dann tun wir Busse und dann gilt für uns: Nichts, nichts kann euch scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.

2.

Wer nun aber das Kreuz, wer die Vergebung als Halt und Hort und Rückendeckung hinter sich hat, dem wird es zur Basis und zum Ausgangspunkt für jeden anderen Widerstand, den es in dieser Welt zu leisten gilt. Und damit erinnern wir uns an die konkrete Situation, in die hinein dieser Brief geschrieben worden ist. Die Worte, die wir gelesen haben, stehen im Römerbrief. „Römerbrief“! das tönt fast ein wenig wissenschaftlich und historisch. Aber damals tönte das unge­fähr so, wie wenn wir heute sagen würden: Ein Brief an die Christen in Berlin, oder ein Brief an die Christen in Tokio oder Moskau. Die ersten Empfänger dieses Briefes lebten im Schatten des Nero und waren schwer bedroht, ja, die Verfolgung hatte sehr wahrscheinlich schon begonnen. Wie mussten diese Männer und Frauen still gewor­den sein in jenen Tagen, als dieser Brief zum ersten Mal in Rom vorgelesen wurde, als der Vorleser dann zu dieser Stelle kam und die Worte durch den Raum gingen: „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein!“ Wie müssen diese Väter und Mütter, diese Söhne und Töchter den Atem angehalten haben, als sie diese Worte hörten! Jene Men­schen, die im Judenviertel jenseits des Tiber wohnten und die, wenn sie sich in den schmalen Gässchen begegneten, leise zueinander hin- übergrüssten, einander grüssten als die „Auserwählten Gottes“, das heisst als diejenigen, die von dem Gekreuzigten gesucht und gefunden worden sind und die durch den Auferstandenen herausgehoben wor­den sind aus ihrer bisherigen Art des Denkens, Redens und des Tuns, und hineingestellt worden sind in eine zeitliche und ewige Lebens­gemeinschaft mit dem Herrn!

Diese „Junge Kirche“ hatte in Nero einen grimmigen Gegner, dem gegenüber sie zum Widerstehen aufgerufen war. Und wenn wir heute wissen wollen, was Widerstand heisst, dann tun wir gut, hier genau hinzuhören. Die Art, wie der Apostel hier das Vorgehen Neros be­schreibt, zeigt, dass dieser fast sprichwörtlich gewordene Feind des Christentums nicht nur Macht zur Verfügung hat, sondern vor allem auch viel List. Nero fängt in der Christenverfolgung nicht an mit massivem Dreinschlagen. Nero schlägt zuerst nie mit der Faust son­dern immer zuerst mit der Zunge. Mit Beschuldigungen und Unter­schiebungen und Verleumdungen fängt er an. Die Beleidigung pflegt, nach einem Wort Christi, der Verfolgung vorauszugehen. Und ihr dürft damit rechnen und darauf zählen, wenn es je in unserem Lande zu Christenverfolgungen kommen sollte, dann würden diejenigen Menschen, über die es hergeht, zuerst mit allen Mitteln in der Öf­fentlichkeit „erledigt“. Erst nach diesem Beschuldigen und Verdam­men pflegt dann auch das Dreinschlagen zu folgen. Dieses allerdings ist dann unglaublich hart. Der Apostel beschreibt es stichwortartig: „Trübsal, Terror, Verfolgung, Hunger, Blösse, jegliche Art Todesge­fahr und Henkersschwert“. Wer wollte da noch widerstehen, wenn es einmal so weit kommen sollte? Gibt es Nerven, die eine solche Be­lastungsprobe auszuhalten vermöchten? Hört gut hin, was der Apostel sagt. Er vertraut nicht auf die Nerven der Christen, sondern auf ihren Glauben. Er weiss wie dünn Nervenstränge sind und wie bald sie reissen können. Aber so wie er dem inneren Feind, dem bösen Ge­wissen gegenüber auf den Mann am Kreuz zeigt, so zeigt er auch dem äusseren Feind, dem bösen Nero gegenüber auf den, „der uns geliebet hat“. Und hier redet er nun wunderbarerweise nicht nur von Wider­stand, sondern sogar von Sieg. Es steht dem Nero gegenüber nicht nur ein Wort der Defensive, sondern ein sehr offensiver Ausdruck: „Überwindung“. In dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat. Wir wissen nicht, wie das zugeht, aber es ist einfach ein Geheimnis und eine Tatsache, dass diese „Junge Kirche“ dort, die auch in einem Stadion zusammengekommen ist in Rom, aber anders als wir hier, um hilflos und schutzlos vom Gewalthaber ver­nichtet zu werden, dass die durch ihr Sterben stärker gewesen sind als Nero, und schliesslich als Sieger aus dem so ungleichen Kampf hervorgegangen sind. Christus kann es offenbar bewirken, dass das geschieht, was hier der Apostel sagt, dass es nicht übertrieben ist, sondern Wirklichkeit wird: „In dem allem überwinden wir weit um des willen, der uns geliebt hat.“ Wir brauchen nicht einmal bis auf Nero zurückzugehen, brauchen nicht einmal zu sagen, so etwas sei seither nicht mehr geschehen. Nein, so etwas geschieht bis zum heu­tigen Tag. Es ist ein Wunder vor unseren Augen und vor den Augen der ganzen Welt, dass es heute, wenn auch in aller Schwachheit, in der Welt eine alte, oder vielleicht ist’s ein Neuanfang, vielleicht ist’s schon eine junge Kirche, gibt, die dem Nero widersteht. Es ist ein Wunder, dass Christus heute in den Konzentrationslagern wie damals in den Gärten Neros der eigentliche Widerstand ist.

3.

Aber nun leben wir ja nicht in den Ländern, in denen die Christen­verfolgung schon in vollem Gange ist, und auch nicht in den engen Gässchen des neronischen Rom, sondern wir grüssen uns, oder grüs­sen uns auch nicht, in den schönen breiten Strassen der Stadt Zürich. Von Trübsal, Terror, Verfolgung, Hunger, Gefahr und Henkers­schwert, von diesen Verfolgungen massiver Art wissen wir wirklich noch nichts. Wir sind nicht „getötet den ganzen Tag“ und sind nicht „geachtet wie Schlachtschafe“. Bei uns gar von einem Nero zu reden, wäre direkt lächerlich, dürfen wir doch zusammen mit einem Bun­desrat, der selber Christ ist, geschlagen im Gewissen zum Kreuz fliehen. Ist denn da eine Parole, wie die Leiter der Jungen Kirche sie für die heutige Landsgemeinde herausgegeben haben, „Widerstehet“!, nicht fast wie ein falscher Alarm? Wem gilt es denn bei uns zu wi­derstehen? Wo ist denn bei uns der Feind? Ja, ich muss noch weiter gehen. Wir sind in unserem Lande heute als Christen nicht nur nicht beschuldigt und verdammt, verfolgt und getötet, wir sind im Grossen und Ganzen sogar noch geachtet und bevorzugt. Es müsste seltsam zugehen, wenn es in unserem Lande nicht mehr als einen Regie­rungsmann gäbe, die heimlich dächten: Ach, wären doch alles Christen im Schweizervolk, wenn möglich von einheitlicher Konfes­sion, wie viel schöner wäre es dann, das Regieren. Wie hätten wir dann lauter zuverlässige Soldaten, es gäbe keine Verräter mehr unter den Offizieren, die Steuern würden bezahlt und die Gesetze respek­tiert. Und sicher sitzen heute hier unter uns Lehrer und Lehrerinnen, die schon oft im Stillen seufzten: Hätten doch alle meine Kinder christliche Väter und Mütter, die eingedenk ihres Taufversprechens ihre Kinder aufzögen „in der Zucht und Vermahnung zum Herrn“, wie schön wäre es dann, das Schulehalten! Ich kenne Lehrmeister, die es schätzen würden, wenn alle ihre Lehrbuben dem Jünglingsbund vom Blauen Kreuz angehörten, damit sie am Montagmorgen dann sicher mit klarem Kopf in die Bude kämen. Ja, es müsste seltsam zugehen, wenn nicht dieses oder jenes Mägdlein unter uns ganz heimlich sich über dem Gedanken ertappte: Ach, dass mir doch einmal ein Mann würde, der ein Christ wäre, dessen Treuwort aus dem Glauben käme und darum Bestand hätte! Wo ist da die Beschuldigung? die Ver­dammung, das Getötetwerden? Wo ist da der Schatten des Nero? Wo gilt es da, das Widerstehet?

Warum ist das so bei uns? Warum gibt es bei uns noch keinen Nero und noch keine Verfolgung? Habt ihr euch das auch schon gefragt? Das kann zwei Gründe haben. Einmal der eine Grund. Es ist tatsäch­lich so, dass, wenn einer Christ wird, dass er dann auch ein arbeitsa­mer Mensch wird, der als wertvolles Glied der menschlichen Gesell­schaft seinen Mann stellt. Wir dürfen das zur Ehre Christi sagen, es wäre traurig, wenn dem nicht so wäre, man kann die Christen brau­chen. Darum wird eine wohlberatene Regierung sie nicht verfolgen. Aber ausserdem ist noch ein zweiter Grund möglich, warum es bei uns noch keine Christenverfolgungen gibt. Und der ist für uns wenig schmeichelhaft. Es gibt nämlich in jedem Volk, auch im unsrigen, wie wir eingangs hörten, ein gewisses Mass von menschlicher Ungerech­tigkeit, von ungerechten Verhältnissen und gottwidrigen Zuständen. Und weil das in jedem Volk so ist, darum ist der Christ dazu aufge­rufen, solchem Unrecht gegenüber Stellung zu nehmen. Christus nennt das „bekennen vor den Leuten“. Und nun ist hier eine merk­würdige Beobachtung zu verzeichnen: So sehr man sich nämlich als Christ in dieser Welt beliebt machen kann dadurch, dass man etwas tüchtiges leistet, so sehr macht man sich als Christ unbeliebt bis ver­hasst dadurch, dass man Stellung bezieht und – bekennt. So sehr jede einigermassen gutberatene Regierung den Christ als stillen Bürger schätzt, weil er in Ordnung und Gottesfurcht lebt, so sehr empfindet dieselbe Regierung den Christ als unbequem und unerwünscht, sobald er nicht nur seiner Bürgerpflicht nachkommt, sondern auch seiner Bekenntnispflicht. Ein Täufer kann siebzig- oder hundertjährig wer­den, solange er dem Herodes wertvollere Soldaten heranzieht. Aber an dem Tage, da der Täufer (Johannes) sagt. „Es ist nicht recht“, hat er’s verschüttet.

Und da wächst uns nun die etwas atembeengende Frage entgegen, ist am Ende bei uns deswegen der Schatten des Nero nicht deutlich sichtbar, weil das Bekenntnis der Christen nicht deutlich hörbar ist? Mit anderen Worten, gibt es am Ende bei uns deswegen immer noch so wenig verhasste, dagegen so viel allgemein beliebte Pfarrer und geschätzte Kirchenpfleger und erwünschte Gemeindeglieder, weil es noch so viele harmlose oder schlaue Pfarrer, so viel vorsichtige Kir­chenpfleger und so viele schweigsame Gemeindeglieder gibt da, wo man nicht schweigen dürfte? Ich möchte diese Frage nicht selber beantworten; als Frage, des Nachdenkens wert, möchte ich sie euch mitgeben. Wir wissen beispielsweise heute, dass dieser Krieg und die ungeheure Welt-Arbeitslosigkeit, die ihm zwei Jahrzehnte lang vo­rausging, in ursächlichem Zusammenhang stehen. Damals, als auf den Strassen der Welt bei 30 Millionen Arbeitslose lagen, während Geld zur Arbeitsbeschaffung in Hülle und Fülle ebenfalls herumlag, wenn es damals in allen Ländern, auch bei uns, eine dem Götzen Mammon gegenüber bekennende Christenheit gegeben hätte, wie unsagbar viel Kriegselend wäre dadurch gelindert, wenn nicht gar gehindert worden. Aber die Christenheit war durch ihren Fleiss selber reich und dem Mammon dienstbar geworden und überliess das Bekennen den Got­tesleugnern. Meint ihr nicht auch, dass ein Erwachen der Kirche auch bei uns ein klareres Bekennen zur Folge haben, und den Schatten des Nero infolgedessen bei dieser oder jener Gelegenheit sichtbar machen müsste? Vor Jahresfrist, da sind zwei kühnen Männern, Schweizern und Christen, dem einen von ihnen unmittelbar im Anschluss an eure letztjährige Tagung, dem Bündner Leonhard Ragaz in Zürich und dem Basler Karl Barth, Männern, die in evangelischer Freiheit, wie die wenigen übrig gebliebenen Adler, mit ihrem Geist über den Abgrün­den, Gründen und Hintergründen unseres Landes kreisen, von der Pressezensur die Flügel des kühnen und vor Gott freien Geistes ge­stutzt worden. Damals habt ihr das Gebot der Stunde verstanden und ein klein wenig widerstanden. So leid es euch tat, ihr musstet damals Gott mehr gehorchen als den Menschen. Auch wenn im Anschluss an solches Widerstehen euch einst Leiden zugemutet werden sollten, vergesset das Wort des Apostels nicht, das er im Blick auf Christus euch zuruft: „In dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebet hat.“

Und nun noch kurz ein Letztes. Der Apostel erwähnt dann schliesslich ausser dem inneren Feind, ausser dem bösen Gewissen und ausser dem äusseren Feind, dem bösen Nero, noch einen dritten, und das ist jener andere, den Martin Luther den „alt bösen Feind“ zu nennen pflegt. (Vielleicht handelt es sich bei allen dreien um ein und den­selben, um diesen alt bösen Feind). Wir haben als Christen in dieser Welt nicht nur mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächten, Fürstentümern und Gewalten. Wer da von sich aus widerstehen wollte, der gliche einem Toren, der mit einem Strohhalm gegen einen Flammenwerfer vorzugehen versuchte. Aber diesem letzten Feind gegenüber ist Christus nun erst recht Widerstand und Überwinder an unserer Statt. Auch all diese Mächte und Gewalten sind durch den Gekreuzigten, das heisst für den, der an den Gekreuzigten glaubt, „hoch überwunden“. Da gilt: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Ge­genwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur vermag uns zu scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.“ Amen.

Hier die Predigt als pdf.

Aufschlussreich ist die Gegenrede von Bundesrat Eduard von Steiger gehalten an der Landsgemeinde der „Jungen Kirchen“ in Zürich-Oerlikon am 30.8.1942.

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