Claus Westermann, Auf Nachtwachen erzählte ich das ganze Alte Testament: „Die Philosophen und die Naturwissenschaft­ler, die Dichter und die Theologen haben die Natur zum Ge­genstand gemacht und damit haben sie die Schöpfung zu­tiefst verkannt. Die Schöpfung begreift man erst, wenn man sich selbst als ihr Glied erfährt, als Kreatur. Als ich aus dem Schmutz des Gefangenenlagers zu den Sternen aufsah, lagen mir philosophische oder sonstige Betrachtungen fern. Aber ich wußte: Da seid ihr noch.“

In dem 1982 in der Herderbücherei erschienenen Band Was meinem Leben Richtung gab. Bekannte Persönlichkeiten berichten über entscheidende Erfahrungen findet sich von Claus Westermann folgendes Lebenszeugnis:

Auf Nachtwachen erzählte ich das ganze Alte Testament

Von Claus Westermann

Mein erstes theologisches Examen fiel in das Jahr der Macht­ergreifung der Nationalsozialisten; wenige Monate nach Be­ginn des zweiten Weltkriegs wurde ich eingezogen zum Kriegsdienst. Was meinem Leben Richtung gab, ergab sich vor allem anderen aus dem, was diese beiden Ereignisse ein­leiteten.

Ich entsinne mich noch genau des Raumes, in den ich zu­sammen mit einer Gruppe von Pfarrern der Bekennenden Kirche von der Staatspolizei geführt wurde. Dort wurden wir verhört und dann verhaftet. Wir standen im Halbkreis und herein kam ein SS-Offizier, der uns verhören sollte. Seine er­sten Worte, begleitet vom Klatschen seiner Reitpeitsche an die Stiefel, waren: „Na, wo ist denn nun euer imaginärer Herr?“ (Später erfuhren wir, daß er ein Pfarrersohn war.) Die­ser Satz hat mich tief getroffen. Blitzartig war mit diesem Satz harte Realität geworden, was bisher für mich Überlieferung war, abgesondert im Raum der Religion, der Kirche.

Eine andere Berührung der Überlieferung mit der harten Wirklichkeit jener Jahre hat die Richtung meiner späteren Ar­beit bestimmt. Wir wurden von der damaligen nationalsozia­listischen Kirchenleitung (Reichsbischof Müller) als Vikare in ein von dieser neu gegründetes Predigerseminar beordert. Dort spielten sich heiße Kämpfe zwischen der Leitung und uns ab, bis wir eines Tages – es waren 13 von 20 Vikaren – auszogen und uns bei Pfarrer Niemöller in Berlin-Dahlem meldeten. Am nächsten Tag um 10 Uhr begann im dortigen Gemeindehaus das erste Predigerseminar der Bekennenden Kirche. Wir haben uns dabei in Arbeitsgemeinschaften be­sonders mit dem Alten Testament beschäftigt im Blick auf die Forderung der „Deutschen Christen“, es abzuschaffen. Wir lasen es jetzt mit der Frage: Lohnt es sich, für dieses Buch das Amt, vielleicht die Freiheit zu riskieren? Ist es wirklich noch ein Teil des an uns gerichteten Wortes Gottes? – Während meines Studiums hatte ich keinerlei besonderes Interesse für das Alte Testament gewonnen, es wurde mir auch kein Zu­gang zu ihm erschlossen. Jetzt las ich es mit neuen Augen. Reicht es aus einer fremden Geschichte in unsere so völlig an­dere Gegenwart, hat es uns wirklich heute etwas zu sagen? Es war eine Frage der Existenz, die mich zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem Alten Testament bewegte. Ich werde die Stunden der Arbeitsgemeinschaft nie vergessen, in denen wir uns um das Verständnis der Psalmen bemühten.

Von einer ganz anderen Seite her begegneten mir die Psal­men des Alten Testaments noch einmal aus den Erfahrungen des Krieges. Wie sehr vielen anderen auch zerbrach mir in den Erfahrungen des Krieges eine Religion, die auf Gedanken und Vorstellungen beruhte, eine Religion, deren eigentliche Gestalt die Lehre war, ein Christentum, das in einem abge­son­derten Raum, gesichert durch eine geduldete oder sogar privilegierte Institution das Überkommene bewahrte. In der Härte des Krieges und im Elend der Gefangenschaft konnte nur eine Gottesbeziehung durchhalten, die dieser Wirklich­keit gewachsen war, die dieser Wirklichkeit standhielt. Für uns gab es die drei Mauern der Institution, des stetigen Rhythmus der Sonntage und Feiern, des die Andacht sichern­den Gebäudes nicht mehr. Was solche Mauern nötig hatte, fiel von selbst fort. Mir wurde erst draußen klar, daß die Scheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Gottesvolk und Heiden, zwischen Erwählten und Verworfe­nen nur mit Hilfe dieser Mauern möglich war; wo es sie nicht mehr gab, war es anders damit. Jahrzehnte später fand ich bei meiner Arbeit in den Vätergeschichten des Alten Testaments, daß die Väter Abraham, Isaak und Jakob, die noch nicht in fe­sten Häusern wohnten und noch keine Städte bauten, keine Religionspolemik kannten, wie sie auch keine Kriege führten.

Eine andere Entdeckung war, daß man in dem uns draußen aufgegebenen Leben zwar nicht lehren und verkündigen konnte, man konnte aber fragen und antworten und man konnte erzählen. Ich erinnere mich an eine Nacht in einer rus­sischen Stadt, in der ich mit einem Freund zusammen Wache hatte. Wir hatten im Gespräch die Bibel erwähnt und er sagte, daß er kaum eine Ahnung von ihr hatte, schon gar nicht vom Alten Testament; es würde ihn aber interessieren, davon zu hören. Da habe ich ihm in den dreimal zwei Stunden Wache einer Nacht – bei über 30 Grad Kälte – das ganze Alte Testa­ment erzählt. Viele Jahre später erst, bei der Arbeit am ersten Buch der Bibel, bin ich der hohen Bedeutung des Erzählens in der Bibel auf den Grund gekommen.

In den Jahren des Krieges und der Gefangenschaft habe ich in vielem umlernen müssen. In meinem Elternhaus habe ich gelernt, daß Beten zum Frommsein gehört, daß man regelmä­ßig beten muß; Beten war ein frommes Werk. Später dann er­fuhr ich, daß gerade so das Beten eine Scheidung aufrichten konnte: die einen beteten, die anderen nicht. Die einen konn­ten beten, die anderen konnten es nicht oder nicht mehr. Im Krieg dann fiel dieses fromme Werk fort; niemand oder so gut wie niemand betete. Das Gebet gehörte da draußen zu ei­ner Welt, die für uns nicht mehr existierte. Ich hatte ein Neues Testament mit den Psalmen bei mir und las oft in den Psalmen, lernte viele auswendig. Allmählich ging mir auf, daß hier das Gebet etwas völlig anderes war als das, was man uns gelehrt hatte. Zuerst wunderte es mich, daß die Leute, von denen die Psalmen kamen, so natürlich redeten. Sie spre­chen offenbar einfach so zu Gott, wie sie dachten. Dann ging mir allmählich auf, daß der ganze Psalter von einer Bewegt­heit, einem polaren Rhythmus etwa wie Ebbe und Flut be­stimmt war, dem von Klage und Lob und ich entdeckte, daß in den Psalmen einfach die natürliche Reaktion auf Erfahrun­gen der Freude und Erfahrungen des Leides wiedergegeben war; Klage, so fand ich, ist hier die Sprache des Leides und Lob die Sprache der Freude. Und eben darin war die Sprache der Psalmen der Wirklichkeit, in der ich jetzt lebte, entschie­den näher als unsere traditionelle Gebetssprache. Im Nach­denken darüber wurde es mir klar, daß in einer langen Tradi­tion aus dem starken Rhythmus von Lob und Klage der schwächere von Bitte und Dank geworden war und daß dies Zusammenhängen mußte mit einem gewissen Sich-Entfernen von der Wirklichkeit. Eine kleine Beobachtung bestätigte mir das: Die Fragen „Warum?“ und „Wie lange?“, die so oft in den Psalmen begegnen, waren bei den Menschen, mit denen ich da draußen zusammenlebte, lebendig; in den christlichen Ge­beten fehlten sie.

Über diese Dinge dachte ich nach und gewann einen neuen Zugang zu den Psalmen. Es gab Worte in den Psalmen, über die ich vorher hinweggelesen oder die ich nie begriffen hatte. Jetzt lebte ich von ihnen. Im Kriegsgefangenenlager begann ich, einiges davon aufzuschreiben. Das wurde der Grund­stock einer Untersuchung über die Psalmen, die ich später ausarbeitete.

Eigentlich diente alles, worin ich damals umlernte, der Wiederannäherung von Religion und Wirklichkeit. In der Theologie, die man mich gelehrt hatte, kam dem Kult, dem Heiligen, wenig Bedeutung zu. Ich hatte auch nie eine starke Verwurzelung darin gefunden. Eines Nachts in Rußland, wie­der bei einer Wache, fiel mir beim Hin- und Herlaufen die Re­gelmäßigkeit von Steinresten unter meinen Füßen auf. Ich ging den Spuren immer wieder nach und merkte, daß es das Fundament einer dem Erdboden gleichgemachten Kirche war. Es war ein merkwürdiges Gefühl, auf der Grundmauer einer Kirche entlangzugehen – mit Soldatenstiefeln. Ich dachte an die Gottesdienste, die hier einmal gehalten worden waren –.

Ein andermal, es war im Morgengrauen vor Sonnenauf­gang, wurde mir plötzlich bewußt: heute ist Ostern! Ein Ostermorgen. Für uns gab es keinen Sonntag. Für uns gab es keine Feste. Der heilige Ort, die heilige Zeit, die heilige Hand­lung, sie gehörten in die andere Welt, die für uns nicht exi­stierte. Aber gerade diese Erfahrung des Ausgeschlossenseins von alledem schloß mir ein neues Verständnis auf. Es gab sie: die Sonntage, die Feste des Kirchenjahres, die Gottes­dienste, in denen der Segen erteilt wurde. Und daß es sie gab, das war sehr gut für die davon Ausgeschlossenen. Der Krieg konnte das Weiterbestehen des Gottesdienstes nicht verhin­dern. Irgendwo anders, in diesem Land und auch zu Haus, wurde jetzt Ostern gefeiert. Irgend­wo anders waren Gottes­dienste, in denen gesungen und gebetet wurde. Und es war gut, das zu wissen. Dann aber – so ging es mir damals auf –, durfte dieses den Religionen und den Konfessionen Gemein­same: daß es die Feiertage gab, daß es Gottesdienste gab, nicht mehr der Trennung dienen, das ihnen allen Gemein­same war zu wichtig; es mußte dem Ganzen dienen. Was in ihnen geschah, das durfte nicht mehr nur für die geschehen, die unmittelbar daran teilnahmen, es mußte darüber hinaus für die geschehen, die nicht dabei waren und nicht dabei sein konnten. Später fand ich das bestätigt im ersten Kapitel der Bibel: der siebte Schöpfungstag war der Menschheit als gan­zer zugedacht.

Andeuten will ich nur, daß mir das Leben ohne Mauer und ohne Dach, draußen zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei je­der Temperatur ein neues Verständnis von dem gab, was die Bibel mit der Schöpfung meint und was in der kirchlich-theo­logischen Tradition fast völlig verloren gegangen ist. Alle Ro­mantik der Naturbetrachtung verging mir gründlich. Aber ich erkannte auch die abgründige Torheit der Frage, ob die Bibel recht hat oder die Naturwissenschaft. Was die Bibel mit der Schöpfung meint hat es weder primär mit dem Gefühl noch pri­mär mit dem Verstand (auch wenn man ihn „Glauben“ nennt) zu tun. Die Philosophen und die Naturwissenschaft­ler, die Dichter und die Theologen haben die Natur zum Ge­genstand gemacht und damit haben sie die Schöpfung zu­tiefst verkannt. Die Schöpfung begreift man erst, wenn man sich selbst als ihr Glied erfährt, als Kreatur. Als ich aus dem Schmutz des Gefangenenlagers zu den Sternen aufsah, lagen mir philosophische oder sonstige Betrachtungen fern. Aber ich wußte: Da seid ihr noch.

Den Hintergrund für das alles bildete die Erfahrung des Krieges. Was ich selbst erlebte und meine Familie in Berlin und was ich erfuhr, war nur ein kleiner Ausschnitt. Aber er genügte für den Eindruck einer grauenhaften Barbarei. Dieser Eindruck ist mir bis heute geblieben, wo seither die Mittel der Vernichtung, die auf Mütter mit ihren kleinen Kindern, auf alte Menschen, auf Kranke gerichtet sind und auf sie alle und die Natur losgelassen werden können, zu wahnsinnigen Aus­maßen angewachsen sind. Was bisher dagegen gesagt, was gegen einen neuen Krieg vorgebracht worden ist, reicht nicht aus. Auch die christlichen Kirchen sind hier befangen, weil sie schon zu viel mitgemacht haben. Wir sind unserer Welt endlich ein von Grund auf neues Geschichtsverständnis schuldig, nach dem die Menschheit den Völkern unbedingt und ohne Vorbehalt vorgeordnet ist. Die Völker haben ein Existenzrecht allein als Glieder der Menschheit. Mit dem Wil­len zur Autonomie oder gar zur Weltherrschaft fängt die Zer­störung an, unausweichlich. Dieses Geschichtsverständnis ist uns aus der Bibel vorgegeben, aber es wird nicht aus ihr ge­hört. Sie beginnt mit der Erschaffung und endet mit dem Ende der Menschheit. Anders als von einem menschheitlichen Geschichtsverständnis her wird uns das Bewahren der Erde, das uns vom Schöpfer aufgetragen ist, nicht möglich sein.

Quelle: Was meinem Leben Richtung gab. Bekannte Persönlichkeiten berichten über entscheidende Erfahrungen, Herderbücherei, Bd. 940, Freiburg i.Br.: Herder, 1982, S. 167-172.

Hier der Text als pdf.

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