Josef Wittig, Das Evangelium der Liebe. Ein Brief an einen Freund (1941): „Wir alten Sünder werden nichts mehr daran ändern können, außer, daß wir unsern Fehl­weg erkennen und den von uns Vernachlässigten, den ‚von Nie­mand mehr im Vollsinn des Wortes Geliebten‘ aufrufen, daß er noch einmal unter uns trete und noch einmal die Tage vom Jordan wiederhole, in denen er nur zu winken brauchte, und die ersten aus der Jugend traten auf seine Seite, um ihn nimmermehr zu ver­lassen, so strahlend und gewinnend war seine Persönlichkeit.“

Das Evangelium der Liebe. Ein Brief an einen Freund

Von Josef Wittig

Mein lieber Freund!

Leidenschaftlich wie Du immer bist, warfst Du in Deinem letz­ten Briefe vom 5. August des vergangenen Jahres die Frage auf: „Jesus Christus, wer liebt ihn denn noch heute? War nicht Jo­hannes der letzte, der ihn wirklich liebte, nachdem Stephanus unter den Juden verblutete, Maria, seine Mutter, von den Engeln in den Himmel getragen und Maria von Magdala vor Sehnsucht nach der verheißenen Wiederkehr ihres geliebten Herren gestor­ben war?“ „Glauben“, so schriebst Du mit der ganzen Unerbitt­lichkeit Deiner Unterscheidungen, „glauben mögen noch viele an ihn, aber lieben, im Vollsinn des Wortes? Ich wüßte keinen, auch Dich nicht, obwohl Du einmal den stockenden Versuch machtest, es zu behaupten!“ Ich bin über diesen Satz wahrhaftig tief er­schrocken, denn ich habe wirklich geglaubt, ihn zu lieben nicht nur mit dem Gefühl… ich unterbreche; ich sehe Dich, indem Du dies liest; ich höre, wie Du sagst: „Ja, bestimmt nicht mit dem Ge­fühl, überhaupt nicht mit dem Gefühl, sondern bloß mit dem oder jenem Tun, mit der oder jener Lebensunterscheidung; Du wür­dest auch sterben für ihn, würdest Dir einbilden, für ihn zu ster­ben, und stürbest doch sehr für Deine Grundsätze, für Deinen Glauben, Deine Kirche, nicht für ihn, nicht so für ihn, wie Du für Dein Weib und Deine Kinder zu sterben bereit bist!“ Freund, Du hast Augen, wie der himmliche Richter; ich verstumme vor Deinen Worten; ich muß Dir recht geben, wenigstens für die Zeit seit Beginn meines Mannesalters, denn vorher, lieber Freund, vorher liebte ich ihn oft mit der ganzen Innigkeit meines noch nicht in Leib und Seele oder Körper und Geist aufgeteilten We­sens. Er war die Lichtgestalt, die in der niederen, nur durch win­zige Fenster erleuchteten Webstube meiner Mutter daheim und in der Werkstatt meines Vaters am Eingangstor der grauen Tuch­fabrik Walditz lebte und schier mit leibhaftigen Augen gesehen wurde. Sein Bild überall an den Wänden, als Kind, als Jüngling, als Mann. Voll Zärtlichkeit küßte ich die Wundmale des Gekreu­zigten, die Stirn, die Hände, das Herz, die Füße, ja auch den Mund, den göttlichen! Das holzgeschnitzte Bild schien zu atmen, der Mund zu antworten. Heiland, Meister, Freund nannte ich ihn. Seinem Dienste wollte ich mein Leben ungeteilt weihen. Als süße irdische Liebe mich zu betören begann, flüchtete ich mich zu meinem Kreuze. Der die irdische Liebe so holdselig und süß geschaffen, dachte ich, müsse noch stärkere Süßigkeit in seiner himmlichen Liebe darbieten können, und er bot sie mir dar; sie unterschied sich von jener wie die Süßigkeit einer Blume von der Süßigkeit der Konditorware in dem Laden an dem Wege zum Gymnasium, wie das Gold des Sonnenscheins über dem Hausgärtlein meiner Mutter von dem Golde im Geldbeutel reicher Leute. Ich sang mit dem alten Sänger Venantius Fortunatus das Lied vom süßen Kreuz:

Teures Kreuz, von allen Bäumen
einzig adeliger Baum,
solch Gesproß und solches Knospen
trägt kein Baum im Waldesraum!
Süßes Holz, o süßes Eisen,
süße Last an eurem Saum!

Dann aber kamen die Jahre, in denen ich von meiner Liebe alle Sinnlichkeit, Körperlichkeit, Persönlichkeit, alle wärmende Nähe abstreifen zu müssen glaubte. So hoch wurde mir rein geistige, überpersönliche, ferne Liebe gepriesen als allein eines geistigen Mannes würdig! Die wahrhaft liebenswerte Person Jesu trat zu­rück hinter seinem Werk, seiner Lehre, seiner Macht. Und im Dienst wurde sein Werk mein Werk, seine Lehre meine Lehre, seine Macht meine Macht, seine Ehre meine Ehre. Mein wurde alles, wofür ich arbeitete, kämpfte und litt, meine Sache das ganze Christentum. Und meine Liebe wurde eine Meinliebe, also eine falsche Liebe, wie der Meineid ein falscher Eid ist. Ach, und ich meinte immer noch, um seinetwillen zu arbeiten, zu kämpfen und zu leiden, da ich doch nur um meinetwillen arbeitete, kämpfte und litt!

Ich ließ Deinen Brief, womit Du ja immer einverstanden warst, einen Freund lesen, jenen, von dem ich Dir schon öfters schrieb, was er für ein tiefgläubiger Mann ist, daß er aber schon seit einem Jahrzehnt an schlimmen Depressionen leidet, und daß ihn die Größe unserer Zeit mehr bedrückt als erfreut und aufrichtet. Er besuchte mich im Sommer, als ich gerade Deinen Brief erhalten hatte, sprach viel von meinem sonst schier vergessenen Hochland-Aufsatz: „Die Erlösten“ und bestritt mir die Meinung, daß die Erlösung im christlichen Volk spürbar, empirisch erfassbar sein müsse. Er jedenfalls, sagte er, fühle sich zu Lebzeiten nicht erlöst, obwohl er an dem Dogma von der Erlösung treulich festhalten wolle. „Nein“, rief er aus, „der Glaube, wie ich ihn habe, als Ver­trauen in das Erlösungswerk Christi oder als ein uneingeschränk­tes Ja zur Erlösungslehre der Kirche wirkt nicht Heil im Volke, solange es auf der Erde weilt; er wirkt nur eine Hoffnung für das Jenseits und bei manchen Menschen eine gewisse Beruhigung für das Diesseits.“

Deinen Brief schien er nur oberflächlich zu lesen. Nur einmal ging ein Zucken über sein liebes Angesicht; ich weiß jetzt, daß es bei Deiner Frage war, wer heute noch wie einst Magdalena, Stepha­nus, Johannes, den Mann von Nazareth wirklich liebe.

Es blieb uns aber keine Zeit, diese Frage zu erörtern; er mußte gleich nachher zum Postauto.

Im Herbst kam er wieder, ein vollkommen verwandelter Mann. Fröhlich spielte er mit meinen Kindern. „Ja“, sagte er mir „ich habe jetzt eine Liebe, eine wirkliche Liebe!“ Ich verwundert: „Du in Deinem Alter, noch einmal verliebt?“ „Sei still“, antwortete er mir, „über ein wirkliches Liebesverhältnis spricht man nicht!“ Und nach einer Weile: „Ich will Dich aber nicht irreführen. Ich weiß jetzt, was Glaube ist, was ausschließlich erlösender und beseligen­der Glaube ist! – Nur das johanneische Verhältnis zu Jesus! – Darum mußte das vierte Evangelium geschrieben werden! – Von dem Jünger, der an Jesu Seite ruhte! – Von dem Jünger, den der Herr liebte! – Er liebte doch alle seine Jünger, aber den einen liebte er!“

Ich dachte sogleich an die Jesusminne der mittelalterlichen Mysti­ker und an einige merkwürdige Schwärmereien späterer Pietisten, von denen die Historiker sagen, daß sie Verfallserscheinungen sind, und ich bin doch recht abhängig von dem Urteil der Histo­riker, sagte darum dem Freunde: „Du bist wohl in die Hände der Gemeinschaftsleute gekommen, die nach meinem Geschmack allzuviel mit ihrem Jesus hermachen?“ „Ach nein“ antwortete er lachend, „den ersten Anstoß hast Du gegeben, der Brief Deines Freundes mit der Frage, ob jemand heute noch den Meister von Nazareth im Vollsinn seines Wortes liebe. Da bin ich mir zum ersten Male in meinem Leben der geheimnisvollen Gegenwart und der beglückenden Freundschaftsqualität Jesu bewußt gewor­den. Es war wie ein Schlag, wie ein plötzliches Sehendwerden. Er stand auf einmal bei mir.

Licht! Licht! Flut! Flut! Explodierende Sonne! All meine Sterne stürzten ihm entgegen! Wunderbare Quellen sprangen auf in mei­nem ausgedorrten, verdurstenden Erdreich! Hast Du mich früher je mit Kindern spielen gesehen?“ „Bleib vernünftig“, sagte ich ihm und er darauf: „ich fange ja eben an, vernünftig zu werden, richtig zu vernehmen!“

Was sagst Du, lieber Freund dazu? Lebten wir nicht tatsächlich ein „Christentum ohne Christus?“ Nicht, daß wir unser Christen­tum nicht ständig auf Jesus bezogen hätten, nicht, daß wir nicht an ihn geglaubt, für seinen Namen gekämpft, uns in allem auf ihn berufen hätten! Aber wir wurden uns seiner persönlichen Nähe nicht bewußt; er war uns wie ein ferner Gott. Wir ließen den unendlich liebenswerten ohne Liebeswort, abgesehen von einigen Gebetsformeln und Liedertexten. Wir pflegten nicht per­sönliche Freundschaft mit ihm, die irgendeine Bedeutung in unse­rem Tageslauf gehabt hätte. Wir wandelten unser Leben nicht an seiner Seite; wir ruhten nicht an seiner Brust; wir küßten nicht seine Füße. Wir hatten wohl Glauben an ihn, aber keine Liebe zu ihm, sondern nur zu unserem Glauben, zu unserer Lehre, unserem Amte, unserer Überzeugung, unserer Überlieferung, aber nicht zu ihm. Unser Christentum ist nicht mehr Fleisch und Blut, jeden Tag frisch wachsend, frisch strömend aus einem lebendigen Wesen, sondern ein in der Luft wirbelnder Staub wie von etwas Verwe­sendem. Ein kleiner ungünstiger Wind, er kann es wegblasen. Wir Alten lieben es noch, weil es zu unserem Leben gehört. Die Jugend will diesen Dunst nicht mehr; ein einziger lebendiger Mensch, der ihre innersten Kräfte anruft und beansprucht, ist ihr mehr, als das ganze Christentum. Jugend will sich an einer Persönlichkeit begeistern, nicht an einem System. Begeistern sage ich, denn das Wort Liebe hat sie auf ihre erotischen Beziehungen eingeschränkt, in denen allein sie noch glaubt, wahrhaftig lieben zu können, nachdem wir, die Väter, die höchste und reinste Persönlichkeits­liebe, eben die Liebe zum persönlichen, menschgewordenen Gott, hinter der Liebe zu einer der Jugend fremdgewordenen Lehre, zu unserer Lehre, zu unserer Überzeugung, zu unserem Glauben, zu unserem Amte verkümmern ließen. Wir alten Sünder werden nichts mehr daran ändern können, außer, daß wir unsern Fehl­weg erkennen und den von uns Vernachlässigten, den „von Nie­mand mehr im Vollsinn des Wortes Geliebten“ aufrufen, daß er noch einmal unter uns trete und noch einmal die Tage vom Jordan wiederhole, in denen er nur zu winken brauchte, und die ersten aus der Jugend traten auf seine Seite, um ihn nimmermehr zu ver­lassen, so strahlend und gewinnend war seine Persönlichkeit.

Laß mich, Freund, für heute schließen! Wir hatten einen langen strengen Winter, meterhohe Schneewälle um unser Haus, wun­derbar weiß der Wiesengrund. Die Schneedecke wob sich hoch über Bächlein und Brunnen, auch heute noch untertags, obwohl das Thermometer schon seit über einer halben Woche über Null steht; kein Leben schien mehr zu sein auf der Erde. In dieser Nacht, während ich diese letzten Zeilen schrieb, öffnete ich noch einmal das Fenster meines Schlafstübleins. Da kam ein Rauschen aus dem Wiesengrunde: das Bächlein hat die Schneedecke an einer Stelle durchstoßen, und eine seit langem nicht mehr gehörte Mu­sik drang herauf zu meinem hohen Hause, ein feierliches Orgel­spiel in der Nacht. Weiß der Winter draußen besser als mein winterlicher Brief, daß es noch einmal Frühling werden kann?

Sei herzlich gegrüßt von Deinem alten

J. W.

Neusorge/Schlegel, 12. Februar 1941

Quelle: Johannes Harder (Hrsg.), Kraft und Innigkeit. Hans Ehrenberg als Gabe der Freundschaft im 70. Lebensjahr überreicht, Heidelberg: Lambert Schneider, 1953, S. 82-86.

Hier der Text als pdf.

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