Friedrich Mildenberger über die Predigtperikope Prediger/Kohelet 12,1-7: „Wenn er das sagen kann: Mein Schöpfer hat es gut gemacht, mein Leben, Freude und Leid, Alter und Jugend. Zeitig hat er mir die Augen aufgetan, und ich kann es ihm verdanken, wie es gewesen ist, dieses Leben. Nein! Ich wollte es nicht anders gehabt haben, dies Leben, als es gewesen ist.“

In der neuen Perikopenordnung ist für den 20. Sonntag nach Trinitatis nunmehr in der dritten Predigtreihe Prediger (bzw. Kohelet) 12,1-7 vorgesehen. Mein theologischer Lehrer Friedrich Mildenberger (1929-2012) wusste den Prediger Salomo besonders zu schätzen. Im Rahmen zweier Bibelwochen 1986 und 1987 hatte er dieses biblische Buch für die Gemeinde ausgelegt. Hier sein Vortrag zu Prediger 11,9-12,8:

Es ist gut, gelebt zu haben. Eine Auslegung von Prediger 11,9-12,8

Von Friedrich Mildenberger

Wir beten:

Du begegnest uns Tag für Tag in dem, was du uns zuschickst. Du lässt uns leben vor dir. Öffne uns Ohren und Herzen, dass wir dein Wort hören und darin deine Güte erkennen, durch unsern Herrn und Bruder Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert in Ewigkeit. Amen.

So freue dich Jüngling in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt; aber wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird. Lass den Unmut fern sein von deinem Herzen und halte fern das Übel von deinem Leibe; denn Kindheit und Jugend sind eitel. Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: Sie gefallen mir nicht; ehe die Sonne und das Licht, Mond und Sterne finster und Wolken wiederkommen werden nach dem Regen, – zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, und wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, und wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leiser wird, und wenn sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesangs sich neigen; wenn man sich vor Höhen fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; – ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. Es ist alles ganz eitel, spricht der Prediger, ganz eitel. (Prediger 11,9-12,8)

Liebe Gemeinde!

Manches klingt beim ersten Hinhören fremd und ungewohnt, was der Prediger zu sagen hat. Auch mit dem letzten Stück seines Buches kann es so gehen. Aber ich bin froh, dass gerade auch dieses Buch, der Prediger, in der Bibel steht. Ungewohnt und fremd auf den ersten Blick ist nicht nur die Sprache, gerade hier, die Bilder, die er gebraucht. Ungewohnt und fremd auf den ersten Blick ist doch auch die Sache.

Aber sehen wir genauer zu, dann begreifen wir rasch: Von uns selber ist da die Rede. Von den Alten ist die Rede, die einmal jung gewesen sind, und von den Jungen ist die Rede, die einmal alt sein werden. Und ihnen allen, den Jungen wie den Alten, und natürlich auch denen, die da irgendwo dazwischen sind, denen sagt er: Gut ist das, wenn einer einmal sagen kann: „Ich habe gern gelebt!“ Die Jungen redet er hier an, dieser weise Mann, dessen Buch als der Prediger Salomo in unserer Bibel steht. Natürlich redet er die Jungen an, denn er ist ja selbst ein alter Mann, und denkt sich darum, wenn er redet: Die Alten, die werden mich sowieso verstehen. Und hoffentlich sind sie mit mir einer Meinung: So, wie ich das mache, so müssen wir Alte mit den Jungen reden. Und gibt also diesen Jungen seinen Rat:

„So freue dich, Jüngling in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt.“ Und er setzt dazu – weil einer das ja missverstehen könnte, wie wenn er da nun gleich alles tun sollte und tun dürfte, was ihm gerade in den Sinn kommt – setzt also dazu: „Aber wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird.“

Ich weiß nicht, ob die Jungen es gewöhnt sind, dass sie so etwas von den Alten gesagt kriegen: „Freu dich in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen.“ Heißt es da nicht eher so: „Wartet’s nur ab! Ihr werdet euch schon auch noch die Hörner abstoßen, und werdet merken, dass das Leben kein Zuckerlecken ist!“ So sagt er nicht, der Prediger. Er macht die Jungen nicht schlecht, und er macht auch das Leben nicht schlecht. „Freu dich,“ sagt er, „tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt.“

Er sagt es so. Vielleicht denkt da mancher, und denkt auch mancher von den Alten: „Das brauchst du denen doch nicht zu sagen. Das wissen die selber schon viel zu gut, und sind sowieso viel zu schnell dabei. Noch nicht trocken sind sie hinter den Ohren, da schauen schon die Buben nach den Mädchen und die Mädchen nach den Buben, und können es nicht erwarten, bis sie etwas miteinander haben. Nur ihre Dummheiten haben sie im Kopf. Und wenn es nicht die Mädchen sind, dann fahren sie mit ihren Mofas und mit ihren Mopeds durch die Gegend, dass einem die Ohren wehtun von dem Krach. Und können’s nicht erwarten, bis sie achtzehn sind und den Führerschein haben, und mit ihren Autos und Motorrädern die alten Leute erschrecken. Und womöglich rennt sich einer dann den Schädel ein, weil es ihm nicht schnell genug gehen kann. Und die Eltern, die ihn aufgezogen haben, die haben dann den Kummer!“

„Eben!“ Genau das meint ja auch der weise Prediger hier. „So ist das nicht gut! Darum muss ich ja mit den Jungen reden, muss ihnen raten – damit auch sie das einmal sagen können: Ich habe gern gelebt!“ Das kommt nicht von selbst. Das muss einer lernen. Darum sagt er ja nicht bloß: „Freu dich, Jüngling, in deiner Jugend!“ Es geht weiter: „Lass den Unmut fern sein von deinem Herzen und halte fern das Übel von deinem Leibe. Denn Kindheit und Jugend sind auch eitel!“ Eitelkeit des menschlichen Lebens, die ist an kein Alter gebunden. Wie die Alten, so sind auch die Jungen versucht, dem besseren, dem guten Leben nachzulaufen, das immer erst kommen soll, morgen und übermorgen und nächstes Jahr. Ja, gerade die Jungen sind besonders in der Gefahr, mit Kopf und Herzen nicht bei dem zu sein, was gerade da ist. Immer woanders ist einer, und meint: Dann erst fängt das Leben richtig an, wenn ich aus der Schule bin. Dann erst fängt es richtig an, wenn ich auch weinen Freund habe, oder eine Freundin. Dann erst kommt das gute Leben, wenn ich den Führerschein habe und mein Auto oder das Motorrad. Dann erst wird gelebt, wenn ich die Lehre hinter mir habe und richtig Geld verdiene, wenn ich die eigene Wohnung habe, und kann kommen und gehen, wie ich will und mit wem ich will, ohne dass immer noch jemand aufpasst und fragt, wann ich heimkomme!

Nein! So kommt einer gerade nicht zum Leben. So kommt er gerade nicht dazu, dass er schließlich einmal sagen kann: „Ich habe gern gelebt.“ Und das ist gut, wenn einer einmal so sagen kann. Darum sagt es der alte weise Mann noch einmal, und das ist nun der wichtigste Satz, den er den jungen Leuten zu sagen hat: „Denk an deinen Schöpfer in der Jugend – ehe das Alter kommt!“ Ja! Denk an deinen Schöpfer! Wer denkt schon an ihn? Wer weiß schon, was das heißen soll? „Ich habe gern gelebt!“ Das heißt doch gewiss nicht: „Ich habe aus meinem Leben etwas Rechtes gemacht.“ Ich? Nein! Gott macht etwas aus diesem Leben, oder es wird nichts draus. Gott macht etwas aus diesem Leben, aus jedem Tag, aus jeder Stunde, aus jedem Augenblick. Darum die Mahnung: „Denk an deinen Schöpfer – jetzt! Sieh, was er dir gibt – jetzt! Und was er dir geben wird, morgen und übermorgen und im nächsten Jahr. Aber er! Sonst gerät dein Leben in die Eitelkeit!“

So also redet dieser weise alte Mann die Jugend an: „Denk an deinen Schöpfer in der Jugend!“ Und dann redet er vom Alter, um seine Mahnung recht dringlich zu machen. Er macht es nicht besser, als es ist. Aber liebevoll redet er davon. Auch das gehört ja zum Leben, das Alter. Der Schöpfer schafft nicht nur Kindlein. Er lässt sie auch heranwachsen und lässt sie alt werden. Und ein altes Gesicht kann ein gutes Gesicht sein, so haben wir gehört, gereift im Lebensernst, das ein gutes Herz verrät, und Vertrauen einflößt.

Wie der Winter dort in Palästina ist das Alter. Da ist das Licht der Sonne und des Mondes und der Sterne verhangen von dichten Wolken. Und hat es geregnet, dann kann einem nicht wieder warm werden in der hellen Sonne. Nein, die Wolken kommen wieder, und der Regen und die Kälte. So ist das Alter.

Und dann beschreibt er dieses Alter in Bildern: Die Hüter des Hauses, die zittern. Die Arme meint er damit. Was haben sie nicht alles angepackt, weggeräumt, hergeholt, diese Arme. Sie haben gearbeitet und geschafft ein Leben lang. Sie haben die liebe Frau umfangen, und haben die Kinder hochgehoben und ans Herz gedrückt. Die guten Arme, die Hüter des Hauses: Jetzt zittern sie.

Die Starken krümmen sich, die Beine. Viele Wege sind sie gegangen, sind gerannt im jugendlichen Übermut. Zur Arbeit haben sie getragen und tanzten beim Fest. Weit in Gottes Natur haben sie getragen, auf die Berge und in den Wald. Und auch zum Gotteshaus, wie es der Prediger gesagt hat: „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, dass du hörest“. Jetzt krümmen sie sich, und das Gehen wird beschwerlich.

Die Müllerinnen, die Zähne: Müßig sind sie, weil es so wenig geworden sind. Es geht nicht mehr so recht, auch mit den dritten Zähnen nicht. Da muss einer auswählen, und überlegt sich, ob er ihn auch beißen kann, ehe er einen Bissen in den Mund schiebt. Ja, was haben sie nicht alles zerkaut, die Zähne, und es hat geschmeckt: Manchen guten Bissen, manches Festessen, und erst recht das kräftige schwarze Brot, Tag für Tag.

Finster werden sie, die durch die Fenster sehen, die Augen, und erkennen nicht mehr genau, auch wenn wir uns Gläser aufsetzen. Ja, was haben sie nicht alles hereingelassen in Kopf und Herz, die Augen: Haben gesehen, wie das Licht der Morgensonne den Tau aufblitzen ließ auf den Gräsern. In die Weite des Landes haben sie geschaut vom Bergesgipfel aus. Und ganz nahe haben sie in die anderen Augen gesehen, fragend, verstehend, in Freundschaft und in Liebe. Da brauchte es keine Worte. Ein Blick hat genügt: Wir verstehen uns! Nun werden sie trübe, die Augen, und die Welt rückt uns ferner.

Die Ohren, die Türen an der Gasse, sie schließen sich. Vogelgesang haben sie gehört und Donnergrollen, Schüsse und Schreie im Krieg vielleicht. Und Worte, viele Worte ein Leben lang, unwichtige oft genug, aber auch dies: Ja, ich will dir gehören ein Leben lang, bis der Tod uns scheidet. Und Gottes Wort haben sie gehört und haben’s zu Herzen genommen. Jetzt schließen sie sich, und die Welt draußen wird leiser.

Auch die Stimme wird leiser, die Worte, die aus dem Innern kommen. Was hat sie nicht alles gesagt, die Stimme, hat gerufen im Übermut, hat gesungen in Freude und Leid. Nun geht sie zurück. Liebevoll beschreibt das der Prediger: Wie ein Vogel singt, leise und hoch, so klingt sie, eine solche Greisenstimme. So sieht es aus, das Alter.

Gewiss kommt der Frühling wieder. Der Mandelbaum blüht, die Heuschrecke belädt sich, die Kaper bricht auf. Oder, wie wir es eher sagen würden: Der Flieder duftet wieder, die Schwalben tragen zum Nest, und die Erdbeeren röten sich. Aber für den, der alt geworden ist, gibt es den Frühling nicht mehr, der Jahr für Jahr die Natur erneuert.

Es wird immer beschwerlicher, das Leben. Da bleibt einer stehen und muss verschnaufen unterwegs, wo er früher nicht einmal gemerkt hat, dass es den Berg hinauf geht. Es wird schwieriger unterwegs. Er findet sich nicht mehr zurecht auf der Straße und bleibt lieber daheim, bis das Leben vollends zu Ende geht. Mit Bildern sagt er es wieder, der Prediger: Der silberne Strick zerreißt, die goldene Schale bricht, der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad fällt zerbrochen in den Brunnen. Da geht der Mensch weg, dorthin, wo er für immer bleibt, und die Totenklage erschallt auf der Straße, wie das im Orient üblich ist.

Dies vor Augen, das Alter: Wird einer da sagen können: „Ich habe gern gelebt?“ Das müssen sie wissen, die Jungen, damit sie ihr Leben nicht in Eitelkeit versäumen. Damit sie es beizeiten lernen, auf das zu achten, was Gott, der Schöpfer, ihnen gibt. Nicht, dass sie einmal klagen müssen:

Ach, dass ich dich so spät erkennet,
du hochgelobte Schönheit du,
und dich nicht eher mein genennet,
 u höchstes Gut und wahre Ruh;
es ist mir leid, ich bin betrübt,
dass ich so spät geliebt.
(EG 400,3)

„Ich habe gern gelebt!“ Es ist gut, wenn einer das einmal sagen kann. Wenn er das sagen kann: Mein Schöpfer hat es gut gemacht, mein Leben, Freude und Leid, Alter und Jugend. Zeitig hat er mir die Augen aufgetan, und ich kann es ihm verdanken, wie es gewesen ist, dieses Leben. Nein! Ich wollte es nicht anders gehabt haben, dies Leben, als es gewesen ist. Aber ich wollte es auch nicht noch einmal leben, wollte nicht noch einmal von vorne anfangen. Es war gut so, wie es gewesen ist bisher. Aber es ist auch gut, dass ich nun soweit bin. O du mein Schöpfer! Alles hast du schön gemacht zu seiner Zeit. Ich danke dir für mein Leben, für die Jugend und für das Alter. Ich danke dir für die Sonne, und dass ich sie sehen kann. Ich danke dir für die Freude, dass ich vor dir leben darf. Ich danke dir für diesen Tag und für dein heilsames Wort. Ich danke dir dafür, dass ich gern gelebt habe. Amen.

Quelle: Friedrich Mildenberger, Der Prediger Salomo, Erlangen 21988, S. 150-163.

Hier der Text als pdf.

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