Julius Schniewinds Auslegung von Lukas 15,1-10 aus „Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Eine Auslegung von Lukas Kapitel 15“ (1940): „Der Bußruf ist Freudenwort, denn Gott freut sich über die Rückkehr des Verlorenen. Der Bußruf ist Freudenwort, weil der hier spricht, der in Person der Friede, die Freude, das Evangelium, die Gerechtigkeit, die Versöhnung ist.“

Auslegung von Lukas 15,1-10 (1940)

Von Julius Schniewind

1. Lk 15,1-2

Wir suchen einen Weg, das Gleichnis vom verlorenen Sohn zu vernehmen. Es ist von den beiden anderen Gleichnissen nicht zu trennen, mit denen es im Lukas-Evangelium, Kapitel 15, zusammensteht; so suchen wir den Weg zu diesem ganzen Kapitel. Die Einführung soll die Art einer Bibelarbeit tragen, eine Arbeit zum Verständnis biblischer Texte, wie sie jetzt weithin geübt wird. Es scheint eine besonders schwere Aufgabe, Bibelarbeit über die drei Gleichnisse von Lukas 15 zu halten. Denn diese Gleichnisse sind uns allzu sehr vertraut. Es kann wohl geschehen, dass wir, wenn sie uns etwa in der sonntäglichen Perikopenreihe oder in fortlaufender Bibellese begegnen, ratlos vor ihnen stehen. Wir haben uns gewöhnt, die drei Gleichnisse auf andere Menschen zu beziehen, nicht auf uns selbst. Wir fassen sie auf als einen Weckruf an Fernstehende und versuchen sie dann auszuwerten etwa für Evangelisation oder Volksmission. Aber ein Wort, das nur für andere „ausgewertet“ wird und nicht zunächst zu uns selbst geredet hat, findet auch das Ohr der anderen nicht. Die entscheidende Frage an unsere Gleichnisse wird also sein, was sie uns, den Bibellesern, den Verkündern, zu sagen haben.

Nun wenden sich die drei Gleichnisse in Wahrheit gerade an uns und nicht zunächst an die Fernstehenden. Wenn uns die Evangelien berichten, wie Jesus die Sünder rief, so gewinnt sein Wort noch einen anderen Klang als in unseren Gleichnissen: Jesu Sünderfreundschaft erweist sich so, dass er unmittelbar die Menschen zu sich ruft, unmittelbar, nicht nur in Bild und Gleichnis. Da erzählt uns etwa Markus[1] die Geschichte vom Gelähmten, dem Jesus die Sündenvergebung zuspricht, wie Gott selbst und wie Gott allein Sünde vergibt (Mk 2,1-12). Oder er erzählt die Geschichte von Levi-Matthäus, den Jesus mit der Macht seines Wortes vom Zoll fortberief (Mk 2,14).

Oder Lukas! Er hat die reichste Überlieferung von Jesu Sünderfreundschaft. Er berichtet uns die Geschichten von Petri Fischzug (Lk 5,8) und der großen Sünderin (Lk 7,36ff.), die Erzählung von Zachäus (Lk 19,2ff.); und in der Leidensgeschichte hat er besondere Züge von Petri Verleugnung (Lk 22,31.32.61), das Gespräch mit den Frauen von Jerusalem (Lk 23,27ff.), die Fürbitte für die [4] Peiniger (Lk 23,34), endlich die Geschichte vom Schächer (Lk 23,39ff.). Zu dieser Sonderüberlieferung des Lukas gehören auch Gleichnisse: das Gleichnis vom Wucherer und den zwei Schuldnern (in der Geschichte von der Sünderin, Lk 7,41ff.), das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner (Lk 18,9ff.) und unsere Gleichnisse (nur deren erstes ist nicht Sondergut des Lukas, s. u. S. 11f.). Alle diese Gleichnisse bezeugen Jesu Sünderliebe; aber „zur Ermutigung reuiger Sünder hat sie Jesus wohl nicht in erster Linie gesprochen“ (Jülicher), vielmehr zielen sie auf die Pharisäer, die sich an Jesu Sünderliebe stoßen.

Werden sie verstehen, dass sie mit den Gleichnissen gemeint sind? Werden wir verstehen, dass Jesu Worte uns angehen? Die Gleichnisse wenden sich an die Gerechten (Lk 15,7), die den Weg Gottes mit Entschlossenheit gehen, an solche, die mit Ernst fromm sein wollen. Gerade sie stoßen sich an Jesu Sünderliebe. Sollte dies auch unsere Lage sein?

1 Es nahten sich aber alle Zöllner und Sünder zu ihm, ihn zu hören.
2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten laut und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

Man fragt, ob diese Einleitung ursprünglich zu den drei Gleichnissen gehörte oder ob erst Lukas sie als Überschrift gebildet hat. Aber die Frage ist im Grunde gegenstandslos. Die Gleichnisse reden von Gottes Freude über die Rückkehr des Verlorenen. Weshalb hat Jesus solche Gleichnisse gesprochen? Unzweifelhaft deshalb, weil er selbst den Verlorenen nachging und weil man sich an diesem seinem Tun stieß, sich darüber empörte. Und es ist deutlich, dass der Widerstand von der pharisäischen Frömmigkeit ausgeht.

Die Pharisäer bilden eine Laienbewegung; es geht ihnen um peinliche, sorgfältige Erfüllung der Gebote Gottes und um Absonderung der reinen Gemeinde Gottes von aller Unheiligkeit, von allen denen, die mit den Geboten Gottes in Erkenntnis und Tat nicht vollen Ernst machen. Diese Laienbewegung hat auch Theologen (Schriftgelehrte, Rabbinen) in ihrem Gefolge; gewiss ist sie ursprünglich unter dem Anstoß solcher Theologen entstanden. So stehen in den Evangelien oft, wie hier, „Pharisäer und Schriftgelehrte“ nebeneinander, zusammengehörig und doch unterschieden. – Auf jeden Fall ist Jesu Kampf gegen die Pharisäer der Hintergrund unserer Gleichnisse. Und es zeigt sich hier, mit welcher Freundlichkeit Jesus diesen Kampf führt. Er spricht den Gerechten (Lk 15,7) ihre Gerechtigkeit nicht ab, spricht dem älteren Sohn (Lk 15,25ff.) nicht ab, dass er beim Vater geblieben ist. Aber er möchte die Frommen mit hineinziehen in die Freude Gottes über die Rückkehr des Verlorenen. Werden die Pharisäer diesen Ruf Jesu hören?

Jesus „nimmt die Sünder an“. Es wird in all den vorhin erwähnten Geschichten merkwürdig wenig erzählt von dem, was Jesus zu den Sündern sagt und was er an ihnen tut. Freilich, was sie bei ihm suchen und finden, das ist sein Wort. „Sie nahten sich zu ihm, ihn zu hören.“ Sie suchen sein Wort des Zuspruchs, der Vergebung, der Seligpreisung, das Wort, das alle Verdammung der Sünde in sich schließt, aber dennoch Gottes Friede und Gottes Freude ist. Doch wird hier nicht erzählt, wie Jesus es den Einzelnen [5] zugesprochen hat. Nur, dass er die Sünder „annimmt“. Er nimmt sie an, er lässt sie zu sich kommen, er schämt sich der Gemeinschaft mit ihnen nicht, er lässt sie bei sich sein. Ähnliches wird von Jesu nächstem Jüngerkreis berichtet. Jesu Jünger sind die, welche „mit ihm sind“, bei ihm sind. Ständig bei ihm zu sein, das bedeutet Nachfolge. Von ihm angenommen werden, das bedeutet Hilfe und ewiges Heil.

Jesus isst mit den Sündern. Dies wird immer neu berichtet. Bei der Geschichte von Levi-Matthäus erzählt es Markus (Mk 2,15f.), und die beiden anderen Evangelisten folgen ihm. Bekannt ist Steinhaufens Gemälde vom Gastmahl der Sünder, das sein Motiv aus jener Geschichte nimmt. Ähnliches muss sich oft zugetragen haben, denn uns ist der spottende Spruch aufbewahrt (Mt 11,19): „Siehe, der Fresser und Weinsäufer, der Zöllner Freund und der Sünder.“ Auffällig oft wird in allen Evangelien vom Gastmahl erzählt, in Jesu Gleichnissen sowohl wie in Geschichten, die ihn beim Mahl zeigen.

Ja, daran, wie er das Brot bricht, wird er von den Emmaus-Jüngern erkannt; er hat also ständig in einer besonderen Weise das Mahl mit den Seinen gehalten, so nämlich, dass diese Mahlzeiten ein Ausblick waren auf das künftige Freudenmahl, auf die Zeit, da Gottes Herrschaft kommt. Die zukünftige Welt Gottes wird wieder und wieder unter diesem Bild des Festmahles beschrieben, und Jesus, so erzählen alle unsere Evangelien, ist der, der den Seinen an der zukünftigen Welt Gottes Anteil gibt. So hat man mit Recht die letzte Mahlzeit Jesu in diese Zusammenhänge seines Erdenlebens gestellt.

In seinem letzten Mahl vollendet sich, was schon sein ganzes Leben den Seinen gab, und die Begegnungen des Auferstandenen mit seinen Jüngern sind wiederum Vorschmack des zukünftigen Freudenmahles Gottes.

Mit all dem ist schon ein wesentlicher Gesichtspunkt gefunden, unsere Gleichnisse recht zu betrachten. Üblicherweise sieht man in ihnen, vor anderen Stücken der Evangelien, den Beweis dafür, dass Jesus von seiner Person oder gar von seinem Tode nicht gesprochen habe, wenn er den Weg zu Gott zeigte. Nun gibt es viele Worte Jesu in den Evangelien, in denen Er selbst, seine Person, sein Tun und sein Leiden, entscheidende Bedeutung hat für den, der Gottes ewiges Heil sucht. Kann man sie alle für unecht erklären?

Jedenfalls sind unsere Gleichnisse nicht anders gemeint als jene Worte. Denn diese Gleichnisse sind nur aus Jesu einzigartiger Lage zu verstehen. Es muss in der Tat so gewesen sein, dass hier das Anstößige und Empörende lag, Um dessentwillen Jesu Gegner ihn zuletzt ans Kreuz gebracht haben: Einer, der in einzigartiger Vollmacht Gottes die Sündenvergebung bringt und sich dabei gerade an die Verachteten, Gottlosen, Verlorenen wendet.

– Es ist wichtig, unsere Gleichnisse von Anfang an unter diesem Gesichtspunkt zu sehen. Doch wird diese wichtige Frage, die Frage nach Jesu Würde, später noch ausführlich erörtert (S. 27ff.). [6]

2. Lk 15,4-7

4 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch von euch, der hundert Schafe hat und eins von ihnen verliert, lässt nicht die neunundneunzig in der Steppe und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
5 Und wenn er es gefunden hat, so nimmt er es voll Freude auf seine Schulter.
6 Und wenn er heimkommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.
7 Ich sage euch, so wird im Himmel Freude sein über Einen Sünder, der umkehrt, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen!

Es gibt noch eine ganze Reihe von Gleichnissen Jesu, die, ebenso wie die unseren, uns in seinen Kampf mit den Pharisäern versetzen: das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1ff.), das Gleichnis von dem Wucherer und den zwei Schuldnern (Lk 7,36ff.), das Gleichnis von den zwei verschiedenen Söhnen (Mt 21,28ff.); ein Gleichnis ist auch das Bild vom Arzt und dem Kranken (Mk 2,17), mit dem in der Geschichte von Levi-Matthäus Jesus sein Verhalten beschreibt. Die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner (Lk 18,9ff.) ist schon kein eigentliches Gleichnis, sondern eine Beispielserzählung, in der aber die Frage an den Hörer offen bleibt, worin denn eigentlich der Schade des Pharisäers liegt. Solch eine Frage liegt über allen Gleichnissen Jesu: die Frage, ob man sie wohl „verstehe“; ob der Hörer versteht, was dies Wort für ihn bedeutet. Die Frage der Gleichnisse von Lukas 15 aber ist – die Freude! Freude ist das entscheidende Wort im ersten Gleichnis (Lk 15,6.7) wie im Folgenden (Lk 15,10) und im dritten (Lk 15,23.24.32). Gott freut sich über das Verlorene, das wiedergefunden wird. Werden die Pharisäer sich auch freuen, wenn Jesus die Verlorenen sucht?

Dass Gott sich über sein Volk freut, wird schon im Alten Testament verkündet. Gott freut sich mit lauter jubelnder Freude, freut sich über die Seinen, wie ein Bräutigam sich über seine Braut freut (Zef 3,17; Jes 62,5).; Das waren Worte des Ausblickes, der Hoffnung auf die neue Zeit und neue Welt, die Gott selbst schaffen wird. Wann wird es so sein, dass Gott sich seines (Volkes freuen kann? Und gehören auch die Verlorenen zu seinem Volk?

Freut Gott sich wirklich über deren Rückkehr? Wird er nicht nur einen Rest, besonders Heilige, aus der Menge der vielen Verlorenen aussondern und diesen Rest zum Gottesvolk erwählen? Eben hierauf warten die Pharisäer, auf die Aussonderung des neuen heiligen Volkes und die Ausstoßung aller Unheiligen und Irrenden.

Nun redet dies erste Gleichnis in einem Bild, das in Jesu Worten immer wiederkehrt. Hirt und Herde ist im Alten Testament das stehende Bild für Gott und sein Volk. Und nicht nur im Alten Testament, sondern in der ganzen f alten Welt ist diese Anschauung lebendig; „Hirt“ ist die Bezeichnung eines machtvollen Herrschers, der seine Herde, die auf weiter Steppe verstreut und bedroht ist, bewacht und leitet. In Jesu Worten wird dies Bild nicht nur durch das Johannes-Evangelium aufgenommen (die Rede vom guten Hirten [7] Joh 10,11ff.), sondern es wirkt mannigfach nach. Jesus spricht von den verlorenen Schafen des Hauses Israel (Mt 10,6; 15,24); er sieht das Volk misshandelt und niedergeworfen wie Schafe, die keinen Hirten haben (Mt 9,36); auch im Wort vom Sammeln und Zerstreuen (Mt 12,30), im Wort von den reißenden Wölfen (Mt 7,15) lebt das gleiche Bild. Die Herde ist Gottes eigene Herde, Gott selbst ist der Regent seines Volkes. Gott selbst wird seine zerstreute Herde sammeln, heißt es Jes 40,11; und besonders bei Hesekiel (Hes 34) wird das Bild breit ausgeführt. An dieses Hesekiel-Kapitel erinnert unser Gleichnis sehr deutlich. „So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich selbst meiner Herde annehmen und sie suchen, wie ein Hirt seine Schafe sucht. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte wiederbringen und das Verwundete verbinden.“ (Hes 34,11.12.16.) Schon bei Hesekiel ist der Gegensatz zu Gottes Tat das Verhalten der bösen Hirten Israels. Sie „weiden sich selbst“. „Der Schwachen wartet ihr nicht, die Kranken heilet ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holet ihr nicht, das Verlorene suchet ihr nicht“ (Hes 34,2.4.) Das Bild wird auch noch anders gestaltet: Neben den schwachen Schafen stehen die starken, die sich selbst mästen und die schwachen bedrängen (Hes 34,17ff.). Gott aber, Er der rechte Hirt, bestellt seinen Knecht David zum Hirten und Fürsten (Hes 34,23.24), und es bleibt im alttestamentlichen Wort ungeklärt, wieso der Davidsspross, der Messias, den gleichen Namen empfängt, den Gott selbst trägt.

In Jesu Worten ist er, Jesus, selbst der Hirte. Er ist es nicht nur in der Bildrede von Joh 10, sondern ebenso in dem großen Bild des Weltgerichtes (von den Schafen und Böcken Mt 25,32f.), im Wort vom Menschensohn, der gekommen ist, zu suchen und zu retten, was verloren ist (Lk 19,10), im Wort von der „kleinen Herde“ (Lk 12,32). Aber ebenso ist Jesu Würde in all den vorhin angeführten Worten sichtbar: Er ist es, in dem sich das Wort von Hes 34 erfüllt. Allein dies wird niemals, auch nicht in Joh 10, so gesagt, dass ausdrücklich ein jeder, auch der Widerstrebende Und Gleichgültige, vernehmen und verstehen müsste, dass Jesus es s ei, dem die Würde des Messias eignet, die Würde des Königs Gottes, der die Vollendung heraufführt. Vielmehr entscheidet sich das Verständnis all dieser Worte daran, ob man begreift, was hier inhaltlich gesagt wird: Wer ist der, der das Verlorene reitet, der der gute Hirte heißt, der das Weltgericht vollzieht, der die Misshandelten und Darniederliegenden heilt, die Zerstreuten sammelt, der zu den Verlorenen gesandt ist? Die Frage nach der Würde Jesu beantwortet der, dem es aufgeht, was Jesu Tun, Wirken, Reden bedeutet.

Bei unserem Gleichnis liegt die Würde Jesu in der einfachen Tatsache beschlossen, dass er eben dies Gleichnis, dass er alle unsere drei Gleichnisse erzählt! Er bildet sie, um sein eigenes Verhalten gegenüber den Sündern zu beschreiben, beschreibt es aber so, dass er von Gottes Tun und von Gottes Freude redet. Gott wendet sich zu den Sündern, gerade zu den Sündern, zu denen, auf die er den gleichen Anspruch hat wie auf die Gerechten- die sich aber Von seiner Herde verloren haben. Und Gott freut sich, [8] wenn die Verlorenen wiederkehren. Von Gottes Freude nämlich wird in Lk 15,7 gesprochen; „Freude im Himmel“ heißt so viel wie „Freude bei Gott“.

Der Name Gottes wird ehrerbietig verschwiegen; ebenso im Bekenntnis des verlorenen Sohnes (Lk 15,21): „Ich habe gesündigt gegen den Himmel“, d.h. „gegen Gott“.

Umkehr zu Gott ist Freude. Wir übersetzen das Wort, das Luther mit „Buße tun“ wiedergibt, durch „umkehren“. Buße ist Umkehr, ist Bekehrung! Die Übersetzung „Sinnesänderung“ genügt nicht. Sie entspricht nicht dem Klang der Muttersprache Jesu, sondern sie stammt aus einem Missverständnis des betreffenden griechischen Wortes. Es geht bei der Buße nicht nur um den Sinn, sondern zugleich um das ganze Tun; es geht nicht nur um den Menschen und seinen Sinn, sondern um unser ganzes Verhalten zu Gott. Aber diese Umkehr aus der Verlorenheit und Gottesferne ist nicht. Qual und Angst, sondern über ihr sieht Gottes Freude. – Gewiss, auch Jesus spricht von „Buße in Sack und Asche“ (Mt 11,21), er zeichnet uns die Reue des verlorenen Sohnes. Der Schmerz über das Versäumte, Verdorbene – bis zu Tränen – behält sein Recht. Wenn die Evangelien von Petri Verleugnung erzählen – „Er weinte bitterlich“ –, wenn Jesus den Frauen von Jerusalem sagt: Weinet über euch und über eure Kinder!, wenn Lukas die große Sünderin in ihren Reuetränen zeigt: so ist das alles nicht Sentimentalität, sondern bitterer Ernst. Es ist hier nicht anders um Reue und Umkehr bestellt als in den Psalmen und in unseren Kirchenliedern: unsere Trennung; von Gott geht an unser innerstes Herz. Aber in dem allen vollzieht sich nicht eine Leistung der Reue, durch die wir Menschen auf Gott einwirken, auf der; wir dann ausruhen, auf die wir stolz sein könnten. Paulus unterscheidet einmal (2 Kor 7,10) die göttliche Traurigkeit von der Traurigkeit der Welt. Es kann auch bei der Reue eine weltliche Traurigkeit geben, der es nur um die Folge der Sünde, um die Enttäuschung der eigenen Vortrefflichkeit oder um Ähnliches geht. Eine solche Traurigkeit, sagt Paulus, führt zum ewigen Tod; eine Traurigkeit aber, die nach Gottes Art ist, führt zur Umkehr und zur ewigen Rettung. Ebenso beschreibt Jesus in der Bergrede das rechte Fasten (Mt 6,16ff.). Fasten ist Zeichen der Trauer, der Reue; und es kann sein, dass solches Fasten sehr am Platze ist. Dann aber, sagt Jesus, „salbe dein Haupt und wasche dein Antlitz“; fast möchte man sagen: Wasche die Tränen ab.; Deine Reue steht vor Gott, und Gott vergibt die Sünde. Noch stärker ist das Wort: „Können Hochzeitleute fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist?“ (Mk 2,18.19.) Die Pharisäer fasten und die Jünger Johannes des Täufers, und ihr Fasten ist ein Zeichen der Entsagung und der Reue. Aber bei Jesus ist Hochzeitfreude. So wird in der Geschichte von Zachäus ausdrücklich gesagt (Lk 19,6): Zachäus „nahm ihn auf mit Freuden“, – da er nun umkehrt und alles, was er gutmachen kann, wiedergutmacht; und Jesus spricht, dass er gekommen sei, das Verlorene zu suchen (Lk 19,8-10).

Diese Freude muss das Kennzeichen der Gegenwart Jesu gewesen sein, im Gegensatz auch zu Johannes dem Täufer (Mt 11,16ff.), mit dem sich Jesus [9] doch sonst in eins setzt (Mt 21,23-27.32). Diese Freude, so sagen unsere Gleichnisse, ist der Widerschein der ewigen Freude Gottes. Jesus spricht in unserm Gleichnissen Gottes Urteil, Gottes Freude denen zu, die Ohren haben zu hören.

Werden die Pharisäer hören, wie Gottes Ruf in unserem Gleichnis an sie ergeht? Gottes Ruf heißt: Freut euch mit mir. Freut euch, dass die Verlorenen meiner Herde zurückkehren! Seid barmherzig, wie der Vater im Himmel barmherzig ist. Das dritte unserer Gleichnisse wird davon reden, dass die Frommen an Gottes Freude nicht teilnehmen, die Barmherzigkeit Jesu tadeln und lästern, die anderen verachten und, da Gott sie ihnen gleichstellt, sie beneiden. Bedürfen sie wirklich, wie es hier heißt, der Umkehr nicht?

Was heißt das: „Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen“?

Man wird Jesu Worte ganz wörtlich nehmen müssen. Die neunundneunzig Schafe haben sich nicht verirrt. Ebenso ist im dritten Gleichnis der ältere Sohn nicht vom Vater gewichen und hat dessen Vermögen nicht verschleudert. Ebenso der Pharisäer im Gleichnis hat mehr getan als der Wortlaut des Gesetzes forderte, und es ist ihm, anders als dem Zöllner, ein ganzer Ernst, Gottes Gebot genau zu erfüllen (Lk 18,10ff.). Ebenso die Ersten im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg: sie haben den ganzen Tag gearbeitet und des Tages Last und Hitze getragen und sind nicht erst wie die anderen in letzter Stunde in den Dienst des Herrn getreten (Mt 20,1ff.). Ebenso das Gleichnis von den beiden Schuldnern: der eine hat tatsächlich viel weniger Schulden als der andere (Lk 7,41ff.). Endlich das Gleichnis vom Arzt und dem Kranken: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken; ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ (Mk 2,17) Den Kranken gleichen die Verirrten, deren Abweichung von Gottes Gesetz offenkundig ist, den Gesunden aber die, deren ganzes Leben eben nichts anderes sucht und will als den Dienst Gottes. Eben dort (Mk 2,17) kehrt auch der Ausdruck „die Gerechten“ wieder und ist ebenso wörtlich gemeint wie hier. Wir machen uns gewöhnlich ein falsches Bild von den Pharisäern. Es sind tatsächlich Menschen, deren ganzes Leben davon bewegt ist, bis ins Einzelne und bis ins Geringste hinein Gottes Willen zu tun. „Man macht einen Zaun um das Gesetz“, man umgibt jedes einzelne Gebot Gottes wie mit einer Schutzmauer noch mit vielen anderen Geboten, die dessen Erfüllung sicherstellen sollen. Das gilt von den zehn Geboten, aber ebenso von allen anderen Anordnungen des Gesetzes. Dass dabei seltsame Dinge mit unterliefen, darf man nicht verspotten. Ähnliche Erscheinungen hat es zu allen Zeiten der christlichen Kirche gegeben. Sobald man sich um die „Präzisität“ der Lebenshaltung bemüht, um einen ganzen ungeteilten Gehorsam – und sollte das nicht unser höchstes Anliegen sein? – kommt es naturgemäß dahin, dass man jede Regung überwacht, die Einteilung des Tages, die Ordnung des Gebetes, die Auswahl der Speisen, und dass man gerade auf die sogenannten „kleinsten“ Dinge achtet, – wie etwa die Pharisäer auf das Verzehnten von Minze, Dill und Kümmel. Alle diese „Äußerlichkeiten“ warf ihnen Jesus nicht vor; auch [10] ihm liegt an der Erfüllung der Gebote Gottes bis ins letzte. So nennt er die Pharisäer mit Recht und mit Ernst „Gerechte“.

– Wenn wir uns ein Bild der pharisäischen Frömmigkeit machen wollen, tun wir gut, etwa in den Psalmen Salomos oder im vierten Buch Esra zu lesen (beide sind uns in Kautzsch’ Apo­kryphen und Pseudepigraphen leicht zugänglich gemacht) oder Schlatters Buch: Jochanan ben Zakkaj, der Zeitgenosse der Apostel (1899).

Wir finden da einen Ernst des Kampfes gegen die Sünde, ja einen Ernst der Buße, die uns an viele christliche Schriften erinnern, ja uns noch beschämen mögen. Und dennoch sind die Gerechten mit all ihrer wirklichen Gerechtigkeit in der Gefahr, dass sie an der Freude Gottes vorbeigehen. Dies deshalb, weil sie den Dienst Gottes am Irrenden und Verlorenen vergessen. Die Gefahr wird hier noch nicht so drohend vor sie hingestellt wie im dritten Gleichnis.

Es wird auch in allen drei Gleichnissen nichts von der „Heuchelei“ der Gerechten gesagt; und Jesus straft sonst oft diese Heuchelei (Mt 6,2ff.; 23,13ff. u. ö.); sie liegt darin, dass die Frommen mit all ihrer wirklichen Gerechtigkeit die Bosheit des Herzens nicht verschleiern noch ändern können.

Es wird in unseren Gleichnissen auch ihr Hass gegen Jesu Wort nicht entlarvt, wie etwa im Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Mk 12,1ff.). Vielmehr wirbt Jesus um seine Feinde, die Gerechten. Werden sie ihn noch hören?

Eine Bibelarbeit wird, im Unterschied zur Predigt, die Anwendung des Bibelwortes auf uns und unser Tun nicht bis ins Einzelne ausführen. Doch darf die Gefahr nicht aufkommen, dass wir das gegen uns gerichtete Wort Jesu überhören. Wir würden es überhören, wenn wir meinten, es sei ja unter uns genug Erbarmen mit den Verlorenen, suchendes Nachgehen genug, viel Freude über jede Bekehrung, – aber es ereigneten sich nur so wenig Bekehrungen. Solches Nachgehen ist nie am Ende. Paulus sagt einmal (Röm 13,8): „Bleibt niemand etwas schuldig außer der gegenseitigen Liebe.“ Das besagt: Liebe ist etwas, was wir immer schuldig bleiben, ist eine Schuld, die nie abzutragen ist. Man mag mit großem Ernst fragen, ob unter uns auch nur der äußere Dienst des suchenden Nachgehens so geübt wird, wie Gott es von uns erwartet. Ist in früheren Geschlechtern der christlichen Gemeinde das, was wir Einzelseelsorge nennen, nicht viel eifriger geübt worden? Wäre, wenn die Pfarrbezirke zu groß werden oder andere Arbeit sich vordrängt, es nicht das selbstverständliche Ergebnis lebendiger Verkündigung, dass viele Laien neben den Pfarrern das Amt suchenden Dienstes übernähmen? Vielleicht haben wir den anderen, den wir zu suchen vorgeben, noch gar nicht in seiner eigentlichen Not gesucht. Vielleicht sprechen wir noch nicht einmal seine Sprache, wo doch jeder Missionar selbst die Sprache des geringsten Volkes lernt. Geschweige, dass das entscheidende Wort unserer Gleichnisse T. unter uns lebendig wäre, das Wort von der Freude Gottes.

Jesu Wort ist Evangelium, Freudenbotschaft Alle die furchtbaren Worte vom Gericht und von der Hölle, die Jesus spricht, sind eingebettet in sein Evangelium. [11] Das Urteil des Gerichts und des Todes ist hineingenommen in das Wort des Freispruchs und der Seligpreisung. Der Bußruf ist Freudenwort, denn Gott freut sich über die Rückkehr des Verlorenen. Der Bußruf ist Freudenwort, weil der hier spricht, der in Person der Friede, die Freude, das Evangelium, die Gerechtigkeit, die Versöhnung ist. Vielleicht hören wir aus den Worten Jesu zunächst immer nur die Drohung heraus? Vielleicht mit gutem Grund, weil nur die Armen, nur die den Kindern gleichen, den Zuspruch des Himmelreichs empfangen. Es gälte ja nur einzugestehen, dass wir vor Gott tatsächlich so sind wie die Bettler, wie die hilflosen Kinder.

Aber Jesu Jünger waren ebenso wenig willig, dies einzugestehen, wie Jesu Feinde, die Pharisäer. Alle Erzählungen der Evangelien zeigen uns das.

Sobald wir aber unsere Armut und Hilflosigkeit vergessen, sind wir wieder genötigt, ganz wie die Pharisäer, es mit unserer eigenen Frömmigkeit zu versuchen, auf sie zu vertrauen und unsere eigene Gerechtigkeit an der Unwürdigkeit der anderen zu messen – davon wird später noch zu reden sein (S. 39f.).

Aber damit entschwindet uns auch die Freude Gottes, und darum gibt es so viel freudloses, kraftloses, unbarmherziges Christentum. Ja, man kann sich in christlichen Werken verzehren, auch im Dienst des Erbarmens und der Liebe; aber noch indem wir eben dies tun, was die Pharisäer versäumten, bleiben wir ihrer Art ähnlich. Wir tun Gottes Dienst, ja den Dienst an den Verlorenen, aber es bleibt ein freudloses Tun. Von dieser Gefahr redet schon der Römerbrief (Röm 12,8): „Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er es mit Lust.“ Das heißt: Wem es als Gottes Gnadengabe geschenkt ist, Erbarmen zu üben, der wahrt die Geistesgabe dann nur recht, wenn sein Erbarmen voll Freude und Freundlichkeit ist. Ein Schriftstück der alten Kirche, der Barnabas-Brief, sagt (Barn 1,6): Liebe in Fröhlichkeit und Frohlocken ist der Erweis gerechter Werke.

Es ist gewiss ganz unmöglich, solche Freude zu fordern. Aber Jesus wird uns beschrieben, wie er sich verzehrt in Arbeit und Kampf und wie ihn alle verlassen; er aber spricht den Seinen als sein Abschiedswort zu: Ich habe zu euch geredet, dass meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde (Joh 15,11). Er spricht seine eigene Freude den Freudlosen zu; seinen Jüngern, die ohne ihn in der Welt hilflos und zu seinem Dienst unfruchtbar sind. Ebenso weiß die erste Gemeinde, dass immerwährende Freude Frucht des Heiligen Geistes ist, etwas schlechthin Wunderbares, das aus der Gegenwart des Gottes stammt, der in Christus die Welt mit sich versöhnte (Gal 5,22; Röm 14,17; 1Thess 5,16.18).

Die Erklärung unseres Gleichnisses muss nach zwei Seiten ergänzt werden.

Zunächst: Unser Gleichnis kehrt in etwas veränderter Form Mt 18,12-14 wieder. Die Formung beider Gleichnisse ist so verschieden, dass man schwer denken mag, der eine Evangelist habe das Gleichnis vom anderen schriftstellerisch übernommen oder auch, dass sie beide es aus einer gemeinsamen Quellenschrift abgeschrieben und je nachdem umgewandelt hätten. [12] Wahrscheinlich ist es müßig, darüber zu streiten, welche von den beiden Formen die ursprüngliche ist. Die Worte Jesu sind zunächst mündlich überliefert und dabei mannigfach verschieden geformt werden. Die Gestalt des Gleichnisses weist sowohl bei Matthäus wie bei Lukas in die palästinische Urgemeinde zurück, und in beiden Gestalten trägt es die Züge der Verkündigung Jesu wie sie uns einhellig überliefert ist. Im Matthäus-Evangelium ist das Gleichnis in eine Reihe von Jüngersprüchen eingefügt. Es wird mit dem Spruch gedeutet: „Vor eurem Vater im Himmel ist es nicht der Wille, dass eins dieser Kleinen umkomme.“ Gottes Wille und Ratschluss, der „vor ihm“ besteht und gilt, ist nimmermehr, dass auch nur das Geringste ihm verloren geht, was ihm gehört. Ebendies sagte auch unser Gleichnis bei Lukas; aber die Mahnung galt dort den Pharisäern, während sie sich bei Matthäus an den Kreis der Jünger wendet. Doch Jesu Kampf gegen die Pharisäer wird uns durchweg in den Evangelien nur deswegen geschildert, weil die Gemeinde hier ihr eigenes Bild und ihre eigene Gefahr erkennt. Der Ruf der Freude aber, mit dem unser Lukas-Text ausklang, fehlt auch bei Matthäus nicht, ja er wird durch ein ausdrückliches Amen (Mt 18,13) noch verstärkt: „Wahrlich ja“, Gott freut sich noch mehr über das wiedergefundene Verlorene als über die, die ihm treu blieben. Verachtet das Verlorene nicht!

Zweitens ist zum Grundsätzlichen der Auslegung noch eine Bemerkung nachzuholen, die auch für die beiden nächsten Gleichnisse gilt.

Man darf die Gleichnisse Jesu nicht allegorisieren, d. h. man darf nicht Zug um Zug jede Einzelheit des Bildes in die Wirklichkeit des Tuns und Kampfes Jesu übersetzen. Dass dies in unserem Gleichnis nicht geht, zeigt sich schon darin, dass das Verlorene hier wie eine geringe Ausnahme erscheint gegenüber den vielen, die keiner Umkehr bedürfen. Aber die Wirklichkeit hat doch so ausgesehen, dass die große Menge des Volkes, die Jesu folgt, eben zu den „Verlorenen“ gehört, wie denn im pharisäischen Sprachgebrauch „das Landvolk“, d. h. die große Masse, der Scheltname für die Ungebildeten wird, die das Gesetz nicht kennen und nicht halten. Der Unterschied zwischen Gleichnis und Wirklichkeit zeigt sich auch darin, dass zwei ganz verschiedene Züge des Gleichnisses sich auf Jesu Pharisäerkampf beziehen, sowohl das Bild der Neunundneunzig, die sich nicht verirrten (Lk 15,7), wie (Lk 15,6) der Ruf zur Mitfreude.

– Man mag fragen, ob die Erinnerung an das ständige Bild von Hirt und Herde wirklich unser Gleichnis so stark bestimmt, wie wir es darstellten. Kommt hier nicht ein allegorischer Zug in die Gleichnisdeutung?

Aber man hat seit langem beobachtet, dass Jesu Gleichnisse weithin auf solchen „stehenden Bildern“ beruhen, die jedem Hörer bekannt waren. Und beim näheren Zusehen hat sich gezeigt, dass diese stehenden Züge stets ins Alte Testament zurückweisen und immer das Geheimnis der Messianität Jesu enthalten.

Dies Geheimnis waltet auch über unserem Gleichnis und über allen drei Gleichnissen unseres Kapitels: sie sind die Spiegelung dessen, was Jesu Wirken und Tun war. Freude ist das Kennzeichen Jesu, [13] das ihn von den Pharisäern und vom Täufer unterscheidet. Diese Freude ist nicht eine neue Stimmung des menschlichen Gefühls, sondern sie bedeutet die Nähe und Gegenwart Gottes, die Zeit der vollkommenen Vergebung, die messianische Zeit, die Zeit des Festmahles, die Zeit der Hochzeitsfreude.

Das nächste kleine Gleichnis, bei Lukas allein überliefert, nimmt den entscheidenden Zug des ersten Gleichnisses wieder auf.

3. Lk 15,8-10

Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat, zündet nicht, wenn sie Eine Drachme verliert, ein Licht an und fegt das Haus und sucht mit Sorgfalt, bis sie sie findet? Und wenn sie die Drachme gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: Freuet euch mit mir, denn ich habe meine Drachme gefunden, die ich verloren hatte. So auch, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über Einen Sünder, der umkehrt.

Unser Gleichnis hat das gleiche Schlusswort, den gleichen Kehrreim wie das vorhergehende (Lk 15,10, vgl. Lk 15,7): „Es wird Freude sein über Einen Sünder, der umkehrt.“ Doch wird das Wort ein wenig abgewandelt. Es fehlt, dass der Eine Umkehrende mit den vielen anderen verglichen wird; naturgemäß, denn dieser Vergleich passt zum Bild von Hirt und Herde, nicht aber zu unserem Gleichnis. Auch heißt es hier nicht: Freude wird sein „im Himmel“, Freude bei Gott; sondern: Freude wird „vor den Engeln“ Gottes sein.

Vielleicht ist auch dies nur eine ehrerbietige Umschreibung für den Namen Gottes selbst. Gott ist der Herr der unendlichen Engelheere, alle Gewalten des Himmels dienen ihm. Vielleicht ist aber auch ganz wörtlich gemeint, dass die unendlichen Scharen der Engel dem zuschauen, was hier auf Erden geschieht.

Dieser Gedanke wird im Kolosserbrief und in der Offenbarung Johannis entfaltet. Er ist im Epheserbrief (Eph 3,10) einmal so geformt: „Jetzt wird den Herrschern und Machthabern unter den Himmlischen durch die Gemeinde die vielfältige Weisheit Gottes kund.“ Die Erde ist gleichsam das Schlachtfeld, auf dem der Kampf Gottes gegen seine Feinde ausgefochten wird. Die Erde ist der Platz, an dem der Satan besiegt wird, und alle kosmischen Gewalten schauen dem zu. Die Engelmächte werden als die Herrscher und Regierer der Natur gedacht; alle Sternenheere, alle Gewalten des Wassers, des Feuers und der Luft werden wie persönliche Wesen vorgestellt, als Engelmächte. Die Offenbarung Johannis gibt erhabene Gemälde von diesen Mächten um Gottes Thron, die auf die kleine Erde herabschauen und auf die arme verfolgte Gemeinde. Hier aber in Jesu Gleichnis achten Gottes Engel auf den einzelnen umkehrenden Sünder; ähnlich heißt es bei Matthäus (Mt 18,10), dass noch über dem Geringsten und Kleinsten in Gottes Gemeinde die Engel wachen. – Die erste Christengemeinde war sich wohl bewusst, dass sie mit solchen Worten etwas Unerhörtes sagte. Wir sehen noch im Kolosserbrief, mit welcher Angst man vor den Engeln, den Mächten der unsichtbaren Welt, bangte, im [14] Drohen des Verhängnisses, in den unwandelbaren Ordnungen geheimer, sorgfältig zu beachtender Gesetze. Es gibt manche“ Erscheinungen in der Gegenwart, die bis ins Kleinste an das erinnern, was in der kolossischen Gemeinde gesagt und geglaubt wurde. Christus aber ist stärker als alle Gewalten der Natur- und der Geisterwelt. Wir wissen vom gesamten Judentum und Griechentum, dass astrologischer Glaube und jede Art scheuen Aberglaubens die Gemüter erfüllte und das Handeln bestimmte. Es ist heute nicht anders; und je mehr der Christus-Glaube verachtet und verspottet wird, um so stärker ist die Angst vor allen Mächten der Natur und das Bewusstsein unserer Verlorenheit in der unendlichen Welt. Denn wir wissen alle mit gutem Grund um dunkle anklagende Mächte, die uns den Weg zu Gottes Thron verbieten wollen.

Christus aber sagt uns zu, dass Gottes Engel sich über jeden umkehrenden Sünder freuen: Es „wird Freude sein“ bei den Engeln Gottes; Freude entsteht, immer neu, so oft ein Sünder zu Gott umkehrt. Ähnlich klingt das große Lied Römer: Dass weder Tod noch Leben; weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Künftiges, noch Gewalten uns von der Liebe Gottes zu scheiden vermögen, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn (Röm 8,38.39).

Das Wesentliche unserer Geschichte ist aber nicht, was sie vom ersten Gleichnis unterscheidet, sondern das, worin sie beide übereinstimmen. Die Übereinstimmung liegt schon darin, dass sie zusammen ein Doppelgleichnis bilden. Solche Doppelgleichnisse sollen etwas besonders Wichtiges einschärfen. Dabei ist es gleichgültig, ob erst die Evangelisten zwei ähnliche Gleichnisse zusammenstellen oder ob die Doppelung von Anfang an besteht. Das Gleichnis vom Senfkorn ist bei Markus und Lukas selbständig und steht nur bei Matthäus (Mt 13,31-35) mit dem vom Sauerteig zusammen. Andererseits sind uns die Gleichnisse von Turmbau und Kriegführen (Lk 14,28-33), von Schatz und Perle (Mt 13,44-46), auch das vom geteilten Reich und Haus (Mk 3,24-25) von vornherein als Paare überliefert. Bei unseren Gleichnissen kann man fragen, ob sie ursprünglich eine Doppelung waren, wie hier bei Lukas, aus der dann Matthäus (Mt 18,12-14) das Gleichnis vom verlorenen Schaf losgelöst hätte; oder ob erst unser Evangelist die beiden Geschichten in bewusster Absicht zusammengefügt hat. Mit dieser Absicht hätte er dann ein wesentliches Stück der Verkündigung Jesu verstanden; „Freude ist bei Gott über einen einzigen Sünder, der umkehrt“, Gott „will nichts, was sein ist, missen“[2]: damit wird (wir sahen es !) umschrieben, was in Jesu Wort und Tat gegeben ist.

Hierin aber stehen unsere zwei Gleichnisse mit dem dritten zusammen.

Und unsere kleine Geschichte hat die besondere Bedeutung, dass hier das Wort von Gottes Freude und von unserer Mitfreude ganz für [15] sich allein verkündet wird, ohne dass von denen, die bei Gottes Freude abseits bleiben, ausdrücklich geredet würde. Dann stände es mit unserer Geschichte ähnlich wie mit dem Gleichnis von der selbstwachsenden Saat (Mk 4,26-29). Es sagt nur eins: dass Gottes Wort und Reich der Saat und Ernte gleicht; diese Wahrheit wird dann in den zwei ähnlichen Gleichnissen vom vierfachen Acker und vom Unkraut nach verschiedenen Seiten weiter entfaltet. Ähnlich sagt unser Gleichnis das Eine Entscheidende, was im ersten und dritten Gleichnis entfaltet wird.

In einem wichtigen Stück aber gehören die beiden ersten Erzählungen unseres Kapitels zusammen, auch gegen das dritte Gleichnis. Beide verkünden sie ausdrücklich: Gott sucht uns Menschen. Dies wird, wenn wir recht sehen, in der ganzen Bibel nur in unseren Gleichnissen gesagt!

„Suchet mich, so werdet ihr leben“, spricht das Alte Testament (Amos 5,4.6), und: „So ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen“ (Jer 29,13); dass aber Gott selbst seine verlorenen Schafe suchen wird, das wurde bei Hesekiel als Verheißung gesagt (Hes 34,11.12.16), und diese Verheißung stand deutlich hinter unserem ersten Gleichnis.

In unserer zweiten Geschichte aber wird diese suchende Mühe Gottes in einem Bild beschrieben, das fast beschämend wirken könnte. So wie eine arme Frau nach ihrem geringen Geldstück sucht – eine Drachme ist etwa einen Goldfranken wert –, so müht sich Gott und sucht das Verlorene, das doch ihm gehört und das ihm nicht entfliehen kann. Jesus hat wiederholt Bilder gewählt, die den Hörer zunächst befremden und dadurch seine Aufmerksamkeit erregen sollen, so etwa im Gleichnis vom ungerechten Haushalter und von der bittenden Witwe. Vielleicht gehört auch unser Gleichnis zu dieser Art der Bildrede. Das Lukas-Evangelium verweilt gern bei den Geringen und Armen, erzählt oft von Frauen – Frauen gehörten damals zu den Geringen und Verachteten; und eben aus diesem Kreis der Armen und Geringen wird das Bild genommen – für Gott selbst!

Möglicherweise ist unser Gleichnis noch durch einen anderen Gedanken bestimmt. Bilder von Gold und Wert kehren in den Gleichnissen und Sprüchen Jesu wieder. Die Worte vom Schatz im Himmel gehören hierher und das Gleichnis von den anvertrauten Goldpfunden; in den Gleichnissen vom Schalksknecht, in dem vom Wucherer und den zwei Schuldnern, vor allem aber in den Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle geht es immer um das, was wir einen „Wert“ nennen. Hierbei dürfen wir nicht in unserem etwas abgeblassten Sprachgebrauch denken, mit dem wir etwa von „geistigen Werten“, geistigen Gütern reden. Vielmehr sind Jesu Worte ganz unmittelbar auf die Wirklichkeit bezogen: Was Gott uns schenkt, ist ein Schatz über alle Schätze; was er uns anvertraut, ist mehr als alle irdischen Güter und Besitztümer; dies aber deshalb, weil er uns so „wert“ hält. Vor Gott ist noch der Geringste wie ein Wert, den er sucht, ja, er setzt alles daran, ihn zu finden! Auch der Geringste ist für Gott noch ein Besitz, den er nicht missen will, um den er Arbeit und Sorge des Suchens aufwendet [16] und über den der ganze Himmel sich freut, wenn er neu gefunden wird. Wir pflegen vom „unendlichen Wert jeder einzelnen Menschenseele“ zu reden. Dies große Wort ist doch nicht groß genug, zu beschreiben, was Jesus sagt Und tut. Es geht nicht um ein Ewiges im Menschen, das unendlich wertvoll wäre, eben seine Seele; sondern der ganze Mensch, gerade noch der verirrte, der „seine Seele verloren hat“, der sein eigentliches Leben, das Leben mit Gott, verloren hat, ist vor Gott „wert gehalten“; so sehr, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, das Verlorene zu suchen. – Auch davon reden wir, wohl im unmittelbaren Anschluss an unser Gleichnis, dass jedem Menschen das Ebenbild Gottes aufgedrückt sei wie die Prägung einem Geldstück und dass dies Ebenbild unverwischt bleibe, auch wenn die Münze abgenutzt und beschmutzt wird. Aber dieser Gedanke wird so in der Bibel nirgends ausgesprochen. Das Ebenbild Gottes ist allein Christus, und „in ihm“, von ihm umschlossen, von ihm gehalten, werden die Seinen „neue Kreatur“, neue Menschen Gottes. Und so redete denn auch unser Gleichnis von Christi Tat, da es den suchenden Gott preist.

Von Christi Tat her war unser Gleichnis gesprochen wie das erste; ebenso ist auch das letzte, berühmteste Bild gestaltet, das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Quelle: Julius Schniewind, Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Eine Auslegung von Lukas Kapitel 15, Wege in die Bibel herausgegeben von Volkmar Herntrich, Heft 2, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1940, S. 3-16.


[1] Wir führen Geschichten und Worte, die bei allen drei ersten Evangelien wiederkehren, nur nach Markus an.

[2] Herr, du willst nichts, was dein ist, missen.
Drum will dein Herz auch jedermann
ohn Unterschied geholfen wissen…
(H. K. v. Gersdorf, Gesangbuch der Brüdergemeinde 1927, Lied 402, 2.).

Hier der Text als pdf.

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