Hans Joachim Iwands Predigtmeditation zu Lukas 15,1-10 (1950): „Drittens wird zu beachten sein, daß das bewegende Moment dieser beiden Gleichnisse, wie schon gesagt, die Freude ist. Das ist in dieser Stärke kaum an anderen Stellen des Neuen Testaments so rein und im Zusammenklang von Himmel und Erde herausgestellt. Es hat geradezu etwas von dem Weihnachtsevangelium Lk. 2,10f. in sich. Diese dort verkündete Freude wird hier im Heilandswirken Jesu sichtbar.“

Predigtmeditation zu Lukas 15,1-10 (3. Sonntag nach Trinitatis)

Von Hans Joachim Iwand

peccatores sunt pulchri, quia diliguntur, non ideo diliguntur, quia sunt pulchri.[1] Luther, Heidelberger Disputationen, These 28.

I.

Das erste, was einer echten Meditation—also einem nachdenklichen Sich-versenken in den Sinn dieser beiden schönen Gleichnisse nottut, ist die Erkenntnis des in ihnen verborgenen Messiasgeheimnisses. „Es ist nicht richtig, wenn man sagt, daß Jesus in unserem Gleichnis eine neue Gotteserkenntnis mitteile, ein neues Bild von Gott entwerfe, eine neue Lehre von Gott bringe . . . Schon das Alte Testament weiß, daß Gott sich den Umkehrenden zuwendet, ja, daß unsere Umkehr nur deshalb möglich ist, weil Gott sich zu den Abtrünnigen neigt“, denn „Jesus ist nicht der Bringer großer neuer Gedanken über Gott, sondern er ist die Gegenwart Gottes selbst“ (J. Schniewind)[2]. Die beiden Gleichnisse reden von dem Tun Gottes, das sich in Jesus an den Verirrten und Verlorenen unter den Menschen erfüllt. Beide „verkünden ausdrücklich: Gott sucht den Menschen, dies wird, wenn wir recht sehen, in der ganzen Bibel nur in unseren Gleichnissen gesagt“ (Schniewind). Dahinter steht natürlich das große 34. Kapitel des Hesekiel — auch und gerade mit der dort herausgestellten Antithese — und etwa Worte wie Jes. 43,24; Jer.31,3; Ps. 103,10ff. Aber nun muß festgehalten werden, daß jede Auslegung unserer Gleichnisse ins Leere stößt, die die suchende und das Verlorene findende Tat Gottes nicht in Jesus selbst Ereignis werden sieht. Sie sollen die Frage unter uns laut werden lassen, wer denn der gute Hirte ist, sie sollen uns vom Himmel auf die Erde ziehen, uns die Augen dafür auftun, wer den Weg in die Ver­lorenheit wagt, um das Verlorene zu retten, wer der Freudenbote ist, der die ganze Nachbarschaft zur Freude aufruft! Erst von da aus wird man begreifen und begreiflich machen können — denn viele haben das eben noch nicht be­griffen —, wie grundfalsch jener Satz war, daß „der Vater, nicht der Sohn ins Evangelium gehört“ (A. v. Harnack), der gerade auf diesem 15. Lk.-Kap. insonderheit basierte. Die Lebensarbeit der beiden unvergeßlichen Schriftausleger Adolf Schlatter und Julius Schniewind hat der Widerlegung dieses Satzes gegolten, von da aus fällt auch der behauptete Unterschied zwischen der synoptischen und der paulinischen Theologie. Könnte nicht Röm. 5,8 geradezu der Schlüssel zur Inter­pretation unserer Stelle sein? Die ganze paulinische (und in ihrem Gefolge auch die lutherische) Rechtfertigungslehre ist Bezeugung und Reinerhaltung (darum pura doctrina) der unbegreiflichen Gnade Gottes: dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen! (V.2.)

II.

Man wird zweitens nicht übersehen und in der Auslegung auch nicht übergehen dürfen: die Situationsbezogenheit der Gleichnisse. Sie sind eben keine Darstellung der „einfachen“ Wahr­heit, daß Gott die Liebe ist (womöglich noch im Gegensatz zum „gerechten Gott“ des AT., wie das der Liberalismus meinte), sondern sind gesprochen aus der härtesten Kampfsituation heraus. Gerade weil sich die Sünder und Zöllner nahen (das war schon eine andere Art von Volksmission als die heute unter uns übliche!), darum murren Pharisäer und Schriftgelehrte, wobei die Pharisäer mehr einen frommen Laienorden, die Schriftgelehrten die Theologen bedeuten. Das Ärgernis kündigt sich an, aber die Gleichnisse sind offenbar ge­sprochen, um die mißvergnügt abseitsstehenden „Gerechten“ einzuladen, an der großen Freude teilzunehmen. Sie freuen sich nicht, für sie ist Gerechtigkeit ein Prinzip, aber nicht die den Menschen aus seiner Verlorenheit heimholende Gotteskraft. A. Schlatter macht auf den „freundlichen Ton“ aufmerksam, der dies Gespräch mit den Pharisäern kennzeichne. Und doch bleiben sie der finstere Schatten in dieser so bewegenden Szene der sich zu Gott und seinem Boten nahenden Verlorenen und Ausgestoßenen. Die Gleichnisse sind wie eine Schutzwehr zwischen diese „verlorenen Schafe vom Hause Israel“ und ihre Richter gestellt. „Sie wenden sich an die Gerechten, die den Weg Gottes mit Entschlossenheit gehen, an solche, die mit Ernst fromm sein wollen“ (J. Schniewind). So gehört die Er­innerung an Jesu Sünderliebe ins Zentrum der neuen Gemeinde, gerade damit sie nicht verdorben wird durch den Sauerteig der Pharisäer.

Warum murren diese? Nicht als ob sie nicht auch um diese Menschen, die nun zu Jesus kommen, sich bemüht hätten. Aber sie murren wegen der Art und Weise, wie Jesus die Sünder zur Umkehr ruft. Er macht die Last (das Gesetz!) zu leicht. Um das Verständnis der Buße ging es ja auch hernach in der Reformation, der Kampf um sie durchzieht noch unsere Bekenntnisschriften. „Hic praecipuus locus est doctrinae christianae“ (AC. XXIV „das ist doch das nötigste Stück der ganzen christlichen Lehre“). Es genügt hier, an Luthers berühmten Satz zu erinnern (aus der Vorrede zu den resolutiones): quod poenitentia vera non est, nisi quae ab amore justitiae et dei incipit“ (WA I, 512)[3]. Genau das ist auch hier der Streit: „vielleicht waren die Pharisäer geneigt zu sagen, die Buße, die Jesus den Jüngern auferlegte, sei zu leicht“ (A. Schlatter)[4]. Und doch wird man Schlatter etwas korri­gieren müssen, nicht daß sie „zu“ leicht ist, sondern daß sie leicht ist — daß das, was sie sich und anderen so sauer werden lassen, hier als Freudentat geschieht, ist das Ärgernis. „Das (Pharisäer und Schriftgelehrten) sind die Menschen, die Gott so vergotten, daß kein Mensch mehr zu Gott kommt“ (Chr. Blumhardt). Heute, wo der Pharisäismus, und zwar gerade der christliche, zu einer abendländischen Krank­heit zu werden droht, sollten wir uns das schon sagen lassen. Was heißt es denn, wenn wir dem Osten Umkehr zum Westen predigen? Oder was ist das für eine Umkehr, die man uns predigt? Umkehr zum Westen, einschließlich seiner Gerechtigkeiten, Freiheiten, Ordnungen, demokratischen Gepflogenheiten — ist das die Mission des Christentums? Nein, Jesus predigt Umkehr zu Gott und kämpft um den freien Raum für die Sünder, die umkehren, gegen die Gerechten, die diese Umkehr nicht nötig haben! Wenn einer unsere Gleichnisse in unerbittlicher Schärfe gegen die „Gerechten“ ausgelegt hat, dann war es Luther selbst und wenn man die berühmte Predigt liest, die er 1522 darüber gehalten hat, da merkt man noch etwas von dem heißen Atem, auch dem gesellschaftlich heißen Atem, den die Verkündigung der Vergebung allein aus Gnaden bedeutet haben muß.[5] Auffällig ist nur, daß das heute eben nicht geschieht, ja, daß da, wo es geschieht, wir nicht begreifen wollen, was damit geschieht (ich erinnere etwa an den jüngeren Blumhardt und seine Stellung in der Landeskirche bzw. sein Schreiben gelegentlich seines Amtsverzichtes).

III

Drittens wird zu beachten sein, daß das bewegende Moment dieser beiden Gleichnisse, wie schon gesagt, die Freude ist. Das ist in dieser Stärke kaum an anderen Stellen des NT. so rein und im Zusammenklang von Himmel und Erde heraus­gestellt. Es hat geradezu etwas von dem Weihnachtsevangelium Lk. 2,10f. in sich. Diese dort verkündete Freude wird hier im Heilandswirken Jesu sichtbar. Man hat den Ausdruck der „größeren Freude“ (V.7, in V.10 fehlt diese Kontrastierung) verschieden gedeutet. A. Schlatter meint, daß „die größere Freude der Tatsache gilt, daß den Gefallenen die größere Liebe erwiesen werden muß“, aber das entspricht Schlatters Auffassung, der nämlich unter den „Gerechten, die der Buße nicht bedürfen“, ein Positivum versteht, also zwei Arten von Gerechten, die einen, die aus dem Fall herkommen, die anderen, die immer im Vaterhause waren, annimmt (Schniewind folgt ihm darin). Aber daß diese 99 Gerechten in V.10 ganz wegfallen können, zeigt, daß auch in V.7 auf ihnen unmöglich im ernsten Sinne der Ton liegen kann. Besser ist es schon, wenn Gregorius (hom. 34) an den Heerführer erinnert, der den Soldaten mehr schätzt, welcher umkehrt auf der Flucht und dann doch gegen den Feind angeht als einen, der nie etwas Tapferes getan hat, oder an den Landmann erinnert, der den Acker am meisten liebt, welcher ihm am meisten Mühe machte[6]. Aber der den Sündern vom Himmel her gegebene Vortritt ist doch wohl im Sinne von Lk. 18,14 und Mt. 21,31 zu verstehen. Im Himmelreich — eben in dem Reich, nach dessen Gesetzen Jesus handelt — geht es nicht nach der Rang-, sondern nach der Gnadenordnung. Genau so, wie auch eine andere Enttäuschung in diesem Gleichnis enthalten ist, die Enttäuschung über die große Zahl bzw. ihre Bedeutung für den Fortschritt des Gottesreiches. Die Formel der göttlichen Gnade lautet 1:99. Der eine ist wichtig. Um Jesu willen ist der eine das Thema und die Aufgabe der Seelsorge und Verkündigung. Er ist der Gegenstand der Freude bei den himmlischen, dieser hier auf Erden fast schon vergessene, heute besonders in den Schatten gerückte einzelne in seinem Verirrt- und Verlassensein. Es gibt keine vera poenitentia, keine echte Buße als Massen­bewegung. Hier hat Gott eine Grenze gesetzt, die keine noch so geschickte Organi­sation de propaganda fide verrücken wird. Denn die Engel Gottes freuen sich nur über das, was Gott selbst tut. Und er sucht und findet das eine Schaf und den einen Groschen.

Freude aber bedeutet hier ganz gewiß noch mehr, es bedeutet Siegesfreude im Sinne von Ps. 118,15. Die Jesus umgebenden Zöllner und Sünder, das gefundene und heimgetragene Lamm, der gefundene Groschen zeigen, daß Jesus Sieger ist „wir sind seine Siegesbeute!“ Daß die Formel für den Jubel im Himmel V.7 und 10 leicht variiert, daß V.10 die Engel ausdrücklich genannt werden, könnte damit zusammenhängen, daß die Umkehr eines Sünders zeigt, daß die bösen Mächte ihre Gewalt über den Menschen verloren haben und der Sieg Gottes aus Erden — am Menschen! — offenbar wird, bei dem Gottes Engel wie von der Höhe her den Chor des Jubels und der Freude bilden. Gerade dieser Freude im Himmel sollte eine ähnlich jubelnde, überlegene Freude in der Gemeinde korrespondieren. Sie sollte nicht zu denen gehören, die „sauer“ sehen (man denke an die bekannte Bußtagsstimmung!), sondern die Freude, die „niemand von euch nehmen soll“ (Joh. 16,22), müßte dem verlorenen Bruder die Heimkehr leicht und schön machen.

IV.

Schließlich noch ein letztes, kurzes Wort über die homiletische Einheit. Beide Gleichnisse sagen dasselbe. Man sollte nicht differenzieren, wenn auch im zweiten Gleichnis noch deutlicher zum Ausdruck kommt, daß die Münze als ein toter Gegen­stand bei diesem Suchen und Gefundenwerden nichts dazu tun kann. Aber damit ist das erste nur verstärkt, weniger gut hingegen ist es, wenn man, wie es in der alten Kirche durchgängig geschieht, in der Drachme ein Gleichnis für den Menschen sieht, dem das Bild Gottes eingedrückt ist, in der Frau (im Unterschied zum Mann im ersten Gleichnis) die sapientia Dei, in den 10 Drachmen den Chor der Engel, aus dem der eine, der Mensch, verlorengeht. Alles das sind exegetische Spielereien und theologisch höchst bedenkliche Aussagen. Denn es geht hier nicht darum, daß der Mensch Gottes Bild trägt (in seiner Seelensubstanz) und darum von Gott geliebt wird, sondern wie es in Luthers These heißt: er wird geliebt und darum ist er liebenswert! vielmehr wollen beide Gleichnisse herausstellen, daß sich der Eigentümer aufmacht, das Verlorene zu suchen, daß also Christus uns auch in unserer bittersten Verlorenheit begegnet als der, dem wir gehören. In ihm ist der Adel des Menschen wiederhergestellt, um seinetwillen darf es nun heißen, „verderbe den nicht, um welches willen Christus gestorben ist“ (Röm. 14,15). Also nicht so, daß der Mensch etwas wert ist und nun Christus kommt und diesen „Menschenwert“ sicherstellt, sondern umgekehrt: wenn wir davon reden, daß der Mensch einen Wert hat — und zwar einen unendlichen —, dann darum, weil Gott ihn gesucht und gefunden hat! Christus ist die einzige Begründung der Humanität. Gerade das behauptet heute — wieder darum bestritten und angefeindet (von wem? erkennen wir sie nicht wieder?) Karl Barth.

Wir treten also, wenn wir über diesen Text predigen, durchaus in eine höchst aktuelle Entscheidung, bei der es — wohlgemerkt — keine Mitte gibt. Diese beiden Gleichnisse wirken wie ein Spiegel, und nur der, welcher begreift und begriffen hat, daß wir allein aus Gnaden selig werden, wird Hineinschauen können ohne zu murren!

Will man also noch eine kurze Zusammenfassung für den Aufbau der Predigt, so würde ich meinen, man sollte in den Vordergrund stellen, (1) daß das Ge­heimnis dieser Gleichnisse Jesus selbst ist, seine Präsenz und sein Tun, um dann zu zeigen (2) auf welche Hindernisse die Botschaft vom Gottesreich stößt und zu fragen, ob wir wohl bereit sind, diese Gefahr, in der wir selbst immer wieder stehen, zu erkennen und die Tür der „freien Gnade Gottes“ weit offen zu halten. Schließlich sollte dann (3) eine solche Auslegung der beiden Gleichnisse folgen, daß der einzelne in seiner Not und Verirrtheit weiß, daß sein Recht im Himmel und ihm dies in Jesus Christus gewiß ist. Letztlich (4) sollte dann etwas spürbar werden von jener großen Freude, im Sinne des „Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein“. Es ist Gottes Wille, daß die christliche Gemeinde mitten in dem Elend und dem Richtgeist dieser Welt die Freude bezeugt. Sie wird sie nur bezeugen, wenn sie weiß, daß „Gute und Böse“ geladen sind (Mt. 22,10). Die christliche Gemeinde ist das Werk der Gnade Gottes — oder sie ist nichts als eine irdisch-soziologische Größe.

Als Lieder wären zu denken: Ich will dich lieben, meine Stärke … von J. Scheff­ler, wenn es auch seine augustinisch-mystische Tendenz nicht ganz verleugnet. Sehr interpretierend und helfend sind hier alle Lieder Paul Gerhardts: Ist Gott für mich, so trete …, die Verse 4, 5, 8 aus dem Liede: Wie soll ich dich empfangen . . . oder auch das freilich für unsere Zeit etwas fremdartig wirkende: Ich will von meiner Missetat zum Herren mich bekehren . . . Leider sind unsere Bußlieder meist etwas düster und freudlos, während sich die Freude in den Weihnachts- und Osterliedern findet. Das dürfte auch auf einen theologischen Mangel in unserer Bußlehre hinweisen.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 229-234.


[1] Die Sünder sind schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht geliebt, weil sie schön sind.

[2] Ich muß hier vornehmlich und an erster Stelle J. Schniewinds Heft: „Das Gleichnis vom verlorenen Sohn“ (Vandenhoeck & Ruprecht, 1940) nennen. Ich weiß nicht, ob diese vortreffliche Arbeit noch zu haben ist. Sie behandelt das ganze 15. Kapitel des Lukas und stellt es in einen breiten theologisch-systematischen und biblischen Zusammenhang. Da ich jetzt oft gefragt werde, was man der Bibelarbeit mit Gemeindegliedern in dafür aufgeschlossenen und nach einer guten Einführung verlangenden Kreisen zugrundelegen soll, möchte ich auf dies Heft verweisen, hier wird von einem zentralen Punkt aus der Eingang in die Heilswahrheit der ganzen Schrift gesucht und erschlossen.

[3] Daß die Buße nicht echt ist, es sei denn, sie beginne mit der Liebe zur Gerechtigkeit und zu Gott.

[4] Evangelium des Lukas.

[5] Es seien ein paar Sätze aus dieser predigt hier probeweise angeführt: „Das wir aber das Evangelium dester bassz fassen, wollen wir für uns bilden die zweyerley Menschen hye, als die öffentlichen sünder und phariseyer, und Christum zu einem richter setzen… Darumb wöllen wir hye reden von dem hohen werck der liebe, das ein frumm mann sein gerechtigkeit setz für den sünder, ein frumm weyb ir eer für die ergsten huren. Das thut nu die welt und vernunfft nit. Dann wo allein vernunfft ist und redlich frumm leut seind, die vermügen solichs nit zu thun, sonder wöllen ir frommieit allein damit beweissen, das sye die nasen künnen rümpfen gegen den sünderen, gleich wie hye thun die phariseyer, die murren und knurren uff die offentlichen sünder. Also auch unsere münch: die haben doher gangen und gegen allen leuten die in sünden ligen die nasen gerümpfft und gedacht: O das ist ein weltlich mann, er geet dich nichts an, wenn er aber frumm wollt sein, so zug er ein kappen an. Also kans die vernunfft nitt lassen, sye mussz verachten die jn nit gleich seind. Die sehen uff ir leben und blasen sich uff und künnen nit do hyn kommen, das sye genedig weren den sünderen — … so kompt dann gott daher und legt sich hynyn und lasst den stoltzen geist also hart fallen, einen solichen harten buff, das er oft die Ee bricht, das er hindennach in sich selbs schlahen müssz, spricht: schweig still, bruder, und halt an dich, du bist eben des hosen tuchs das er ist. Da mit erkennet er dann, das wir alle ein kuch seind, und bedarff nit ein esel den anderen sacktreger heyssen, dann wir seind all usz einem fleysch geborn.“ Damit ist nicht die Sünde gerechtfertigt, „strafen sol man und ernstlich mit jn umb gon, aber nit verachten, sonder herzlich lieb haben, wann du aber hochfertig bist und verachtest die sünder, so bistu durch und durch verdampt“ (WA 10 III, 217ff.).

[6] quia et dux in praelio plus eum militem diligit qui post fugam reversus hostem fortiter premit, quam eum, qui nunquam terga praebuit et nunquam aliquid fortiter fecit. Sic agricola illam amplius terram amat, quae post spinas uberes fructus profert, quam earn, quae nunquam spinas habuit, et nunquam fertilem messem producit (Gre¬gorius hom. in Ev. 34).

Hier der Text als pdf.

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