Über die Prophetie: „Nicht sinnstiftende Botschaften oder die Bestärkung eines selbstbezüglichen Glaubens lassen Menschen zur Kirche Jesu Christi finden, sondern die anstößige Zusage göttlicher Wirklichkeit für das eigene Leben.“

Über die Prophetie

Jagt der Liebe nach! Strebt aber auch nach den Geistesgaben, vor allem nach der prophetischen Rede! Wer aber prophetisch redet, redet zu Menschen: Er baut auf, ermutigt, spendet Trost.“ So schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth (1Kor 14,1.3) Eigentlich müsste die prophetische Rede in der Kirche einen hohen Stellenwert haben. Da mag die Predigt gerade in der evangelischen Kirche besondere Beachtung widerfahren. Obwohl Karl Barth 1951 in seiner Kirchlichen Dogmatik über den prophetischen Dienst der christlichen Gemeinde und des einzelnen Christen zu schreiben wusste[1], erfährt die Prophetie in der Kirche wenig Beachtung . Allenfalls im Zusammenhang einer politischen Predigt oder aber bei der Auslegung alttestamentlicher Texte kommt man auf sie zu sprechen. Dass jedoch Christen (und nicht nur Predigerinnen) dem Apostel Paulus zufolge aufgefordert sind, in und für die Gemeinde prophetisch zu reden, wird weitgehend ignoriert.

Der Grund dafür dürfte in einem Missverständnis von Prophetie liegen. Gemeinhin gilt Prophetie als Zukunftsweissagung, wie dies schon Irenäus von Lyon im dritten Jahrhundert definiert: „Prophetie ist die Vorhersage künftiger Dinge, das heißt die Voranzeige dessen, was erst kommt (prophetia est praedictio futurorum, hoc est eorum quae post erunt praesignificatio)“.[2] Man prophezeit, was möglicherweise geschehen wird, oft mit einem mahnenden Unterton, wenn nicht gar als Untergangsdrohung. Apokalyptische Prophezeiungen wie auch divinatorische Weissagungen sind jedoch keine Prophetie im christlichen Sinne. Was christliche Prophetie anzusagen hat, ist kein mutmaßliches Zukunftsgeschehen, sondern die Gegenwart des dreieinigen Gottes in Lebens- wie auch Gesellschaftssituationen, die sich auf die Zukunft auswirkt. So passen die Worte des Apostels: „Wer aber prophetisch redet, redet zu Menschen: Er baut auf, ermutigt, spendet Trost.“ (1Kor 14,3)

Während die christliche Lehre (doctrina) allgemeine Sachverhalte über den dreieinigen Gott und seiner Heilsökonomie expliziert, ist Prophetie eine Sprachhandlung, die eine konkrete Situation mit dem göttlichen Gebot bzw. mit dem Christusgeschehen euangelisch zusammenspricht: Hier und jetzt ist der Gott mit dem was er an seinem Volk Israel und durch Jesus Christus getan hat im Heiligen Geist bei uns am Werk. Er wirkt unter uns und will von uns. Er gibt uns nicht auf, sondern holt uns ein und ist mitten unter uns. Seine Gegenwart lässt Sünde nicht gelten, dringt auf Umkehr, wirkt Wunder, spannt sein Heil neu über uns aus, macht sich in unserem Leben fest.

Wo göttliche Wirklichkeit (griechisch enérgeia, nicht zu verwechseln mit Realität) prophetisch zur Sprache kommt, sind wir im Innersten getroffen und werden zur vertrauensvollen Neubesinnung gebracht: „Bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht.“ (Ps 36,10) So sieht der Apostels Paulus ein zudringliches prophetisches Reden in der Gemeinde vor: „Wenn aber alle prophetisch reden und ein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, dann wird er von allen überführt, von allen geprüft; was in seinem Herzen verborgen ist, wird aufgedeckt. Und so wird er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen: Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“ (1Kor 14,24f)

In der Prophetie geht uns Gottes Wort wirklich an: „Seht, ich mache alles neu.“ (Offb 21,5) Christliche Prophetie birgt keine neue göttliche Offenbarung, sondern wirkt an der göttlichen Einholung der Schöpfung durch das Christusgeschehen mit. „Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, / das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen, was im Himmel und auf Erden ist, in ihm.“ (Eph 1,10) Daraufhin muss sich alles prophetische Reden in der Gemeinde prüfen lassen (vgl. 1Kor 14,29; 1Thess 5,21).

Wenn es um die Relevanz der christlichen Verkündigung in der Gegenwart geht, ist die Prophetie angesagt. Nicht sinnstiftende Botschaften oder die Bestärkung eines selbstbezüglichen Glaubens lassen Menschen zur Kirche Jesu Christi finden, sondern die anstößige Zusage göttlicher Wirklichkeit für das eigene Leben.


[1] Kirchliche Dogmatik, Bd. III,4 (Zollikon-Zürich 1951), Seiten 583-590.

[2] Iren. haer. IV, 20, 5. Ähnlich heißt es mit einem Gottesbezug bei Cassiodorus, Expositio in Psalterium, praefatio: „Prophetia est aspiratio divina, quae eventus rerum aut per facta aut per dicta quorumdam immobili veritate pronuntiat“ (CChrs.SL 97, 7) bzw. bei Petrus Lombardus: „Est igitur prophetia inspiratio vel revelatio divina rerum eventus immobili veritate denuntians (die Prophetie ist also eine göttliche Eingebung oder Offenbarung, die das Eintreten von Dingen mit unumstößlicher Wahrheit ankündigt)“ (Comm. in psalm., praef. MPL 191, 58).

Hier mein Text als pdf.

1 Kommentar

  1. Das ist wirklich super! Zu „göttlicher Wirklichkeit“ wäre auch hinzuzufügen – oder an ihre Stelle zu setzen: „Gottes Geschichte“ – Gottes Geschichte mit seinem Volk und uns, seinen Menschen.

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