Martin Luther, Eine kurze Form der Zehn Gebote (1520): „Das erste Gebot lehrt, wie sich der Mensch zu Gott innerlich in seinem Herzen verhalten soll, d. h., was er allezeit von ihm denken, halten und wie er ihn achten soll: daß Gott es nämlich ist, der ihm alles Gute zuteil werden läßt, und daß der Mensch ihn wie einen Vater und guten Freund mit seiner ganzen Treue, Liebe und seinem Glauben allezeit fürchten und nie beleidi­gen soll, ebenso wie ein Kind sich zu seinem Vater verhält.“

Eine kurze Form der Zehn Gebote

Von Martin Luther

Die erste und rechte Tafel des Moses

Sie umfaßt die ersten drei Gebote, in denen der Mensch be­lehrt wird, was er gegenüber Gott zu tun und zu lassen schuldig ist, d. h“ wie ersieh zu Gott verhalten soll.

Das erste Gebot lehrt, wie sich der Mensch zu Gott innerlich in seinem Herzen verhalten soll, d. h., was er allezeit von ihm denken, halten und wie er ihn achten soll: daß Gott es nämlich ist, der ihm alles Gute zuteil werden läßt, und daß der Mensch ihn wie einen Vater und guten Freund mit seiner ganzen Treue, Liebe und seinem Glauben allezeit fürchten und nie beleidi­gen soll, ebenso wie ein Kind sich zu seinem Vater verhält. Denn das ist ja ganz natürlich (und eine allgemeine Auffassung),[1] daß ein Gott ist, der alles Gute gibt und in allem Übel hilft. Daß es so ist, wird deutlich im Gegenüber zu den Götzen der Heiden­völker.[2] Das Gebot lautet:

„Du sollst keine anderen Götter haben“ (2. Mose 20,2; 5. Mose 5,7).

Das zweite Gebot lehrt, wie sich der Mensch gegenüber Gott äußerlich in seinen Worten verhalten soll, sei es in denen, die er zu anderen Menschen oder in denen, die er innerlich zu sich [138] selbst spricht, daß er nämlich Gottes Namen ehre. Denn niemand kann Gott selbst – gemäß der Natur Gottes –[3] die Ehre erweisen, weder vor anderen Menschen noch vor sich selbst, sondern nur seinem Namen. Das Gebot lautet:

„Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnütz im Munde führen“ (2. Mose 20,7; 5. Mose 5,11).

Das dritte Gebot lehrt, wie sich der Mensch gegenüber Gott äußerlich in seinen Werken verhalten soll, daß er nämlich darin Gott dienen soll. Das Gebot lautet:

„Du sollst den Feiertag heiligen“ (2. Mose 20,8; 5. Mose 5,12).

So lehren diese drei Gebote den Menschen, wie er sich gegenüber Gott in seinen Gedanken, Worten und Werken ver­halten soll, d. h. in seinem ganzen Leben.

Die zweite und linke Tafel des Moses

Sie umfaßt die sieben [WA 7,206] restlichen Gebote, in denen der Mensch belehrt wird, was er den Menschen, d. h. seinen Näch­sten, zu tun und lassen schuldig ist.

Das vierte Gebot lehrt, wie man sich gegenüber aller Obrig­keit verhalten soll, die an seiner Statt eingesetzt ist.[4] Darum folgt dieses Gebot auch gleich vor anderen Geboten auf die ersten drei, die Gott selbst betreffen. An Gottes Stelle sind die leiblichen Eltern Vater und Mutter und die geistlichen und welt­lichen Herren. Das Gebot lautet:

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ (2. Mose 20,12; 5. Mose 5,16).

Das fünfte Gebot lehrt, wie man sich gegenüber seines­gleichen oder gegenüber seinen Näch­sten, soweit es sie per­sönlich betrifft, verhalten soll: daß man ihnen nicht Leid zufügen, sondern, wo sie dessen bedürfen, sie unterstützen und ihnen helfen soll. Das Gebot lautet:

„Du sollst nicht töten“ (2. Mose 20,13; 5. Mose 5,17).

Das sechste Gebot lehrt, wie man sich gegenüber dem höch­sten Gut seines Nächsten und auch dem seiner eigenen Familie – das sind Ehegemahl, Kinder und Freunde – verhalten soll: daß man ihnen nicht Unehre antun, sondern sie in Ehren halten soll, und zwar mit allen Mitteln, die einem möglich sind. Das Gebot lautet: [139]

„Du sollst nicht ehebrechen“ (2. Mose 20,14; 5. Mose 5,18).

Das siebente Gebot lehrt, wie man sich gegenüber den zeit­lichen Gütern seines Nächsten verhalten soll: daß man sie ihm nicht wegnehmen noch ihn hindern soll, sie zu erwerben, sondern ihn darin unterstütze. Das Gebot lautet:

„Du sollst nicht stehlen“ (2. Mose 20,1 5; 5. Mose 5,19).

Das achte Gebot lehrt, wie man sich gegenüber der zeitlichen Ehre und dem guten Ruf seines Nächsten verhalten soll: daß man diese nicht schwächen, sondern vermehren, schützen und erhalten soll. Das Gebot lautet:

„Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Näch­sten“ (2. Mose 20,1 6; 5. Mose 5,20).

So ist es also verboten, seinem Nächsten in allen seinen Gütern zu schaden, und geboten, ihm darin zu helfen. Wenn wir nun das ansehen, was von Natur ganz selbstverständlich sein soll­te,[5] so finden wir, wie recht und billig alle diese Gebote sind. Denn hier wird nichts [WA 7,207] geboten, gegenüber Gott und dem Nächsten einzuhalten, was nicht jeder gegenüber sich selbst eingehalten haben wollte, wenn er Gott bzw. an Gottes oder seines Nächsten Stelle wäre.

Die letzten beiden Gebote lehren, wie verdorben die mensch­liche Natur ist und wie rein wir sein sollten von allen verderb­lichen Gelüsten und dem Verlangen nach vielem Besitz. Aber hierin bleiben Kampf und Anstrengung, solange wir leben. Die Gebote lauten:

„Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren seine Frau, seine Knechte und Mägde, sein Vieh und alles, was sein ist“ (2. Mose 20,1 7; 5. Mose 5,21).

Eine kurze Zusammenfassung der Zehn Gebote

Sie geschieht Matth. 7,12 durch Christus selbst: „Was ihr wollt, das euch die Menschen tun sollen, dasselbe tut auch ihr ihnen. Das ist das ganze Gesetz und die Propheten.“[6] Denn niemand will Undank erleiden für seine Wohltaten oder daß mit [140] seinem Namen ein anderer Ruhm erntet. Niemand will, daß ihn andere überheblich anschauen. Niemand will Ungehorsam oder Zorn erdulden, eine Frau haben, die die Ehe bricht, seiner Güter beraubt werden, Lug, Trug und üble Nachrede erleiden. Vielmehr will jeder Liebe und Freundschaft, Dankbarkeit und Hilfe, Wahrheit und Treue von seinem Nächsten erfahren. Das gebieten aber alles die Zehn Gebote.

Die Übertretung der Gebote

Gegen das erste Gebot verstößt,[7]

  • wer in seiner Not Hilfe in der Zauberei, in der schwarzen Kunst und in der Bundes­genossen­schaft mit dem Teufel sucht, wer Teufelsbriefe, Zeichendeutung, Kräuter, Zauberwörter, Zaubersegen und dergleichen mehr gebraucht.
  • wer mit Wünschelruten, Schatzbeschwörungen, Zukunfts­schau im Kristallspiegel, Mantelfahren, Milchstehlen um­geht.[8]
  • wer seine Arbeit und sein Leben nach Glücks- oder Unglücks­tagen, nach Himmels­zeichen und Wahrsagerei richtet.
  • wer sich selber, sein Vieh, sein Haus, seine Kinder und mancherlei Besitz zum Schutz vor Wölfen, Mordwaffen, Feuersbrunst und Überschwemmung und anderen Schäden mit dazu ausgedachten Beschwörungsformeln segnet und beschwört.[9] [WA 7,208]
  • wer sein Unglück und seine Not dem Teufel oder bösen Men­schen zuschreibt und nicht alles, Gutes wie Schlechtes, als nur von Gott herkommend, mit Liebe und Lob annimmt und in Dankbarkeit und demütiger Geduld trägt.[10]
  • wer Gott versucht, indem er seinen Leib und seine Seele un­nötigen Gefahren aussetzt.
  • wer aufgrund seiner Frömmigkeit, seines Verstandes oder anderer geistlicher Gaben hochmütig ist. [141]
  • wer Gott und die Heiligen unter Nichtachtung der Gefähr­dung seiner Seele nur um des zeit­lichen Nutzens willen ehrt, wer nicht allezeit auf Gott vertraut und nicht in allem seinem Tun seine Zuversicht in Gottes Barmherzigkeit hat.
  • wer an der (Kraft des) Glaubens und der Gnade Gottes zwei­felt.
  • wer sich nicht dem Unglauben entgegenstellt und den Zwei­felnden nicht hilft, soviel er vermag, daß auch sie glauben und auf Gottes Gnade vertrauen.
  • Weiterhin gehören hierher aller Unglaube, jede Verzweiflung und aller Aberglaube.

Gegen das zweite Gebot verstößt,

  • wer ohne Not oder aus Gewohnheit leichtfertig einen Eid schwört.
  • wer einen falschen Eid schwört oder auch, wer sein Gelöbnis bricht.
  • wer Schlechtes zu tun gelobt oder es mit einem Eid be­schwört.
  • wer mit dem Namen Gottes flucht.
  • wer ungereimtes Zeug über Gott daherredet und die Worte der Heiligen Schrift leicht­fertig verändert.
  • wer in den Widerwärtigkeiten seines Lebens Gottes Namen nicht anruft und ihn nicht preist in Freude und Leid, Glück und Unglück.
  • wer Ruhm und Ehre sucht und sich einen Namen machen will aufgrund seiner Fröm­migkeit, Weisheit usw.
  • wer Gottes Namen heuchlerisch anruft, wie dies die Ketzer und alle hoffärtigen „Hei­ligen“ tun.
  • wer Gottes Namen nicht in allem lobt, was ihm begegnet, wer sich nicht denen entge­genstellt, die Gottes Namen verunehren, ihn heuchlerisch gebrauchen und Böses durch ihn bewirken.
  • Weiterhin gehören hierher die Ehr- und Ruhmsucht und der geistliche Hochmut. [WA 7,209]

Gegen das dritte Gebot verstößt,

  • wer Fressen, Saufen, Spielen, Tanzen, Müßiggang und Un­zucht betreibt.
  • wer faul ist, den Hauptgottesdienst verschläft und versäumt, herumstolziert und un­nützes Zeug schwätzt.
  • wer am Feiertag, ohne daß ihn besondere Not dazu zwingt, arbeitet und seinen Ge­schäften nachgeht.
  • wer nicht betet, Christi Leiden nicht bedenkt, seine Sünden nicht bereut und nicht Gnade begehrt und also den Feiertag nur äußerlich durch festliche Kleidung, besondere Speisen und feierliche Gebärden heiligt.
  • wer nicht in allem, was er tut und erleidet, gelassen bleibt, damit Gott ihn führt, wie er will.
  • wer nicht anderen hilft, dies alles zu befolgen, und ihnen nicht verwehrt, dagegen zu handeln.
  • Weiterhin gehört hierher die Trägheit, in der Gott zu dienen unterlassen wird.

Gegen das vierte Gebot verstößt,

  • wer sich der Armut, eines Gebrechens oder des geringen An­sehens seiner Eltern schämt.[11].
  • wer die Eltern, wenn sie in Not geraten, nicht mit Nahrung und Kleidung versorgt.
  • wer ihnen vielmehr übel nachredet, sie verflucht, haßt und ihnen nicht gehorcht.
  • wer um des von Gott gegebenen Gebotes willen nicht von ganzem Herzen groß von ihnen denkt.
  • wer sie nicht auch dann ehrt, wenn sie Unrecht tun und Ge­walt üben.
  • wer die Gebote der christlichen Kirche mit Fastenzeiten, Feiertagen usw. nicht einhält.
  • wer den Priesterstand herabwürdigt, ihm übel nachredet und Leid zufügt.
  • wer seine Dienstherren und die Obrigkeit nicht ehrt und ihnen nicht treu und gehorsam ist, sie seien gut oder schlecht. Solches tun und hierzu gehören alle [WA 7,210] Ketzer und Aufrührer, die vom Glauben abgefallen und verbannt sind, Verstockte usw.
  • wer nicht mithilft, daß dieses Gebot erfüllt wird und sich denen, die es übertreten, nicht entgegenstellt.
  • Weiterhin gehören hierher aller Hochmut und Ungehorsam.

Gegen das fünfte Gebot verstößt,

  • wer seinem Nächsten zürnt.
  • wer zu ihm „Du Nichtsnutz!“[12] sagt und was es dergleichen Zeichen des Zornes und Hasses gibt. [143]
  • wer zu ihm sagt „Du Dummkopf und gottloser Narr!“ oder was es an Schimpfworten, Flüchen, Verlästerungen, bösen Nachreden, Richten, Verurteilen, Hohnreden usw. gibt.
  • wer die Sünden und Mängel seines Nächsten hervorkehrt statt sie (vor den anderen) zu verdecken und zu entschul­digen.
  • wer seinen Feinden nicht vergibt, nicht Fürbitte für sie tut, nicht freundlich und gut mit ihnen umgeht. Hierein gehören alle Sünden aus Zorn und Haß, wie Morden, Kriegfüh­ren, Rauben, Niederbrennen, Zanken, Hadern, Trauern über des Nächsten Glück, Sich­freuen über sein Unglück.
  • wer nicht auch gegenüber seinen Feinden die Werke der Barmherzigkeit übt.
  • wer die Leute gegeneinander aufhetzt oder (durch Hetzreden und Lügen) miteinander verstrickt.[13]
  • wer Zwietracht sät zwischen den Menschen.
  • wer die Zerstrittenen nicht versöhnt.
  • wer sich Zorn und Haß und der Zwietracht nicht entgegen­stellt und ihnen nicht zuvorkommt, wo er nur kann.

Gegen das sechste Gebot verstößt,

  • wer unverheiratete Frauen verführt und entehrt,[14] die Ehe bricht, Blutschande betreibt und dergleichen Unzucht mehr.
  • wer sich geschlechtlich auf eine unnatürliche Weise betätigt; das sind die stummen Sünden.[15]
  • wer durch schamlose Worte, Lieder, Geschichten und Bilder unzüchtige Gelüste weckt oder vor Augen stellt.
  • wer sich selbst mit Ansehen (unzüchtiger Bilder), mit un­züchtigen Handlungen und Gedanken anstachelt und be­fleckt.
  • wer die Ursachen nicht meidet (, die dazu führen,) wie Fres­sen, Saufen, Müßiggang, Faulheit, zu lange im Bett liegen und mit ehrlosen Manns- und Weibspersonen Umgang haben.
  • wer durch überflüssigen Schmuck, unzüchtige Gebärden usw. andere zur Unzucht reizt.
  • wer Haus, Raum, Zeit und Hilfe gestattet, solche Sünde zu tun.
  • wer nicht mit Rat und Tat eines anderen Keuschheit zu be­wahren hilft. [WA 7,211]

Gegen das siebente Gebot verstößt,

  • wer Dieberei und Räuberei und Wucher treibt.
  • Wer falsche Gewichte und Maße benutzt und schlechte Ware für gute ausgibt.
  • wer auf unrechtmäßige Weise Erbschaften erwirbt und Zin­sen einnimmt.
  • wer jemand den verdienten Lohn vorenthält und Schulden ableugnet.
  • wer seinem Nächsten, wenn dieser bedürftig ist, nicht borgt und ihm nicht zinslos leiht.
  • alle die (verstoßen gegen das Gebot, die) geizig sind und sich beeilen, reich zu werden, und wie sonst fremdes Eigentum behalten oder an sich gebracht wird.
  • wer den Schaden des anderen nicht abwehrt.
  • werden anderen nicht vor Schaden warnt.
  • werden Vorteil seines Nächsten hindert.
  • wer gegen dessen Gewinn verdrießlich ist.

Gegen das achte Gebot verstößt,

  • wer vor Gericht die Wahrheit verschweigt und unterdrückt.
  • wer durch Lug und Trug Schaden macht; ebenso (verstoßen gegen das Gebot) alle die gefährlichen Schmeichler und Ohrenbläser, die Doppelzüngigen, die Uneinigkeit und Un­frieden verursachen.[16]
  • wer seines Nächsten Leben, Werk und Wort, obwohl es gut ist, schlecht auslegt und schmäht.
  • wer solcher bösen Nachrede Raum gibt, sie unterstützt und ihr nicht widersteht.
  • wer seine Zunge nicht dazu gebraucht, seinen Nächsten zu entschuldigen.
  • wer den Verbreiter übler Nachrede nicht tadelt.
  • wer nicht alles Gute von jedermann sagt und alles Böse tot­schweigt.
  • wer die Wahrheit verschweigt und sie nicht verficht.

Über die letzten beiden Gebote (und im Überblick über alle):

Die beiden letzten Gebote gehören nicht in den Beichtkatalog[17], sondern sind zum Ziel und Zeichen gesetzt, zu dem [145] wir hinkommen und auf das wir täglich durch Umbesinnung mit Gottes Hilfe und Gnade hinarbeiten sollen; denn die böse Nei­gung in uns stirbt nicht eher ganz, als bis der Leib zu Staub und Asche und danach neu geschaffen wird.

Gegen die Sünden, die durch Mißbrauch der fünf menschlichen Sinne begangen werden, rich­ten sich das fünfte und sechste, gegen die Verweigerung der sechs Werke der Barmherzig­keit das fünfte und siebente Gebot. Gegen die sieben Todsünden sind folgende Gebote gerich­tet: gegen den Hochmut das erste und zweite, gegen die Unkeuschheit das sechste, gegen den Zorn und gegen den Haß das fünfte, gegen das Prassen das sechste, gegen die Trägheit das dritte und wohl [WA 7,212] alle zehn. Gegen die fremden Sünden (mit denen andere angestif­tet wer­den) richten sich alle Gebote, denn mit Gutheißen, Raten und Helfen kann gegen alle Gebote gesündigt werden. Die zum Him­mel schreienden und die stummen Sünden sind gegen das fünfte, sechste und siebente Gebot gerichtet.

In allen diesen schlechten Handlungen sieht man nichts an­deres als die Eigenliebe, die nur das Ihre sucht. Sie nimmt Gott, was sein eigen ist, und den Menschen, was ihnen zugehört, gibt aber weder Gott noch den Menschen etwas von dem, was sie hat, ist und kann, wovon Augu­stin gut (in einer Predigt) sagt: „Der Anfang aller Sünde des Menschen ist seine Selbstlie­be.“[18]Aus diesem allen folgt, daß die Gebote nichts anderes als Liebe gebieten – und nichts anderes als Liebe verbieten; und daß die Gebote nicht anders als durch Liebe erfüllt – und nicht anders als durch Liebe übertreten werden. Darum sagt Paulus (Röm. 13,10), daß „die Liebe die Erfüllung aller Gebote ist“, wie die böse Liebe die Übertretung aller Gebote ist.

Die Erfüllung der Gebote

Die Erfüllung des ersten Gebotes ist

  • Gott fürchten und lieben im rechten Glauben und jederzeit auf ihn fest vertrauen in allem, was man tut, ganz und gar in allen Dingen völlig gelassen sein, ob sie böse oder gut sind.
  • Hierher gehört alles, was in der Heiligen Schrift vom Glauben, der Hoffnung und der Liebe geschrieben steht; das ist alles aufs kürzeste inbegriffen im ersten Gebot. [146]

Die Erfüllung des zweiten Gebotes ist

  • den Namen Gottes loben, ehren, preisen und anrufen, seinen eigenen Namen dagegen und die eigene Ehre ganz aus­löschen, damit nur Gott gepriesen wird, der allein alle Dinge er­hält und wirkt.
  • Hierher gehört alles, was vom Lob, der Ehre und dem Namen Gottes, vom Dank und der Freude in der Heiligen Schrift gelehrt wird.

Die Erfüllung des dritten Gebotes ist

sich für Gott öffnen und seine Gnade suchen. Das geschieht, indem wir beten, den Gottesdienst besuchen und das Evan­gelium hören, die Leiden Christi bedenken und das Hl. Abend­mahl im Glauben empfangen.[19] Denn dieses Gebot fordert, daß wir geistlich arm“ sind (vgl. Matth. 5,3) und alles Geltenwollen vor Gott aufgeben, damit er unser Gott ist und in uns sein Wirken und seinen Namen bekommt, wie die beiden ersten Gebote es verlangen. [WA 7,213]

Hierher gehört alles, was vom Gottesdienst (vgl. Röm. 12,1 ff.), vom Hören auf die Verkündigung, von guten Werken und davon, den ganzen Menschen dem Heiligen Geist anheim zu geben, befohlen ist, damit unser ganzes Tun Gott gehört und nicht uns.

Die Erfüllung des vierten Gebotes ist

  • williger Gehorsam, Demut und Unterordnung unter alle, die über uns zu bestimmen haben, ohne jedes Widersprechen, Klagen und Murren, wie es der Apostel Petrus (1. Petr. 2,18) sagt, weil es Gott so gefällt.
  • Hierher gehört alles, was von Gehorsam, Demut, Dienstbar­keit und Ehrerbietung geschrieben ist.

Die Erfüllung des fünften Gebotes ist

  • Geduld, Sanftmütigkeit, Güte, Friedsamkeit, Barmherzigkeit und in allen Dingen eine warme, freundliche Herzlichkeit, zu jedem Menschen, auch dem Feind gegenüber, ohne jeden Haß zu sein, ohne Zorn und Bitterkeit.
  • Hierher gehören alle Lehren von der Geduld, Sanftmütigkeit, Friedsamkeit, Einigkeit. [147]

Die Erfüllung des sechsten Gebotes ist

  • Keuschheit, Zucht, Schamhaftigkeit in Taten, Worten, Gebär­den und Gedanken; auch Maßhalten im Essen, Trinken und Schlafen und alles, was der Keuschheit förderlich ist.
  • Hierher gehören alle Lehren von der Keuschheit, dem Fasten, dem Nüchternbleiben und Maßhalten, dem Beten, Wachen, Arbeiten und davon, womit Keuschheit bewahrt wird.

Die Erfüllung des siebenten Gebotes ist

  • Armut des Geistes, Mildtätigkeit, Willigkeit, sein Eigentum zu verleihen, abzugeben und ohne Geiz und Habgier zu leben.
  • Hierher gehören alle Lehren vom Geiz, von unrechtem Gut, Wucher, List, Betrug, und davon, wodurch der Nächste in seinem Eigentum geschädigt und behindert wird.

Die Erfüllung des achten Gebotes ist

  • eine friedsame, heilsame Sprache, die niemandem schadet und jedem nützt; eine Zunge, die die Zerstrittenen versöhnt und die Verleumdeten entlastet und besonnen spricht, d. h. wahr und eindeutig.
  • Hierher gehören alle Lehren, wann und wo man schweigen und reden soll, wenn es des Nächsten Ehre, Recht, Sache und Seligkeit betrifft. [WA 7,214]

Die Erfüllung der beiden letzten Gebote ist

  • vollkommene Keuschheit und gründliche Verachtung aller vergänglichen Freuden und Güter, was nur im ewigen Leben vollbracht wird.

In allen diesen Handlungen sieht man nichts anderes als eine einem anderen zustehende, allgemeine Liebe, das ist eine Liebe, die Gott und dem Nächsten gehört. Sie sucht Nicht das Ihre, sondern das, was Gott und dem Nächsten dient, und gibt sich jedermann aus freien Stücken zu eigen, ihm zu dienen und willig zu sein.

So siehst du, daß in den Zehn Geboten alle Lehren, die dem Menschen im Leben vonnöten sind, wohlgeordnet und kurz zusammengefaßt vorliegen. Wenn er sie einhalten will, hat er stündlich gute Taten zu tun, so daß es ihm nicht nötig wird, andere zu wählen, hierhin und dahin zu laufen und etwas zu tun, wovon nichts geboten ist. [148]

Das alles ist darum so eindrücklich aufgezeigt,[20] weil in diesen Geboten nicht gelehrt wird, was der Mensch zu seinem Vorteil tun, lassen oder von anderen begehren soll, sondern was er für andere, für Gott und die Menschen tun und lassen soll, damit wir es begreifen müssen, daß die Erfüllung der Gebote in der Liebe zu anderen und nicht zu uns selbst besteht. Denn der Mensch tut, läßt und sucht für seinen Vorteil schon zuviel, so daß die Eigenliebe nicht noch zu lehren, sondern ihr zu wehren vonnöten ist. Darum lebt der am allerbesten, der nicht für sich selber lebt, und der lebt am allerschlimmsten, der nur für sich selber lebt; denn so lehren die Zehn Gebote. Daraus sieht man, wie wenig Menschen gut leben, ja, daß niemand gut zu leben vermag, da er ein schwacher Mensch ist. Weil wir das erkennen, müssen wir nun lernen, woher wir es nehmen sollen, damit wir gut leben und die Gebote erfüllen.

Quelle: Martin Luther Taschenausgabe. Auswahl in fünf Bänden, Bd. 4: Evangelium und Leben, bearbeitet von Horst Beintker, Berlin: Evangelische Verlagsanstalt 1983, S. 137-148.


[1] Hier steht die mittelalterliche thomistische Auffassung von der natürlichen Gotteserkenntnis im Hintergrund, nach der einem jeden Menschen seiner Natur entsprechend ein Wissen um die Existenz und – in Gestalt des Lichtes der Vernunft (lumen naturale) – die Fähigkeit zur Erkenntnis Gottes innewohnen.

[2] In der ganzen Bibel steht der Machtlosigkeit der toten Götzen der lebendige Gott gegenüber.

[3] Zum Wesen Gottes gehört das Verborgensein. Gott selbst ist der menschlichen Erkenntnis nach Luther nur soweit zugänglich, wie er sich ihr durch Jesus Christus offenbart.

[4] Zu Luthers Auffassung von der ,,gottgewollten Obrigkeit“ vergleiche deren biblische Grundlage Röm. 13,1-7/V. 1!) sowie bei R. Hermann: Die Lehre von der Obrigkeit, in: Luthers Theologie. Berlin und Göttingen 1967, 199-218.

[5] Wörtlich: „wan wir nu das natürlich gesetz ansehen“. Hier steht die Naturrechtslehre des Mittelalters im Hintergrund, die ihre klassische Ausformung durch Thomas von Aquino gefunden hat. Im Mittelpunkt steht der ordo-Gedanke der Übereinstimmung von menschlicher Vernunft (lex humana). Welt­vernunft (lex naturalis) und ewiger Vernunft (lex aeterna); d. h. mit dem ewigen Gesetz, das Gottes Weltordnung bestimmt, sollen die beiden an­deren übereinstimmen. Nach Thomas basiert die Stufenordnung des Seins auf einer Hierarchie der Gesetze: die Weltvernunft richtet sich an der ewigen Vernunft, die menschliche Vernunft an der Weltvernunft aus.

[6]  Die sogenannte goldene Regel: „was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu“, findet sich auch in anderen ethischen Konzeptionen.

[7]  Im folgenden wendet sich Luther gegen eine Vielzahl magischer Mittel und Praktiken, durch welche der Volksaberglauben im Mittelalter Hilfe aus den ver­schiedensten Nöten suchte.

[8] Die dem Volksaberglauben bekannten Vorstellungen vom zauberischen Einfluß auf den Milchertrag, auf blitzschnellen Ortswechsel mittels eines Zauber­mantels. auf das Erscheinen von abwesenden Personen oder Zukunftsbildern in einem Kristallspiegel werden vom christlichen Glauben ebenso abgewiesen wie die aber­gläubische Orientierung an magischen Zahlen und Tagen, wogegen Lutherden nächsten Passus richtet.

[9] Die Textform „ausgedachte Beschwörungsformeln“ (wörtlich: „erdichtete Gebete“) gründet sich auf WA 1.252,9 und richtet sich auch gegen den Mißbrauch christlicher Gebetsformeln.

[10] Luther fordert das z. B. in der Auslegung der sieben Bußpsalmen 1517 (WA 1,159,16-22 = Quellen 27-I, 104). Als biblisches Vorbild fürsolche demütige Einstellung kann Jesus selbst und Hiob gelten.

[11] Im Sinne von Geringschätzung.

[12] Wörtlich steht hier das hebr. „Racha“ und beim nächsten Verstoß das lat. „fatue“;vgl. dazu J.A. Bengel: Gnomon Bd. 1,39, Berlin 61952.

[13] Wörtlich „zusammen hetzt oder henget“; vgl. dazu WA 6,425,27 – Cl 1,383,1.

[14] Wörtlich: „Wer junckfrawen schwecht“.

[15] Mit „stummen Sünden“ bezeichnet man Selbstbefriedigung und Homo­sexualität.

[16] Die Ergänzung mit Relativsatz zur Anführung „zweytzungiger“ nach WA 1,253,31.

[17] Zu beichten waren Vergehen, nicht Gesinnungen und Wünsche. Der ,,Beicht­katalog“ oder „Beichtspiegel“ klassifizierte die einzelnen Vergehen, für die eine Beichtpflicht bestand, und ordnete sie nach Schwere und Art der Ver­letzung – wie Luther im nächsten Absatz auch einige Einteilungen berücksich­tigt.

[18] MSL 38,585: „Prima hominis perditio fuit amor sui“ (in Sermo 96,2).

[19] Wörtlich: „und alßo geystlich zum sacrament geen“.

[20] Wörtlich: „mercklich angetzygt“, was etwa mit „sehr unterstrichen“ bzw. auch „gründlich nachgewiesen“ übersetzbar ist.

Hier der Text als pdf.

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