Kornelis Heiko Miskotte, Gotteswort und Menschenwort (Das Wagnis der Predigt): „Kein Ding im Himmel und auf Erden kommt anders zum Leben als durch das Wort Gottes, keine Stunde unserer Menschenjahre erfüllt ihren Sinn anders als im menschlichen Wort.“

Gotteswort und Menschenwort

Von Kornelis Heiko Miskotte

Wenn wir den Auftrag der Exegese an einer bescheidenen Stelle für diesmal hinter uns haben und praktisch für eine weitere Aufgabe gerüstet sind, wenn wir aus der Zelle des Hieronymus zum Vorschein kommen und uns nach Meditation und Gebet zum Sagen der Wahrheit bereitet haben – dann werden wir aufgenommen und mitgeführt auf den Wogen eines anderen Ge­schehens, das, wie sehr wir auch theoretisch davon wissen, uns doch faktisch immer wieder in unseren Gewißheiten erschüttern kann. Denn nun wird unser Wort, unsere Exegese, unsere Anwendung Träger sein, Überbringer, nein mehr noch: Repräsentant – nein noch mehr: die Sarx, die von dem Pneuma angenommen, aufgenommen, durchstrahlt und verzehrt wird in eigener Glut und eigenem Glanz. O Wunder des Men­schenwortes, das gewürdigt werden kann zu solch gewaltigem Dienst, zu solcher Ehre, dazu bestimmt, sich selbst zu verzehren und verherrlicht zu werden trotz seiner Hinfälligkeit und Relativität!

Die Skepsis gegenüber der Sprache bedroht zwar die exakte Wissen­schaft von allen Seiten; Philosophie und Theologie aber hören auf zu bestehen oder sich weiterzuentwickeln, wenn ihnen der Mut fehlt und der Glaube (tatsächlich ein Glaube!), daß die Logik die Grammatik der Spra­che ist, die „Syntax des Sich-Aussprechens des Seienden“ (A. E. Loen). Vielleicht müssen wir alle wieder bei Johann Georg Hamann, dem „Magus des Nor­dens“, in die Schule gehen, um wieder an die Sprache zu „glauben“.

Sollte jemals einer kommen, der das Wunder des Wortes auslotete, so verstünde er die ganze Schöpfung. Denn ist das Wort die wesentliche Gestalt des Geistes, so ist der Mensch wieder­um der Mikrokosmos, die Welt im Kleinen, die Zusammenfassung aller Ebenen und Ordnun­gen der Schöpfung. Aber mehr als Zusammenfassung ist er: die Krone der Schöp­fung und das Ebenbild Gottes, darin nämlich, daß er das Wort hat.

Wenn wir sagen, daß wir es im Leben mit Gottes Wort zu tun be­kommen, dann ist das mehr als anthropomorphe Bildrede, und wenn wir sagen, daß das Menschenwort dazu bestimmt ist, aus dem Leben heraus Gott zu loben, dann ist das mehr als ein frommes Gleichnis. Kein Ding im Himmel und auf Erden kommt anders zum Leben als durch das Wort Gottes, keine Stunde unserer Menschenjahre erfüllt ihren Sinn anders als im menschlichen Wort.

Das Wort ist darauf aus, bewußte Gemeinschaft zu stiften; es geht um ein Benennen, ein An­rufen, ein Ansprechen: du. Nichts im ganzen Weltall ist damit zu vergleichen.

Bei Gott ist dieses Sprechen Schaffen, bei uns ist solches Sprechen Verehren und in Vereh­rung Nachdenken, Erkennen, Anerkennen.

Führen wir uns nun vor Augen, was in der Kirche (die am Rand der Kultur, des Menschen­lebens, der Welt aller tiefen und dunklen, schönen und heilsamen Worte aufgerichtet ist) ge­schieht oder geschehen muß, und kann dann die Antwort nicht anders lauten als: Gemein­schaft mit Gott, dann können wir uns, da es keine persönliche Gemeinschaft am Wort vor­bei gibt, der Frage nicht entziehen, wie Gotteswort und Menschenwort sich im Gottesdienst zu­einander verhalten, namentlich in dessen Zentrum: der Predigt Was bedeutet: verbi divini ministerium?

Wir wollen, so einfach und so ruhig wie möglich, miteinander überle­gen, was dieses Aller­einfachste und Allergewaltigste bedeutet: es wird ge­predigt; da steht eine Kanzel, erhaben über den Boden, auf dem wir sitzen, da liegt ein großes Buch aufgeschlagen, da wird „aus“ diesem Buch als aus einer unermeßlichen Welt von Geheimnissen, Gefahren und Verheißun­gen gesprochen zu uns, zu allen, die es hören wollen in dem weitgespannten, widerspenstigen Weltleben, inmitten der schweigenden Natur: so spricht zu dir der Herr!

Wie wir das Ziel der Predigt auch umschreiben, sie selber bleibt immer ein in sich unwahr­scheinliches Unternehmen. Sagen wir, das Ziel liege in heiligem Unterricht in der reinen Leh­re, dann werden wir doch bedenken müssen, daß noch so reine Lehren von Schriftkundigen und gottesfürchti­gen Menschen höchstens in die Richtung der reinen Wahrheit gehen, diese aber selber etwas bleibt, was wir in dieser Weltzeit nicht „haben“, etwas, das zu unserer ewigen Zukunft gehört, etwas, das aus dem Jenseits uns be­suchen kommt.

Sagen wir, das Ziel der Predigt sei, Seelen zu bekehren, sie zum Gehor­sam gegen Gott zu bringen, dann werden wir doch gewiß zugeben, daß dies nicht in der Macht irgendeines Men­schenwortes steht, und werden dar­über hinaus zu bedenken haben, daß auch die bestgemeinte derartige Arbeit den Seelen immer wieder ebensowohl schaden wie nützen kann.

Wohl wird vielen gerade heute wieder deutlich geworden sein, wie wichtig der geistliche, der kirchliche Unterricht ist. Wir müssen wissen, was das Evangelium meint mit „Gott“, „Vorse­hung“, „Gerechtigkeit“, „Heiligkeit“, „Heil“, „Gericht“, „Vergebung“, wir müssen dies von gleichlautenden Ausdrücken scharf unterscheiden lernen, die von anders­woher ertönen und etwas ganz anderes bedeuten. Man kann die Wich­tigkeit solchen Wissens nicht hoch genug veranschlagen. Die Gemeinde weiß viel zu wenig; und die Eingeweihten wissen ja, daß wir im Blick auf die lebendige Schrift nie ausgelernt haben. Dem Volk muß in seiner gro­ßen, tragischen Unkenntnis Schritt für Schritt geholfen werden.

Ebensosehr wird vielen, namentlich in der heutigen kritischen Zeit, die Wahrheit am Herzen liegen, daß „die Seele aller Verbesserung die Verbes­serung der Seele ist“ und daß wir zu einem anderen, einem edleren Leben bewegt werden und andere dazu bewegen müssen. Das gehört mit zur Auf­gabe der Kirche, insofern es als eine Frucht der Bekehrung betrachtet wer­den kann.

Doch berührt das alles das Wesen der Sache, den Anspruch der christli­chen Predigt erst am Rande. Mag Unterweisen und Bekehren zu den menschlichen Möglichkeiten gehören – wenn es aber um diesen Lehrstoff geht, der selber ewige Wahrheit ist, und um diese Gemeinschaft, die selber das ewige Leben ist, um die Wahrheit Gottes und um die Zuwendung zu Gott, wäre es dann nicht weise, sich zu erinnern: „Gott ist im Himmel und du bist auf Erden, darum laß deiner Worte wenige sein“ (Pred. 5,1)?

Wie rein auch die Erkenntnis und wie echt das Verlangen nach Ver­änderung des Lebens sein mag, die Wahrheit Gottes und die Zuwendung zu ihm können vom Menschen aus nicht er­reicht, geschweige denn for­ciert werden. Jedoch – niemand anders als der Mensch predigt. Wie sollten wir damit nicht mitten in der Verlegenheit landen?

Überdies sind diese beiden Umschreibungen – Unterrichtung und Be­kehrung vorläufig und äußerlich, wie sie sind, viel zu schwach; denn sie weisen jeweils nur auf die eine Seite des Eigentlichen hin: daß das Wort Gottes inmitten dieser Welt von Mensch zu Mensch gespro­chen werden soll. Wenn das die zutreffendste Umschreibung des Zieles der Predigt ist, wird unsere Verlegenheit vollends unüberwindlich. Nur weil Prediger wie Hörer, die ecclesia docens und die ecclesia discens, es weithin nicht mehr gewohnt wind, die Worte „Gott“, „Mensch“, „Wort“ wirklich ernst zu nehmen, kann es geschehen, was wir vor Augen haben, daß weder Hörer noch Sprecher schockiert und bestürzt sind über das Unerhörte die­ses doch offensichtlich titanischen Unternehmens: das Wort Gottes inmit­ten dieser Welt heute mit Autorität zu Gehör zu bringen. Vielleicht muß man ein unbeleckter „Kirchenferner“ sein, um originär und eindringlich zu spüren, welcher enorme Anspruch damit erhoben wird inmitten eines wachsenden Gefühls der Relativität aller unserer Erkenntnis, der höchstens approxima­tiven Funktion der Sprache, der Zufälligkeit der Worte und der Abhängigkeit ihrer Tragkraft von der von tausend kulturellen Faktoren be­stimmten Situation. Aber es ist eigenartig, daß der „Kirchenfeme“ eine andere doch am Tage liegende Seite dieses Anspruchs nicht sieht, näm­lich daß anderswo in der Welt der Religionen und mystischen Philosophien sich das Problem von Gotteswort und Menschenwort und ihres Verhält­nisses zueinander faktisch nicht stellt und sich eigentlich nicht stellen kann.

Strenggenommen gibt es in der Welt keine andere Predigt als die der christlichen Kirche. Zwar „predigen“ auch die anderen Religionen, aber das Wort hat dort einen völlig anderen Sinn. Predigt ist dort entweder eine Erhellung des Welträtsels oder eine Ermahnung, auf dem rechten Lebens­weg zu gehen. In der heiligen Schrift des Alten und des Neuen Testaments heißt predigen: das Heil als eine vollendete Welt anzeigen, den Frieden verkündigen, die Ver­gebung zusichern, die Zukunft ausrufen, die Gegen­wart der Wohltaten feiern. Lauter Worte, die auf Werte verweisen, die noch nicht da sind, aber die im Kommen sind.

Wir können die Versöhnung von Gott und Mensch nicht beschreiben, wir können einander auch nicht ermahnen, sie zustande zu bringen! Aber das Wort Gottes, das im Kerygma lebendig ist, aus diesen Worten sich er­hebt, mit diesen Worten sich Zugang verschafft, umschließt in sich eine unsichtbare Welt, ein Heil, ein himmlisches Reich.

Und darum geht es über menschliche Kraft, dieses Wort Gottes zu über­bringen. Denn das kann doch nichts anderes bedeuten als die Austeilung der ewigen Freude! Nicht eine Mittei­lung über die Freude, sondern Mitteilung der Freude selber, das Anteilgeben und Anteilbe­kommen und Anteilhaben an der Wahrheit der Erfüllung unserer ewigen Bestimmung.

Vielleicht ist es, neben anderem, gerade das Überwältigende dieses Geheimnisses, das uns stumpf macht, vielleicht ist es gerade das Un­glaubliche, das dazu geführt hat, daß wir es, wie man so sagt, „wohl glau­ben“. Dabei wurde und wird uns überdies von unseren Mitmenschen, Mitkirchengliedern die Erwartung weithin so unwahrscheinlich gemacht. Die „Kultur des Sich-leicht-Machens“ (Keyserling) ist ins Kraut geschossen, die Ehrfurchtslosigkeit nachgera­de zur festen Gewohnheit geworden; die Mattigkeit nieselt über die schwermütigen Reihen der Hörer, die Leere gähnt uns an aus so mancher Wortreihe, aus so manchem Gesicht, man­cher Haltung und Gebärde.

Oder auch: niemand merkt etwas, niemandem fehlt das Rechte, und der Betrieb geht ungestört weiter zur Befriedigung der zufriedenen Mehrheit. Zu Recht! Denn es bleibt ein Zeichen!

Und doch haben die meisten von uns, wenigstens ab und zu, wohl eine ferne Ahnung von den Möglichkeiten der Gotteslästerung, die hier liegen! Hart neben den Möglichkeiten der Gottes­verherrlichung? Die Frage ist, ob Menschenworte (denn es sind und bleiben grobe oder feine, platte oder er­habene Menschenworte) jemals ausdrücken, weitergeben, mitteilen kön­nen, was Gott will, was Gott uns hier und jetzt, in dieser Welt und in un­serem Leben zu sagen hat; die Frage kann uns beklemmen, ob vielleicht die fortschreitende Entfremdung vom Leben Gottes, die stille Katastrophe des Erlöschens aller Erwartung in unserer Zeit auch der Predigt mit an­zu­lasten ist, nämlich einer Predigt, die nicht nur formal langweilig und ma­terial unbiblisch, sondern zudem nicht getragen ist von wahrer Demut, nicht getränkt ist in Furcht und Zittern, sich nicht als ein Teil der Liturgie versteht, jenes Gottesdienstes, in dem es Gott gefällt, uns zu die­nen. Wir können kürzer sagen: einer Predigt, die dem Gehalt nach nicht kerygmatisch oder die exegetisch nicht verantwortet – oder die keines von beidem ist. Oder noch kürzer und beschämender: einer Predigt, die das Menschenwort nicht in den Dienst des Wortes Gottes stellt.

Wo ist das lebendige Wort? Oder sollte dieses etwa eine Wahnidee sein, eine mythologische Projektion unserer religiösen Gefühle? Und wenn nicht, warum geht das Feuer des Zeugnisses dann nicht quer durch allen Widerstand hindurch?

„Blitzt er nicht auf, der Redestrom, der auf unsere Lippen gelegt ist, und vermag er nicht mit der ganzen Wucht der Tatsachen im Hintergrund, die ihm Gewalt geben, ebenso zu entflam­men wie zu erleuchten? ‚Bruder, Bruder, sieh: der Weg, die Wahrheit und das Leben; sieh: das Heil; sieh: die Verheißung und die Antwort. Die Dunkelheit ist nicht mehr, sieh: das Licht. Kein Zweifel ist mehr, sieh: die Gewißheit. Kein Schwanken ist mehr, sieh: die Wegrichtung. Kein Leiden ist mehr, nur noch Bewährung. Keine Mühsal ist mehr, sondern verklärter Dienst. Keine Enttäuschung ist mehr, sondern Erwartung. Keine Eintönigkeit ist mehr, die das Herz er­müdet, das mit seinen Nichtigkeiten beladen ist, sondern die Hoffnung. Keine Tren­nung ist mehr, sondern nur noch ein frommes ‚Auf Wieder­sehen‘. „Bruder, Bruder, der Tod ist nicht mehr, sondern das Leben, das ge­meinsame, unsterbliche Leben, das meine Botschaft dir verkündet!“ (So Sertillanges, der große Dominikaner.) Wer wagt es, dies als „seine“ Bot­schaft zu sagen!

Halten wir das für Rhetorik? Es ist Rhetorik, ohne Zweifel, außer wenn es erfüllt wird in Gott, durch Christus, im Heiligen Geist – und … in Menschensprache.

Ein neuer Ernst hat sich erhoben; einige sind mit dieser Sorge bei sich selber eingekehrt, sind betroffen, aus dem Gleichgewicht gebracht; sie fra­gen: was haben wir getan, wo ist der Echt­heitsstempel einigermaßen sichtbar, wo sind unsere Beglaubigungsschreiben, was ist aus dem Gotteswort unter uns geworden? Warum kommt im Umkreis des Ge­schehens der Predigt nicht etwas in Bewegung, das, wenn auch nicht die Fernerstehenden, so doch die Teilnehmer mitnimmt in große Verzückungen oder in eine tiefe Stille? Warum werden so wenige (wie es scheint) aus ihrem alten Leben weggezogen, warum wächst da so selten eine Ge­meinschaft, die sich vor das Angesicht Gottes gestellt sieht? Ich denke an das, was Buber über Rabbi Schmelke (Samuel van Nikolsburg, gest. 1778) sagt:

„Die Predigt war sein Element, weil er an die verwandelnde Wirkung des Wortes glaubte“ (und er glaubte daran, weil er an die Gött­lichkeit des echten Wortes glaubte). „Die Predigt betrachtete er in tief re­ligiöser Konzeption als die Handlung, durch die das Gebet der Gemeinde zur höchsten Reinheit und Kraft gestei­gert wird … So auch betete er selbst und wurde von seiner Intention verzückt: mitten im Gebet kam er aus allen Bahnen des Gedächtnisses und der Gewohnheit und sang neue, nie gehörte Melodien … Auf manches unverkrustete Gemüt übte er tiefe Wirkung; aber die Mehr­heit der aus ihrer wohlgeregelten Ruhe Aufge­störten wandte alles auf, um ihm das Leben in der Ge­meinde zu ver­leiden.“[1]

Dies mag nur ein formales Paradigma und ein Gleichnis sein, das einen Augenblick absieht von der Wahrheitsfrage; gleichwohl ist es imstande, in uns ein Heimweh nach der kräftigen Wirkung des Wortes zu wecken, gerade weil wir nicht an die „Göttlichkeit des echten Menschen­wortes“ glauben. Es ist, als lägen wir im Bann einer Entfremdung, an deren Ursprung wir uns nicht mehr erinnern und deren Ursachen wir nicht überschauen können. Aber jene Fragen bleiben, und sie mögen uns ein sicheres Lebenszeichen sein.

Und dieser Ernst und diese Einkehr können dann nicht wieder aufgeho­ben werden, indem man die Schuld an jener Entfremdung von Gott und ih­ren unheilvollen Folgen der Predigt einer bestimmten kirchlichen Richtung zuschiebt – um sich seinerseits aus dem Ernst und aus der Angst des Angeschuldigten davonzustehlen mit dem gruselig-behaglichen Gefühl, daß das Wort Gottes, wie in den Jugendjahren Samuels, wohl „teuer“ (1. Sam. 3,1), wahrhaft selten geworden sei in unseren Tagen, daß es aber um so stärkender sei zu wissen, daß dieses Selte­ne sich bei uns und den Unseren befindet. Sollte das nicht das Denken und Sinnen der selbst­genügsamen Frommen sein, die niemals zu Weisheit zu kommen scheinen, weil sie nicht wis­sen und nicht wissen wollen, daß Gott Gott ist, vom Menschen unendlich unterschieden, in Freiheit und Liebe, in souveräner Liebe, während der Mensch Mensch bleibt, unermeßlich weit in Entfremdung versunken, und Gottes Wort Gottes Wort bleibt, in Maß und Qualität und Kraft von allem Menschenwort verschieden?! Sollte dort vielleicht die Ursache von soviel Leere zutage treten, wo wir offenkundig das Menschenwort als solches überschätzen und es in seinem Dienst­charakter unterschätzen? Und was das Wunder von Gottes Reden angeht, muß es davon nicht heißen: es war verachtet, und wir haben es für nichts geachtet (vgl. Jes. 53,3)?

Im übrigen könnten wir es eigentlich wissen! Wie die Summe aller menschlichen Gaben und Tugenden nicht an Gottes Herrlichkeit heranrei­chen würde, so kann die Ansammlung aller frommen, wahrhaftigen, er­baulichen Worte, die über das ganze Weltenrund gesprochen wer­den, auch nicht für eine Sekunde das Wort Gottes, d.h. Gott selbst, wie er sich den Herzen of­fenbart, ersetzen – obgleich es andererseits feststeht, daß es Gott gefällt, unser Wort zu ge­brau­chen, um für sein Wort Raum zu schaffen.

Pascal hat einmal gesagt: „Alle Sternenwelten zusammengefügt geben noch nicht einen ein­zigen Gedanken, denn das Geistige ist von einer abso­lut anderen Ordnung“ – aber ganz genauso muß auch gesagt werden: Alle menschlichen Lehren und Ermahnungen miteinander geben noch nicht einen einzigen Gottesgedanken, denn das wäre der Durchbruch von einer völlig anderen Ordnung aus, so gewiß Gott der Schöpfer, Versöhner und Erlöser des Alls ist. Wohlgemerkt, wir sprechen nicht über „das Absolute“, um damit sinnlose und nichtssagende Sprüche zu rechtfertigen wie: „Gott ist alles, der Mensch ist nichts“; wir sprechen von Gott, wie er in der heiligen Kirche bekannt wird, es geht also um eine bestimmte Qualität, einen besonderen „Gottesgedanken“, nämlich den Gedanken, den Gott über uns hat, um die kreative Kraft seines Beschlusses, Gott mit uns zu sein. Gegenüber dem allen behalten wir eine funda­mentale Reserve, ein mit unserer Natur gegebenes Mißtrauen, einen von unserem Willen ent­fachten Widerstand; darin liegt der unendliche Qualitätsunterschied zwi­schen „Zeit“ und „Ewigkeit“, zwischen unserer Zeit und Gottes Zeit. Dieser Widerstand kann sehr wohl Zu­sammengehen mit religiösen Gefühlen mancherlei Art wie Abhängigkeit, Demut, Verehrung. Aber zu dieser bestimmten Qualität gehört schließlich ein bestimmter Glaube, der nämlich, daß, wie wunderbar das auch scheinen mag, die kreative Kraft Gottes uns ergreift durch die bescheidenen Annäherungen, die das Men­schenwort unternimmt in der Sukzession der Apo­stel. Dieser Glaube, der Reflex und Abdruck von Gottes eigenem Handeln, ist mehr und etwas anderes als ein religiöses Gefühl, dieser Glaube ist auf die Eigenart Gottes bezogen, mit hin­eingezogen in sein Leben; wie die menschliche Natur Jesu keine selbständige Existenz hat, sondern durch die assumptio carnis aufgenommen ist in die Einheit Gottes, so ist es mit die­sem eigentümli­chen Glauben, durch den wir mit dem Wort vereinigt sind. Dieser Glaube ist in seiner ganzen Struktur das genaue Gegenbild der Prosternation der Gojim vor den Göttern und ihrer Verzückung in die Gottheit hinein.

Nach dem Zeugnis der heiligen Schrift ist die tiefe Religiosität des Heidentums als Feind­schaft gegen das Gottsein Gottes enthüllt, als Abwendung vom Glauben an diesen geheimnis­vollen Schöpfer des Glau­bens, und somit als Flucht vor dem Wort, das einen Anspruch, einen Appell, eine Verheißung und ein Gebot überbringt.

Und wir, die wir alle von Natur aus Heiden sind, können dasselbe spü­ren in dem spontanen Ärgernis, das wir nehmen an diesem für unser Bewußtsein so hohen, leeren, überflüssigen Reden von einem unfaßbaren Gott inmitten einer Welt, die dröhnend voll ist von handfesten Wirklich­keiten, und gegenüber einer Kultur, die unaufhörlich Welten geistiger Werte entwirft.

Ist Gott, wenn man von seiner Offenbarung absieht, entweder der Absolute oder der Bekann­te, der Unerreichbare oder der Erreichbare, dann wird die Predigt Beschreibung einer Wirk­lichkeit, Durchleuchtung des Welträtsels, Gleichnis, in dem das Gegebene für unsere Augen transparent wird. Die Welt ist Gottes Bild, und die Seele erahnt das Wort als ein Bild für die Beständigkeit der Dinge. Und im Bild ist das Abgebildete gegeben.

Wir müssen uns dessen sehr wohl bewußt sein, daß man auch die christlichen Worte als sol­che Bilder auffassen kann. Wir müssen uns dar­über im klaren sein, daß, noch ganz abgesehen von dem, was die Dog­mengeschichte (abwechselnd begleitet und geführt von der philosophi­schen Entwicklung) im Umkreis von Origenes und Scotus Erigena, Spi­noza und Hegel an christlicher Predigt hervorgebracht hat, das religiöse Wort als solches, verstanden als Be­schreibung, Umschreibung einer Gege­benheit, als alte oder neue Gnosis, bereits die ganze Paganisierung latent in sich trägt.

Wenn es noch Tausende gibt, die wollen, daß gepredigt wird, und Dutzende von Männern, die das zu können behaupten, und der stillschwei­gende Kontrakt: „wir können reden – wir können hören von diesen Dingen“ von keiner der beiden Seiten aufgekündigt wird, so lange wird das Predigen öffentlich weitergehen, und so lange wird derweilen auch das Heidentum heimlich in den Herzen weiterexistieren. So gesehen ist es wahrhaftig kein Wagnis, wie es bei den Pro­pheten und Aposteln war, aber es wird dann auch schlechterdings keine Predigt sein in dem Sinn, den Propheten und Apostel mit diesem Wort verbunden haben. Denn das Wort ist im­mer ein Geschehen zwischen dem Herrn und seinem Volk, zwischen Gott und Mensch; und man kann es nicht betrachten wie ein Bild, noch handhaben wie einen Besitz, noch weiterge­ben wie ein Ding, noch an­nehmen wie eine Wahrheit. –

Aber wenn Gott dem Stammeln eines Menschen gnädig ist und seine Übertretungen zudeckt, dann „geschieht das Wort”, selten oder Mal für Mal, aber immer, wo es Gott gefallen und der Mensch es gewagt hat.

Ich sage nicht, daß es Gott gefallen hat, weil ein Menschenkind es ge­wagt hat, denn das ist das Wohlgefallen, daß in der Sukzession der Apostel Menschen erweckt werden, die ohn­mächtiger als andere sind – und Gottes Kraft ist in ihrer Schwachheit mächtig (2. Kor. 12,9). Der Glaube selber ist, sobald wir auch nur einen Schritt in das Gebiet der Reflexion hinein tun, ein Wagnis besonders absurder Art. Ist er denn auch nur von der Innenseite aus gesehen vernünftig, begreiflich, notwendig? Bleibt an ihm nicht das Paradox der Gewißheit in der Ungewißheit? Und steht es nicht so auch mit der Predigt? Es scheint uns ein Hinweis auf die Tiefe der Predigt zu sein, wenn sie in ihrer Struktur so stark mit dem Glauben selber überein­stimmt. Darum wird auch, unserer Ansicht nach, umgekehrt dort, wo der Glaube als Gläubig­keit, als gläubige Lebenshaltung und Weltanschauung verstanden wird, die Predigt ganz an­ders aufgefaßt wer­den. So lautet eine typische These, die der unseren strikt entgegensteht: „Der Dienst des Wortes in der Versammlung der Gläubigen trägt weder den Charakter von Kerygma noch von Martyria noch von Propheteia, son­dern den von Homilia.“[2] Im Gegenteil, wo, aus welchen Gründen auch immer, die Form und der Ton der Homilie gewählt wird, da wird keine Predigt geboren werden, es sei denn, sie würde durchbrochen oder bliebe beständig durchflutet von der propheteía im Dienst des kerygmatischen Gehaltes. In der Tat könnte bei der von uns abgelehnten Auffassung von Wagnis keine Rede sein; doch ebensowenig bliebe Raum für die Epiklese, das Gebet könnte letztlich nichts anderes sein als das Tischgebet über dem Brot, das bereits auf den Tisch gelegt ist.

Indessen können wir aus der Gelassenheit des Geistes und dem stetigen Fortgang des Tuns, wie sie aus dieser These von Sillevis Smitt sprechen, dies lernen, daß das Wort „Wagnis“ (in dem eine so stark erweckende Kraft für Schläfer liegt) in den Ohren der wachsamen Arbeiter nicht den Klang eines eigenmächtigen Abenteuers bekommen sollte. Es ist besser, auf ei­nem holländischen Wasserlauf mit einer guten Ladung zu fahren, als einen Ozeanflug zu unterneh­men, um einen Rekord aufzustellen. Das Beste aber ist es, das Risiko der offenen See einzu­gehen und sich dabei dem göttli­chen Lotsen anzuvertrauen, der das Schifflein nach seiner Verheißung be­gleitet.

Ein Wagnis ist ein Versuch, bei dem der Mensch selber weiß (oder wissen könnte), daß viele und schwerwiegende Gründe gegen die Wahr­scheinlichkeit eines Gelingens sprechen. Aber wenn wir von einem Wag­nis reden, so tun wir es ja niemals, um von einem Versuch abzura­ten, sondern nur um allzu unbesonnene Versuche zu verhindern.

Und praktisch ist es doch eigentlich so, daß wir in den großen Ereignissen des Lebens erst nachträglich mit frohem Entsetzen sehen und mit vollem Gewicht sagen: es war ein Wagnis. Und nur nachträglich kann (mit Platon) gesagt werden: kalòs ho kíndynos, wie schön ist das Wagnis! (Phaidon 114 D6) Der Glaube ist ein Antworten und ein verantwortliches Handeln; er ist als Gabe reiner Gnade eine Tat fundamentaler Freiheit (strenggenommen unsere einzige freie Hand­lung). Und nicht anders als ge­tragen von dieser Freiheit wagen wir es, das Jahr des Wohlge­fallens des Herrn auszurufen mit unseren eigenen Worten, in einer Sprache, die, von der Schrift geordnet, vom Geist beseelt, wahr sein möge in dieser unwie­derholbaren Stunde der menschlichen Existenz, hier und jetzt, vor Gott – in der Erwartung, daß solche da sind, die unseren sekundären Apostolat begrüßen wie Cornelius: „Du hast recht getan, daß du gekom­men bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist“ (Apg. 10, 33).

Quelle: Kornelis Heiko Miskotte, Das Wagnis der Predigt, hrsg. u. übers. v. Heinrich Braun­schweiger und Hinrich Stoevesandt, Stuttgart: Calwer, 1998, S. 12-22.


[1] M. Buber, Die chassidischen Bücher, Berlin 1928, S. 383; Hervorhebung von Miskotte.

[2] Sillevis Smitt, De organisatie van de christelijke kerk in den apostolischen tijd, Rotterdam 1920, These 19.

Hier der Text als pdf.

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