Eugen Rosenstock-Huessy über die „glückhafte Schuld“: „Nach der Kreuzigung am Karsamstag darf die Schuld glückhaft heißen, aber wehe uns, wenn wir so rechtfertigen, dass wir Gott täglich kreuzigen.“

Eugen_Rosenstock-Huessy
Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973)

Glückhafte Schuld

Von Eugen Rosenstock-Huessy

Vor tausend Jahren erfaßte eine große Reuewelle das Abendland. Die Messen wurden damals erweitert mit den fürchterlichsten Selbstanklagen des Priesters. An 35 Stellen der Messe hatte er sich fluchwürdiger Sünden in sogenannten Apologien zu zeihen. Es war ja noch nicht allzu lange her, da hatte ein Bischof von Mainz in der Blutrache für seinen Vater gemordet. Grausig wie diese Tat war nun das Sühneverlangen dieser unheimlichen Apologien.

Das Kloster Cluny in Burgund machte sich zum Herdfeuer dieses ungeheuren Reinigungs- und Räucherwerkes. Und in seinem Eifer stürmte dies Kloster gegen ein Gebet altkirchlichen Hochsinns an, das es für zu frei und froh hielt. Dieser Bußeifer Clunys hält bis heute die Ostkirche von der Westkirche gemütsmäßig geschieden. Die kindliche Freude der Oster­christen, so betonen alle Orthodoxen, fehle den Okzidentalen. Der Ruf „Christ ist wahrhaftig erstanden” ertönt in Athen und Sofia, in Asiut und auf dem Sinai, mit einer Helligkeit, daß der Erde dadurch ihre paradiesische Unschuld wiedergegeben wird. Die Restitutio in integrum des unbefleckten Sechstagewerks ist dort vollzogen. Wir aber lassen weiter die Köpfe hängen.

Dem Westen ist seit Cluny die unbedingte Freude verloren. Zwar haben die Päpste die Stre­ichung der zwei geheimnisvollen Worte am Karsamstag den Cluniazensern nicht durchgelas­sen. Sie werden also trotz Cluny überall dort wiedergesungen, wo sich das Römische Brevier durchgesetzt hat. Weil aber das, worum es bei der Streichung der zwei Worte ging, den We­sten trotzdem heute noch durchsäuert, so sind diese Worte heute zwar noch da, aber sozusa­gen nur geduldet. Ihre Strahlkraft ist unterbunden; Ableger haben sie nicht getrieben.

Ihren Sinn zu entbinden, ist aber vielleicht die Aufgabe unseres Zeitalters. Denn in ihnen wächst die Ökumenische Kirche frei von Schisma, Häresie und Kodifikation.

Am Karsamstag überflutet die Liturgie das gesamte Leben des Menschengeschlechts in unbegreiflicher Schaffensmacht. Die Größe dieser Liturgie steht in unwahrscheinlichem Gegensatz zur Lage der Menschheit. Denn sie ertönt ja in dem Augenblick, da Jesus in der Hölle weilt, dem Augenblick vor seiner Auferstehung. Die geschaffene Menschheit also schmachtet in Todesbanden. Christus aber, das ewige Leben, ohne das Gott seit Adam die Menschheit nie ganz gelassen hatte, diese seine Kraft des Ins-Leben-Rufens und In-den-Tod-Sendens, die Nennkraft des Logos, ist allerdings in diesem Augenblick nur in die Gebete des Karsamstags selber hineingepreßt. Wir müssen uns dieser außerordentlichen Lage erst einmal voll bewußt werden. Der Alltag macht uns das fast unmöglich. Wer kann begreifen, daß am Karsamstag das ganze Geschwätz der Menschen als Geschwätz entlarvt ist, ihre Pergamente und ihr Gesetzbuch, ihre Kinderlieder und ihre Theaterstücke, ihre Zeitungen und ihre Kanzelreden – denn der schon ergangene Logos ist vernichtet. Die Sünde wider den heiligen Geist hat ihn vernichtet. Es fehlt den heutigen Menschen der Mut und die Kraft, den Tod ihrer natürlichen Sprache und ihres gesamten „Geisteslebens” zu erfahren, geschweige denn zu glauben. Aber wer nicht weiß, was es heißt, die Sprache zu verlieren, wer nicht sprachlos wird, kann nicht begreifen, weshalb am Karsamstag nur eben jenes Gebet übriggeblieben ist, aus dem sich die vorchristliche Welt österlich erneuert: „O felix culpa quae talem ac tantum meruit habere Redemptorem! O certe necessarium Adae peccatum, quod Christi morte deletum est!”

Das gesamte Vorleben erscheint als das Ei, aus dem das Kücken schlüpft, und weil nun das Leben anheben soll, wird die tote Schale als glückhafte Schuld abgelegt. Als „entschieden notwendig erscheint des Adams Fehl, das Christi Tod getilgt hat”.

Man nehme diese Worte aus ihrem einzigartigen Datum, und sie verrieten Christus. Denn sie würden dann zum Freibrief aller Missetäter. Aber als Cluny sie sogar aus ihrem Ostergrund herausriß, da verzweifelte Cluny an uns, dem Geschöpf des Logos. Denn den Cluniazensern erschienen wir Geschöpfe als so entartet, als ob wir mit dem Karsamstagwort unsere Werk­tagsverbrechen entschuldigen würden wie der Bandit, der sich vor dem Raubüberfall schon die Absolution hat erteilen lassen.

Dies Dilemma ist aber unabänderlich: Wir dürfen nicht zu allen Zeiten des Lebens dasselbe wissen oder dasselbe denken. Nach der Kreuzigung am Karsamstag darf die Schuld glückhaft heißen, aber wehe uns, wenn wir so rechtfertigen, daß wir Gott täglich kreuzigen.

Deshalb aber, wegen dieses echten und ewigen Zwiespaltes, ist heute, nach einem vollen Jahrtausend, die Spannung von alter Kirche und Clunys Reform selber ein Thema der Besinnung.

Denn unsere Zeit muß lernen, wieder lernen, was es mit einer Zeitrechnung auf sich hat. Die Seele muß von allen Systemen befreit werden: denn ein System kann sozusagen an allen 24 Stunden des Tages gewußt werden. Aber niemand kann die Bibel immer verstehen. Keine lebendige Seele soll oder darf dasselbe Tun immer mit denselben Gedanken begleiten. Wir sollen alte und junge, abendliche und morgendliche Gedanken haben. Die Gebete der Kar­samstagsliturgie sind also nicht auszuwalzen in Systeme. Nein, sie sind einzuwurzeln in unseren Lebenslauf. Je tiefer nämlich ein Wort erfaßt wird, desto bestimmter wird auch der Zeitpunkt, an den es gehört! Das Rechnen mit den Sachen des Raums ist das oberflächlichste Reden – zweimal zwei sind immer vier.

„Der Baum ist grün”, der Satz gilt schon im Winter nicht. „Die Frau ist schön”; du lieber Himmel, wie lange gilt denn das? Das Felix Culpa gar erklingt nur Ein Einziges Mal, denn in diesem Einzigen Mal fügen sich alle Epochen und alle Zeiten zur einzigen einmaligen Ge­schichte. Als Cluny die glückhafte Schuld strich, da begannen die systemtrunkenen Abend­länder ihre ersten Systeme, Summen, Theorien, Philosophien aus dem Wurzelboden der Zeit herauszureißen. Der Westen wurde abstrakt. Heute neigt sich unser Denken sehnsüchtig wieder seinem Mutterboden zu, der Zeitlichkeit. Je tiefer ein Wort erfaßt wird, desto bestimm­ter wird auch der Zeitpunkt, an den es gehört.

Im Jahre 1000 war die ungeheure Wichtigkeit dieses Satzes nur in der Karsamstagsliturgie verankert. Alle anderen Wege zur Wahrheit leugneten damals diesen Satz. Er ist ja antigrie­chisch. Er ist weder idealistisch noch realistisch, noch ist er materialistisch. Er ist bloß wahr.

Heute strahlt von der Karsamstagsliturgie her diese, gerade diese Wahrheit in die wurzellose Welt. Franz Rosenzweig hat das Neue Denken ausgerufen als das bescheiden nicht mehr von dem Zeitpunkt abstrahierende Denken. Das Neue Denken ist zeitgenährt. Diese Erkenntnis meiner Generation kommt nicht einen Augenblick zu früh. Denn sie schenkt uns eine neue standhafte Lehre von der Scham in einer Zeit, in der die Schamlosigkeit des Intellekts uns zu vernichten droht. Die Kerls denken und schreiben und wissen alles immer. Die Frechheit entnervt unsere edelsten Kräfte: Zeugungskraft und Erkenntniskraft. Beides sind Liebeskräfte und deshalb zeitgebunden. Die echte Wahrheit ist schamhaft. Sie wird uns in einer Stunde der Not abgerungen. Geständnisse und Bekenntnisse, Schwüre und Behauptungen zur Unzeit sind verwerflich. Sie sind schamlos. Scham offenbart sich uns als das Keimblatt um den rechten Augenblick der Enthüllung! Alles darf enthüllt werden wie die Braut dem Geliebten, aber nur zu seiner Zeit. Dem, der ganz sprachlos geworden ist unter dem Gesetze Adams, dem – und dem allein – darf, als die Vorform der Auferstehung, das Wort von der glückhaften Schuld auf die Lippen kommen. Wir verstehen nun erst den Karsamstag. Alle anderen Weltworte und Weltgeschichten sind da zusammengeschrumpft. Nichts ist übrig von ihnen als ihre Nächtlich­keit und Schuldigkeit. Da reißt das Beiwort den Sprachlosen in die Wiedergeburt hinüber. Je tiefer ein Wort erfaßt wird, desto bestimmter wird der Zeitpunkt, an den es allein gehört und an dem es allein gehört werden darf. So müssen wir zwei gewichtige Tatsachen miteinander vereinigen:

Dies Wort wird am Karsamstag wahr, und außerhalb der Karsamstagslage wird es unwahr. Welche Bereicherung: Wahr sein und wahr werden; unwahr sein und unwahr werden sind nunmehr vier Vorgänge. Der Systematiker, ob Theologe oder Philosoph, hat nicht gelernt, diese vier zu unterscheiden. Denn er abstrahiert ja vom Zeitpunkt. Deshalb hören wir so oft Leute von Gott reden, wenn sie doch entweder stille sein müßten oder aber Gott anrufen. Diese Leute reden von Gott, ohne den Zeitpunkt, an dem allein ihr Reden zulässig wäre, wahr werden zu lassen.

Wo aber Gott gegenwärtig ist, da hören die abstrakten zeitlosen Wahrheiten auf. Und wo das Abstrakte aufhört, da fängt eben die Schuldvergebung an. Im Angesichte Gottes wird die Schuld glückhaft. Denn er kommt.

Quelle: Quatember. Evangelische Jahresbriefe, 19. Jahrgang 1954/55, S. 94-96.

Hier der Text als pdf.

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