Friedrich Mildenberger, Vorwärts ins Land der Verheißung. Karl Steinbauers prophetische Zeit­deutung: „Das Gotteswort selbst, die biblischen Texte und Geschichten, legen »uns« aus. So ließe sich etwas zugespitzt sagen. Das ist die Konsequenz daraus, dass die Aktivität im Vorgang des Verstehens primär bei dem Gotteswort der Schrift liegt.“

Zeichnung Karl Steinbauers aus dem Gefängnis Weilheim, die als Karte in der gesamten Bekennenden Kirche verteilt wurde. „Aber Gottes Wort ist nicht gebunden“, 2.Tim 2,9.

Mein theologischer Lehrer Friedrich Mildenberger wusste Karl Steinbauers Schriftauslegungen und Predigten zu schätzen. Dazu sein Vortrag, den er am 3. Juni 2003 im Karl-Stein­bauer- Haus der ESG Bamberg gehalten hatte:

Vorwärts ins Land der Verheißung. Karl Steinbauers prophetische Zeit­deutung

Von Friedrich Mildenberger

1. Vorüberlegungen zur Bibelhermeneutik

Wir können gerade im akademischen Rahmen nicht mehr mit der Bibel um­gehen, ohne uns Rechenschaft über un­ser Verstehen zu geben. Man mag das begrüßen oder bedauern. Es läßt sich aber nicht gut ändern. Ich will dazu nun nicht die hermeneutischen Debatten der Theolo­gen, wie sie die letzten zwei­hundert Jahre gelaufen sind, wiederho­len. Ich nenne nur einen grundlegenden Sachverhalt. Den müssen wir allerdings klar vor Augen haben, wenn wir ver­ste­hen wollen, wie Karl Steinbauer mit bib­lischen Texten, Worten und Geschich­ten so umgegangen ist, daß sich ihm darin Gottes Handeln in der eigenen Gegenwart erschlossen hat. Das meine ich ja, wenn ich von seiner propheti­schen Zeitdeutung rede.

Dazu mache ich zunächst auf eine scheinbare Banalität aufmerksam. Wenn wir den Vorgang des Verstehens reflek­tieren, dann setzen wir dabei voraus: Da ist der biblische Text, oder besser im Plural: Da sind die biblischen Texte, die verstanden werden sollen. Und da sind auf der anderen Seite wir, die diese Tex­te zu verstehen suchen. »Wir«, das brau­che ich nun nicht weiter aufzuschlüs­seln. Es genügt, darauf hinzuweisen: »Wir« sind bei diesem Vorgang des Ver­stehens aktiv. »Wir« beschäftigen uns mit dem Text, legen ihn aus, befragen ihn nach der historischen Situation, in der er entstanden ist und nach dem, was er uns von seinen Autoren wie dann von seiner Tradition verrät. Als »histo­risch- kritische Methode« lernen wir Theo­logen diese Art der Auslegung und bringen es in ihr zu einer mehr oder we­niger großen Fer­tigkeit. Wir kennen freilich auch andere Weisen des Um­gangs mit den biblischen Texten. Wir können sie meditieren, können sie als Bibliodrama nachspielen, können ver­suchen, uns diese Texte existentiell an­zueignen. Und auch darauf läßt sich leicht eine Antwort geben, warum wir uns so in vielfältiger Weise mit den bi­blischen Texten beschäftigen: Wir er­warten, daß da etwas zu finden ist, das wichtig ist für uns, das uns angeht.

Spinne ich diesen Gedanken weiter, dann wird rasch kenntlich werden: so selbstverständlich und banal ist die gängige Vorstellung doch nicht. Also die scheinbare Banalität, daß bei einem solchen Vorgang des Verstehens wir, die Ausleger, aktiv sind. Der Text, der ver­standen wer­den soll, wäre dann der al­lein passive Gegenstand solcher Verstehensbemühungen. Wie weit das, wor­auf ich jetzt hinweisen möchte, ganz allgemein gilt, also auch für das Ver­stehen anderer als der biblischen Texte, darüber brauche ich mich jetzt nicht auszulassen. Auf jeden Fall muß das zu­nächst von mir genannte Modell dahin verändert werden: nicht nur wir, die mit Texten umgehen und sie zu verstehen suchen, sind aktiv. Vielmehr sind die Texte selbst aktive Partner im Vorgang einer solchen Auslegung. Nicht nur wir beschäftigen uns mit die­sen Texten. Viel­mehr sind es die Texte selbst, die uns beschäftigen, festhalten, nicht mehr los lassen.

Dazu führe ich Karl Steinbauer mit dem Vorwort zu seinen bekannten Mose- predigten an: »Die Geburtsstunde die­ser Predigten ist eine Unterrichtsstunde, wohl schon 1933, in der Sakristei der Kirche in Kochel am See, während der mich plötzlich das ganze Geschehen die­ser Mosekapitel so ansprach, als ge­schähe dies alles heute unter uns. Seit­dem ließ mich dieses Wort als ein Wort Gottes an uns nicht mehr los.« (82)[1] Das kennen wir alle, daß uns so ein ge­schriebenes Wort lebendig wird, daß es uns nicht mehr los läßt, daß es Kopf und Herz be­schäftigt, vielleicht wirklich auf eine lange Zeit hin. Was wir allenfalls, anders als Karl Stein­bauer hier, nicht immer und nicht mit derselben Gewißheit sagen werden: dieses Wort, das mich da nicht mehr los läßt, das ist ein Wort Gottes an uns. Und darum muß ich es unbedingt weiter sagen und an die ausrichten, die es angeht. Um es mit Steinbauers Formulierung zu sagen: Weil es Zeugnis für sie ist, darum ha­ben wir die Pflicht, ihnen dieses Zeug­nis auch zu gönnen.

Hier muß ich nun einen polemischen Exkurs einfügen: Die historisch-kriti­sche Methode ist dort, wo sie streng und grundsätzlich angewandt wird, darum bemüht, die Überlegenheit der Ausleger über die biblischen Texte zu behaupten und festzuhalten. Da soll die Aktivität ganz beim Ausleger sein und der Text darf nur sagen, was der Ausleger ihn sagen läßt. Solche Aus­legung ist hof­fentlich nicht bloß mit sich selbst be­schäftigt. Sie nimmt die Texte, mit de­nen sie sich befaßt, sehr ernst. Sie will diese Texte in ihrer ursprünglichen Aus­sageintention zu Wort kommen lassen. Sie will sie in ihrer Eigentümlichkeit, gerade in ihrer Fremdheit, stehen las­sen und warnt davor, diese biblischen Texte vorschnell anzueignen und für die eigenen Gedanken, Intentionen, Inter­essen anzuführen. Aber damit nimmt sie diesen Texten ihre gegenwärtige Le­bendigkeit und macht sie zum bloßen Gegenstand eines Verstehens, das mög­lichst »objektiv« sein soll, allgemein mitteilbar und möglichst von allen mit der Ausle­gung dieser Texte befaßten Personen nachzuvollziehen. Wort Got­tes, und das heißt natürlich im­mer: Wort Gottes an uns heute können diese Texte dann nicht sein. Um diesen An­spruch, der seinerzeit von der Kirche für die Bibel erhoben wurde, zu bestreiten, ist die historisch-kriti­sche Methode ein­mal ausgebildet worden. Und auch wenn sich die Schärfe dieser Kritik durch Gewohnheit und langen Ge­brauch abgeschliffen hat: dieses Merk­mal ihres Ursprungs haftet ihr bis heu­te an.

Was mich an der Bibelauslegung Karl Steinbauers immer wieder fasziniert, ist die Selbst­ver­ständlichkeit, mit der er dem Wort der Bibel die Aktivität, die eigentliche Lebendigkeit zu­denkt und darum selbst nur agieren kann als ei­ner, der von diesem Wort ergriffen ist und darum beauftragt, dieses ergreifen­de Wort weiterzusagen, es denen zu be­zeugen, die es an­geht. Seine eigene un­bestreitbare Aktivität ist ganz von die­sem Wort beansprucht, in Dienst ge­nommen. Weil er sieht, anders, besser sieht als viele Andere, darum muß er reden. Ich sage das noch einmal, um nicht mißverstanden zu werden: Unbe­streitbar ist Karl Steinbauer aktiv, wenn er die Bibel liest, wenn er sie auslegt, wenn er predigt, wenn er Texte ab­schreibt und weitergibt. Aber er selbst sieht sich dabei in der Rolle dessen, der in Dienst genommen ist, der nicht in eigener Vollmacht redet, streitet, straft und tröstet. Das Wort, Christus als die­ses Wort Gottes und Gott selbst, der diesen Christus gesandt hat, ist der, der letztlich handelt und darum auch ver­antwortlich ist für das, was bei solchem Reden, Streiten, Strafen und Trösten heraus­kommt. Dem will ich nun ein Stück weit nachfragen.

2. Die Gewissensbindung Steinbauers an das Lutherische Bekenntnis

Ein solcher unmittelbarer Umgang mit den biblischen Texten oder Geschichten, wie er bei Karl Steinbauer vorliegt, ist natürlich nicht eine einmalige Sache. Er begegnet uns in den ver­schiedensten Spielarten. Und in aller Regel ist uns ein solcher Umgang beschwerlich, so wie seinerzeit Karl Steinbauers Umgang mit biblischen Texten beispielsweise für seinen Bi­schof und seine Kirchenleitung beschwerlich gewesen ist. Wir haben heute für einen solchen Um­gang mit der Bibel ein polemisches Schlagwort bereit: Das ist Fundamentalismus. Sol­cher Fundamentalismus ist eng, sektie­rerisch, unmodern, kommunikationsun­fähig, und darum nicht unsere Sache. Nach den gegenwärtig gängigen Maß­stäben könnte man Karl Steinbauer in der Tat als einen Fundamentalisten be­zeichnen. Ließen wir die negative Kon­notation dieser Bezeichnung weg, dann hätte ich dagegen auch nichts einzu­wenden.

Freilich muß dann immer mit bedacht werden, daß dieser Umgang Stein­bauers mit den bibli­schen Texten hoch reflektiert gewesen ist. Und zwar re­flektiert im Sinne einer an Luther selbst geschulten und immer wieder kontrol­lierten Hermeneutik: Die biblischen Texte haben ihr Zentrum und ihren Maßstab an Jesus Christus, durch den Gott selbst uns mit sich versöhnt hat. Jesus Christus ist Gottes Wort an die Welt, ist die Aufforderung, sich Gottes rechtferti­gendes Handeln gefallen zu lassen. Darum ist es das vom Gesetz unterschiedene, freilich zu­gleich mit ihm verbundene Evangelium, auf das die ganze Schrift zielt. Nur in unmittel­barer Verbindung mit dieser Gesamtintention des biblischen Wortes kann der einzelne Text, kann die einzelne bib­lische Geschichte bindendes Gotteswort für die gegenwärtige Kirche und ihre Zeugnisverpflichtung gegenüber der Welt sein.

Rechtfertigung um Christi willen allein aus Glauben ist also der Schlüssel zum Verständnis der biblischen Texte. Das schließt freilich ein, daß sich diese Texte an Menschen wenden, die diese Rechtfertigung brauchen, weil sie sich in ih­rer Sündhaftigkeit nicht selbst recht fer­tigen können. Das auch und gerade dann nicht, wenn sie meinen, sie könn­ten und müßten das tun. Hier muß ich nun ein zweites Merkmal nennen, das ich als für den Umgang Karl Steinbauers mit den biblischen Texten kennzeich­nend erfahren habe: Seine Gewissen­haftigkeit und Rechtlichkeit, die sich selbst wie denen, die mit ihm zu tun hatten, kein Ausweichen und erst recht keine krummen Touren erlaubt. Ich kann das auch mit dem Ausdruck »Gottes­furcht« bezeichnen. Eine charakteristi­sche Wendung, die in seinen Erzählun­gen immer wieder auf­taucht, ist die: »Ich hab mich nicht getraut«- etwa mit dem Läuten der Kirchenglocken den Wahlbetrug der Nationalsozialisten zu decken oder mit dem Ariernachweis den Zugang zum Religionsunterricht in der Schule zu erkaufen, während doch Je­sus selbst, der Jude, draußen bleiben müßte.

Es ist hier nicht der Ort, um ausführlich auf Steinbauers Verständnis von Röm 13,1-7 und damit verbunden seine Auf­fassung der »Zwei- Reiche- Lehre« ein­zugehen. Der Hinweis muß genügen, dass die mit dem Zeugnis des Evangeli­ums betrauten Menschen gerade auch den politisch handelnden Personen das Zeugnis schuldig sind. Dadurch sollen sie je an ihrem Ort auf ihre Verantwor­tung für Recht und Wahrheit im öffent­lichen politischen Leben des Ge­mein­wesens hingewiesen werden. Das ist das den Christen aufgetragene politi­sche Han­deln. Es soll also nicht zu ei­ner Trennung von Staat und Kirche kommen. Vielmehr ist die Kirche mit ih­rem Zeugnis gerade an die politisch handelnden Personen verantwortlich dafür, daß Gottes Wille und so Recht und Wahrheit im Staatswesen in Gel­tung bleiben. Auch diese Folgerung aus seinem Verständnis des lutherischen Bekenntnisses ist in das Verständnis der biblischen Texte bei Karl Steinbauer eingegangen. Dass das Gotteswort der Schrift unmittel­bar die Gegenwart be­trifft, konkretisiert sich also auch dar­in, dass es neben der Zuspitzung auf die Kirche sich an diesen politisch handeln­den Personenkreis wendet. Auch dieser Blick auf die im Gemeinwesen handeln­den Personen gehört für mich zu den prophetischen Zügen im Wirken Karl Steinbauers.

3. Die eigene Zeit im Licht der biblischen Geschichte

Das Gotteswort selbst, die biblischen Texte und Geschichten, legen »uns« aus. So ließe sich etwas zugespitzt sagen. Das ist die Konsequenz daraus, daß die Aktivität im Vorgang des Verstehens primär bei dem Gotteswort der Schrift liegt. »Wenn da eine Frage aufkam, wenn etwas zu entscheiden war, wenn etwas gesagt werden mußte, dann hab ich sozusagen in Ge­danken die Bibel durchgeblättert, bis das richtige Wort aufleuchtete«: So konnte Karl Stein­bauer das schildern. Das war freilich nicht die Benutzung der Bibel als Ora­kelbuch, wie das beim »Däumeln« oder »Nadeln« und in etwas abgemilderter Form bei der Festlegung der Herrnhuter Losungen der Fall ist. Vielmehr ist da die eigene Zeit, verstanden oder erst recht in ihrer Fraglichkeit erfaßt, in Bewe­gung. Und Ziel dieser Bewegung ist es, dass sie an die Bibel so andocken kann, dass es da hin und her zur Kommunika­tion kommt.

Zur Verdeutlichung führe ich den Ein­gang der »Verhaftungspredigt« vom 8.1.1939 über Mt 2,13-23 an. »Jesus auf der Flucht nach Ägypten« so setzt Stein­bauer ein: darüber könne man ein Buch schreiben, das die ganze Kirchenge­schichte von ihren Anfängen bis heute umfasse, und daneben, auch durch die ganze Kirchengeschichte hindurch, der Bethlehemitische Kin­dermord. Gestalt und Namen des Verfolgers änderten sich. Aber diese Verfolger können des Kindleins nicht habhaft werden, bei al­lem hin und her zwischen geheuchelter Religiosität und nackter grausamer Brutalität. Steinbauer schildert diese Geschichte in einigen Stationen, um dann auf die eigene Situation zu kom­men, den Kindermord, bei dem man durch eine national­sozialistische Indok­trination den Kindern und der jungen Generation den Heiland entfremden und aus dem Herzen reißen wolle. Wir hätten für diese Not nur deshalb viel­fach keine Augen, weil es ein unbluti­ger bethlehemitischer Kindermord sei, der sich da vollziehe. »Es müßten Lei­chenwägen fahren für die, denen Chri­stus aus dem Herzen gerissen worden ist, für die Opfer dieses unblutigen bethlehemitischen Kindermordes, dann würde uns die Haut schau­ern!« (234) Dazu nenne ich einen möglichen Ein­wand: Wird hier nicht die Geschichte in ihrer Einmaligkeit mißachtet, auf typi­sche Vorgänge reduziert, die dann wie­der die doch ebenso einmalige Gegen­wart in solcher Typik erfassen wollen? Das ist doch der althergebrachte Ge­brauch oder Mißbrauch der Geschichte als einer Beispielsammlung, die es er­möglichen soll, für die Gegenwart zu lernen. Ob das überhaupt möglich sei, ob sich also in der Tat aus der Geschich­te lernen läßt, das ist dann allerdings eine immer umstrittene Frage. Diesem Einwand könnte dann Recht gegeben werden, wenn nicht die besondere Dig­nität jener biblischen Geschichte be­achtet würde, an welche die jeweilige Gegenwart angrenzt. Jedenfalls für das Verstehen Steinbauers ist ja zentrale Vorgabe, dass da nicht eine beliebige geschichtliche Begebenheit mit einer anderen geschichtlichen Begebenheit verglichen wird, um daraus dann eine Nutzanwendung zu ziehen. Vielmehr ist es die Geschichte des Gottesvolkes mit ihrem Zentrum in der Menschwerdung Gottes in Christus selbst, die als kriti­scher Maßstab die Beur­teilung der Ge­genwart ermöglicht und zu einer sol­chen Beurteilung nötigt. Darum sind es ja nicht eigentlich wir, die vergleichen und beurteilen. Wir werden verglichen und beurteilt von diesen biblischen Ge­schichten her. So ist Karl Steinbauers Anführung dieser Gottesgeschichte als Deutung der eigenen Erfahrungen zu verstehen. In dieser Geschichte wird kenntlich, wie Gott selbst richtend und rettend in unserer eigenen Gegenwart am Werk ist.

Sicher könnten wir jetzt anfangen, erst recht diese Voraussetzung kritisch in Frage zu stellen. Sie liegt ja einerseits quer zu der Grundvoraussetzung der historischen Bibelauslegung aller Spielar­ten bis zu den evangelikalen Konstruk­ten einer Heilsgeschichte: dass Ge­schichte ein linearer Ablauf sei, in dem Früher und Später, Vorher und Nachher nun einmal nicht zusam­men kommen können. Sie ist andererseits – und die­ser Einwand ist gegenwärtig sicher noch aktueller – einer religiösen Welt­sicht kaum zu vermitteln, wie sie ge­genwärtig gang und gäbe ist; nehmen wir als Anschauung dafür den spekta­kulären Auftritt des Dalai Lama auf dem ökumenischen Kirchentag. Sie erhebt ja in aller Deutlichkeit einen christologisch begründeten Anspruch, der einen interreligiösen Dialog stört, weil er die Einzigkeit der biblischen Gottes­ge­schichte als ihre Einzigartigkeit be­hauptet, die anderen Geschichten ihren Rang bestreiten muß. Hier müssen wir freilich sehr behutsam sein mit unse­ren Urteilen. Eine solche kritische Dis­kussion hin und her wäre ja nur von ei­nem Standpunkt aus möglich, der sich selbst aus dem Anspruch konkreter Ent­scheidungssituationen zurücknimmt und auf allgemeine Bestim­mungen ausgeht, die immer und überall gelten sollen. Die Betroffenheit durch ein Jetzt und Hier, das Entscheidung verlangt, wird so aufgehoben. Man verständigt sich auf ein allgemei­nes Toleranzprin­zip. Die dann doch jeweils nötigen Ent­scheidungen werden nach Gewohnheit oder nach pragmatischen Gesichts­punkten getroffen, die jedenfalls aus dem Kontext der pro­phetischen Wahr­nehmung der eigenen Zeit im Licht des Bibelwortes herausfallen. Für eine sol­che Wahrnehmung aber ist Steinbauer mit seinem Zeugnis eingestanden. Was Karl Stein­bauer in seinen Gesprä­chen mit Landesbischof Meiser begeg­nete, bringt das sehr deutlich auf den Punkt. In dem Streit darüber, ob die Bi­schöfe im Januar 1934 in ihrer Audienz bei Hitler das Bekenntnis verleugnet, die Kirche verraten und die Pfarrer im Notbund im Stich gelassen hätten, be­kam er von seinem Bischof die Aus­kunft: »Was Sie hier sagen, ist theolo­gisch alles sehr fein, aber wir müssen mit gegeben en Tatsachen rechnen«. Die gegebenen Tatsachen seien für Meiser eindeutig Adolf Hitler, seine Macht, sein Drohen, seine Staatszuschüsse für die Kirche gewesen. »Ich hab darauf geant­wortet: Es fragt sich nur, ob der Herr Christus, dem gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden, auch noch eine gegebene Tatsache ist, mit der wir in der Kirche rechnen dürfen« (Zeugnis I, 120f). Mit dieser Behauptung, die für Stein­bauer die unwiderlegliche Vorga­be seiner Zeitdeutung und damit ver­bunden seines Redens und Handelns ist, steht und fällt das Recht seines Anspru­ches. Ich will und kann diesen An­spruch hier darum nicht als eine allgemeine Bestimmung der Wirklichkeit behaup­ten, also zu einem ontologischen Grund­datum erheben. Aber für ein Verständ­nis der Zeitdeutung Stein­bauers im Licht des Bibelwortes ist er unumgäng­lich.

4. Der Anspruch der Gottesgeschichte an die eigene Gegenwart

Solche prophetische Zeitdeutung, wie sie bei Steinbauer begegnet, kann also nicht neutral sein. Sie stellt in die Ent­scheidung, ob das nun wahr sei und also gelte und das Handeln bestimme, oder ob man darüber diskutieren und es im Zweifelsfall als »theologisch sehr fein« und zugleich als für das Handeln irrele­vant beiseite stellen könne. Für Stein­bauer ist diese Entscheidung gefallen. Aber eben darum nötigt er andere zu solcher Entscheidung. Ich gehe dazu nun etwas näher auf die »Mosepredigten« von Karl Steinbauer ein. An ih­nen hat er immer wieder gearbeitet, hat sie weitergedacht und dann ja auch veröffentlicht, weil er mein­te, sie seien auch nach der Zeit des Kirchenkampfes und des dritten Reiches für die kirchli­che Gegenwart von unmittelbarer Be­deutung. Ich selbst habe Steinbauer als Prediger dieser Mose­predigten zuerst wahrgenommen. Ihr Text ist die Erzäh­lung in 4.Mose 13 und 14. Da ist das Gottesvolk auf seinem Zug aus Ägypten durch die Wüste am Rand des verhei­ßenen, des gelobt en Landes angekom­men. Mose sendet Kundschafter aus, von jedem der 12 Stämme einen vor­nehmen Mann, die dieses gelobte Land durchziehen und dem Volk davon be­richten sollen. Es ist das gute Land, wie es Gott verheißen hat, so berichten die Kundschafter bei ihrer Rückkehr. »Aber…« Dieses »Aber« ist für Steinbauer der Schlüssel seiner Auslegung oder besser Anwendung des Textes. Aber da sind die Einwohner dieses Landes; die werden nun in der Erzählung der Kundschafter immer größer. »Wir sahen dort auch Enaks Söhne aus dem Geschlecht der Riesen, und wir waren in unseren Au­gen wie Heu schrecken und waren es auch in ihren Augen.« (4.Mose 13,33). Die Folge ist die Rebellion gegen Mose, Verzweif­lung, die Absicht, einen Haupt­mann zu wählen und unter dessen Füh­rung wieder nach Ägyp­ten zurückzuzie­hen. Gegen diesen Unglauben kommen Josua und Kaleb, die als zwei von den Kundschaftern an Gottes Verheißung erinnern, nicht an. Steinigen solle man sie, ob­wohl sie doch nur an Gottes Ver­heißung erinnerten und dazu aufforder­ten, im Vertrauen auf Gottes Verhei­ßung das Land einzunehmen. Gott greift ein, und es ist nur Moses Fürbitte zu verdan­ken, dass nicht das ganze Volk Gottes Gericht zum Opfer fällt. In die­ser Fürbitte argu­mentiert Mose damit, dass doch sonst die Ägypter wie die Völ­ker im verheißenen Land an Gottes Macht, seine Verheißung wahr zu ma­chen, zweifeln würden: weil er nicht die Macht habe, das Volk in das verheißene Land zu führen, habe er sie in der Wü­ste hinge­schlachtet. Aber auch wenn so die totale Vernichtung des Gottesvolkes durch Moses Fürbitte abgewandt wird, bleibt es beim Gericht Gottes. Diese ganze Generation werde das verheiße­ne Land nicht sehen. Erst ihre Kinder sollten es einnehmen dürfen.

Als Verheißung Gottes an die Kirche seiner Zeit legt Steinbauer diesen Text aus, zugleich aber auch als Gerichts­wort, wie das ja nicht gut anders mög­lich ist. Glaube steht dagegen Unglau­ben, Gottes Verheißung in Christus ge­gen die »Tatsachen«, die immer größer und mächtiger werden. Natürlich kennt seine Kirche, sein Bischof, die Oberkir­chenräte und seine Amtsbrüder Gottes Wort, kennen Christus, kennen Gottes Verheißungen und pochen auf ihr lu­therisches Bekenntnis. »Aber…« da sind dann wieder die Tatsachen, die doch auch beachtet werden müssen. Ich er­innere an Meiser: »Was Sie hier sagen, ist theologisch alles sehr fein, aber wir müssen mit gegebenen Tatsachen rech­nen.« Weil die Kirchenmänner den na­tionalso­zialistischen Machthabern ge­genüber nicht mit Gottes Verheißung in Christus rechneten, sondern den gege­benen Tatsachen Rechnung tragen woll­ten, um so die Kirche zu erhalten, darum blieben sie das aufgetragene Zeugnis schuldig, nach innen wie erst recht nach außen. Sie wollten selbst den Be­stand der Kirche in dieser schwierigen Zeit verantworten, und wur­den gerade damit ihrer Verantwortung als Zeugen des Gotteswortes nicht gerecht. Stein­bauer selbst sieht sich in der Rolle des Kaleb, auf den man nicht hören will.

Über Einzelheiten dieser Deutung ließe sich viel sagen und auch kräftig strei­ten. Ich mache nur noch einmal auf das aufmerksam, was ich in den vorherge­henden Überlegungen vorgetra­gen ha­be: Diese Deutung der eigenen Zeit in den Mosepredigten steht für Steinbauer im Kon­text der ganzen Bibel. Und zwar der durch das Christusgeschehen und das Rechtfertigungs­handeln Gottes in diesem Christusgeschehen als ihrer Mit­te ausgelegten Bibel. Bestreiten wir, dass das der angemessene Kontext für das Verstehen ist, dann ist ein Streit mit der Zeitdeu­tung Steinbauers sinnlos. Akzep­tieren wir diese Voraussetzung Stein­bauers, werden wir ihm mindestens in der Grundintention Recht geben müs­sen. Und fragen dann natürlich weiter, warum er mit seiner Zeitdeutung samt den Folgerungen, die er daraus gezogen hat, doch recht einsam geblieben ist. Wieso konnten ihm die leitenden Män­ner seiner Kirche nicht folgen?

Nachwort

Wir könnten wünschen, daß es damals anders gelaufen wäre, daß sich die lei­tenden Männer der Kirche auf Stein­bauers Zeitdeutung eingelassen hätten. Wir können freilich auch nicht sagen, was dann aus der Kirche, was aus dem Staat, was aus dem Nationalsozialis­mus und aus Deutschland geworden wäre. Sicher ist ein Urteil im Nachhin­ein, wenn man es sowieso besser weiß, leichter als damals. Dass Karl Stein­bauer damals recht hatte und dass es besser gelaufen wäre in der Kirche und auch im Staat, wenn es nach ihm ge­gangen wäre, wenn also die Kirche ein­deutig bei dem ihr aufgetragenen Zeug­nis geblieben wäre, das wollten wir zwar gerne annehmen. Aber das ver­langte dann auch, daß wir uns seine Voraussetzung zu eigen machten. Dazu genügt aber nicht, daß wir seinen An­satz des Verstehens grundsätzlich billi­gen. Das wäre zu einfach. Wir müßten versuchen, mit seiner Zeitdeutung in unsere eigenen Erfahrun­gen, Fragen und Entscheidungen weiter zu gehen. Denn nur in konkreten Entscheidungen lässt sich bewähren, was wir als Grund­haltung bei Karl Steinbauer wahrneh­men: daß die Kirche in ihrer ganzen Exi­stenz allein von Gottes Zuwendung in Jesus Christus lebt und daran ihr Reden und Handeln auszurichten hat.

In den letzten Wochen begegnen mir noch und noch Nachrichten und Mel­dungen von der Nötigung, bei den öf­fentlichen Ausgaben zu sparen und dar­um nicht nur staatliche, etwa kommu­nale, sondern gerade auch kirchliche Einrichtungen aufzulassen. In der heu­tigen Ausgabe der Nürnberger Nach­richten ist das die Evangelische Me­dienzentrale in Nürnberg. Von einer »Giftliste« mit Sparvorschlägen ist da die Rede, und die betroffenen Einrich­tungen wehren sich, denn wenn schon gespart werden muß, dann soll das bei anderen geschehen, die nicht so nötig sind. Was für ein verheerendes Bild der Kirche sich da bei denen bildet, die so etwas von außen beobachten, – also bei den Ägyptern und den Kanaanäern, um bei 4.Mose 13.14 zu bleiben – das brau­che ich jetzt nicht weiter auszuführen. Wo bleibt denn eigentlich die Glaubwür­digkeit einer Kirche, deren vornehmste Sorge es anscheinend ist, mit den schrumpfenden Einnahmen noch so halbwegs zurechtzukommen? Die Akti­vitäten der Kirche müssen da, wie man hört, eben anders gewichtet werden, so daß es möglich bleibe, das Wesentliche auch dann weiterzuführen, wenn die zur Verfügung stehenden Mittel noch weiter zurückgehen.

Dazu frage ich mich, und will das auch gerne weiter sagen: Wie kommt es ei­gentlich zu einer solchen verqueren Rechnung: daß es zuerst einmal die zu erwartenden Mittel sind, an denen sich das Planen und Handeln der Kirche aus­zurichten hat? Ist da nicht der kirchli­che Auftrag? Und ist da nicht die mit diesem Auftrag verbundene Verhei­ßung, daß es dazu nie an Mitteln feh­len werde? Ich nenne dazu einen viel­leicht nicht allen unter uns geläufigen Text: »Und sie hatten vergessen Brot mitzunehmen, und hatten nicht mehr mit sich im Boot als ein Brot. Und er gebot ihnen und sprach: Schaut zu und seht euch vor vor dem Sauerteig der Pharisäer und vor dem Sauerteig des Herodes. Und sie bedachten hin und her, daß sie kein Brot hätten. Und er merkte das und sprach zu ihnen: Was beküm­mert ihr euch doch, daß ihr kein Brot habt? Versteht ihr noch nicht, und be­greift ihr noch nicht? Habt ihr noch ein verhärtetes Herz in euch? Habt Augen und seht nicht und habt Ohren und hört nicht, und denkt nicht daran: Als ich die fünf Brote brach für die fünftausend, wie viel Körbe voll Brocken habt ihr da aufge­sammelt? Sie sagten: Zwölf. Und als ich die sieben brach für die viertau­send, wie viel Körbe voll Brocken habt ihr da aufgesammelt? Sie sagten: Sie­ben. Und er sprach zu ihnen: Begreift ihr denn noch nicht?« (Mk 8,14-21). Sollte eine solche Erinnerung und Mah­nung nicht genug Orientierung geben, um sich in einer solchen vergleichsweise harmlosen Krise der Kirche in ihrer gegenwärtigen landeskirchlichen Ge­stalt zurechtzufinden? Aber anschei­nend sieht man überall nur zurück nach den Fleischtöpfen der staatlich garan­tierten Einnahmen durch eine im Grund längst obsolet gewordene Finanzierung der Kirche in Anlehnung an den Staat. Ich könnte in Erinnerung an den eben angeführten Text auch von dem Sauer­teig des Herodes reden, mit dem man weiter seine Brötchen backen will. Je mehr einerseits die m.E. durchaus be­grüßenswerte Säkularisierung unseres Staates fortschreitet, und je mehr an­dererseits das Steuersystem, an das sich die Kirche angehängt hat, sich von den direkten zu den indirekten Steuern hin verändert, desto kleiner werden die Fleischtöpfe Ägyptens samt diesem scheinbar bequemen Auskommen der Kirche werden. Was man dem Pharao an Unterwerfung und Unterstützung dadurch schuldet, davon will ich jetzt noch gar nicht reden. Zeigt das nicht sehr deutlich: mit solchem Blick zurück wird die Kirche gewiß nicht in das ver­heißene Land kommen, sondern auf ih­rer Wüstenwanderung immer weiter verkümmern? Nicht zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens, sondern vor­wärts ins Land der Verheißung muß sich doch der Blick richten.

Das heißt dann konkret: Nicht eine staatliche Alimentierung kann bestim­men, was die Kirche an Aufgaben wahr­zunehmen hat. Vielmehr ist es ihr Auf­trag, an dem sie ihre Aufgaben auszu­richten hat. Und dafür wird dann das Geld nicht fehlen. Vielleicht ist die ge­genwärtige Knappheit der Mittel gera­de die Chance der Kirche, sich zu ver­ändern und aus einer Gestalt heraus­zukommen, die viel zu viel von dem Knechtshaus Ägypten an sich trägt. Statt zu jam­mern über angeblich not­wendige Einschränkungen und statt sich darüber zu streiten, ob je­weils die eigenen Einrichtungen und Stellen nicht doch notwendiger sind als andere, könn­te man ja auch Phantasie und Energie dafür aufwenden, nach anderen Mög­lichkeiten zu fragen, wie die Kirche ihre Mittel für die Aufgaben aufbringt, die mit ihrem Auftrag verbunden sind. Ich denke, das ist jetzt an der Zeit, und dar­über zu diskutieren stünde der Kirche besser an als jenes Jammern, das dann bis in die Medien hinein seinen Wider­hall findet. Aber da ist Ge­wohnheit und Gedankenlosigkeit anscheinend noch zu stark, als daß man sich ernsthaft dieser Herausforderung stellen will. Es sind ja auch die Enakskinder in diesem Land der Verhei­ßung, die gegebenen Tatsachen, mit denen man nun einmal rechnen muß, und so ist es ver­schlossen und anscheinend bleibt eben doch nur der Weg zurück nach Ägypten und die Aus­sichten, die der Kirche da noch bleiben. Also: sind wir gegenwärtig als Kirche bereit und fä­hig zu einer solchen Veränderung? Hier muß ich ohne Antwort schließen. Was Karl Stein­bauer dazu sagen würde, brauche ich dabei nicht selbst vorzubringen. Das mag sich jeder selbst fragen.

Der Text wurde am 3. Juni 2003 im Karl-Stein­bauer- Haus der ESG Bamberg vorgetragen.

Korrespondenzblatt, 118. Jahrgang, Nr. 8/9 Aug./Sept. 2003, S. 125-130.


[1] Nur mit Seitenzahl angeführte Zitate sind entnommen aus: »Ich glaube, darum rede ich!« Hrsg. Johannes Rehm, Tübingen, 2. Aufl., 2001.

Hier Mildenbergers Text als pdf.

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