Søren Kierkegaards Variationen über die Opferung Isaaks aus „Furcht und Zittern“: „Aber Abraham richtete alles zum Opfer, ruhig und mild. Aber wie er sich fortwandte und das Mes­ser zog, da sah Isaak, daß Abrahams Linke sich krampfte in der Verzweiflung, dass ein Beben durch seine Glieder lief, – aber Abraham zog das Messer.“

Die Opferung Isaaks

Von Søren Kierkegaard

Es war einmal ein Mann, der hatte als Kind jene schöne Geschichte gehört, wie Gott Abraham versuchte, und wie er die Versuchung bestand, den Glauben bewahrte und zum andern Male einen Sohn bekam wider Erwarten.[1] Als er älter wurde, las er die gleiche Geschichte mit noch größerer Be­wunderung; denn das Leben hatte gesondert, was ungeschiedene Einheit gewesen war in der frommen Einfalt des Kindes. Je älter er wurde, desto öfter wandten seine Gedan­ken sich jener Geschichte zu, seine Begeisterung wurde im­mer mächtiger, und doch vermochte er es immer weniger, die Geschichte zu verstehen. Zuletzt vergaß er alles andre über ihr; seine Seele hatte einen einzigen Wunsch: Abraham zu sehen, ein einziges Verlangen: Zeuge gewe­sen zu sein bei jener Begebenheit. Sein Begehren war nicht, die schönen Gefilde des Morgen­landes zu sehen, nicht die Herrlichkeit des gelobten Landes, nicht jenes gottesfürchtige Ehe­paar, dessen Alter Gott segnete, nicht die ehrwürdige Gestalt des betagten Patriarchen, nicht die blühende Jugend des von Gott geschenkten Isaak, – er hätte nichts dagegen gehabt, daß das Gleiche auf einer öden Heide vor sich ginge. Sein Trachten war, mit dabei zu sein die drei Tage der Reise, als Abraham dahinritt, das Leid vor sich, und Isaak an der Seite. Sein Wunsch war, zugegen zu sein in der Stunde, da Abraham aufhob sein Auge und den Berg Morija von ferne sah, in der Stunde, da er die Esel zurückließ und ging, alleine mit Isaak, hinauf auf den Berg; denn was ihm zu schaffen machte, es war nicht das kunstreiche Gespinst der Einbil­dungskraft, sondern der Schauer des Gedankens.

Der Mann war kein Dichter, er fühlte keinerlei Drang, über den Glauben hinauszukommen; es deuchte ihn, als müßte es das Herrlichste sein, im Gedächtnis zu bleiben als des Glaubens Vater, und ein beneidenswertes Los, den Glau­ben zu besitzen, auch wenn es keiner wüßte.

Der Mann war kein gelehrter Schriftausleger, Hebräisch konnte er nicht; hätte er Hebräisch gekonnt, mag sein, daß er die Geschichte und Abraham leicht verstanden hätte.

I

»Und Gott versuchte Abraham und sprach zu ihm: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebst, und gehe hin in das Land Morija, und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir zeigen werde.«

Frühmorgens war es, Abraham stand beizeiten auf, er ließ die Esel satteln, verließ seine Hütte, und Isaak mit ihm, Sara aber sah ihnen aus dem Fenster nach, das Tal hinunter, so­lange bis sie sie nicht mehr sehen konnte. Drei Tage ritten sie stumm, auch am Morgen des vierten Tages sprach Abra­ham kein Wort, sondern hob sein Auge auf und sah den Berg Morija von ferne. Er ließ die Knechte zurück und ging einzig Isaak an der Hand hinauf auf den Berg. Aber Abra­ham sagte zu sich selbst: »Ich will es doch Isaak nicht heh­len, wohin dieser Gang ihn führt.« Er blieb stehen, er legte seine Hand auf Isaaks Haupt und segnete ihn, und Isaak beugte sich, den Segen zu empfangen. Und Abrahams Ant­litz war Väterlichkeit, sein Blick war mild, seine Rede ver­mahnend. Aber Isaak vermochte nicht ihn zu verstehen, seine Seele war der Erhe­bung nicht fähig; er umschlang Abrahams Knie, er fiel ihm bittend zu Füßen, er bat um sein junges Leben, um sein schönes Hoffen, er erinnerte an die Freude in Abrahams Hause, er erin­nerte an das Leid und die Einsamkeit. Da richtete Abraham den Knaben empor und ging mit ihm an der Hand, und seine Worte waren voll von Trost und Vermahnung. Aber Isaak ver­mochte nicht ihn zu verstehen. Er stieg auf zum Berge Morija, aber Isaak ver­stand ihn nicht. Da wandte er sich einen Augenblick ab von ihm, aber als Isaak dann wiederum Abra­hams Antlitz sah, war es ein andres, sein Blick war wild, seine Gebärde war Grauen. Er pack­te Isaak an der Brust, warf ihn zu Boden und sprach: »Alberner Bursch, glaubst du, ich bin dein Vater? Ich bin ein Götzendiener. Glaubst du, es ist Gottes Geheiß? Nein, es ist mein Ge­fal­len.« Da erbebte Isaak und rief in seiner Angst:‘ »Gott im Himmel, erbarme dich mei­ner, Gott Abrahams, erbarme dich meiner, ich habe keinen Vater auf Erden, so sei du mein Va­ter!« Aber Abraham raunte sich selber zu: »Herr im Himmel, ich danke dir; es ist doch besser, daß er mich einen Unmenschen glaubt, als daß er verlöre den Glauben an dich.«

Wenn das Kind entwöhnt werden soll, schwärzt die Mut­ter die Brust, es wär ja auch eine Sün­de, daß die Brust lieb­lich aussähe, wenn das Kind sie nicht haben darf. So glaubt das Kind, daß die Brust anders geworden ist, aber Mutter ist, wie sie war, ihr Blick ist liebend und zärt­lich wie immer. Wohl dem, der keiner furchtbareren Mittel bedarf, das Kind zu entwöh­nen!

II

Frühmorgens war es. Abraham stand beizeiten auf, er umarmte Sara, seines Alters Braut, und Sara küßte Isaak, der die Schmach von ihr genommen hatte, ihren Stolz, ihre Hoffnung für alle Geschlechter. Dann ritten sie stumm des Weges dahin, und Abrahams Blick war auf den Boden gehef­tet, bis an den vierten Tag, da hob er sein Auge auf und sah fern, ferne den Berg Morija, aber sein Blick richtete sich wie­der zum Boden. Stumm schichtete er die Scheite zum Brande, band Isaak, stumm zog er das Messer; da sah er den Widder, den Gott hatte ersehen. Den opferte er und zog heim. Und von dem Tage an ward Abraham alt, er konnte nicht verges­sen, daß Gott das gefordert hatte von ihm. Isaak gedieh wie zuvor; aber Abrahams Auge war ver­dunkelt, er sah die Freude nicht mehr.

Wenn das Kind groß wird und entwöhnt werden soll, so verhüllt die Mutter jungfräulich den Busen, dann hat das Kind keine Mutter mehr. Wohl dem Kinde, das nicht anders die Mutter verliert!

III

Frühmorgens war es. Abraham stand beizeiten auf, er küßte Sara, die junge Mutter, und Sara küßte Isaak, ihre Lust, ihre Freude für alle Zeiten. Und Abraham ritt gedan­kenvoll des Weges dahin, er dachte an Hagar und den Sohn, den er hinausgestoßen hatte in die Wüste. Er stieg auf den Berg Morija, er zog das Messer.

Ein stiller Abend war es, da ritt Abraham alleine aus, und er ritt zum Berge Morija; er warf sich auf sein Antlitz, er bat Gott, ihm seine Sünde zu vergeben, daß er Isaak hatte opfern wol­len, daß der Vater seine Pflicht vergessen hatte gegen den Sohn. Er ritt des öfteren seinen ein­samen Weg, aber er fand keine Ruhe. Er konnte nicht begreifen, daß es eine Sünde gewe­sen war, Gott das Beste opfern zu wollen, das sein eigen war, das, um deswillen er gerne tau­send­mal selber das Leben gelassen hätte; und wenn es eine Sünde war, wenn er Isaak nicht genug geliebt hatte, so konnte er nicht ver­stehen, daß sie vergeben werden konnte; denn welche Sünde wäre wohl furchtbarer?

Wenn das Kind entwöhnt werden soll, so ist auch die Mutter nicht ohne Leid, daß sie und das Kind immer mehr geschieden werden; daß das Kind, welches zuerst unter ihrem Herzen lag, und darnach doch noch an ihrer Brust ruhte, ihr nicht mehr so nahe sein soll. So leiden sie mit­einander das kurze Leid. Wohl dem, der das Kind so nahe bei sich behält und nicht nötig hat, größeres Leid zu tragen!

IV

Frühmorgens war es, alles war gerichtet zur Reise in Abrahams Haus. Er nahm Abschied von Sara, und Elieser, der treue Knecht, brachte ihn ein Stück Weges, bis er wie­der umkehrte. Sie ritten einträchtiglich miteinander, Abra­ham und Isaak, bis sie kamen zum Berge Morija. Aber Abraham richtete alles zum Opfer, ruhig und mild. Aber wie er sich fortwandte und das Mes­ser zog, da sah Isaak, daß Abrahams Linke sich krampfte in der Verzweiflung, daß ein Beben durch seine Glieder lief, – aber Abraham zog das Messer.

Dann kehrten sie wieder heim und Sara eilte ihnen entge­gen, aber Isaak hatte den Glauben verloren. Nie ist ein Wort davon gesprochen worden in der Welt, und Isaak hat zu kei­nem Menschen geredet von dem, was er gesehen, und Abra­ham ahnte nicht, daß es einer gesehen.

Wenn das Kind entwöhnt werden soll, hat die Mutter die kräftigere Nahrung bereit, damit das Kind nicht verhungre. Wohl dem, der die kräftigere Nahrung bereit hat!

So und auf mancherlei ähnliche Weise dachte der Mann, von dem wir reden, über diese Bege­benheit nach. Jedesmal, daß er von einer Wanderung zum Morijaberge heimgekehrt war, sank er müde zusammen, faltete seine Hände und sprach: »Keiner war doch groß wie Abraham, wer wäre im­stande, ihn zu verstehen?«

Quelle: Søren Kierkegaard, Gesammelte Werke, Abteilung 4, Furcht und Zittern (1843), übersetzt von Emanuel Hirsch, Düsseldorf-Köln: Diederichs, 21962, S. 7-12.


[1] Der alte Mann in der Einleitung zu diesen dichterisch-dialektischen Variationen über die Opferung Issaks ist ein poetisches Porträt von Kierkegaards Vater. Es scheint darnach, als ob Kierkegaard die Kunst, sich biblische Geschichten dichterisch-dialektisch zu vergegenwärtigen, in Gesprächen mit seinem Vater zuerst kennengelernt hätte. (Emanuel Hirsch)

Hier der Text als pdf.

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