Martin Luthers Predigt über Matthäus 7,12 (Goldene Regel): „Bist du ein Handwerksmann, so ist die Bibel in deine Werkstatt gelegt, in deine Hand, in dein Herz und lehrt dich und predigt dir vor, wie du dem Nächsten tun sollst. Sieh dein Handwerkszeug, deine Nadel, deinen Fingerhut, dein Bierfaß, deine Handelsware, deine Wage, deine Elle und dein Maß an, — überall ist dieser Spruch drauf geschrieben.“

Predigt über Matthäus 7,12 (Goldene Regel)

Von Martin Luther

Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten. (Matthäus 7,12)

Mit diesen Worten beschließt nu Christus die Lehre, die er in diesen drei Kapiteln getan hat, und faßt sie in ein kleines Bündlein zusammen, in dem man alles finden und das ein jeder in seinen Busen stecken und wohl behalten kann. Als wollt er sagen: wollt ihr wissen, was ich gepredigt habe und was Moses und alle Propheten euch lehren, so will ich’s euch kurz sagen und so fassen, daß ihr euch nicht beklagen braucht, daß es zu lang oder zu schwer zu behalten sei. Denn es ist eine Predigt, die man lang und weit ausfuhren und ebenso auch kurz machen kann; alle Lehre und Predigt fließt hieraus und breitet sich von hier aus und kommt auch wie­der hier zusammen. Wie könnt man’s kürzer und klarer fassen als in diesen Worten? Aber die Welt und unser alter Adam lassen’s nicht dahin kommen, daß wir ihr Nachdenken und unser Leben gegen diese Lehre halten; wir lassen’s vielmehr zum einen Ohr eingehen und zum an­dern wieder aus. Wollten wir aber diese Lehre allzeit gegen unser Leben und Werk halten, dann würden wir nicht so roh dahingehen und sie nicht in den Wind schlagen, sondern immer genug zu tun kriegen und an uns selber Meister werden und uns selber lehren, was wir tun sollen; dann brauchten wir nicht nach heiligem Werk und heiligem Leben laufen, bräuchten auch nicht viel Juristen und Rechtsbücher. Denn diese Lehre Christi ist ja kurz gefaßt und bald gelernt, wenn nur Fleiß und Ernst da wären, darnach zu tun und zu leben.

Um’s mit groben Exempeln zu zeigen: keiner läßt sich gern etwas stehlen, und wenn er sein Herz darnach frägt, so muß er sagen, daß er’s wahrlich nicht gern hat. Warum schließt er dar­aus dann nicht, daß er’s auch dem andern nicht antue? Wenn auf dem Markt jeder das Seine so teuer macht, wie er will, und um 30 Pfennig verkauft, was nicht 10 wert ist, und du frägst einen solchen: Lieber, wolltest du, daß man auch dir so täte?, — so grob und unverständig kann er nicht sein, daß er nicht sagen müßte: ich wollt’s gern so kaufen, wie der Markt es gibt und wie es billig und recht ist und wollte gern, daß man mich nicht überforderte. Siehe, da sagt dir dein Herz fein, was du gern hättest, und dein Gewissen schließt, daß du andern auch desgleichen tun sollst, und kann dich sein lehren, wie du dich gegen deinen Nächsten im Kau­fen und Verkaufen und allerlei Handel halten sollst, der zum 7. Gebot gehört: du sollst nicht stehlen. — Desgleichen ist’s in andern Geboten. Wenn du ein Weib, Tochter oder Mäg­de hast, die ließest du auch nicht gern in schändlichen Ruf kommen und wolltest nicht gern Bö­ses von ihnen geredet haben, sondern wolltest, daß sie jedermann in Ehren hielte und för­derte und ihnen das Beste nachsagte. Warum bist du dann so verkehrt, daß du selbst nach eines andern [221] Weib trachtest und sie in Schande bringst und wenigstens es anstehen läßt, wenn du sie zu Ehren bringen könntest, und vielmehr an Afterreden und Verleumden deine Lust hast? Desgleichen wolltest du nicht gern, daß dir jemand Schaden oder Leid antäte oder übel von dir redete oder was dergleichen mehr ist. Warum hältst aber du selber die Regel und das Maß nicht, die du von andern forderst und haben willst? Warum kannst du einen andern so schnell richten, tadeln und verdammen, wenn er dir das Recht nicht tut? und du willst doch selber es nicht halten! Gehe so alle Gebote der zweiten Tafel durch, so findest du, daß dies die rechte Summe aller Predigt sei, die man tun kann. Darum ist’s wohl eine kurze Predigt; aber wenn man sie durch alle Stücke hindurch ausbreiten soll, so ist’s doch auch eine unendliche weite Predigt; denn man kann ja nicht aufzählen alles, was man auf Erden tut bis an den jüng­sten Tag. Das ist wahrlich ein feiner Meister, der solch lange weitläufige Predigt so kurz in eine Summe fassen kann, daß ein jeder sie mit sich heimtragen und sich täglich ihrer erinnern kann, weil sie ihm ins Herz, ja in all sein Leben und all seine Werke geschrieben ist, und da­durch sehen kann, wo in seinem ganzen Leben es ihm fehlt.

Und ich halt auch dafür, daß solche Lehre Kraft haben und Frucht schaffen soll, wenn man sich nur gewöhnen will, an sie zu denken, und nicht gar so faul und unachtsam sein will. Denn ich halt niemand für so grob und böse, daß er sich nicht doch vor ihr scheuen und schämen sollte, wenn er nur daran dächte. Und Christus hat das sicherlich fein gemacht, daß er uns kein ander Exempel vorlegt als uns selber. Damit legt er’s uns so nah, daß er’s gar nicht näher legen könnte, nämlich in unser Herz, Leib und Leben und in all unsre Gliedmaßen. Da braucht nie­mand weit laufen oder viel Mühe und Kost drauf verwenden. Dies Buch liegt in deinem eigenen Busen und ist so klar, daß du keine Glosse brauchst, um Mose und das Gesetz zu verstehen. Du selber bist dir Bibel, Meister, Doktor und Predi­ger. Dahin weist Christus dich, dies Buch sollst du ansehen, dann wirst du finden, wie es durch alle deine Werke, Worte, Gedanken, durch Herz, Leib und Seele hindurch geht. Richte dich allein darnach, so wirst du weise und gelehrt genug sein über aller Juristen Kunst und Bücher hinaus.

Um ein grobes Exempel zu geben: bist du ein Handwerksmann, so ist die Bibel in deine Werkstatt gelegt, in deine Hand, in dein Herz und lehrt dich und predigt dir vor, wie du dem Nächsten tun sollst. Sieh dein Handwerkszeug, deine Nadel, deinen Fingerhut, dein Bierfaß, deine Handelsware, deine Wage, deine Elle und dein Maß an, — überall ist dieser Spruch drauf geschrieben; nirgends kannst du Hinsehen, wo er dir nicht in die Augen fiele; kein Ding, mit dem du täglich umgehst, ist so gering, daß es dir nicht ohn Unterlaß diesen Spruch sagte, wenn du es nur hören willst. Am Predigen mangelt’s hier nicht; denn du hast so viele Prediger, als du Handel, Ware, Handwerkszeug und andre Gerätschaft in Haus und [222] Hof hast, — das schreit alles zusammen dir zu: Lieber, handle mit mir gegen deinen Nächsten so, wie du wolltest, daß dein Nächster mit seinem Gut gegen dich handeln sollte.

Siehe, so stände diese Lehre an allen Orten geschrieben und wäre in all unser Leben gesteckt, wenn wir nur Ohren hätten, die hören, und Augen, die sehen wollten. Sie ist uns so reichlich vorgetragen, daß niemand sich entschuldigen kann, er hätte sie nicht gewußt oder sie sei ihm nicht genug gesagt oder gepredigt. Aber wir sind wie die Ottern, die die Ohren zustopfen und taub werden, wenn man sie bedrängen will. So wollen wir nichts sehen noch hören, was in unser eigen Herz und die eigenen Gedanken geschrieben ist, und gehen so ruchlos dahin in den Gedanken: ha, was geht mich ein andrer an? ich kann mit dem Meinen handeln wie ich will und das Meine so teuer verkaufen als möglich, wer will mir’s wehren? So tun ja Junker Filz und Knebel auf dem Markt. Und wenn man sie mit Gottes Wort straft oder ihnen droht, so lachen sie und spotten sie dazu und werden noch härter in ihrer Bosheit. Aber solchen predigen wir auch nicht, Christus tut’s auch nicht und will nichts mit ihnen zu schaffen haben und sie so sehr verachten als sie ihn und sie zum Teufel fahren lassen, damit sie ganz von ihm geschieden sind.

Die aber, die gern fromm sein und Gott fürchten wollen und daran denken, wie sie leben und fahren sollen, die sollen’s wissen: sie sollen und dürfen mit ihrem Gut nicht handeln und um­gehen wie sie wollen, als wären sie selbst Herren aller Dinge, sondern sind schuldig, so zu handeln, wie es recht und in der Ordnung ist. Dazu sind ja auch Landrecht und Stadtrecht da; denn so wollte ein jeder sich selber auch getan haben, darum soll er dem Nächsten auch des­gleichen tun, soll gute Ware geben und nehmen. Das ist Christi ernstlich Gebot und er will’s nicht ins freie Belieben eines jeden stellen, als könnt man’s ohn Sünde tun oder lassen. Er will auch seine Hand drüber halten, wie schimpflich und verächtlich die Welt auch damit umgeht: tust du’s nicht, so wird er mit dir nach deinem eigenen Recht und Urteil handeln. Und über dein Haus und Hof soll kommen, daß du keinen Segen hast bei dem, was du wider diese Leh­re gewonnen hast, sondern vielmehr Plage und Herzeleid mitsamt deinen Kindern. Denn Chri­stus will sein Gebot gehalten haben oder aber du sollst kein Gut oder Glück haben.

Diese Lehre ist aber nicht allein so nah gelegt, daß wir sie sehen müssen in allem, was vor unsern Augen liegt, sondern er hat sie uns auch so dargestellt, daß man vor sich selber scham­rot werden muß. Denn keiner wollte gern, daß bei seiner bösen Tat andre Leute zusehen soll­ten, und niemand wagt, frei öffentlich vor den Leuten zu sündigen, sondern nur heimlich, daß es niemand sieht. Drum setzt Christus hier uns selber uns zu Zeugen und will damit machen, daß wir uns vor uns selber scheuen sollen, wenn wir unrecht handeln. Sonst steht unser eige­nes Gewissen mit diesem Gebot gegen uns als ein ewiger Zeuge und spricht: was tust du? du solltest die Ware nach rechtem gleichem Kauf geben, aber du setzt soviel drüber! Oder: diese Ware, die du verdorben und [223] gefälscht hast, wolltest du nicht gern von einem andern nehmen; wie würde dich’s verdrießen, wenn dir einer für einen Gulden verkaufen wollte, was kaum 10 Groschen wert ist; drum wenn du noch einen guten Tropfen Blut im Leib hast, soll­test du dich vor dir selber schämen, desgleichen zu tun! wenn’s ein andrer täte, so hießest du ihn einen Dieb oder Schalk; warum schämst du dich vor dir selber nicht; da schilt dich ja kein andrer, sondern du mußt dich selber schelten, verdammt von deinem eigenen Gewissen? welch harte unverschämte Stirn hast du, daß du dich weder vor den Leuten noch vor dir selber schämst, viel weniger vor Gott! aber wenn’s ein andrer tut, da kannst du schnell schreien: ist’s nicht eine Sünd und Schand, heißt das nicht gemein aus dem Beutel gestohlen? am andern kannst du den Dieb und Schalk schnell sehen, aber den, der in deinem eigenen Busen steckt und den du gut greifen und fühlen kannst, den willst du nicht sehen!

O wieviel solcher Gesellen findet man jetzt unter Handelsleuten und Handwerkern: sie gehen sicher dahin, betrügen und täuschen die Leute, wo sie können, und wollen doch nicht Diebe und Schälke sein, weil sie es nur heimlich und geschickt machen. Wenn jedermann in Handel und Handwerk wieder hergeben müßte, was er gestohlen und geraubt hat, dann würden wenig Leute etwas behalten. Dennoch gehen sie dahin als fromme Leute, weil man sie nicht öffent­lich schelten und strafen kann, und meinen dazu noch, sie hätten keine Sünde. Und wenn sie sich umsähen, so sind doch alle Winkel in Haus und Hof bei ihnen voll Diebstahls; geb Gott, daß sie wenigstens einen oder zwei ungestohlene Gulden im Hause haben. Dennoch soll das alles nicht Diebstahl heißen. Ja, wenn’s nur Diebstahl allein wäre! Aber es ist auch Morderei dazu, indem man mit schädlicher böser Ware, Speise oder Trank viele Leute schwach und krank macht; man bringt die Leute nicht allein ums Geld, sondern auch um die Gesundheit, so daß mancher ißt und trinkt, was ihn zum Hinsiechen und Sterben bringt. Lieber, ist das nicht ebensoviel, als brächest du dem Nächsten in sein Haus und Kasten oder schlügest ihn tod­wund? Bloß hat es nicht den Namen.

Wenn du nu nicht gar so verrucht und unverschämt wärst, müßtest du dich ja schämen, wenn dir dein Gewissen solches sagt und dir diesen Spruch vorhält; du müßtest in dich schlagen und es müßt dir so bange werden, daß du nicht wüßtest, wo bleiben; denn es ist eine Last, die im­mer drückt und treibt und stets verdammt als ein ewiger Zeuge gegen uns selber, so daß es unerträglich ist. Das würde dich dann bald lehren von solchem Rauben und Stehlen und der­gleichen Dingen abzulassen, die du nicht gern von andern dir angetan haben wolltest. Drum gewöhne dich doch, diesen Spruch ein wenig anzusehen und ihn mit dir selbst zu üben! Dann hast du eine tägliche Predigt im Herzen bei allem Wesen und Werk, das du mit deinem Näch­sten zu tun und zu handeln hast, und kannst dadurch fein lernen, alle Gebote und das ganze Gesetz zu verstehen und dich zu regieren, und kommst damit hindurch durch [224] dein und aller Menschen Leben, so daß du fein urteilen kannst, was in der Welt Recht und Unrecht ist.

Du sprichst vielleicht: warum sagt Christus, daß Gesetz und Propheten hierin stehen, wo doch die Heilige Schrift von Gesetz und Propheten noch viel mehr in sich hat? denn es steht in ihr ja doch auch die Lehre von Glauben und Verheißungen, von der hier nichts gesagt ist. Ant­wort: Christus nennt hier Gesetz und Propheten grad im Gegensatz zu Evangelium oder Ver­heißung; denn er predigt hier nichts vom Glauben an Christus, sondern allein von den guten Werken. Denn das sind zwei unterschiedliche Predigten. Man muß sie beide predigen, aber eine jede zu ihrer Zeit und Stunde. Das siehst du ja auch klar im Text in den Worten: was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch. Damit zeigt er ja, das; seine Predigt jetzt auf nichts weiter geht als auf die Werke, die die Leute uns und wir den Leuten tun; und von der Gnade Christi, die wir von Gott empfan­gen, sagt er nichts. Darum will er sagen: wenn man von gutem Leben und guten Werken pre­digen soll, die wir dem Nächsten tun sollen, so findest du im ganzen Gesetz und allen Prophe­ten nichts andres, als was dich dieser Spruch lehrt. Darum sagt er auch deutlich „den Leuten“ und „das tut ihnen auch“, um anzudeuten, daß er allein von den Geboten der zweiten Tafel redet.

Und was das beste in dem Spruch ist, — er spricht nicht: andre Leute sollen’s euch tun, son­dern: ihr sollt’s andern Leuten tun. Denn das hat ein jeder gern, daß ein andrer ihm Gutes tut. Viele Schälke und Buben können wohl leiden, daß jedermann fromm sei und ihnen Gutes tue, aber sie selber wollen’s niemand tun. So dünkt jetzt unfern Bauern, es sei Unrecht und große Beschwerung, daß sie billig verkaufen sollen; aber wenn man ihnen stiehlt oder Schatzung auferlegt, dann schreien und klagen sie grausam. Aber das sind lauter böse Würm. Etliche aber sind noch besser, die sagen: ich will zuwarten und dann auch gern tun, was ich soll, wenn andre Leute zuvor gegen mich Gutes tun. Aber der Spruch hier heißt: tu du, was du von einem andern haben willst, du sollst anfangen und der erste sein, wenn du willst, daß andre Leute dir desgleichen tun sollen, und wollen sie nicht, so tu du es ihnen gleichwohl; denn wenn du nicht eher fromm sein und Gutes tun willst, als bis zu des von einem andern siehst, dann wird nim­mermehr etwas daraus. Wollen aber andre nicht, so bist du es dennoch ihnen schuldig nach Gesetz und Ordnung des Rechts, denn du wolltest es ja dir gern getan haben. Wer fromm sein will, der darf sich nicht an andrer Leute Exempel kehren; und es gilt nicht zu sagen: der hat mich getäuscht, drum muß ich ihn wieder bescheißen, sondern: weil du es nicht gern hast, so tu es ihm auch nicht und fange vielmehr an mit dem, was du dir getan haben willst. So kannst du dann andre Leut durch dein Exempel bewegen, auch dir wieder Gutes zu tun, auch wenn sie dir zuvor Böses getan haben. Wenn du es aber selber nicht tust, so hast du zum Lohn, daß auch dir niemand dergleichen tut, und geschieht dir damit auch Recht vor Gott und den Leuten.

WA 32, 494-499 (aus der Bearbeitung der 1532 gedruckten Wochenpredigten Luthers 1530-32; die Bearbeitung stammt nicht von Luther).

Quelle: Erwin Mühlhaupt (Hrsg.), D. Martin Luthers Evangelien-Auslegung, Zweiter Teil: Das Matthäusevangelium (Kap. 3-25), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 41973, S. 220-224.

Hier der Text als pdf.

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