Die Bibel – Göttlicher Wortschatz unseres Glaubens. Acht Predigten, die durch das Alte und Neue Testament führen.

Die Bibel – Göttlicher Wortschatz unseres Glaubens

Wer die Bibel verstehen will, muss die Gottes Geschichte mit Israel und in seinem Sohn Jesus Christus auf das eigene Leben hin nacherzählen können. Ich habe das im Herbst 2016 mit einer achtteiligen Predigtreihe „Die Bibel – Göttlicher Wortschatz unseres Glaubens“ versucht. Anregung hierzu war mir die kleine Schrift A Walk Through the Bible von Lesslie Newbigin[1].

Erste Predigt: Von Anfang an

„Buch der Bücher“ – so wird die Bibel zu Recht bezeichnet. Genauer gesagt geht das deutsche Wort „Bibel“ auf die griechische Pluralform „Biblia“ zurück, meint also „Bücher“ und zwar die 39 (bzw. 46) Bücher des Alten Testaments sowie die 27 Bücher des Neuen Testaments, somit eine eigene Bibliothek. Sie enthält all diejenigen Schriften, die in einem christlichen Gottesdienst unter dem Anspruch „Wort Gottes“ laut vorgelesen werden und damit in der Kirche als „Heilige Schrift“ gelten.

Über Jahrhunderte hinweg war die Bibel das eine „Bücherbuch“, das Menschen in Europa präsent gewesen ist, zunächst durch Lesungen im Gottesdienst, später dann auch in gedruck­ten Bibelausgaben. Dort finden sich zwischen zwei Buchdeckeln die biblischen Bücher in eine zeitbestimmte Reihenfolge angeordnet, angefangen von den alttestamentlichen Geschichtsbü­chern, den Lehrbüchern sowie den Prophetenbüchern hin zu den neutestament­lichen Ge­schichtsbüchern, den Briefen und schließlich dem prophetischen Buch der Offenbarung, alles zusammen auf 1400 Buchseiten gedruckt. Ganz entscheidend war hierfür, dass Martin Luther die hebräische Buchsammlung des Alten Testaments sowie die griechischsprachige Buch­sammlung des Neuen Testaments in ein eingängiges Deutsch übersetzt hatte, so dass 1534 seine Bibelübersetzung zum ersten Mal bei Hans Lufft in Wittenberg komplett im Druck erschien. Als dann Carl Hildebrand Freiherr von Canstein 1710 in Halle sein Vermögen in eine eigene Bibelanstalt mit einem „stehenden Satz“ investierte, ließ sich fortan die Luther-Bibel kostengünstig als „Handbuch“ im Oktavformat in hohen Auflagen drucken. Somit konnten auch weniger vermögende Menschen die Heilige Schrift Alten und Neuen Testa­ments in der eigenen Hand halten und zur eigenen Erbauung lesen.

Wie liest sich eigentlich die Bibel als Gottes Wort an uns Menschen? Mitunter scheint es, als wäre die Bibel eine Spruchsammlung oder Anthologie für unser Leben, aus der wir Bibelverse auswählen sollen, die uns persönlich zusagen. So handhaben wir es ja bei den biblischen Tauf-, Konfirmations- und Trausprüchen. In der Tat finden sich ganz starke Worte in der Bibel, die dem eigenen Leben zuzusprechen sind, man höre nur aus dem Hohelied der Liebe:

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz,
wie ein Siegel auf deinen Arm.
Denn Liebe ist stark wie der Tod
und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.
Ihre Glut ist feurig
und eine Flamme des HERRN,
sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen
und Ströme sie nicht ertränken können.
Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte,
so könnte das alles nicht genügen.
“ (Hohelied 8,6-7)

Und dennoch können einzelne Bibelverse für sich gelesen nicht die ganze Botschaft enthalten. Ja, es gibt in der Bibel das Buch der Sprüche und auch das Buch der Weisheit. Aber diese Bücher sind im biblischen Kanon anderen gegenüber nachgeordnet. Die Bibel hat mehr zu bieten als Weisheiten und Weisungen für ein gelingendes Leben. Sie lädt uns vielmehr in ein Geschehen ein, das unermesslich größer ist als unser eigenes Leben. Wir sollen uns mit unse­rem eigenen Leben in die Bücher der Bibel hineinlesen, damit wir bei deren Geschehen mit dabei sind. Wo wir beim Lesen den roten Faden des Erzählgeschehens aufnehmen, finden wir uns selbst wieder in der Gegenwart Gottes, wird das Geschehen auch für uns verbindlich. Der katholische Bibelübersetzer Fridolin Stier (1902-1981) hat über solch „eindringliches“ Bibel­lesen Folgendes geschrieben:

„Wenn ich das Buch öffne, betrete ich geheiligte Stätten. Sinai und Zion, der Berg, darauf der Herr geredet, der Hügel, auf dem er gelitten, die Felsenkammer, daraus er sich lebend erhoben, sie nähern sich mir. Ich erfahre wundersame Gegenwart des zeit- und räumlich Fernen … Wenn ich das Buch öffne, wandelt sich mir, durch all mein entfernendes Wissen hin, das Dort in ein wahres Da, das Damals in ein wirkliches Jetzt. […] Ich bin am Ort, da er redet. Auch wenn er sehr still ist an der Stätte, auch wenn er mir schweigt in den Worten, die ich höre, so weiß ich doch: der Redende ist da. – Ich halte mich hörend ihm hin. Ich muss warten.“[2]

Wer in der biblischen Geschichte entscheidend handelt, sind nicht Menschen, sondern der eine Gott, der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Gott hat getan, bevor Men­schen zu tun bekommen. Schauen wir uns die Abfolge der biblischen Bücher im Alten und Neuen Testament an, geht göttliches Geschehen jeweils menschlichen Weisungen voraus.

Die Bibel enthält Gottes Geschichte mit den Menschen – seine Taten, seine Weisungen und seine Verheißungen. Das Besondere daran ist, dass diese allumfassende Geschichte als Ge­schichte eines Volks, nämlich Israel, und im Besonderen als Geschichte eines Menschen aus diesem Volk, nämlich Jesus Christus, erzählt wird. Wir Deutsche – wie auch andere Völker – kommen in der Bibel nicht namentlich vor, obwohl wir von dem, was damals in Israel und Palästina geschehen ist, genauso mitbetroffen sind.

Die Gottesgeschichte wird aus dem Blickwinkel des einen Volkes Israel erzählt – ein Volk, das dieser Gott zu Beginn der Geschichte auserwählt hat. Es ist ihm Träger seiner Verhei­ßung. Das auserwählte Volk ist nicht über alle Zweifel erhaben. Es wird vielmehr in Mitlei­denschaft gezogen, kann seiner Berufung irrewerden, muss viel aushalten und immer wieder Unheil ertragen. So wird in der Bibel die Geschichte einer fordernden, erlittenen, bewähren­den und erlösenden Erwählung erzählt. Und bei all dem was geschieht behält dieser Gott das erste und letzte Wort.

So lasst uns nun dem ersten Wort der Bibel, also dem göttlichen Anfangswort zuwenden. In der hebräischen Bibel ist das erste Buch Mose mit dem ersten Bibelwort überschrieben: „Bereschit“ – auf Deutsch „am Anfang“. „Am Anfang schuf der Gott Himmel und Erde“ heißt es kurz und bündig. Die Bibel erzählt keinen Schöpfungsmythos, kein Machtkampf zwischen Göttern, bei dem die irdische Schöpfung als göttliches Abfallprodukt erscheint. Stattdessen lesen wir in Psalm 33:

Der Himmel ist durch das Wort des HERRN gemacht
und all sein Heer durch den Hauch seines Mundes. […]
Denn wenn er spricht, so geschieht’s;
wenn er gebietet, so steht’s da.
“ (Psalm 33,6.9)

Der Gott spricht wirklich, ruft seine Schöpfung wörtlich ins Leben. Am Anfang steht keine autogene All-Werdung, wo sich die Natur natürlich vervielfältigt als physikalische Kosmo­gonie und als biologische Evolution. Weder Ursprung noch Urknall werden beleuchtet; viel­mehr werden uns Himmel und Erde mit allen Gestirnen, mit allen Lebewesen zu Land, zu Wasser und in der Luft als herrliche Wirklichkeit Gottes vorgestellt. Als Bibelleser betreiben wir keine Ursachenforschung, sind weder Weltraumforscher noch Naturwissenschaftler, sondern göttliche Geschöpfe, Ebenbilder unseres Schöpfers. Noch einmal Fridolin Stier:

„Das All ist nicht allein, das All ist nicht – alles. Es ist jemand bei ihm und über ihm: sein Schöpfer. Der Mensch ist nicht allein in der Einöde des Alls, des dunklen Weltur­grundes letzte Ausgeburt: er hat ein DU. – Darum steht die Menschheit in ihrer Ge­schichte nicht allein: sie führt kein Selbstgespräch, sie spielt kein Monodrama. – Es ist einer da, der sie ruft und ihre Antwort will; es ist der andere da, der in all ihrem Han­deln mit im Spiele ist. – Er selber hat dieses Drama veranstaltet und eröffnet mit dem Worte: ›Lasset uns Adam (Menschen) machen, nach unserem Bilde, uns ähn­lich.‹“[3]

In sechs göttlichen Werktagen wird uns die Schöpfung erzählt. Weltall, Erde, Natur und Le­ben zeigen sich darin als göttliche Anordnung und finden schlussendlich Gottes Wohl­gefal­len: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1Mose/Genesis 1,31). Wir sollen uns selbst in unserem Lebensraum als göttliche Geschöpfe wiederfinden, damit wir wissen, wem wir unseren Gehorsam und unser Vertrauen schuldig sind. Kein Ort tut sich in dieser Welt auf, den wir für selbst besitzen. Kein Raum schließt sich, in dem wir nicht unse­ren Gott als Schöpfer anrufen können und sollen. Sechs erzählte Tage führen uns in das große Gotteslob der Schöpfung, die göttliche Bestimmung unseres Menschseins. So heißt es im reformierten Westminster-Katechismus von 1647: „Die vornehmste und höchste Bestim­mung des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und ihn vollkommen zu genießen in alle Ewig­keit.“

Das Leben der Geschöpfe läuft auf den siebten Tag zu, den besonderen Ruhetag, an dem der Gott selbst von allen seinen Werken ruhte. In diese Gottesruhe sind wir eingeladen. Der Kir­chenvater Augustinus hat dies in seinen Bekenntnissen (Confessiones) eindringlich zur Ge­betssprache gebracht:

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.
Denn auf dich hin hast du uns geschaffen.“[4]

Doch wie sieht es zwischen Gott und der Menschheit wirklich aus? Keiner vermag zu sagen: „Alles in bester Ordnung“. So vieles was zwischen, durch und an Menschen geschieht – ob böswillig, fahrlässig oder mit besten Absichten – widerspricht der Schöpfungsgüte. Wäre alles Geschehen ganz natürlich – auch die Brutalität, der Verrat, die Gewalt, die Heimtücke, der Krieg wie auch der Tod – könnte niemand diese Schöpfung wirklich gutheißen. In der Natur sind „gut“ und „böse“ faktisch gleichgültig. Nur menschliches Handeln in Wort und Tat kann die gütige Anordnung der göttlichen Schöpfung fundamental in Frage stellen. So wird nun im Anschluss an die Schöpfung in 1Mose/Genesis 3 der Sündenfall der ersten Menschen im Gar­ten Eden erzählt. Man mag von der Plastizität der Geschichte – die Nacktheit, eine sprechende Schlan­ge, die Frucht vom Baum der Erkenntnis – in das Reich der Mythen gestoßen sein. Aber in dieser Erzählung wird uns anschaulich erklärt, wie es um den Menschen in Gottes Schöpfung geschehen ist, wie er sich selbst in ihr verloren hat.

Vom Baum der Erkenntnis haben Mann und Frau gegessen und sind damit vor ihrem Schöp­fer bloßgestellt. Als der Mensch für sich selbst herausfinden will, was für ihn gut zu sein hat, kommt es zwischen ihm und Gott zum Vertrauensbruch. Die vermeintliche Freiheit zu tun und zu lassen, was unserem eigenen Urteil gefällt, wird uns Menschen zum Fluch. Wo der Gottesgarten – das Paradies – uns verschlossen ist, müssen wir uns im Leben fortan selbst behaupten. Da dringt der Brudermord in die Mitmenschlichkeit ein; da werden himmelsstür­mende Turmbauer sprachverwirrt auf der ganzen Erde verstreut leben müssen. Das Unheil nimmt seinen Lauf – neben dem vorübergehenden Lebensglück.

Nein, es wird sich keine Menschheitsgeschichte ergeben, bei der wir in einen Zustand glück­seliger Unschuld fortschreiten oder zurückkehren. Das eigene Leben wie auch das Zusam­menleben auf unserer Erde werden wir auf Dauer nicht heil hinbekommen – weder durch naturwissenschaftliche Forschung, technische Entwicklungen noch durch moralische Erzie­hung. All die Menschheitsträume und Fortschrittsideologien entlarven sich im Tod als Hirn­gespinste. Gottes Urteil steht: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (1Mose/Genesis 8,21) Menschlicherseits kann für das Leben nichts Gutes heraus­kommen; es bleibt bei der eigenen Vergänglichkeit. Davon schreibt der Prediger:

Es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub.
(Prediger 3,19f)

Aber dennoch ist der Gott mit uns Menschen nicht fertig. „Adam, wo bist du – Mensch, wo bist du?“ Der göttliche Ruf aus dem Garten Eden hallt bis heute nach. Der Gott sucht seine ungläubigen Geschöpfe. Er sucht uns, obwohl wir uns ihm verschlossen zeigen – mit unserem Selbstvertrauen wie auch mit unserer Lebensangst. Er sucht uns, die immer noch glauben, wir wüssten am besten, was für uns gut ist. Er sucht uns, weil er mit uns, seinen Geschöpfen nicht fertig ist, weil er uns nicht unserer Sünde und unserem Tod überlässt.

Die Bibel erzählt von Gottes Menschensuche, wie er sich selbst in unsere Welt hineinbegibt, wie er alles von sich mit Zorn und Liebe in diese Suche hinlegt, wie sein Sohn am Kreuz unsere Verlorenheit auf sich nimmt und wie Jesu Todesschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlas­sen!“ unsere Gottesverweigerung schlussendlich doch einholt.

Der Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt uns nicht los, bis er uns als seine Kinder zurückgewonnen hat.

Zweite Predigt: Erwählt durch Gott

In der biblischen Urgeschichte wird erzählt, wie uns Menschen die göttliche Schöpfung abhandengekommen ist. Am sechsten Tag der Schöpfung – nachdem die Landtiere und der Mensch geschaffen worden sind – heißt es abschließend: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1Mose/Genesis 1,31) Das Gottesurteil über seine Schöp­fung gilt, aber die Menschen, Mann und Frau, Adam und Eva wollen selbst beurteilen, was gut und böse ist, essen vom Baum der Erkenntnis und verlieren damit vor Gott ihre Unschuld. Und wir als deren Nachfahren folgen ihnen immer noch. Wir meinen ja selbst zu wissen, was für uns gut ist. Jeder soll so leben, wie er es für sich selbst richtig findet. Da leben wir nicht län­ger im Garten Eden bzw. im Paradies, und doch scheint die Frucht vom Baum der Er­kenntnis immer noch unseren Geschmack zu treffen. Das Gute selbst in die Hand nehmen und für sich behalten – so entfremden sich Geschöpfe von ihrem Schöpfer und gehen eigene Weg.

Was uns gemeinsam an göttlicher Güte zugesprochen ist, können wir miteinander teilen. Aber wo Menschen das Gute für sich selbst bestimmen und behalten wollen, suchen sie sich von­einander zu unterscheiden. Wessen Güte sich dem eigenen Urteil verdankt, kann nicht länger freigiebig geteilt werden. So fehlt es an Verbindendem und Gemeinsamen, wenn Menschen mit ihren eigenen Gütern für sich leben wollen. Ruinös ragt der Turm von Babel in den Him­mel, aber seine Bauleute sind über den ganzen Erdboden verstreut. Jeder lebt für sich, als Volk, als Familie oder als Individuum. Mit den Urteilen über die anderen grenzt man sich ab, hält den Fremdgeschiedenen auf Distanz. Jede Begegnung, jede zwischenmenschliche Bezie­hung steht fortan unter einer Vertrauensfrage: „Kann ich dir wirklich vertrauen bei dem, was mich selbst angeht?“ „Lässt Du mich mit meinen Gütern leben?“ Wo zwischenmenschliches Vertrauen verlorengegangen ist, müssen wir alles Gute für uns selbst behalten wollen. Man wird sich selbst zum Nächsten und hält sich am eigenen Grund und Boden und an Abgrenzun­gen fest. So denken und handeln wir in je eigenen Lebensräumen und können darin keinen Bezug zum Schöpfer finden. Am Ende steht eine gottlose Welt fest. Es scheint, dass auch Gott seine Schöpfung verloren hat.

Nach der Urgeschichte wird nun in 1Mose/Genesis 12 ein Neuanfang der Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt. Sie beginnt mit einer göttlichen Berufung. Unter all den Völkern auf der Erde ergeht der Ruf an einen Menschen, „Abraham“ sein Name, auf Deutsch „Vater der Völ­ker“. Dieser Abraham lebt in Haran am Nordrand der fruchtbaren mesopotamischen Ebene in der heutigen Türkei nahe an der Grenze zu Syrien. Er scheint ein wohlhabender Viehzüchter mit großen Herden zu sein. Da trifft ihn ein göttlicher Aufruf mitten in seinem eigenen Lebensraum:

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“ (1Mose/Genesis 12,1-2)

Warum Gott ausgerechnet Abraham – damals noch „Abram“ gerufen – erwählte, wissen wir nicht. Aber was diese Erwählung für das Leben Abrahams bedeutete, wird in den folgenden Kapiteln erzählt. Ohne Widerspruch und ohne Rückfrage bricht Abraham mit seiner Frau und dem Neffen Lot auf. Eine unstete Wanderschaft beginnt. Vor ihm ein unbekanntes Land Ka­naan und ein göttliches Versprechen: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose/Ge­nesis 12,3) Zurück bleiben alle Sicherheiten und Gewohnheiten. Er vertraut dem ihm unbe­kannten Gott, lässt sich auf dessen Zusage ein und wird darin zum Hoffenden. Im Brief an die Hebräer wird sein Glaube herausgestellt:

Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verhei­ßung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ (Hebräer 11,8-10)

In Kanaan leben Abraham und seine Nachkommen als Viehnomaden in Zelten. Und als in der dritten Generation eine Hungersnot ausbricht, werden sie nach Ägypten und dessen Kornkam­mern getrieben. Pharao mit seiner Militärmacht versklavt die Flüchtlinge, zwingt sie zum Frondienst für den Städtebau von Pitom und Ramses. Zum Schluss vergreifen sich die Ägyp­ter an den männlichen Neugeborenen und töten sie. Doch einer der Neugeborenen mit dem Namen Mose entkommt in einem Papyruskorb im Schilf versteckt dem Todesschicksal und wird von der Tochter des Pharaos aufgezogen. Er ist von Gott ausersehen, die Israeliten aus der Sklaverei herauszuführen.

Doch der Lebensweg Moses scheint in ganze andere Richtungen zu führen, zunächst in den Palast des Pharaos und damit in die Kultur Ägyptens. Dort, wo er sich zu seinem Volk halten will und einen prügelnden Sklavenaufseher totschlägt, kann er seinem Volk keinen Dienst tun, muss nach Midian fliehen und heiratet in die Sippe des Priesters Jitro ein. Aber der Gott ver­gisst nicht sein Versprechen, das er dem Stammvater Abraham gegeben hatte. Als Mose eines Tages Jitros Schafe am Berg Horeb auf dem Sinai weidet, kommt es zur lebensentscheidenden Begegnung. Aus dem brennenden Dornbusch trifft ihn die göttliche Stimme:

Mose, Moses, […] ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isa­aks und der Gott Jakobs. […] Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter […]. Ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“ (2Mose/Exodus 3,4.6-8.10)

Ungläubig wendet Mose ein: „Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?“ (2Mose/Exodus 3,13) Woher soll ein Niemand nur die Autorität hernehmen, um ein ganzes Volk in die Freiheit zu führen?

Da sagt sich Gott mit seinem eigenen Namen Mose zu:

Ich werde sein, der ich sein werde. […] So sollst du zu den Israeliten sagen: HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.“ (2Mose/Exodus 3,13-15)

Der Name dieses Gottes – für uns unaussprechliche vier Buchstaben, das sogenannte Tetra­gramm JHWH – ist Machtname, dessen sich kein Mensch für eigene Zwecke bemächtigen kann. Die Macht dieses Namens zeigt sich in zehn gottgewirkten Plagen, die den mächtigen Pharao schließlich in die Knie zwingen. Nach der Tötung des eigenen Erstgeborenen muss Pharao das Volk Israel unter Moses Führung ziehen lassen. Durch das Schilfmeer hindurch führt der Auszug aus Ägypten in den Sinai. Wo es in der Steinwüste an Lebensmitteln und Wasser fehlt, murrt das Volk und droht Mose den Rückzug nach Ägypten an. Besser als Skla­ven leben als in der Wüste zu sterben heißt es. Aber der Gott lässt sein Volk nicht zu­grunde gehen, versorgt es mit Wachteln und Manna von Himmel und lässt den Stab des Mose Fels­quellen aufschlagen. Schließlich gelangen die Israeliten zum Gottesberg, dem Sinai, wo sie ihrem Befreier, dem Gott mit dem unaussprechlichen Namen JHWH, begegnen:

Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehor­chen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heili­ges Volk sein.“ (2Mose/Exodus 19-4-6)

Israel ist kein vogelfreies Flüchtlingsheer, das sich einen neuen Lebensraum suchen muss, sondern Gottes auserwähltes Volk. Der Gott will es am Berg Sinai in einen persönlichen Bund hineinnehmen. Dazu verkündet er Israel die zehn Gebote und stellt sich selbst als erstes vor:

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bild­nis noch irgend­ein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heim­sucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzig­keit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“ (2Mose/Exodus 20,2-6)

Israel ist Gottes besonderes Volk, das er in einen innigen Bund hineingenommen hat. Zehn Gebote gelten diesem Volk, wollen es in dem Bund mit dem lebendigen Gott halten. In der alleinigen Anbetung Gottes, im Loben, im Danken, selbst in der Klage, und im mitmenschli­chen Verhalten, im Tun und im Lassen, zeigt es sich, ob Israel seinem Gott die Treue hält. Mit gutem Grund zitiert Jesus selbst als höchstes Gebot:

»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, dei­nen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräf­ten« (5Mose/Deuteronomium 6,4-5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3Mose/Leviticus 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ (Markus 12,29-31)

Wer Gottes Weisungen gehorcht, lebt vor Gott auf Rufweite und findet seinen Segen. So lädt Psalm 1 ein:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen /
noch tritt auf den Weg der Sünder
noch sitzt, wo die Spötter sitzen,
sondern hat Lust am Gesetz des HERRN
und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, /
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.
“ (Psalm 1,1-3)

Wer hingegen selbst entscheiden will, was für ihn gut ist, muss für sich selbst leben und ster­ben. Das Gottesvolk Israel lebt nicht aus eigener Entscheidung, weiß sich nicht selbst von anderen Völkern zu unterscheiden. Was zählt ist, dass der Gott es ausgesondert und von all den anderen Völkern unterschieden hat – als sein Eigentum, als „Königreich von Priestern“ und als „Licht der Völker“ (Jesaja 49,6). Schließlich steht ja schon Abrahams Erwählung unter der göttlichen Zusage: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose/Genesis 12,3) Was der Gott zu unserem Heil vorsieht, dürfen wir im Gottesbund mit Israel erkennen.

Dritte Predigt: Richter, Könige und Propheten

Gottes Heil kommt nicht einfach aus himmlischen Regen, der sich beliebig über das Land verteilt. Ja, der himmlische Vater „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5,45) Aber diejenigen, deren Leben diesem Gott wirklich verbunden ist, also seine Kinder, die hat er selbst erwählt. Schon vor Urzeiten hat seine Erwählung begonnen. Dem Erzvater Abraham hat er als Berufung kund­getan:

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose/Genesis 12,1-3)

Israel, Nachfahren des Stammvaters Abraham, ist Gottes erwählte Volk. Er hat es durch Mose aus der Knechtschaft Ägyptens in die Freiheit entführt. Am Horeb, dem Gottesberg im Sinai zeigt sich der Gott seinem Volk, schließt mit ihm einen Bund und weist sie mit seinen Zehn Geboten in diesen Bund ein:

Ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heim­sucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote hal­ten.“ (2Mose/Exodus 20,5f)

40 Jahre lang hat sich Israel auf seiner Wanderung durch die Wüste in diesem Bund zu be­währen. Mose muss immer wieder mit Ungehorsam und Unglauben seines Volks ringen. Wüstenzeit bedarf eines ganz besonderen Vertrauens, ist doch die Fülle des Lebens mit all seinen Gütern nicht zuhanden. Vom himmlischen Manna leben zu müssen ist auf Dauer kein Festschmaus. Rebellion, Götzendienst, Bundesbruch – die Wüstenzeit lässt das Volk immer wieder irrewerden. Und doch trägt Gottes Geduld und Treue sie durch. Eine neue Generation erreicht schließlich das Land Kanaan – „Land, darin Milch und Honig fließt“ – das von Gott zugelobte Land. Bei Jericho geht Israel über den Jordan (Josua 3 und 4) und wird Kanaan mit Waffengewalt erobern.

Das Land ist unser – so könnte es heißen –, es ist unser eigener Lebensraum. Nomaden suchen nach guten Weideplätzen für ihre Herden. Ortsansässige Siedler hingegen schauen darauf, was das eigene Land hergibt und versichern sich dazu der Gunst göttlicher Mächte. Man verehrt lokale Gottheiten in Gestalt von Metall- und Tonfiguren oder holzgeschnitzten Stelen, erhofft sich daraus eigenen Segen und Fruchtbarkeit. Figürlich betrachtete Götter scheinen den eige­nen Lebensbedürfnissen viel näher zu als der Gott, dessen Angesicht für Menschen nicht zu ergründen ist. So verliert sich auf eigenem Grund und Boden der Glauben an den Gott, der Israel aus der Knechtschaft Ägyptens errettet hat.

Wo das gelobte Land in den eigenen Lebensraum anverwandelt wird, gibt es andere Völker, die Israel diesen Lebensraum streitig machen. Kanaaniter, Midianiter, Moabiter, Amoriter und Philister werden zur Bedrohung. Wo Israel in der Not sich auf seinen Gott besinnt und ihn an­ruft, erwächst ihnen geistbegabte Richter, die den Gegner mit Waffengewalt zu besie­gen wissen. Und doch scheint es Israel an einer beständigen Herrschaft zu fehlen, „jeder tat, was ihn recht dünkte“ (Richter 17,6; 21,25). Da wird der Ruf laut: „Ein König soll über uns sein, dass wir auch seien wie alle Heiden, dass uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe!“ (1Samuel 8,19f)

Der Prophet Samuel wird in Saul vom Stamm Benjamin fündig und salbt ihn zum König über Israel. Aber dessen Herrschaft zeigt die Doppelgesichtigkeit. Da kann ein einzelner Herrscher Recht und Ordnung zum allgemeinen Wohl der Untertanen durchsetzen und doch auch eigen­mächtige Interessen verfolgen, die sein Regieren korrumpieren. Getrieben von maßloser Ei­fersucht und Verfolgungswahn endet sein Königtum in einer tödlichen Niederlage in einer Schlacht gegen die Philister. Seinem Nachfolger David vom Stamm Juda scheint eine bessere, gottwohlgefällige Regentschaft verheißen zu sein, gar eine eigene Dynastie (vgl. 2Samuel 7), aber der eigene Sohn und Nachfolger Salomo zeigt sich bei aller Weisheit als orientalischer Potentat, dessen Prachtbauten dem eigenen Volk Frondienste abverlangt (1Könige 5,27). Einst ist man der Sklaverei Ägyptens entkommen; nun muss man dem Herrscher aus dem eigenen Volk Knechtsdienste leisten.

Und doch in der Residenzstadt Jerusalem auf dem Zion setzt Salomo das Vorhaben seines Vaters um. Er baut dem HERR Gott einen Tempel mit dem Allerheiligsten, wo die Bundes­lade unter großformatigen Cheruben (1König 6,23-30) als leerer Thron aufgestellt wird – Gottes namentliche Gegenwart hat seinen einmaligen Ort auf dem Zion. Er lässt sich ins Gebet nehmen, wie Salomo es selbst bei der Einweihung des Tempels tut:

Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir: Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hö­ren das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet, und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.“ (1Könige 8,27-30)

Salomos Hingabe freilich ist nur halbherzig. Frauenliebe übertrifft die Gottesliebe. Im könig­lichen Harem leben fremdstämmige Frauen, die ihre eigenen Götter mitbringen (vgl. 1Könige 11). Das eigene Reich ist für die Nachkommen nicht zu halten. Es kommt nach Salomos Tod zur Teilung zwischen Israel als Nordreich mit der Hauptstadt Samaria und Juda als Südreich mit der Hauptstadt Jerusalem. Man bekriegt sich untereinander, stürzt Könige, wehrt sich gegen Nachbarkönigtümer, opfert erfolgsversprechenden Göttern wie dem Baal, bis schließ­lich Salmanassar, König von Assyrien, Samaria und damit das Nordreich erobert. Die dortige Bevölkerung wird nach Mesopotamien verschleppt, wo sich deren Lebensspur verliert.

Im Südreich hingegen wechseln sich gute und ungute Könige aus der Dynastie Davids ab. Vereinzelt kommt es zu Reformversuchen – so unter Hiskia und Josia –, die den Gehorsam des Volks gegenüber Gott wiederherstellen wollen. Aber königliche Macht- und Bündnis­politik versagt schlussendlich. Die nächste altorientalische Supermacht Babylon erobert Jerusalem, um einen abtrünnigen Vasallen zu bestrafen. Könige werden von Nebukadnezar ausgetauscht. Beim erneuten Vasallenabfall wird Jerusalem zum zweiten Male erobert und zerstört. Die Oberschicht führt man in die Verbannung nach Babel. Somit ist die Geschichte Judas wie auch Israels als selbständige Königtümer bzw. Staaten zu Ende.

Dass die Geschichte Israels als Gottesvolk dennoch nicht zu Ende ist, verdankt sich seinen Propheten – Elia, Elisa, Amos, Hosea, Micha, Jesaja und anderen. Diese haben über all die Regentschaften hinweg Gottes Wort an Israel und Juda ausgerichtet; sie haben immer wieder an Gottes Bund erinnert, den Götzendienst gebrandmarkt und vor selbstherrlicher Bündnis­politik gewarnt. Nein, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist kein staatstragender Gott. Für ihn gilt keine Staatsraison, sondern ungeteilte Hingabe:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8)

Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.“ (Hosea 6,6)

Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit wird als Gericht über die Wohlhabenden ausgespro­chen:

Weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt, und den Wein nicht trin­ken, den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt. Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, wie ihr die Ge­rechten bedrängt und Bestechungs­geld nehmt und die Armen im Tor unterdrückt.“ (Amos 5,11-12)

Was Assyrien und Babylon Israel und Juda angetan haben, mag machtpolitisch das staatliche Ende sein, sie vollziehen vielmehr im Auftrag Gottes am Volk Israel das Gericht über deren Sünde und Ungehorsam. Nicht Gott ist entmächtigt worden, sondern menschlicher Eigen­mächtigkeit ist ein Ende bereitet worden. So hat er sich selbst gegenüber Mose auf dem Sinai ausgerufen:

HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sün­de, aber unge­straft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskin­dern bis ins dritte und vierte Glied!“ (2Mose/Exodus 34,6f)

Wo aber in Gottes Namen das Gericht über die Sünde vollzogen worden ist, fängt die Zukunft seines Heils neu an. Aus dem Gericht erwächst die göttliche Gnade. Uns Christen wird Froh­botschaft der Gnade, also das Evangelium aus dem Kreuz Jesu Christi heraus zugesprochen.

Vierte Predigt: Rückkehr und Erneuerung

Irgendwann ist es soweit gewesen – das Ende von Königreichen, Herrschaften und Nationen. Manches Ende ist abrupt und unerwartet gekommen, als wäre wie beim Licht ein Schalter um­gelegt worden. Die Archäologie bringt sie ans Tageslicht, all die Königtümer, Stadtherrschaf­ten, Volksgemeinschaften, die schon längst erloschen sind. Ruinen, Gräber, Skelette, Schrif­ten, Gerätschaften und Mauern tauchen auf, aber ohne Leben, ob bei den Inka in Peru, den Maya in Mittelamerika, den Pharaonen in Ägypten, den Babyloniern, Assyrern, Hethitern, den Achämeniden in Altpersien oder den Khmer in Kambodscha. Trümmerfelder und Mauerreste lassen erahnen, welche imposante Mächte da vormals am Werk waren, bevor sie von anderen Mächten erobert und zerstört worden sind, durch interne Machtkämpfe zerfallen sind oder durch den Verlust der Lebensressourcen aufgegeben werden mussten.

Es gab eine Zeit, als für das Volk Israel alles aus zu sein schien. Nach dem Einzug ins gelobte Land und der Errichtung des Tempels in Jerusalem kam es zur Teilung der Herrschaft zwi­schen Nord und Süd, zwischen Israel und Juda. Die Könige, die über das Volk regieren, kön­nen und wollen den Willen Gottes nicht erfüllen. Die eigene Bevölkerung erleidet Ungerech­tigkeit; Arme werden ausgebeutet. Auf der Suche nach dem persönlichen Wohlergehen wird man dem eigenen Gott untreu und verehrt andere Götter.

Zwei politische Katastrophen machen der Eigenstaatlichkeit ein Ende: 722 vor Christus er­oberte der assyrische König Salmanassar V. Samaria, die Hauptstadt des israelitischen Nord­reiches. 587 vor Christus wird Jerusalem vom babylonischen König Nebukadnezar zum zwei­ten Mal erobert. König Zedekia wird in die Blindheit geblendet und wie ein Gros der Jerusa­lemer Stadtbevölkerung in die Verbannung nach Babel verschleppt. Die Stadt ist geplündert, der Tempel ist zerstört, der eigene Staat zusammengebrochen. Das Ende des Gottesvolkes scheint offensichtlich zu sein.

Was war nun mit den großartigen Verheißungen Gottes an Abraham? Was wurde aus dem Gottesbund mit Mose und dem Volk Israel am Sinai, wo der Gott verkündet hatte: „Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ (2Mose/Exodus 19,5f) Israel wird als Verlierer geschmäht: „Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmä­hen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?“ (Psalm 42,11)

In der altorientalischen Königsideologie war der König in seiner Herrschaft göttlich autorisiert und galt als Repräsentant einer bestimmten Gottheit. War die königliche Herrschaft hinfällig geworden, schien auch die betreffende Gottheit entmächtigt zu sein. Nicht so der Gott Israels. Schließlich hatte er sich durch die Stimme der Propheten auch gegen königliche Befehle und Macht zu Wort gemeldet und seinen Willen im bevorstehenden Gericht kundgetan. Zwei Pro­pheten sind in der Katastrophenzeit besonders in Erscheinung getreten – Jeremia in Jerusalem und Hesekiel im babylonischen Exil.

Jeremia muss von Gott in sein Prophetenamt hineingetrieben werden und den ganzen Lebens­mut hernehmen, um das Gericht und das Unheil über Israel und Juda anzukünden. Als Wahr­heitsknecht hat er selbst am eigenen Körper die Gottesbotschaft zu erleiden hat: Mit euren äußerlichen Opfern, mit dem Tempeldienst könnt ihr Gott euch nicht gefällig stimmen; der ist nicht käuflich wie ihr selbst. „Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!“ (Jeremia 7,4) Der Feind kommt aus dem Norden auf uns zu, die Zerstörung des Landes steht bevor, wo die Welt in Jerusalem doch heil zu sein scheint:

Verkündet in Juda und schreit laut in Jerusalem und sprecht: »Blast die Posaune im Lande!« Ruft mit voller Stimme und sprecht: »Sammelt euch und lasst uns in die festen Städte ziehen!« Richtet in Zion ein Fluchtzeichen auf; flieht und säumet nicht! Denn ich bringe von Norden Unheil herzu und großen Jammer. Es steigt herauf der Löwe aus seinem Dickicht, und der Verderber der Völker hat sich aufgemacht und ist ausge­zogen von seiner Stätte, dein Land zu verwüsten und deine Städte zu verbrennen, so­dass niemand darin wohnt. Darum zieht den Sack an, klagt und heult; denn der grim­mige Zorn des HERRN will sich nicht von uns wenden.“ (Jeremia 4,5-8)

Mit Unheilsbotschaften schafft man sich keine Freunde. Jeremias Worte sind unerträglich für die anderen. So wird er gefangengesetzt und in das Verlies einer Zisterne geworfen. Doch Jeremiah hält seine Botschaft durch. Der Gott ist in dem bevorstehenden Unheil selbst am Werk. Nur so kann Jeremiah von einem Neuanfang, von einem neuen Gottesbund mit Israel sprechen: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, […] Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“ (Jere­mia 31,31.33) Durch das Unheil hindurch bleibt der Gott seinem Volk treu. Die Hoffnung ist nicht am Ende, auch wenn sich Jeremiahs Lebensspur in Ägypten verliert.

Der zweite Prophet, Hesekiel, auch Ezechiel genannt, lebt schon im Exil in Babylon. In seinen Visionen, die an Gottes Herrlichkeit heranreichen, stehen die Heimsuchung Jerusalems wie auch der Neuanfang des Volkes aus der Vernichtung an. Das Schlachtfeld mit den Totenge­beinen wird zum Ort der Auferstehung. Die Gottesstimme spricht es Hesekiel zu:

Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt und unsere Hoffnung ist verloren und es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR.“ (Hesekiel 37,11-13)

Wo der Gott einen Neuanfang in Aussicht stellt, sind die Niederlage und das Exil nicht das Ende vom Gotteslied. Der Gott Israels ist mit seiner Macht nicht am Ende, wohl aber Israel als eigenes Königtum. Kein heiliger Krieg im Namen des HERRN steht mehr an; mit Waffen­gewalt kann sich das Volk Israel nicht länger behaupten. Fortan muss es die eigene Treue zu seinem Gott erleiden. Im Bild des leidenden Gottesknechts (Jesaja 53) ist schon der Schatten auf das Kreuz Christi auf Golgatha geworfen.

Wo Israel im Exil seines Gottes nicht irre geworden ist, beginnt tatsächlich ein Neuanfang. Nachdem der Perserkönig Kyrus das neubabylonische Reich erobert hat, erlaubt er die Rück­kehr der exilierten Juden nach Jerusalem. Der Tempel darf neu errichtet werden. Im Rück­blick erkennt das Volk an, dass der Gott in seinem Gericht über Israel und Juda Recht behal­ten hat. So kann Israel seinen Gott loben wie beispielsweise in Psalm 66:

Lobet, ihr Völker, unsern Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsre Seelen am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.
Denn, Gott, du hast uns geprüft und geläutert,
wie das Silber geläutert wird;
du hast uns in den Turm werfen lassen,
du hast auf unsern Rücken eine Last gelegt,
du hast Menschen über unser Haupt kommen lassen, /
wir sind in Feuer und Wasser geraten.
Aber du hast uns herausgeführt und uns erquickt.
(Psalm 66,8-12)

Unter persischer Oberherrschaft darf das Gottesvolk nach eigenem Gesetz im eigenen Land leben. Nehemiah als Statthalter im persischen Dienst lässt die Stadtmauer um Jerusalem neu errichten. Unter dem Schriftgelehrten und Kanzleischreiber Esra wird das Volk neu auf den Gottesbund mit seinen Geboten verpflichtet. Fortan ist jedoch das eigene Geschick von Besat­zungsmächten abhängig. Die Perser werden von den Griechen unter Alexander dem Großen verdrängt. Im gesamten Mittelmeerraum breitet sich die griechische Sprache und Kultur aus. Sie scheint der eigenen Kultur überlegen zu sein. Unter der Herrschaft der Seleukiden (aus Syrien) sollen das jüdische Gesetz und der Tempeldienst zugunsten einer vermeintlich höhe­ren, griechischen Religion abgeschafft werden. 169 vor Christus lässt Antiochus IV. eine Zeus-Statue im Jerusalemer Tempel aufstellen und löst damit einen jüdischen Aufstand unter Führung der Makkabäer aus.

In den Jahren des Kriegszustands wird kein Heil sichtbar. Gewaltsame Herrschaftswechsel bringen neue Beschwernisse mit sich. Wechselnde Herrschaften vergreifen sich an den Men­schen. Das Volk wird zum Spielball der Mächtigen und Mächte. Unter den Menschen und Völker scheint es keinen Herrscher zu geben, dem Gerechtigkeit zuzutrauen ist. So tut sich dem Prophet Daniel die himmlische Vision auf:

Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“ (Daniel 7,13-14)

Der Menschensohn soll als Heiland kommen, auf dass es auf Erden gottgewaltig anders wird. Der Jesuit Friedrich Spee (1591-1635) hat in seinem Adventslied diese Sehnsucht aufgenom­men:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

O Gott, ein‘ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
daß Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.

Fünfte Predigt: Reich Gottes und Jesus

Die Bibel – göttlicher Wort-Schatz des Glaubens, so ist die Predigtreihe überschrieben. In dieser Woche ist neue Luther-Bibel herausgekommen. Dorf findet sich auf Seite 1115 das Gebet Manasse, ein apokrypher Text, der nicht zum hebräischen Kanon des Alten Testaments gehört. Es folgen eine leere Seite und dann ein neues Deckblatt „Das Neue Testament“ mit einer neuen Seitennummerierung. Man könnte also meinen, dass zwei unterschiedliche Bü­cher zusammengebunden worden sind. Doch dem ist nicht so. Mit Martin Luther lesen wir nicht das Alte Testament als jüdisches Religionsbuch und das Neue Testament als christliches Religionsbuch. Vielmehr zeigt sich Jesus Christus im Zentrum der Heiligen Schrift für uns – seine Worte und Taten und das, was mit ihm am Kreuz und im Grab geschehen ist. Sowohl das Alte wie auch das Neue Testament zeugen von ihm. Nach Luther können die biblischen Erzählungen und Worte nur von Christus her erschlossen werden: „Die Schrift ist nicht gegen Christus, sondern für ihn zu verstehen. Daher muss man die Schriftstelle entweder auf ihn beziehen oder kann sie nicht für wahre Schrift halten.“

Jesus Christus steht im Zentrum der Heiligen Schrift. Dazu gilt es, über das Alte Testament hinaus weiterzuerzählen. Nachdem die Juden aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückgekommen waren, gibt es nicht länger ein eigenes Königreich. Und so wird die Bin­dung an das Heimatland gelockert. Überall im Mittelmeerraum und im Nahen Osten wohnen Juden verstreut, die sich vor Ort in Synagogen sammeln. Mit den Jahren und den Bekehrun­gen Fremdstämmiger zur jüdischen Religion entfällt Hebräisch als Muttersprache immer mehr. So wird die Heilige Schrift als Septuaginta ins Griechische übersetzt. In Palästina sind nach den Assyrern, den Babyloniern, den Persern und den Griechen schließlich die Römer an der Macht. Herodes der Große – ein Idumäer (Edomiter), kein Jude – ist als König von Roms Gnaden eingesetzt. Um die Gunst des Volkes zu gewinnen, lässt er den Tempel in Jerusalem prächtig ausbauen und vergrößern.

Ja, der Opferdienst im Tempel funktioniert, aber wo zeigt sich nun Gottes Herrschaft über Isarel und die Völker? Solange man einer überlegenen Militärmacht gegenübersteht, der man Abgaben zu entrichten hat, scheint Gottes Herrschaft unwirklich zu sein. Vier verschiedene Strömungen und Bewegungen prägen das Leben der Juden in Palästina unter römischer Vor­herrschaft:

Da sind zum einen Freiheitskämpfer, auch Zeloten genannt, die wie früher schon die Makka­bäer die Fremdherrschaft mit kriegerischer Gewalt beenden wollen, um ein neues jüdisches Königtum zu errichten. Rom und seine Vasallen schlagen jedoch gewaltsame Aufstandsversu­che unerbittlich und brutal nieder. Als Abschreckung werden die Aufständischen an Wegrän­dern und öffentlichen Plätzen gekreuzigt. Deren qualvolles Erstickungssterben im eigenen Abhängen soll mögliche Nachahmer abschrecken.

Wie anders verhalten sich die Sadduzäer aus dem Priestergeschlecht Zadoks und dem Jeru­salemer Stadtadel. Man hat sich mit der Herrschaft Herodes und der Römer arrangiert, sucht den Weg des geringsten Widerstandes, zahlt die Steuer und Abgaben und konzentriert sich auf den Opferdienst im Tempel. Solange die im Gesetz angewiesenen Opfer erbracht werden, so­lange jüdische Pilger aus der Diaspora an den hohen Festtagen nach Jerusalem kommen, kann man mit den eigenen Machteinschränkungen gut leben. Beamtete Priester haben jeden­falls ihr gesichertes Auskommen.

Da sind noch die Pharisäer, eine jüdische Laienbewegung, deren Rückhalt in den örtlichen Synagogen ist. Bei ihnen zeigt sich ein ganz neuer Ernst für das Gesetz und die Propheten­schriften. Gottes Herrschaft kann nur dann zum Zug kommen, wenn das ganze Volk diesem Gesetz voll und ganz gehorsam ist. Damit solch unbedingter Gehorsam möglich ist, werden für den Alltag Zusatzbestimmungen zu den fünf Büchern Mose eingeführt, die es um Gottes Willen zu halten gilt.

Zuletzt seien noch die Essener genannt, eine priesterliche Gruppe, die sich in eine kloster­ähnliche Gemeinschaft am Toten Meer zurückgezogen hatten. Unter besonderen Reinheits­vorschriften und unter strenger Askese wollte man sich dort als erwählter Rest Israels auf das Kommen des Reiches Gottes vorbereiten.

In diese jüdische Religionslandschaft wurde Jesus hineingeboren. Abgesehen von seiner Geburtsgeschichte wie sie bei Lukas und bei Matthäus erzählt werden, wissen wir wenig über seine Kindheit in Nazareth. Erst als Mann kurz vor 30 Jahre tritt er öffentlich in Erscheinung. Als „Rabbi“ wird er von seinen Mitmenschen, selbst von seinen Gegnern angesprochen, auf Deutsch „mein Meister“. Zur Sprache kommt damit seine besondere Autorität als Schriftge­lehrter. Da zeigt sich Jesus als jemand, der die Heiligen Schriften intensiv studiert hatte, um daraus den Willen seines himmlischen Vaters zu erkunden. „Abba“, „mein Vater“, so betet Jesus zu dem Gott. Da kommt seine einzigartige Gottesnähe zur Sprache. Was zwischen Jesus und dem Gott Israels geschieht, entspricht dem intimen Verhältnis des Gottessohnes zu sei­nem Vater im Himmel. Diese Vertrautheit lässt Jesus später in der Öffentlichkeit mit einer besonderen Autorität auftreten: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist … Ich aber sage euch.“ (Matthäus 5,21f)

Bevor Jesus öffentlich das Wort ergreift, begibt er sich hinab ins Jordantal, wo Johannes der Täufer als Prophet in den Fußstampfen Elias das jüdische Volk zur radikalen Umkehr aufruft: „Tut Buße – besser übersetzt – kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Matthäus 3,2) So wie Israel einst unter der Führung Josuas durch den Jordan ins gelobte Land eingezogen, so soll nun das Volk sich neu besinnen und sich im Jordan ganz und gar auf Gottes Willen einlassen. Wo die Menschen von Johannes im Jordan untergetaucht werden, entfließen ihnen ihre Sünden und sie stehen als Anfänger des Glaubens da. Da reiht sich auch Jesus in die Schar der Bußfertigen ein und erbittet von Johannes den Vollzug der Taufe. Zwi­schen sich und seinem Volk macht Jesus keinen Unterschied; er nimmt sich nicht aus der Schar der Sünder heraus. Er stellt sich nicht über andere, sondern gesellt sich zu ihnen. Im Jordan macht er sich Israels Sünde und Gottlosigkeit zur eigenen Sache.

Als Jesus von Johannes die Bußtaufe zur Sündenvergebung erhält, öffnet sich über ihm der Himmel: Der GottGeist kommt auf ihn herab. So wird Jesus mit dem Heiligen Geist gesalbt, den der Prophet Hesekiel für Gottes endgültige Herrschaft über Israel angekündigt hatte. Und die Himmelsstimme verspricht Jesus mehr als menschliches Leben aus sich selbst erreichen kann: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ (Markus 1,11) GottVater, GottSohn und GottGeist – in der Taufe Jesu im Jordan zeigt sich die göttliche Dreieinigkeit zum Heil Israels.

Es ist nun der GottGeist, der den Gottessohn in die Wüste treibt und ihn vom Satan auf die Probe stellen lässt: Was heißt es für den Menschen Jesus wirklich Gottes Sohn zu sein? Und wie hat sich die Salbung mit dem Heiligen Geist für Jesus leiblich auszuwirken? In der Stein­wüste Judäas wird Jesus für vierzig Tage dem äußersten Lebensmangel ausgesetzt und hat mit sich selbst zu kämpfen. Er steht vor einer dreifachen Wahl des Lebens – Eigenmächtigkeit oder Gottvertrauen:

  1. Soll er Wüstensteine in die Hand nehmen und daraus Lebensmittel herstellen oder aber das tägliche Brot des Lebens als Gottesgabe empfangen?
  2. Soll er sich in Jerusalem wie ein Basejumper von der Tempelzinne in die göttliche Übermacht stürzen oder aber den Lebensweg bis ans Kreuz von Golgatha ausschrei­ten, der für den Menschensohn vorgesehen ist?
  3. Soll er die Herrschaft über Israel und die Völker mit Schwertgewalt erlangen oder aber als königlicher Gottesknecht die Menschengewalt am eigenen Leib erleiden?

Teuflische Machtversuchungen für den Messias (Christus), den Gottgesalbten in der Wüste, denen Jesus standhält. So erweist er sich den Thronnamen würdig, die Jesaja prophezeit hat:

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“ (Jesaja 9,5-6)

Nachdem Jesus aus der judäischen Wüste gekommen ist, beginnt er in Galiläa mit seiner pro­vokativen Ansage: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15)

Wie kann man das Reich Gottes, seine Herrschaft sehen, wenn die Insignien menschlicher Macht fehlen: Weder Palast, Thron, Soldaten noch Waffen lassen sich sehen. Wie kann also der Gott die Herrschaft über sein Volk ausüben? Da muss der Blick der Zuhörer auf Jesus selbst fallen. So wie er vor das Volk tritt, so wie er Sünder annimmt, so wie er Kranke mit eigenen Händen heilt, so wie er sich für die Menschen hingibt, richtet Gott seine Herrschaft über Israel und die Völker auf. Aus Jesu Mund gesprochen:

Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? Es ist wie mit einem Senfkorn: Wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.“ (Markus 4,30-32)

Jesu messianische Einladung in das Reich Gottes steht:

Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erqui­cken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11,27-30)

Sechste Predigt: Der neue Bund der Hingabe

Am Anfang seiner Mission steht eine Ansage: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,11) Mit diesen Worten tritt Jesus auf die Menschen in seiner Heimatregion Galiläa zu. Aus heutiger Sicht mag dies als religiöse Einladung gelten, die sich Menschen innerlich zu Herzen nehmen sol­len. Aber Jesus fordert damit die politischen Machthaber wie auch die religiösen Führer heraus.

Seit Jahrhunderten war das Gottesvolk Israel unter fremder Herrschaft, zunächst waren es die Assyrer, dann die Babylonier, die Perser, die Griechen und schließlich die Römer: Pontius Pilatus war römischer Statthalter in Judäa und Samaria, Herodes Agripa, Sohn Herodes des Großen, regierte Galiäa und Peräa als römischer Vasall. Gottes Herrschaft ist nahe herbeige­kommen. Diese Ansage scheint das Ende der Fremdherrschaft zu bedeuten. Wenn der Gott Israels vom Zion aus regiert, sind ihm alle Völker unterworfen. So wird ja in Psalm 99 gesun­gen: „Der HERR ist groß in Zion und erhaben über alle Völker.“ (V 2) In Jerusalem wird man auf den Rabbi Jesus aufmerksam und holt Erkundigungen ein: Ist da etwa eine neue Auf­standsbewegung im Entstehen? Was nimmt sich dieser Wanderprophet mit seiner Botschaft heraus? Woher hat er die Autorität?

Vollmächtig redet Jesus, nicht wie die Schriftgelehrten (vgl. Matthäus 7,28). Schließlich sind seine Worte nicht einfach daher gesagt, sie zeigen Wirkung, wenn er Kranke heilt, Blinde sehend macht und Aussätzige reinigt. Was noch mehr herausfordert ist jedoch der Zuspruch zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ (Markus 2,5) Offensicht­lich übergeht Jesus die Bestimmungen des Gesetzes: Wer aus Versehen gesündigt hat, soll dem Priester im Tempel ein Sündopfer bringen. Nachdem das Opfertier zur Sühne verbrannt worden ist, spricht der Priester die göttliche Vergebung zu (3Mose/Leviticus 4). Wie kann nun ein Rabbi von sich aus ohne priesterliche Mitwirkung Sünden vergeben?

Auf der einen Seite sind Jesu Worte Gnadenworte voller Barmherzigkeit, auf der anderen Seite gehen sie messerscharf unter die Haut, rechnen mit Widersachern gnadenlos ab:

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und schmückt die Gräber der Gerechten […] Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“ (Matthäus 23.29.33)

Aus seiner zahlreichen Anhängerschar wählt Jesus zwölf zu besonderen Weggefährten – seine Jünger, auch „Apostel“ genannt – aus, die ihm auf seiner Wanderschaft in Galiläa begleiten. In seiner Nachfolge werden sie in seiner Lehre vom Gottesreich unterwiesen und selbst als Botschafter ausgesandt.

Jesu Botschaft vom Gottesreich, seine Heilungen und Wundertaten werfen die Frage auf: Wer ist er selbst? Was sagen die Leute über ihn? Ein wiedergeborener Elia, Johannes der Täufer, ein weiterer Prophet Israels? Die Antwort des Petrus macht den Unterschied: „Du bist Chris­tus, der Messias, der Gesalbte, Sohn des lebendigen Gottes“. Gott wird sein Reich durch dich, Jesus errichten.

Jesus lässt die Antwort gelten und fügt sofort hinzu, was diese Herrschaft für ihn bedeutet. Derjenige, der in Gottes Namen regiert, muss leiden, wird von den Obersten des eigenen Vol­kes verworfen und schlussendlich getötet werden. Wer dem Gottgesalbten, dem Messias trotz­dem nachfolgt, muss das eigene Kreuz auf sich nehmen. Die Jünger Jesu stehen in dieser Welt nicht auf der Siegerseite, können sich nicht im Machtglanz des Messias sonnen. Wie Jesus selbst haben sie ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Für sie gibt es kein „Bis hierher und nicht weiter“. Aus dem Munde Jesu gesprochen: „Wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.“ (Markus 8,35)

Wie kann man sich auf solch einen Herrscher einlassen, bei solchen Lebensaussichten. Da nimmt Jesus drei seiner Jünger auf einen hohen Berg, den Tabor, mit, wo er vor ihren Augen verklärt wird. Ihm stehen Mose und Elia zur Seite, das Gesetz und die Propheten sprechen für ihn. Und Gottes Zusage steht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören.“ (Matthäus 17,5) Wo sein Abstieg von diesem Berg in die Dunkelheit des To­des am Kreuz führt, ist Jesus bereits von Gottes Herrlichkeit eingenommen.

Ein letzter Gang steht für Jesus an, der Marsch auf Jerusalem. Er soll Gottes Herrschaft zur Entscheidung bringen. Das Passafest steht an. Juden kommen als Wallfahrer nach Jerusalem, um dort Israels Befreiungsfest aus der Sklaverei Ägyptens gemeinsam zu feiern. Als Jesus als König nach Jerusalem auf einem Esel – wie beim Propheten Sacharja (9,9) angekündigt – einreitet, jubelt ihm die Menge zu: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!“ (Markus 11,9f)

Dann kommt es zu einer entscheidenden Aktion, die das Fass zum Überlaufen bringt: Der Messias betritt den Tempel und vertreibt die Händler, die Opfertiere verkaufen, sowie die Geldwechsler, die Münzen in opferfähige, weil bildlose Währung umtauschen. Damit setzt er den dortigen Opferdienst vorübergehend außer Kraft. Israel ist im Innersten getroffen. Der Vorwurf steht im Raum: Jesus will den Tempel, das Gotteshaus zerstören. Aber was kann schon an seine Stelle treten? Wo sonst soll der Gott mitten unter seinem Volk gegenwärtig sein? Wie sonst soll er seinem Volk Heil gewähren? Erst nach Ostern, nach Jesu Auferste­hung von den Toten wird es für Christen klar: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1Korinther 3,16) Gottes Geist wohnt nicht hinter mächtigen Steinquadern des herodianischen Tempels; er lässt sich weder durch Brand- noch durch Schlachtopfer wider die eigene Schuld gewinnen. Versöhnung mit dem lebendigen Gott bedarf einer anderen Hingabe. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10,45) Ihr selbst sollt euch als lebendige Steine erbauen lassen „zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“ (1Petrus 2,5)

Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig.“ (1Korinther 3,17) So weiß es der ehemalige Pharisäer Paulus der Gemeinde in Korinth ins Stammbuch zu schreiben. Kein Wunder, dass bei den Hohenpriestern und Schrift­gelehrten der Plan gereift ist, Jesus als Tempelstörer und potentiellen Tempelzerstörer aus der Welt zu schaffen. Wer fundamental in Frage gestellt wird und nichts zu erwidern hat, sucht den Fragesteller zu erledigen. Da unterrichtet Jesus das Volk im Tempel in aller Öffentlich­keit, während seine Tötung schon beschlossene Sache ist. In die eigene Todesahnung wirf er das Gleichnis ein: Israel ist Gottes Weinberg, wie es schon beim Propheten Jesaja besungen worden ist (Jesaja 5). Die Weingärtner, die Oberen des Volkes, verweigern dem göttlichen Weinbergbesitzer die geschuldete Ernteabgabe. Boten werden geschmäht, geschlagen, gar getötet. Als dann der Herr des Weinbergs seinen eigenen Sohn sendet, sehen die Weingärtner die Gelegenheit, durch die Ermordung des Erbens den Weinberg in den eigenen Besitz zu bringen. (Markus 12,1-12) So sieht Jesus selbst seinen Tod auf sich zukommen. Die Oberen des Volkes können sich dem Messias nicht fügen und müssen ihn daher ermorden.

Im Wissen um seine bevorstehende Hinrichtung feiert Jesus mit seinen zwölf Jüngern das Passahmahl und deutet dabei Brot und Wein auf seinen Tod hin:

Als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ (Markus 14,22-24)

Ungeheuerliches spricht Jesus seinen Jüngern zu: In seinem bevorstehenden Sterben schließt der Gott mit seinem Volk einen neuen Bund, der die Menschen wirklich zu Herzen geht. So hat es ja der HERR beim Prophet Jeremia dies zugesagt:

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31,33-34)

In diesem Abendmahl werden die Jünger schon jetzt in diesen Gottesbund hineingenommen. Das Gesetz ist für Israel nicht länger Bedingung, die man selbst erfüllen muss. Vielmehr er­füllt Jesus selbst die Forderung des Gottesgesetzes in seiner Hingabe ein für alle Mal. Seine tödliche Hingabe wird nicht mit Schweigen übergangen werden. Vielmehr kommt das Ge­heimnis des Glaubens für Christen zum Lobruf an den Heiland: „Deinen Tod, o Herr, ver­künden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Noch ist es nicht soweit. Nach dem Passahmahl findet sich Jesus mit seinen Jüngern unter freiem Nachthimmel im Garten Gethsemane ein und hadert mit seinem Vater: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Markus 14,36) Judas Verrat ist es, dass die Tempelwache Jesus ohne öffentliches Aufsehen zu fassen bekommt. Und es ist die eigene Lebensangst, die Jünger fliehen lässt. Die Nacht vor seinem Tode kennt keine Nachfolger Jesu. Das Verhör vor dem Hohen Rat wird zum Schauprozess: „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ fragt Kaiphas, der Hohepriester. Und Jesus antwortet wahrheitsgemäß: „Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels.“ (Markus 14,62).

Das Urteil gegen den vermeintlich aufständischen König der Juden hat der römische Statt­halter Pilatus zu sprechen und vollstrecken zu lassen. Die Wachsoldaten foltern und verspot­ten Jesus – Travestie von Macht und Ohnmacht. Sein Kreuz zwängen sie Jesus auf zum Gang nach Golgatha. Ans Kreuz genagelt und für den Erstickungstod aufgerichtet betet Jesus für die Übeltäter: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34) Noch ein­mal ist er anderen Menschen zugeneigt, so dem Schächer zur Rechten am Kreuz: „Wahr­lich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43) bevor ihn die Got­tes­finsternis in der eigenen Atemnot einholt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich ver­las­sen?“ (Markus 14,34)

„Adam, wo bist du – Mensch, wo bist du?“ Der göttliche Ruf aus dem Garten Eden hallt nach. Der Gott sucht seine Geschöpfe, die ihm verlorengegangen sind. Nun ist es sein eigener Sohn, der sich für die Mitmenschen verloren gegeben hat. Und dieser schreit umgekehrt die Lebens­verzweiflung seinem Vater entgegen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34) Am Kreuz entschwindet Jesus die Gottesgegenwart. Weder sein Vater noch die eigene Gottheit halten ihn am Leben. Sein Sterben führt ihn in die Gottdunkel­heit. So wird er uns wirklich zum Begleiter und Erlöser der eigenen Gottesfremde.

Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,30) Der Gottessieg über die Menschensünde gilt. Letztes Sterbenswort bevor Jesus sein Haupt neigte und den Lebensgeist hingab. „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Der Hauptmann des Hinrichtungskommandos ruft es ster­bensergriffen aus (Markus 15,39) Und dieser Ruf bleibt kein Nachruf auf einen Toten.

Siebte Predigt: Neues Leben, neue Gemeinschaften

Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Sterbensergriffen ruft dies der Haupt­mann des Hinrichtungskom­mandos aus (Markus 15,39), als er den Menschen Jesus von Nazareth am Kreuz gestorben sieht: Gottes Sohn – gewesen. „Gewesen“ bedeutet Vergangen­heit. All das was Jesus von Nazareth getan und gesagt hat, spricht für ihn als Gottes Sohn. Aber wenn dieser Sohn Gottes getötet und begraben worden ist, kann er als Toter nicht länger gegenwär­tig sein. Was über einen Toten gesagt werden kann, ist nur als Nachruf auf dessen Leben gültig.

Das scheint es gewesen zu sein, dass der „König der Juden“ seiner Macht entblößt am Kreuz qualvoll gestorben ist, dass Gottes Herrschaft über Israel und die Völker im Fels begraben werden muss. Nein, so hätte es keine Kirche und kein Christentum geben können, wenn das Leben Jesu in der Niederlage eines Kreuzestodes verschwunden wäre. Es muss etwas gesche­hen sein, dass aus Jesu Lebensende am Kreuz von Golgota eine weltweite missionarische Bewegung und Lebensgemeinschaft entstanden ist.

Da muss im Felsengrab vor den Toren Jerusalems mit Jesu Leichnam etwas geschehen sein, was nicht mit den naturwissenschaftlichen Gesetzen der Physik und der Biologie erklärt wer­den kann. Jesu Auferstehung von den Toten erschließt sich keiner menschlichen Vernunft. Das wussten die Menschen zur Zeit Jesu genauso wie heute. Und doch hat sich Jesus den Frauen am Grab und seinen Jüngern wirklich gezeigt, so dass die eine Botschaft weltweit ihren Lauf genommen hat: „Christus ist auferstanden von den Toten, er hat den Tod durch den Tod besiegt und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.“ (Ostertroparion in der byzantin­schen Liturgie).

So hat man von alters her in der Kirche Jesu Auferstehung von Toten als göttlichen Neuan­fang für das menschliche Leben verstanden: „Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod ge­kommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nach­dem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“ (1Korinther 15,20-24)

Bevor es aber zum Jüngsten Tag kommt, ist für Christen eine göttliche Sendung angesagt. So verkündet Jesus leibhaftig auferstanden seinen verbliebenen elf Jüngern auf einem Berg in Galiläa: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matthäus 28,18-20)

Gottes Herrschaft wird dort auf der Erde verwirklich, wo Menschen den Heiligen Geist als Angeld bzw. Unterpfand erhalten (Epheser 1,13-14; 2Korinther 1,22), eingedenk der Worte Jesu: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbe­ten.“ (Johannes 4,24). Dazu hat Jesus vor seiner Himmelfahrt den elf Jüngern die Ausgießung des Heiligen Geistes in Jerusalem verheißen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes em­pfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,8)

An Pfingsten, fünfzig Tage nach Ostern, wird Jesu Vorhersage wahr (Apostelgeschichte 2,1-13). Geistergriffen tritt Petrus in Jerusalem den jüdischen Pilgern in Jerusalem gegenüber und verkündigt ihnen Jesu Geschichte von Kreuz und Auferstehung als göttliche Rettungstat:

Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes, denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde.“ (Apostelgeschichte 2,22-24) Petrus fordert seine Zuhö­rer heraus: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzuru­fen wird.“ (Apostelgeschichte 2,38f)

Vor dem Hohen Rat in Jerusalem hat er sich für seine Botschaft zu rechtfertigen: Dieser Jesus von den Oberen der Juden verworfen ist zum Eckstein des Heils geworden:

In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden. […] Wir kön­nen’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostelge­schichte 4,12.20)

Die Botschaft gilt zu aller erst den Juden und wird jedoch von gottesfürchtigen Heiden gehört. Vor allem Saulus, später Paulus genannt, wird ausgehend von der syrischen Stadt Antiochien zum Apostel unter den Heiden in Kleinasien und Griechenland. Dazu berichtet die Apostelge­schichte über dessen drei Missionsreisen (13,1-14,28; 15,36-18,22; 18,23-21,26), bevor sein Lebensweg in der Gefangenschaft in Rom endet. Als Missionar tritt Paulus zuerst in der jüdi­schen Synagoge vor Ort auf und findet dabei Gehör vor allem bei den gottesfürchtigen Sym­pathisanten des Judentums. Da stellt sich Judenchristen jedoch die Frage nach der Gemein­schaft: Wenn Heiden Jesus Christus als Herrn bekennen und sich auf dessen Namen taufen lassen, gehören sie dann etwa auch ohne Beschneidung dem besonderen Bund Gottes mit seinem auserwählten Volk an? Oder müssen sie die göttliche Weisung zur eigenen Beschnei­dung als Bundeszeichen erfüllen (vgl. 2Mose/Exodus 12,44.48)?

Die Einheit der Glaubensgemeinschaft von Judenchristen und Heidenchristen steht auf dem Spiel. Kann man gemeinsam das Abendmahl einnehmen und am Tisch des Herrn den Gott Israels im Gebet loben und preisen? Der Apostel Paulus kommt zu dem Schluss, dass die Beschneidung Abrahams und seiner Nachkommen Zeichen der empfangenen Gottesgnade, nicht aber Vorbedingung ist. Nicht durch die Erfüllung von Werken des Gesetzes, sondern durch den Glauben an die Erlösungstat Jesu werden die Menschen – Juden wie Heiden – von dem Gott gerecht gesprochen und in seinen neuen Bund hineingenommen.

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden. Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben.“ (Römer 3,28-30)

Ihr seid alle durch den Glauben Got­tes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.“ (Galater 3,26-29)

In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Galater 5,6)

In seinen Briefen hält der Apostel Paulus Kontakt mit den Gemeinden, die von ihm gegründet worden sind. So bringt er das Evangelium Jesu Christi immer wieder zur Sprache und sucht die Lebensform von Christen als Heiligung des eigenen Lebens wie auch des Zusammenle­bens mit anderen zu klären. „Ihr wisst, dass wir, wie ein Vater seine Kinder, einen jeden von euch ermahnt und getröstet und beschworen haben, euer Leben zu führen würdig vor Gott, der euch berufen hat zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit.“ (1Thessalonicher 2,11f)

Neben den 13 Briefen des Paulus finden sich im Neuen Testament auch Briefe, die anderen Apostel zugeschrieben sind, wie die beiden Briefe des Petrus oder aber die drei Briefe des Johannes. Auch hier wird die Christusbotschaft jungen Gemeinden zugesprochen, die in einem heidnischen Umfeld tagtäglich zu bestehen haben. Der anonyme Brief an die Hebräer schließlich zeigt auf, dass Jesus mit seiner Selbsthingabe den priesterlichen Dienst im Tempel wie er in den fünf Büchern Mose als göttliche Weisung vorgeschrieben worden ist, ein für alle Mal erfüllt hat:

Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der Güter bei Gott durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht ist, das ist: das nicht von die­ser Schöpfung ist. Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt.“ (Hebräer 9,11f).

Darin ist er

der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlö­sung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Beru­fenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat.“ (Hebräer 9,15f)

Wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geop­fert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.“ (Hebräer 9,27f)

Dazu steht noch ein letztes Buch aus, die Offenbarung des Johannes. Dieses Buch wird die achte und letzte Predigt bestimmen.

Achte Predigt: Zu guter Letzt bis in alle Ewigkeit

Das wird auf Ewigkeit geschehen mit unseren Verstorbenen und mit uns Lebenden – zu guter Letzt oder schlimmstenfalls? Heute ist ja die letzte Predigt aus unserer achtteiligen Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz des Glaubens“ angesagt. In dieser Reihe geht es ja darum, den roten Faden durch Gottes Geschichte mit den Menschen von Anfang bis Ende zu finden. All das, was in der Bibel gesagt ist und erzählt wird, steht in einem Zusammenhang von einem göttlichen Anfang und einem göttlichen Ende, der mit Alpha und Omega signiert ist. So sagt es Christus dem Seher Johannes ganz am Ende der Bibel im Buch der Offenbarung im 22. Kapitel zu: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ (Vers 13). Eine Zusage, die es in sich hat, die sich sogar hier in unserer Martin-Luther-Kirche in dem runden Glasfenster ganz oben in der Chorwand findet. Die griechischen Christus-Ini­tialen „Chi“ und „Rho“ sind durch Alpha und Omega gerahmt – sein Wahrzeichen steht für und über uns wider hoffnungsloses Unwissen. Bei Gott bleibt weder mein Lebensende noch das Ende der Welt offen. Wie alles ausgeht ist für uns in Jesus Christus vorbestimmt.

Schon unser Lebensanfang in Fleisch und Blut ist kein Zufall, keine Laune der Natur, sondern von Gott selbst ausersehen. Ebenso führt unser Lebensende bei Gott in kein Nichts. Der Gott lässt unser Todesschicksal nicht offen, sondern bestimmt schlussendlich, was mit uns im Tod zu geschehen hat. Für das A und O unseres Menschseins finden wir in der Bibel den roten Faden, der sich durch den Gottesbund mit Israel sowie durch den neuen Bund in Jesus Chris­tus zieht. Für den „bündigen“ Glaubensweg, der auch uns in die Gegenwart Gottes führt, begegnet uns in den Geschichten der Bibel eine ganze Wolke von Zeugen (Hebräer 12,1).

Ja, wir können uns manche Dinge nach dem Tod vorstellen, gar ein seelisches Weiterleben an einem anderen Ort, aber unsere menschlichen Vorstellungen von einem Weiterleben „danach“ kennt kein letztes Lebensziel. „Fortsetzung folgt“ heißt es stattdessen. Ein x-beliebiges Leben irgendwann angefangen verliert sich irgendwo in der Ewigkeit. Dass wir überhaupt leben, verdankt sich dem Wunder unserer eigenen Geburt. Unser Leben ist nicht von Anfang an selbstverständlich. Das Recht zu leben hat niemand vor seiner eigenen Zeugung und Geburt gehabt. Wenn wir uns wundern, warum ausgerechnet wir geboren wurden, dürfen wir uns auch über die göttliche Schöpfung von Himmel und Erde mit der Erschaffung des Menschen Adam („Erdling“) wundern.

Zwischen dem göttlichen Wunder unserer Erschaffung und dem göttlichen Ziel unseres Le­bens erstreckt sich unser irdisches Leben, das mitunter angefochten wird. Ereignisse, Einsich­ten, Erfahrungen, die über unseren Glauben hinausgehen, wollen uns unserer göttlichen Be­stimmung irre machen – das kann ich nicht länger glauben, dem kann ich nicht länger glau­ben. Dass wir hier keinen Schlussstrich unter unseren christlichen Glauben ziehen, dazu hilft uns das letzte biblische Buch, die Offenbarung.

Johannes, ein frühchristlicher Prophet, ist wohl von römischen Behörden auf die Kykladen-Insel Patmos verbannt worden. Der Kaiserkult im Osten des römischen Reiches scheint die christlichen Gemeinden in Kleinasien zu bedrängen. Die Behörden ergreifen Maßnahmen, um die Verehrung des Kaisers als „Herr und Gott“ als das Imperium einende Ideologie allgemein durchzusetzen. Wo sich Christen der Teilnahme an diesem Kult verweigern, stehen Zwangs­maßnahmen und Verfolgung an. Was für Lebensaussichten für Christen, die als steuerpflichti­ge Bürger unter staatlicher Herrschaft in Frieden leben wollen. So sind sie doch von den Aposteln ermahnt worden: „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun.“ (1Petrus 2,13f)

Wie soll das für Christen gehen – einer staatlichen Obrigkeit gehorchen, die zugleich einem den Glauben an Jesus Christus als den einen Herren nehmen will? Die waffengestählte Macht des römischen Reiches scheint stärker und damit wirksamer als Gottes Wort zu sein. Wer an seinem Glauben festhalten will, sieht sein Leben bedroht. Wider tödliche Lebensaussichten wird Johannes vom Gottesgeist ergriffen und dem Irdischen entrückt. Eine Tür im Himmel tut sich ihm auf zur Gottesschau:

Und siehe, ein Thron stand im Himmel und auf dem Thron saß einer. Und der da saß, war anzusehen wie der Stein Jaspis und der Sarder; und ein Regenbo­gen war um den Thron, anzusehen wie ein Smaragd. Und um den Thron waren vierundzwan­zig Throne und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen.“ (Offenbarung 4,2-4)

Ja, im Himmel, von Gottes Gegenwart aus betrachtet, sieht die Zukunft ganz anders aus, als Menschen sie befürchten müssen: Was auch immer auf Erden geschieht, entgeht nicht Gottes überirdischer Macht. Beweis dafür ist Jesus Christus, der Gottessohn. Als Gottes Lamm selbst aufgeopfert und doch lebendig hält er vor dem Gottesthron die Schlüssel des menschlichen Schicksals. Seine Zusage gilt über alle Zeiten hinweg: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1,17f) Alle Lebens­macht ist und bleibt bei dem dreieinigen Gott. So können wir in das himmlische Gotteslob einstimmen: „Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.“ (Offenbarung 4,11).

Im Himmel wird es für Johannes sichtbar: Die Menschen, die trotz eigener Zweifel, trotz eigener Schuld, trotz eigenem Leiden, trotz Bedrückung und Verfolgung bei ihrem Glauben an Jesus Christus geblieben sind, diese Menschen finden sich bei Gott wieder. So heißt es im siebten Kapitel der Offenbarung:

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Und einer der Ältesten antwortete und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind’s, die aus der großen Trübsal kommen und haben ihre Kleider gewaschen und haben sie hell gemacht im Blut des Lammes. Da­rum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ (7,9-17)

Himmlische Aussichten für irdisches Leben nach dem Tod: Aus großer Trübsal kommend finden Menschen die große Heilung bei ihrem Gott, sind zu ihm heimgegangen: „Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! […] Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewig­keit! Amen.“ (Offenbarung 7,10.12)

Ja, im Himmel nach dem Tod mögen die Dinge bei Gott für uns ganz anders aussehen, als jetzt auf der Erde. Aber das wäre das große Missverständnis, wenn der Himmel sich nur als Hintertüre der irdischen Schöpfung auftäte, gleichsam als Notausgang für das menschliche Leben auf der Erde. Schließlich sieht Johannes im Himmel, wie das Gotteslamm, also Jesus Christus selbst, die Versiegelung der irdischen Zukunft löst: Durch sieben Siegel hindurch, mittels sieben Posaunen und aus sieben Schalen bricht göttliche Macht in die Welt ein, ringt die gottwidrigen Kräfte und die gottlose Herrschaft auf der Erde nieder. Erschütternd für Menschen, die Gott nicht wahrhaben wollen, erniedrigend für Herrscher und Despoten, erlösend für Geknechtete und Gequälte.

Und dann ganz zum Schluss, nachdem Weltreiche, Weltherrschaften, Ideologien, Teufel und Tod vernichtet worden sind und das Weltgericht mit der ewigen Verdammnis vollzogen worden ist, wird die himmlische Vision neu geerdet:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine ge­schmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Hurer und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.“ (Offenbarung 21,1-8)

So finden Himmel und Erde zueinander. Menschen, die mit ihrem Christusglauben Gott treu gewesen sind, werden von ihrem Schöpfer tröstlich berührt. Was verloren gegangen ist, richtet der Gott im Pascha-Mysterium seines Sohnes Jesus Christus wieder auf. Leiden und Schmer­zen des Gottesvolkes wirken nicht länger nach. So findet das Drama des Menschen mit sei­nem Gott, das im Garten Eden seinen Anfang nahm, sein Ende. In der himmlischen Gnaden­gegenwart Gottes ist das Gottfremde eines eigenmächtigen Selbstanspruches „Sein wie Gott“ (1Mose/Genesis 3,5) überwunden. Kein Tod reißt mehr die Lebensverbindungen auseinander. Gottes Erwählung führt zum Ziel, die Seinen gehen in Christus nicht verloren. Das Lied des Lammes erklingt aus unserem Mund:

Groß und wunderbar sind deine Werke,
Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege,
du König der Völker.
Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten
und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig!
Ja, alle Völker werden kommen
und anbeten vor dir,
denn deine Urteile sind offenbar geworden.
“ (Offenbarung 15,3-4)

Jochen Teuffel


[1] Westminster John Knox Press, 1999.

[2] Wort Gottes oder Heilige Schrift, in: Bibel im Jahr ’77. Gott hat Zeit für uns, hg. vom Katholischen Bibelwerk eV Stuttgart, Nürnberg 1976, 37.

[3] Geschichte Gottes mit den Menschen, hrsg. v. Eleonore Beck und Martha Sonntag, Stuttgart 2011, 14.

[4] Bekenntnisse II,4.

Wer die Bibel verstehen will, muss die Gottes Geschichte mit Israel und in seinem Sohn Jesus Christus auf das eigene Leben hin nacherzählen können. Ich habe das im Herbst 2016 mit einer achtteiligen Predigtreihe „Die Bibel – Göttlicher Wortschatz unseres Glaubens“ versucht. Anregung hierzu war mir die kleine Schrift A Walk Through the Bible von Lesslie Newbigin[1].

Erste Predigt: Von Anfang an

„Buch der Bücher“ – so wird die Bibel zu Recht bezeichnet. Genauer gesagt geht das deutsche Wort „Bibel“ auf die griechische Pluralform „Biblia“ zurück, meint also „Bücher“ und zwar die 39 (bzw. 46) Bücher des Alten Testaments sowie die 27 Bücher des Neuen Testaments, somit eine eigene Bibliothek. Sie enthält all diejenigen Schriften, die in einem christlichen Gottesdienst unter dem Anspruch „Wort Gottes“ laut vorgelesen werden und damit in der Kirche als „Heilige Schrift“ gelten.

Über Jahrhunderte hinweg war die Bibel das eine „Bücherbuch“, das Menschen in Europa präsent gewesen ist, zunächst durch Lesungen im Gottesdienst, später dann auch in gedruck­ten Bibelausgaben. Dort finden sich zwischen zwei Buchdeckeln die biblischen Bücher in eine zeitbestimmte Reihenfolge angeordnet, angefangen von den alttestamentlichen Geschichtsbü­chern, den Lehrbüchern sowie den Prophetenbüchern hin zu den neutestament­lichen Ge­schichtsbüchern, den Briefen und schließlich dem prophetischen Buch der Offenbarung, alles zusammen auf 1400 Buchseiten gedruckt. Ganz entscheidend war hierfür, dass Martin Luther die hebräische Buchsammlung des Alten Testaments sowie die griechischsprachige Buch­sammlung des Neuen Testaments in ein eingängiges Deutsch übersetzt hatte, so dass 1534 seine Bibelübersetzung zum ersten Mal bei Hans Lufft in Wittenberg komplett im Druck erschien. Als dann Carl Hildebrand Freiherr von Canstein 1710 in Halle sein Vermögen in eine eigene Bibelanstalt mit einem „stehenden Satz“ investierte, ließ sich fortan die Luther-Bibel kostengünstig als „Handbuch“ im Oktavformat in hohen Auflagen drucken. Somit konnten auch weniger vermögende Menschen die Heilige Schrift Alten und Neuen Testa­ments in der eigenen Hand halten und zur eigenen Erbauung lesen.

Wie liest sich eigentlich die Bibel als Gottes Wort an uns Menschen? Mitunter scheint es, als wäre die Bibel eine Spruchsammlung oder Anthologie für unser Leben, aus der wir Bibelverse auswählen sollen, die uns persönlich zusagen. So handhaben wir es ja bei den biblischen Tauf-, Konfirmations- und Trausprüchen. In der Tat finden sich ganz starke Worte in der Bibel, die dem eigenen Leben zuzusprechen sind, man höre nur aus dem Hohelied der Liebe:

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz,
wie ein Siegel auf deinen Arm.
Denn Liebe ist stark wie der Tod
und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich.
Ihre Glut ist feurig
und eine Flamme des HERRN,
sodass auch viele Wasser die Liebe nicht auslöschen
und Ströme sie nicht ertränken können.
Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte,
so könnte das alles nicht genügen.
“ (Hohelied 8,6-7)

Und dennoch können einzelne Bibelverse für sich gelesen nicht die ganze Botschaft enthalten. Ja, es gibt in der Bibel das Buch der Sprüche und auch das Buch der Weisheit. Aber diese Bücher sind im biblischen Kanon anderen gegenüber nachgeordnet. Die Bibel hat mehr zu bieten als Weisheiten und Weisungen für ein gelingendes Leben. Sie lädt uns vielmehr in ein Geschehen ein, das unermesslich größer ist als unser eigenes Leben. Wir sollen uns mit unse­rem eigenen Leben in die Bücher der Bibel hineinlesen, damit wir bei deren Geschehen mit dabei sind. Wo wir beim Lesen den roten Faden des Erzählgeschehens aufnehmen, finden wir uns selbst wieder in der Gegenwart Gottes, wird das Geschehen auch für uns verbindlich. Der katholische Bibelübersetzer Fridolin Stier (1902-1981) hat über solch „eindringliches“ Bibel­lesen Folgendes geschrieben:

„Wenn ich das Buch öffne, betrete ich geheiligte Stätten. Sinai und Zion, der Berg, darauf der Herr geredet, der Hügel, auf dem er gelitten, die Felsenkammer, daraus er sich lebend erhoben, sie nähern sich mir. Ich erfahre wundersame Gegenwart des zeit- und räumlich Fernen … Wenn ich das Buch öffne, wandelt sich mir, durch all mein entfernendes Wissen hin, das Dort in ein wahres Da, das Damals in ein wirkliches Jetzt. […] Ich bin am Ort, da er redet. Auch wenn er sehr still ist an der Stätte, auch wenn er mir schweigt in den Worten, die ich höre, so weiß ich doch: der Redende ist da. – Ich halte mich hörend ihm hin. Ich muss warten.“[2]

Wer in der biblischen Geschichte entscheidend handelt, sind nicht Menschen, sondern der eine Gott, der Gott Israels und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Gott hat getan, bevor Men­schen zu tun bekommen. Schauen wir uns die Abfolge der biblischen Bücher im Alten und Neuen Testament an, geht göttliches Geschehen jeweils menschlichen Weisungen voraus.

Die Bibel enthält Gottes Geschichte mit den Menschen – seine Taten, seine Weisungen und seine Verheißungen. Das Besondere daran ist, dass diese allumfassende Geschichte als Ge­schichte eines Volks, nämlich Israel, und im Besonderen als Geschichte eines Menschen aus diesem Volk, nämlich Jesus Christus, erzählt wird. Wir Deutsche – wie auch andere Völker – kommen in der Bibel nicht namentlich vor, obwohl wir von dem, was damals in Israel und Palästina geschehen ist, genauso mitbetroffen sind.

Die Gottesgeschichte wird aus dem Blickwinkel des einen Volkes Israel erzählt – ein Volk, das dieser Gott zu Beginn der Geschichte auserwählt hat. Es ist ihm Träger seiner Verhei­ßung. Das auserwählte Volk ist nicht über alle Zweifel erhaben. Es wird vielmehr in Mitlei­denschaft gezogen, kann seiner Berufung irrewerden, muss viel aushalten und immer wieder Unheil ertragen. So wird in der Bibel die Geschichte einer fordernden, erlittenen, bewähren­den und erlösenden Erwählung erzählt. Und bei all dem was geschieht behält dieser Gott das erste und letzte Wort.

So lasst uns nun dem ersten Wort der Bibel, also dem göttlichen Anfangswort zuwenden. In der hebräischen Bibel ist das erste Buch Mose mit dem ersten Bibelwort überschrieben: „Bereschit“ – auf Deutsch „am Anfang“. „Am Anfang schuf der Gott Himmel und Erde“ heißt es kurz und bündig. Die Bibel erzählt keinen Schöpfungsmythos, kein Machtkampf zwischen Göttern, bei dem die irdische Schöpfung als göttliches Abfallprodukt erscheint. Stattdessen lesen wir in Psalm 33:

Der Himmel ist durch das Wort des HERRN gemacht
und all sein Heer durch den Hauch seines Mundes. […]
Denn wenn er spricht, so geschieht’s;
wenn er gebietet, so steht’s da.
“ (Psalm 33,6.9)

Der Gott spricht wirklich, ruft seine Schöpfung wörtlich ins Leben. Am Anfang steht keine autogene All-Werdung, wo sich die Natur natürlich vervielfältigt als physikalische Kosmo­gonie und als biologische Evolution. Weder Ursprung noch Urknall werden beleuchtet; viel­mehr werden uns Himmel und Erde mit allen Gestirnen, mit allen Lebewesen zu Land, zu Wasser und in der Luft als herrliche Wirklichkeit Gottes vorgestellt. Als Bibelleser betreiben wir keine Ursachenforschung, sind weder Weltraumforscher noch Naturwissenschaftler, sondern göttliche Geschöpfe, Ebenbilder unseres Schöpfers. Noch einmal Fridolin Stier:

„Das All ist nicht allein, das All ist nicht – alles. Es ist jemand bei ihm und über ihm: sein Schöpfer. Der Mensch ist nicht allein in der Einöde des Alls, des dunklen Weltur­grundes letzte Ausgeburt: er hat ein DU. – Darum steht die Menschheit in ihrer Ge­schichte nicht allein: sie führt kein Selbstgespräch, sie spielt kein Monodrama. – Es ist einer da, der sie ruft und ihre Antwort will; es ist der andere da, der in all ihrem Han­deln mit im Spiele ist. – Er selber hat dieses Drama veranstaltet und eröffnet mit dem Worte: ›Lasset uns Adam (Menschen) machen, nach unserem Bilde, uns ähn­lich.‹“[3]

In sechs göttlichen Werktagen wird uns die Schöpfung erzählt. Weltall, Erde, Natur und Le­ben zeigen sich darin als göttliche Anordnung und finden schlussendlich Gottes Wohl­gefal­len: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1Mose/Genesis 1,31). Wir sollen uns selbst in unserem Lebensraum als göttliche Geschöpfe wiederfinden, damit wir wissen, wem wir unseren Gehorsam und unser Vertrauen schuldig sind. Kein Ort tut sich in dieser Welt auf, den wir für selbst besitzen. Kein Raum schließt sich, in dem wir nicht unse­ren Gott als Schöpfer anrufen können und sollen. Sechs erzählte Tage führen uns in das große Gotteslob der Schöpfung, die göttliche Bestimmung unseres Menschseins. So heißt es im reformierten Westminster-Katechismus von 1647: „Die vornehmste und höchste Bestim­mung des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und ihn vollkommen zu genießen in alle Ewig­keit.“

Das Leben der Geschöpfe läuft auf den siebten Tag zu, den besonderen Ruhetag, an dem der Gott selbst von allen seinen Werken ruhte. In diese Gottesruhe sind wir eingeladen. Der Kir­chenvater Augustinus hat dies in seinen Bekenntnissen (Confessiones) eindringlich zur Ge­betssprache gebracht:

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.
Denn auf dich hin hast du uns geschaffen.“[4]

Doch wie sieht es zwischen Gott und der Menschheit wirklich aus? Keiner vermag zu sagen: „Alles in bester Ordnung“. So vieles was zwischen, durch und an Menschen geschieht – ob böswillig, fahrlässig oder mit besten Absichten – widerspricht der Schöpfungsgüte. Wäre alles Geschehen ganz natürlich – auch die Brutalität, der Verrat, die Gewalt, die Heimtücke, der Krieg wie auch der Tod – könnte niemand diese Schöpfung wirklich gutheißen. In der Natur sind „gut“ und „böse“ faktisch gleichgültig. Nur menschliches Handeln in Wort und Tat kann die gütige Anordnung der göttlichen Schöpfung fundamental in Frage stellen. So wird nun im Anschluss an die Schöpfung in 1Mose/Genesis 3 der Sündenfall der ersten Menschen im Gar­ten Eden erzählt. Man mag von der Plastizität der Geschichte – die Nacktheit, eine sprechende Schlan­ge, die Frucht vom Baum der Erkenntnis – in das Reich der Mythen gestoßen sein. Aber in dieser Erzählung wird uns anschaulich erklärt, wie es um den Menschen in Gottes Schöpfung geschehen ist, wie er sich selbst in ihr verloren hat.

Vom Baum der Erkenntnis haben Mann und Frau gegessen und sind damit vor ihrem Schöp­fer bloßgestellt. Als der Mensch für sich selbst herausfinden will, was für ihn gut zu sein hat, kommt es zwischen ihm und Gott zum Vertrauensbruch. Die vermeintliche Freiheit zu tun und zu lassen, was unserem eigenen Urteil gefällt, wird uns Menschen zum Fluch. Wo der Gottesgarten – das Paradies – uns verschlossen ist, müssen wir uns im Leben fortan selbst behaupten. Da dringt der Brudermord in die Mitmenschlichkeit ein; da werden himmelsstür­mende Turmbauer sprachverwirrt auf der ganzen Erde verstreut leben müssen. Das Unheil nimmt seinen Lauf – neben dem vorübergehenden Lebensglück.

Nein, es wird sich keine Menschheitsgeschichte ergeben, bei der wir in einen Zustand glück­seliger Unschuld fortschreiten oder zurückkehren. Das eigene Leben wie auch das Zusam­menleben auf unserer Erde werden wir auf Dauer nicht heil hinbekommen – weder durch naturwissenschaftliche Forschung, technische Entwicklungen noch durch moralische Erzie­hung. All die Menschheitsträume und Fortschrittsideologien entlarven sich im Tod als Hirn­gespinste. Gottes Urteil steht: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (1Mose/Genesis 8,21) Menschlicherseits kann für das Leben nichts Gutes heraus­kommen; es bleibt bei der eigenen Vergänglichkeit. Davon schreibt der Prediger:

Es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub.
(Prediger 3,19f)

Aber dennoch ist der Gott mit uns Menschen nicht fertig. „Adam, wo bist du – Mensch, wo bist du?“ Der göttliche Ruf aus dem Garten Eden hallt bis heute nach. Der Gott sucht seine ungläubigen Geschöpfe. Er sucht uns, obwohl wir uns ihm verschlossen zeigen – mit unserem Selbstvertrauen wie auch mit unserer Lebensangst. Er sucht uns, die immer noch glauben, wir wüssten am besten, was für uns gut ist. Er sucht uns, weil er mit uns, seinen Geschöpfen nicht fertig ist, weil er uns nicht unserer Sünde und unserem Tod überlässt.

Die Bibel erzählt von Gottes Menschensuche, wie er sich selbst in unsere Welt hineinbegibt, wie er alles von sich mit Zorn und Liebe in diese Suche hinlegt, wie sein Sohn am Kreuz unsere Verlorenheit auf sich nimmt und wie Jesu Todesschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlas­sen!“ unsere Gottesverweigerung schlussendlich doch einholt.

Der Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, lässt uns nicht los, bis er uns als seine Kinder zurückgewonnen hat.

Zweite Predigt: Erwählt durch Gott

In der biblischen Urgeschichte wird erzählt, wie uns Menschen die göttliche Schöpfung abhandengekommen ist. Am sechsten Tag der Schöpfung – nachdem die Landtiere und der Mensch geschaffen worden sind – heißt es abschließend: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1Mose/Genesis 1,31) Das Gottesurteil über seine Schöp­fung gilt, aber die Menschen, Mann und Frau, Adam und Eva wollen selbst beurteilen, was gut und böse ist, essen vom Baum der Erkenntnis und verlieren damit vor Gott ihre Unschuld. Und wir als deren Nachfahren folgen ihnen immer noch. Wir meinen ja selbst zu wissen, was für uns gut ist. Jeder soll so leben, wie er es für sich selbst richtig findet. Da leben wir nicht län­ger im Garten Eden bzw. im Paradies, und doch scheint die Frucht vom Baum der Er­kenntnis immer noch unseren Geschmack zu treffen. Das Gute selbst in die Hand nehmen und für sich behalten – so entfremden sich Geschöpfe von ihrem Schöpfer und gehen eigene Weg.

Was uns gemeinsam an göttlicher Güte zugesprochen ist, können wir miteinander teilen. Aber wo Menschen das Gute für sich selbst bestimmen und behalten wollen, suchen sie sich von­einander zu unterscheiden. Wessen Güte sich dem eigenen Urteil verdankt, kann nicht länger freigiebig geteilt werden. So fehlt es an Verbindendem und Gemeinsamen, wenn Menschen mit ihren eigenen Gütern für sich leben wollen. Ruinös ragt der Turm von Babel in den Him­mel, aber seine Bauleute sind über den ganzen Erdboden verstreut. Jeder lebt für sich, als Volk, als Familie oder als Individuum. Mit den Urteilen über die anderen grenzt man sich ab, hält den Fremdgeschiedenen auf Distanz. Jede Begegnung, jede zwischenmenschliche Bezie­hung steht fortan unter einer Vertrauensfrage: „Kann ich dir wirklich vertrauen bei dem, was mich selbst angeht?“ „Lässt Du mich mit meinen Gütern leben?“ Wo zwischenmenschliches Vertrauen verlorengegangen ist, müssen wir alles Gute für uns selbst behalten wollen. Man wird sich selbst zum Nächsten und hält sich am eigenen Grund und Boden und an Abgrenzun­gen fest. So denken und handeln wir in je eigenen Lebensräumen und können darin keinen Bezug zum Schöpfer finden. Am Ende steht eine gottlose Welt fest. Es scheint, dass auch Gott seine Schöpfung verloren hat.

Nach der Urgeschichte wird nun in 1Mose/Genesis 12 ein Neuanfang der Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt. Sie beginnt mit einer göttlichen Berufung. Unter all den Völkern auf der Erde ergeht der Ruf an einen Menschen, „Abraham“ sein Name, auf Deutsch „Vater der Völ­ker“. Dieser Abraham lebt in Haran am Nordrand der fruchtbaren mesopotamischen Ebene in der heutigen Türkei nahe an der Grenze zu Syrien. Er scheint ein wohlhabender Viehzüchter mit großen Herden zu sein. Da trifft ihn ein göttlicher Aufruf mitten in seinem eigenen Lebensraum:

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“ (1Mose/Genesis 12,1-2)

Warum Gott ausgerechnet Abraham – damals noch „Abram“ gerufen – erwählte, wissen wir nicht. Aber was diese Erwählung für das Leben Abrahams bedeutete, wird in den folgenden Kapiteln erzählt. Ohne Widerspruch und ohne Rückfrage bricht Abraham mit seiner Frau und dem Neffen Lot auf. Eine unstete Wanderschaft beginnt. Vor ihm ein unbekanntes Land Ka­naan und ein göttliches Versprechen: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose/Ge­nesis 12,3) Zurück bleiben alle Sicherheiten und Gewohnheiten. Er vertraut dem ihm unbe­kannten Gott, lässt sich auf dessen Zusage ein und wird darin zum Hoffenden. Im Brief an die Hebräer wird sein Glaube herausgestellt:

Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verhei­ßung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ (Hebräer 11,8-10)

In Kanaan leben Abraham und seine Nachkommen als Viehnomaden in Zelten. Und als in der dritten Generation eine Hungersnot ausbricht, werden sie nach Ägypten und dessen Kornkam­mern getrieben. Pharao mit seiner Militärmacht versklavt die Flüchtlinge, zwingt sie zum Frondienst für den Städtebau von Pitom und Ramses. Zum Schluss vergreifen sich die Ägyp­ter an den männlichen Neugeborenen und töten sie. Doch einer der Neugeborenen mit dem Namen Mose entkommt in einem Papyruskorb im Schilf versteckt dem Todesschicksal und wird von der Tochter des Pharaos aufgezogen. Er ist von Gott ausersehen, die Israeliten aus der Sklaverei herauszuführen.

Doch der Lebensweg Moses scheint in ganze andere Richtungen zu führen, zunächst in den Palast des Pharaos und damit in die Kultur Ägyptens. Dort, wo er sich zu seinem Volk halten will und einen prügelnden Sklavenaufseher totschlägt, kann er seinem Volk keinen Dienst tun, muss nach Midian fliehen und heiratet in die Sippe des Priesters Jitro ein. Aber der Gott ver­gisst nicht sein Versprechen, das er dem Stammvater Abraham gegeben hatte. Als Mose eines Tages Jitros Schafe am Berg Horeb auf dem Sinai weidet, kommt es zur lebensentscheidenden Begegnung. Aus dem brennenden Dornbusch trifft ihn die göttliche Stimme:

Mose, Moses, […] ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isa­aks und der Gott Jakobs. […] Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter […]. Ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“ (2Mose/Exodus 3,4.6-8.10)

Ungläubig wendet Mose ein: „Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?“ (2Mose/Exodus 3,13) Woher soll ein Niemand nur die Autorität hernehmen, um ein ganzes Volk in die Freiheit zu führen?

Da sagt sich Gott mit seinem eigenen Namen Mose zu:

Ich werde sein, der ich sein werde. […] So sollst du zu den Israeliten sagen: HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.“ (2Mose/Exodus 3,13-15)

Der Name dieses Gottes – für uns unaussprechliche vier Buchstaben, das sogenannte Tetra­gramm JHWH – ist Machtname, dessen sich kein Mensch für eigene Zwecke bemächtigen kann. Die Macht dieses Namens zeigt sich in zehn gottgewirkten Plagen, die den mächtigen Pharao schließlich in die Knie zwingen. Nach der Tötung des eigenen Erstgeborenen muss Pharao das Volk Israel unter Moses Führung ziehen lassen. Durch das Schilfmeer hindurch führt der Auszug aus Ägypten in den Sinai. Wo es in der Steinwüste an Lebensmitteln und Wasser fehlt, murrt das Volk und droht Mose den Rückzug nach Ägypten an. Besser als Skla­ven leben als in der Wüste zu sterben heißt es. Aber der Gott lässt sein Volk nicht zu­grunde gehen, versorgt es mit Wachteln und Manna von Himmel und lässt den Stab des Mose Fels­quellen aufschlagen. Schließlich gelangen die Israeliten zum Gottesberg, dem Sinai, wo sie ihrem Befreier, dem Gott mit dem unaussprechlichen Namen JHWH, begegnen:

Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehor­chen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heili­ges Volk sein.“ (2Mose/Exodus 19-4-6)

Israel ist kein vogelfreies Flüchtlingsheer, das sich einen neuen Lebensraum suchen muss, sondern Gottes auserwähltes Volk. Der Gott will es am Berg Sinai in einen persönlichen Bund hineinnehmen. Dazu verkündet er Israel die zehn Gebote und stellt sich selbst als erstes vor:

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bild­nis noch irgend­ein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heim­sucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzig­keit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.“ (2Mose/Exodus 20,2-6)

Israel ist Gottes besonderes Volk, das er in einen innigen Bund hineingenommen hat. Zehn Gebote gelten diesem Volk, wollen es in dem Bund mit dem lebendigen Gott halten. In der alleinigen Anbetung Gottes, im Loben, im Danken, selbst in der Klage, und im mitmenschli­chen Verhalten, im Tun und im Lassen, zeigt es sich, ob Israel seinem Gott die Treue hält. Mit gutem Grund zitiert Jesus selbst als höchstes Gebot:

»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, dei­nen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräf­ten« (5Mose/Deuteronomium 6,4-5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3Mose/Leviticus 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ (Markus 12,29-31)

Wer Gottes Weisungen gehorcht, lebt vor Gott auf Rufweite und findet seinen Segen. So lädt Psalm 1 ein:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen /
noch tritt auf den Weg der Sünder
noch sitzt, wo die Spötter sitzen,
sondern hat Lust am Gesetz des HERRN
und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, /
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.
“ (Psalm 1,1-3)

Wer hingegen selbst entscheiden will, was für ihn gut ist, muss für sich selbst leben und ster­ben. Das Gottesvolk Israel lebt nicht aus eigener Entscheidung, weiß sich nicht selbst von anderen Völkern zu unterscheiden. Was zählt ist, dass der Gott es ausgesondert und von all den anderen Völkern unterschieden hat – als sein Eigentum, als „Königreich von Priestern“ und als „Licht der Völker“ (Jesaja 49,6). Schließlich steht ja schon Abrahams Erwählung unter der göttlichen Zusage: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose/Genesis 12,3) Was der Gott zu unserem Heil vorsieht, dürfen wir im Gottesbund mit Israel erkennen.

Dritte Predigt: Richter, Könige und Propheten

Gottes Heil kommt nicht einfach aus himmlischen Regen, der sich beliebig über das Land verteilt. Ja, der himmlische Vater „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5,45) Aber diejenigen, deren Leben diesem Gott wirklich verbunden ist, also seine Kinder, die hat er selbst erwählt. Schon vor Urzeiten hat seine Erwählung begonnen. Dem Erzvater Abraham hat er als Berufung kund­getan:

Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ (1Mose/Genesis 12,1-3)

Israel, Nachfahren des Stammvaters Abraham, ist Gottes erwählte Volk. Er hat es durch Mose aus der Knechtschaft Ägyptens in die Freiheit entführt. Am Horeb, dem Gottesberg im Sinai zeigt sich der Gott seinem Volk, schließt mit ihm einen Bund und weist sie mit seinen Zehn Geboten in diesen Bund ein:

Ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heim­sucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote hal­ten.“ (2Mose/Exodus 20,5f)

40 Jahre lang hat sich Israel auf seiner Wanderung durch die Wüste in diesem Bund zu be­währen. Mose muss immer wieder mit Ungehorsam und Unglauben seines Volks ringen. Wüstenzeit bedarf eines ganz besonderen Vertrauens, ist doch die Fülle des Lebens mit all seinen Gütern nicht zuhanden. Vom himmlischen Manna leben zu müssen ist auf Dauer kein Festschmaus. Rebellion, Götzendienst, Bundesbruch – die Wüstenzeit lässt das Volk immer wieder irrewerden. Und doch trägt Gottes Geduld und Treue sie durch. Eine neue Generation erreicht schließlich das Land Kanaan – „Land, darin Milch und Honig fließt“ – das von Gott zugelobte Land. Bei Jericho geht Israel über den Jordan (Josua 3 und 4) und wird Kanaan mit Waffengewalt erobern.

Das Land ist unser – so könnte es heißen –, es ist unser eigener Lebensraum. Nomaden suchen nach guten Weideplätzen für ihre Herden. Ortsansässige Siedler hingegen schauen darauf, was das eigene Land hergibt und versichern sich dazu der Gunst göttlicher Mächte. Man verehrt lokale Gottheiten in Gestalt von Metall- und Tonfiguren oder holzgeschnitzten Stelen, erhofft sich daraus eigenen Segen und Fruchtbarkeit. Figürlich betrachtete Götter scheinen den eige­nen Lebensbedürfnissen viel näher zu als der Gott, dessen Angesicht für Menschen nicht zu ergründen ist. So verliert sich auf eigenem Grund und Boden der Glauben an den Gott, der Israel aus der Knechtschaft Ägyptens errettet hat.

Wo das gelobte Land in den eigenen Lebensraum anverwandelt wird, gibt es andere Völker, die Israel diesen Lebensraum streitig machen. Kanaaniter, Midianiter, Moabiter, Amoriter und Philister werden zur Bedrohung. Wo Israel in der Not sich auf seinen Gott besinnt und ihn an­ruft, erwächst ihnen geistbegabte Richter, die den Gegner mit Waffengewalt zu besie­gen wissen. Und doch scheint es Israel an einer beständigen Herrschaft zu fehlen, „jeder tat, was ihn recht dünkte“ (Richter 17,6; 21,25). Da wird der Ruf laut: „Ein König soll über uns sein, dass wir auch seien wie alle Heiden, dass uns unser König richte und vor uns her ausziehe und unsere Kriege führe!“ (1Samuel 8,19f)

Der Prophet Samuel wird in Saul vom Stamm Benjamin fündig und salbt ihn zum König über Israel. Aber dessen Herrschaft zeigt die Doppelgesichtigkeit. Da kann ein einzelner Herrscher Recht und Ordnung zum allgemeinen Wohl der Untertanen durchsetzen und doch auch eigen­mächtige Interessen verfolgen, die sein Regieren korrumpieren. Getrieben von maßloser Ei­fersucht und Verfolgungswahn endet sein Königtum in einer tödlichen Niederlage in einer Schlacht gegen die Philister. Seinem Nachfolger David vom Stamm Juda scheint eine bessere, gottwohlgefällige Regentschaft verheißen zu sein, gar eine eigene Dynastie (vgl. 2Samuel 7), aber der eigene Sohn und Nachfolger Salomo zeigt sich bei aller Weisheit als orientalischer Potentat, dessen Prachtbauten dem eigenen Volk Frondienste abverlangt (1Könige 5,27). Einst ist man der Sklaverei Ägyptens entkommen; nun muss man dem Herrscher aus dem eigenen Volk Knechtsdienste leisten.

Und doch in der Residenzstadt Jerusalem auf dem Zion setzt Salomo das Vorhaben seines Vaters um. Er baut dem HERR Gott einen Tempel mit dem Allerheiligsten, wo die Bundes­lade unter großformatigen Cheruben (1König 6,23-30) als leerer Thron aufgestellt wird – Gottes namentliche Gegenwart hat seinen einmaligen Ort auf dem Zion. Er lässt sich ins Gebet nehmen, wie Salomo es selbst bei der Einweihung des Tempels tut:

Der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, damit du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir: Lass deine Augen offen stehen über diesem Hause Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein. Du wollest hö­ren das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte betet, und wollest erhören das Flehen deines Knechts und deines Volkes Israel, wenn sie hier bitten werden an dieser Stätte; und wenn du es hörst in deiner Wohnung, im Himmel, wollest du gnädig sein.“ (1Könige 8,27-30)

Salomos Hingabe freilich ist nur halbherzig. Frauenliebe übertrifft die Gottesliebe. Im könig­lichen Harem leben fremdstämmige Frauen, die ihre eigenen Götter mitbringen (vgl. 1Könige 11). Das eigene Reich ist für die Nachkommen nicht zu halten. Es kommt nach Salomos Tod zur Teilung zwischen Israel als Nordreich mit der Hauptstadt Samaria und Juda als Südreich mit der Hauptstadt Jerusalem. Man bekriegt sich untereinander, stürzt Könige, wehrt sich gegen Nachbarkönigtümer, opfert erfolgsversprechenden Göttern wie dem Baal, bis schließ­lich Salmanassar, König von Assyrien, Samaria und damit das Nordreich erobert. Die dortige Bevölkerung wird nach Mesopotamien verschleppt, wo sich deren Lebensspur verliert.

Im Südreich hingegen wechseln sich gute und ungute Könige aus der Dynastie Davids ab. Vereinzelt kommt es zu Reformversuchen – so unter Hiskia und Josia –, die den Gehorsam des Volks gegenüber Gott wiederherstellen wollen. Aber königliche Macht- und Bündnis­politik versagt schlussendlich. Die nächste altorientalische Supermacht Babylon erobert Jerusalem, um einen abtrünnigen Vasallen zu bestrafen. Könige werden von Nebukadnezar ausgetauscht. Beim erneuten Vasallenabfall wird Jerusalem zum zweiten Male erobert und zerstört. Die Oberschicht führt man in die Verbannung nach Babel. Somit ist die Geschichte Judas wie auch Israels als selbständige Königtümer bzw. Staaten zu Ende.

Dass die Geschichte Israels als Gottesvolk dennoch nicht zu Ende ist, verdankt sich seinen Propheten – Elia, Elisa, Amos, Hosea, Micha, Jesaja und anderen. Diese haben über all die Regentschaften hinweg Gottes Wort an Israel und Juda ausgerichtet; sie haben immer wieder an Gottes Bund erinnert, den Götzendienst gebrandmarkt und vor selbstherrlicher Bündnis­politik gewarnt. Nein, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist kein staatstragender Gott. Für ihn gilt keine Staatsraison, sondern ungeteilte Hingabe:

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8)

Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.“ (Hosea 6,6)

Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit wird als Gericht über die Wohlhabenden ausgespro­chen:

Weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt, und den Wein nicht trin­ken, den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt. Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, wie ihr die Ge­rechten bedrängt und Bestechungs­geld nehmt und die Armen im Tor unterdrückt.“ (Amos 5,11-12)

Was Assyrien und Babylon Israel und Juda angetan haben, mag machtpolitisch das staatliche Ende sein, sie vollziehen vielmehr im Auftrag Gottes am Volk Israel das Gericht über deren Sünde und Ungehorsam. Nicht Gott ist entmächtigt worden, sondern menschlicher Eigen­mächtigkeit ist ein Ende bereitet worden. So hat er sich selbst gegenüber Mose auf dem Sinai ausgerufen:

HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sün­de, aber unge­straft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskin­dern bis ins dritte und vierte Glied!“ (2Mose/Exodus 34,6f)

Wo aber in Gottes Namen das Gericht über die Sünde vollzogen worden ist, fängt die Zukunft seines Heils neu an. Aus dem Gericht erwächst die göttliche Gnade. Uns Christen wird Froh­botschaft der Gnade, also das Evangelium aus dem Kreuz Jesu Christi heraus zugesprochen.

Vierte Predigt: Rückkehr und Erneuerung

Irgendwann ist es soweit gewesen – das Ende von Königreichen, Herrschaften und Nationen. Manches Ende ist abrupt und unerwartet gekommen, als wäre wie beim Licht ein Schalter um­gelegt worden. Die Archäologie bringt sie ans Tageslicht, all die Königtümer, Stadtherrschaf­ten, Volksgemeinschaften, die schon längst erloschen sind. Ruinen, Gräber, Skelette, Schrif­ten, Gerätschaften und Mauern tauchen auf, aber ohne Leben, ob bei den Inka in Peru, den Maya in Mittelamerika, den Pharaonen in Ägypten, den Babyloniern, Assyrern, Hethitern, den Achämeniden in Altpersien oder den Khmer in Kambodscha. Trümmerfelder und Mauerreste lassen erahnen, welche imposante Mächte da vormals am Werk waren, bevor sie von anderen Mächten erobert und zerstört worden sind, durch interne Machtkämpfe zerfallen sind oder durch den Verlust der Lebensressourcen aufgegeben werden mussten.

Es gab eine Zeit, als für das Volk Israel alles aus zu sein schien. Nach dem Einzug ins gelobte Land und der Errichtung des Tempels in Jerusalem kam es zur Teilung der Herrschaft zwi­schen Nord und Süd, zwischen Israel und Juda. Die Könige, die über das Volk regieren, kön­nen und wollen den Willen Gottes nicht erfüllen. Die eigene Bevölkerung erleidet Ungerech­tigkeit; Arme werden ausgebeutet. Auf der Suche nach dem persönlichen Wohlergehen wird man dem eigenen Gott untreu und verehrt andere Götter.

Zwei politische Katastrophen machen der Eigenstaatlichkeit ein Ende: 722 vor Christus er­oberte der assyrische König Salmanassar V. Samaria, die Hauptstadt des israelitischen Nord­reiches. 587 vor Christus wird Jerusalem vom babylonischen König Nebukadnezar zum zwei­ten Mal erobert. König Zedekia wird in die Blindheit geblendet und wie ein Gros der Jerusa­lemer Stadtbevölkerung in die Verbannung nach Babel verschleppt. Die Stadt ist geplündert, der Tempel ist zerstört, der eigene Staat zusammengebrochen. Das Ende des Gottesvolkes scheint offensichtlich zu sein.

Was war nun mit den großartigen Verheißungen Gottes an Abraham? Was wurde aus dem Gottesbund mit Mose und dem Volk Israel am Sinai, wo der Gott verkündet hatte: „Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ (2Mose/Exodus 19,5f) Israel wird als Verlierer geschmäht: „Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmä­hen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?“ (Psalm 42,11)

In der altorientalischen Königsideologie war der König in seiner Herrschaft göttlich autorisiert und galt als Repräsentant einer bestimmten Gottheit. War die königliche Herrschaft hinfällig geworden, schien auch die betreffende Gottheit entmächtigt zu sein. Nicht so der Gott Israels. Schließlich hatte er sich durch die Stimme der Propheten auch gegen königliche Befehle und Macht zu Wort gemeldet und seinen Willen im bevorstehenden Gericht kundgetan. Zwei Pro­pheten sind in der Katastrophenzeit besonders in Erscheinung getreten – Jeremia in Jerusalem und Hesekiel im babylonischen Exil.

Jeremia muss von Gott in sein Prophetenamt hineingetrieben werden und den ganzen Lebens­mut hernehmen, um das Gericht und das Unheil über Israel und Juda anzukünden. Als Wahr­heitsknecht hat er selbst am eigenen Körper die Gottesbotschaft zu erleiden hat: Mit euren äußerlichen Opfern, mit dem Tempeldienst könnt ihr Gott euch nicht gefällig stimmen; der ist nicht käuflich wie ihr selbst. „Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!“ (Jeremia 7,4) Der Feind kommt aus dem Norden auf uns zu, die Zerstörung des Landes steht bevor, wo die Welt in Jerusalem doch heil zu sein scheint:

Verkündet in Juda und schreit laut in Jerusalem und sprecht: »Blast die Posaune im Lande!« Ruft mit voller Stimme und sprecht: »Sammelt euch und lasst uns in die festen Städte ziehen!« Richtet in Zion ein Fluchtzeichen auf; flieht und säumet nicht! Denn ich bringe von Norden Unheil herzu und großen Jammer. Es steigt herauf der Löwe aus seinem Dickicht, und der Verderber der Völker hat sich aufgemacht und ist ausge­zogen von seiner Stätte, dein Land zu verwüsten und deine Städte zu verbrennen, so­dass niemand darin wohnt. Darum zieht den Sack an, klagt und heult; denn der grim­mige Zorn des HERRN will sich nicht von uns wenden.“ (Jeremia 4,5-8)

Mit Unheilsbotschaften schafft man sich keine Freunde. Jeremias Worte sind unerträglich für die anderen. So wird er gefangengesetzt und in das Verlies einer Zisterne geworfen. Doch Jeremiah hält seine Botschaft durch. Der Gott ist in dem bevorstehenden Unheil selbst am Werk. Nur so kann Jeremiah von einem Neuanfang, von einem neuen Gottesbund mit Israel sprechen: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, […] Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“ (Jere­mia 31,31.33) Durch das Unheil hindurch bleibt der Gott seinem Volk treu. Die Hoffnung ist nicht am Ende, auch wenn sich Jeremiahs Lebensspur in Ägypten verliert.

Der zweite Prophet, Hesekiel, auch Ezechiel genannt, lebt schon im Exil in Babylon. In seinen Visionen, die an Gottes Herrlichkeit heranreichen, stehen die Heimsuchung Jerusalems wie auch der Neuanfang des Volkes aus der Vernichtung an. Das Schlachtfeld mit den Totenge­beinen wird zum Ort der Auferstehung. Die Gottesstimme spricht es Hesekiel zu:

Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt und unsere Hoffnung ist verloren und es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels. Und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole. Und ich will meinen Odem in euch geben, dass ihr wieder leben sollt, und will euch in euer Land setzen, und ihr sollt erfahren, dass ich der HERR bin. Ich rede es und tue es auch, spricht der HERR.“ (Hesekiel 37,11-13)

Wo der Gott einen Neuanfang in Aussicht stellt, sind die Niederlage und das Exil nicht das Ende vom Gotteslied. Der Gott Israels ist mit seiner Macht nicht am Ende, wohl aber Israel als eigenes Königtum. Kein heiliger Krieg im Namen des HERRN steht mehr an; mit Waffen­gewalt kann sich das Volk Israel nicht länger behaupten. Fortan muss es die eigene Treue zu seinem Gott erleiden. Im Bild des leidenden Gottesknechts (Jesaja 53) ist schon der Schatten auf das Kreuz Christi auf Golgatha geworfen.

Wo Israel im Exil seines Gottes nicht irre geworden ist, beginnt tatsächlich ein Neuanfang. Nachdem der Perserkönig Kyrus das neubabylonische Reich erobert hat, erlaubt er die Rück­kehr der exilierten Juden nach Jerusalem. Der Tempel darf neu errichtet werden. Im Rück­blick erkennt das Volk an, dass der Gott in seinem Gericht über Israel und Juda Recht behal­ten hat. So kann Israel seinen Gott loben wie beispielsweise in Psalm 66:

Lobet, ihr Völker, unsern Gott,
lasst seinen Ruhm weit erschallen,
der unsre Seelen am Leben erhält
und lässt unsere Füße nicht gleiten.
Denn, Gott, du hast uns geprüft und geläutert,
wie das Silber geläutert wird;
du hast uns in den Turm werfen lassen,
du hast auf unsern Rücken eine Last gelegt,
du hast Menschen über unser Haupt kommen lassen, /
wir sind in Feuer und Wasser geraten.
Aber du hast uns herausgeführt und uns erquickt.
(Psalm 66,8-12)

Unter persischer Oberherrschaft darf das Gottesvolk nach eigenem Gesetz im eigenen Land leben. Nehemiah als Statthalter im persischen Dienst lässt die Stadtmauer um Jerusalem neu errichten. Unter dem Schriftgelehrten und Kanzleischreiber Esra wird das Volk neu auf den Gottesbund mit seinen Geboten verpflichtet. Fortan ist jedoch das eigene Geschick von Besat­zungsmächten abhängig. Die Perser werden von den Griechen unter Alexander dem Großen verdrängt. Im gesamten Mittelmeerraum breitet sich die griechische Sprache und Kultur aus. Sie scheint der eigenen Kultur überlegen zu sein. Unter der Herrschaft der Seleukiden (aus Syrien) sollen das jüdische Gesetz und der Tempeldienst zugunsten einer vermeintlich höhe­ren, griechischen Religion abgeschafft werden. 169 vor Christus lässt Antiochus IV. eine Zeus-Statue im Jerusalemer Tempel aufstellen und löst damit einen jüdischen Aufstand unter Führung der Makkabäer aus.

In den Jahren des Kriegszustands wird kein Heil sichtbar. Gewaltsame Herrschaftswechsel bringen neue Beschwernisse mit sich. Wechselnde Herrschaften vergreifen sich an den Men­schen. Das Volk wird zum Spielball der Mächtigen und Mächte. Unter den Menschen und Völker scheint es keinen Herrscher zu geben, dem Gerechtigkeit zuzutrauen ist. So tut sich dem Prophet Daniel die himmlische Vision auf:

Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.“ (Daniel 7,13-14)

Der Menschensohn soll als Heiland kommen, auf dass es auf Erden gottgewaltig anders wird. Der Jesuit Friedrich Spee (1591-1635) hat in seinem Adventslied diese Sehnsucht aufgenom­men:

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

O Gott, ein‘ Tau vom Himmel gieß,
im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
den König über Jakobs Haus.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
daß Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
o Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.

Fünfte Predigt: Reich Gottes und Jesus

Die Bibel – göttlicher Wort-Schatz des Glaubens, so ist die Predigtreihe überschrieben. In dieser Woche ist neue Luther-Bibel herausgekommen. Dorf findet sich auf Seite 1115 das Gebet Manasse, ein apokrypher Text, der nicht zum hebräischen Kanon des Alten Testaments gehört. Es folgen eine leere Seite und dann ein neues Deckblatt „Das Neue Testament“ mit einer neuen Seitennummerierung. Man könnte also meinen, dass zwei unterschiedliche Bü­cher zusammengebunden worden sind. Doch dem ist nicht so. Mit Martin Luther lesen wir nicht das Alte Testament als jüdisches Religionsbuch und das Neue Testament als christliches Religionsbuch. Vielmehr zeigt sich Jesus Christus im Zentrum der Heiligen Schrift für uns – seine Worte und Taten und das, was mit ihm am Kreuz und im Grab geschehen ist. Sowohl das Alte wie auch das Neue Testament zeugen von ihm. Nach Luther können die biblischen Erzählungen und Worte nur von Christus her erschlossen werden: „Die Schrift ist nicht gegen Christus, sondern für ihn zu verstehen. Daher muss man die Schriftstelle entweder auf ihn beziehen oder kann sie nicht für wahre Schrift halten.“

Jesus Christus steht im Zentrum der Heiligen Schrift. Dazu gilt es, über das Alte Testament hinaus weiterzuerzählen. Nachdem die Juden aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückgekommen waren, gibt es nicht länger ein eigenes Königreich. Und so wird die Bin­dung an das Heimatland gelockert. Überall im Mittelmeerraum und im Nahen Osten wohnen Juden verstreut, die sich vor Ort in Synagogen sammeln. Mit den Jahren und den Bekehrun­gen Fremdstämmiger zur jüdischen Religion entfällt Hebräisch als Muttersprache immer mehr. So wird die Heilige Schrift als Septuaginta ins Griechische übersetzt. In Palästina sind nach den Assyrern, den Babyloniern, den Persern und den Griechen schließlich die Römer an der Macht. Herodes der Große – ein Idumäer (Edomiter), kein Jude – ist als König von Roms Gnaden eingesetzt. Um die Gunst des Volkes zu gewinnen, lässt er den Tempel in Jerusalem prächtig ausbauen und vergrößern.

Ja, der Opferdienst im Tempel funktioniert, aber wo zeigt sich nun Gottes Herrschaft über Isarel und die Völker? Solange man einer überlegenen Militärmacht gegenübersteht, der man Abgaben zu entrichten hat, scheint Gottes Herrschaft unwirklich zu sein. Vier verschiedene Strömungen und Bewegungen prägen das Leben der Juden in Palästina unter römischer Vor­herrschaft:

Da sind zum einen Freiheitskämpfer, auch Zeloten genannt, die wie früher schon die Makka­bäer die Fremdherrschaft mit kriegerischer Gewalt beenden wollen, um ein neues jüdisches Königtum zu errichten. Rom und seine Vasallen schlagen jedoch gewaltsame Aufstandsversu­che unerbittlich und brutal nieder. Als Abschreckung werden die Aufständischen an Wegrän­dern und öffentlichen Plätzen gekreuzigt. Deren qualvolles Erstickungssterben im eigenen Abhängen soll mögliche Nachahmer abschrecken.

Wie anders verhalten sich die Sadduzäer aus dem Priestergeschlecht Zadoks und dem Jeru­salemer Stadtadel. Man hat sich mit der Herrschaft Herodes und der Römer arrangiert, sucht den Weg des geringsten Widerstandes, zahlt die Steuer und Abgaben und konzentriert sich auf den Opferdienst im Tempel. Solange die im Gesetz angewiesenen Opfer erbracht werden, so­lange jüdische Pilger aus der Diaspora an den hohen Festtagen nach Jerusalem kommen, kann man mit den eigenen Machteinschränkungen gut leben. Beamtete Priester haben jeden­falls ihr gesichertes Auskommen.

Da sind noch die Pharisäer, eine jüdische Laienbewegung, deren Rückhalt in den örtlichen Synagogen ist. Bei ihnen zeigt sich ein ganz neuer Ernst für das Gesetz und die Propheten­schriften. Gottes Herrschaft kann nur dann zum Zug kommen, wenn das ganze Volk diesem Gesetz voll und ganz gehorsam ist. Damit solch unbedingter Gehorsam möglich ist, werden für den Alltag Zusatzbestimmungen zu den fünf Büchern Mose eingeführt, die es um Gottes Willen zu halten gilt.

Zuletzt seien noch die Essener genannt, eine priesterliche Gruppe, die sich in eine kloster­ähnliche Gemeinschaft am Toten Meer zurückgezogen hatten. Unter besonderen Reinheits­vorschriften und unter strenger Askese wollte man sich dort als erwählter Rest Israels auf das Kommen des Reiches Gottes vorbereiten.

In diese jüdische Religionslandschaft wurde Jesus hineingeboren. Abgesehen von seiner Geburtsgeschichte wie sie bei Lukas und bei Matthäus erzählt werden, wissen wir wenig über seine Kindheit in Nazareth. Erst als Mann kurz vor 30 Jahre tritt er öffentlich in Erscheinung. Als „Rabbi“ wird er von seinen Mitmenschen, selbst von seinen Gegnern angesprochen, auf Deutsch „mein Meister“. Zur Sprache kommt damit seine besondere Autorität als Schriftge­lehrter. Da zeigt sich Jesus als jemand, der die Heiligen Schriften intensiv studiert hatte, um daraus den Willen seines himmlischen Vaters zu erkunden. „Abba“, „mein Vater“, so betet Jesus zu dem Gott. Da kommt seine einzigartige Gottesnähe zur Sprache. Was zwischen Jesus und dem Gott Israels geschieht, entspricht dem intimen Verhältnis des Gottessohnes zu sei­nem Vater im Himmel. Diese Vertrautheit lässt Jesus später in der Öffentlichkeit mit einer besonderen Autorität auftreten: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist … Ich aber sage euch.“ (Matthäus 5,21f)

Bevor Jesus öffentlich das Wort ergreift, begibt er sich hinab ins Jordantal, wo Johannes der Täufer als Prophet in den Fußstampfen Elias das jüdische Volk zur radikalen Umkehr aufruft: „Tut Buße – besser übersetzt – kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Matthäus 3,2) So wie Israel einst unter der Führung Josuas durch den Jordan ins gelobte Land eingezogen, so soll nun das Volk sich neu besinnen und sich im Jordan ganz und gar auf Gottes Willen einlassen. Wo die Menschen von Johannes im Jordan untergetaucht werden, entfließen ihnen ihre Sünden und sie stehen als Anfänger des Glaubens da. Da reiht sich auch Jesus in die Schar der Bußfertigen ein und erbittet von Johannes den Vollzug der Taufe. Zwi­schen sich und seinem Volk macht Jesus keinen Unterschied; er nimmt sich nicht aus der Schar der Sünder heraus. Er stellt sich nicht über andere, sondern gesellt sich zu ihnen. Im Jordan macht er sich Israels Sünde und Gottlosigkeit zur eigenen Sache.

Als Jesus von Johannes die Bußtaufe zur Sündenvergebung erhält, öffnet sich über ihm der Himmel: Der GottGeist kommt auf ihn herab. So wird Jesus mit dem Heiligen Geist gesalbt, den der Prophet Hesekiel für Gottes endgültige Herrschaft über Israel angekündigt hatte. Und die Himmelsstimme verspricht Jesus mehr als menschliches Leben aus sich selbst erreichen kann: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ (Markus 1,11) GottVater, GottSohn und GottGeist – in der Taufe Jesu im Jordan zeigt sich die göttliche Dreieinigkeit zum Heil Israels.

Es ist nun der GottGeist, der den Gottessohn in die Wüste treibt und ihn vom Satan auf die Probe stellen lässt: Was heißt es für den Menschen Jesus wirklich Gottes Sohn zu sein? Und wie hat sich die Salbung mit dem Heiligen Geist für Jesus leiblich auszuwirken? In der Stein­wüste Judäas wird Jesus für vierzig Tage dem äußersten Lebensmangel ausgesetzt und hat mit sich selbst zu kämpfen. Er steht vor einer dreifachen Wahl des Lebens – Eigenmächtigkeit oder Gottvertrauen:

  1. Soll er Wüstensteine in die Hand nehmen und daraus Lebensmittel herstellen oder aber das tägliche Brot des Lebens als Gottesgabe empfangen?
  2. Soll er sich in Jerusalem wie ein Basejumper von der Tempelzinne in die göttliche Übermacht stürzen oder aber den Lebensweg bis ans Kreuz von Golgatha ausschrei­ten, der für den Menschensohn vorgesehen ist?
  3. Soll er die Herrschaft über Israel und die Völker mit Schwertgewalt erlangen oder aber als königlicher Gottesknecht die Menschengewalt am eigenen Leib erleiden?

Teuflische Machtversuchungen für den Messias (Christus), den Gottgesalbten in der Wüste, denen Jesus standhält. So erweist er sich den Thronnamen würdig, die Jesaja prophezeit hat:

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“ (Jesaja 9,5-6)

Nachdem Jesus aus der judäischen Wüste gekommen ist, beginnt er in Galiläa mit seiner pro­vokativen Ansage: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15)

Wie kann man das Reich Gottes, seine Herrschaft sehen, wenn die Insignien menschlicher Macht fehlen: Weder Palast, Thron, Soldaten noch Waffen lassen sich sehen. Wie kann also der Gott die Herrschaft über sein Volk ausüben? Da muss der Blick der Zuhörer auf Jesus selbst fallen. So wie er vor das Volk tritt, so wie er Sünder annimmt, so wie er Kranke mit eigenen Händen heilt, so wie er sich für die Menschen hingibt, richtet Gott seine Herrschaft über Israel und die Völker auf. Aus Jesu Mund gesprochen:

Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? Es ist wie mit einem Senfkorn: Wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.“ (Markus 4,30-32)

Jesu messianische Einladung in das Reich Gottes steht:

Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erqui­cken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11,27-30)

Sechste Predigt: Der neue Bund der Hingabe

Am Anfang seiner Mission steht eine Ansage: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,11) Mit diesen Worten tritt Jesus auf die Menschen in seiner Heimatregion Galiläa zu. Aus heutiger Sicht mag dies als religiöse Einladung gelten, die sich Menschen innerlich zu Herzen nehmen sol­len. Aber Jesus fordert damit die politischen Machthaber wie auch die religiösen Führer heraus.

Seit Jahrhunderten war das Gottesvolk Israel unter fremder Herrschaft, zunächst waren es die Assyrer, dann die Babylonier, die Perser, die Griechen und schließlich die Römer: Pontius Pilatus war römischer Statthalter in Judäa und Samaria, Herodes Agripa, Sohn Herodes des Großen, regierte Galiäa und Peräa als römischer Vasall. Gottes Herrschaft ist nahe herbeige­kommen. Diese Ansage scheint das Ende der Fremdherrschaft zu bedeuten. Wenn der Gott Israels vom Zion aus regiert, sind ihm alle Völker unterworfen. So wird ja in Psalm 99 gesun­gen: „Der HERR ist groß in Zion und erhaben über alle Völker.“ (V 2) In Jerusalem wird man auf den Rabbi Jesus aufmerksam und holt Erkundigungen ein: Ist da etwa eine neue Auf­standsbewegung im Entstehen? Was nimmt sich dieser Wanderprophet mit seiner Botschaft heraus? Woher hat er die Autorität?

Vollmächtig redet Jesus, nicht wie die Schriftgelehrten (vgl. Matthäus 7,28). Schließlich sind seine Worte nicht einfach daher gesagt, sie zeigen Wirkung, wenn er Kranke heilt, Blinde sehend macht und Aussätzige reinigt. Was noch mehr herausfordert ist jedoch der Zuspruch zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ (Markus 2,5) Offensicht­lich übergeht Jesus die Bestimmungen des Gesetzes: Wer aus Versehen gesündigt hat, soll dem Priester im Tempel ein Sündopfer bringen. Nachdem das Opfertier zur Sühne verbrannt worden ist, spricht der Priester die göttliche Vergebung zu (3Mose/Leviticus 4). Wie kann nun ein Rabbi von sich aus ohne priesterliche Mitwirkung Sünden vergeben?

Auf der einen Seite sind Jesu Worte Gnadenworte voller Barmherzigkeit, auf der anderen Seite gehen sie messerscharf unter die Haut, rechnen mit Widersachern gnadenlos ab:

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und schmückt die Gräber der Gerechten […] Ihr Schlangen, ihr Otterngezücht! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“ (Matthäus 23.29.33)

Aus seiner zahlreichen Anhängerschar wählt Jesus zwölf zu besonderen Weggefährten – seine Jünger, auch „Apostel“ genannt – aus, die ihm auf seiner Wanderschaft in Galiläa begleiten. In seiner Nachfolge werden sie in seiner Lehre vom Gottesreich unterwiesen und selbst als Botschafter ausgesandt.

Jesu Botschaft vom Gottesreich, seine Heilungen und Wundertaten werfen die Frage auf: Wer ist er selbst? Was sagen die Leute über ihn? Ein wiedergeborener Elia, Johannes der Täufer, ein weiterer Prophet Israels? Die Antwort des Petrus macht den Unterschied: „Du bist Chris­tus, der Messias, der Gesalbte, Sohn des lebendigen Gottes“. Gott wird sein Reich durch dich, Jesus errichten.

Jesus lässt die Antwort gelten und fügt sofort hinzu, was diese Herrschaft für ihn bedeutet. Derjenige, der in Gottes Namen regiert, muss leiden, wird von den Obersten des eigenen Vol­kes verworfen und schlussendlich getötet werden. Wer dem Gottgesalbten, dem Messias trotz­dem nachfolgt, muss das eigene Kreuz auf sich nehmen. Die Jünger Jesu stehen in dieser Welt nicht auf der Siegerseite, können sich nicht im Machtglanz des Messias sonnen. Wie Jesus selbst haben sie ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Für sie gibt es kein „Bis hierher und nicht weiter“. Aus dem Munde Jesu gesprochen: „Wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s behalten.“ (Markus 8,35)

Wie kann man sich auf solch einen Herrscher einlassen, bei solchen Lebensaussichten. Da nimmt Jesus drei seiner Jünger auf einen hohen Berg, den Tabor, mit, wo er vor ihren Augen verklärt wird. Ihm stehen Mose und Elia zur Seite, das Gesetz und die Propheten sprechen für ihn. Und Gottes Zusage steht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören.“ (Matthäus 17,5) Wo sein Abstieg von diesem Berg in die Dunkelheit des To­des am Kreuz führt, ist Jesus bereits von Gottes Herrlichkeit eingenommen.

Ein letzter Gang steht für Jesus an, der Marsch auf Jerusalem. Er soll Gottes Herrschaft zur Entscheidung bringen. Das Passafest steht an. Juden kommen als Wallfahrer nach Jerusalem, um dort Israels Befreiungsfest aus der Sklaverei Ägyptens gemeinsam zu feiern. Als Jesus als König nach Jerusalem auf einem Esel – wie beim Propheten Sacharja (9,9) angekündigt – einreitet, jubelt ihm die Menge zu: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!“ (Markus 11,9f)

Dann kommt es zu einer entscheidenden Aktion, die das Fass zum Überlaufen bringt: Der Messias betritt den Tempel und vertreibt die Händler, die Opfertiere verkaufen, sowie die Geldwechsler, die Münzen in opferfähige, weil bildlose Währung umtauschen. Damit setzt er den dortigen Opferdienst vorübergehend außer Kraft. Israel ist im Innersten getroffen. Der Vorwurf steht im Raum: Jesus will den Tempel, das Gotteshaus zerstören. Aber was kann schon an seine Stelle treten? Wo sonst soll der Gott mitten unter seinem Volk gegenwärtig sein? Wie sonst soll er seinem Volk Heil gewähren? Erst nach Ostern, nach Jesu Auferste­hung von den Toten wird es für Christen klar: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1Korinther 3,16) Gottes Geist wohnt nicht hinter mächtigen Steinquadern des herodianischen Tempels; er lässt sich weder durch Brand- noch durch Schlachtopfer wider die eigene Schuld gewinnen. Versöhnung mit dem lebendigen Gott bedarf einer anderen Hingabe. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Markus 10,45) Ihr selbst sollt euch als lebendige Steine erbauen lassen „zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“ (1Petrus 2,5)

Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig.“ (1Korinther 3,17) So weiß es der ehemalige Pharisäer Paulus der Gemeinde in Korinth ins Stammbuch zu schreiben. Kein Wunder, dass bei den Hohenpriestern und Schrift­gelehrten der Plan gereift ist, Jesus als Tempelstörer und potentiellen Tempelzerstörer aus der Welt zu schaffen. Wer fundamental in Frage gestellt wird und nichts zu erwidern hat, sucht den Fragesteller zu erledigen. Da unterrichtet Jesus das Volk im Tempel in aller Öffentlich­keit, während seine Tötung schon beschlossene Sache ist. In die eigene Todesahnung wirf er das Gleichnis ein: Israel ist Gottes Weinberg, wie es schon beim Propheten Jesaja besungen worden ist (Jesaja 5). Die Weingärtner, die Oberen des Volkes, verweigern dem göttlichen Weinbergbesitzer die geschuldete Ernteabgabe. Boten werden geschmäht, geschlagen, gar getötet. Als dann der Herr des Weinbergs seinen eigenen Sohn sendet, sehen die Weingärtner die Gelegenheit, durch die Ermordung des Erbens den Weinberg in den eigenen Besitz zu bringen. (Markus 12,1-12) So sieht Jesus selbst seinen Tod auf sich zukommen. Die Oberen des Volkes können sich dem Messias nicht fügen und müssen ihn daher ermorden.

Im Wissen um seine bevorstehende Hinrichtung feiert Jesus mit seinen zwölf Jüngern das Passahmahl und deutet dabei Brot und Wein auf seinen Tod hin:

Als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ (Markus 14,22-24)

Ungeheuerliches spricht Jesus seinen Jüngern zu: In seinem bevorstehenden Sterben schließt der Gott mit seinem Volk einen neuen Bund, der die Menschen wirklich zu Herzen geht. So hat es ja der HERR beim Prophet Jeremia dies zugesagt:

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31,33-34)

In diesem Abendmahl werden die Jünger schon jetzt in diesen Gottesbund hineingenommen. Das Gesetz ist für Israel nicht länger Bedingung, die man selbst erfüllen muss. Vielmehr er­füllt Jesus selbst die Forderung des Gottesgesetzes in seiner Hingabe ein für alle Mal. Seine tödliche Hingabe wird nicht mit Schweigen übergangen werden. Vielmehr kommt das Ge­heimnis des Glaubens für Christen zum Lobruf an den Heiland: „Deinen Tod, o Herr, ver­künden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Noch ist es nicht soweit. Nach dem Passahmahl findet sich Jesus mit seinen Jüngern unter freiem Nachthimmel im Garten Gethsemane ein und hadert mit seinem Vater: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Markus 14,36) Judas Verrat ist es, dass die Tempelwache Jesus ohne öffentliches Aufsehen zu fassen bekommt. Und es ist die eigene Lebensangst, die Jünger fliehen lässt. Die Nacht vor seinem Tode kennt keine Nachfolger Jesu. Das Verhör vor dem Hohen Rat wird zum Schauprozess: „Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten?“ fragt Kaiphas, der Hohepriester. Und Jesus antwortet wahrheitsgemäß: „Ich bin’s; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels.“ (Markus 14,62).

Das Urteil gegen den vermeintlich aufständischen König der Juden hat der römische Statt­halter Pilatus zu sprechen und vollstrecken zu lassen. Die Wachsoldaten foltern und verspot­ten Jesus – Travestie von Macht und Ohnmacht. Sein Kreuz zwängen sie Jesus auf zum Gang nach Golgatha. Ans Kreuz genagelt und für den Erstickungstod aufgerichtet betet Jesus für die Übeltäter: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34) Noch ein­mal ist er anderen Menschen zugeneigt, so dem Schächer zur Rechten am Kreuz: „Wahr­lich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43) bevor ihn die Got­tes­finsternis in der eigenen Atemnot einholt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich ver­las­sen?“ (Markus 14,34)

„Adam, wo bist du – Mensch, wo bist du?“ Der göttliche Ruf aus dem Garten Eden hallt nach. Der Gott sucht seine Geschöpfe, die ihm verlorengegangen sind. Nun ist es sein eigener Sohn, der sich für die Mitmenschen verloren gegeben hat. Und dieser schreit umgekehrt die Lebens­verzweiflung seinem Vater entgegen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34) Am Kreuz entschwindet Jesus die Gottesgegenwart. Weder sein Vater noch die eigene Gottheit halten ihn am Leben. Sein Sterben führt ihn in die Gottdunkel­heit. So wird er uns wirklich zum Begleiter und Erlöser der eigenen Gottesfremde.

Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,30) Der Gottessieg über die Menschensünde gilt. Letztes Sterbenswort bevor Jesus sein Haupt neigte und den Lebensgeist hingab. „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Der Hauptmann des Hinrichtungskommandos ruft es ster­bensergriffen aus (Markus 15,39) Und dieser Ruf bleibt kein Nachruf auf einen Toten.

Siebte Predigt: Neues Leben, neue Gemeinschaften

Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ Sterbensergriffen ruft dies der Haupt­mann des Hinrichtungskom­mandos aus (Markus 15,39), als er den Menschen Jesus von Nazareth am Kreuz gestorben sieht: Gottes Sohn – gewesen. „Gewesen“ bedeutet Vergangen­heit. All das was Jesus von Nazareth getan und gesagt hat, spricht für ihn als Gottes Sohn. Aber wenn dieser Sohn Gottes getötet und begraben worden ist, kann er als Toter nicht länger gegenwär­tig sein. Was über einen Toten gesagt werden kann, ist nur als Nachruf auf dessen Leben gültig.

Das scheint es gewesen zu sein, dass der „König der Juden“ seiner Macht entblößt am Kreuz qualvoll gestorben ist, dass Gottes Herrschaft über Israel und die Völker im Fels begraben werden muss. Nein, so hätte es keine Kirche und kein Christentum geben können, wenn das Leben Jesu in der Niederlage eines Kreuzestodes verschwunden wäre. Es muss etwas gesche­hen sein, dass aus Jesu Lebensende am Kreuz von Golgota eine weltweite missionarische Bewegung und Lebensgemeinschaft entstanden ist.

Da muss im Felsengrab vor den Toren Jerusalems mit Jesu Leichnam etwas geschehen sein, was nicht mit den naturwissenschaftlichen Gesetzen der Physik und der Biologie erklärt wer­den kann. Jesu Auferstehung von den Toten erschließt sich keiner menschlichen Vernunft. Das wussten die Menschen zur Zeit Jesu genauso wie heute. Und doch hat sich Jesus den Frauen am Grab und seinen Jüngern wirklich gezeigt, so dass die eine Botschaft weltweit ihren Lauf genommen hat: „Christus ist auferstanden von den Toten, er hat den Tod durch den Tod besiegt und denen in den Gräbern das Leben geschenkt.“ (Ostertroparion in der byzantin­schen Liturgie).

So hat man von alters her in der Kirche Jesu Auferstehung von Toten als göttlichen Neuan­fang für das menschliche Leben verstanden: „Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod ge­kommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nach­dem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.“ (1Korinther 15,20-24)

Bevor es aber zum Jüngsten Tag kommt, ist für Christen eine göttliche Sendung angesagt. So verkündet Jesus leibhaftig auferstanden seinen verbliebenen elf Jüngern auf einem Berg in Galiläa: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matthäus 28,18-20)

Gottes Herrschaft wird dort auf der Erde verwirklich, wo Menschen den Heiligen Geist als Angeld bzw. Unterpfand erhalten (Epheser 1,13-14; 2Korinther 1,22), eingedenk der Worte Jesu: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbe­ten.“ (Johannes 4,24). Dazu hat Jesus vor seiner Himmelfahrt den elf Jüngern die Ausgießung des Heiligen Geistes in Jerusalem verheißen: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes em­pfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,8)

An Pfingsten, fünfzig Tage nach Ostern, wird Jesu Vorhersage wahr (Apostelgeschichte 2,1-13). Geistergriffen tritt Petrus in Jerusalem den jüdischen Pilgern in Jerusalem gegenüber und verkündigt ihnen Jesu Geschichte von Kreuz und Auferstehung als göttliche Rettungstat:

Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Ungerechten ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes, denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde.“ (Apostelgeschichte 2,22-24) Petrus fordert seine Zuhö­rer heraus: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzuru­fen wird.“ (Apostelgeschichte 2,38f)

Vor dem Hohen Rat in Jerusalem hat er sich für seine Botschaft zu rechtfertigen: Dieser Jesus von den Oberen der Juden verworfen ist zum Eckstein des Heils geworden:

In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden. […] Wir kön­nen’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apostelge­schichte 4,12.20)

Die Botschaft gilt zu aller erst den Juden und wird jedoch von gottesfürchtigen Heiden gehört. Vor allem Saulus, später Paulus genannt, wird ausgehend von der syrischen Stadt Antiochien zum Apostel unter den Heiden in Kleinasien und Griechenland. Dazu berichtet die Apostelge­schichte über dessen drei Missionsreisen (13,1-14,28; 15,36-18,22; 18,23-21,26), bevor sein Lebensweg in der Gefangenschaft in Rom endet. Als Missionar tritt Paulus zuerst in der jüdi­schen Synagoge vor Ort auf und findet dabei Gehör vor allem bei den gottesfürchtigen Sym­pathisanten des Judentums. Da stellt sich Judenchristen jedoch die Frage nach der Gemein­schaft: Wenn Heiden Jesus Christus als Herrn bekennen und sich auf dessen Namen taufen lassen, gehören sie dann etwa auch ohne Beschneidung dem besonderen Bund Gottes mit seinem auserwählten Volk an? Oder müssen sie die göttliche Weisung zur eigenen Beschnei­dung als Bundeszeichen erfüllen (vgl. 2Mose/Exodus 12,44.48)?

Die Einheit der Glaubensgemeinschaft von Judenchristen und Heidenchristen steht auf dem Spiel. Kann man gemeinsam das Abendmahl einnehmen und am Tisch des Herrn den Gott Israels im Gebet loben und preisen? Der Apostel Paulus kommt zu dem Schluss, dass die Beschneidung Abrahams und seiner Nachkommen Zeichen der empfangenen Gottesgnade, nicht aber Vorbedingung ist. Nicht durch die Erfüllung von Werken des Gesetzes, sondern durch den Glauben an die Erlösungstat Jesu werden die Menschen – Juden wie Heiden – von dem Gott gerecht gesprochen und in seinen neuen Bund hineingenommen.

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. Oder ist Gott allein der Gott der Juden? Ist er nicht auch der Gott der Heiden? Ja gewiss, auch der Heiden. Denn es ist der eine Gott, der gerecht macht die Juden aus dem Glauben und die Heiden durch den Glauben.“ (Römer 3,28-30)

Ihr seid alle durch den Glauben Got­tes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.“ (Galater 3,26-29)

In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (Galater 5,6)

In seinen Briefen hält der Apostel Paulus Kontakt mit den Gemeinden, die von ihm gegründet worden sind. So bringt er das Evangelium Jesu Christi immer wieder zur Sprache und sucht die Lebensform von Christen als Heiligung des eigenen Lebens wie auch des Zusammenle­bens mit anderen zu klären. „Ihr wisst, dass wir, wie ein Vater seine Kinder, einen jeden von euch ermahnt und getröstet und beschworen haben, euer Leben zu führen würdig vor Gott, der euch berufen hat zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit.“ (1Thessalonicher 2,11f)

Neben den 13 Briefen des Paulus finden sich im Neuen Testament auch Briefe, die anderen Apostel zugeschrieben sind, wie die beiden Briefe des Petrus oder aber die drei Briefe des Johannes. Auch hier wird die Christusbotschaft jungen Gemeinden zugesprochen, die in einem heidnischen Umfeld tagtäglich zu bestehen haben. Der anonyme Brief an die Hebräer schließlich zeigt auf, dass Jesus mit seiner Selbsthingabe den priesterlichen Dienst im Tempel wie er in den fünf Büchern Mose als göttliche Weisung vorgeschrieben worden ist, ein für alle Mal erfüllt hat:

Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der Güter bei Gott durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht mit Händen gemacht ist, das ist: das nicht von die­ser Schöpfung ist. Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt.“ (Hebräer 9,11f).

Darin ist er

der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlö­sung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Beru­fenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat.“ (Hebräer 9,15f)

Wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geop­fert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.“ (Hebräer 9,27f)

Dazu steht noch ein letztes Buch aus, die Offenbarung des Johannes. Dieses Buch wird die achte und letzte Predigt bestimmen.

Achte Predigt: Zu guter Letzt bis in alle Ewigkeit

Das wird auf Ewigkeit geschehen mit unseren Verstorbenen und mit uns Lebenden – zu guter Letzt oder schlimmstenfalls? Heute ist ja die letzte Predigt aus unserer achtteiligen Reihe „Die Bibel – Göttlicher Wort-Schatz des Glaubens“ angesagt. In dieser Reihe geht es ja darum, den roten Faden durch Gottes Geschichte mit den Menschen von Anfang bis Ende zu finden. All das, was in der Bibel gesagt ist und erzählt wird, steht in einem Zusammenhang von einem göttlichen Anfang und einem göttlichen Ende, der mit Alpha und Omega signiert ist. So sagt es Christus dem Seher Johannes ganz am Ende der Bibel im Buch der Offenbarung im 22. Kapitel zu: „Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.“ (Vers 13). Eine Zusage, die es in sich hat, die sich sogar hier in unserer Martin-Luther-Kirche in dem runden Glasfenster ganz oben in der Chorwand findet. Die griechischen Christus-Ini­tialen „Chi“ und „Rho“ sind durch Alpha und Omega gerahmt – sein Wahrzeichen steht für und über uns wider hoffnungsloses Unwissen. Bei Gott bleibt weder mein Lebensende noch das Ende der Welt offen. Wie alles ausgeht ist für uns in Jesus Christus vorbestimmt.

Schon unser Lebensanfang in Fleisch und Blut ist kein Zufall, keine Laune der Natur, sondern von Gott selbst ausersehen. Ebenso führt unser Lebensende bei Gott in kein Nichts. Der Gott lässt unser Todesschicksal nicht offen, sondern bestimmt schlussendlich, was mit uns im Tod zu geschehen hat. Für das A und O unseres Menschseins finden wir in der Bibel den roten Faden, der sich durch den Gottesbund mit Israel sowie durch den neuen Bund in Jesus Chris­tus zieht. Für den „bündigen“ Glaubensweg, der auch uns in die Gegenwart Gottes führt, begegnet uns in den Geschichten der Bibel eine ganze Wolke von Zeugen (Hebräer 12,1).

Ja, wir können uns manche Dinge nach dem Tod vorstellen, gar ein seelisches Weiterleben an einem anderen Ort, aber unsere menschlichen Vorstellungen von einem Weiterleben „danach“ kennt kein letztes Lebensziel. „Fortsetzung folgt“ heißt es stattdessen. Ein x-beliebiges Leben irgendwann angefangen verliert sich irgendwo in der Ewigkeit. Dass wir überhaupt leben, verdankt sich dem Wunder unserer eigenen Geburt. Unser Leben ist nicht von Anfang an selbstverständlich. Das Recht zu leben hat niemand vor seiner eigenen Zeugung und Geburt gehabt. Wenn wir uns wundern, warum ausgerechnet wir geboren wurden, dürfen wir uns auch über die göttliche Schöpfung von Himmel und Erde mit der Erschaffung des Menschen Adam („Erdling“) wundern.

Zwischen dem göttlichen Wunder unserer Erschaffung und dem göttlichen Ziel unseres Le­bens erstreckt sich unser irdisches Leben, das mitunter angefochten wird. Ereignisse, Einsich­ten, Erfahrungen, die über unseren Glauben hinausgehen, wollen uns unserer göttlichen Be­stimmung irre machen – das kann ich nicht länger glauben, dem kann ich nicht länger glau­ben. Dass wir hier keinen Schlussstrich unter unseren christlichen Glauben ziehen, dazu hilft uns das letzte biblische Buch, die Offenbarung.

Johannes, ein frühchristlicher Prophet, ist wohl von römischen Behörden auf die Kykladen-Insel Patmos verbannt worden. Der Kaiserkult im Osten des römischen Reiches scheint die christlichen Gemeinden in Kleinasien zu bedrängen. Die Behörden ergreifen Maßnahmen, um die Verehrung des Kaisers als „Herr und Gott“ als das Imperium einende Ideologie allgemein durchzusetzen. Wo sich Christen der Teilnahme an diesem Kult verweigern, stehen Zwangs­maßnahmen und Verfolgung an. Was für Lebensaussichten für Christen, die als steuerpflichti­ge Bürger unter staatlicher Herrschaft in Frieden leben wollen. So sind sie doch von den Aposteln ermahnt worden: „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun.“ (1Petrus 2,13f)

Wie soll das für Christen gehen – einer staatlichen Obrigkeit gehorchen, die zugleich einem den Glauben an Jesus Christus als den einen Herren nehmen will? Die waffengestählte Macht des römischen Reiches scheint stärker und damit wirksamer als Gottes Wort zu sein. Wer an seinem Glauben festhalten will, sieht sein Leben bedroht. Wider tödliche Lebensaussichten wird Johannes vom Gottesgeist ergriffen und dem Irdischen entrückt. Eine Tür im Himmel tut sich ihm auf zur Gottesschau:

Und siehe, ein Thron stand im Himmel und auf dem Thron saß einer. Und der da saß, war anzusehen wie der Stein Jaspis und der Sarder; und ein Regenbo­gen war um den Thron, anzusehen wie ein Smaragd. Und um den Thron waren vierundzwan­zig Throne und auf den Thronen saßen vierundzwanzig Älteste, mit weißen Kleidern angetan, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen.“ (Offenbarung 4,2-4)

Ja, im Himmel, von Gottes Gegenwart aus betrachtet, sieht die Zukunft ganz anders aus, als Menschen sie befürchten müssen: Was auch immer auf Erden geschieht, entgeht nicht Gottes überirdischer Macht. Beweis dafür ist Jesus Christus, der Gottessohn. Als Gottes Lamm selbst aufgeopfert und doch lebendig hält er vor dem Gottesthron die Schlüssel des menschlichen Schicksals. Seine Zusage gilt über alle Zeiten hinweg: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offenbarung 1,17f) Alle Lebens­macht ist und bleibt bei dem dreieinigen Gott. So können wir in das himmlische Gotteslob einstimmen: „Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.“ (Offenbarung 4,11).

Im Himmel wird es für Johannes sichtbar: Die Menschen, die trotz eigener Zweifel, trotz eigener Schuld, trotz eigenem Leiden, trotz Bedrückung und Verfolgung bei ihrem Glauben an Jesus Christus geblieben sind, diese Menschen finden sich bei Gott wieder. So heißt es im siebten Kapitel der Offenbarung:

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Und einer der Ältesten antwortete und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind’s, die aus der großen Trübsal kommen und haben ihre Kleider gewaschen und haben sie hell gemacht im Blut des Lammes. Da­rum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ (7,9-17)

Himmlische Aussichten für irdisches Leben nach dem Tod: Aus großer Trübsal kommend finden Menschen die große Heilung bei ihrem Gott, sind zu ihm heimgegangen: „Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! […] Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewig­keit! Amen.“ (Offenbarung 7,10.12)

Ja, im Himmel nach dem Tod mögen die Dinge bei Gott für uns ganz anders aussehen, als jetzt auf der Erde. Aber das wäre das große Missverständnis, wenn der Himmel sich nur als Hintertüre der irdischen Schöpfung auftäte, gleichsam als Notausgang für das menschliche Leben auf der Erde. Schließlich sieht Johannes im Himmel, wie das Gotteslamm, also Jesus Christus selbst, die Versiegelung der irdischen Zukunft löst: Durch sieben Siegel hindurch, mittels sieben Posaunen und aus sieben Schalen bricht göttliche Macht in die Welt ein, ringt die gottwidrigen Kräfte und die gottlose Herrschaft auf der Erde nieder. Erschütternd für Menschen, die Gott nicht wahrhaben wollen, erniedrigend für Herrscher und Despoten, erlösend für Geknechtete und Gequälte.

Und dann ganz zum Schluss, nachdem Weltreiche, Weltherrschaften, Ideologien, Teufel und Tod vernichtet worden sind und das Weltgericht mit der ewigen Verdammnis vollzogen worden ist, wird die himmlische Vision neu geerdet:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine ge­schmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Hurer und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.“ (Offenbarung 21,1-8)

So finden Himmel und Erde zueinander. Menschen, die mit ihrem Christusglauben Gott treu gewesen sind, werden von ihrem Schöpfer tröstlich berührt. Was verloren gegangen ist, richtet der Gott im Pascha-Mysterium seines Sohnes Jesus Christus wieder auf. Leiden und Schmer­zen des Gottesvolkes wirken nicht länger nach. So findet das Drama des Menschen mit sei­nem Gott, das im Garten Eden seinen Anfang nahm, sein Ende. In der himmlischen Gnaden­gegenwart Gottes ist das Gottfremde eines eigenmächtigen Selbstanspruches „Sein wie Gott“ (1Mose/Genesis 3,5) überwunden. Kein Tod reißt mehr die Lebensverbindungen auseinander. Gottes Erwählung führt zum Ziel, die Seinen gehen in Christus nicht verloren. Das Lied des Lammes erklingt aus unserem Mund:

Groß und wunderbar sind deine Werke,
Herr, allmächtiger Gott!
Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege,
du König der Völker.
Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten
und deinen Namen nicht preisen?
Denn du allein bist heilig!
Ja, alle Völker werden kommen
und anbeten vor dir,
denn deine Urteile sind offenbar geworden.
“ (Offenbarung 15,3-4)


[1] Westminster John Knox Press, 1999.
[2] Wort Gottes oder Heilige Schrift, in: Bibel im Jahr ’77. Gott hat Zeit für uns, hg. vom Katholischen Bibelwerk eV Stuttgart, Nürnberg 1976, 37.
[3] Geschichte Gottes mit den Menschen, hrsg. v. Eleonore Beck und Martha Sonntag, Stuttgart 2011, 14.
[4] Bekenntnisse II,4.

Hier mein Text als pdf.

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