Paul Schempps Predigt über Prediger/Kohelet 4: „Was können wir Menschen tun? Du bist nicht einsam, denn Er ist der Verbündete und sammelt die Zerstreuten zu seiner Herde und zur guten Weide seines Wortes. Du bist nicht Produkt der Verhältnisse, sondern in Tod und Leben das Eigentum dessen, der für uns gestorben und auferstanden ist. Auferstehung und Leben heißt das Licht, das schon in der Nacht des Predigers der Nichtigkeit leuchtet.“

1952 hielt Paul Schempp in der reformierten Gemeinde in Stuttgart eine Predigtreihe über die ersten vier Kapitel des Buches Prediger (bzw. Kohelet). Hier seine letzte Predigt über das vierte Kapitel:

Predigt über Prediger 4: Der Mitmensch

Von Paul Schempp

1Ich wandte mich um und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne; und siehe, da waren die Tränen derer, so Unrecht litten und hatten keinen Tröster; und die ihnen Unrecht taten, waren zu mächtig, daß sie keinen Tröster haben konnten. 2Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das Leben hatten; 3und besser als alle beide ist, der noch nicht ist und des Bösen nicht innewird, das unter der Sonne ge­schieht. 4Ich sah an Arbeit und Geschicklichkeit in allen Sachen; da neidet einer den andern. Das ist auch eitel und Haschen nach dem Wind. 5Ein Narr schlägt die Finger ineinander und verzehrt sich selbst. 6Es ist besser eine Handvoll mit Ruhe denn beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind. 7Ich wandte mich um und sah die Eitelkeit unter der Sonne. 8Es ist ein einzelner, und nicht selbander, und hat weder Kind noch Bruder; doch ist seines Arbeitens kein Ende, und seine Augen werden Reichtums nicht satt. Wem arbeite ich doch und breche meiner Seele ab? Das ist auch eitel und eine böse Mühe. 9So ist’s ja besser zwei als eins; denn sie genießen doch ihrer Arbeit wohl. 10Fällt ihrer einer so hilft ihm sein Gesell auf. Weh dem, der allein ist! Wenn er fällt, so ist keiner da, der ihm aufhelfe. 11Auch wenn zwei beieinander liegen, wärmen sie sich; wie kann ein einzelner warm werden? 12Einer mag überwältigt wer­den, aber zwei mögen widerstehen; und eine dreifältige Schnur reißt nicht leicht entzwei. 13Ein armes Kind, das weise ist, ist besser denn ein alter König, der ein Narr ist und weiß nicht sich zu hüten. 14Es kommt einer aus dem Gefängnis zum Königreich; und einer, der in seinem Königreich geboren ist, verarmt. 15Und ich sah, daß alle Lebendigen unter der Sonne wandelten bei dem andern, dem Kinde, das an jenes Statt sollte aufkommen. 16Und des Volks, das vor ihm ging, war kein Ende und des, das ihm nachging; und wurden sein doch nicht froh. Das ist auch eitel und Mühe um Wind.
(Prediger 4,1-16 – Luther-Bibel 1912)

Heute führt uns der Prediger noch tiefer in die wirkliche Verlorenheit des Daseins hinein als in den bisherigen Worten der ersten drei Kapitel. Auswegslos der Kreislauf der Natur, der Vergänglichkeit und Vergessenheit hingegeben der Weg der Geschichte, die Kultur ohne faßbaren Sinn in Genuß und Arbeit, und der Mensch dem Schicksal gegenüber im Kampf oder Ergebung ohne die Möglichkeit, die rechte Zeit und Stunde zu erkennen. Und jetzt hören wir vom Verhältnis des Menschen zu seinem Mitmenschen. „Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne; und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und hatten keinen Tröster; und die ihnen Unrecht taten, waren zu mächtig, daß sie keinen Trö­ster haben konnten.“ [Pred 4,1] Wir können wohl mit Recht vermuten, daß in unserem Jahrzehnt mehr Tränen geweint wurden und werden von solchen, die Unrecht litten, als da­mals zur Zeit des Predigers. So viele Gräber, so viele Krüppel, so viele Heimatlose, so viele Gefangene, so viele Hungernde, so viel Opfer unrechter Gewalt, so viel Unter­drückung und Leid hat es damals wohl kaum gegeben. Aber auf das Sehen kommt es an. Der Prediger hat das Unrecht und die Tränen gesehen! Das ist gar nicht selbstverständlich. Was haben wir denn gesehen, als schon Millionen umgebracht oder zu Tod gequält waren? Was haben wir erkannt als Unrecht, als die andern Völker litten? Die Tränen werden nicht auf der Straße geweint. Und das Unrecht nann­te sich meistens Recht und Gerechtigkeit. O was küm­mert uns das Unrecht, das andern ge­schieht, was kümmern uns die Tränen, die andere weinen? Wir haben Mitleid, aber wir ver­gessen möglichst schnell, wir können ja nichts ändern. Aber der Prediger, von dem man den­ken sollte, ihn kann nichts erschüttern, er sieht alles schwarz in schwarz, der ist tatsächlich erschüttert vom fremden Leid, der wendet sich nicht ab, der sieht, wie hinter dem Schein von Recht und Gesetz überall die Macht mißbraucht wird und Menschen von Menschen geplagt, gedrückt, ausgenützt, übervorteilt, erpreßt und geschunden werden. Er sieht den Menschen als Feind des Menschen. [26] Schlimmer als das Unrecht, das geschieht, schlimmer als die Trä­nen der Unter­drückten ist aber, daß auch der Trost verhindert wird. Die Machthaber wollen nicht, daß ihre Opfer getröstet werden, sie wollen ja im Recht sein, sie wollen, daß man das lobt, was sie Recht und Zucht und Ordnung und Sitte heißen, was sie im Namen irgendwel­cher Ideale den Menschen antun; ihre Opfer trösten hieße ja sie selber ins Unrecht setzen. O, religiös trösten, Ergebung und Geduld predigen, das dürfen die Menschen, das ist leicht und billig. Da dürfen die Pfarrer die Märtyrer zum Schafott begleiten. Aber ist denn das ein Trost, wenn Unrecht geschehen ist? Ist denn ein Tröster da, wenn kein Rächer da ist? Wenn die Menschen nicht zu ändern sind, wenn Unterdrückung und Unrecht eben nicht zu verhindern sind, wenn der Mächtige eben immer wieder Recht hat und der Ohnmächtige leiden muß, wenn die, die oben sind, sich mit allen Mitteln oben behaupten dürfen und die, die unten sind, mit allen Mitteln drunten halten dürfen, wenn du mit deinem Recht eben nicht durchkommst und dir alles gefallen lassen mußt, wo soll da ein Trost sein? Menschen kön­nen nicht trösten, wenn sie nicht auch helfen können. Auch der Prediger ver­sucht es gar nicht, den Tröster zu machen. Er sieht das Böse, das die Menschen einander überall und täglich antun, er sieht die Tränen, die überall und täglich fließen — und er flucht nicht, aber er tröstet auch nicht. Er lobt die Toten, die Unrecht und Tränen hinter sich haben, und er lobt die, die noch nicht geboren sind. Ist das nicht furchtbar? Ist das denn erlaubt? Ist das nicht eine Anklage gegen den Schöpfer? Das sagt ausgerechnet der, der immer wieder auffordert, fröhlich zu sein in aller Mühsal des Lebens! Wir wissen, wie Elia lebensmüde war, wie Hiob den Tag seiner Geburt verwünschte, wie Jeremia klagte, daß er das Licht der Welt erblicken mußte. Wir wis­sen, wie oft wir selber die Toten für glücklicher halten als die Lebenden und der Wunsch in uns wach wird, das Böse, das geschieht, nicht mehr sehen zu müssen. Aber der Prediger redet nicht von selbsterlittenem Unrecht und nicht von eigenen Trä­nen. Sein Mitleid mit den Men­schen ist so unsentimental, so entsetzlich nüch­tern und illusionslos, daß man sich nur wundern muß, wie so ein Mensch das Leben aushalten konnte. Nein, es ist kein Tröster da. Mach dir nur nichts vor, daß es bald besser werden müsse, daß der zur Einsicht kommen werde, über den du dich mit Recht beklagst. Mach dir nichts vor, die ganze Bibel singt kein Loblied von denen, die oben sitzen und Gewalt haben. Sie lassen sich Wohltäter und gnädige Herren hei­ßen, und wenn sie noch so fromm sind, so fressen sie der Witwen Häuser und wenden lange Gebete vor. Wir merken es nur meist nicht. Wir haben nicht so scharfe Augen, kein so unbe­stechliches Empfinden und kein so mitleidiges Herz. Das Unrecht eines Tages und einer Nacht und auch nur einer Stadt würden genügen, wenn wir es sähen, uns für [27] immer das Lachen zu verbieten. Aber nicht bloß durch die Mächtigen geschieht das Böse. Da ist der Neid. „Da neidet einer dem andern“, sagt der Prediger weiter. Wir begegnen ihm überall, nicht bloß zwischen Alt- und Neubürgern, zwischen Besiegten und Siegern, zwischen Rei­chen und Armen. Heimlich schleicht er sich in jedes Herz, der Neid des Besitzlosen, das Gelüsten nach dem, was der andere hat, an Glück oder vermeintlichem Glück, an Vorzügen, an Begabung, an Ansehen und Stellung. Keine Verwandtschaft, die nicht an irgend einer Stelle von ihm angefressen wäre. Wer kann ihm wehren? So sieht das Leben aus zwischen oben und unten, zwischen Mensch und Nebenmensch. Ist’s ein Wunder, daß der Mensch dem Menschen fremd wird, daß er sich zurückzieht? Wie schön ist’s doch, niemand zu brauchen, auf niemand an­gewiesen zu sein! Wie herrlich, sagen zu können: Ich bin mein eigener Herr! Wie sehr fallen wir einander doch zur Last! Wie sehr gehen wir einander auf die Nerven. Nicht nur die Dichter schwärmen vom Trost der Einsamkeit. Wie wohl tut doch das Allein­sein; allein in seiner Muße, in der Natur oder zu Hause, mit Büchern oder Musik oder was uns freuen mag, oder allein in seiner Arbeit, ungestört und ohne den Zwang der Ein- und Unter­ordnung. Aber ist nicht auch das Haschen nach Wind? Der Narr schlägt die Finger in­einander und verzehrt sich selber, „er frißt sein eigenes Fleisch“ (Pred 4,5), wie es wört­lich heißt. Die Einsamkeit wird zur Müdigkeit und die Müdigkeit zur Er­gebung. Wozu sich plagen, wozu sich streiten und herumschlagen mit den Menschen? Und dann verzehrt man sich selber, zehrt vom eige­nen Fleisch; man lebt vom kleinen und großen Kapital des Ich, und das geht einmal zu Ende. Oder wird die Einsamkeit zur Selbständigkeit. Ein Einzelner, hat weder Kind noch Bruder, und seines Arbeitens ist kein Ende. Ist’s nicht eine Torheit, ohne Ruhe sich zu plagen, um selbständig, um reich, um unabhängig zu wer­den, niemand zu leid, aber auch niemand zu Nutz? Für wen müh’ ich mich denn, wenn ich keinen Nächsten habe? Sind sie nicht gleiche Toren, der ein­same Träge und der einsame rastlos Tätige? — Es ist niemand unter uns, der nicht auch schon die Bitterkeit erlebt hat, daß ihm die Großen zu mächtig waren und ihm sein Recht, sein Glück, seine Habe, seine Freiheit nahmen. Und es ist niemand da, der nicht auch schon zu leiden hatte unter der Kon­kurrenz, dem Neid und der giftigen Herabsetzung durch die Nebenmenschen. Und es ist niemand, der nicht auch die Verlassenheit und Einsamkeit des ei­genen Herzens kennt, die trostlose Kälte, die das Herz müde oder hart macht. Und dann nennt der Prediger noch ein viertes Elend, das der Mensch dem Nebenmenschen verdankt, das ist die Unsicherheit des Daseins gegenüber der Gunst und Wankelmütigkeit der Masse. Aus dem Gefängnis zur Herrschaft kommt der Eine und vom Thron zur Armut der andere. Dieses Auf und Ab, [28] diese Umschichtung der Stände und Verhältnisse erleben wir ja in gewalti­gem Ausmaß. O, sie wollen alle Plätze recht verteilen, jedem seinen Platz zu­weisen nach Fähigkeit und Leistung, aber schließlich geht’s immer nach Gunst und Laune des Urteils, nach den guten Beziehungen und nach dem Vertrauen, das man ausspricht oder entzieht, gerade wie du den Menschen gefällst. O, was treiben die Menschen für ein launisches Spiel miteinander, sie loben sich hinauf und zerren sich herab. Nicht bloß die Großen müssen schaukeln in der öf­fent­lichen Meinung, auch die Kleinen sind schnell gestempelt und umgestempelt, und schon unter den Kindern gibt’s Götzen und Prügelknaben. Wir leben alle irgendwie von der Gnade und Ungnade der Menschen, und wer fragt nach Gründen, wenn man heute heilig spricht und morgen verdammt? So geht das Würfelspiel um die Menschen durch die Jahrtausende, und auch in den Gassen und Häusern und Hinterhäusern wird es getrieben und niemand weiß, ob ihn das Rad morgen hinaufhebt oder herabwirft. So steht es von Mensch zu Mensch, der, wie der Heidelberger Katechismus sagt, von Natur geneigt ist, den Nächsten zu hassen[1]. Freilich gibt es in all dem Unglück, das der Mensch dem Menschen bereitet, ein „Besser“ und ein „Schlimmer“. Wie der Prediger nach vierfacher Richtung mit solch nüchternem Scharfblick des tief erschütter­ten Herzens die Lage des Menschen unter den Menschen beschreibt, so zeigt er auch vierfach jeweils ein besseres Los, das uns fallen kann und das doch nichts abbricht von der Verlorenheit des ganzen Daseins. Besser ist es, gegen­über der Unsicherheit der Stellung vor der Gunst und Laune der Masse ein weiser Knabe in Armut zu sein als ein alter Narr auf den Höhen vermeintlicher Sicherheit. Besser ist es, gegen­über der verzagten Einsamkeit oder trotzigen Selbständigkeit, zu Zweit zu sein, Genossen und Freunde zu haben. Da kann einer dem andern aufhelfen, da kann einer dem andern wohltun und ihn wärmen, da können zwei oder drei sich wehren und schützen gegen den An­griff der andern. Besser ist es auch, gegenüber dem Neid und der Eifersucht ringsum, eine Handvoll mit Ruhe zu erwerben und zu genießen, als mit der Gier und Unrast beide Fäuste zu füllen. Und besser ist es endlich, nicht mehr zu leben oder nicht geboren zu werden gegenüber all dem Unrecht, das unter der Sonne geschieht und all den Tränen, die es verursacht.

So steht der Prediger vor uns ohne Tröster und ohne Trost mit seinem furchtbaren und doch so wirklichkeitstreuen Urteil über das Menschsein. Ist nun das die tiefste Weisheit des Predigers: Lieber tot sein als Leben? Und weiß er uns nicht mehr zu geben als die paar hausbackenen Ratschläge und Regeln: Bleib lieber in Armut weise und vorsichtig! Such dir Freunde und Genossen und leb im bescheidenen Kreis der Ehe und Familie! Begnüg dich mit Wenigem und such nicht nach Reichtum und Größe. Halt aus und warte [29] auf den Tod, der dich vom Jammer erlöst! — Die folgenden Kapitel geben noch viele solche weisen Ratschläge für den Alltag, für ein bescheidenes, zu­friedenes, ehrbares Leben in fröhlicher Gelassenheit und Mäßigung, und alle diese Regeln stehen unter dem furchtbaren Urteil: Der Tag des Todes ist besser als der Tag der Geburt, Jugend und Alter sind eitel. Gott ist ver­borgen in der Höhe. Er schenkt, wie und wann er will und er richtet alle. Der Mensch aber ist klein und nichtig und hilflos und soll sich nicht über­heben. — Wo ist da Trost, wo ist da Gewißheit, wo ist da die Festigkeit und Seligkeit des Glaubens? „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehst, und komm, daß du hörest! Das ist besser als der Narren Opfer; denn sie wissen nicht, was sie Böses tun.“ [Pred 4,17) Das Haus Gottes! Das Haus zum Hören des Wortes Gottes! Seht, das ist ein Wunder, daß es das gibt! Daß die Men­schen unter Gewalt und Eifersucht, unter Einsam­keit und Unsicherheit leiden und sich das Leben schwer machen und dem Tod verfallen, das ist kein Wun­der. Aber Gottes Haus und Gottes Wort — das ist das Wunder Israels, das Wun­der der Offenbarung auch beim Prediger. Er hält wohl nicht viel von dem rauschenden Kultus, von den Opfern und Feiern auch der Juden. Das haben die Heiden auch. Da steht der Prediger ganz nahe bei den Propheten Israels mit ihrer drohenden Warnung, Gott dienen zu wollen und dabei Frevel und Unrecht am Nächsten zu üben. Aber haben wir nun auch im Wort des Pre­digers Gottes Wort gehört, obwohl er fast nichts von Gott sagt, obwohl er nicht die Buße pre­digt und auch nicht Heil und Erlösung und Gnade? Oder haben wir gemerkt, wie dieser Predi­ger ein Zeuge des Glaubens ist, wie er uns ganz und gar zu Hörern machen will, nicht zu sei­nen Hörern und Schülern, sondern zu Hörern der Weisheit Gottes, wie er uns abzieht von allem Trost, um selber und mit uns auf den Trost des Herrn, auf den Trost Israels zu warten? Er hat diese ungeheure Wahrheit von der Eitelkeit des Daseins und von der verborgenen Herr­schaft Gottes erkannt als Wahrheit, die zu ertragen ist, ohne wahn­sinnig zu werden, ohne sich gegen Gott zu empören, ohne alle Bindungen an Gesetz und Sitte abzuwerfen, eine Wahrheit, die nur im Glau­ben an die Güte der Herrschaft Gottes wider allen Augenschein, wider alle Hoffnung und auch wider alle die kraftlosen Gegenbeweise der Men­schen zu ertragen ist, also mit der ganzen Schwerkraft des unbedingten Vertrauens und damit mit der bedingungslosen Fröhlichkeit des Vertrauens zu ertragen ist. Scheint es nicht, als ob der Prediger dieser Wahr­heit von der Nichtigkeit des Lebens sich im tiefsten ganz ungeheuer schämte, einfach schäm­te, daß er diese Wahrheit nur predigen konnte, daß er nicht imstande und ermächtigt war, nun auch zu rufen: Aber jetzt tut Buße! Werdet andere Menschen, kehrt um, laßt ab von euren sinnlosen Weltverbesserungsversuchen, von eurem eingefleischten [30] moralischen Ernst und von eurer ebenso eingefleischten natürlichen und geist­lichen Selbst­sucht — jetzt wird Gottes Herrschaft sich offenbaren. Er will euch zeigen, daß er der Vater ist, daß er euch liebt, daß er auch vergibt und rettet und gut macht und heilt von der ganzen Ver­kehrtheit eures Wesens, daß Gott euch mitten in dieser Verlorenheit ganz nahe ist und sie euch abnimmt, daß er allem Unheil wehrt und alles zum guten, herrlichen Ende führt! Ja, der Pre­diger verrät eine heimliche tiefe Scham, daß da noch kein Mensch ist, der das rettende Wort sagen kann, der mit seinem ganzen Wesen beweisen kann, daß diese verborgene Herr­schaft Gottes über das eitle Dasein der Menschen da ist, sichtbar ist, einer, der den Willen Gottes immer und ganz tut und die Ver­lorenheit des Menschen nicht dabei leugnet, sondern teilt, ja erst ganz und gar enthüllt und so gerade durch sich selbst den unbeweisbaren Gott beweist. Das, was bei Hiob der Schrei der Empörung ist, der schließlich verstummt, was bei den Psalmisten die Qual und Hoffnung der allein auf Gott Wartenden ist, was bei den Prophe­ten die Zerrissenheit ist zwischen entsetzlicher Angst und unerschütterlicher Tapferkeit und Zuversicht, das lebt im Prediger wie eine tiefe Scham, daß er nicht helfen, nicht erlösen, nicht Gott offenbaren kann, sondern nur zu dieser getrosten, ja fröhlichen Verzweiflung, zu diesem Aus­halten rufen und raten kann, bis die Decke fällt und der wahre Prediger, der einzige und rechte Tröster kommt und die Verborgenheit der gültigen All­macht und Alleinherrschaft und Barmherzigkeit Gottes an den Tag bringt. Er, der Prediger, kann nur noch Ratschläge geben zu rechter Menschlichkeit in Furcht und Zittern und zugleich in tiefster, freudiger Gelassen­heit. — Wir aber wissen, daß der Eine gekommen ist, der alles Unrecht unter der Sonne nicht nur gesehen, sondern getragen hat, der die Mißgunst mit ganzer Gnade beantwortet hat, der die letzte Einsamkeit mit Gott bestanden hat und aus der Tiefe der Hölle zur Herrschaft des Thrones Gottes gestiegen ist. Wo der Prediger nach vorn Ausschau hält nach dem Tröster und Erlöser, da dürfen wir zurückschauen und kennen den Namen dessen, der selber das Wort Gottes ist, den Namen der das Heil ist. Er heißt Jesus Christus. Ihn dürfen wir hören, ihm dürfen wir vertrauen. Er ist Mensch wie wir geworden und ein für allemal auf unsere Seite getreten. Die Furchtbarkeit und Rätselhaftigkeit des mensch­lichen Daseins ist nicht anders geworden, da ist nichts abzustreiten vom Bild, das der Prediger gibt. Über uns ist die Gewalt der Mächtigen, um uns ist der Neid und die Konkurrenz der andern, in uns ist die Einsamkeit und unter uns ist der unsichere wankende Boden. Und doch ist nun alles anders geworden. Er ist mit dabei. Du seufzest unter dem Unrecht, das dir geschehen ist. Wohl dir, du hast den Tröster, dein Recht ist bei ihm wohl gewahrt. Er ist mächtiger als die hohen und höchsten Mächtigen der Welt. Sie fechten dich an mit Miß-[31]gunst und überwachen dich mit bösen Au­gen. Wohl dir, er sieht dich mit Gnade und Wohlgefallen an. Er hebt sein Angesicht auf dich und ist dir freundlich. Du leidest unter Einsamkeit und mußt dich plagen ohne Hilfe und Verständnis der andern. Wohl dir, da ist der, der dir aufhilft, wenn du fällst, der dir die Treue hält und dich schützt gegen sichtbare und unsichtbare Feinde. Du bist den Verhältnissen und Menschen ausgeliefert wie ein Spielball der Laune und weißt nicht, ob Höhen oder Tiefen auf dich warten. Wohl dir, Er sitzt im Regiment. Er erniedrigt die Hohen und erhöht die Niedri­gen. Er führt mitten in den Ketten zu königlicher Freiheit. Preise nur die Toten! Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, von nun an. Laß dir nur die Anfechtung gefallen. Selig ist, wer sie erduldet und setzt seine Hoffnung auf ihn. Was können wir Menschen tun? Du bist nicht einsam, denn Er ist der Verbündete und sammelt die Zerstreuten zu seiner Herde und zur guten Weide seines Wortes. Du bist nicht Produkt der Verhältnisse, sondern in Tod und Leben das Eigentum dessen, der für uns gestorben und auferstanden ist. Auferstehung und Leben heißt das Licht, das schon in der Nacht des Predigers der Nichtigkeit leuchtet. Dahin sind unsere Gedanken gerichtet. Von dieser Zukunft her dürfen wir auch heute und jetzt ein ruhi­ges und stilles und tapferes Leben leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit und mitten im Tod mit unserem kurzen Leben den loben und preisen, der Leben und Seligkeit ans Licht gebracht hat, denn Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Der Herr Zebaoth ist unter uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Freuet euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich euch: Freuet euch!

AMEN!

Quelle: Paul Schempp, Der Prediger. Vier Predigten Kapitel 1-4, Schriftreihe der Kirchlich-Theologischen Sozietät in Württemberg, Heft 2, Bad Cannstatt: Müllerschön, 1953, S. 25-31.


[1] Antwort zu Frage 5 des Heidelberger Katechismus.

Hier Schempps Predigt als pdf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s