Karl Barths Auslegung der Geschichte vom barmherzigen Samariter in seiner Kirchlichen Dogmatik: „Dem Gesetzeslehrer, der sich selbst rechtfertigen will und darum nicht weiß, wer sein Nächster ist, wird – gerade nicht der arme Verwundete mit seinem Anspruch auf Hilfe, sondern der gar nicht arme und auch gar nicht anspruchsvolle, sondern einfach und schlechthin hilfreiche Samariter gegenübergestellt.“

Eine höchst aufschlussreiche und feinsinnige Auslegung der Geschichte vom barmherzigen Samariter findet sich in Karl Barths Kirchlicher Dogmatik, wo dieser die Erzählung mit der Rechtfertigungslehre zu verbinden weiß:

Auslegung der Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37)

Von Karl Barth

Es ist der Zusammenhang der lukanischen Version unseres Textes, die Perikope vom Barm­herzigen Samariter (Luk. 10, 25-37), der uns in dieser Hinsicht besonderes Licht zu geben geeignet ist. Was uns hier zuerst auffällt, ist dies, daß das Doppelgebot der Liebe nicht als ein Wort Jesu, sondern als ein Wort des Gesetzeslehrers (νομικός), der Jesus „versuchen” will, eingeführt wird. Auf seine Frage: In welchem Tun werde ich zum Erben des ewigen Le­bens? (V. 25) hat ihm Jesus geantwortet mit der Gegenfrage: „Was steht im Gesetz geschrie­ben? Wie liesest du?” (V. 26). Und eben in Beantwortung dieser Gegenfrage rezitiert nun der Ge­setzeslehrer (V. 27) das Doppelgebot, wobei – ausgerechnet in diesem Munde – die Einheit der beiden Gebote durch die Weglassung der Unterscheidung in ein erstes und zweites noch stärker betont erscheint als bei Matthäus und Markus, wo das Doppelgebot als eine Formulie­rung Jesu selber eingeführt wird. Es gibt also nach dem dritten Evangelisten ein Wissen um das Gebotensein dieses zweifachen Liebens bei einem Menschen, der nach dem übrigen Inhalt der Darstellung zu diesem Lieben weder bereit noch fähig ist. Auch er weiß das, was er rezi­tiert, freilich nicht von Natur und aus sich selber. Er ist ja ein Gesetzeslehrer in Israel; er ge­hört also jedenfalls scheinbar und äußerlich, er gehört nach seiner Berufung zur Gemeinde Jahves; er lebt jedenfalls – und das sogar in bedeutsamer Funktion – in ihrem Raume, von ihrer Überlieferung, mit dem Anspruch, ihr Glied und sogar ein hervorgehobenes unter ihren Gliedern zu sein, mit dem besonderen Anspruch, an den ihr gewordenen Verheißungen Anteil zu haben. Das Wort des Glaubens ist ihm, wie es Röm. 10, 8 heißt, nahe, in seinem Munde und in seinem Herzen. Es wäre falsche Exegese, anzunehmen, daß er einer subjektiven Unauf­richtigkeit beschuldigt werden müsse. Aber wie es auch mit seiner subjektiven Aufrichtigkeit stehe, eben dieser Mann verrät nun, daß er dieses nahe Wort, daß er die beiden Gebote, die er so treu zu rezitieren weiß, in Wirklichkeit nicht kennt. Jesus hat ihn nämlich gelobt um dieses seines guten Wissens und treuen Rezitierens willen: ὀρθῶς ἀπεκρίθης, um ihn dann aufzufor­dern, eben das, was er so gut weiß und zu sagen weiß, zu tun und also (danach hat er ja ge­fragt) in diesem Tun zum Erben des ewigen Lebens zu werden. Warum geht er nicht hin und tut es? Warum hat er ihn überhaupt gefragt, was er tun soll – er, der gerade darüber offenkun­dig so gut Bescheid weiß? Ja, warum? Der Grund wird sichtbar, indem er nun zu fragen fort­fährt: „Wer ist denn mein Nächster?” (V. 29). Er hatte auch hinsichtlich der Liebe zu Gott richtig, sehr richtig geantwortet. Er fragt aber nicht: Wer ist denn Gott? Darüber scheint und meint er Bescheid zu wissen. Er fragt nur hinsichtlich des unscheinbaren letzten Teils der von ihm so wichtig vorgetragenen Lehre. Er fragt nur hinsichtlich dieses einen einzigen Begriffs in dem zweiten der von ihm vorgetragenen Gebote, nur hinsichtlich des Begriffs des Näch­sten. Nur diesen Begriff möchte er gerne geklärt haben. Lukas, der Arzt, aber hält ihn im Blick auf die Tatsache, daß er diese kleine Frage zu stellen in der Lage ist, für todkrank. Er hält dafür, daß sich in dieser Frage verrate: er, der Gesetzeslehrer, kennt in Wirklichkeit das zweite Gebot gar nicht und darum auch nicht das erste. Lukas drückt sich freilich nicht so aus; er geht weiter zurück; er sieht den Grund dieser Frage darin: der Mann „wollte sich selbst rechtfertigen” (V. 29). Er weiß nicht, daß er nur von Barmherzigkeit leben und nur so ein Erbe des ewigen Lebens werden könnte. Er will auch nicht von Barmherzigkeit leben. Er weiß wohl gar nicht, was das ist. Er lebt tatsächlich von etwas Anderem als von Barmherzigkeit, nämlich von seiner eigenen Absicht und Kraft, sich selbst als einen Gerechten vor Gott hinzu­stellen, oder er meint doch, davon leben zu können: er wollte sich selbst rechtfertigen. Daß es so um ihn steht, das verrät er mit seiner Frage: Wer ist denn mein Nächster? Wer nicht weiß, wer sein Nächster ist, der weiß nicht oder will nicht wissen, was Barmherzigkeit ist, der lebt jedenfalls nicht von Barmherzigkeit, der muß die Absicht haben und den Versuch machen, sich selbst zu rechtfertigen. Wie sollte er aber das zweite Gebot verstehen, wenn es hinsicht­lich des Nächsten so um ihn steht? Und wie ohne das zweite das erste? Warum fragt er nicht wenigstens weiter: Wer ist Gott? Was heißt Lieben? Und vor allem – und das läge nach dem ihm zuletzt gewordenen Wort Jesu am näch-[461]sten –: Was heißt „tun”, was diese Gebote fordern? Aber wenn er nach dem Allem fragen würde, wonach hier zu fragen ist, würde er wohl beide Gebote ganz kennen und gar nicht mehr fragen. Eben indem er „nur” nach dem Nächsten fragt, verrät er: er kennt beide gar nicht, obwohl er sie weiß, und eben darum will er sich selber rechtfertigen. Man muß es wohl auch umgekehrt sagen: weil er sich selber recht­fertigen will, kennt er beide Gebote nicht, obwohl er sie weiß. Würde er sich nicht selbst rechtfertigen wollen, dann kennte er die Gebote, dann wüßte er, wer sein Nächster ist, und dann sicher auch alles, was hier sonst zu wissen ist. Und wüßte er, wer sein Nächster ist, kennte er also die Gebote, dann würde er sich sicher nicht selbst rechtfertigen wollen. Was ist das Erste und Eigentliche in dieser seiner Verderbnis: seine Werkgerechtigkeit oder sein Mangel an Offenbarungserkenntnis? Wer will hier entscheiden? Sicher ist, daß beide auch in diesem Mann in gegenseitiger Bestätigung beieinander sind. Nun, auf diese Frage: Wer ist denn mein Nächster? mit diesem Hintergrund: „Er aber wollte sich selbst rechtfertigen” ant­wortet Jesus nach Lukas (V. 30-35) mit der Geschichte oder dem Gleichnis vom Barmherzi­gen Samariter: von dem Mann, der unter die Räuber geraten, wund und halbtot am Wege liegt, den der Priester und der Levit sehen, um dann doch an ihm vorüberzugehen, bis der Samariter erscheint, der sich seiner, ohne zu zögern, in rückhaltloser Tatkraft annimmt. Was soll diese Geschichte als Antwort auf jene Frage? Man erwartet – und die gangbare Erklärung des Textes entspricht dieser naheliegenden Erwartung –, daß dem Gesetzeslehrer gesagt werden soll: dieser Samariter hat nicht erst gefragt wie du, sondern er hat in dem unter die Räuber Gefallenen seinen Nächsten gefunden und dementsprechend an ihm gehandelt. Gehe hin und tue desgleichen! Aber die Voraussetzung, unter der es tatsächlich (V. 37 b) zu dieser letzten Aufforderung kommt, ist nach den in sich sehr klaren, von der üblichen Auslegung freilich hartnäckig umgangenen Aussagen des Textes (V. 36-37 a) eine ganz andere. Die Fra­ge, mit der Jesus die Geschichte schließt, lautet nämlich dahin: wer denn nun von den dreien (nämlich Priester, Levit und Samariter) für den unter die Räuber Gefallenen der Näch­ste gewesen sei? Und der Gesetzeslehrer selbst muß antworten: der die Barmherzigkeit an ihm tat, der Samariter also. Daß dieser als solcher, als der, der Barmherzigkeit tat, der Nächste sei, nach welchem der Gesetzeslehrer gefragt hatte, das und nur das ist die vom Text selbst ganz unzweideutig ausgesprochene Pointe dieser Geschichte. Dem Gesetzeslehrer, der sich selbst rechtfertigen will und darum nicht weiß, wer sein Nächster ist, wird – gerade nicht der arme Verwundete mit seinem Anspruch auf Hilfe, sondern der gar nicht arme und auch gar nicht anspruchsvolle, sondern einfach und schlechthin hilfreiche Samariter gegenübergestellt als Verkörperung dessen, wonach er gefragt hatte. So, wird ihm gesagt, so sieht der Nächste aus, den du nicht kennst. Ein höchst unerwarteter Aspekt: der Gesetzeslehrer müßte also erstens wissen, daß er selbst der unter die Räuber Gefallene und hilflos am Wege Liegende ist; er müßte zweitens bemerken, wie die Anderen alle, der Priester und der Levit, die ihm so wohl­bekannten Repräsentanten des Umgangs Israels mit seinem Gott, einer nach dem anderen tun, was hier von ihnen erzählt wird: „er sah ihn und ging vorüber” drittens und vor allem: er müß­te von dem Samariter, dem Fremden, den er hassen zu dürfen glaubt, als Einen, der Gott haßt und von Gott gehaßt ist, gefunden worden sein und müßte von ihm Barmherzigkeit erfahren haben. Dann wüßte er, wer sein Nächster ist, dann müßte er nicht nach seinem Nächsten fra­gen, als handle es sich um eine beiläufig zu vollziehende Begriffsklärung. Dann kennte er das zweite, dann auch das erste Gebot. Dann würde er sich selbst nicht rechtfertigen wollen, er würde dann eben diesen Nächsten, der Barmherzigkeit an ihm tut, lieben und dann gewiß auch Gott lieben, und in diesem Tun würde er ein Erbe des ewigen Lebens sein. Aber nun bringt der Text noch eine letzte überraschende Wendung. Der Gesetzeslehrer sieht ja in Wirk­lichkeit weder sich selbst in seiner Hilflosigkeit, noch den Priester und den Leviten, die ihm keine Hilfe bringen, noch den Samariter, der ihm Hilfe bringt. Er weiß wirklich nicht um den Nächsten. Und so auch nicht um das zweite Gebot, so auch nicht um das erste, obwohl er beide [462] so trefflich zu rezitieren weiß. So liebt er nicht, so tut er nicht, was er tun müßte, um ein Erbe des ewigen Lebens zu werden. Wie soll ihm zu raten und zu helfen sein? Die Perikope schließt mit der nach V. 36-37 a noch einmal ganz unerwarteten, von Jesus an ihn gerichteten Aufforderung V. 37 b: „Gehe hin und tue desgleichen!” (ὁμοίως). Man erwartet nach dem Vorangehenden, er werde ihn zu Erkenntnissen in jener dreifachen Richtung einla­den. Das geschieht aber nicht, sondern er wird ganz schlicht eingeladen, eben dasselbe zu tun, was der Samariter tat. Er wird also eingeladen, selbst der Nächste zu sein, der Barmherzigkeit tut. Nicht der arme, der hilfsbedürftige Nächste, der für den anderen einen Anspruch, der für ihn das Gesetz bedeutet, sondern der Nächste, der dem Anderen Trost, Hilfe, Evangelium zu bringen hat. Er wird dann, wenn er das ist, bestimmt nicht mehr fragen wollen und müssen: Wer ist denn mein Nächster? Wer Barmherzigkeit tut, der wird – wir dürfen und müssen hier gewiß an Matth. 5, 7 denken – Barmherzigkeit empfangen; der sieht und hat schon den Näch­sten, der auch an ihm Barmherzigkeit tut und dem er darum Liebe schuldig ist; er sieht und hat ihn, auch und gerade da, wo er selbst scheinbar ganz allein der Gebende, der andere nur der Empfangende ist; er sieht ihn auch und gerade in dem, der ihm nicht vergelten kann, auch und gerade im Feinde, in denen, die ihn hassen, beleidigen und verfolgen (Matth. 5, 43 f.). Auch der Samariter hat empfangen: von dem unter die Räuber Gefallenen empfangen, indem er ihm gab. Es war dies: daß er ihm der barmherzige Nächste wurde, nur das Zeugnis, daß er selbst in dem Halbtoten den barmherzigen Nächsten gefunden hatte. Und wer es ihm gleich­tut, indem er selbst der Nächste ist, der Barmherzigkeit übt – und also solchen Nächsten als den Seinigen auch selber sieht und hat – der kennt das zweite und das erste Gebot. Er kennt sie, indem er sie hält. Sein Plan und Unternehmen, sich selbst rechtfertigen zu wollen, ist zusammengebrochen. Er kann nur noch antworten auf die ihm widerfahrene Barmherzigkeit. Er kann nur noch lieben. Er lobt Gott. Und damit tut er, was er tun muß, um ein Erbe des ewigen Lebens zu werden. Man könnte fragen: ob und wie es denn möglich war, den Geset­zeslehrer – ihn, der offenbar den barmherzigen Nächsten nicht sieht und hat, ihn, dem damit alle Voraussetzungen fehlen – mit dem „Gehe hin und tue desgleichen!” zum Lobe Gottes aufzufordern. Nun, man wird nur auch hier Jesus Christus als den, der diese Aufforderung ausspricht, aus dem, was er ausspricht, nicht wegdenken dürfen. In seinem Munde ist auch dieses „Gehe hin und tue desgleichen!” nur Gesetz, indem es zuerst Evangelium ist. Der barmherzige Samariter, der Nächste als Helfer, der ihn selbst zum Helfer machen will, ist dem Gesetzeslehrer nicht ferne. Er steht – die altkirchliche Exegese des Textes war grundsätzlich doch im Recht – verborgen unter der Gestalt eines solchen, den er hassen zu sollen glaubte, wie die Juden die Samariter haßten, aber leibhaftig vor ihm. Jesus tadelt den Mann mit kei­nem Wort, obwohl das Gericht offenbar über seinem Kopfe steht. Vor dem Gericht kommt die Gnade. Vor dem Anspruch dieses Nächsten kommt sein Angebot. Gehe hin und tue desglei­chen! heißt: Folge du mir nach! Die Perikope ist zu Ende. Wir erfahren nicht, was aus dem Gesetzeslehrer geworden ist, ob das Gesetz endlich in seiner Erfüllung auch von ihm erkannt worden ist oder ob er es fernerhin nur rezitiert hat. Seine Frage aber: Wer der Nächste, wer sein Nächster sei? dürfte hier in einer nicht zu überhörenden Weise beantwortet sein.

Quelle: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik I/2, Zollikon-Zürich 31945, S. 460-462.

Hier Barths Text als pdf.

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